Die Dauerschuld - Joana Goede - E-Book

Die Dauerschuld E-Book

Joana Goede

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Beschreibung

Ein Kind kommt zur Welt und trägt bereits die Last auf seinen Schultern, durch seine bloße Existenz die Ehe seiner Eltern zerstört zu haben. Eine freche Satire - rund um Familie, Schuld und die Suche nach sich selbst ... August wird in die Welt geworfen und ist von Anfang an schuldig. Seine Mutter schiebt ihn an seinen Vater ab, der wieder an seine Mutter. Niemand will ihn haben, niemand interessiert sich für ihn. Deshalb bittet August seinen besten Freund Eduard, dass er, nach seinem Tod, seine Lebensgeschichte aufschreibt und veröffentlicht. Damit endlich jemand Notiz von ihm nimmt. Selbst Eduard hat dazu nicht die geringste Lust. Als er sich trotzdem dazu durchringt und alles aufgeschrieben hat, vergeht noch viel Zeit, bis sich ein Verleger findet, den Augusts Lebensgeschichte aber eigentlich auch nicht interessiert.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Joana Goede

Die Dauerschuld

Gesellschaftssatire

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor an den Leser

August

Der Berg

Der Vater

Die Mutter

Wieder an den Leser

Mellie

Noch einmal an den Leser

Jorge

Der Herausgeber

Die Umstellung

Die Übernachtung

Der Morgen

Der Herausgeber

Der Berg

Nebenwirkung

Die Insel

Der Autor an den Leser

August und das Meer

Das Ende des Riesen

Camille

Der Herausgeber

Wo ist August?

Der Autor an den Leser

Zweiacht

Der Autor an den Leser

Der Autor: Der Taucherurlaub

Schlusswort des Herausgebers

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Folgendes Manuskript über das merkwürdige Leben des August Amgine fiel mir auf dem Hinweg eines Besuchs meiner Schwester auf der Insel Eifel in die Hände. Ich setzte – wie gewohnt – mit der Fähre über und unterhielt mich bei der Überfahrt des Eifelkanals mit einem älteren Herrn hauptsächlich über Hunde.

Es traf sich nämlich so, dass ich meinen jungen und ungenügend erzogenen Schäferhund Rika bei mir hatte. Rika neigt dazu, jeden zähnefletschend anzuknurren, der nicht ich bin. Selbst mein Sohn wird regelmäßig als Einbrecher gemeldet, wenn er das Haus betritt, obgleich dies jeden Tag um dieselbe Uhrzeit nach der Schule geschieht. Unzählig sind die Löcher in den Hosen meiner Gäste, mein Sohn hat keine Beinbekleidung mehr ohne einen Flicken. Wir fürchten, dass Rika kein Gedächtnis für Menschen hat. Ihr Gedächtnis für Fütterungszeiten dagegen funktioniert tadellos.

Sie ist ein gesundes, herrlich anzuschauendes Exemplar ihrer edlen, hoffnungslos überteuerten Rasse. Ein Vermögen hat sie mich gekostet. Die großen Augen glänzen in eleganter Dunkelheit, die Fellzeichnung ist sauber und geordnet, das Fell selbst ist gepflegt und glatt, der Körperbau einwandfrei. Im Grunde wäre Rika der perfekte Schäferhund, wenn sie denn gehorchte und nicht in jedem Menschen gleich einen Feind zu erkennen glaubte.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich erzählen, wie Rika auf der Fähre pausenlos sabbernd kläffte und an der Leine zerrte, nach Vorbeigehenden schnappte und ich alle Hände voll zu tun hatte, den Hund festzuhalten. Meine Hände waren dunkelrot vom Einschnüren der Leine, meine Finger wurden zusehends taub aufgrund der anhaltenden Unterbrechung der natürlichen Blutzirkulation. Dabei fragte ich mich oft genug, warum ich das Tier überhaupt mitgenommen und dazu auch noch auf der Fähre aus dem Kofferraum geholt hatte, wenn es nur meinen Körper und meine Nerven hinter sich her über das Fährendeck schleifte. Sicher, ich wollte dem Hund Gutes tun. Die Luft auf Eifel ist immer sehr erholsam, nicht umsonst ist die Insel ein beliebtes Reiseziel für Sommerurlauber und Winterurlauber wie einst Rügen oder Sylt. Mancher mag sich noch daran erinnern.

Rika riss und bellte, zog mich mit den immensen Kräften eines ausgewachsenen, vor Jugend strotzenden, nicht ausgelasteten Schäferhundes quer über die Fähre, von einem Ende zum anderen, hartnäckig im Wechsel. Immerhin waren nicht sonderlich viele Menschen unterwegs, es war früh am Morgen und Spätherbst, da zieht es nicht viele Leute auf die Insel. Obwohl die Temperaturen dort das ganze Jahr über angenehm sind, aber es ist eben keine Ferienzeit.

Rika gelang es letztlich, als ich schnaufend eine Pause brauchte und sie erschöpft an der Reling befestigte, mir den Schweiß von der Stirn, sogar aus den Augen wischte und einen winzigen Moment nicht auf den Hund achtete, meinen dilettantischen Knoten aufzureißen und ungebremst über die Fähre zu rasen. Hin zu einer ungeschützten Person am anderen Ende, der ich nur noch starr vor Schreck zurufen konnte: Geben Sie acht, mein Hund!

Weitere Erklärungen waren unnötig.

Der ältere Herr, dem ich dieses zugerufen hatte, erkannte seine gefährliche Lage im Bruchteil einer Sekunde und kletterte beschwingt auf das nächstbeste Autodach, um nichts weniger als sein Leben zu retten. Rika stellte sich, laute aggressive Hundelaute von sich gebend, auf die Hinterbeine, konnte den Flüchtling jedoch nicht erreichen. Ihre dicken Vorderpfoten, man könnte glatt Pranken dazu sagen, patschten mehrfach gegen den Lack des Wagens, ich fürchtete teure Zerstörungen an dem Eigentum eines anderen.

Inzwischen war ich dem Fremden allerdings zur Hilfe geeilt, indem ich mit der Leine in der Hand Rika zur Vernunft bringen wollte, was freilich von keinem Erfolg gekrönt wurde. Ich musste sie, mich mit dem ganzen Körper gegen den wilden Zug des Hundes lehnend, an der Leine fortziehen und an einem Gitter festzurren. Dieses Mal gab ich mir bei dem Knoten alle Mühe. Und siehe da, er hielt!

Das Auto blieb zu meiner Erleichterung unbeschädigt, der ältere Herr auch. Niemals wage ich mir konkret vorzustellen, was Rikas prächtiges Schäferhundgebiss in der Wade eines Fremden für Abdrücke hinterlassen müsste. Es ist fraglich, ob überhaupt genug Wade zurückbleiben könnte, um die Zahnabdrücke des wüsten, paranoiden Vierbeiners zu zeigen.

Ich setzte an, mich zu entschuldigen, während ich aufgrund der offenkundigen Peinlichkeit der Situation hochrot angelaufen war: Mein Herr, verzeihen Sie das unmögliche Betragen meines Hundes. Er lässt sich einfach nicht erziehen. Wissen Sie, ich habe schon alles versucht! Das Tier stellt sich taub und blöde.

Der ältere Herr hatte mittlerweile seinen Hochsitz auf dem Autodach wieder mit dem Fährendeck vertauscht, musterte mich in meiner Röte belustigt und meinte versöhnlich: Ach, die Hunde machen eben manchmal auch, was sie wollen. Ich nehme es Ihrem Tier nicht übel. Im übrigen ist es ein sehr schöner Schäferhund, mein Vater hat welche gezüchtet. Ich kenne mich also aus.

Hocherfreut, einem Experten begegnet zu sein, konnte ich mich selbst kaum zurückhalten, ihn um einen Rat anzubetteln, wie ich aus Rika doch noch einen gesellschaftsfähigen Hund machen könnte. Ich war durchaus geneigt und auch bereit dazu, den potentiellen Retter auf Knien anzuflehen, mich armen, von der Unzähmbarkeit Rikas gepeinigten Hundebesitzer durch erfahrene Worte ein wenig zu entlasten, meine Qual auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Der ältere Herr kam mir jedoch mit einem Angebot zuvor, das mich sowohl erstaunte als auch erheiterte.

Er wollte sein gesamtes Wissen aufwenden, um mir mit Rika zu helfen, sie zu erziehen und sein Möglichstes tun, diesem Hund Manieren beizubringen, dafür bat er sich allerdings auch eine Sache aus, die ich für ihn tun sollte. Es stellte sich rasch heraus, dass es ihm um das eingangs erwähnte Manuskript ging, welches er, wie er sagte, bereits seit Jahrzehnten mit sich in der Tasche trug und jemanden suchte, der es veröffentlichte. Ich lachte und sagte zu ihm: Mein Freund, ich bin kein Verleger! Ich habe keine Erfahrung mit Büchern! Bei mir stehen sie immer nur im Regal. Fragen Sie mich nicht, wie sie dorthin kommen. Jemand schreibt sie, ich kaufe und lese sie. Was dazwischen geschieht, ist mir ein Mysterium.

Er entgegnete: Wollen Sie, dass Ihr Hund Ihnen gehorcht?

Zerknirscht gab ich zur Antwort: Ich wünsche mir nichts sehnlicher. Sehen Sie, es ist jedes Mal ein Spießrutenlauf, wenn wir Gassi gehen. Ich wohne in der Stadt und habe keinen Garten. Jetzt nehme ich Rika schon extra mit zu meiner Schwester auf die Insel, um sie mal ein wenig frei laufen lassen zu können. Da sind um diese Jahreszeit nicht so viele Menschen, Sie verstehen, nicht so viele, die der bestialischen, artuntypischen Angriffslust dieses Viehs zum Opfer fallen könnten.

Er: Sehen Sie! Dann nehmen Sie mein Angebot an.

Der ältere Herr stellte sich mir als ein Schriftsteller vor, dessen Namen mir allerdings nichts sagte. Es gibt so viele. Man verliert rasch den Überblick über die Neuerscheinungen. Ich zögerte lange, dann ließ ich mir das Manuskript zeigen und blätterte es nachdenklich durch. Auf dem weißen Druckpapier waren Schmierspuren um den Text herum, einen Titel gab es nicht. Augenscheinlich wurde das Leben eines Mannes dargestellt, der nicht viel hatte richtig machen können, und das wenige, bei dem er die Chance dazu gehabt hätte, hatte er ordentlich vergeigt.

Der Mensch gefiel mir. August Amgine, unbekannter Nationalität, hatte es mir angetan in seiner Unvollkommenheit, in seinem geheimnisvollen Wesen. Er schien mir ein Geworfener in der Welt, verloren in der Weite des Lebens. Seine Geschichte war geprägt von Wunderlichkeiten, denen man nicht alle Tage begegnet. Nebenbei gesagt: mir erschien die Sache zum Teil ein wenig zu unglaublich.

Unsicher blickte ich mehrfach zwischen dem Manuskript in meinen Händen, dem nach wie vor bellenden Ungetüm an der Leine und dem älteren Herrn hin und her, in dessen Augen Hoffnung glänzte. Schließlich meinte ich: Sie plagen sich schon so lange mit diesem Buch herum und ich mit meinem Hund. Tauschen wir also einmal. Ich nehme Ihnen Ihr Buch ab und Sie mir meinen Hund. Notfalls bezahle ich die Veröffentlichung aus eigener Tasche.

Er fiel mir um den Hals und ich ihm.

Es war wie ein Erlösungsschlag für uns beide.

Ich verließ die Fähre deutlich besser gelaunt, als ich sie betreten hatte. Mein Automotor brummte fröhlich, im Kofferraum hechelte Rika angespannt, als könne sie ihre erste Trainingsstunde bei dem netten Herrn gar nicht erwarten. So düsten wir frohen Mutes zu meiner Schwester, die nur wenige Kilometer von Rikas neuem Lehrer entfernt lebte. Das ist das Schöne an einer Insel – nichts ist weit von etwas anderem weg. Alles ist überschaubar und doch unbegrenzt in seinen Möglichkeiten. Ich pfiff ein Liedchen bei der Ankunft bei meiner herzensguten, aber manchmal etwas eigensinnigen Schwester, die mich nie hatte pfeifen hören und dementsprechend einen irritierten Blick aufsetzte. Ihr leicht angerunzeltes Gesicht – dabei ist sie gar nicht so alt, aber es macht wohl das Insel-Wetter – verzog sich dabei zu einer lächerlichen Fratze, der ich nichts erklären wollte. Sollte sie eben raten, was in mir und in Rika vorging. (Später habe ich es ihr natürlich doch erzählt. Der schwache Mensch kann Geheimnisse einfach nicht dauerhaft bewahren.)

Ich habe mir vorbehalten, einiges in dem Manuskript zu ändern, was mir nicht gefiel. Als Herausgeber ist das schließlich mein gutes Recht. Vieles habe ich gekürzt, anderes, das mir sinnvoll für die Handlung erschien, habe ich ergänzt. Zu Beginn fehlte mir eine gewisse Anschaulichkeit der Geschichte, die ich mich redlich bemüht habe herzustellen. Mir ist bewusst, dass ich dadurch die Wahrheit verfälscht und August Amgines Leben künstlich aufgebügelt habe, um es mir selbst schmackhafter zu machen. Nichtsdestotrotz musste ich die Änderungen vornehmen, der geneigte, geschätzte Leser wird darüber hinwegsehen.

Der Herausgeber.

Der Autor an den Leser

Einmal, es wird schon länger her sein, da saß ich bei August in seiner mickrigen Behausung und wir hatten uns nichts zu sagen. Diese Situation ist typisch für eine Unterhaltung mit August, die weit mehr aus einem peinlichen Schweigen als aus Worten besteht. Man würde es kaum ein Gespräch nennen können, wenn nicht hin und wieder doch einmal ein kurzer Dialog über Belanglosigkeiten aufkäme.

August hatte immer die unangenehme Eigenschaft, nichts zu sagen, wenn er nichts zu sagen hatte. Damit bin ich nie gut zurechtgekommen. Solche Unterhaltungen, bei denen keiner von uns über Stunden einen Laut von sich gab, abgesehen von dem unausstehlichen Geräusch des Herunterschluckens von Kaffee, Tee, Bier oder ähnlichem, würde ich aus meiner Erinnerung gern streichen.

Trotzdem: erinnere ich mich an August, dann zuerst stets an den stummen August, der mit locker aufeinandergelegten Lippen vor mir in seinem alten DDR-Sessel sitzt, betrübt vor sich hinblickt und tut, als sei ich nicht da.

Deprimierend ist das. Schließlich konnte August sehr wohl sprechen. Er tat es eben nur nicht ständig. So häufig mir das Geplapper und Getratsche, der small talk und die lächerlichen Wochenendanekdoten der meisten Menschen auch auf den Keks gehen – Augusts Stille quälte mich. Sie folterte und traktierte mich ganze zwölf Jahre lang, denn so lange war August für mich das, was viele einen besten Freund nennen würden. Ich nenne es nicht so, denn dafür war unser geistiger Austausch einfach zu gering. Schließlich war ich für ihn zu sehr ein durchsichtiger, alberner Luftgeist, den man in seiner Wohnung duldet, weil man ihn ohnehin nie loswird (es gibt noch immer kein wirkungsvolles Rezept gegen Luftgeister); und er für mich zu sehr ein Felsbrocken. Was ist das für eine Basis für eine ordentliche Freundschaft, frage ich mich, wenn sich einer mit dem anderen schon seinem Material nach nicht verträgt? Wie soll ein Ding aus Luft ein Ding aus Stein lieben können?

Dieser Wesensunterschied war wohl unser größtes Problem.

Es gab Momente, in denen August aber plötzlich redselig wurde, in denen er sich vor mich setzte, mich offen anblickte und von sich aus zu erzählen begann. Oftmals handelte sein Erzählen von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit. August war in nichts sonst Experte. Er hatte keine Ausbildung, keine Arbeit, keinen Beruf. Geduldig habe ich mir alles angehört, was er mir vorzutragen hatte, habe an den richtigen Stellen genickt, gelächelt, gezweifelt, gegähnt, gelangweilt an meiner Zigarette gezogen und gewartet, bis er endete. Das anschließende Schweigen war mir das herrlichste Erlebnis.

Vor einigen Jahren bat August mich darum, seine Geschichte aufzuschreiben. Er selbst, meinte er, könne das nicht gut tun. Schließlich würde er sich seit langem ernsthaft bemühen, das meiste davon zu vergessen. (Unter uns gesagt: den Eindruck hatte ich nicht. August war für sich selbst das einzige und das schönste Thema...warum sollte er etwas davon vergessen wollen?)

Leider hatte er mir, wie oben beschrieben, in jahrelanger Arbeit alles haarklein erzählt. Ich war also bestens über ihn im Bilde, ich war der einzige, der die Sache für ihn zu Papier bringen konnte. Das durfte ich nicht abstreiten. Niemals hat August mir gesagt, weshalb er sein Leben in geschriebener Form hinterlassen möchte. Dem ungeachtet schien es ihm ernst damit zu sein, denn er flehte und bat mich lange genug, bis ich einwilligte und sagte: Gut, ich werde sie schon irgendwann einmal aufschreiben.

Bis heute habe ich es nicht getan.

Ich habe dazu nämlich keine Lust.

Augusts Geschichte ist nicht sonderlich mitreißend, hauptsächlich ist sie wohl traurig. Traurige Geschichten liegen mir nicht. Ich schreibe von Natur aus nur Lustiges. Mit traurigen Sachen kann man nicht gut Geld verdienen. Besonders nicht mit traurigen Geschichten, in denen nicht viel passiert. Lieber Leser, Dir wird also klar, warum ich mich bis jetzt nicht dazu herablassen konnte, den Kram zu verschriftlichen, den August mir in seiner kurzangebundenen und unkreativen Art dargelegt hat.

Ich schreibe bis jetzt, weil ich jetzt keine Wahl mehr habe. Der Geldmangel zwingt mich, nun doch zu August und seinen deprimierenden Erlebnissen zu greifen. Denn unglücklicherweise ist August in der letzten Woche gestorben. Außer mir kannte er keinen, deswegen hat er mir seinen bescheidenen Besitz hinterlassen. Es handelt sich immerhin um ein akzeptables Bankkonto und eine kleine Eigentumswohnung (ein Zimmer) in der Innenstadt. Der Leser erkennt sofort, dass mir nichts anderes übrig bleibt – ich muss, so sehr es mir auch widerstrebt, alle Bedingungen von Augusts Testament erfüllen, um das Erbe zu erhalten.

Und die Hauptbedingung ist eben diese:

ich soll binnen eines Jahres endlich seine Geschichte aufschreiben, wie ich es schon lange versprochen hatte. Und anschließend soll ich mich bemühen, sie zu veröffentlichen. Erst dann darf ich das Erbe erhalten.

Man sieht gleich, was für ein komplizierter und eigenwilliger Zeitgenosse August war. Elender Egozentriker. Ich werde also leider nun seine Geschichte niederschreiben müssen, denn ich brauche das Geld und die Wohnung, wenn ich nicht bald auf der Straße sitzen will. Und aus familiären Gründen. Menschen mit mehr als einem Kind verstehen das. Folglich werde ich alles aneinanderreihen, was er mir erzählt hat.

Da ich aber keine Lust zu dieser Sache habe, wird mir ja wohl niemand verübeln, wenn ich das Ganze etwas ausschmücke. Solange ich mich zumindest grob an die Wahrheit halte. August kann schließlich nicht von mir verlangen, diese ganze Langweiligkeit so langweilig zu lassen, wie er sie erlebt hat.

Das will keiner schreiben.

Und lesen auch nicht.

Für unser aller Wohl werde ich deshalb hinzuerfinden, was mir in den Kram passt, und keine Rücksicht auf August nehmen. Soll er sich beschweren, wenn er kann.

Verständlicherweise bin ich momentan nicht gut auf ihn zu sprechen. Er macht mir nur Arbeit! Als wenn ich nicht genug zu tun hätte. Ständig brüllen meine beiden Kinder im Hintergrund, der Leser kann froh sein, sie nicht zu hören! Sie hacken aufeinander herum, dass man sich wünschen könnte, man hätte einen Job mit einem Büro! Da hätte man wenigstens Ruhe.

Aber nein. Meine Frau arbeitet immerhin woanders. In einer Reinigung. Sie macht alles besser als ich. Dagegen muss ich nicht nur Zuhause die Kinder davon abhalten, sich gegenseitig zu verstümmeln (die Kinder: drei und fünf Jahre alt), sondern auch noch versuchen, aus Augusts staubtrockenen, leblosen und einfallslosen Berichten etwas zu machen! Man stelle sich meine Lage vor! Und wie sehr ich diese kleine Wohnung in der Stadt brauche! Um diesem Lärm auszuweichen! Und das Geld! Um diese Wohnung halten zu können!

Mein Leben ist eine einzige Misere.

Ständig muss ich abbrechen und Standpauken halten. Das erschöpft mich. An dieser Stelle verfluche ich offiziell dreimal meinen verstorbenen Freund August! – auch wenn man über Tote ja nicht schlecht reden soll. Dieser rücksichtslose Mensch hat es aber verdient. So. Nun will ich mich nicht weiter aufregen. Wenn ich nicht endlich anfange, werde ich nie fertig. Uff.

Der schlechtgelaunte Autor.

August

August war kein Kind wie andere es waren; er schleppte bereits in jungen Jahren eine große Schuld mit sich herum, die er an sich kaum tragen konnte. Hart drückte sie von oben auf seinen Kopf, beugte diesen durch ihr Gewicht leicht nach vorn und gab August demgemäß ein etwas eigenwilliges Aussehen. Der uferlose Schmerz der Schuld fand sich in seinen beim Gehen stets zum Boden gerichteten Augen. Selten blickte er einem Menschen direkt ins Gesicht, denn er wagte es nicht. Er fürchtete, der andere könne die Schuld sehen. Wie ein kleines, niedergeschlagenes S schaute er von der Seite gesehen aus, was bei seinen Altersgenossen nicht selten gemeine Äußerungen voll von Spott und Verachtung provozierte.

Was hatte August in diese unangenehme, aber nicht zu behebende Körperhaltung geführt? Was hatte ihm dieses Leben als Außenseiter aufgezwungen?

Die Geschichte ist schnell erzählt, weil sie sich so oder so ähnlich häufig ereignet.

August war das zweite Kind. Und man hatte ihn nicht gewollt. Zumindest war das die Erklärung, die ihm seine um drei Jahre ältere Schwester Anna stets gegeben hatte. Mit einem Kind waren Augusts Eltern glücklich und zufrieden gewesen. Als das zweite kam, trennten sie sich. Für jeden musste offensichtlich sein, dass August allein die Schuld an dieser Familienauflösung trug. Er war verantwortlich für die einsame Mutter, der der Mann fehlte, und die vaterlose Schwester, die ihn dafür hasste.

So eine Schuld lässt sich in gewöhnlichen Gewichtsklassen nicht ausdrücken. August glaubte, ein großer, unsichtbarer Berg sei auf seinem Hinterkopf gewachsen und dieser wachse beständig fort. Er konnte ihn nicht fühlen und nicht sehen, doch er hörte, wie der Berg wuchs. Mit jedem Schluchzen von Augusts Mama, das sie nachts in ihrem Kopfkissen ersticken wollte, erhob sich der Berg ein wenig, mit jeder Beschimpfung der Schwester. Mit jedem Klingeln des Telefons, das nicht der Vater war, gewann Augusts Berg an Höhe.

Je weiter der Berg anschwoll, desto tiefer sank Augusts Kopf. Ärzte konnten dafür keinen Grund in seinem Knochenbau entdecken. Als August etwa fünf Jahre alt gewesen war, hatte es angefangen. Zunächst kaum sichtbar war der Kopf gesunken, man hatte Trauer darin zu erkennen geglaubt. Das Kind ließ eben den Kopf hängen, weil die Eltern sich getrennt hatten. Als August zehn war, hing der Kopf wesentlich tiefer und niemand glaubte mehr an Trauer. Selbst Augusts Mutter hielt es mittlerweile für einen Tick ihres Sohnes und kümmerte sich nicht mehr darum. Sie hatte ohnehin Wichtigeres zu tun, als sich um die Eigenheiten ihres stillen Kindes zu kümmern. Rechnungen mussten bezahlt werden und das ohne das nötige Geld. In Augusts trübseliges Seelenleben wollte sie gar keinen Einblick mehr erhalten. Sollte das stupide, sture Kind doch machen, was es wollte.

Daher war August mit seinem Berg relativ auf sich allein gestellt und er war froh darüber. Seine Schwester wollte er nicht sehen, weil sie ihn permanent nur beschimpfte. Und er wusste es ja: mit jedem ihrer keifenden Worte wuchs sein Berg. Seine Mutter wollte er ebenfalls nicht sehen, weil sie ihn anschwieg. Da war nichts Herzliches in ihrem Betragen gegen August, nur Kälte. Lautlose Kälte. Auch diese von Abscheu geprägte Lautlosigkeit gab dem Wachstum des Berges neuen Auftrieb, sie wirkte wie ein starker industrieller Dünger auf ihn.

Darum hielt August sich am liebsten, sobald er aus der Schule kam, auf dem Dachboden des Mehrfamilienhauses auf. Unter tiefen Schrägen waren abgeteilte, abschließbare, den Mietern des Hauses zugeteilte Bereiche, wovon einer allein August gehörte. Seine Mutter kam selten auf den Dachboden, Anna setzte ohnehin keinen Fuß in diesen Teil des Hauses. Er war ihr unheimlich, wegen seiner Dunkelheit und der Wäscheleinen, an denen fast nichts hing. Die Wäscheleinen waren quer durch den Mittelgang des Dachbodens gespannt und nur hier und da hing schlapp einmal ein Bettlaken, ein Nachthemd oder ein vergessener Pullover. August fürchtete sich nicht im geringsten vor der Dunkelheit.

Hauptsächlich war der Dachboden ein Abstellplatz für Dinge, die nicht oft oder gar nicht gebraucht wurden, die aber auch zu schade waren, um sie wegzuwerfen. Unter diesen ausrangierten, missverstandenen Gegenständen fühlte August sich eigentlich ganz wohl. In seinem eigenen Dachbodenabteil stand nicht viel herum. Ein altes Fahrrad war da, das zuerst Anna, dann August gehört hatte. Jetzt war es für beide zu klein geworden, also staubte es zu und hatte keine Funktion mehr. Daneben reihten sich einige Kisten aneinander, in denen angeschlagenes Geschirr, ein paar staubige Bücher und wenige Erbstücke von Augusts Oma waren, die er nie kennengelernt hatte. Das machte die Erbkiste für ihn uninteressant.

Augusts größte Aufmerksamkeit galt den wenigen Spielsachen, die er oder seine Schwester nicht mehr hatten haben wollen und die deshalb hier oben standen. Ein kleines Schaukelpferd aus Holz war da, auf das man höchstens eine Puppe hätte setzen können. Dazu gab es einen Plastikkasten mit Legosteinen, aus denen man allerhand bauen konnte; einen Plüschbären mit nur einem Arm, der immer etwas fröhlich dreinschaute, und eine kleine Spieldose, die, wenn man sie aufzog, eine entzückende Melodie von sich gab. Zu dieser Melodie ritt der Teddybär oftmals auf dem Schaukelpferd durch eine wunderbare Welt aus bunten Legosteinen, entdeckte dabei wahre Schätze wie goldene Teller, Tassen aus Edelstein und manches mehr. August benötigte die Welt draußen gar nicht, um Abenteuer zu erleben. Er brauchte auch keinen Fernseher, keine Computerspiele oder Bücher. Schließlich hätte er gar nicht gewagt, seine Mutter um irgendeines dieser Dinge zu bitten. Das schlechte Gewissen hielt ihn ab, denn er hatte seiner Mutter schon so viel genommen. Wie konnte er dann jetzt noch etwas von ihr verlangen? So verbrachte August Stunden um Stunden auf seinem Dachboden.

Ansonsten stand er morgens ohne Murren auf, frühstückte schweigend, kam nie zu spät zur Schule, erledigte brav seine Hausarbeiten, verschwand für den Nachmittag auf dem Dachboden, erschien auf die Minute zum Abendessen, ging ohne Widerrede ins Bett und bemühte sich heftig darum, sofort einzuschlafen. Unter keinen Umständen wollte er seiner Mutter Anlass zum Ärger geben, er wollte ihr nicht den kleinsten Umstand bereiten.

Insofern war August ein sehr einfaches Kind. Sehr viel einfacher als die meisten anderen.

Der Berg

An einem späten Nachmittag in den Sommerferien, die August, da die Familie selten einmal in Urlaub fuhr, hauptsächlich für sich mit seinen Spielen verbrachte, machte August sich gerade auf den Weg zum Abendessen, als er auf dem obersten Treppenabsatz vor dem Dachboden auf seine Schwester stieß. Anna, bald vierzehn Jahre alt, starrte ihren jüngeren Bruder aus verdrießlichen blauen Augen an. Sie machten August nur allzu deutlich, dass sie auf Befehl handelte, indem sie hier war. Freiwillig wäre sie niemals zu ihm gekommen, um mit ihm zu sprechen. August wich wie gewohnt ihrem Blick aus, weil er ihn nicht ertragen konnte. Er suchte sich einen Punkt auf dem Treppengeländer, einen kleinen Sticker, der eine Erdbeere darstellte. Der Sticker war schon ziemlich verblichen, aber die Erdbeere war noch erkennbar.

Anna meinte in ihrer unhöflichen Art gegen ihn: Starr nicht so dämlich. Immer schaust du an mir vorbei. Glaub nicht, dass ich dir sage, was ich dir sagen soll, wenn du mich nicht ansiehst. Das nervt. Du bist total bescheuert. Nun guck schon hoch! Hallo!

August überwand sich und hob den Kopf ein wenig. Es fiel ihm schwer, gegen das Gewicht des Berges anzukämpfen. Langsam näherte sich sein Blick dem seiner Schwester und als sich beide trafen, schoss August ein schwerer Schlag durch den Kopf und seinen Nacken! Der pfefferte ihm das Kinn gegen die Brust und August selbst gegen die Wand hinter sich. Offenbar hatte der Berg, durch die scheußliche Art seiner Schwester, nun eine Größe und Schwere erreicht, die Augusts Kopf nicht mehr halten konnte. Abgeknickt war er und August meinte, sein Genick sei gebrochen. Er war nicht in der Lage, den Kopf ein Stück weit anzuheben, ihn zu drehen oder auch nur den Mund zu öffnen. Langsam sank er an der Wand hinter sich herab, kriechend bewegte er sich etwa einen Meter an der Wand entlang und blieb anschließend bewegungsunfähig liegen, den Kopf krampfartig nach vorn gepresst und vollkommen orientierungslos. Das Abknicken hatte ihm die Fähigkeit genommen, oben von unten unterscheiden zu können – er erkannte lediglich durch die Berührung des Bodens mit seinen Händen und der Wand mit seinem Rücken, dass er sich auf dem Erdboden befand. Sicher sagen, was Wand und was Fußboden war, konnte er nicht. In kurzen Schüben atmete August durch die Nase aus und ein, wirkte wie ein erstickendes Tier.

Die Worte seiner Schwester verstand er kaum, sie sagte von weit her: Du tickst ja nicht mehr sauber. Mama schickt mich, es gibt heute kein Abendessen. Sie geht aus. Du sollst dir selbst was machen. Ich geh nachher auch weg.

Schritte entfernten sich, August fühlte sich verloren. Jeder Leser möge das Kinn einmal fest gegen die Brust drücken und schauen, wie ihm selbst das Atmen möglich ist, um nachzufühlen, wie es August in diesem Moment erging. Erst war er gar nicht sicher, noch zu leben. Bald kam er zu dem Schluss, dass er zwar lebte, allerdings wohl nicht mehr lange. Er rührte versuchsmäßig die Finger seiner linken Hand, dann die Hand, dann den Arm. Mit ruckartigen Bewegungen schleppte August sich schließlich, seine wenigen Kräfte mobilisierend, nach vorn, dorthin, wo er die Treppe vermutete. Mittlerweile konnte er, wenn er den Oberkörper leicht anhob, etwas sehen und damit ungefähr einordnen, wo er sich befand. Er wusste, dass er nicht überleben würde, wenn ihn niemand entdeckte.

Der Berg tötet mich, dachte August.

Dass der Berg von der Schuld kam, hatte er lange verdrängt. Was blieb, war ausschließlich das Ding auf seinem Kopf, das seinen Hals gebrochen hatte. Den Ursprung dieses Todfeinds wollte August sich nicht mehr erschließen. Er war ohnehin nicht relevant.