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Liverpool, Royal School for the Blind, 1854: Der jungen Lehrerin Eve wird eine außergewöhnliche Anstellung angeboten. Der Sultan von Sansibar sucht eine Gouvernante für seine blinde Tochter Nunu. Die 25-jährige Eve überlegt nicht lange, als Waise hält sie nichts in England. Im fernen Sansibar, in dem prächtigen Palast des Sultans, lernt sie eine völlig neue Welt kennen. Als der alte Sultan stirbt, entbrennt jedoch ein erbitterter Machtkampf um seine Nachfolge. Eve zieht sich mit Nunu auf eine Gewürzplantage zurück, wo sie Nunus Begabung im Umgang mit Düften und in der Herstellung von Duftkompositionen weiter fördert. Aber die friedliche Zeit endet jäh, als sich die beiden Frauen in denselben Mann verlieben ...
Eine junge Frau wagt ein neues Leben. In einem märchenhaften Palast am Meer beweist sie Mut und Stärke.
Ein mitreißender Schmöker, der uns ins faszinierende Sansibar führt.
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Seitenzahl: 805
Veröffentlichungsjahr: 2025
Liverpool, Royal School for the Blind,1854: Der jungen Lehrerin Eve wird eine außergewöhnliche Anstellung angeboten. Der Sultan von Oman und Sansibar sucht eine Gouvernante für seine blinde Tochter Nunu. Die 25-jährige Eve überlegt nicht lange, denn als Waise hält sie nichts in England. In einem Palast am Meer lernt sie eine völlig neue Welt kennen. Als der Sultan stirbt, entbrennt jedoch ein Machtkampf um seine Nachfolge. Eve zieht sich mit Nunu auf deren Gewürzplantage ins Landesinnere zurück, wo sie Nunus Begabung im Umgang mit Düften und in der Herstellung von Duftkompositionen weiter fördert. Aber die friedliche Zeit endet jäh, als sich die beiden Frauen in denselben Mann verlieben …
Christina Rey studierte Geschichte und Soziologie und engagiert sich in sozialen Projekten im In- und Ausland. So unterstützt sie in Ostafrika eine Schule für Straßenkinder. Ihr besonderes Interesse gilt anderen Länder und Kulturen. Bei einer Fotosafari lernte sie das facettenreiche Kenia und seine Natur kennen, auf den Malediven verbrachte sie einen nachhaltig konzipierten Tauchurlaub. An Sansibar faszinierte sie vor allem die dortige Tierwelt. Christina Rey ist außerdem eine begeisterte Fotografin.
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieses Werk wurde vermittelt durchdie Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Heike Brillmann-Ede, Sarstedt
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: © www.buerosued.de | © Mauritius Images/Westend61/Konstantin Trubavin
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-7565-6
luebbe.de
lesejury.de
Liverpool, 1852
Eve Goodall saß im Lehrerzimmer der Royal School for the Blind, vertieft in die Korrektur einer Klassenarbeit. Sie sah nur flüchtig auf, als sich die Tür des Zimmers öffnete und ihre Freundin und Kollegin Lorraine eintrat.
»Eve?«, fragte die junge Frau.
»Ich bin hier.«
Als Eve antwortete, wandte Lorraine sich ihr wie selbstverständlich zu und näherte sich dem langen Tisch, an dem Eve arbeitete. Niemand, der es nicht wusste, hätte erkannt, dass die hübsche, dunkelhaarige Frau völlig blind war.
»Ist es schon Zeit zum Essen?«, erkundigte sich Eve. »Ich hatte eigentlich gedacht, ich kriege das hier vorher noch fertig.«
Es gehörte zu den Aufgaben der Lehrerinnen, bei den Mahlzeiten je einem Zwölfertisch mit Zöglingen des Internats vorzusitzen. Die sehenden Mitglieder des Lehrkörpers hielten dabei auch stets die Tischmanieren der Kinder unter der Aufsicht der Sehbehinderten im Blick. Es war Ziel der Schule, die Kinder zu befähigen, im späteren Alltag unter Sehenden möglichst nicht aufzufallen und so selbstständig zu sein wie nur irgend möglich. Eve und Lorraine beaufsichtigten nebeneinanderstehende Tische und gingen gewöhnlich gemeinsam zum Essen.
»Nein, aber Miss Jarred will dich sprechen«, erklärte Lorraine. »Ich traf sie eben auf dem Gang, und sie bat mich, es dir auszurichten. Du sollst gleich in ihr Büro kommen, sagt sie.«
»Hab ich was ausgefressen?«, fragte Eve ohne allzu große Besorgnis. Sie lebte seit dreizehn Jahren in der Blindenschule – erst als Schülerin, dann als Lehrerin, und sie kannte und befolgte die Regeln.
»Sie hörte sich nicht verärgert an«, meinte Lorraine, die sehr sensibel auf Zwischentöne reagierte, wie viele Blinde. »Geh hin, dann weißt du es. Oder ist das hier sehr eilig?«
Sie beugte sich über Eve und fuhr leicht mit den Fingerspitzen über die in Brailleschrift verfasste Arbeit, die Eve eben korrigierte.
»Oh, Susan Sherman! Meine Lieblingsschülerin!«, rief sie fröhlich. »Sie hat eine Stimme wie ein Engel und singt so selbstverständlich wie ein kleiner Vogel. Dazu hat sie ein hervorragendes Gehör. Vielleicht kann sie sich damit mal ihren Lebensunterhalt verdienen.« Lorraine war Musiklehrerin und brachte begabten Schülern und Schülerinnen auch bei, Instrumente zu spielen und Klaviere zu stimmen. Selbst wenn es bei Susan nicht für eine Karriere als Sängerin reichen würde, könnte sie doch als Klavierstimmerin arbeiten.
»Das ist schön, mit der Rechtschreibung hat sie es leider nicht so …«, sagte Eve und seufzte. »Aber ich stimme dir zu, sie ist ein ganz entzückendes Kind – das nun wohl noch einen Tag länger auf die Rückgabe seiner mäßig gelungenen Arbeit warten muss. Wahrscheinlich macht es ihr nicht viel aus. Ich gehe dann mal und treffe dich beim Essen.«
Eve legte ihre Arbeit zusammen und machte sich auf den Weg zum Büro der Rektorin. Wie immer herrschte auf den Korridoren der Schule reges Leben. Die meisten Schüler und Schülerinnen waren mit Blindenstöcken unterwegs, um mit niemandem zusammenzustoßen. Auch ein Großteil der Lehrer und Lehrerinnen verfügte über kein vollständig gesundes Augenlicht. Eve selbst trug zwar eine Brille, doch ihre Sicht war nicht so schlecht, dass sie eine Blindenschule hätte besuchen müssen. Tatsächlich hatte sie Glück gehabt. Als Waise hatte sie von klein auf in einem Heim gelebt, und ihre Sehfähigkeit hatte sich aufgrund einer Krankheit immer mehr verschlechtert. Mit zwölf Jahren hatte sie deshalb ein Stipendium für die Royal School for the Blind erhalten, wo es ihr sehr gut gefallen hatte. Die Ausbildung war weit besser als in den meisten öffentlichen Schulen, und sie hatte sich früh entschlossen, sich später zur Lehrerin ausbilden zu lassen und dort zu bleiben. Dann war jedoch eine Operationsmethode erfunden worden, die ihre Krankheit heilen konnte. Die Sponsoren der Blindenschule hatten die Kosten übernommen, und Eve hatte ihr Augenlicht weitgehend wiedererlangt. An ihren Plänen hatte das nichts geändert, und nun arbeitete sie bereits seit fünf Jahren als Lehrerin und Erzieherin in der altehrwürdigen Blindenschule in Liverpool. Man freute sich hier über jedes sehende Mitglied des Lehrkörpers. Nur wenige junge Menschen ohne Sehbehinderung interessierten sich für eine Arbeit mit Blinden.
Miss Jarreds Büro lag im ersten Stock des Gebäudes und bot einen Blick über den ihm vorgelagerten kleinen Park. Sie bat Eve gleich nach dem ersten Klopfen herein und lächelte ihr zu.
»Schön, Sie zu sehen, Miss Goodall. Ist alles in Ordnung, sind Sie zufrieden?«
Eve nickte. »Natürlich, Miss Jarred. Ich bin immer noch glücklich hier. Die zweite Klasse macht mir viel Freude.«
Miss Jarred biss sich auf die Lippen. »Dann hätten Sie kein Interesse daran, uns möglicherweise bald zu verlassen?«
Eve erschrak. »Die Schule verlassen? Aber warum denn? Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Sind Sie nicht mehr zufrieden mit meiner Arbeit?«
Die Rektorin schüttelte den Kopf. »Nein, nein, natürlich nicht, verstehen Sie mich nicht falsch! Sie gehören zu unseren besten Lehrkräften, ich würde mich nur äußerst ungern von Ihnen trennen. Allerdings habe ich eine sehr ungewöhnliche Anfrage erhalten. Und nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Sie den Anforderungen an die Stellung am ehesten entsprechen würden.«
Sie spielte mit einem Briefumschlag aus feinstem Büttenpapier mit Goldaufdruck.
»Tatsächlich bittet der Sultan von Oman und Sansibar, Sejid Said, die Schulleitung um die Entsendung einer Gouvernante für seine von Geburt an blinde Tochter Nunu. Sie ist neun Jahre alt. Das würde einen jahrelangen Aufenthalt in einem fernen Land bedeuten, einem Land mit Sitten und Bräuchen, die sehr von den unseren abweichen …«
Eve runzelte die Stirn. »Und da halten Sie mich für besonders qualifiziert?«, fragte sie. »Ich bin bisher nie weiter gekommen als bis nach London.«
Die Rektorin lächelte. »Aber Sie sind jung und aufgeschlossen. Sie können sehen – eine blinde Lehrerin würde ich ungern in die Fremde schicken. Hinzu kommt, dass Sie Waise sind, Sie müssten keine geliebten Familienangehörigen zurücklassen. Und zu guter Letzt halte ich Sie für ausreichend gefestigt im christlichen Glauben, um unter Mohammedanern leben zu können, ohne abtrünnig zu werden. Was meinen Sie also, Miss Goodall? Hätten Sie Lust auf ein Abenteuer? Ach ja, nebenbei bemerkt ist die Stellung außerordentlich gut bezahlt und beinhaltet Kost und Logis im Sultanspalast. Wenn Sie in ein paar Jahren heimkämen, hätten Sie ein kleines Vermögen erworben.«
Eve schnappte nach Luft, als die Rektorin die Summe nannte, die sie im Monat verdienen sollte. Es war fast das Fünffache ihres bisherigen Gehalts. Mit diesem Geld taten sich ihr ganz neue Möglichkeiten auf. Sie war fünfundzwanzig, und natürlich träumte sie gelegentlich von einem eigenen Haushalt, einem Mann und Kindern. Mangels Mitgift und Gelegenheiten, außerhalb der Schule jemanden kennenzulernen, hatte sie jedoch nie an eine Verwirklichung ihrer Fantasien gedacht. Und nun war da der völlig unerwartete Ruf in eine fremde Welt – und die Aussicht, sich nach ihrer Rückkehr ein ganz anderes Leben aufbauen zu können …
»Sprechen die Leute denn dort Englisch?«, fragte Eve etwas ängstlich. »Gibt es … eine englische Botschaft? Irgendjemanden, an den ich mich wenden könnte, wenn es … Probleme gäbe?«
Die Schulleiterin nickte. »Es gibt ein englisches Konsulat, unser Land hat auf Sansibar großen Einfluss. Der Konsul unterstützt auch ausdrücklich das Ansinnen des Sultans. Ein Brief von ihm liegt bei. Er versichert uns, dass einer Lehrerin im Sultanspalast keinerlei Gefahren drohen, das Angebot ist äußerst seriös, Sejid Said gilt als ehrenwerter Mann. Es ist außerdem anzunehmen, dass die gebildeten Kreise auf Sansibar des Englischen mächtig sind. Ihrem Zögling werden Sie es sowieso beibringen müssen. Für die arabische Schrift besteht meines Wissens noch keine Braillevariante.«
Eve nickte. »Das Mädchen ist neun, sagten Sie?«
Miss Jarred vergewisserte sich noch einmal mit einem Blick in ihre Papiere. »Ja. Und es scheint mir ein rechtes Früchtchen zu sein! Nach dem, was der Sultan andeutet, terrorisiert Nunu die ganze Familie. Sie mag sich mit ihrer Blindheit nicht abfinden und versucht, sich an ihren sehenden Geschwistern dafür zu rächen. Sie soll sogar versucht haben, einem Bruder die Augen auszustechen.«
Eve runzelte erneut die Stirn. Von einem solchen Verhalten bei englischen Schülern hatte sie noch nie gehört.
»Der Sultan fordert auch ausdrücklich eine Erzieherin an, nicht einfach nur eine Lehrerin. Die Dienerin, die jetzt für das Kind sorgt, ist heillos überfordert. Die Mutter ist wohl gestorben …«
»Der Sultan ist Witwer?«, fragte Eve.
Die Schulleiterin lachte. »Der Sultan unterhält einen Harem – womöglich mit Dutzenden von Frauen. Sie werden dort mit einer völlig andersartigen Familien- und Gesellschaftsstruktur konfrontiert werden. Der Sklavenhandel soll noch weitverbreitet sein. Dennoch scheinen dem Sultan seine Familie und seine Kinder ausgesprochen am Herzen zu liegen. Sie würden in seinem Haus auch nicht die einzige Lehrerin sein, eine Dame aus dem Oman unterrichtet die Kinder in Koranstudien.«
»Wie viele Kinder hat er denn?«, erkundigte sich Eve.
Miss Jarred zuckte mit den Schultern. »Das wusste der Konsul nicht so genau. Geschätzt um die dreißig …«
»Dreißig Kinder?«, wunderte sich Lorraine, als die Freundinnen nach dem Abendessen zusammensaßen. Den Lehrkräften stand dafür ein äußerst gemütlicher Salon zur Verfügung, und die Frauen hatten sich einen Platz am flackernden Kaminfeuer gesichert. »Unglaublich! Aber er muss sie ja wirklich gernhaben, sonst würde er um das blinde Mädchen nicht solche Umstände machen. Also ich an deiner Stelle würde gehen, so eine Gelegenheit bekommst du nie wieder! Überleg mal, ein Palast – was für ein Luxus da herrschen muss! Und es ist ein warmes Land. Du würdest nicht mehr dauernd frieren.«
Eve behagte der englische Winter tatsächlich wenig. Der Gedanke, ihm für einige Jahre entfliehen zu können, hatte etwas Verlockendes.
»Aber siebzig Frauen! Und eine ganz andere Religion … womöglich gibt es nicht einmal eine Kirche …« Eve konnte sich ein Leben ohne den sonntäglichen Gottesdienst nicht vorstellen. Der Schultag in der Royal School begann auch stets mit einem Gebet, und neben ihrem Bett lag eine Bibel – obwohl sie zugegebenermaßen selten darin las.
»Du sollst den Sultan ja nicht heiraten!«, gab Lorraine zu bedenken. »Und wenn es eine englische Kolonie gibt, gibt es sicher auch eine Kirche. Mach es doch nicht von solchen Kleinigkeiten abhängig! Denk lieber an die tropische Vegetation, die Früchte, die Düfte … Eve, das wird die Reise deines Lebens! Willst du wirklich, dass Miss Jarred eine andere schickt? Adele Blossbottom oder so?«
Eve kicherte. Miss Blossbottom war eine ältliche Lehrerin, die ihre jüngeren Kolleginnen genauso streng durch ihr Lorgnon zu mustern pflegte wie ihre Schüler. Der Gedanke an die altjüngferliche Pädagogin in einem Haushalt mit Dutzenden Konkubinen und dreißig Kindern – Miss Blossbottom würde gar nicht mehr aufhören können, sich zu bekreuzigen.
»Das könnte man der kleinen Nunu nicht antun.« Sie lachte. »Also schön. Ich schlafe noch mal darüber, aber du hast mich schon ziemlich überzeugt. Wo liegt das Land eigentlich genau? Ist das schon Afrika?«
»Sansibar besteht aus zwei Inseln vor der Küste von Ostafrika«, verriet Mr. Tanner, der Geografielehrer. Auch er gehörte zu den wenigen sehenden Lehrkräften, zeigte den Freundinnen die Lage der Inseln jedoch auf einer speziell für Blinde gestalteten, ertastbaren Karte. »Ich würde es deshalb dem afrikanischen Kontinent zuordnen, obwohl der Sultan auch über den Oman herrscht. Er mag es deshalb als arabisches Land verstehen. Die offizielle Sprache ist denn auch Arabisch, die Umgangssprache allerdings Kisuaheli. Dank des zunehmenden britischen Einflusses setzt sich darüber hinaus das Englische immer mehr durch. Das Land ist reich, es liegt günstig an diversen Handelsrouten, was es für Europa interessant macht. Dabei bezieht es seine Einnahmen hauptsächlich aus dem Gewürzhandel – es gibt mannigfaltige Plantagen und leider immer noch den Sklavenhandel, aus dem der Sultan Steuern bezieht. Der englische Konsul bemüht sich, diesen Menschenhandel einzuschränken, indem er auf den Sultan einwirkt, und es wurden auch schon Erfolge erzielt. Diese traurige Praxis gänzlich abzuschaffen, ist allerdings bislang nicht gelungen, was sich wohl aus der allgemeinen Wirtschaftslage ergibt: Ohne Sklaven wären die Plantagen nicht zu bearbeiten – zumindest nicht so gewinnbringend. Eine Bezahlung für die Arbeiter würde die Gewürze teurer machen, was dem Interesse der europäischen Käufer entgegenläuft. All das ist sehr schwierig.«
Eve seufzte. »Es würde mir sehr schwerfallen, mich von Sklaven bedienen zu lassen«, bemerkte sie.
Mr. Tanner zuckte mit den Schultern. »Andere Länder, andere Sitten. Vielleicht tröstet es Sie, dass das Prinzip der Sklaverei in ganz Ostafrika gängig ist. Die Menschen, die das Pech haben, gefangen und versklavt zu werden, haben vorher vielleicht selbst Sklaven gehalten.«
»Das ist widerlich!«, empörte sich Eve, während sich Lorraine eher dafür interessierte, woher Mr. Tanner diese umfassenden Kenntnisse hatte. Der Geografielehrer lächelte, als sie fragte.
»Ich interessiere mich sehr für die Kolonien, habe immer davon geträumt, irgendwann dorthin auszuwandern. Es ergab sich allerdings nicht, ich musste mich um meinen erblindeten Bruder kümmern, so bin ich hier gelandet. Aber ich beneide Sie glühend, Miss Goodall! Ich wäre der Erste, der sich für die Stellung beworben hätte, wenn der Sultan nicht gezielt nach einer Erzieherin gefragt hätte. Das ist verständlich, da Sie im Harem arbeiten werden. Die einzigen männlichen Wesen, die dort geduldet werden, sind Eunuchen … Und soo dringend wollte ich die Arbeit nun auch nicht.« Mr. Tanner lächelte.
Eve und Lorraine kannten die Bedeutung des Wortes nicht, mochten das aber nicht zugeben und schlugen es später nach. Beide erröteten, als sie die Erklärung lasen.
»Das ist alles unglaublich!«, murmelte Eve, immer noch zweifelnd an ihrem Entschluss.
»Andere Länder, andere Sitten«, wiederholte Lorraine die Worte des Kollegen. »Also stell dich nicht an, sondern freu dich, dass deine Unschuld nicht in Gefahr sein wird. Es sei denn, der Sultan selbst verliebt sich in dich und macht dich zu seiner Gattin.«
»Eine von ein paar Dutzend?«, fragte Eve. »Ich weiß nicht, ob mir das recht wäre. Außerdem sehe ich ja nicht gerade aus wie Scheherazade.«
Eve hatte langes dunkelblondes Haar, das sie gewöhnlich aufsteckte, ein ovales, ebenmäßiges Gesicht und sehr reine, sehr helle Haut. Ihre Augen waren grau, vielleicht mit einem leichten Blaustich, und ihre Lippen schön geschnitten, doch ebenfalls hell – sie selbst fand sich farblos im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre schlichte Lehrerinnenkleidung – im Allgemeinen trug sie eine weiße Bluse zu einem dunklen Rock – machte das nicht besser.
Lorraine lachte. »Du hast eine schöne Stimme. Und Scheherazade hat ihre Geschichten stets bei Nacht erzählt, da konnte der Sultan sowieso nichts sehen. Also hast du alle Möglichkeiten. Freilich fände ich es auch nicht sehr reizvoll, eine von vielen zu sein. Also sieh zu, dass er die anderen verstößt! Und schreib mir alles! Ich erwarte wahre Geschichten aus Tausendundeiner Nacht!«
Als die Überfahrt anstand, hatte Eve die Wahl, mit großen Passagierschiffen zu reisen, die auf dem Weg zum Kap der Guten Hoffnung und darüber hinaus mehrere Zwischenstopps einlegten, oder die Chance zu nutzen, eine Passage auf einem kleinen Frachtschiff zu buchen, das Sansibar direkt anfuhr. Es legte kurz nach Weihnachten ab, und erst als sie schon auf See waren, erfuhr sie, dass die Seagull Munition für die englischen Kriegsschiffe beförderte, die vor Sansibar vor Anker lagen. Es behagte ihr nicht sehr, doch immerhin waren die Mitreisenden ruhige, bescheidene Menschen, Missionare, die zum Teil schon früher in Ostafrika tätig gewesen waren.
»Nein, nicht auf Sansibar selbst«, erklärte Reverend Owen, ein freundlicher, etwas behäbiger Mann, der nach einem Heimaturlaub gemeinsam mit seiner Frau zurück in seine Mission reiste. »Da bestimmt der Sultan, und der duldet keine christlichen Missionsstationen. Es gibt wohl ein paar Priester, welche die dort ansässigen Europäer seelsorgerisch betreuen, erwünscht sind sie aber nicht. Auf Sansibar herrscht der Islam, der Sultan wird auch Imam genannt, er ist also gleichzeitig Vorsteher der Religionsgemeinschaft.«
»Und in Tanganjika?«, fragte Eve, die inzwischen wusste, welcher Region Sansibar vorgelagert war.
»Ach, da gibt es keine Zentralregierung«, meinte der Reverend. »Offiziell herrscht dort zwar auch der Sultan von Sansibar, aber er kümmert sich praktisch nicht um diese Region. Also gibt es verschiedene Stämme, die einander oft spinnefeind sind – und das macht es den arabischen Sklavenhändlern leicht, die dort auf Menschenfang gehen. Wir bemühen uns natürlich, unsere bekehrten Christen davor zu bewahren. Es gibt selten Zugriffe auf unsere Missionsstationen. Aber erst mal müssen wir die Menschen davon überzeugen, selbst die Sklavenhaltung aufzugeben, wenn sie sich taufen lassen …«
»Sind das dann auch Muslime?«, fragte Eve.
Der Reverend schüttelte den Kopf. »Nein, sie hängen verschiedenen Naturreligionen an. Die Welt ist für sie voller Götter und Geister. Sie haben natürlich auch ihre Moralvorstellungen, aber in mancher Hinsicht sind die sehr verschieden von den unseren …«
Eve hatte ausreichend Zeit, den Missionaren alle Fragen zum Thema Afrika zu stellen, die ihr nur einfielen, denn die Überfahrt dauerte gute drei Monate. Dabei lösten ruhige und stürmische Tage auf See einander ab. Mitunter war es traumhaft schön und sonnig, und Eve konnte Delfine beobachten, die das Schiff gern umkreisten. An anderen Tagen wurde die eher kleine Seagull von den Wellen hin und her geworfen, Gewitter gingen nieder, und die ohnehin primitiven Unterkünfte der Reisenden liefen voll Wasser. Die Passagiere – und sicher auch die Besatzung – beteten darum, dass wenigstens kein Blitz ihr mit Schießpulver beladenes Schiff traf.
Die Verpflegung an Bord war langweilig, aber ausreichend – allerdings litten einige der Passagiere an Seekrankheit. Die arme Mrs. Owen verbrachte die halbe Reise über die Reling gebeugt, um das wenige Essen wieder von sich zu geben, das sie sich gezwungen hatte, zu sich zu nehmen. Nie wieder, so schwor sie, würde sie ihre Mission in Tanganjika verlassen. Auch die anderen Mitreisenden freuten sich auf die Heimkehr nach Afrika. Zumindest die Natur und das Klima schienen angenehm zu sein, und die Missionare schilderten auch die Menschen als herzlich und freundlich.
Wenn die nicht gerade Sklaven jagen, dachte Eve. Ihr war ihr Zielort immer noch etwas suspekt, und sie spähte gespannt nach der Insel aus, als das Südende Sansibars endlich in Sicht kam. Auch die Owens und die anderen Passagiere sollten das Schiff hier verlassen. Sie würden sich in Stonetown, der Hauptstadt der größeren Insel, um eine Überfahrt zur Küste kümmern müssen.
Eve lernte, dass im Meer um Sansibar Ebbe und Flut herrschten. Die Seagull ankerte ein Stück vor der Kaimauer. Anlegen konnte sie hier nicht, dafür war das Hafenbecken nicht tief genug. Das gestaltete sich jedoch als nicht weiter schlimm. Bei Ebbe stieg man zunächst in ein Ruderboot um und konnte dann zum Hafen hinüberwaten oder die Dienste von Trägern in Anspruch nehmen, die einen in einer Art Tragstuhl bequem durch den Schlick brachten. Bei Flut wurden die Passagiere mit kleinen Booten übergesetzt. In einem von ihnen fand schließlich auch Eve Platz und fragte sich, wie es jetzt weitergehen sollte. Der Sultan war davon in Kenntnis gesetzt worden, dass sie mit der Seagull eintreffen sollte. Doch würde er für eine Abholung sorgen? Eve wusste nicht einmal, wie weit es zu seinem Palast war. Entschlossen nahm sie ihren kleinen Koffer aus der Hand eines Matrosen entgegen und überwand die Hafenmauer. Unten am Strand herrschte ein eifriges Kommen und Gehen. Die bevorzugten Beförderungsmittel der Einheimischen bestanden wohl aus Karren, die entweder von Eseln oder von Rindern gezogen wurden, welche eine Art Buckel auf dem oberen Rücken trugen. Sie waren kleiner als europäische Hausrinder und oft mager. Eve taten sie leid, wenn die Karren, die sie zogen, zu schwer beladen wurden, und auch aufgrund des Seils, das ihnen durch die Nasenscheidewand gezogen war, um sie damit lenken zu können. Die meisten Männer, die man sah, waren dunkelhäutig, oft nur mit einer leichten, weiten Leinenhose bekleidet und mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt. Ein paar Frauen unterhielten Garküchen und beförderten Waren auf dem Kopf. Sie waren bunt gekleidet, wobei sämtliche Kleider langärmelig und knöchellang waren. Auf dem Kopf trugen sie Tücher oder Turbane. Eve erinnerte sich daran, dass es für Musliminnen Pflicht war, ihr Haar zu bedecken. Sie empfand die Bekleidung der Frauen aber durchaus als kleidsam, und sie schienen auch nicht unterjocht und traurig, sondern guter Stimmung zu sein. Sie lachten und scherzten miteinander und mit den Männern und Kindern. Bestimmt lebten sie nicht in einem Harem, abgeschirmt von der Welt.
Unter all den mit mehrmals geflickten, schäbigen Geschirren ausgestatteten Last- und Zugtieren fiel Eve plötzlich ein sehr großer Esel auf, der wohlgenährt und kostbar ausgestattet war. Er trug ein mit Glöckchen geschmücktes, golden und silbern glänzendes Zaumzeug und einen hohen Sattel, bezogen mit Seide und abgepolstert mit Decken, die mit Gold- und Silberfäden bestickt waren. Die drei weiß gekleideten Männer, die zu ihm gehörten, blickten sich forschend unter den Neuankömmlingen des Schiffes um – und einer stieß die anderen an, als er Eve erblickte. Sie schienen kurz miteinander zu diskutieren, dann kam einer von ihnen näher.
»Verzeihen, Bibi, Madam … Sie … E-v-e Goo-dall? Lehrerin? Sultan?« Er verbeugte sich tief, während er die Fragen stellte.
Eve war erleichtert. Also wurde sie tatsächlich erwartet.
»Ja, das bin ich!«, erklärte sie. »Schickt Sie der Sultan? Wie soll ich …«
Der Mann strahlte sie über sein ganzes Gesicht an. »Willkommen, Madam!«, sagte er, ein Gruß, den er sicher für sie auswendig gelernt hatte. »Wir von Sultan. Sie bringen nach Bet il Mtoni. Aufsteigen bitte!« Einer der anderen führte den Esel vor sie, der im Gegensatz zu seinen Lasten ziehenden grauen Artgenossen fast schneeweiß war.
Eve sah das Tier entsetzt an. Sie hatte in ihrem Leben noch nie auf einem Pferd gesessen. Ihr Reisekostüm eignete sich auch auf keinen Fall dafür, zu reiten. Der Rock war viel zu eng, um sich breitbeinig aufs Pferd zu setzen – und im Seitsitz … Sie würde das nicht wagen – auch nicht bei einem Esel, der zwar brav wirkte, doch ebenfalls ziemlich groß war.
»Das kann ich nicht. Nein und nochmals nein!«, wehrte sie ab. »Ich kann nicht reiten … ich will auch nicht … ich habe Angst …«
Die drei Männer blickten einander verständnislos an.
»Reiten alle Frauen«, erklärte der eine, der ein paar englische Wörter kannte. »Alle Sarari … ist bequem … wir begleiten …«
Eve stellte jetzt fest, dass der Sprecher etwas zierlicher war als die anderen Männer. Er wirkte fast ein wenig mädchenhaft.
»Aber ich kann das nicht! Das ist nicht üblich, nicht schicklich … ich …«
Andere Länder, andere Sitten, fuhr es ihr durch den Kopf, trotzdem konnte sie sich nicht überwinden, sich irgendwie auf den Esel spedieren zu lassen. Wie sollte sie da überhaupt hinaufkommen? Und wie lange würde der Ritt dauern?
Während sie weiter versuchte, sich zu wehren, schlenderte ein junger Mann näher, der europäische Kleidung trug. Er hatte ein ovales, freundliches Gesicht, trug einen sorgfältig gestutzten Backenbart, und sein etwas lockiges Haar war rötlich-braun.
Grüne Augen blitzten auf, als er Eve genauer ansah, und sein voller Mund verzog sich zu einem Lächeln.
»Kann ich helfen?«, fragte er in fließendem Englisch. »Sie scheinen die Ehre nicht zu würdigen wissen, die der Palast Ihnen angedeihen lässt, indem er Ihnen ein derart edles Reittier schickt.«
Einer der weiß gekleideten Männer sagte etwas, und der junge Engländer nickte ihm zu.
»Der Esel ist sogar als Geschenk gedacht«, erklärte er. »Ein Willkommensgeschenk des Sultans für die geehrte Lehrerin. Die Prinzessin hat ihn selbst für Sie ausgewählt.«
Eve fragte sich, ob sie hier womöglich dem ersten Streich der ihr als schwierig geschilderten Nunu zum Opfer fiel.
»Aber das kann ich nicht annehmen!«, sagte sie. »Ich kann unmöglich auf einem Esel … und was sind das für Männer … Sklaven?«
»Natürlich«, sagte der junge Mann. »Aber gestatten Sie mir, dass ich mich erst einmal vorstelle: Ethan Collins mein Name. Und Sie sollten das Geschenk nicht voreilig ablehnen. Ein solches Reittier ist sehr wertvoll, und ich denke, Sie werden sich auf Dauer mit dieser Art des Reitens anfreunden müssen. – Sie sind die Hauslehrerin für Prinzessin Nunu, richtig?«
Eve nickte. »Eve Goodall. Aber ich … woher wissen Sie das überhaupt …«
Er lächelte. »Ich arbeite für das englische Konsulat. Oder eher für die englischen Handelshäuser, ich bin als Qualitätsprüfer für sansibarische Gewürzlieferungen tätig. Jedenfalls kenne ich den Konsul gut und habe davon gehört, dass der Sultan eine Gouvernante angefordert hat. Der Konsul möchte Sie übrigens gern kennenlernen … und die Konsulin erst recht. Europäische Frauen sind hier so selten, sie freut sich über jede, die neu hierherkommt. Passen Sie auf, ich werde die drei Jungen jetzt nach Hause schicken – der Schlanke ist übrigens der Stallmeister des Sultans, dem unter anderem die Ehre zuteil ist, die Prinzen und Prinzessinnen im Reiten zu unterrichten. Er hätte Sie zweifellos sicher nach Bet il Mtoni gebracht, ansonsten müsste er mit empfindlichen Strafen rechnen. Er ist in der Hierarchie der Palastbediensteten nur dem Obereunuchen untergeordnet und sehr vertrauenswürdig.«
Eve schnappte nach Luft. »Er ist …«
»… Eunuch? Selbstverständlich. Er beaufsichtigt die beiden Sklaven, die den Esel treiben … Es ist übrigens eine Eselin.«
Eve bemühte sich, den jungen Eunuchen nicht anzustarren.
Ethan Collins wandte sich jetzt in der Landessprache an ihn und gab längere Erklärungen ab. Sie stellten den Mann offenbar zufrieden. Er verbeugte sich noch einmal ehrerbietig vor Eve und schien den anderen dann Anweisungen zu geben, die Eselstute wegzuführen.
»Ich habe ihm erläutert, dass es in Ihrem Land nicht üblich ist, dass Frauen reiten. Über das Geschenk des Sultans sind Sie zwar hocherfreut, doch Sie werden seine Dienste als Reitlehrer in Anspruch nehmen müssen, bevor Sie das Tier wirklich nutzen können. Zudem habe mich der Konsul geschickt, um Sie nach der Ankunft zunächst einmal ins Konsulat zu bringen und dort willkommen zu heißen. Das bietet sich schließlich an, da Sie jetzt schon in Stonetown sind. Der Konsul wird noch heute Abend oder spätestens morgen einen Transport nach Bet il Mtoni für Sie organisieren, wahrscheinlich per Boot. Der Stallmeister wird das dem Sultan mitteilen, und ich bin sicher, er wird es freundlich aufnehmen. Eigentlich ist er ziemlich unkompliziert, und wahrscheinlich passt es auch ihm besser, wenn er Sie morgens, zu den üblichen Audienzzeiten, empfangen kann.«
»Das ist … das ist sehr freundlich von Ihnen!« Eve fiel ein Stein vom Herzen.
»Aber nicht doch, das tue ich gern für Sie!« Ethan Collins nahm dem Sklaven des Sultans ihren Koffer ab. »Den trage ich für Sie. Wir können zu Fuß gehen. Stonetown ist nicht groß, das Konsulat liegt nur ein paar Blocks entfernt.«
»Wieso heißt die Stadt ›Stonetown‹?«, erkundigte sich Eve, als sie ihrem Retter durch enge Gassen folgte, die von zum Teil sehr schönen Häusern im orientalischen Stil oder im europäischen Kolonialstil gesäumt wurden. Auffallend waren die Eingangstüren, sehr groß und schwer und mit aufwendigen Schnitzereien oder metallenen Schmuckelementen verziert. »Sind nicht alle Städte aus Stein gebaut?«
»Auf Sansibar sind Steinhäuser eher die Ausnahme«, erklärte Ethan. »Die meisten Leute leben in Lehmhütten, die mit Bananenblättern oder Schilf gedeckt sind. Sie sind schnell gebaut – man erstellt ein Gerüst aus Holz, dann wird der Lehm aufgebracht, ähnlich dem Fachwerk in Europa, wenn auch nicht so haltbar. Aber die Lehmwände isolieren ganz annehmbar gegen die Hitze. Wenn das Dach regelmäßig erneuert wird, hält es den Regen ab, und das alles kostet praktisch nichts. Die Sansibari und die Sklaven sind zufrieden damit, nur sehr reiche Leute erstellen Steinbauten. Sie leben hier in Stonetown. Die ärmeren Schichten haben ihre eigene Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Lehmstadt. Beides zusammen bildet Sansibar-Stadt – so heißt die Siedlung offiziell. Aber jeder nennt sie ›Stonetown‹. Die Armenviertel zählen einfach nicht.«
»Regnet es hier viel?«, fragte Eve. Es hatte eben leicht zu nieseln begonnen. Ethan stellte sich mit ihr in einem Hauseingang unter.
»Fast jeden Tag ein bisschen«, gab er Auskunft. »In der Regenzeit mehr, dann gibt es richtig massive tropische Güsse. Aber es wird eigentlich nie richtig kalt. Der zuverlässige, ständige Wechsel zwischen Sonne und Regen macht die Inseln fruchtbar. Für viele Gewürzpflanzen, aber auch für Bananen und andere Früchte ist das Klima ideal.«
Es regnete jetzt etwas heftiger, und Eve vertrieb sich die Zeit damit, sich die gewaltige Eingangstür, vor der sie standen, genauer anzusehen.
»Dieser Eingang ist typisch für Stonetown«, erklärte Ethan. »Seine Gestaltung weist auf den Beruf des Hausherrn hin. Hier zum Beispiel wohnt ein Sklavenhändler. Sehen Sie die Ketten, die in das Tor eingearbeitet sind?«
»Das hört sich ja an, als wäre der Kerl auch noch stolz darauf!«, empörte sich Eve.
Ethan zuckte mit den Schultern. »Sklavenhandel gilt hier als ehrenwertes Gewerbe. Männer wie Tippu Tip – das ist wohl der erfolgreichste in der Branche – gehören zu den Honoratioren des Ortes. Gucken Sie nicht so, mir gefällt das auch nicht. Aber die meisten Sklaven hier werden gut behandelt, und ohne sie wäre die Bewirtschaftung der Plantagen nicht möglich.«
»Das hat mir schon jemand erklärt«, meinte Eve, »aber davon wird es nicht richtiger. Es ist unmenschlich, anderen Menschen die Freiheit zu nehmen und sie unentgeltlich für sich arbeiten zu lassen. Mal ganz abgesehen davon, dass man Familien auseinanderreißt und sie aus ihrer Heimat vertreibt.«
»Letzteres ist das Schlimmste«, sagte Ethan. »Auf dem Marsch zum Meer, bevor sie nach Sansibar verschifft werden, sterben die Leute zu Dutzenden. Die Jäger erproben damit ihre Härte. Wer die ›Reise‹ nicht überlebt, taugt ihrer Ansicht nach auch hier nicht zum Arbeiten. – Aber sehen Sie, der Regen hört auf, Miss Goodall! Wir können weitergehen. Wie gesagt, es sind hier immer nur kurze Schauer.«
Eve gab das Thema »Sklaverei« bereitwillig auf und trat hinter Ethan hinaus in die Gassen, wo Stoff- und Obsthändler eben wieder ihre Waren vor ihre Geschäfte stellten und Vorübergehenden lautstark anboten.
Die Straßen in der Gegend der Konsulate und Handelshäuser wurden nun etwas breiter, die Luft roch nach Meer. Der Strand musste in der Nähe liegen. Das englische Konsulat entpuppte sich als relativ schmuckloses Haus, doch auch hier fanden sich geschnitzte Türen, außerdem Bogenfenster im ersten Stock, welche die Fassade etwas auflockerten.
Zwei Soldaten bewachten den Eingang, allerdings schienen sie eher schmückende Funktion zu haben. Sie stellten Ethan und Eve keine Fragen, als die beiden eintraten.
Die Eingangshalle war mit Teppichen ausgelegt, und es fanden sich auch einige Gemälde und Vasen, vor allem gab es eine Art Rezeption, in der Sekretäre darauf warteten, Besuchern den Weg zu weisen. Ethan wandte sich an einen von ihnen und fragte nach dem Konsul.
»Mr. Hamerton ist gerade noch in einer Besprechung, es geht wieder mal um den Sklavenmarkt …«, gab der Mann Auskunft. »Mr. Hamerton versucht, die Bedingungen für die Menschen zu verbessern, die Unterbringung in diesen verdreckten, dunklen Zellen … zumindest da müsste man doch Abhilfe schaffen können …«
»Der Konsul bemüht sich sehr um ein Verbot der Sklaverei«, erklärte Ethan an Eve gewandt. Sie fragte sich, warum seine Stimme dabei etwas bitter klang, doch Ethan Collins fuhr bereits fort: »Er hat auch schon einiges erreicht. Der Sultan hört ihm durchaus zu. Er versteht sich jedoch auch darauf, die eigenen Interessen zu wahren – und so wenden sich Mr. Hamertons Bemühungen mitunter gegen seine eigenen Landsleute, während sich die Araber ins Fäustchen lachen.«
Eve runzelte die Stirn.
»Europäern ist es seit einiger Zeit verboten, Sklaven zu halten«, führte Ethan Collins aus. »Lediglich die arabischen Machthaber dürfen ihre Plantagen weiter von Sklaven bewirtschaften lassen. Das bedeutete für sämtliche europäische Pflanzer das wirtschaftliche Aus. Auch meine Eltern mussten ihre Besitzungen verkaufen – sie sind nach England zurückgegangen. Aber ich liebe diese Insel. Also bin ich hiergeblieben und habe mir eine Arbeit gesucht.«
»Eigentlich hätten Sie eine Plantage geerbt?«, fragte Eve.
Ethan nickte. »Und ich hätte sie mit Sklaven bearbeitet«, gab er fast trotzig zu. »Meine Eltern haben die Leute immer gut behandelt, und ich hatte vor, noch mehr Möglichkeiten für sie zu schaffen – eine Schule für die Kinder zum Beispiel und Ausbildungen, die über die reine Landarbeit hinausgehen. Es ist hier nicht unbedingt so, dass ein Mensch sein Leben lang Sklave bleibt. Sehr viele erhalten nach einigen Jahren die Freiheit.«
»Dennoch ist es …« Eve wollte einen Einwand anbringen.
»Natürlich ist es nicht richtig«, unterbrach Ethan. »Aber es war auch nicht richtig, meinen Vater um sein Lebenswerk zu bringen. Ein allgemeines Verbot der Sklaverei hätten wir begrüßt. Aber eine Regelung, die lediglich zulasten der Europäer geht, während die Araber so weitermachen wie eh und je, ist keine befriedigende Lösung.«
Eve wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, aber jetzt kamen ohnehin ein paar arabisch gekleidete Männer die Treppe herunter, begleitet von einem stämmigen, etwas rotgesichtigen Mann, der sie in der Eingangshalle höflich verabschiedete.
Er verzog etwas den Mund, als sie gegangen waren. Dann wandte er sich den Sekretären zu und entdeckte dabei Ethan und Eve.
»Der junge Mr. Collins!«, grüßte er leutselig. »Wie schön, Sie zu sehen. Kann ich etwas für Sie tun? Und was bringen Sie mir da für eine hübsche junge Dame mit? Sie wandeln doch wohl nicht auf Freiers Füßen?«
Ethan lächelte. »Ich bin überzeugt, das wüssten Sie früher als ich«, bemerkte er. »Schließlich bleibt Ihnen doch nichts verborgen, was auf Unguya und Pemba vor sich geht.«
Der Konsul grinste. »Es soll ein paar Geheimnisse auf Pemba geben, die sich selbst mir bislang nicht erschlossen haben«, behauptete er mit falscher Bescheidenheit. »Aber ich weiß, dass Ihre Geschäfte gut gehen. Also warum sollten Sie sich keine Frau nehmen?«
»Jetzt klingen Sie, als sollte ich mich bei den örtlichen Sklavenhändlern umhören!«, sagte Ethan, gespielt beleidigt. »Nein, vorerst habe ich mein Herz nicht verloren. Wenngleich Miss Goodall natürlich äußerst attraktiv ist. Zu schade, dass sie spätestens morgen im Harem verschwinden wird …«
»Sie wird …« Der Konsul warf einen kurzen Blick auf Eve, und es schien ihm die Sprache zu verschlagen. »Der … der Sultan hat …«
Ethan verzog keine Miene, als er weiter ausführte: »Es ist so, Herr Konsul. Diese junge Frau folgt freiwillig dem Ruf des Sultans. Wenn wir jetzt nichts tun, wird sie …«
»Was erzählen Sie denn da für einen Unsinn?« Eve verstand natürlich, dass Ethan versuchte, mit dem Konsul – einem offensichtlich väterlichen Freund – Scherze zu treiben. Aber sie hier als künftige Konkubine des Sultans einzuführen, ging denn doch zu weit.
Der Konsul hatte sich inzwischen gefasst und brach in dröhnendes Gelächter aus. »Collins, Sie retten mir den Tag! Einen Herzschlag lang habe ich’s wirklich geglaubt … aber wir haben es hier natürlich mit der jungen Dame zu tun, die dem Sultan von der Royal School for the Blind empfohlen wurde. Durch meine Vermittlung … Seien Sie herzlich willkommen auf Sansibar, Miss Goodall! Und wie schön, dass Sie sich erst bei mir vorstellen, bevor Sie Ihre neue Wirkungsstätte aufsuchen. Sie müssen doch darauf brennen, den Palast zu sehen.«
Ethan lachte jetzt auch. »Offenbar nicht genug, um sich dafür auf einen Esel zu setzen.« Launig erzählte er, wie er Eve aus der Klemme geholfen hatte.
Der Konsul amüsierte sich köstlich. »Das sieht dem Sultan ähnlich, Sie gleich mit einem kostbaren Geschenk zu erwarten«, erklärte er. »Diese Muskat-Esel und ihr Sattelzeug sind sehr teuer, was ihn allerdings nicht hindert, jede neue Surie gleich mit einem davon zu bedenken. Wie auch mit Schmuck, Sklaven … Warten Sie ab, was Sie da noch alles erwartet, Miss Goodall. Aber jetzt lassen Sie uns in mein Büro gehen, da können wir uns hinsetzen.«
Eve blickte streng. »Ich habe keineswegs vor, mich mit Schmuck und erst recht nicht mit Sklaven beschenken zu lassen wie eine Konkubine!«, entgegnete sie eisig. »Ich lehne die Sklavenhaltung ebenso ab wie übermäßige Prunkentfaltung. Wenn ich darauf brenne, in den Palast zu kommen, dann lediglich, um meine künftige Schülerin kennenzulernen. Nunu …«
Hamerton nickte ihr zu und sah betreten drein. »Ich wollte Sie nicht beleidigen, Miss Goodall, das war nur ein Scherz. Aber Sie werden feststellen, dass der Sultan ein äußerst großzügiger Mensch ist, dem es einfach gefällt, seine Gäste zu beschenken. Er wird Sie mit größter Ehrerbietung behandeln und zweifellos auch seine Tochter dazu anhalten.«
»Wie ist sie denn so?«, brach es aus Eve heraus, nachdem sie dem Konsul in sein geräumiges Büro gefolgt waren. »Kennen Sie die kleine Prinzessin?«
Der Konsul schüttelte den Kopf. »Nein, von den Kindern des Sultans kenne ich nur die erwachsenen Söhne. Ein- oder zweimal ist schon mal eins der jüngeren Kinder in eine Besprechung hineingerauscht, weil es dem Vater irgendetwas Dringendes zu erzählen hatte. Er hat es stets sehr liebevoll begrüßt und dann mit sanftem Tadel auf später vertröstet. Das sagt mir, dass er ein ausgesprochen guter und zugewandter Vater ist. Ansonsten habe ich die Kinder schon mal in den Höfen spielen sehen oder am Strand. Sie schwimmen alle wie die Fische und reiten wie die Wilde Jagd …«
»Auch die Mädchen?«, wunderte sich Eve. Selbst in England gestattete man den Mädchen im Allgemeinen nicht so viel Freiheit. Die Jungen mochten herumtollen, kleine Mädchen hielt man eher zu ersten Handarbeiten und zum Spiel mit Puppen an. Und jetzt sollten sie in einem Land, in dem erwachsene Frauen nur verschleiert auf die Straße durften, beliebig schwimmen und reiten dürfen?
»Auch die Mädchen«, bestätigte der Konsul. »Allerdings nur, bis sie erste Anzeichen zeigen, zur Frau zu werden. Dann gelten strengere Regeln. Vorher werden den Sultanskindern jedoch kaum Beschränkungen auferlegt.«
»Sie gehen aber zur Schule, oder?«, fragte Eve. Schließlich war von einer Hauslehrerin die Rede gewesen.
Der Konsul nickte. »Ja, das tun sie. Wobei ich nicht weiß, was sie da lernen. Die Lehrerin stammt aus dem Oman – sie bringt ihnen zweifellos gutes Arabisch bei, aber sonst …«
»Englisch lernen sie nicht?«, erkundigte sich Eve enttäuscht. »Ich hatte gehofft, dass Nunu wenigstens die Grundlagen unserer Sprache beherrscht.«
»Sicher nicht«, meinte Ethan. »Nur sehr wenige Araber bemühen sich um die Beherrschung von Fremdsprachen. Wenn jemand etwas von ihnen will, so meinen sie, müsste er ihre Sprache lernen.«
Der Konsul lachte. »Ein Glück für unseren Freund Mr. Collins. Ihr Geschäft besteht doch zum größten Teil aus Übersetzungen, nicht wahr?«
»Ich vermittele tatsächlich zwischen den arabischen Plantagenbesitzern und den Käufern ihrer Erzeugnisse«, erklärte Ethan. »Da ich außerdem über umfassende Kenntnisse der Plantagenwirtschaft verfüge, bin ich den Handelskontoren eine Menge wert.« Er lächelte. »Kisuaheli kann ich auch. Ich habe als Junge mit den Sklavenkindern gespielt. Bei meinen Eltern mussten die nicht arbeiten …«
Eve seufzte. »Und welche Sprachen spricht man nun genau am Hof des Sultans?«, fragte sie mutlos. »Es wird schwierig sein, wenn ich mich mit meiner Schülerin so gar nicht verständigen kann.«
»Der Sultan besteht darauf, dass an seinem Hof Arabisch gesprochen wird«, erklärte der Konsul. »Trotzdem ist die Umgangssprache Kisuaheli. Und dann gibt es noch die Sprachen der jeweiligen Sarari. Einige sollen Tscherkessinnen sein, andere Äthiopierinnen. Die Kinder haben also unterschiedliche Muttersprachen. Er muss ein ziemliches Babel sein, der Palast Bet il Mtoni.«
»Eigentlich bräuchten Sie eine Übersetzerin, Miss Goodall«, meinte Ethan. »Vielleicht findet sich ja eine unter den Frauen, aber …«
Der Konsul verzog das Gesicht. Gebildete Frauen vermutete er offensichtlich nicht unter den Konkubinen des Sultans. Dann ging jedoch ein Leuchten über seine Züge.
»Was meinen Sie, Collins, sollten wir ihr nicht unsere Fanny mitgeben?«, wandte er sich an Ethan. »Die hat doch hier nichts Rechtes zu tun. Wir haben sie nur aufgenommen, damit sie nicht irgendeinem Sklavenhändler in die Hände fällt.«
Ethan strahlte. »Klar, da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Fanny ist ein sehr nettes Mädchen, fast so etwas wie meine kleine Schwester, meine Mutter hat sie praktisch aufgezogen. Ihre Eltern arbeiteten auf unserer Plantage.«
»Mrs. Collins fühlte sich auf der Pflanzung einsam«, führte der Konsul aus. »Die Besitzer der Nachbarplantage sprachen Arabisch, die Arbeiter Kisuaheli …«
»… Mutter versuchte, den Sklavenkindern etwas Englisch beizubringen«, ergänzte Ethan. »Sie hielt jeden Tag Schule mit ihnen, und sie kamen gern, denn in der Pause gab es immer Leckereien. Der Unterricht interessierte sie weniger – nur Fanny war immer da, konnte sich bald verständigen, und dann fing meine Mutter an, sie jeden Tag ein paar Stunden mit ins Haus zu nehmen. Mom lernte ein bisschen Kisuaheli, Fanny sprach schnell fließend Englisch und lernte Lesen und Schreiben. Sie ist ein anstelliges, kleines Ding. Sie werden sie mögen, Miss Goodall.«
»Und warum hat Ihre Mutter sich dann von ihr getrennt, als sie zurück nach England ging?«, fragte Eve. »Sie scheint sie doch sehr gern gehabt zu haben.«
Ethan zuckte mit den Schultern. »Es war schwierig. Wir Engländer durften keine Sklaven mehr halten, doch damit wurden die Leute ja nicht automatisch frei. Unsere Arbeiter wurden vom Käufer der Plantage übernommen. Und Fanny? Sie hatte keine Papiere mehr, die sie als Besitz meiner Mutter auswiesen, aber auch keinen Freibrief … Es gab keine Möglichkeit, sie nach England mitzunehmen.«
»Wir haben es dann so gehalten, dass Fanny in meinen Haushalt wechselte«, erklärte der Konsul. »Stillschweigend. Sie macht sich hier nützlich, doch eigentlich braucht meine Frau kein zusätzliches Hausmädchen und keine Gesellschafterin. Bei Ihnen wäre sie besser aufgehoben.«
Eve zögerte. »Ich weiß nicht«, sagte sie. »Der Sultan entlohnt mich zwar gut, aber eine eigene Angestellte …«
Der Konsul lachte. »Oh, machen Sie sich da keine Sorgen. Im Palast wimmelt es von Sklaven. Da fällt ein Mädchen mehr oder weniger gar nicht auf. Es wird selbstverständlich beköstigt werden und einen Schlafplatz erhalten.«
Eve blitzte ihn an. »Ich will keine Sklavin! Schon der Gründer unserer Schule, Edward Rushton, verurteilte die Sklaverei und bekämpfte sie aktiv!«
Der Konsul hob abwehrend die Arme. »Schon gut, schon gut, Miss Goodall! So war das nicht gemeint. Sie wissen, dass auch wir die Sklaverei verurteilen. Sie sollen Fanny ja zu nichts zwingen. Fragen Sie das Mädchen einfach, ob es mit Ihnen im Palast leben will. Ich denke, es wird die Chancen erkennen, die sich ihm dort bieten, und freudig zustimmen. An eine Bezahlung wird es gar nicht denken.«
Eve fand das immer noch fragwürdig und war auch nicht vollständig überzeugt von den Argumenten für Fannys Verbleiben auf Sansibar. Atkins Hamerton war immerhin der Konsul! Es hätte ihm möglich sein müssen, Papiere auszustellen, die es Mrs. Collins wiederum ermöglicht hätten, ihre Ziehtochter mit nach England zu nehmen. Eve drängte sich bei der Geschichte die Vermutung auf, dass sie das Mädchen gar nicht hatte bei sich behalten wollen. Sie nahm an, dass die Collins verbittert gewesen waren, nachdem sie ihre Plantage hatten aufgeben müssen. Wahrscheinlich hatte Mrs. Collins durch nichts mehr an Afrika erinnert werden wollen – und bestimmt kein Mädchen in ihrem Haushalt behalten wollen, dessen Stellung irgendwo zwischen Pflegetochter und Hausmädchen schwankte.
Immerhin sprach nichts dagegen, Fanny einmal kennenzulernen. Eve stimmte zu, als der Konsul vorschlug, sie holen zu lassen.
Kurze Zeit später betrat eine junge Frau den Raum und trug ein Tablett mit Tassen und Teekuchen. »Ihr Sekretär hat den Tee vergessen«, sagte sie in akzentfreiem Englisch mit melodischer Stimme.
Fanny war älter, als Eve gedacht hatte. Sie schätzte sie auf knapp unter zwanzig. Die junge Frau hatte sehr dunkle Haut, ein schmales Gesicht und große, fast schwarze Augen unter langen Wimpern und dicken Brauen. Ihr schwarzes Haar war mehrfach gescheitelt und zu vielen kleinen Zöpfen geflochten – sie lagen zunächst nah an der Kopfhaut, hätten dann aber lang über ihren Rücken gehangen, hätte sie nicht versucht, sie am Hinterkopf aufzustecken. Ihre Frisur glich eher einem Vogelnest als einem adretten Knoten, zu dem Eves eigenes Haar gewunden war, doch es wirkte hübsch, wenn auch etwas exotisch auf Eve. Sie hatte eine solche Frisur nie gesehen. Nun mochte das daran liegen, dass alle Afrikanerinnen, die ihr bisher begegnet waren, das Haar bedeckt trugen. Fanny tat das nicht. Sie trug auch kein langes afrikanisches Kleid, sondern ein einfaches europäisches Kattunkleid. Es stand ihr gut, sie war schlank und anmutig. Geschickt deckte sie den Schreibtisch des Konsuls mit dem Teegeschirr und goss allen eine Tasse ein. Der Konsul berichtete ihr derweil, dass Eve eine Stellung im Palast antreten würde und eine Übersetzerin brauchte. »Möchtest du sie nicht begleiten, Fanny?«
Fanny musterte Eve genauso freundlich interessiert, wie Eve sie ihrerseits betrachtete.
»Als Ihre Dienerin?«, fragte sie direkt in ihre Richtung.
»Als meine Begleiterin … meine … Helferin. Auf keinen Fall als Sklavin!«, sagte Eve fest. »Ich würde dir ein Gehalt bezahlen, aber ich fürchte, das gibt mein eigener Verdienst nicht her. Ein Taschengeld bringe ich jedoch sicher auf. Und du musst bestimmt nicht schwer arbeiten.«
Das Mädchen lächelte. »Es muss aufregend sein, im Palast zu leben«, bemerkte es. »Aber ich kann nur wenig Arabisch …«
»Kisuaheli sollte reichen«, meinte der Konsul.
»Dann würde ich gern mitgehen«, entschied Fanny. »Wenn ich Ihren Ansprüchen genüge, Madam.«
Eve reichte ihr spontan die Hand. »So ist es ausgemacht! Aber bitte nenn mich nicht ›Madam‹. Du kannst Miss Goodall sagen oder einfach Miss Eve.«
»Eve wie Ewa?«, fragte das Mädchen.
Eve nickte. Sie sollte erst später lernen, dass der Name »Ewa« in Kisuaheli nichts mit der biblischen Eva zu tun hatte, sondern »Schönheit« bedeutete. »Und du? Fanny ist doch kein hiesiger Name?«, überlegte Eve.
»Ich heiße eigentlich Fanta. Ein gängiger Name in Ostafrika«, sagte Fanny. »Aber Sie können mich ruhig Fanny nennen, das macht jeder.«
Eve lächelte ihr zu. »Dann also auf gute Zusammenarbeit! Ich freue mich sehr! Kannst du gleich morgen mit mir abreisen? Oder heute Abend schon? Wie ist das jetzt geplant, Herr Konsul?«
Eve verbrachte die Nacht in der Wohnung des Konsuls und lernte dabei seine freundliche Gattin kennen, die es gar nicht fassen konnte, dass sie wirklich im Harem leben würde.
»Sie müssen mir alles erzählen!«, forderte sie. »Wie die Frauen dort leben … über die Bäder … die Gärten … Ich war schon einmal da, wissen Sie, aber nur in den Gemächern der Sultanin …«
»Es gibt eine Sultanin?«, wunderte sich Eve.
Die Konsulin nickte. »Ihr Name ist Azze – Sejide Azze. Sie besteht darauf, als ›Hoheit‹ angesprochen zu werden. Eine äußerst vornehme Frau von sehr hoher Geburt. Sie stammt aus Arabien. Die Heirat war sicher arrangiert, sie soll aus königlichem Hause kommen. Allerdings hat sie dem Sultan keine Kinder geschenkt, was sie sicher verbittert hat. Sie empfing mich einmal zum Tee, als mein Mann beim Sultan vorsprach. Ihre Räume sind sehr kostbar eingerichtet, es wimmelt von Dienern und Dienerinnen. Sie bewohnt eine Suite neben der des Sultans. Die anderen Frauen und Kinder leben im Erdgeschoss oder in einem anderen Trakt des Palastes und ließen sich nicht blicken. Insofern habe ich vom eigentlichen Leben dort nicht viel mitbekommen. Die Sejide spricht leider kaum Englisch, wir haben nur Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht.«
»Dann werde ich sie wohl auch nicht näher kennenlernen«, meinte Eve. Die Familienverhältnisse des Sultans erschienen ihr mehr und mehr befremdlich. Wie musste sich diese Frau fühlen, die bei all dem Luxus, der sie umgab, doch ziemlich allein zu sein schien? Oder hatte sie vielleicht Freundinnen unter ihres Mannes Nebenfrauen? Eve beschloss, Lorraine bald einen Brief zu schreiben. All diese Geschichten würden ihre neugierige Freundin bestens unterhalten.
Am Morgen wurden Eve und Fanny mit einer Eskorte zum Hafen gebracht, wo sie ein Schiff, eine traditionelle Dhau, erwartete. Das Schiff war kunstvoll aus Holz gefertigt und mit einem bunten Segel versehen. Es lag etwas außerhalb des diesmal infolge der Ebbe ziemlich ausgetrockneten Hafenbeckens. Die Gardisten hielten ein paar Männer an, Eve und Fanny auf Traggestellen über das Watt zu befördern. Es war beiden gleichermaßen peinlich – Eve, weil sie das Gefühl hatte, die Männer auszunutzen, und Fanny, weil sie fand, ihr Stand als frühere Sklavin ließe es nicht zu, sich auf so hochherrschaftliche Art zum Schiff bringen zu lassen. Letztlich hatten aber beide keine Lust, sich die Schuhe im Schlamm zu verderben. Eve gab den Männern nach der Ankunft auf dem Schiff ein paar Münzen – englisches Geld, das sie gern annahmen.
»Der Palast des Sultans liegt am Meer, an einer Flussmündung«, hatte der Konsul Eve gestern noch erklärt, und sie gab es jetzt an Fanny weiter. »Deshalb heißt er ›Bet il Mtoni‹ – Haus am Fluss. Es gibt dann noch ein Stadthaus ›Bet il Sahel‹. Auch da sind Frauen und Kinder des Sultans untergebracht. Der Sultan teilt seine Zeit zwischen den beiden Regierungssitzen. Vier Tage in der Woche weilt er in Bet il Mtoni. Ich soll ihn dort heute noch treffen.«
»Muss ich da mitkommen?«, fragte Fanny ängstlich. Sie wirkte heute mehr als gestern wie eine typische Frau aus Sansibar. Sie trug ein buntes Kleid und über ihrem Haar lag ein Schleier. Eve bejahte.
»Er muss wissen, dass ich dich mitgebracht habe und warum. Ich hoffe, er macht keine Schwierigkeiten. Aber eigentlich müsste er ja einsehen …« Eve sprach nicht weiter, denn das Boot legte jetzt ab, setzte Segel, und sie vergaß die bevorstehende Audienz über den Anblick der Küste von Sansibar, an der sie entlangfuhren. Alles war grün, nur selten war ein Haus zu sehen, dann stets aus Lehm gebaut, wie Ethan beschrieben hatte. Eve konnte keine der Pflanzen benennen, die an den Steilküsten bis ans Meer heranwuchsen oder am Ende eines Sandstrandes. Fanny kannte sich etwas besser aus. Sie erkannte Tamarindenbäume und Bananen, Katappenbäume und verschiedene Flechten und Farne.
»Im Innern der Insel liegen die Gewürzplantagen«, sagte sie. »Hauptsächlich Nelken, die hat die Familie Collins auch angebaut. Ansonsten Vanille, Pfeffer – wir werden bestimmt einmal Plantagen besuchen. Mr. Ethan sagt, die Pflanzungen gehören jetzt alle dem Sultan, und die Familie macht manchmal Ausflüge dorthin.«
Eve versuchte, sich einen Familienausflug mit siebzig Frauen und dreißig Kindern vorzustellen, aber dafür reichte ihre Fantasie nicht aus. Inzwischen neigte sich ihre kurze Schiffsreise auch schon ihrem Ende zu. An einen Sandstrand grenzte eine Orangen- oder Zitronenpflanzung, und dahinter lag eine große steinerne Wohnanlage. Bet il Mtoni!
Immer noch war Ebbe, doch auch hier warteten Sklaven am Strand, um den Passagieren der Dhau über das Watt zu helfen. Eve nahm erneut in einem Tragstuhl Platz, doch diesmal verzichtete sie blutenden Herzens darauf, den Trägern ein paar Münzen zuzustecken. Sicher war das bei Sklaven nicht üblich, und der Sultan hätte es ihr sogar übel nehmen können.
Am Strand spielten ein paar Kinder, die neugierig zu den Neuankömmlingen hinüberstarrten. Eve hätte nicht sagen können, ob es Prinzen und Prinzessinnen oder Sklavenkinder waren. Die einfache Spielkleidung – bei den jüngsten nur ein Hemdchen, bei den älteren weite lange Hosen und darüber eine Art Leinenhemd – war weitgehend identisch und unterschied sich hauptsächlich durch den Verschmutzungsgrad. Die Hautfarben ließen ebenfalls keine Unterschiede erkennen. Die Kinder hatten durchweg einen dunkleren Teint als europäische Kinder. Alle Kinder wurden von Frauen beaufsichtigt, die leichte Kleider und Turbane trugen. Sicher Sklavinnen, dachte Eve. Die Konkubinen des Sultans trieben sich bestimmt nicht unverschleiert am Strand herum.
Als Eve dem Tragstuhl entstieg, verbeugten sich sofort zwei Männer vor ihr, die so leichte Leinenkleidung trugen wie die Sklaven, die sie am Hafen erwartet hatten. In einem von ihnen erkannte sie den jungen Eunuchen von gestern wieder, der zweite war älter und richtete nun das Wort an Eve.
»Willkommen in Bet il Mtoni«, sagte er in mühsamem Englisch. »Ich erster Eunuch – Dschohar – zu Diensten von Madam. Sultan Sie bald empfangen. Erst zeigen Ihre Wohnung …«
Eve war das mehr als recht. Nach der kurzen Schifffahrt fühlte sie sich doch etwas zerzaust vom Wind, und sicher war es auch eine gute Idee, ihr Reisekostüm durch leichtere Kleidung zu ersetzen.
Dschohar und sein Stellvertreter führten die Frauen durch eine Allee aus tropischen Gewächsen auf das Haus zu, dem eine Art Säulenhalle als Vordach diente. Ein paar Treppen führten hinauf zu der eleganten Konstruktion, die den Eintretenden Schatten spendete. Auf den Säulen ruhte ein achteckiger Balkon, sicher ein luftiger Ausguck, und darüber erstreckte sich ein spitzes Dach.
Der eigentliche Eingang zum Palast wurde von Bewaffneten bewacht. Sie trugen prächtige Uniformen und dazu Säbel, Messer, Lanzen und Gewehre. Eve sollte später feststellen, dass fast alle arabischen Männer ständig Waffen trugen, je filigraner verziert, desto wertvoller.
Die Türen öffneten sich zu einem Vestibül, einladend gestaltet mit Nischen, in denen fein gestaltete Glas- und Porzellankannen sowie Teller zur Schau gestellt wurden. Die Wände zierten Spiegel und gemalte, in sich verschlungene Elemente, die fast wie Bordüren wirkten. Im Raum hielten sich einige arabisch anmutende Männer auf, die etwas verwirrt auf die eintretenden Frauen blickten. Sie hatten sich die Schuhe ausgezogen, was auch Fanny selbstverständlich tat – es schien in islamischen Häusern Brauch zu sein. Die Eunuchen ließen die Frauen jedoch nicht barfuß weitergehen, im Gegensatz zu den männlichen Besuchern. Stattdessen boten sie ihnen holzgefertigte Sandalen an.
»Kabakib«, sagte Dschohar und lächelte. »Weil macht Laut bei Laufen: Kab Kib Kab Kib.«
Eve bemühte sich, die Schuhe anzuziehen, doch bei dem Versuch, darauf zu laufen, wäre sie beinahe gefallen. Die Holzsohle war sicher fünf Zentimeter dick; später sollte sie feststellen, dass die Frauen des Sultans bis zu zehn Zentimeter hohe Schuhe trugen. Eves neues Schuhwerk war schlicht, während die Sarari Sandalen liebten, die mit Gold und Silber geschmückt waren.
Jetzt stöckelte Eve mühsam hinter den Eunuchen her, und Fanny tat es ihr nach. Dschohar führte sie durch einen Audienzraum, der einen erhöhten Sitz für den Sultan und an den Wänden Sitzgelegenheiten aus Rattan für die Besucher aufwies. Die Wände schmückten Zierwaffen, fein geschmiedete Schwerter, Messer und Krummsäbel, die silbern und golden leuchteten. Eve fragte sich, ob sie den Sultan hier oder in eher privater Atmosphäre treffen würde. Vom Empfangsraum aus gelangte man in einen Arkadengang, der sich um einen wunderschön bepflanzten Innenhof wand, dessen Zentrum ein Brunnen bildete.
Die Eunuchen verweilten jedoch nicht, sondern führten die Frauen eine Treppe hinauf, deren unregelmäßig hohe Stufen die Bewegung in den Holzschuhen noch schwerer machten. Im ersten Stock sah man nun auch Frauen und Kinder. Da sie unter sich waren, gingen die Sarari unverschleiert. Sie schienen hier ihre Wohnungen zu haben, deren Türen von einer Art offenem Korridor ausgingen. Eve bemühte sich, die Frauen nicht anzustarren, war aber – obwohl vom Konsul bereits vorbereitet – überrascht über die Vielfalt weiblicher Schönheit, die ihr begegnete. Hellhäutige Frauen mit aristokratischen Zügen lustwandelten ebenso auf der Empore wie Nubierinnen mit langen, schwanenschönen Hälsen, deren tiefes Schwarz von goldenen Ketten und Halsringen betont wurde. Sie trugen ihr schwarzes krauses Haar oft streichholzkurz, was ihre edle Kopfform betonte. Eve betrachteten alle voller Neugier. Sie fragte sich, ob die Frauen sie vielleicht tatsächlich für eine neue Konkubine des Sultans hielten und was sie dann in ihr sahen – eine neue Freundin oder eine künftige Konkurrentin?
Die Empore bot Aussicht auf einen großen Innenhof mit vielfältigen Gärten, in denen sich ebenfalls Frauen und Kinder tummelten. Dabei sah es so aus, als ob sich auf einer von einer riesigen Palme beherrschten Freifläche ein Drama abspielte. Eve hörte Frauen schreien, schimpfen und klagen. Zwei kostbar gekleidete Frauen sowie mehrere Dienerinnen in bunten Kattunkleidern standen um die Palme herum, an der drei Kinder flink hinaufkletterten. Die Frauen bemühten sich ganz offensichtlich, sie mit ihren Rufen zur Vernunft zu bringen, doch die kleinen Gestalten bewegten sich bald in einer Höhe, von der sie fast das Dach des Palastes würden sehen können. Erst als sie den Stamm gänzlich erklettert hatten und in luftiger Höhe die Palmwedel erreichten, die weiteres Vorankommen erschwerten, verhielten sie und schienen auf ihre Mütter und Dienerinnen herabzuschauen. Eve hätte sich nicht gewundert, hätten sie triumphierend gelacht, doch das konnte sie nicht erkennen, ebenso wenig, ob es sich bei den Rangen um Mädchen oder Jungen handelte. Nichtsdestotrotz hielt sie vor Furcht um die Kinder den Atem an, ebenso wie die Sarari, die dem Schauspiel vom Korridor aus folgten.
Inzwischen näherte sich den Kindern ein sehr großer, sehr dunkelhäutiger Mann, der seinerseits eilig den Stamm der Palme erklomm. Er sicherte sich dabei durch einen Strick, den er um seine Knöchel gewunden hatte und mittels dessen er Halt finden konnte. Die Kinder trugen nichts dergleichen, kein Wunder, dass ihre Mütter sich zu Tode fürchteten! Der Helfer erreichte das erste Kind in kürzester Zeit, legte die Arme sowohl um den kleinen Körper als auch um den Stamm der Palme und zwang das Kind, so von ihm geschützt, herunterzuklettern. Die anderen folgten freiwillig – wahrscheinlich hatten sie keine Lust, der gleichen Rettung unterworfen zu werden. Sie hätten das sicher als demütigend empfunden, dachte Eve.
In diesem Moment öffneten die Eunuchen für sie die Tür zu einem Eckzimmer – und sowohl sie als auch Fanny standen sprachlos vor dem Luxus, der sich ihnen hier zeigte.
Der Fußboden war bedeckt mit kostbaren Teppichen, ein riesiges, breites Bett, bedeckt mit bestickten Kissen und Decken, befand sich in einer Ecke des Raumes. Es war aus Rosenholz gearbeitet und mit feinsten Schnitzereien bedeckt, ebenso wie die Kommoden und Truhen, die einen Kleiderschrank ersetzten. Regale aus grünem Holz, in die Ziergegenstände gestellt werden konnten, teilten die Wände in Nischen auf. Dazwischen hingen so viele Spiegel, wie Eve sie nie zuvor gesehen hatte. In der Blindenschule gab es verständlicherweise kaum welche, nur die sehenden Lehrkräfte besaßen kleine private Spiegel. Hier dagegen konnte man sich ständig selbst bewundern – und Schönheitsfehler sofort korrigieren. In diesem Refugium der schönsten Frauen des Landes war das wohl das dringendste Bedürfnis einer jeden Surie.
Eve registrierte drei Sessel an einem Fenster, das den Blick auf üppiges Grün bot und auf einen Zufahrtsweg, durch den Waren in den Palast gelangten. Er war breit genug für die üblichen Ochsen- oder Eselskarren, und natürlich konnte man den Palast auf diesem Weg auch zu Pferde erreichen und verlassen.
Eve fragte sich, ob ein Apartment mit einem Blick in die Freiheit bei den Sarari eher geliebt oder verhasst war. Fühlten sie sich wohl hier? Oder eher eingesperrt wie in einem goldenen Käfig? Sehnten sie sich nach Freiheit – oder brachten sie dem Sultan genug Zuneigung entgegen, um mit den anderen Frauen um seine Liebe zu konkurrieren?
Fanny erkundete inzwischen ihre Wohnung und stieß hingerissen auf ein privates Bad, in dem sich, aufgereiht auf Regalen, verschiedene Essenzen als Badezusätze fanden.
»Du Bad bereiten für Herrin«, wies Dschohar sie an.
Der jüngere Eunuch, der Eve gestern schon den Esel als Geschenk des Sultans angepriesen hatte, wies auf die Öle und Salze. »Ausgesucht Prinzessin – für geehrte Lehrerin«, sagte er mit einer Verbeugung.
Diesmal war Eve ehrlich erfreut. Was das Langohr anging, hatte sie noch an einen Streich gedacht, hier jedoch hatte sich Prinzessin Nunu wirklich bemüht, ihr eine Freude zu machen.
Überhaupt duftete es in der gesamten Wohnung. Rosenwasser, befand Eve. Sie sollte bald erfahren, dass es im gesamten Palastbereich ständig versprüht wurde und Duftöle ohnehin allgegenwärtig waren. Wenn die Düfte nie aufdringlich wurden, so nur deshalb, weil die Fenster und Türen meist offen standen, die Korridore sich nach außen öffneten und das tägliche Leben zu einem großen Teil im Freien stattfand.
»Sie sich richten ein – kleiden um – und gehen zu Sultan«, forderte Dschohar sie auf. »Wird sein in Benjile, dort verbringt viel Zeit, Sie dort empfangen.«
Eve hatte zwar keine Ahnung, was ein Benjile war, doch das würde sich schon finden. Jetzt würde sie erst einmal auspacken und dann vielleicht wirklich die marmorne Badewanne ausprobieren, die in der Wand des privaten Bades eingelassen war. Es musste wunderbar sein, sich den Reisestaub abzuwaschen.
»Schauen Sie mal, Miss Eve!«, rief Fanny, die eben eine der Truhen geöffnet hatte. Überrascht blickte sie auf die darin enthaltene Seidenkleidung im arabischen Stil – weite Hosen und knöchellange Kleider. »Ob wir uns so anziehen sollen?«
Eve runzelte die Stirn. »Na, das nun doch nicht! Eine gewisse Anpassung an die Gebräuche dieses Landes muss sicher sein, aber gleich eine neue Ausstattung … Nein, ich werde Rock und Bluse tragen wie immer. Und du hast auch deine Kleider. Allerdings … oh, Fanny, ich habe ganz vergessen zu fragen, wo du schlafen wirst!«
