Paranoia - Joana Goede - E-Book

Paranoia E-Book

Joana Goede

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Beschreibung

Severin Großkamm, Mitarbeiter in einem Eventcenter, wird von seinem tyrannischen Chef beherrscht. Als dieser ihm den Auftrag gibt, seine 17 Jahre jüngere Ehefrau zu überwachen, rechnet Severin zunächst mit einer einfachen Eifersuchtsangelegenheit. Er lässt sich jedoch mit in ein von Misstrauen, Angst und Wut bestimmtes Spiel hineinziehen. Nach dem Annährungsversuch an Demenz in der Kurzgeschichte "Abnahme der Gedächtnisleistung" und an eine Depression im Roman "Körperekel" beschäftigt sich die Autorin in dieser Erzählung mit dem Krankheitsbild der Paranoia und versucht zu zeigen, wie nah "noch gesund" und "schon krank" beieinander liegen.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Joana Goede

Paranoia

die Angst vor den anderen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

Impressum neobooks

1

Die rote Frau sah ihn sonderbar an. Aus ihrem scharfen Blick sprach ein ausgeprägtes Misstrauen. Ganz so als könne sie spüren, weshalb er da war und so aufmerksam zu ihr hinüberschaute. Vielleicht war er in seinem Bemühen um Unauffälligkeit zu ungeschickt gewesen, überhaupt vollkommen ungeübt darin, jemanden zu beobachten. Vermutlich stand sie gleich auf, kam zu ihm und sagte ihm ins Gesicht: „Ich weiß genau, wer Sie geschickt hat. Aber machen Sie sich keine Hoffnungen. Sie werden nichts zu sehen kriegen. Also bleiben Sie ruhig sitzen und überwachen Sie mich, Sie werden sich furchtbar langweilen. Einen schönen Abend noch.“

Schweiß trat auf seine Stirn, die ganze Situation war ihm peinlich. Er kam sich schlecht vor, eine fremde Frau zu observieren, als wenn sie eine Verbrecherin wäre. Sein Körper spannte sich in der Angst, von ihr angesprochen zu werden.

Aber nichts dergleichen geschah.

Noch ein paar Sekunden starrte sie argwöhnisch in seine Richtung, musterte ihn wohl etwas nachdenklich, dann jedoch wandte sie ihr Gesicht von ihm fort und richtete ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf ihren Begleiter.

Er atmete auf. Sein Körper erschlaffte auf dem Kneipenstuhl, er griff nach dem Bierglas vor sich und nahm einen großen Schluck davon. Anschließend linzte er wieder verstohlen zu der Frau hinüber, die keine Notiz mehr von ihm zu nehmen schien.

Ihr rot gefärbtes Haar stach ins Auge. Selbst in der vollen Kneipe mit schlechtem Licht hob sie sich gut sichtbar von ihrer Umgebung ab. Das Haar war dermaßen unnatürlich rot, dass die Leute auf der Straße zum Teil wie an einer roten Ampel vor ihr stehen blieben und sie ungläubig anstarrten, lachten, auf sie zeigten, zumindest aber die Stirn runzelten. Dieses Phänomen war ihm auf dem Weg hierher aufgefallen. Von ihrer Wohnung aus hatte er sie verfolgt, nur etwa zehn Minuten hatte das gedauert. Dabei waren seine Knie weich geworden und hatten gezittert, die Farbe war ihm mehrfach aus dem Gesicht gewichen und die zehn Minuten hatten sich wie eine Ewigkeit gezogen.

„Tun Sie mir einen Gefallen, Herr Großkamm“, hatte sein Chef an diesem Morgen zu ihm gesagt, als sie in der Kaffeeküche beieinander gestanden und den üblichen Morgenplausch abgehalten hatten. Die Küche war winzig, so dass die zwei Männer darin kaum gut Platz finden konnten. Nur ein kleiner Tisch mit drei schmalen Stühlen hatte sich hineinquetschen lassen, an dem es so eng und unbequem war, dass dort nie jemand saß.

„Sicher, nur heraus damit“, hatte Severin darauf geantwortet, in der festen Überzeugung, es handle sich, wie üblich, um einen Auftrag von geringer Bedeutung. Etwa einen Anzug aus der Reinigung abholen oder das Auto in die Waschanlage fahren.

Das kleine Eventcenter mit den drei Partyräumen lief zwar nicht unbedingt schlecht, aber doch war oftmals nicht so viel zu tun, dass jeder der vier Mitarbeiter die ganze Zeit vor Ort gebraucht wurde. Da pflegte der Chef den einen oder anderen einmal zwischendurch in privaten Angelegenheiten fortzuschicken.

An diesem Morgen machte der Chef ein sehr ernstes Gesicht und blickte, bevor er den Mund erneut öffnete, unsicher in Richtung Tür, ob dort auch ja niemand stand, der hätte lauschen können. Dann sagte er leise, beinahe flüsternd: „Es ist eine heikle Sache und ich betraue Sie damit, weil ich den Eindruck habe, dass ich Ihnen vertrauen kann und Sie Stillschweigen über diese Sache bewahren können, wenn ich Sie darum bitte. Mit dieser Einschätzung liege ich hoffentlich nicht falsch.“

„Ganz und gar nicht!“, erwiderte Severin hastig, etwas neugierig geworden, was sein Chef da für ihn haben könnte. „Sie können sich auf mich verlassen.“

„Gut, dann hören Sie zu.“ Der Chef holte tief Luft, bevor er ansetzte, zu erklären: „Hören Sie. Meine Frau. Es geht um meine Frau. Ich gebe Ihnen Hundert extra, wenn Sie sie heute Abend nicht aus den Augen lassen.“

Severin schaute verdutzt drein, sagte aber nichts. Der Chef fuhr unbeirrt und immer noch sehr leise fort: „Ich werde heute Abend bei dieser Hochzeit anwesend sein müssen, es wird bis spät in die Nacht gehen. Meine Frau wird unsere Wohnung vermutlich gegen 20 Uhr verlassen. Ich möchte, dass Sie ihr nachgehen und mir anschließend Bericht erstatten, was sie während meiner Abwesenheit getan hat.“

Severin zog die Stirn in Falten und wollte wissen: „Glauben Sie, Ihre Frau...“

Der Chef unterbrach ihn etwas barsch: „Meine Frau ist jung, Herr Großkamm, 17 Jahre jünger als ich. Das muss Ihnen als Erklärung genügen, bitte stellen Sie keine weiteren Fragen. Wollen Sie mir diesen Gefallen tun oder muss ich mich an einen anderen wenden?“

Er schaute ziemlich ungehalten drein und da Severin das Geld gut gebrauchen konnte, zögerte er nicht lange. „Sicher, ich erledige das für Sie.“

„Ich wusste doch, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Bitte beziehen Sie gegen 19 Uhr vor meiner Wohnung Ihren Posten in Ihrem Wagen und lassen Sie die Haustür nicht aus den Augen.“ Der Chef klopfte seinem Mitarbeiter kumpelhaft auf die Schulter, nickte ihm nun wieder freundlich zu und verließ mit seinem Kaffee die Küche, in der Severin irritiert zurückblieb. Noch hatte er nicht nach einem der Kekse gegriffen, die auf einem Teller auf dem kleinen Holztisch lagen und von denen er normalerweise vor dem Morgenkaffee bereits drei oder vier verspeist hatte. Ihm war auch nicht sehr nach Keksen zumute.

Er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Im ersten Moment war er nur verwirrt gewesen, dann hatte er in einem Anfall von Treue und durch die Aussicht auf womöglich leicht verdientes Geld zugesagt. Vielleicht auch ein wenig aus Angst vor seinem Chef, der ärgerlich gewirkt hatte, als Severin sich eine Nachfrage erlaubte.

Nun kam auf einen Schlag sein schlechtes Gewissen.

Und, er wusste nicht genau, was es war, das ihn beunruhigte, aber sein Magen hatte sich empfindlich zusammengezogen, so als stände ihm eine schwere Prüfung bevor.

Den restlichen Tag konnte er sich nicht gut konzentrieren. Er saß zwar an seinem Schreibtisch, erledigte die nötigen Anrufe allerdings nur mechanisch und ließ alles liegen, was nicht zwangsläufig an diesem Tag getan werden musste. Als er gegen 16 Uhr das Büro verließ und sich bei seinem Chef abmeldete, sagte der zu ihm: „Und denken Sie daran, heute 19 Uhr. Ich erwarte Nachricht von Ihnen, sobald die Sache erledigt ist.“ Mit diesen Worten drückte er ihm einen Fünfziger in die Hand.

Severin legte den kurzen Weg zu seinem Wagen zurück, ohne das Geld in die Tasche zu stecken. Es fühlte sich falsch an in seiner Hand. Als bekäme er es für eine illegale Sache. Im Auto legte er es kurzerhand ins Handschuhfach, um es aus den Augen und aus dem Sinn zu haben.

Zuhause empfing ihn seine chronisch gelangweilte Freundin Marie vor dem Fernseher. Sie arbeitete halbtags in einer Bäckerei und hatte kein einziges Hobby. „Ich gehe aus heute, mit Kira.“

„Jaja“, machte Severin und suchte sich in der Küche eine Tafel Schokolade, von der er die Hälfte in einer Minute in sich hineingestopft hatte. Ungeachtet der Tatsache, dass sich sein dreißigster Geburtstags näherte und er sich vorgenommen hatte, etwas mehr auf sein Gewicht zu achten. Marie erschien in kurzem Jeansrock und lila Pulli vor ihm, strich sich das blond gefärbte Haar aus dem runden Gesicht und fragte: „Frustriert? Willst du mit?“

„Danke“, meinte Severin, „vergnügt euch nur. Einen Mann könnt ihr wohl kaum dabei brauchen.“ Er merkte, dass er ein bisschen schmollte. Dabei war er eigentlich froh, dass Marie selbst wegging. So musste er ihr nicht erklären, was er an diesem Abend vorhatte. Marie legte die Arme um ihn, schob sich nah an ihn heran und gab ihm einen langen Kuss auf den Mund. Er sah zu ihr herunter, sie war recht klein und ein wenig pummelig, das fand er eben gerade niedlich. „Wann gehst du?“

Sie antwortete: „Kira holt mich um 18 Uhr ab. Willst du mich loswerden?“

„Ganz und gar nicht“, behauptete er und küsste sie zurück. „Wohin geht ihr?“

Marie hob die Schultern wie meistens. Denn in der Tat zog sie mit Kira häufig planlos durch Clubs und Kneipen, bis die beiden irgendwo einkehrten und bis zum Morgengrauen dort blieben. Severin hielt nicht ganz so viel von dieser Angewohnheit, denn oft hatte er besorgt im Bett gelegen und sich gefragt, ob seiner Marie vielleicht etwas zugestoßen war. Halten konnte er sie allerdings nicht. Es war ihr Wochen-Highlight. Schlimm genug, dass sie es mit ihm nicht haben konnte. Da sie keine Hobbys hatte, saß sie ja im Grunde nachmittags nur herum, sah fern, surfte in Internet, traf sich vielleicht mal mit Freunden. Severin wusste gar nicht so sehr, was er an ihr fand. Im Grunde erschien sie ihm vollkommen uninteressant. Keine besonderen Talente, keine Interessen. Auffallend hübsch oder lieb war sie nicht, eine angenehme Stimme hatte sie nicht, meistens sprach sie sogar deutlich zu laut, fand Severin.

Grübelnd blieb er stumm und starrte mit einem irgendwie eigensinnigen Ausdruck in die Luft.

Als er keine Anstalten mehr machte, sich weiter auf ein Gespräch mit Marie einzulassen, nahm sie an, er sei sehr müde von der Arbeit und ließ ihn allein in der Küche stehen. Wahrscheinlich fand sie ihn ohnehin ähnlich langweilig wie er sie. Eine leise Melodie summend verschwand sie im Bad, um sich dort für die Nacht herauszuputzen. Die Dusche ging an und Severin hatte endlich Gelegenheit, sich eingehend Gedanken darüber zu machen, was für einen Auftrag er da angenommen hatte.

Unbekannte Mitmenschen auszuspionieren wäre ihm als Freitagabendbeschäftigung an sich niemals in den Sinn gekommen, er schämte sich sogar dafür, diese Sache für den läppischen Betrag von hundert Euro zugesagt zu haben. Was sollte die Frau schon verbrochen haben? Hatte sie einen Liebhaber? Wenn sie so viel jünger war als ihr Mann und dieser außerdem nicht gerade zu den attraktivsten seiner Altersgenossen zählte, musste der Chef dann nicht damit rechnen? Konnte er es ihr ernsthaft verübeln? Severin wusste nicht, ob es sich um eine einfache Eifersuchtsangelegenheit handelte oder ob mehr dahinter steckte. Entscheidend für ihn war lediglich, dass er damit nichts zu tun haben wollte. Nicht im Leben anderer herumschnüffeln.

Um ein Haar hätte er nach seinem Handy gegriffen, um seinen Chef anzurufen und ihm das zu sagen. Jedoch, er traute sich das nicht. Sei es, dass das Pflichtgefühl in zwang, diese Abmachung auch einzuhalten, sei es die Angst vor der Reaktion des Chefs, die übel ausfallen konnte.

Hier merkte er, dass er seinen Chef fürchtete. Dieser durch seinen Körperbau mächtig wirkende Mann, dessen Stimme auch flüsternd noch fest war, dessen Aussagen keine Widerworte duldeten, der auch andere Meinungen kaum bis gar nicht akzeptierte. Er schüchterte seine Angestellten ein. Durch seine bloße Präsenz sowie durch wenige, einprägsame Wutanfälle. Hatte man einmal einen erlebt, wollte man bei keinem zweiten anwesend sein. Denn entfaltete der Chef erst einmal die volle Bandbreite seiner Stimme und drehte er die Lautstärke komplett auf, konnte man denjenigen im selben Raum nur zur Flucht raten. Es war ein unglaubliches Donnern und Getöse. Einer der Mitarbeiter hatte dem Chef stets den Spitznamen Zeus gegeben. Diese Frechheit hatte der Chef ihm aber nicht lange durchgehen lassen, sondern ihn bei der nächsten Gelegenheit vor die Tür gesetzt. Und niemand hatte gewagt, etwas dagegen zu sagen.

Sollte nun Severin tatsächlich etwas gegen seinen Chef sagen? Sollte er es wagen, einen Auftrag von ihm abzulehnen? Das traute er sich nicht. Es war keine Loyalität, die ihn an seinen Chef band, wie er erst geglaubt hatte, es war Angst. Die Angst vor einem Wutanfall, die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Er merkte, er musste es erfüllen. Was auch immer es sein mochte, was sein Chef von ihm verlangte, er musste es erledigen. Und wenn es im Ausspionieren seiner Frau bestand, die es mit ihm sicherlich nicht leicht hatte, dann blieb Severin keine Wahl.