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Minna leidet an ausgeprägter sozialer Phobie. Aus Liebe zu ihrem Freund stellt sie sich nach langer Zeit der Isolation ihren Ängsten. ... Wer "Körperekel" gelesen hat, kennt Minna bereits. Alle anderen können sie hier kennenlernen. "Körpergrenzen" ist bewusst so geschrieben, dass es kein Wissen von seinem Vorläufer voraussetzt.
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Seitenzahl: 168
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Joana Goede
Körpergrenzen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der
Kampf
Gegen
Den
Eigenen
Körper
Dauert
Ein Leben lang
Impressum neobooks
Er erwachte.
Beißend stieg ihm der Geruch von Erbrochenem in die Nase. Süß und bitter zugleich schmeckte er es beim Einatmen der verpesteten Luft. Ekel überkam ihn, er würgte einmal halbherzig. Erst dann wagte er, die Augen zu öffnen. Das Heben der schweren Augenlider verursachte Schmerz, die Netzhäute brannten, als habe jemand eine ätzende Flüssigkeit darüber gegossen.
Er sah, dass er sich in seinem Auto befand. Zumindest glaubte er, es als sein Auto zu erkennen. Es fühlte sich in gewisser Weise vertraut an, hätte aber an sich auch ein anderes sein können. Die meisten Autos glichen sich sehr von innen.
Sein Blickwinkel war eingeschränkt, denn er lag auf der Rückbank. Seitlich, in einer Art stabilen Seitenlage, nur etwas schief. Unbequem war das. Und direkt vor ihm, das bemerkte er direkt im recht schlechten Licht, befand sich das Erbrochene. Es begann in gelb-bräunlicher Farbe quasi vor seiner Nase und zog sich bis zum vorderen Ende des Sitzes. Kurz vor der Kante, so erschien es ihm, nahm es einen eher grünlichen Farbton an. Erschrocken und angewidert zog er den Kopf zurück. Erbärmlich fühlte er sich. Und konnte sich unmöglich erklären, wie er in diese Lage geraten war.
Vorsichtig hob er einen Arm, der wie Blei an ihm hing. Mühevoll brachte er Leben in ihn, bewegte die Finger. Fragte sich, ob er neurologische Schäden davongetragen hatte. Denn er glaubte, die Anzeichen eines Vollrausches an sich entdecken zu können. Nur wusste er nicht, wann und wo er etwas hätte trinken sollen. In seinem Kopf drehte sich alles, seine Beine erschienen ihm ewig weit weg zu sein. Er wollte fliehen vor dem Erbrochenen, das ihn abstieß. Doch es gelang ihm nicht, sich aufzurichten.
Eine Qual, geistig und körperlich.
Er fror bitterlich, seine Finger erschienen ihm taub.
Der Geruch, welcher bereits beim ersten Einatmen so unerträglich gewesen war, steigerte sich in seiner Stärke und Penetranz. Erneut kam der Würgereiz, der leere Magen krampfte, zuckte, die Übelkeit machte ihn fast blind für einen Moment. In seiner Panik spannte er sämtliche Muskeln an, riss sich selbst hoch und saß endlich aufrecht. Dort oben war die Luft nicht ganz so durchtränkt mit dem unaushaltbaren Gestank.
Sein Hals brannte wie bei einer starken Halsentzündung. Säuerlicher Geschmack lag auf der Zunge. Er gab ein Ächzen von sich, griff im Gehirnnebel, der klares Denken verhinderte, nach dem Türgriff und merkte, dass die Tür verschlossen war. Wie er sie öffnen konnte, wusste er nicht. Sein Gehirn war schon mit der bloßen Feststellung überfordert und knickte vollständig ein.
Vielleicht war er ohnmächtig geworden.
Denn plötzlich lehnte sein Kopf an der kalten Fensterscheibe. Er ließ ihn dort lehnen und blickte hinaus, sah nur Wald. Wald im Dämmerlicht, Wald im Schnee. Die Umgebung war ihm unbekannt. Er selbst war sich unbekannt. Sicher war er sich lediglich darin, dass es sein Auto war, in dem er sich befand. Vor sich konnte er nämlich deutlich sein Gesicht auf einem laminierten Zettel erkennen, der an der Rückseite des Beifahrersitzes hing. Der Text neben dem Bild verschwamm vor seinen Augen, doch er erkannte sich. Und er erkannte sein Auto, sein Taxi. Er musste Taxifahrer sein, schloss er und war beinahe stolz. Stolz, das herausgefunden zu haben.
Müde machte er die überanstrengten Augen für eine Weile wieder zu. Diese eine Erkenntnis musste vorerst genügen. Er wollte schlafen. Schlafen erschien ihm als das einzig Erstrebenswerte.
„Du könntest doch mitkommen, zu meinen Eltern“, hatte Niklas zu Minna gesagt. Er hatte ihr allerdings direkt angesehen, dass dieser Vorschlag bei ihr einen inneren Angstanfall auslöste und sie nun mit sich ringen musste, um überhaupt zu antworten. Ihre Augen hatten sich leicht geweitet, ihr Mund stand minimal offen, die Gesichtszüge hatten eine verkrampfte Haltung angenommen. Eine Haltung, die nur durch Druck zustande kam. Und für Minna bedeutete so ein Vorschlag bereits massiven Druck. Massive Sozialphobie. Sie bekam auch kein einziges Wort heraus.
Niklas beeilte sich zu sagen: „Du musst ja nicht, wirklich nicht. Ich meine, so lange sind wir noch nicht zusammen. Es ist mir nicht so wichtig, dass du meine Familie kennenlernst. Nur hätte ich dich eben gern immer bei mir, das musst du verstehen.“
„Ja“, gab Minna zu und zu mehr war sie nicht fähig. In ihrem Kopf überschlug sich alles. Die Vorstellung, mit fremden Menschen in einem Haus sein zu müssen, über mehrere Tage, war ihr dermaßen unangenehm, sie hätte heulen können. Tat sie aber nicht.
Sie stellte sich automatisch Situationen vor, zu denen es kommen konnte. Wenn sie womöglich zwischen zwei anderen auf dem Sofa sitzen und sich unterhalten musste. Diese Nähe ertrug Minna nicht. Sie benötigte immer einen großen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen, damit sie sich nicht von ihnen bedrängt fühlte. Und sie benötigte einen Rückzugsort, zu dem niemand vordringen konnte. Das hielt sie bei so einem Familientreffen für nicht gegeben.
„Ich weiß, es macht dir Stress“, meinte Niklas beschwichtigend und bereute schon, es überhaupt vorgeschlagen zu haben. Minna kam mit anderen Menschen eben einfach nicht zurecht. Und er konnte nicht erwarten, dass das plötzlich anders wurde. Minna sagte sehr leise, weil es ihr peinlich war: „Es fühlt sich für mich so an, als wenn ich mit vielen Leuten mehrere Tage in einem Fahrstuhl eingesperrt wäre.“
„Ja, ich weiß wohl. Es tut mir leid, ich hätte nicht fragen sollen. So etwas geht eben einfach nicht für dich“, gab Niklas zur Antwort und Minna beteuerte: „Ich würde gern, dir zur Liebe würde ich gern. Es ist nicht leicht für mich, dich allein fahren zu lassen. Ich fühle mich schlecht deswegen.“
„Das brauchst du wirklich nicht.“ Niklas nahm sie in den Arm, er war der einzige, bei dem sie körperliche Nähe als angenehm und beruhigend empfand. Ihr schlechtes Gewissen allerdings blieb. Und sie verfluchte innerlich sich selbst und all ihre Macken, die es ihr unmöglich machten, am normalen Leben teilzunehmen. Die sie daran hinderten, Dinge zu tun, die für andere Menschen selbstverständlich und kein Problem waren. Gern hätte sie sich überwunden und wäre mitgefahren.
Es fehlte ihr der Mut.
Es hätte vielleicht noch andere Wege gegeben.
Doch Niklas war zu müde, um über Alternativen nachzudenken. Gähnend stapfte er durch den Schnee, seine Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke darin und das Vorwärtskommen erschien ihm unfassbar mühsam.
Der zurückzulegende Weg war weit. Und außerdem ziemlich zugeschneit, so dass er an einigen Stellen kaum zu erkennen war. Wenn überhaupt. Da der Abend bereits hereinbrach und das Licht schlechter wurde, stieg eine leichte Nervosität in Niklas auf, die ihn jedoch nicht zum Beschleunigen seiner Schritte veranlassen konnte. Im Gegenteil. Er hatte eher den Eindruck, dass sie ihn lähmte, ihm zusätzlich Kraft raubte, die er zum Gehen gebraucht hätte.
Noch drei Schritte tat er, dann blieb er plötzlich stehen. Starrte nach vorn, warf einen prüfenden Blick über die Schulter. Er war umgeben von zugeschneiten Feldern. In keiner Richtung war irgendein Haus zu sehen oder ein anderer Anhaltspunkt, der die Orientierung erleichtert hätte. Die Luft wirkte genauso grau-weißlich wie der Himmel und die Erde, alles verschmolz miteinander zu einer kalten, abweisenden Masse.
Niklas fühlte sich verloren.
Er wünschte sich, dass er ein Licht mitgenommen hätte. Vielleicht eine Taschenlampe. Dunkel war es zwar noch nicht, aber er wusste, die Dunkelkeit konnte schnell hereinbrechen.
Während er stumm und erstarrt verweilte, in die Luft glotzend, als wenn sie ihm bei der Wegfindung hätte helfen können, landete eine einzelne, verträumte Schneeflocke unauffällig auf seiner kalten Stirn. Dort ruhte sie einen Moment, bis Niklas sie ärgerlich wegwischte und einen fassungslosen Blick zum einheitlichen Himmel empor richtete, der sagen wollte: Nun schick mir nicht auch noch frischen Schnee!
Er wusste genau, dass es unmöglich wäre, den Weg im Dunkeln zu finden, wenn es dabei schneite. Außerdem würde der neue Schnee seine Fußspuren unter sich begraben, so dass ihm auch der Rückweg bei Tageslicht abgeschnitten wäre. Niklas' Hirn arbeitete angestrengt. Es wog Möglichkeiten und Unmöglichkeiten ab. War sich unsicher, ob Niklas weitergehen oder aufgeben und es am nächsten Tag wieder versuchen sollte. Besser ausgerüstet. Vorbereitet. Mit reichlich Zeit bis zur Dämmerung.
Schon begann er, mitten in der Unentschlossenheit, sich selbst zu beschimpfen, wie er so außerordentlich dumm hatte sein können, so spät am Tag einen Weg wie diesen bei solchem Wetter gehen zu wollen. Was hatte ihn denn dazu getrieben? Doch wohl nur die verrückten Gespräche seiner Geschwister und Eltern, die wirren Reden seines Bruders Konrad und seiner Frau, die Niklas in einer Stärke quälen konnten, der er einfach nichts entgegenzusetzen hatte. Dieses Kaffeetrinken und Kuchenessen hatte ihn hinausgetrieben, hatte ihn fliehen lassen und nun stand er hier. Mitten im Nichts. Auf einem Wanderweg, den er so oft schon gegangen war, allerdings nie zuvor allein bei Schnee. Und, so sagte er sich, womöglich bist du schon lange nicht mehr auf diesem Wanderweg.
Wer weiß, wo du bist?
Er fror. Das Stehen tat ihm nicht gut, er musste sich entscheiden. Winzige, in der grau-weißen Masse untergehende Schneeflocken schwebten unaufhaltsam zur Erde. Du wirst nicht mehr zurückfinden, wenn du länger wartest, sagte Niklas zu sich. Und war sich dabei nicht sicher, ob ihm überhaupt daran gelegen war, wieder zurückzufinden. Wollte er sich wieder mit an den Tisch setzen? Pünktlich zum Abendessen? Und sich wieder den Unsinn anhören, den die redewütigen Mitglieder seiner Familie von sich gaben?
Niklas war das Gequatsche leid. So sehr, dass er nun entschlossen los lief. Nicht zurück, wo ihm die tiefen Spuren den Weg gewiesen hätten, sondern nach vorn. Das Risiko war ihm bewusst. Fakt war eben, dass ihm selbst die Gefahr, sich zu verirren und eine Nacht in dieser Kälte draußen zubringen zu müssen, lieber war, als ein weiterer Abend im Kreis seiner Angehörigen.
Er genoss die Stille der verschneiten Welt. Wie in Watte gepackt kam er sich vor.
Bei seinen Eltern, da gab es keine Stille.
Da gab es keinen Moment des Schweigens.
Permanent wurde gesprochen, diskutiert, erklärt, gestritten. Die Situation, dass niemand etwas sagte, trat nur dann ein, wenn alle schliefen. Niklas fehlte die Geduld, um darauf zu warten, dass alle ins Bett gingen. Ihm fehlte überhaupt die Geduld für egal was. Seine Nerven waren gereizt, er war angespannt, er war verärgert und er hatte die Nase voll.
In dieser Stimmung war er relativ planlos hinaus in den Schnee gestürmt, hatte einen ihm bekannten Weg eingeschlagen, der zunächst durch ein Waldstück führte, bevor er sich in weiten Feldern verlor. Das Bekannte war schnell hinter ihm geblieben, er begab sich auf unbekanntes Terrain, denn in diesem Schnee war nun wirklich nichts mehr zu erkennen. Alles war ihm fremd, als wäre er nie hier gewesen. Er hatte es für zwecklos befunden, sich zu beeilen. Auch eine Uhr hatte er nicht dabei, so war es schwer für ihn festzustellen, wie lange genau er bereits unterwegs war.
Er schätzte, dass es an die drei Stunden sein mussten. Drei Stunden. In denen konnte er weit gekommen sein.
Es ist unmöglich, sagte er zu sich. Unmöglich, wieder zurückzufinden.
Stattdessen begann er Ausschau nach einer Art Unterstand zu halten, nach etwas, das ihm einen gewissen Schutz vor dem Wetter hätte bieten können. Etwas, wo sich ein frierender Mensch in einer Winternacht zumindest ein wenig verkriechen konnte, bis zum Sonnenaufgang, der hoffentlich etwas Klarheit mit sich bringen würde.
Niklas sah weit und breit nichts. Keine dichte Baumgruppe, kein kleines Holzhäuschen, in dem müde Wanderer rasten konnten. Er war sich sicher, dass er sich auf keinem Weg mehr befinden konnte. Die geschlossene Schneedecke ließ allerdings nicht zu, dass er einen Beweis dafür hätte entdecken können.
Seine Füße wurden kalt. Dass dies kein gutes Zeichen war, konnte er sich denken. Außerdem fühlte sein Körper sich müde an, die Beine wurden schwer. Um ihn herum brach die Dunkelheit immer mehr durch, die winzigen Schneeflocken wurden größer. Um Niklas herum wurde es dunkelgrau. In diesem Dunkelgrau fühlte er sich verloren. Ein Blick zurück zeigte ihm, dass er den Weg, den er gekommen war, nun endgültig nicht mehr wiederfinden konnte.
Es plagte ihn keine Wehmut, keine Angst.
Nur Kälte.
Diese mit der Dunkelheit über ihn kommende, nächtliche Kälte schien sich mit jedem Schritt, den er tat, zu verstärken. Er wusste, es musste Einbildung sein. Eventuell hervorgerufen durch die körperliche Erschöpfung. Er sehnte sich nach Ruhe. Und doch fürchtete er, er könnte bei einer kurzen Rast einschlafen und erfrieren. So kämpfte er sich weiter, um ihn herum färbte sich alles zusehends schwarz. Bald, sagte Niklas zu sich, wirst du nicht mal mehr sehen können, wohin du den nächsten Fuß setzt.
Es dauerte nicht lang, dann umgab ihn die vollendete Schwärze. Der bewölkte Himmel enthielt keinen Schimmer Mondlicht, auch kein einziger Stern ließ sich blicken. Nur die Schneeflocken stachen eiskalt in Niklas' Gesicht, brannten in seinen Augen, bewiesen ihm, dass es pausenlos schneite.
Ihm fiel ein, wie sehr er den Winter als Kind gehasst hatte. Diese dunklen Nächte, den kalten Wind, die vereisten Fensterscheiben, die Schneespaziergänge mit seinen Eltern. Er hatte anziehen können, was er wollte, es war immer zu kalt gewesen. Sein Vater hatte ihm gesagt, er solle sich nicht so anstellen, seine Mutter hatte ihm noch eine zweite Mütze über den Kopf gezogen, darüber die Kapuze der Winterjacke. Alles ohne Erfolg. Niklas war ein bibberndes Bündel geblieben, bunt seinen Eltern und Geschwistern durch den hohen Schnee hinterherpurzelnd.
Daran dachte er nun und das alte elende Gefühl von damals stieg wieder in ihm auf. Gezwungen, frierend immer weiter zu gehen. Die Länge des bevorstehenden Weges nicht einschätzen zu können.
Dieses Mal hatte seine Jacke keine Kapuze, seine Mutter hatte ihm keine zweite Mütze aufgesetzt. Und er war auf sich allein gestellt, hatte niemanden, der ihm den Weg wies.
Niklas fühlte sich halbtot, halb erfroren, als er irgendwo rechts einen leichten Lichtschimmer erblickte. Offenbar war er in eine waldigere Gegend gekommen, denn er musste einigen Bäumen ausweichen, als er dem Schimmer folgte. Dabei stolperte er mehrfach über Wurzeln oder heruntergefallene Äste, das ließ sich unmöglich erkennen. Wie eine Ewigkeit kam ihm die Entfernung zu dem Licht vor, das nur minimal näher zu rücken schien. Er fragte sich schon, ob es sich vielleicht selbst bewegte oder ob es eine Halluzination war. Ein kleines gelbes Licht, das kaum größer wurde. Womöglich eine Art Irrlicht.
Während er ihm folgte, da er sonst kein Ziel hatte, erinnerte er sich, dass ihn diese Situationen bei seinen Eltern schon häufig in die Flucht geschlagen hatten. Menschen, die durcheinandersprachen, ein Fernseher, der nebenher lief, Kindergeschrei, Töpfeklappern. Das alles verursachte Kopfschmerzen bei Niklas und den ausgeprägten Wunsch, zu verschwinden. Irgendwohin, wo tatsächlich niemand war.
Nun, im dunklen Wald, erschien ihm das Licht, dem er folgte, schon bald als zu hell. Er konnte kaum mehr direkt hineinsehen, es verursachte ein unangenehmes Ziehen auf den Netzhäuten, zum Teil stach es sogar mit einer Brutalität hinein, die man einem so schwachen Licht nicht hätte zutrauen wollen. Niklas musste sich nach allen Regeln der Kunst zusammenreißen, musste sich zwingen, weiter auf das sich nur wenig vergrößernde Licht zuzugehen und es auszuhalten, obwohl es ihn quälte. Die Vernunft war mächtig genug in ihm, um ihn voranzutreiben, um ihm fortwährend in die Ohren zu flüstern: Nur das Licht kann dich retten, ohne das Licht wirst du sterben.
Zum Sterben war Niklas noch nicht vollständig bereit. Der Lebenswille pochte in ihm, er hielt ihn aufrecht, er schob ihn vorwärts ins Ungewisse. Denn alles konnte nur besser sein als das, was Niklas hinter sich gelassen hatte.
In seiner Überempfindlichkeit spürte er die Kälte seine Beine bis zu den Knien hinaufkriechen, er fühlte sie sich in seinen Kniekehlen einnisten und konnte die eingefrorenen Gelenke bald nur noch mit großer Mühe beugen. Wobei er nicht sicher sein konnte, ob die Ursache für diese Unbeweglichkeit wirklich in einer Überempfindlichkeit zu suchen war oder ob es nicht doch die reale Kälte der Winternacht war, die ihn marterte. Zwar brannten die Schneeflocken nicht mehr so sehr auf seiner Haut, der Wald musste dicht genug sein, um als Schutz zu dienen, dafür erschlaffte sein Körper von Schritt zu Schritt mehr.
Das Ziel schien unerreichbar.
Es war unerreichbar.
In seinen Ohren begann es zu rauschen, das Rauschen wurde lauter, es folgte eine leere Schwärze, eine innere Nacht. Danach kam eine unerträgliche Helligkeit. Und Niklas begriff:
Konrad, am Tisch mit seiner Frau Leonie sitzend, sagte plötzlich mitten in ein Gespräch über den neuen Wohnzimmerteppich seiner Eltern hinein: „Ich sorge mich um ihn.“
„Um Niklas?“, fragte Leonie und hatte offenbar kein ausgeprägtes Interesse an diesem Themenwechsel. Der ruhige, jüngere Bruder ihres Mannes war ihr vom ersten Sehen an suspekt gewesen. Seine Augen waren zu groß, fand sie, außerdem wirkte er ständig unzufrieden, ohne etwas dazu zu sagen. Überhaupt sprach er ja kaum. Sobald die kleine Susi, Konrads und Leonies niedliche Tochter, den Raum betrat, verließ Niklas ihn mit ziemlicher Sicherheit. Und das, obwohl sämtliche Familienmitglieder Susi für ein entzückendes, süßes, liebenswertes Kind hielten. Gerade mal vier Jahre alt war sie. Aber Niklas hatte sie in diesen vier Jahren kaum einmal angesehen. Leonie hielt das für ein unmögliches Verhalten, immerhin war Susi Niklas' Nichte. Niklas allerdings tat so, als sei sie etwas ganz Unaushaltbares.
„Ist doch egal, dass er weg ist. Er sagt ja eh nichts. Guckt immer nur böse aus der Ecke dahinten herüber“, fuhr Leonie fort, als Konrad ihr nur einen ungehaltenen Blick zugeworfen hatte.
Sie waren allein im Wohnzimmer. Konrads Eltern waren mit Susi oben im Spielzimmer, zusammen mit Konrads Schwester Caroline und deren Sohn Mike, sechsjährig. Mikes Vater hatte es vorgezogen, der Familienveranstaltung fernzubleiben. Man munkelte etwas von Scheidung. Caroline hatte das bisher allerdings nicht bestätigt. Baby Krista schlief im Kinderwagen neben der warmen Heizung, kaum einen Meter von Leonie entfernt, die ihr Neues wie ihren Augapfel behütete. Niklas hatte Krista vor zwei Tagen das erste Mal gesehen und ein derart angewidertes Gesicht gemacht, dass selbst Konrad zu seinem Bruder gesagt hatte: „Nun freu dich doch mal etwas für uns!“
Niklas hatte erwidert: „Weshalb sollte ich mich freuen? Noch ein Kind? Reicht es nicht langsam damit?“
Danach hatten sich beide Brüder den ganzen restlichen Tag gemieden. Wie bei allen Familienveranstaltungen war die Stimmung eher schlecht.
Trotzdem sorgte sich Konrad nun um seinen jüngeren Bruder. Immerhin war es dunkel geworden und draußen schneite es wieder. Niklas war nicht gerade unempfindlich, was Kälte betraf. Und Konrad schaute nun schon ständig auf die Uhr. Auf der Treppe hörte er bereits die Schritte seiner Mutter und das Gekicher von Caroline. Beide kamen vermutlich herunter, um sich um das Abendessen zu kümmern.
„Ruf ihn eben an“, schlug Leonie vor, als sie sah, wie unruhig Konrad wurde. Er schüttelte den Kopf und antwortete zerknirscht: „Sein Handy liegt da drüben. Keine Chance, ihn zu finden. Wirklich nicht. Wenn da draußen was passiert ist, dann können wir nichts machen.“
„Es wird schon nichts sein.“
Leonie konnte Konrad nicht beruhigen. Niklas kam nicht zum Abendessen und auch nicht währenddessen. Konrad warf sorgenvolle Blicke aus dem dunklen Fenster, dann wieder auf seine Uhr und seufzte. Auch Caroline bekam ein ernstes Gesicht, sie und Konrad blickten sich immer öfter vielsagend an.
Es war gegen 19.00 Uhr und die Familie war soeben im Nachtisch begriffen, da klingelte Niklas' Handy und alle zuckten zusammen. Leonie, die Baby Krista gerade auf dem Sofa stillte, brummte, als Konrad direkt aufsprang: „Dein Bruder wird sich wohl kaum selbst anrufen.“
Niemand am Familientisch kommentierte das. Das kam selten vor und sprach für große Anspannung. Denn das alljährlicheJahrestreffen, das Tradition in der Familie war und sich über vier Tage, beginnend am Neujahrstag, zog, war vor allem durch permanentes Reden gekennzeichnet. Im Grunde sprach immer jemand. Nur jetzt waren plötzlich alle still.
Konrad ging zu Niklas' Handy und starrte darauf. Dort blinkte der NameMinnaauf.
Konrad sagte: „Eine Minna ist es.“
Caroline rief sofort: „Seine Freundin heißt so, geh doch dran. Vielleicht ist er bei ihr.“
Konrad erwiderte: „Unmöglich, wie soll das zu Fuß gehen?“
