Der Dichter und der Tod - Joana Goede - E-Book

Der Dichter und der Tod E-Book

Joana Goede

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Beschreibung

Der weltfremde Dichter Winfried Kromnagel wird durch einen plötzlichen Leichenfund mitten hinein in eine Mordserie geworfen, die sich nur um ihn zu drehen scheint. Gemeinsam mit Hauptkommissar Mehring versucht er mit allen Mitteln, das weit um sich greifende Sterben aufzuhalten. Doch das Gift schlägt immer wieder aus ungeahnten Richtungen zu, während Kromnagel vom Mörder persönlich bedroht wird. Viele Wendungen in dem Fall sorgen für reichlich Verwirrung und falsche Fährten, denen Mehring und Kromnagel folgen. Nicht selten müssen sie zu spät erkennen, dass sie sich geirrt haben und einen anderen Weg einschlagen. Der Mörder spielt mit ihnen und lässt auch am Ende einiges im Unklaren.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Joana Goede

Der Dichter und der Tod

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1 Prolog

2 Finden

3 Verwicklung

4 Suchen

5 Verschärfung

6 Hinweise

7 Ermittlung

8 Zuspitzung

9 Endspiel

Impressum neobooks

1 Prolog

Ein tiefes, nahezu unerträgliches Frösteln hatte von ihr Besitz ergriffen. Irgendwo in der Magengegend hatte es begonnen, mitten in ihrem Bauch. Dieses Frösteln hatte sich langsam im ganzen Körper ausgebreitet. Zunächst war es schwerfällig vorwärts gekrochen, hatte sich nach und nach die nächstliegenden Organe einverleibt. Dann jedoch hatte es einen großen Sprung getan und das Herz erreicht. Dieses hatte mit einem heftigen Schlag zu beben begonnen, klopfte nun mit lautem Getöse, das in ihren Ohren abscheulich wiederklang, und ließ ihr keine Ruhe mehr. Als wenn es sich wehren wollte gegen die Kälte.

Der beschleunigte Herzschlag jagte ihr noch mehr als das Frösteln Furcht ein. Ihre Gliedmaßen begannen zu zittern, das Herz pochte hart und unregelmäßig, es wurde rasch schneller und verlangsamte sich dann wieder dermaßen, dass sie seinen Stillstand befürchten musste. Selbst im Sitzen wurde ihr schwindelig. Ihre kalten Finger vergrub sie ängstlich in ihrem Mantel, den Kragen hatte sie weit aufgerichtet, um wenigstens Hals und Nacken vor der Kälte von außen zu schützen.

Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Es war ihr, als würde ihr Körper ferngesteuert. Er gehorchte ihr nicht mehr, er verhielt sich nicht mehr normal. Ein schrecklicher Kopfschmerz setzte ein, der sich erst nur in großen Abständen zeigte, doch sich schließlich für immer längere Phasen einnistete, an Stärke zunahm und ihre Schläfen von beiden Seiten brutal zusammenpresste. Außerdem legte sich ein fester Film auf ihre Augen, der jedes Blinzeln schmerzhaft machte. Sie hielt sich die Hände an die Schläfen, sie wollte gleichzeitig ihr Herz festhalten, damit es ihr nicht davonrannte, sie wollte ihren Magen zur Beruhigung streicheln und hatte doch nicht für alles Kraft und Hände.

Stattdessen musste sie fühlen, wie es mit ihr stetig bergab ging. Als die Übelkeit aufkam und sie noch bemüht war, die aufsteigende Galle immer und immer wieder hinunterzuschlucken, um sich ja nicht hier und jetzt zu übergeben, dachte sie zuerst an eine Grippe. Erst vor wenigen Wochen hatte sie eine gehabt. Vier Tage hatte sie im Bett gelegen und ihr war auch so übel gewesen, sie hatte Fieber gehabt und konnte nichts zu sich nehmen. Bald jedoch, als das Erbrechen anfing und sie ihrer ganzen Körperlichkeit hilflos ausgeliefert war, wusste sie, dass es mehr war als eine Grippe.

Es fühlte sich nicht nach Krankheit an. Es fühlte sich nach Tod an.

Irgendwo aus der Dunkelheit heraus vernahm sie Schritte. So laut sie konnte, schrie sie um Hilfe. Hoffnung war in ihr aufgeflammt. Sie war nicht allein, jemand war mit ihr hier. Jemand, der ihr vielleicht helfen konnte.

Aber es zeigte sich keine Reaktion auf ihren Hilferuf. Die Schritte kamen und gingen. Ganz so, als liefe jemand beständig auf und ab. Auf und ab vor der Tür, hinter der sie gefangen saß. Die Tür, die sich durch nichts hatte öffnen lassen in der Zeit, die sie schon an dem unheimlichen Ort verweilte. Diesen zeichnete außer seiner intensiven Schwärze nichts aus. Nicht der winzigste Lichtschimmer drang zu ihr durch. Vielfach hatte sie sich Licht eingebildet. Sie hatte sich so manches eingebildet. Stimmen zum Beispiel. Natürlich auch Schritte. Womöglich waren auch die letzten Schritte, die sie gehört hatte, gar nicht echt gewesen, sondern ein böser Streich ihres Kopfes.

Sie sehnte sich nach Menschen. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so sehr nach Gesellschaft gesehnt. Nach einer menschlichen Stimme. Nach jemandem, der einfach nur bei ihr saß und sprach. Selbst, wenn er ihr wahrscheinlich nicht helfen konnte.

Elend war sie in einer Ecke zusammengesackt. Ihr Puls wollte sie erschlagen. Magen und Darm wurden von inneren Krämpfen zerrissen.

Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie sie eigentlich hierher gekommen war. Aber konzentrieren konnte sie sich gar nicht mehr. Alles verschwamm in ihr. Selbst die inneren Bilder. Es kam ihr vor, als habe sie ihr ganzes Leben in diesem dunklen Gefängnis zugebracht. Als habe sie nie etwas anderes gekannt, als die unsichtbaren, kalten Wände und die Tür. Die Tür, die sich nie öffnete. Die nicht einmal über ein Schlüsselloch verfügte, durch das ein klein wenig Welt in den abgeschlossenen Raum hätte eindringen können. Von der Tür wusste sie nur, weil sie mehrmals die Wände des kleines Raumes abgetastet hatte, in dem sie sich befand. Unterschiedslos fügte sich diese in die allgemeine Schwärze ein.

„Ich will nicht sterben“, dachte sie. Sie dachte es wieder und wieder, während die Kraft aus ihr entwich. Ihr ganzer Körper wurde von einem gewaltigen Schmerz umgeworfen. Es fühlte sich an, als würden Fleisch und Muskeln von den Knochen gerissen, als würden dicke Nadeln in jeden Millimeter Haut gestochen, als finge jedes einzelne Organ Feuer und verbrenne, bis nichts als ein Haufen schwarzer Asche zurückblieb. Denken in egal welcher Form wurde ihr unmöglich. Der einzige Wunsch, den sie noch formulieren konnte, war es, möglichst schnell zu sterben. Alles andere hatte sie aufgeben müssen.

Alles andere hatte jegliche Relevanz verloren.

Die Nerven stachen, die Muskeln krampften, das Gehirn schaltete sich ab. Nur das Herz wollte und konnte einfach nicht zu schlagen aufhören.

2 Finden

Zuerst hatte er nur das tote Kaninchen gesehen. Und das auch nur stark verschwommen. Denn zum einen hatte es in Strömen gegossen, wie meistens im Frühling. Zum anderen hatte er seine Brille nicht dabei. Ohne Brille hat man als Halb-Blinder ja kaum eine Chance, so ein kleines totes Ding als das zu erkennen, was es tatsächlich ist.

Wie es dazu gekommen war, dass er seine Brille auf dem Küchentisch hatte liegen lassen, konnte Kromnagel sich nicht erklären. Es war schon öfter vorgekommen. Er war dann in Gedanken, nahm dabei die Brille in die Hände, ging auf und ab, drehte die Brille wild herum und schließlich, wenn er damit fertig war, legte er sie da ab, wo er gerade stand und verließ das Haus. Vollkommen unverständlich, warum er sie nicht einfach wieder auf die Nase setzte.

Dass es sich bei dem dunklen Punkt auf der Rasenfläche um ein lebloses, triefnasses Tier handelte, konnte Kromnagel daher erst mit Sicherheit feststellen, als er es näher untersuchte. Für diese Untersuchung musste er mit seinen Gummistiefeln über das aufgeweichte Gras stapfen, den Schirm mit beiden Händen umklammernd, damit der Wind ihn nicht mit sich fortriss, und sich vor dem dunklen Objekt tief hinunterbeugen. Dabei hatte er schon zweimal laut geflucht, bevor er überhaupt bei dem Tier angekommen war. Der eine Stiefel hatte, so wie es allen von Kromnagels Schuhen irgendwann erging, einen Riss an der Seite durch zu starke Beanspruchung erhalten. Durch diesen Riss drang beständig Regenwasser ein und fraß sich in seiner Kälte durch die Socke zum Fuß, der unangenehm auskühlte.

Kromnagel wollte soeben zum dritten Fluch ansetzen, als er das Ding vor sich endlich als Kaninchen identifizierte. Er hatte es nun aus einem halben Meter Abstand erkennen können. Auch, dass es schon länger tot war. Die Augenhöhlen starrten leer in das trübe Grau des Morgens, der Bauch war platt, als bestände er lediglich aus Haut und Knochen. Kromnagel dachte für sich: „Aufgefressen. Von innen heraus. Einfach aufgefressen.“

Eine Weile stand er neben dem Kaninchen und hielt den Schirm über das Tier, um es und sich selbst gleichermaßen vor dem Regen zu schützen. Er überlegte kurz, ob eventuell eine Beerdigung angebracht sein könnte. Immerhin befanden sie sich auf einem Friedhof, nicht weit ab von einem großen Gräberfeld. „Da kann man doch einen Toten“, sagte Kromnagel halb zu sich selbst, halb zu allen Verstorbenen um sich herum, „so einen Toten kann man nicht einfach unbegraben im Regen liegen lassen. Das gehört sich nicht.“

Nein, es gehörte sich nicht. Trotzdem sah Kromnagel sich gezwungen, von einem Begräbnis im Regen abzusehen. Es lag nicht an mangelnder Motivation seinerseits, sondern eher an dem Kaninchen, das einen Transport verweigerte. Kromnagel versuchte es vorsichtig mit einem Stock, den er aus einem benachbarten Gebüsch entnommen hatte, vor sich her zu eben diesem Gebüsch zu schieben, um es dort in einem eigens angefertigten Erdloch beizusetzen. Allerdings: es gelang nicht. Das Kaninchen war in der Tat kaum mehr als aufgeweichtes Fell mit Knochen. Außerdem klebte es mit allem, was es noch hatte, am Boden fest. Der Stock rutschte ab in dem ganzen Wasser. Er glitt Kromnagel, der mit einer Hand den Regenschirm hielt und mit der anderen konzentriert den Stock steuerte, aus den nassen Fingern und fiel irgendwo ins Trübe.

Kromnagel gab die Hoffnung auf und überließ das Kaninchen der Natur. „Man soll Tiere ja nicht vermenschlichen“, sagte er zu sich, derweil er andächtig Totenwache bei dem Kaninchen hielt. „Außerdem begraben Kaninchen ihre Toten ja auch nicht. Das gehört nicht zu ihrer Kultur. Eins mit der Erde werden sie so oder so. Man sieht es ja.“

Er schaffte es eine Zeit nicht, sich von dem Anblick lösen. Zwar konnte er, wenn er aufrecht stand, das Tier nicht mehr scharf sehen. Es stellte eher eine dunkle Masse dar, die man für ein Kaninchen halten konnte, aber sicher konnte man sich dessen nicht sein. Irgendetwas jedoch hielt Kromnagel bei seinem morgendlichen Friedhofsfund fest. Als wenn er, stillschweigend und ohne sich dessen bewusst zu sein, eine Verantwortung für dieses unbekannte Tier übernommen hätte. Diese Begegnung schien ihm eine tiefere Bedeutung zu haben.

Er trauerte nicht, denn der Tod gehörte auch zum Leben. Womöglich hatte das Tier ein erfülltes Leben gehabt. Was eben so Erfüllung genannt werden kann bei einem Kaninchen. Es hatte vielleicht viel gefressen, tolle Tunnel gegraben, viele Nachkommen gezeugt oder geboren, denn das Geschlecht wollte Kromnagel nicht festlegen. Er kannte sich dafür zu wenig mit der Materie aus. Für eine richtige Grabrede fiel ihm aus diesem Grund nicht genug ein.

Außerdem ärgerte ihn sein nasser Fuß, der ihn von der Totenwache ablenkte. Kromnagel konnte nicht richtig in sich gehen, konnte nicht Abschied nehmen von diesem gewesenen Leben, weil sein Fuß fror wie verrückt. Weil er sich bereits vor Kälte verkrampfte, die Zehen sich krümmten, leicht taub wurden und damit war alles hinüber.

Schließlich sagte Kromnagel laut, um das Trommeln des Regens auf dem Schirm zu übertönen, unter dem er und das Kaninchen sich aufhielten: „Es tut mir leid. Ruhe in Frieden. Mach das Beste draus.“

Endlich stiefelte er zurück zu dem Weg, von dem er gekommen war, und warf von dort aus noch einen Blick zurück. „Merkwürdig“, dachte er, „dass du es überhaupt von hier aus hast sehen können. Bei dem Regen und ohne Brille.“

Es war kaum mehr als eine Ahnung, dass da, an dieser dunklen Stelle, etwas sein könnte.

Der Westfriedhof war an diesem Morgen wie ausgestorben. Kromnagel traf nicht einmal diejenigen, deren Arbeit es war, den Friedhof in Schuss zu halten und seine Schönheit zu pflegen. Mutterseelenallein hastete Kromnagel nun, da ihn die nasse Socke seit Längerem reizte, Richtung Ausgang. Dabei warf er sich vor, die falschen Schuhe für diesen Spaziergang gewählt zu haben. Er dachte einfach nicht genug nach. „Du denkst nicht!“ Das sagte er häufig zu sich. „Du machst einfach. Was soll dabei schon herauskommen?“

Von der Welt um ihn herum nahm er gar nicht viel wahr. Alles um ihn wirkte nebelig, er sah wie durch einen Schleier. Diese Unschärfe verschaffte ihm ein Gefühl von Unnahbarkeit, von Einsamkeit und Stille. Er hatte den Eindruck, allein auf der Welt zu sein. Allein mit den Toten, deren Grabreihen er durchquerte. Heute machte er sich nicht einmal die Mühe, den einen oder anderen Namen zu lesen, wofür er nah an ein Grab hätte herantreten müssen. Denn heute war ihm die Lust am Spazierengehen vergangen. Sei es das Kaninchen, die vergessene Brille oder die nasse Socke.

Auf einmal stolperte er in seiner Unachtsamkeit über eine Wurzel, die sich unter dem Gehweg hindurchgeschlängelt hatte und an der Oberfläche herausstand. Kromnagel strauchelte, der Regenschirm flog ihm aus der Hand und landete irgendwo in der Vegetation. Kromnagel hingegen landete auf dem Hosenboden. Wieder fluchte er, auf dem feuchten Boden sitzend, nun plötzlich richtig nass. Denn ein Augenblick ungeschützt in diesem Regen reichte aus, um komplett durchweicht zu sein. „Du guckst dich nie um“, sagte er zu sich und seufzte laut. „Du rennst hier herum und begreifst gar nicht, was um dich herum passiert. Da hättest du auch gleich in der Wohnung bleiben können!“

Aber, das fiel ihm direkt ein, er hatte das Kaninchen gesehen. Er gab es also auf, sich weiter zu schelten, richtete sich stattdessen mühsam auf und begann seinen Schirm zu suchen. Leicht war das nicht. Der Wind hatte ihn offenbar ein Stück mit sich getragen, Kromnagel musste hinter einen Rhododendron kriechen, über einen großen Grabstein steigen, zwei kleine Wege kreuzen, um ihn endlich hinter einem kleinen Brunnen, der zum Wasserholen und zum Auffangen des Regenwassers diente, zu entdecken. Da befand Kromnagel sich schon fast am Rand des Friedhofs. Nur wenige Meter trennten ihn und den Schirm von dem Drahtzaun, der den Friedhof zu allen Seiten hin begrenzte. Dahinter befand sich ein Waldweg, den Kromnagel auch öfter entlang ging.

Kromnagel machte nun drei lange Schritte, stellte sich, mittlerweile auf jeglichen Anstand verzichtend, auf das Grab neben dem Brunnen und blickte hinter den Brunnen auf seinen Schirm. Ihm war vollkommen schleierhaft, wie dieses Ding hier landen konnte. Er nahm den Schirm hoch und erstarrte.

In eben dem Moment, in dem er sich schon glücklich hatte umwenden und endgültig den Heimweg antreten wollen, fiel ihm eine Sache ins schwache Auge, die eine Irritation in ihm auslöste.

So stand Kromnagel bewegungslos auf dem Grab, hielt den Schirm über sich und starrte auf einen Bereich hinter dem Brunnen, der von etwas verdeckt wurde, das da in der Form nichts zu suchen hatte. „Sicher“, sagte sich Kromnagel, „Friedhöfe sind Sammelstellen für Tote.“ Nur für gewöhnlich liegen diese Toten nicht einfach so irgendwo herum.

Dieser Tote, dem Kromnagel in seiner Orientierungslosigkeit gegenüberstand, lag dort ähnlich dem Kaninchen, wenn auch in einem ungleich besseren Zustand. Trotzdem löste sein Anblick in Kromnagel zuerst Verständnislosigkeit, dann einen Haufen an vernünftigen Erklärungsversuchen und schließlich die stille Akzeptanz, begleitet von einem unvermeidbaren Würgereiz aus. Denn Kromnagel hatte zu seinen Lebzeiten noch nie einen toten Menschen gesehen. Dieser Anblick, wenn auch unscharf, machte einen weitaus größeren Eindruck auf ihn als das tote Nagetier. Und kein Gedanke erschien in ihm, diesen Toten begraben zu wollen. Obwohl es zur menschlichen Kultur gehörte, ihre Toten durch irgendeine Art der Bestattung zu ehren. „Denn genauso“, das ging Kromnagel auf, als der Würgereiz nachließ, „gehört es zur menschlichen Kultur, einen Toten nicht einfach so auf einem Friedhof herumliegen zu lassen.“

Dass dieser Mensch dort so lag, wie er eben lag, war nicht normal.

Kromnagel zögerte. Hypothesen zerfurchten sein Gehirn und seine Stirn, die er in Falten legte. Mehrere Erklärungen fielen ihm ein.

Die eine war, dass es sich um ein Mordopfer handelte. Die zweite, dass dieser Mensch eines natürlichen Todes bei einem Friedhofsbesuch gestorben war. Die dritte, etwas komplizierter, ging davon aus, dass diese Leiche hatte aus dem Kühlraum des Friedhofs für wissenschaftliche Zwecke entwendet werden sollen, die Leichendiebe aber bei ihrem Raub unterbrochen worden waren und das Weite suchen mussten. Somit war die gestohlene Leiche einfach irgendwo herrenlos zurückgeblieben. Die vierte Idee Kromnagels war, dass der Mensch nicht tot war, sondern eher eine Art Schnapsleiche.

Um die vierte Erklärung auszuschließen, versuchte Kromnagel sich zu einem Nähertreten zu überwinden. Das war bei dem Kaninchen schließlich auch aufschlussreich gewesen. Obwohl er entschlossen war, einen Schritt auf den Menschen zuzugehen, der dort bewegungslos lag, wollte es ihm nicht gelingen.

Seine Beine schienen von seinem Körper abgetrennt, er spürte sie gar nicht mehr. Nicht mal seinen kälte-tauben Fuß, der ihm zuvor noch sehr unangenehm gewesen war. Nass unter dem Schirm stehend, betrachtete Kormnagel den vermeintlichen Toten und konzentrierte sich auf seine eigenen Beine. Er fürchtete, einfach umzufallen, wenn er seine Beine nicht bald wieder spürte. Immerhin konnte er die Füße erahnen, wenn er hinunterblickte. So sah Kromnagel nur noch auf seine Füße, vermied jeden Blick auf den Toten, und schaffte es hierdurch, einen Schritt nach vorn zu tun, in die Hocke zu gehen und den Schirm nun über sich selbst und den anderen zu halten.

Dieser andere, das war jetzt erkennbar, war eine Frau. Da diese Frau einen langen Mantel trug und kurze Haare hatte, war das ohne Brille für Kromnagel vorher nicht zu erkennen gewesen. Sie lag auf der Seite, ähnlich wie das Kaninchen, und hatte einen weit geöffneten Mund, die Augen stierten ins Leere. Ihr Haar klebte am Kopf vor lauter Nässe. Offensichtlich war sie tot.

Kromnagel musste darauf verzichten, den Puls zu fühlen, denn der Würgereiz kehrte mit unheimlicher Macht zurück, riss ihn um und Kromnagel musste sich auf der Flucht vor der Leiche, einige Meter von der Toten entfernt, elendig übergeben. Den Schirm hatte er dabei fallen lassen, er vergaß ihn auch direkt.

Triefnass eilte er durch den Regen, rannte keuchend die leeren Friedhofswege entlang, traf auf die Allee vor der Kapelle, rannte und rannte so schnell, wie er nur konnte, bis ihm die Luft wegblieb. Er musste anhalten, sich auf die Oberschenkel stützen und tief durchatmen. Seitenstiche marterten ihn, er konnte nicht mehr weiter. Dabei wurde er das Gefühl nicht los, das durch den Tod entstellte Gesicht der Leiche schon einmal gesehen zu haben.

Nach tiefen Atemzügen hob er leicht den Kopf, blickte sich um und glaubte weit entfernt einen Schatten, eine Gestalt im Regen zu sehen. Wie er trug sie keinen Schirm. Kromnagel kniff die Augen zusammen, die Gestalt verschärfte sich leicht. Sie kam auf ihn zu. Es war eindeutig eine Person. Mehr konnte Kromnagel nicht erkennen. Hoffnung flackerte in ihm auf. Er stellte sich gerade hin und rief so laut er konnte: „He, Sie! Bitte kommen Sie zu mir! Ich brauche dringend Ihre Hilfe!“

Die angesprochene Gestalt blieb stehen.

Nicht mehr weit von Kromnagel entfernt.

Ansonsten tat sie nichts.

Kromnagel hatte den Eindruck, dass die Person ihn genau musterte. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand im Regen. Kromnagel schüttelte den Kopf und kämpfte sich weiter durch bis zum Friedhofsausgang. Er war froh wie selten, dass das Café bereits geöffnet hatte und bat eine Angestellte, die Polizei zu rufen. Klatschnass bis auf die Knochen und am ganzen Leib zitternd, wies man ihm besorgt um seinen Zustand einen Platz am Fenster zu, an das der Regen immer lauter und lauter zu schlagen schien, reichte ihm eine heiße Tasse Kaffee und ein Handtuch. Die zwei einzigen Café-Gäste, zwei ältere Damen, die vermutlich vor dem Regen hierher geflüchtet waren, begafften den Neuankömmling vollkommen ungeniert. Kromnagels Körper schmerzte vor Kälte und Anstrengung, seine Hand konnte die Tasse vor lauter Beben nicht halten. Die Blicke der Damen bemerkte er nicht.

Kurze Zeit befürchtete er sogar, den Verstand verloren zu haben.

Kromnagel gehörte zur aussterbenden Spezies der Lyriker. Ein lange überholter Beruf. Daher reichte er auch kaum, um Kromnagel angemessen zu ernähren. Noch zehrte er von einem kleinen Erbe seines Vaters, das ihn über Wasser hielt. Lange, das wusste Kromnagel, würde es nicht mehr reichen. Dann musste er unweigerlich abrutschen. Ganz tief. An das untere Ende der Gesellschaft. Es sei denn, und das gefiel Kromnagel nicht, er suchte sich eine andere Arbeit. Eine verlässliche, eine regelmäßige, eine gewöhnliche Arbeit.

Eigentlich besuchte Kromnagel den Friedhof in den frühen Morgenstunden zur Inspiration. Er wollte Eindrücke sammeln, um diese in Verse zu bringen. Er wollte andere Welten erschaffen, in denen weniger Sorgen in der Funktion von ewigen Plagegeistern der Menschen herumschwirrten. Weniger als in dieser Welt. Der morgendliche Friedhof bot durch seine stille Leere, durch die vielen Gräber und Baumriesen, die hoch in den Himmel ragten, die passende Atmosphäre zur Ideenfindung. Ein Ort, wo man sich selbst und das Leben vergessen konnte.

Nun hatte ihn, Kromnagel, den weltvergessenen Lyriker, die Welt mit ihrer Brutalität ergriffen und niedergeworfen. Er hatte Entsetzliches, Unerträgliches sehen müssen. Nämlich ein Opfer des Hasses und der Gewalt, ein Opfer der menschlichen Bosheit und Kaltblütigkeit.

Fassungslos saß er an dem kleinen Tisch im Café, stierte in die leere Kaffeetasse und blickte nicht mehr zu dem Polizisten auf, der ihm gegenübersaß und seine Notizen studierte.

Kommissar Mehring, ein hochgewachsener Mann mit dunklem kurzen Haar, das wetterbedingt am Kopf klebte, hatte großes Interesse an der unheimlichen Begegnung mit dem schwer sichtbaren Fremden im Regen gehabt, über die Kromnagel kaum etwas sagen konnte. Offenbar hielt der Polizist diese Person, schon allein aufgrund ihrer Flucht, für dringend tatverdächtig und bohrte ewig in Kromnagels Erinnerung herum, um möglichst viele Informationen über den Unbekannten herauszuquetschen. Kromnagel bemühte sich zwar, bekam noch mehr starken Kaffee und Handtücher, auch eine wärmende Wolldecke. Leider half alles nichts. Er hatte nichts gehört, nichts bemerkt und nur eine dunkle Gestalt gesehen, von der er nicht mal sagen konnte, ob Mann oder Frau, klein oder groß, dick oder dünn, alt oder jung. Kromnagel gab auf all diese Fragen immer nur die Antwort: „Ich weiß es wirklich nicht. Wahrscheinlich mittel.“

Der Polizist musste aufgeben, wollte eine Sache jedoch noch ganz genau wissen, die trotz der Kälte zu einem Oberlippen-Schweißausbruch Kromnagels führen sollte. Was den Ernst der Lage verdeutlicht.

Nach dem intensiven Studium der Notizen klappte Kommissar Mehring den Block zu, wandte sich an Kromnagel und fragte mit einer tiefen Konzentrationsfalte auf der Stirn: „Sie sagen also aus, wegen Ihrer Sehschwäche und des Regens nichts von der Person gesehen zu haben, obwohl Sie beide sich eine Zeit gegenüberstanden und eigentlich direkt ins Gesicht sahen. Ist das richtig?“

Kromnagel brummte ungehalten: „Wenn ich das so gesagt habe, wird es wohl stimmen.“

Der Polizist erkundigte sich nun: „Und glauben Sie, nur theoretisch, wenn Sie keine Sehschwäche hätten oder über Ihre Brille hätten verfügen können, hätten Sie die Person richtig sehen können? Das Gesicht?“

Kromnagel überlegte kurz, hielt die Frage für komisch und meinte dann: „Ja, möglich ist das natürlich. Wobei die Brille bei dem Regen eher zu einer Verschlechterung der Sicht geführt hätte. Aber wenn ich normal sehen könnte, nun, der Abstand war nicht so groß. Ich hätte Ihnen dann vermutlich mehr sagen können, als es jetzt der Fall ist. Warum fragen Sie?“

„Es ist so“, fing der Polizist an, „dass wir überlegen müssen, ob Sie eventuell in Gefahr sein könnten.“

Kromnagel sah auf und rief entrüstet: „Ich? In Gefahr?“

„Genau so ist es“, fuhr der Polizist fort, „sollte diese Person der Täter oder die Täterin gewesen sein und sollte er oder sie keine Sehschwäche haben, dann sind Sie womöglich gesehen und erkannt worden. Verstehen Sie? Sie sind ein wichtiger Zeuge. Und der Täter, die Täterin kann unmöglich wissen, dass Sie so schlecht sehen. Er oder sie muss der Meinung sein, dass Sie genauso viel von ihm oder ihr gesehen haben, wie er oder sie von Ihnen.“

Kromnagel war verwirrt von dem ganzen sie und ihn und er und ihr, obwohl der Polizist natürlich nur korrekt in seiner Ausdrucksweise sein wollte. Endlich ging Kromnagel das überfällige Licht auf. Er zuckte heftig zusammen, riss die Augen auf, stieß mit dem Arm gegen die leere, klirrende Kaffeetasse und glotzte den Polizisten an.

Dieser fragte höflich: „Möchten Sie nicht besser doch mit unserem Psychologen sprechen?“

„Nein!“, zischte Kromnagel zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. „Nein, bleiben Sie mir weg mit diesen Psycho-Fritzen. Da kann ich auch gleich zu einem Hellseher gehen. Es geht schon, sorgen Sie sich nicht um mich.“

Seine äußere Erscheinung war bemitleidenswert. Die Hände hatten sich in seinem Schoß ineinander verkrampft, die Knie zitterten selbst im Sitzen, die Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und seine Gesichtsfarbe wechselte von rot zu weiß, von grün zu blau. Auf der Oberlippe bildeten sich feine Schweißtröpfchen, obwohl Kromnagel ja fror wie verrückt. Kein Kleidungsstück wollte trocknen.

Der Polizist musterte ihn skeptisch, verzog ungläubig den Mund und wartete wohl darauf, dass Kromnagel irgendetwas tat. Der blieb aber stumm und bewegte sich nicht, abgesehen von dem Zittern der Knie. So musste der Polizist also sagen: „Gut, dann...dann denke ich, können Sie jetzt gehen. Ihre Personalien haben wir. Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir noch Fragen haben. Und Sie rufen uns bitte an, wenn Ihnen noch etwas einfällt, ja? Hier ist meine Karte. Und rufen Sie uns auf jeden Fall an, wenn Ihnen etwas Merkwürdiges auffällt. Außerdem kommen Sie morgen zu uns aufs Präsidium, damit wir das offizielle Protokoll aufnehmen können. Vielleicht fällt Ihnen bis dahin noch etwas ein.“

Kromnagel nickte und grummelte „Jaja“, ohne wirklich verstanden zu haben, wovon die Rede war. Die Angst blockierte ihn völlig, so dass er schon gar nicht mehr wusste, was diese Angst eigentlich ausgelöst hatte. Mechanisch erhob er sich in seiner feuchten Kleidung, reichte dem Polizisten, der ebenfalls aufgestanden war, die kalte, bebende Hand zum Abschied. Anschließend verließ er das Café. Kaum hörte er hinter sich den lauten Ruf: „Warten Sie, die Karte! Sie haben die Karte vergessen!“

Neben Kromnagel tauchte Polizist Mehring im Regen auf und steckte hastig die Karte in Kromnagels Jackentasche, da er Kromnagel in seinem Zustand offenbar nicht mehr zutraute, diese Handlung eigenständig auszuführen. Kromnagel sagte wieder nur: „Jaja.“

Der Polizist bot noch höflich an: „Wir fahren Sie auch nach Hause! Bitte, lassen Sie sich nach Hause fahren! Sie können doch unmöglich, jetzt...“

Kromnagel schüttelte stur den Kopf und ging. Mehring blieb im Regen stehen, allein gelassen mit seiner Sorge. Der junge Beamte wurde das Gefühl nicht los, einen Fehler zu machen, wenn er diesen Mann nun auf die Straße schickte. In einer unberechenbaren psychischen Verfassung, womöglich unter einem heftigen Schock stehend. „Vielleicht“, dachte der Polizist, „vielleicht rennt er sogar direkt vor das nächste Auto. Oder dem Täter in die Arme.“

Während Mehring noch im strömenden Regen stand und abwog, inwiefern sich der arme Zeuge in seinem Leben so noch zurechtfinden konnte, war Kromnagel bereits mit gleichmäßig langen Schritten bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle gegangen, die sich direkt neben dem Friedhof befand. Den Polizistenblick, der ihm nachdenklich folgte, spürte er nicht. Kromnagel hätte den Mann auf die Entfernung selbst ohne Regen nur stark verschwommen wahrnehmen können, somit fühlte er sich unbeobachtet.

Er stellte sich im Haltestellenhäuschen sinnlos unter, zumal er ja schon komplett durchnässt und durchgefroren war, und bemerkte zum ersten Mal wieder seinen Fuß. Mit gleichgültiger Miene setzte sich er sich auf die Bank, zog den Gummistiefel aus und da floss das ganze Übel auch schon ab. Eine kleine Pfütze bildete sich unter Kromnagels Stiefel, er schüttelte den Kopf darüber. Die ganze Zeit hatte sich dieses Wasser in seinem Stiefel befunden. Der Fuß war längst vollständig abgesoffen, aber Kromnagel hatte davon keine Notiz nehmen können in seinem Schock.

So hockte Kromnagel zusammengesunken auf der unbequemen Metallbank, zitterte, hielt den Stiefel unsinnig in der Hand und hatte den Fuß mit der daran klebenden kalten Socke einfach in die Pfütze darunter gestellt. Was machte das schon noch?

Eine Bahn kam und fuhr wieder.

Kromnagel stieg nicht ein.

Er hatte ja kaum die Tatsache registriert, dass eine Bahn, in die er hätte einsteigen können, dagewesen und wieder verschwunden war. Das alles fand außerhalb von ihm selbst statt.

Er selbst saß auf einer Bank mit einem Stiefel in der Hand.

Saß da und starrte in die Luft.

Dabei sah Kromnagel aber nur eine Sache. Und bei dieser konnte er nicht einmal sicher sein, dass sie sich in Wirklichkeit auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig befand. Gut möglich, dass sie ein Hirngespinst, eine wilde Kreation von Kromnagels entgeistertem Denkapparat war.

Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig saß ein Mensch. Kromnagel konnte nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Aber er war sich trotzdem ganz und gar sicher, dass es sich um einen Mann handelte.

Und dieser Mann blickte Kromnagel die ganze Zeit an.

Kromnagel blickte zurück.

Dabei kam er sich dumm vor, denn er hatte den Eindruck, er schaue sich selbst an. Sich selbst, wie er auf der Bank saß. Als habe er seinen Körper verlassen, die Schienen überquert und eine Beobachterposition eingenommen. Kromnagel kniff die Augen weit zusammen, damit sich etwas mehr Schärfe einstellte. Er wollte unbedingt wissen, ob er selbst der Mann auf der anderen Bank war, ob überhaupt ein Mensch dort saß oder ob nicht doch alles nur Einbildung war.

Plötzlich stand der Mann auf und ging. Wenige Sekunden nur, dann war er wie ein Geist irgendwo verschwunden. Hatte sich in der Unschärfe vollständig aufgelöst, war für Kromnagel unsichtbar, unerreichbar geworden. Kromnagel überlegte noch. Konnte dieser Mann er selbst gewesen sein? Und wenn ja, warum war er gegangen?

Schon zum zweiten Mal an diesem Tag hatte Kromnagel ernsthaft Angst, den Verstand verloren zu haben. Er umklammerte den Stiefel fester, um sich an irgendetwas zu halten. Und wenn es auch nur ein kaputter, nutzloser Gummistiefel war.

„Wollten Sie die Bahn nicht nehmen?“

Kommissar Mehring setzte sich zu Kromnagel und betrachtete ebenfalls den Stiefel.

Kromnagel sagte leise: „Er ist hin. Total hin. Sehen Sie den Riss?“

Er stülpte den Stiefel wieder über seinen tauben Fuß, fragte sich im Stillen, ob die Zehen als tote Gliedmaßen abfallen würden. Ob nur fünf schwarze Stümpfe zurückbleiben würden.

Der Polizeibeamte sagte vorsichtig: „Es wäre wirklich besser, wenn ich Sie nach Hause fahre. Sie müssen trockene Kleidung anziehen. Sie müssen sich aufwärmen.“

Kromnagel sagte dazu nur: „Jaja.“ Dann fügte er hinzu: „Sie sind ja selbst total durchnässt. Sehen Sie sich an, Sie triefen. Werden Sie hier nicht mehr gebraucht?“

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, ich soll Sie nach Hause fahren. Egal ob Sie das wollen oder nicht.“

Kromnagel erwiderte: „Soso.“ Und wurde nachdenklich. Dann sprang er mit einem Mal wie angestochen auf, der Polizist zuckte vor Schreck ordentlich zusammen, und Kromnagel rief: „Wie war Ihr Name noch gleich, junger Mann?“

Der Beamte erhob sich ebenfalls und antwortete irritiert: „Mehring. Hauptkommissar Mehring. Ich hatte mich bereits vorgestellt.“

Kromnagel nickte, als erinnere er sich daran, diesen Namen schon einmal gehört zu haben. Dann warf er einen Blick in den grauen Himmel, streifte die Umgebung der verlassenen Haltestelle, suchte noch einmal nach dem Fremden, den er für sich selbst hielt, und sagte schließlich: „Gut, Herr Mehring. Fahren Sie mich nach Hause. Aber trinken Sie dort wenigstens einen heißen Kaffee mit mir und meiner Katze, damit Sie nicht an einer Lungenentzündung krepieren, bevor Sie diesen abscheulichen Mord aufgeklärt haben.“

Mehring murmelte: „Eine Tasse Kaffee werde ich wohl trinken können.“

Gemeinsam machten Sie sich nun auf den Weg zu den vielen Wagen, die auf dem nahegelegenen Parkplatz versammelt standen. Mehring nahm sich seinen dunkelblauen Dienstwagen, ließ Kromnagel einsteigen und fragte ihn nach der Adresse.

Im Auto war es kühl, allerdings zumindest richtig trocken. Kromnagel wurde sehr müde, als er so dasaß. Er fühlte sich unendlich alt und schwach. Hatte das Gefühl, etwas hätte seine Kraft aus den Knochen und Muskeln gesaugt, hätte nur verkrüppelte, schmerzende Nervenenden zurückgelassen, die als entzündetes Geflecht seinen gesamten Körper pochend am Leben hielten. Kromnagel fühlte sich nicht wie fünfzig, er fühlte sich wie neunzig, er fühlte sich wie wie kurz vor dem Abnippeln.

„Sagen Sie“, fing er ein Gespräch an, weil er sich nicht in Selbstmitleid verlieren wollte, „wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?“

Mehring antwortete: „Sechsunddreißig.“

Kromnagel wiederholte: „Sechsunddreißig. Haben Sie eine Frau? Kinder? Haus? Hund?“

Mehring lachte und gab zu: „Nein, ich muss Sie enttäuschen. Nichts von allem. Ich hatte einen Hund, aber der ist leider vor zwei Jahren gestorben. Seitdem wohne ich allein.“

Kromnagel: „Wollen Sie keinen neuen Hund?“

Mehring: „Noch nicht. Wissen Sie, ich habe den Hund sehr geliebt. Es braucht Zeit, um über so einen Verlust hinwegzukommen. Vielleicht schaffe ich mir nächstes Jahr wieder einen an. Allerdings ist es nicht so leicht, einen kleinen Hund zu haben. Man ist ja rund um die Uhr im Einsatz. Im Grunde kann man gar keine Beziehungen aufbauen, wenn man immer nur arbeitet. Außer zu den Kollegen.“

Kromnagel nickte verständnisvoll und hakte nach: „Das klingt anstrengend. Und warum machen Sie das?“

Mehring zuckte hilflos mit den Schultern, wobei er links abbog und sich suchend nach den Hausnummern umblickte, weil es bereits die richtige Straße war: „Ich schätze mal, es hat sich einfach so ergeben. Und ich mag meine Arbeit.“

Kromnagel nickte und sagte: „Das ist gut. Wenn Sie sie mögen, ist alles gut. Aber hören Sie auf mich, nehmen Sie sich wieder einen Hund. Wenn schon keine richtige Familie. Ein Mensch sollte jemanden haben, der sich freut, wenn er nach Hause kommt. Er braucht einen Freund, einen Gefährten.“

Mehring: „Und deshalb haben Sie eine Katze?“