Körperekel - Joana Goede - E-Book

Körperekel E-Book

Joana Goede

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Beschreibung

Minnas Leben wird von ihren Ängsten bestimmt. Sie plagt ein starker Ekel vor ihrem eigenen Körper, dessen Anblick sie kaum erträgt. Auch die Nähe von anderen Körpern löst bei Minna Panikattacken aus. Ihre Ängste treiben sie in die Isolation. Schlaflosigkeit, Depression und Soziale Phobie machen Beziehungen unmöglich für Minna. Ihre große Angst vor nackten Körpern und vor Sex stößt andere Menschen ab. Erst als Minna sich zum ersten Mal in ihrem Leben richtig verliebt, beginnt sie, die positiven Seiten von Nähe zu erleben, die ihr vorher vollkommen fremd waren...

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Joana Goede

Körperekel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

[Ein langweiliger Seminarraum mit blauem Teppich, einem Stuhlkreis und sechs Frauen. Es gab mehr Stühle in dem Kreis als Teilnehmerinnen. Das tat Minna gut, denn so konnte sie links und rechts jeweils einen leeren Stuhl neben sich haben. Ansonsten allerdings gab es nicht die geringste positive Komponente an der Selbsthilfegruppe, wobei eine 'Selbsthilfegruppe' eigentlich Hilfe zur Selbsthilfe geben, also auf etwas Gutes zielen sollte, müsste, könnte. Wie war Minna da hineingeraten?]

Minna war recht früh dran gewesen, hatte zunächst mehrfach um den noch unbeweibten Stuhlkreis herumgehen müssen. Elf Stühle zählte sie. Elf Stühle, elf Sitzmöglichkeiten, keine besser als eine andere. Minna verabscheute Stuhlkreise, denn in Stuhlkreisen konnte man sich nicht verstecken. Man wurde direkt mit der Anwesenheit aller anderen in dem Kreis konfrontiert, sie empfand dieses Direkte als Bedrohung. Ein Tisch vor ihr zum Schutz hätte ihr Sicherheit gegeben, diese Leere vor sich schüchterte sie in der Regel eher ein.

Leere war zwar besser als körperliche Nähe. Aber deutlich angenehmer wäre für sie ein Tisch vor sich als Barriere gewesen.

Sie glaubte schon, dass sie kein Wort würde herausbringen können. Nicht vor diesen Menschen, wer auch immer sie sein mochten. Sie waren zu nah. Und sie würden Minna anstarren, ungehindert, aufmerksam. Sobald Minna den Mund aufmachen würde, musste es unmöglich sein, sich vor den Blicken der anderen zu verbergen. Wie im Rampenlicht. Auf einer Bühne. Bei einem Vortrag. Purer Horror. Und hier sollte sie ihr Innerstes nach außen kehren?

Minna hasste Stuhlkreise.

Fünfmal setzte sie sich um. Immer von einem Stuhl auf den nächsten. Es machte keinen Unterschied, einfach überhaupt keinen. Sie geriet innerlich beinahe in Verzweiflung und wäre womöglich aufgesprungen und hinausgerannt, wenn nicht eine weitere Frau hereingekommen wäre. Geradezu dürr zu nennen, mit einem um sie flatternden schwarzen Kleid, einer hellbraunen Handtasche, die sie fest unter den Arm geklemmt trug, und dicken Winterstiefeln, die einen merkwürdigen Kontrast zum Körper und dem Kleid boten. Ihr Haar war sehr kurz und dunkel, das Gesicht eingefallen, mit Falten durchzogen, gräuliche Gesichtshaut, Augenringe. Minna hielt sie für eine Raucherin um die Vierzig. Mit Schlafstörungen, einem Alkoholproblem – und vermutlich wirkte sie deutlich älter als sie tatsächlich war. Sie blickte sich irritiert und mit hochgezogenen Schultern im Raum um, entdeckte Minna, die wie erstarrt dasaß und sich nicht mehr regen konnte. Die Fremde starrte Minna an, Minna senkte den Blick in ihren Schoß und hörte die leisen Worte: „Ist das hier diese Gruppe? Wegen, wegen Sex?“

Für Minna war es meistens unmöglich, mit einem klaren Ja oder Nein auf Fragen zu antworten, selbst wenn sie sich relativ sicher war. Denn selbst dann war es immer noch nur eine relative Sicherheit, kein gesichertes Wissen. Deswegen erwiderte sie stockend: „Ich denke, ja.“

Die Frau blieb unschlüssig in der Tür stehen, fragte: „Dann bist du das erste Mal hier? Entschuldige, ich, ich dachte, es wäre die falsche Tür. Ist bei mir auch erst das zweite Mal, dass ich hier bin.“

Offenbar zögerte die andere, sich zu Minna in den Stuhlkreis zu setzen. Zumindest verweilte sie ungewöhnlich lang in der Tür stehend, leblos wirkend, ohne jede Mimik. Ihr Blick war starr, die Körperhaltung defensiv. Minna war das ja ganz recht, denn sie hatte Angst vor der anderen, hatte Angst, sich mit ihr unterhalten zu müssen, hatte Angst vor der Spannung, wenn beide schweigen würden – sie verabscheute solche Situationen. Ihre Hände waren eiskalt und bebten leicht. Aufstehen und wegrennen, ihr einziger Gedanke. Vielleicht hatte die andere auch ähnliche Bedenken.

Dann kamen sie, gleich drei auf einmal. Plappernd. Laut. Eine kicherte. Die Nächste lachte. Die dritte Dame schüttelte den Kopf. Minna beobachtete die Frauen. Zu viele Menschen in einem Raum. Ungeniert setzten sich die drei in den Stuhlkreis, die Fremde näherte sich langsam, letztlich waren sie zu fünft. Minna schaute betreten auf ihre Knie. Traute sich nicht, den Blick zu heben, um ja nicht das Risiko einzugehen, angesprochen zu werden. Immerhin hatte sich keine direkt neben sie gesetzt. Was, dachte sie, tust du hier eigentlich? Du willst nicht reden, du willst keinen sozialen Konakt, du willst diese Nähe nicht. Was willst du hier?

„Guten Abend, schön, dass ihr da seid.“

Minna zuckte und sah unbedacht auf. Offenbar war die Gruppenleiterin erschienen, sie hatte Minna gegenüber im Stuhlkreis Platz genommen und richtete ihre lächelnden Augen auf sie. „Besonders begrüße ich ein neues Gesicht in unserer Runde, möchtest du dich vielleicht vorstellen?“

Minna wollte sich nicht vorstellen. Und auch nicht geduzt werden. Das empfand sie als Eindringen in ihre Privatsphäre, als Belästigung, doch sie hätte sich nie getraut, das zu sagen. Folglich spulte sie rasch ab, um es hinter sich zu bringen: „Minna, ich bin Minna.“

Die Gruppenleiterin, die das Äußere einer mittelalten Sozialpädagogin mit dunkelgrünem Schal und kleinen, braunen Augen hatte, sagte: „Willkommen Minna. Sagst du uns noch, warum du hier bist?“

Minna kaute auf ihrer Unterlippe, es war ihr peinlich, es auszusprechen, es fühlte sich krank und gestört an, außerdem weckte es unangenehme Erinnerungen. Wahrscheinlich war die Unterlippe längst rot und ihre Finger, die sie ineinander verkrampft hielt, blau. Da sagte sie so leise wie möglich: „Weil ich Sex eklig finde.“

Danach war sie aus dem Schneider, sie merkte es. Nach dieser Aussage beachtete man sie nicht mehr, sie wurde nicht mehr hervorgehoben, sondern war eingefügt worden in die Gruppe, stach nicht mehr heraus. Es nahm niemand mehr Notiz von ihr.

Stattdessen erkundigte sich die Gruppenleiterin bei der Gruppe, ob jemand etwas sagen, berichten wollte. Und die Frau, die vorhin so mit dem Kopf geschüttelt hatte, meldete sich. Sie wirkte unscheinbar, etwas pummelig, trug ein viel zu enges T-Shirt, eine blaue, sehr niedrig sitzende Jeans, hatte blonde strähnige Haare und ein aufgequollenes Gesicht. Ihre Wangen glühten rötlich, als sie den Mund öffnete. Vielleicht schämte sie sich, vielleicht war sie aufgeregt, vor den anderen zu sprechen. In jedem Fall zog sie beim Sprechen permanent ihr T-Shirt herunter. Erfolglos, denn es rutschte umgehend wieder hoch und entblößte mehr als gewünscht. Minna bemühte sich, möglichst unterzugehen, eins mit dem Stuhl zu werden und nicht als Mensch aufzufallen, während die andere sprach. Sie profitierte sehr davon, dass sich die volle Aufmerksamkeit auf die Aufgequollene richtete.

Das künstliche Licht strahlte unschön von der öligen Haut der Sprechenden wieder. Minna verzeichnete auch hier Schlafmangel, vermutlich Heißhungerattacken, viel Süßes, viele Kohlenhydrate. Die junge Frau lächelte, peinlich berührt, mochte so Mitte Zwanzig sein. Sie sagte mit recht hoher Stimme, die zu ihrer Erscheinung gar nicht passen wollte: „Bei mir hat es jetzt endlich geklappt.“ Die Grinsende, die vorhin mit ihr zusammen angekommen war, rief: „Oh, wie schön für dich! Du musst unbedingt erzählen, wie es war!“

Minna dachte bei sich: Nicht doch, bloß nicht, behalt es bitte für dich. Aber sie wusste schon, dass eine Selbsthilfegruppe nicht dazu da war, egal was für sich zu behalten, sondern eher dazu, alles öffentlich zu machen, Zuspruch von anderen zu ernten, sich nicht allein zu fühlen und so weiter.

Minna fühlte sich allerdings ziemlich allein, als die, bei der es „geklappt“ hatte, wieder zum Sprechen anhob und dabei, wie im Stolz, über das ganze breite Gesicht strahlte. „Es ist ja so“, fing sie an und warf dabei schnell einen prüfenden Blick zu Minna, „dass ich von meinem Bruder als Kind, naja, missbraucht worden bin. Und seitdem, wie soll ich sagen, kann ich zwar Sex haben, aber es bringt mir nichts. Weißt du?“ Sie blickte Minna an und hoffte wohl auf ein verständnisvolles Nicken, aber Minna rührte sich nicht und gab ihr nicht die kleinste Bestätigung. Eigentlich wollte sie nicht hören, was da jetzt kommen musste. „In jedem Fall“, fuhr die Stolze fort, „war am Wochenende mein Freund da und wir, wir haben es so gemacht, wie wir es hier ja besprochen haben, also ich habe mich erst entspannt bei einer Massage, er, er hat das sehr gut gemacht, wisst ihr? Total viel Mühe gegeben. Und dann, dann hat er angefangen, mich an anderen Stellen zu berühren, es, es war unglaublich. Die Male davor habe ich ja schon was gemerkt, aber dieses Mal, da hat es einfach geklappt. Es war so wunderbar. Ich konnte mich richtig hineinfallen lassen. Und er ist überglücklich. Ich war ja sonst immer kalt wie ein Fisch. Und jetzt, jetzt sei ich, meinte er, richtig leidenschaftlich gewesen. Für mich war es unglaublich, ich habe das vorher nie gespürt.“

Die Gruppenleiterin sagte mit betont beglückter Miene: „Wie schön, es freut mich sehr, dass du uns so Positives berichten kannst.“

In Minnas Körper kribbelte es sehr unangenehm. Sie verabscheute das. Wenn andere von Sex sprachen. Irgendwie war sie mit der Erwartung in die Gruppe gekommen, dass ihr das hier nicht widerfuhr; und gleich in der ersten Sitzung wurde sie mit einer „Glücklichen“ konfrontiert, bei der es „geklappt“ hatte und alle „freuten“ sich für sie. Lauter Dinge, die Minna nicht nachvollziehen konnte, die bewirkten, dass sie sich noch fremder fühlte als ohnehin schon. Und dann erkundigte sich die, die vorhin albern gekichert hatte und überhaupt eher so wirkte wie ein Teenager, von der Sitzhaltung und Kleidung her – dünner Pullover mit Löwe darauf, lila Jeans, weiße Turnschuhe, dunkelbraune Haare, Pferdeschwanz, starker, roter Lippenstift: „Bist du denn richtig feucht geworden? War sonst ja auch nicht so.“

Und die Glückliche antwortete schnell: „Ja, ich war selbst ganz überrascht und mein Freund auch. Es ging schnell, also nach dieser Einstimmung mit Musik und Massage, das kann ich euch nur empfehlen.“

„Warst du denn nackt bei der Massage? Und er?“

„Jaja, waren wir beide.“

„Und Licht, hattet ihr Kerzen an oder künstliches Licht?“

„Wir hatten eine dimmbare Leuchte an, die so gelblich-gedämpftes Licht macht. Das war sehr angenehm, muss ich sagen. Viel persönlicher als im Dunkeln, aber nicht so, naja, unerotisch wie bei hellem Licht. Genau richtig, würde ich sagen. Wir haben es auch über etwa zwei Stunden gezogen, mit der Massage.“

„Habt ihr was getrunken?“

„Ein bisschen Sekt, zusammen eine halbe Flasche. Das hat bei mir auch einiges ausgemacht, glaube ich. Da war ich weniger verklemmt und konnte eher genießen. Jetzt fühle ich mich viel sicherer, glaube ich. Ich habe angefangen, meinen Körper so zu mögen, wie er ist. Das ist wichtig.“

Minna fühlte sich wie in einer ganz anderen Welt. Sie wusste gar nicht, wie sie sich verhalten sollte. Wahrscheinlich hatte sie das Gesicht bereits angewidert verzogen, die Augen weit vor Entsetzen aufgerissen und deshalb musterte die Gruppenleiterin Minna vermutlich auch so auffällig. Schließlich sprach sie Minna sogar an: „Minna, willst du vielleicht auch was dazu sagen? Oder lieber nicht? Es muss niemand etwas sagen, der nichts sagen möchte.“

Minna brummte schnell: „Ich möchte nichts sagen, danke.“

Vor ihrem geistigen Auge tauchten die Bilder wieder auf, die Bilder, die Geräusche, die Gerüche. Das alles zusammen ließ unfassbaren Ekel in ihrem Körper aufsteigen, ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Bedrohung, des Abgestoßenseins. Sie spürte das Eindringen der feindlichen Zunge in ihren Mund, schmeckte den fremden Speichel, hätte sich übergeben wollen, roch die Erregung des Mannes, spürte seine Hände an ihrem kalten, nackten Körper, spürte, wie er sich auf sie wälzte und eine Flucht durch sein Gewicht unmöglich machte. Wie er sich zwischen ihre Beine presste, die sie zusammenkneifen wollte, wie er es hineinsteckte und dann kam das Fremdkörpergefühl, das Minna so verabscheute, das glibschige, nasse, stinkende, eklige Fremdkörpergefühl. Dieses In-sich-Haben von etwas, das da nicht hingehörte. Es fühlte sich unnatürlich an und hineingezwungen. Die Speichelproduktion stieg an, der Mann wippte rhythmisch auf und ab, steckte die Zunge immer wieder in Minnas Mund, leckte den Hals, die Brüste ab, stöhnte, sein Speichel tropfte in ihren Mund, sie wollte nur, dass es vorbeiging, wusste, dass es schneller ging, wenn sie irgendwie mitmachte, griff also an seine Schultern und an den Hintern, beides schwitzig, beides eklig, nur, weil er es mochte, wenn sie ihn anfasste, weil er dann das Gefühl hatte, dass sie ihn begehrte. Sie fragte sich, ob er nicht endlich mal fertig war, drehte den Kopf zur Seite, damit er nur noch an ihre Wange und an den Hals kam, wartete, befand sich in Schockstarre, fror, bis er sich endlich in sie ergoss und mit einem Ächzen zur Ruhe kam, noch ein paar Mal auf und ab, dann blieb er schlaff wie ein heißes, nasses Walross auf ihr liegen, sie bekam kaum Luft.

Er sagte, dass er sie liebte, sie sagte, dass sie ihn auch liebte, obwohl das der allerletzte Moment war, in dem ihr sowas eingefallen wäre.

Dann rollte er endlich runter, wollte noch nackt neben ihr liegen bleiben, sie im Arm halten, aber an Minnas kaltem Körper klebten Schweiß und Spermareste, sie wollte duschen, lange heiß duschen, wollte sich in weite, warme Kleidung hüllen, den widerlichen Geschmack im Mund durch Zähneputzen loswerden, noch einen Schluck Whisky hinterherkippen, um besser einschlafen zu können nach dieser Tortur.

Minna wachte aus diesem Horrorszenario erst wieder auf, als ein Klasch-Laut sie herausriss. Die Handtasche der Dürren im schwarzen Kleid war auf den Boden gefallen. Wahrscheinlich hatte die Tasche die ganze Zeit noch unter dem Arm geklemmt. Minna hatte auf sie nicht mehr geachtet. Nun sah Minna einmal in die Runde und fragte sich, ob es wirklich das Ziel dieser Selbsthilfegruppe sein konnte, dieses widerliche, schwitzige Gestöhne, diese abartigen, herausgepressten Fragen, ob es ihr gefiel, was er machte, ob sie sein Ding auch in sich spürte (auf diese Fragen hatte sie selbstverständlich nie wirklich antworten können), ob es wirklich das Ziel sein konnte, sowas zu mögen!?

Minna wollte das nicht gut finden. Sie empfand es als verabscheuenswürdig, diese Nacktheit als beängstigend, den Akt selbst als Vergewaltigung, den Mann als gieriges, geiferndes, über sie herfallendes Tier, das sie verschlingen wollte, das sie niedermachen wollte, mit allem, was es hatte, mit der Zunge, mit den Zähnen, mit den Händen und Armen, natürlich ganz besonders mit diesem Teil – und das dieses Ineinander-Auseinander, dieses Übereinanderrollen und sich gegenseitig Ablutschen auch noch als Liebe bezeichnete.

Und da sollte sie sich für die „Glückliche“ freuen, dass es bei ihr „geklappt“ hatte? Minna schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken, fühlte sich schon wieder nach einer heißen Dusche und die Selbsthilfegruppe nahm für sie Züge wie der Akt selbst an. Sie wartete nur noch darauf, dass es aufhörte, damit sie endlich duschen konnte. Und ekelte sich vor allen anwesenden Körpern. Auch wenn es Frauen waren. Das machte für Minna nicht den geringsten Unterschied.

2

Im Kontrast zum schwärzlichen Nachthimmel leuchtete die Straßenlaterne grell gelb. Es war die letzte Laterne, die Minna passieren musste, bevor sie ihren Arbeitsplatz erreichte. Licht war schon lange zu einer der vielen Unerträglichkeiten des Lebens geworden. So wie alles zu hell war, war auch alles zu laut, zu hektisch. Nachtarbeit das einzige, das in Frage kam. Schon allein, weil nachts die Straßen nicht so voll waren, die Sonne nicht schien und der Stadtlärm sich in Grenzen hielt.

Sie arbeitete in einem Krankenhaus. Weil das künstliche Licht da dämmrig-grünlich war und nicht so in die Augen stach. Da konnte sie sitzen und nichts machen. Nachts kam ja keiner, der jemanden besuchen wollte. Keiner erkundigte sich nach dem Namen eines Verwandten oder Freundes, keiner hatte einen Blumenstrauß oder ein Stofftier dabei. Oder gar eine Schachtel teure Pralinen. Niemand kam. Nur Ärzte gingen ein und aus, die ihre Schichten überzogen hatten, Krankenschwestern mit geröteten, übermüdeten Augen durch Überstunden, Putzfrauen, die beim Putzen kein Radio hören durften, da es die Kranken im Schlaf gestört hätte.

Die Arbeit bestand im Grunde nur darin, auf einen Knopf zu drücken, wenn jemand kam oder ging, damit die Tür sich automatisch öffnete. Es durfte nämlich niemand herein, der nicht im Krankenhaus arbeitete. Nach 22.00 Uhr. Notfälle benutzten einen anderen Eingang. Wenn jemand herein oder heraus wollte, den Minna nicht als zum Personal des Krankenhauses gehörig erkannte, musste sie sich den Ausweis zeigen lassen, den Grund für den Aufenthalt im Krankenhaus in Erfahrung bringen und denjenigen ein Sonderformular ausfüllen lassen. War einer der Gründe, die auf dem Formular standen, gegeben, beispielsweise ein lebensbedrohlicher Zustand eines Angehörigen oder ein Kind, das nach Mutter oder Vater verlangte, weil es Angst allein im Krankenhaus hatte, dann durfte derjenige mit Sondererlaubnis herein. Wenn nicht, dann nicht. Da gab es keine Ausnahme. Das Formular entschied, wer herein durfte und wer nicht.

Es war eine recht entspannte Tätigkeit, die sie da ausübte. Viel Geld gab es nicht dafür, aber es reichte. Zum Leben reichte es. Denn zum Leben brauchte man nicht viel.

Minna hatte ein ziemlich blasses Gesicht mit grauen Ringen unter den schmalen grünen Augen, leicht eingefallene Wangen und bereits graue Strähnen in den Haaren. Dabei war sie erst achtunddreißig. Sicher kam das durch die Schlaflosigkeit. Der Körper war dünn und kraftlos, nicht sonderlich weiblich. Aber da sie kaum mit Menschen Kontakt hatte, machte sie sich über ihr äußeres Erscheinungsbild keine Gedanken. Fünf Nächte in der Woche saß sie hier hinter einer Glasscheibe. Trank Kaffee, aß Kekse. Spielte Solitär auf dem Computer. Schrieb Nachrichten an ihre jüngere Schwester. Der einzige Mensch, mit dem sie regelmäßig gern kommunizierte. Und das, wenn es ging, schriftlich. Las Bücher. Was ihr eben gerade in die Hände fiel. Romane, Sachbücher, philosophische Texte, Kurzgeschichten, Gedichte. Das meiste, das sie gelesen hatte, vergaß sie bald darauf. Es war nämlich nicht so, dass sie all das, was sie las, auch wirklich interessiert hätte. Das Lesen war eher mechanisch. Ein Zeitvertreib. Die Augen folgten den Zeilen, das Gehirn vollzog den Inhalt nach. Aber viel hängen blieb davon auf Dauer nicht. Sie las alles vollkommen teilnahmslos. Als hätte es nichts mit ihr zu tun. Im Grunde hatte ohnehin kaum etwas von außen mit ihr zu tun. Sie fühlte sich abgeschnitten. Sah die Welt durch einen dichten Schleier. Nichts kam an sie selbst heran. Alles befand sich zu ihr in großem Abstand. Deshalb konnte sie auch an nichts Interesse haben. Es war ja egal. Weil es sie nicht berührte.

Lustlos tauchte sie den Löffel in die Kaffeetasse, wirbelte die Milch auf, damit sie sich gleichmäßig mit dem Kaffee vermischte, betrachtete die entstehenden Wirbel und starrte auch noch dann in die Tasse, als alles eine Einheit gebildet hatte. Dann erst zog sie den Löffel heraus, legte ihn auf den Schreibtisch neben einen Drucker, den sie selten benutzte und wo schon viele Kaffeeflecke von dem immer gleichen Löffel waren, den sie stets an derselben Stelle abzulegen pflegte. Anschließend nahm sie einen großen Schluck aus der Tasse, stellte sie dort ab, wo sie sie immer abstellte und wo runde Rückstände auf der hellen Tischplatte waren. Dabei bemühte sie sich, die Tasse genau auf einen dieser alten Kreise zu stellen, um nicht einen neuen zu produzieren. Das tat sie seit einigen Wochen mit Erfolg. Es war kein neuer Kaffeetassenabdruck dazu gekommen. Dafür hatten sich die alten verstärkt und ein Muster gebildet.