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Wie soll man leben, wenn man langsam aber sicher alles vergisst, das einem wichtig ist? Wie fühlt sich Verdursten an? Wie können Eltern mit ihrem sterbenden Kind umgehen? Wie bereitet man sich auf eine Sturmflut vor? Wie gewinnt man gegen die Schwerkraft?
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Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Joana Goede
Fünf fallen um
Kurzgeschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Abnahme der Gedächtnisleistung
2. Wasser
3. Ein Mädchen über den Tod
4. Das Wetter im Norden
5. Der Radfahrer
Impressum neobooks
[Er rutschte mit zusammengekniffenen Lippen vom Ast, der bog sich unter dem Gewicht leicht nach unten, hielt aber seine Last. Und brach nicht. Der Körper hing und zuckte, er röchelte und wehrte sich, er versuchte Luft zu saugen und es gab keine für ihn. Im letzten Moment schien es, als ob er es doch nicht wollte. Als ob er es sich anders überlegt hatte und das Leben wählen wollte, unter welchen Umständen es auch immer stattfinden mochte. Die Hände griffen wie automatisch an die Kehle, die Finger gruben sich zwischen Schlinge und Hals durch, versuchten den Hals von der Schlinge zu trennen, doch die war zu fest. Bald fielen die Arme ermattet nieder, baumelten leblos, machten keine Anstalten mehr, das Leben zu retten, das zu ihnen gehörte. Ein Nachzucken fuhr noch oft durch die Glieder, auch als der letzte Lebensfunke schon erloschen war. Es wirkte so, als sei noch etwas in dem Körper. Als sei noch etwas darin, das sich nicht von ihm lösen wollte oder konnte. Es klammerte am Leben. Mit aller Kraft. Sie reichte nicht.]
Der Tote mitten im Wald wurde lange nicht gefunden. Als man ihn fand, entdeckte man eng beschriebene Zettel in seiner Jackentasche, sehr geschmiert, unordentlich, chaotisch.
Vermutlicher Wortlaut der Zettel nach der mühsamen Entzifferung:
Ich habe alles vergessen. Nichts ist mehr geblieben. Man kann sich dieses Nichts gar nicht unausgefüllt genug vorstellen. In einem Moment hatte ich noch eine grobe Ahnung von dem Gewesenen, im nächsten ist da wieder diese Leere. Marternd. Quälend. Keine Erinnerungsfähigkeit mehr. Geistesschwund. Mit wachsender Schwundstufe. Unabwendbares Ziel: Hirntod. Zumindest der höheren geistigen Funktionen, will sagen: Denkunfähigkeit. Will sagen: gehen können, aber vergessen zu haben, wohin. Sehen können, aber nicht zu verstehen, was. In den Spiegel zu blicken und sich selbst nicht zu erkennen, weil man vergessen hat, wie man aussieht.
Die Löcher, in denen nichts ist, breiten sich beständig aus. Immer öfter stecke ich in diesem Nichts fest. Dann kommt mir der Gedanke, ich müsse doch zur Arbeit gehen. Ein Blick auf die Armbanduhr versetzt mich in Panik. Hastig springe ich aus dem Sessel auf, laufe in den Flur, will meine Schuhe anziehen. Meine Frau kommt und fragt mich, wohin ich denn will. Ich sage ihr, dass ich ja wohl zur Arbeit muss. Daran hätte sie mich ja auch ruhig erinnern können oder nicht? Wo ich ja so vergesslich bin in letzter Zeit? Nichts hat sie gesagt. Und jetzt behauptet sie noch, ich müsse gar nicht zur Arbeit. Weil ich in Pension bin, seit zwei Jahren.
Meine Frau spinnt. Denke ich dann. Und ich sage ihr, dass sie spinnt. Sie sagt mir, dass ich Alzheimer habe. Ich reagiere gereizt und brülle sie an, sie soll mich endlich zur Arbeit gehen lassen. Was sollen die Schüler denken, wenn ich zu spät komme? Die stehen dann vor dem abgeschlossenen Klassenzimmer und kommen nicht rein.
Meine Frau wird stumm. Sie bittet mich, Zuhause zu bleiben. Ich stoße sie grob zur Seite, greife mir meine Jacke und renne raus in den Garten. Fasse in die Tasche, ziehe meinen Schlüssel heraus. Sehe, dass der Schulschlüssel nicht dran hängt. Dann plötzlich ist alles wieder da. Ein heller Moment. Ein Moment, wo ich wieder weiß, dass ich pensioniert bin. Dass ich Alzheimer habe. Dass ich meine Frau und Kinder tyrannisiere. Mit meinem Vergessen. Mit meinen Wutausbrüchen. Dass mein Vergessen mich tyrannisiert.
Kurz überlege ich, einfach wegzulaufen. Aber vor dem Vergessen kann man nicht weglaufen. Es ist sogar gefährlich, denke ich. Wenn ich jetzt draußen herumlaufe. Und dann nicht mehr weiß, wer ich bin. Wo ich bin. Wie ich dahingekommen bin und wo ich wohne. Ein alter verwirrter Mann. Ist das nicht peinlich?
Mein Zustand ist trostlos. Mein Leid grenzenlos. Ich bin eine Last. Für meine Frau, für meine Kinder, für mich selbst. Und es ist nicht heilbar, es wird nur schlimmer. Medikamente kann ich nehmen, die nicht helfen. Die vielleicht die Angst bekämpfen, die ausbricht, wenn ich orientierungslos irgendwo stehe. Wenn ich mich wundere, dass meine Mutter nicht kommt, wenn ich sie rufe. Die vielleicht die Muskelkrämpfe abschwächen. Bald werde ich nur noch wenige Wörter sprechen können. Ich werde meine Frau nicht mehr erkennen. Werde nicht mehr allein essen, zur Toilette gehen können. Furchtbare Geschichten habe ich gehört, von alten Menschen, die im Endstadium angefangen habe, ihre eigenen Exkremente zu essen. Wer will denn so leben?
