Ein kleines Stück von Afrika - Hoffnung - Christina Rey - E-Book
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Ein kleines Stück von Afrika - Hoffnung E-Book

Christina Rey

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Beschreibung

Nach dem Ersten Weltkrieg muss sich die jung verwitwete Ivory in Kenia großen Herausforderungen stellen. Denn ihre Entscheidung für einen neuen Mann an ihrer Seite sorgt für Aufruhr in der Gesellschaft und Ablehnung seitens ihrer Familie. Dennoch ist Ivy mit ihrem Mann und ihren kleinen Töchtern auf Edgecumbe Farm glücklich. Bis eines Tages ein Fremder anreist und Anspruch auf das Anwesen erhebt. Völlig mittellos und begleitet von der tiefen Sorge um ihre älteste Tochter muss Ivy mit ihrer Familie nach Nairobi übersiedeln. Dort verknüpft sich ihr Schicksal mit einer einst einflussreichen Adligen, die aus Indien nach Afrika floh ...

Der mitreißende zweite Band der großen Afrika-Saga

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Seitenzahl: 557

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumZitat123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748Historischer Hintergrund

Über dieses Buch

Nach dem Ersten Weltkrieg muss sich die jung verwitwete Ivory in Kenia großen Herausforderungen stellen. Denn ihre Entscheidung für einen neuen Mann an ihrer Seite sorgt für Aufruhr in der Gesellschaft und Ablehnung seitens ihrer Familie. Dennoch ist Ivy mit ihrem Mann und ihren kleinen Töchtern auf Edgecumbe Farm glücklich. Bis eines Tages ein Fremder anreist und Anspruch auf das Anwesen erhebt. Völlig mittellos und begleitet von der tiefen Sorge um ihre älteste Tochter muss Ivy mit ihrer Familie nach Nairobi übersiedeln. Dort verknüpft sich ihr Schicksal mit einer einst einflussreichen Adligen, die aus Indien nach Afrika floh …

Der mitreißende zweite Band der großen Afrika-Saga

Über die Autorin

Christina Rey wuchs in einer westfälischen Großstadt auf. Sie studierte Geschichte und Soziologie und engagierte sich anschließend in sozialen Projekten im In- und Ausland. Unter anderem unterstützt sie in Ostafrika eine Schule für Straßenkinder. Besondere Freude findet sie daran, andere Länder und andere Kulturen kennenzulernen. Sie verliebte sich bei einer Fotosafari durch Kenia unsterblich in die Tiere und Landschaften dieses besonderen Kontinents. Christina Rey ist außerdem eine begeisterte Fotografin.

CHRISTINA REY

Roman

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durchdie Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2023/2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Landkarte: © Kirstin Osenau, Bastei Lübbeunter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

Umschlagmotiv: © Richard Jenkins Photography

© Shutterstock: Oleg Znamenskiy | Milan Zygmunt | EcoPrint | Vytenis84 | panda3800 | sonchacha | Ola-la | GoodFocused | Al.geba | LukyToky

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-4206-1

luebbe.de

lesejury.de

Hoffnung ist der Anker der Welt.

Sprichwort aus Afrika

1

Kenia, 1926

Die beiden kleinen Mädchen, die vor dem Haupthaus der Edgecumbe Farm Hüpfekästchen spielten, hätten unterschiedlicher kaum sein können. Ailbert Edgecumbe, der die Szenerie mit scharfen Augen erfasste, kaum dass Reggie Derringer den Jeep über die gepflegte Zufahrt gelenkt hatte, registrierte ein zierliches kleines Ding mit dunklerer Haut, das barfuß in und über die Kästchen hüpfte. Sein schwarzes krauses Haar war zu einem lustigen Dutt zusammengefasst, es trug ein kurzes hellblaues Leinenkleidchen. Das andere Kind hatte seltsamerweise ein langärmeliges Hemd und lange Hosen an, Söckchen und Leinenschuhe. Nur der Blumenschmuck an seinem riesigen, das Gesicht völlig verdeckenden Sonnenhut ließ darauf schließen, dass es sich um ein Mädchen handelte. Die Aufsicht über die Kinder führte eine schlanke junge Frau mit kurzem gekräuseltem Haar und edlen Gesichtszügen, die sofort Lennox Edgecumbes Aufmerksamkeit erregte. Ailbert warf seinem Sohn einen strengen Blick zu, als der einen bewundernden Pfiff von sich gab.

»Kennst du die?«, wandte Lennox sich nichtsdestotrotz an Reggie.

»Eine Massai«, gab der desinteressiert Auskunft und parkte das Automobil vor dem Eingang zur Rezeption.

Edgecumbe Farm war ein privates Safariresort, das Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit bot, die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt Kenias zu entdecken. Trophäen konnten die Gäste allerdings nur in Form von Fotografien mitnehmen. Bejagt wurden die Tiere hier nicht.

Ailbert warf einen Blick auf das Haus, einen zweistöckigen Natursteinbau mit einer umlaufenden Veranda und verglasten Türen, die sicher viel Licht hineinließen. Es lag auf einer Anhöhe, die Nebengebäude − Ställe und Schuppen – waren tiefer gelegen. Ursprünglich war die Farm von einem Rinderzüchter erbaut worden. Die Auffahrt war von Schirmakazien gesäumt. Ein riesiger, uralter Affenbrotbaum beschattete Teile der Veranda. Zwischen den geschotterten Wegen, die vom Haus zu den Nebengebäuden führten, gab es Blumenbeete mit Ebenholzgewächsen und Palmen.

Ailbert öffnete entschlossen die Wagentür und stieg aus, etwas irritiert davon, dass die Kinder und die junge Frau keine Notiz von ihnen nahmen, bis Reggie ebenfalls ausstieg und sie ansprach.

»Wo ist Miss Ivy?« Der Frage einen Gruß voranzustellen, hielt er offenbar nicht für nötig.

Die Antwort fiel entsprechend knapp und missmutig aus. »Weiß nicht. Unterwegs.«

Die Mädchen zeigten sich jetzt etwas interessierter – oder einfach nur wohlerzogen. Beide kamen auf sie zu und knicksten vor Reggie.

»Guten Tag, Mr. Reggie!«, piepsten sie im Chor.

Jetzt konnte Ailbert auch dem zweiten kleinen Mädchen ins Gesicht sehen. Dabei stockte ihm fast der Atem. Die Kleine hatte ausgeprägte afrikanische Gesichtszüge, jedoch cremeweiße Haut und sehr helle blaue Augen. Das erklärte ihre Kleidung – sie musste vor den Strahlen der heißen kenianischen Sonne geschützt werden.

»Tag, Kinder«, grüßte Reggie kurz angebunden, als wäre es ihm peinlich, von den Mädchen angesprochen zu werden.

Eine freundschaftliche Beziehung schien auch nicht zwischen ihm und den Kindern zu bestehen, die zwei rannten sehr schnell wieder zu ihrem Spiel – allerdings nicht, ohne Ailbert und Lennox Edgecumbe, der jetzt ebenfalls ausstieg, kurz gemustert zu haben. Sie machten jedoch beide keinen großen Eindruck auf sie. Er und sein Sohn waren wie Reggie in khakifarbene Safarikleidung gewandet und unterschieden sich damit nicht sonderlich von den sonstigen Gästen des Resorts.

Nun tat sich etwas im Inneren des Hauses. Ein großer junger Mann in der Uniform eines Hausdieners trat aus der Tür und begrüßte die Ankömmlinge mit einem herzlichen Lächeln.

»Mr. Derringer, Sir«, wandte auch er sich zunächst an Reggie. »Bringen Sie womöglich verspätete Gäste? Mr. Zulu hat gar nicht gesagt, dass noch jemand erwartet wird …«

Bevor Reggie antworten konnte, begrüßte er formvollendet die vermeintlichen Feriengäste. »Auf jeden Fall herzlich willkommen auf Edgecumbe Farm, meine Herren. Mein Name ist Thabo, ich bin der Erste Hausdiener und Assistent von Mr. Zulu, Sie können sich mit allen Fragen und Anliegen an mich wenden.« Er sprach weiter, als Ailbert und Lennox nicht reagierten. »Ich hoffe, die Anreise war nicht zu beschwerlich. Ihr Zug muss jedenfalls Verspätung gehabt haben, unser Bus hat die neuen Gäste schon heute Morgen am Bahnhof abgeholt. Mit weiteren hatte ich nicht gerechnet, da muss es ein Missverständnis gegeben haben. Aber keine Sorge, Ihnen wird gleich ein Begrüßungscocktail gereicht werden, und hier sind auch schon Amaniel und Nio, um sich Ihrer Koffer anzunehmen …«

Zwei Pagen standen hinter ihm bereit und schauten verwundert, als Reggie keine Anstalten machte, den Kofferraum des Wagens zu öffnen.

Ailbert verzog das Gesicht. Er war bereits einige Tage in Kenia, doch von einem Einheimischen in gepflegter Uniform in perfektem Englisch angesprochen zu werden, war er nicht gewöhnt. Er wusste auch nicht recht, wie er reagieren sollte. Bisher hatte er lediglich knappe Befehle gebellt, wenn er mit Afrikanern zu tun gehabt hatte.

»Das sind keine Safarigäste, Thabo«, bequemte sich Reggie nun zu erklären. »Es sind Verwandte von Miss Ivy … äh …«

»Ich möchte Mrs. Edgecumbe sprechen«, sagte Ailbert, während Lennox eine weitere Afrikanerin mit den Augen verschlang, die in einem dunkelblauen Dienstmädchenkleid mit weißer Schürze und Häubchen ein Tablett mit Champagnercocktails aus dem Haus brachte.

Thabo verbeugte sich. Er ließ sich seine Befremdung nicht anmerken. »Miss Ivy ist mit den neuen Gästen unterwegs. Eine erste kleine Rundfahrt. Es sind zwei Kinder dabei, und sie waren so begierig, zumindest ein paar Zebras und Giraffen zu sehen, da hat sie sich breitschlagen lassen.« Er lächelte. »Sie verpassen aber nichts, falls Sie auch Lust auf eine Safari haben«, erklärte er verbindlich. »Die meisten Tiere sieht man kurz vor und bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Jetzt am Nachmittag ruhen sie. Miss Ivy wollte zum Tee zurück sein. Möchten Sie eintreten, während Sie warten?«

»Alternativ könnte ich Ihnen die Farm zeigen«, bot Reggie an.

Das schien Thabo noch mehr zu befremden. In seinem Mienenspiel spiegelte sich der Zwiespalt zwischen der erwarteten Höflichkeit Gästen gegenüber und der möglicherweise ebenfalls erwarteten Pflicht, Außenstehenden Grenzen zu setzen. Wie Ailbert wusste, war Reggie Derringer seit Langem nicht mehr für das Resort tätig, sein Angebot musste dem Angestellten übergriffig erscheinen.

»Ich könnte Mr. Zulu rufen lassen«, schlug Thabo vor. »Der ist bei den Gästezelten …«

Nun befreite den mit der Situation überforderten Hausdiener jedoch die Ankunft eines großen Safarifahrzeugs, das sich in einer Staubwolke näherte. Sie senkte sich erst, als es die gekieste Auffahrt erreichte. Der Wagen wurde von einem jungen Afrikaner gefahren, auf dem erhöhten Beifahrersitz des Guides saß eine hellhäutige Frau, unter deren Sonnenhut lockiges hellblondes Haar hervorschaute. Auch sie trug Khaki – einen Rock und eine Bluse, die ihre schlanke Taille betonte. Sie hatte leuchtende blaue Augen und ebenmäßige Züge, die ein wenig an die des kleinen Mädchens in dem hellblauen Leinenkleid erinnerten, das Ailbert gleich nicht ganz afrikanischstämmig vorgekommen war.

»Miss Ivy, gut, dass Sie kommen«, begrüßte Thabo sie erleichtert. »Diese Herren …«

»Guten Tag, Mr. Reggie!« Das eben noch strahlende Lächeln der jungen Frau wich einem eher misstrauischen Ausdruck. »Und …«

»Ailbert und Lennox Edgecumbe«, stellte sich Ailbert selbst vor. »Falls du uns nicht einordnen kannst, ich bin der Bruder deines Gatten …«

Das Hausmädchen kicherte.

Die Frau seines Bruders warf ihm einen strengen Blick zu. »Ivory Zulu«, stellte sie sich vor. Ailbert registrierte, dass sie die Lage mit einem kurzen Rundblick einschätzte und sofort unter Kontrolle zu bringen trachtete. »Shania, da die Herren deinen Willkommenstrunk anscheinend verschmäht haben, könntest du ihn vielleicht den Teilnehmern meiner ersten kleinen Safari anbieten«, wandte sie sich zunächst an das Hausmädchen. Sie lächelte den Leuten in ihrem Fahrzeug, die eben dabei waren, mithilfe des Fahrers aus den erhöhten Sitzen zu klettern, verbindlich zu. »Und dann geleitest du sie zu den Zelten, Thabo. Sie werden sich vor der Abendsafari und dem Dinner einrichten wollen. Ach ja, und lass bitte ausnahmsweise dort den Tee servieren. Sag Mr. Zulu, die Anweisung käme von mir, falls er fragt.«

Inzwischen waren auch die Kinder auf Ivorys Ankunft aufmerksam geworden und liefen vergnügt auf sie zu.

»Mummy, wir haben Hüpfekästchen gespielt! Ich bin viel schneller als Hope!« Das war das barfüßige kleine Mädchen in dem Leinenkleid.

Die junge Frau beugte sich zu den Kindern hinunter – beide mochten um die fünf Jahre alt sein – und ordnete die Kleidung der Kleinen mit dem Hut. Ein winziges Stück Haut war unbedeckt gewesen.

»Das sind nur diese blöden Sachen, die stören mich«, verteidigte sich das Mädchen. »Und die Schuhe … Wenn ich barfuß hüpfen könnte wie Ebony …«

Ivory Edgecumbe strich dem einen Kind übers Haar, dem anderen über die Schulter. »Morgen können wir das Spiel gern nach Sonnenuntergang wiederholen. Da kann ich die Schiedsrichterin sein. Heute werde ich keine Zeit haben. Ich muss mich um die neuen Gäste kümmern.«

Die Mädchen nickten.

»Aber Ebony muss dann meine Sachen anziehen«, verlangte Hope, »und ich nur ein Hemd und ein Höschen!«

»Wir werden es so gerecht wie möglich gestalten«, versprach die junge Frau. »Und nun geht rein.« Sie wandte sich an die Massai, die ihre Töchter beim Spiel beaufsichtigt hatte. »Inaya, gib ihnen etwas zu essen, und falls ich nicht mehr dazukommen kann, mach sie bettfertig und lies ihnen eine Geschichte vor. Ich muss mich jetzt diesen Herren widmen …« Ailbert Edgecumbe sah, dass sie auch ihm und seinem Sohn ein Lächeln schenkte, doch das wirkte eher geschäftsmäßig, wenn nicht gezwungen. »So, Mr. Edgecumbe«, wandte seine Schwägerin sich ihm schließlich zu. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

Ailbert rang sich ein Lächeln ab. »Ailbert, meine liebe Ivory. Wir sind verschwägert … Ich denke nicht, dass der ›Mister‹ da angebracht ist.«

Ivory schüttelte den Kopf. »Wir waren verschwägert«, erklärte sie. »Mein Mann Adrian ist im Krieg gefallen. Das ist viele Jahre her. Sie wurden doch darüber in Kenntnis gesetzt?«

»Uns erreichte ein Schreiben, ja …«, bemerkte er. »Und … in der letzten Zeit kamen uns sehr hässliche Gerüchte zu Ohren. Gerüchte, denen ich befand, auf den Grund gehen zu müssen. Es heißt, Ivory, du brächtest Schande über unsere Familie.«

Sie erschrak sichtlich ob des plötzlichen Angriffs, fing sich jedoch schnell. »Inwiefern, Schwager Ailbert?«, fragte sie kühl. »Und was geht Sie das überhaupt an? Sie leben in Schottland, oder?«

»Das ist richtig«, erklärte Ailbert. »Ich bin der Erstgeborene unserer Familie, Adrian war mein jüngerer Bruder. Insofern bin ich der Erbe des Familiensitzes in Schottland und der Vorstand der Familie. Es geht mich also durchaus etwas an, wenn die Witwe meines Bruders hier mit einem Afrikaner in wilder Ehe zusammenlebt, und …«

Ivorys Mund verzog sich. »Ich habe mich erneut verheiratet«, gab sie an. »Mein gutes Recht, das mir niemand streitig machen kann.«

»Nun, du bewohnst weiterhin die Farm meines Bruders …«, wandte Ailbert ein.

»Adrian und ich haben Edgecumbe Farm gemeinsam aufgebaut«, erwiderte seine Schwägerin. »Zunächst als Jagdresort. Er führte die Safaris, ich war für die Betreuung der Gäste verantwortlich, was Adrian stets sehr wichtig war. Mr. Sanele Zulu verwaltete den Gästebetrieb. Mr. Reggie Derringer, den Sie ja bereits kennengelernt haben, war als angestellter Jäger hier tätig und übernahm kommissarisch die Leitung des Resorts, als mein Mann zunächst zu einer Tigerjagd nach Indien reiste und sich dann im Krieg der britischen Armee anschloss. Während des Krieges war das Resort geschlossen, und als ich es nach Adrians Tod wieder öffnete, änderte ich das Geschäftsmodell hin zu unblutigen Tierbeobachtungen. Mr. Zulu war mir dabei behilflich, wir haben den Betrieb auf der Grundlage von Adrians Erbe nach dem Krieg gemeinsam wiederaufgebaut. Ich bewohne also keineswegs das Haus Ihres Bruders, sondern führe auf der von ihm geerbten Farm ein gut gehendes Geschäft …«

»Du erwähnst diesen ›Mr. Zulu‹ ziemlich oft«, sagte Ailbert ungehalten, während sein Sohn grinste und in Richtung Reggie eine eindeutige Handbewegung machte.

Seine Schwägerin blickte ihn strafend an. »Mr. Sanele Zulu ist mein zweiter Gatte«, erklärte sie. »Wir leiten das Resort gemeinsam.«

»Es stimmt also«, folgerte Ailbert missbilligend. »Du lebst in Schande. Eine weiße Frau mit einem solchen … Kaffer …«

Ivory blitzte ihn an. »Auf meinem Land werden Sie nicht so abfällig von meinem Gatten oder anderen Afrikanern sprechen! Sanele gehört zum Stamm der Zulu. Thabo, der Sie willkommen geheißen hat, gehört zum Stamm der Kikuyu, ebenso Shania, das Hausmädchen. Inaya, die sich um die Kinder kümmert, ist eine Massai. Sowohl ein Dorf der Massai als auch eines der Kikuyu befinden sich auf beziehungsweise nah bei unserem Land. Nach einigen Querelen leben sie friedlich miteinander, wozu sicher unter anderem die Christianisierung durch die katholische Mission beiträgt, die ebenfalls auf dem Gelände der Edgecumbe Farm angesiedelt ist …«

»Und die Kinder?«, ließ sich jetzt erstmals Lennox vernehmen.

»Gehören zu Sanele und mir«, sagte die Frau seines Bruders, sichtlich um Ruhe bemüht. »Ebony ist unsere leibliche Tochter, ehelich geboren, und Hope ist adoptiert. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, ist sie von Albinismus betroffen. Solche Kinder sind bei den Stämmen nicht erwünscht, sie werden gewöhnlich gleich nach der Geburt getötet. Eine der Missionsschwestern hat Hope gerettet, und wir haben uns ihrer angenommen. Jetzt wissen Sie alles über uns. Vielleicht verraten Sie mir nun auch, was Sie zu mir führt?«

»Nun, ich sagte es bereits«, erklärte Ailbert. »Ich gedenke, die Ehre meiner Familie wiederherzustellen, die du in den Augen aller anständigen Bürger dieser Kolonie beschmutzt, indem du mit einem afrikanischen Mann zusammenlebst. Ihr könnt nicht wirklich verheiratet sein. Das lässt die Krone nicht zu …«

Seine Schwägerin verzog das Gesicht. »Da sind Sie falsch informiert, Mr. Edgecumbe. In Kenia ist die Ehe zwischen Afrikanern und Briten keineswegs verboten. Sie ist nur nicht üblich, und wie Sie selbst sagen, bei den weißen Siedlern nicht gern gesehen. Wir wurden deshalb auch nicht von einem anglikanischen Geistlichen getraut, sondern in der Missionsstation von einem katholischen Priester. Dazu sind wir beide zum katholischen Glauben übergetreten, und die Kinder sind katholisch getauft. Ich kann Ihnen die Urkunden gern vorlegen, obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass Sie das nicht das Geringste angeht! Vielleicht könnten wir nun kurz klären, was Sie tatsächlich von mir wollen, dann kann ich mich wieder meinen Aufgaben zuwenden. Sie mögen ja auf einer Ferienreise sein oder auf einer moralischen Mission«, sie erdreistete sich eines unverschämten spöttischen Lachens, »aber ich habe das Haus voller Übernachtungsgäste.«

Ailbert sah sie lange an. »Ich bin nicht der Ansicht, dass mich der Ruf meiner Schwägerin nichts angeht, zumal sie sich derart skandalös verhält, dass die Kunde davon bis in den letzten Winkel Schottlands reicht. Tatsächlich bin ich hergekommen, um die Würde meines Bruders wiederherzustellen. Ich verlange, dass du diese angebliche Ehe mit einem Schwarzen löst und mich nach Schottland begleitest, um dort ehrenhaft deinen Witwensitz zu nehmen. Alternativ wäre natürlich auch eine Rückkehr in dein Elternhaus nach London möglich.«

Ivory lachte. »Das ist ein Scherz, oder?«, fragte sie. »Mr. Edgecumbe, falls ich mich bislang unklar ausgedrückt habe: Ich bin wieder verheiratet, und ich leite ein Safariresort. Wer sollte das denn Ihrer Ansicht nach übernehmen, wenn ich nach Schottland ziehe?«

Ailbert blieb ernst. »Mein Sohn Lennox ist ein guter Jäger«, erklärte er. »Ich bin überzeugt, er würde das Unternehmen im Sinne seines Onkels weiterführen. Mit Unterstützung von Mr. Derringer …«

Ivory griff sich an die Stirn. »Entschuldigen Sie, aber Sie sind nicht bei Verstand! Ich werde mich jetzt auch nicht weiter mit Ihnen unterhalten, damit vergeude ich nur meine Zeit. Und Sie, Mr. Reggie … Wenn Sie noch einmal mit ungebetenen Gästen kommen wollen, rufen Sie bitte vorher an. Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich von mir. Schwager Ailbert und Neffe Lennox, bleiben Sie meiner Farm fürderhin fern!«

Damit wollte sie sich abwenden, doch Ailbert hielt sie auf. »So einfach geht das nicht, Ivory!«, sagte er drohend. »Du wirst noch von uns hören. Wenn du dich im Guten nicht fügen willst, dann werden wir eben gerichtliche Schritte einleiten. Bis dahin auch dir noch einen guten Tag!«

2

Noch aufgebracht von dem Gespräch und Ailberts Drohungen trat Ivory, die von fast allen nur Ivy gerufen wurde, auf die Terrasse hinter ihrem Haus, von der aus man zu den luxuriösen Safarizelten hinunterblicken konnte, in denen die Gäste des Resorts stilvoll untergebracht waren. Dort musste sich jetzt auch Sanele aufhalten, und sie wünschte sich nichts mehr, als ihm direkt von der Begegnung mit ihrem Ex-Schwager zu berichten. Allerdings zwang sie sich zur Gelassenheit, die Gäste durften nichts von ihrem inneren Aufruhr mitbekommen. Ivy atmete tief durch, ging ins Haus, um nach den Kindern zu sehen und die Gutenachtgeschichte selbst vorzulesen. Dann wurde es Zeit für die erste längere Safarirunde mit den neuen Gästen, die sie selbst zu begleiten pflegte.

Während Sanele die Vorbereitungen für das festliche Willkommensdinner überwachte, wies sie den Teilnehmern die Fahrzeuge zu und bemühte sich, ihre Ruhe wiederzufinden. Das gelang ihr im Busch fast immer. Die Fahrt durch die Savanne, ihre Weite mit den Bergen im Hintergrund, der Anblick der Giraffen und Zebras, Gazellen und Warzenschweine, die sie ihren Gästen vorstellen konnte, faszinierte sie auch noch nach vielen Jahren in Afrika. Es waren keine Zäune zu sehen, das Farmgelände erstreckte sich über viele tausend Hektar, die Begrenzungen wurden den Tieren somit nicht bewusst. Sie lebten hier im Kedong Valley wie in freier Wildbahn, nur geschützt vor Jägern und Wilderern. Das bewirkte, dass sie Menschen gegenüber entspannter waren als Tiere, die bejagt wurden. Ivy war glücklich, als sich auf diesem Ausflug auch Nashörner zeigten und schließlich, in der Dämmerung, eine Löwenfamilie.

Noch ganz erfüllt von den Beobachtungen kamen die Leute zurück auf die Farm und tranken einen Sundowner, während Ivy sich rasch für das Dinner umzog. Erst als sie in einem eleganten Kleid zu den Zelten kam, vor denen die Abendtafel bereits aufgebaut war, sah sie Sanele wieder, und wie immer schlug ihr Herz gleich etwas schneller, als sie seine schlanke Gestalt in der kleidsamen Butleruniform erkannte und sein Lächeln sah, das er eben einer älteren Lady schenkte. Mit ruhigen, geschickten Bewegungen kredenzte er ihr einen Portwein und scherzte mit ihr, bis er sie, Ivy, entdeckte. Seine dunklen Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf, doch obwohl sie davon überzeugt war, sich zu beherrschen, bemerkte er sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Sein Blick umwölkte sich.

»Ist etwas schiefgegangen bei der Safari?«, fragte er leise, und reichte auch ihr einen Aperitif. Ivy empfand es schon als tröstlich, seine ruhige, tiefe Stimme zu hören. »Mir schienen die Leute alle sehr zufrieden …«

Ivy zwang sich zu einem Lächeln. »Das waren sie tatsächlich. Mit den Gästen hat es nichts zu tun … und nichts mit den Kindern. Wir reden später darüber, ja?«

Sanele nickte und strich leicht über ihren Arm. Sie pflegten sich mit dem Austausch von Zärtlichkeiten vor den Gästen zurückzuhalten. Und jetzt war auch keine Zeit für ein vertrauliches Gespräch. Die Gäste scharten sich bereits mit ihren Gläsern um Ivory. Sie erwarteten eine charmante Gesprächspartnerin – und einen perfekten Service, für den sich Sanele verantwortlich zeigte. Der Afrikaner war im Haus eines weißen Plantagenbesitzers aufgewachsen. Dessen Frau hatte das offenbar elternlose Kind bei einem Besuch beim Stamm der Zulu in Südafrika gefunden und sich seiner angenommen. Solange der Kleine niedlich war, hatte sie ihn wie ein Haustier verwöhnt, ihn farbenfroh in Samt und Seide gekleidet wie eine Gestalt aus dem Märchenbuch, und wenn es ihr gerade in den Sinn gekommen war, hatte sie Schule mit ihm gespielt. Dabei hatte er sich selbst das Lesen und Schreiben beigebracht. Als sie später das Interesse an ihm verloren hatte, war er dem Personal zur Hand gegangen, hatte Aufgaben im Haus übernommen und so den Beruf eines Butlers von der Pike auf gelernt. Nebenbei hatte er sich durch die gesamte Bibliothek der Herrschaft gelesen und war so zu beachtlicher Bildung gelangt.

Bedauerlicherweise hatte Sanele mit alldem wenig anfangen können, als die Herrschaft schließlich nach England zurückging und er sich nach einer neuen Stellung umsehen musste. Einen afrikanischen Butler wollte auch heutzutage niemand, egal wie fließend und gewählt er sich auf Englisch ausdrückte. Am Ende hatte er Arbeit bei einem Safariveranstalter gefunden, der Adrian Edgecumbe als Jäger beschäftigt hatte. Beide verliebten sich in Ivy, die mit ihrem Vater an einer der Jagdreisen teilnahm. Sie war damals noch sehr jung gewesen und auf Adrians Werben eingegangen, Saneles Gefühle hatte sie gar nicht bemerkt. Als sie den berühmten Großwildjäger am Ende geheiratet hatte, hatte er sie auf ihre Farm begleitet und beim Aufbau des Jagdresorts geholfen, wobei er immer mehr zu ihrem Vertrauten geworden war. Er sagte ihr immer wieder, dass er diese Zeit nicht hätte missen wollen – auch wenn noch viele Jahre vergangen waren, bis sie sich ihre Liebe zu ihm eingestand.

»Und das können keine Betrüger sein?«, fragte er, als sie sich endlich in ihre privaten Räume hatten zurückziehen können und Ivy vom Auftritt der Edgecumbes berichtet hatte.

Während des Dinners hatte sie sich erneut in Aufregung und Unsicherheit hineingesteigert. Nun empfand sie Saneles Nähe als tröstlich. Auf seine Frage hin musste sie jedoch den Kopf schütteln. »Nein. Tatsächlich war ich bis ins Mark erschrocken, als ich diesen Lennox gesehen habe, Adrians Neffen. Er ist Adrian wie aus dem Gesicht geschnitten. Das kann kein Zufall sein.«

»Und er ist vermutlich der jüngere Sohn«, überlegte Sanele. »Er hat in Schottland nichts zu erben, und da ist seinem Vater die Farm in Afrika eingefallen. Die versucht er sich nun unrechtmäßig anzueignen.«

»Was kann er denn machen?«, fragte Ivy nervös. »Ich bin die vom Gericht bestätigte Erbin, selbst wenn es dem Richter vielleicht nicht gefällt, wie wir hier leben. Und als wir geheiratet haben, war Adrian seit Jahren tot.«

Sanele nickte beruhigend, obwohl sich in seinem Gesicht die gleiche, hoffentlich irrationale Furcht spiegelte, wie in dem ihren. »Er kann überhaupt nichts tun«, erklärte er. »Die Farm gehört dir, und wir haben eine gültige Heiratsurkunde. Du gehörst fraglos zu mir. Er kann dich nicht nach Schottland verschleppen, sosehr es ihm gefällt, seinem Sprössling ein einträgliches Erbe zuzuschanzen. Hab keine Angst!«

In den nächsten Tagen bemühten sie sich beide, sich nicht zu fürchten oder den jeweils anderen seine Furcht zumindest nicht spüren zu lassen. Nun fiel das nicht allzu schwer, schließlich hatten sie mit den Safarigästen reichlich zu tun – und bei denen stieß die Vielfalt in ihrer Familie zum Glück nicht auf Ressentiments. Sie hängten ihre Beziehung allerdings auch nicht an die große Glocke. So hatten sie den Namen der Farm nicht geändert, als Ivory von Mrs. Edgecumbe zu Mrs. Zulu wurde. Für die Gäste und das Personal war sie von jeher Miss Ivy, ihre charmante Gastgeberin, und Sanele kannten sie als Mr. Zulu, den zuvorkommenden Geschäftsführer und Butler. Mit den Kindern kamen sie nur wenig in Berührung, schließlich spielte sich das Leben der Gäste hauptsächlich bei den Zelten ab, nur der Tee wurde vor der abendlichen Safarirunde im Foyer des Haupthauses gereicht. Hope und Ebony begegneten sie dabei nur gelegentlich, sie fanden sie beide niedlich. Fragen wurden eher nach Hopes seltener Hautfarbe als nach der Abstammung der Kinder gestellt. Vielen der Gäste aus aller Welt wurde gar nicht bewusst, dass es sich um Ivys und Saneles Töchter handelte.

Ganz anders sah es aus bei den weißen Kolonisten in Kijabe, einem kleinen Ort am Rande des Kedong Valley, und in Nairobi. Von ihnen wurde Ivy geächtet, seit sie sich zu Sanele bekannt hatte. Sie erhielt keinerlei Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen wie früher, und als Ebony geboren wurde, ebbte das Gerede über die junge Familie nicht ab. Es war durchaus möglich, dass der Klatsch über sie auch England und Schottland erreicht hatte. Viele Kolonisten stammten aus großen, bekannten Familien des Königreiches, und sie waren vermögend. Man reiste gern, und es gab regen Austausch zwischen den Kolonien und den Heimatländern der Siedler.

Ivy und Sanele störte all das wenig. Ihre Safarigäste boten ihnen ausreichend Anregung und Unterhaltung, die Kinder würden später ohnehin die Schule der Mission besuchen. Vorerst waren sie sich selbst genug und brauchten keine weiteren Spielgefährten. Ivy und Sanele begrüßten das sehr, lebten sie doch immer etwas in Angst um Hope. Der Aberglaube rund um Menschen mit Albinismus war in ganz Afrika weit verbreitet, es bestand immer die Gefahr, dass ein davon betroffenes Kind entführt und getötet wurde, um seine Körperteile zu diversen »Wundermedizinen« zu verarbeiten. Zauberer und Heiler zahlten dafür viel Geld – Sanele hatte seine gesamten Ersparnisse aufbringen müssen, um Hope ihren Eltern abzukaufen und damit vor diesem Schicksal zu bewahren. Die Massai, in deren Stamm sie hineingeboren worden war, erkannten diesen Handel an – und die Kikuyu, deren Dorf in unmittelbarer Nähe der Farm lag, wagten nicht, dem Kind etwas anzutun. Bei ihnen genoss Ivory Zulu als Mama wa Wanyama, was so viel wie Mutter der Tiere bedeutete, mythische Verehrung. Man traute ihr zu, die dämonischen Mächte, die man mit einem Kind wie Hope in Verbindung brachte, unter Kontrolle zu halten. Er glaube nicht, dass jemand es wage, das Kind zu stehlen, hatte Sanele damals in der regnerischen Nacht, in der er ihr das Neugeborene gebracht hatte, zu ihr gesagt. »Nicht wenn die weiße Missus es bei sich hat.«

Ivy wollte nicht daran denken, was ein Verlust der Farm für ihre Familie bedeuten könnte, doch in ihren Albträumen hörte sie Ailbert Edgecumbe immer wieder seine Drohung ausstoßen, und als sie sich damit beruhigen wollte, Heiratsurkunde und Geburtsurkunden der Kinder noch einmal zu prüfen, entdeckte sie die Dokumente auf Saneles Schreibtisch. Ihn plagten also die gleichen Sorgen … Und dann erreichte sie zwei Wochen nach der Begegnung mit den Edgecumbes, es war kurz nach dem Weihnachtsfest 1926, ein Brief vom Amtsgericht in Nairobi.

Sanele brachte ihn mit von einer Fahrt nach Kijabe, und Ivy wurde von lähmender Angst erfüllt, als sie die Anschrift sah: Mrs. Ivory Edgecumbe.

»Was … was kann das bedeuten?«, fragte sie tonlos.

Sanele führte sie in den kleinen Raum neben der Empfangshalle, den sie sich als Büro eingerichtet hatte, schloss die Tür und ging zu einem Sideboard, um ein Glas Cognac für sie zu holen. Er tat das immer, wenn sie verstörende Nachrichten erreichten.

»Öffne ihn«, sagte er leise und wies auf den Brief. »Mir hätte er auf der Fahrt beinahe ein Loch in die Tasche gebrannt …« Mit dem Wagen war man von Kijabe zur Farm eine gute Stunde unterwegs.

Ivys Hände zitterten so sehr, dass sie den Umschlag kaum aufreißen konnte. Als sie zu lesen begann, wurde sie kreidebleich.

»Wir haben ihn unterschätzt«, flüsterte sie. »Das … das ist unglaublich perfide …«

Sanele hob das Deckblatt des Schreibens auf, das sie zu Boden hatte fallen lassen. Das Amtsgericht in Nairobi teilte Ivory mit, dass Ailbert Edgecumbe den Antrag gestellt hatte, die von ihr veranlasste Todeserklärung seines Bruders Adrian aufheben zu lassen.

Ivy hatte inzwischen weitergelesen. »Sowohl er als auch sein Sohn Lennox haben eidesstattlich erklärt, Adrian Edgecumbe noch vor rund einem Jahr in Schottland gesehen zu haben. Mr. Edgecumbes älterer Sohn, seine Frau und seine Tochter sowie die gesamte Dienerschaft auf seinem Anwesen sind ebenso dazu bereit«, gab sie den Inhalt des Briefes wieder.

Sanele runzelte die Stirn. »Adrian soll in Schottland gewesen sein? Nach all den Jahren? Warum kam er denn nicht nach Hause? Warum hat er sich nicht bei dir gemeldet?«

Ivy studierte die dem Behördenbrief beigefügte Aussage ihres ehemaligen Schwagers.

»Angeblich hat er erst lange mit einer schweren Kopfverletzung in einem Hospital gelegen. Da hat ihn niemand erkannt, und er erinnerte sich nicht an seinen Namen. Als sich das schließlich legte, kam er hierher zurück und musste zu seinem Entsetzen erkennen, dass seine Gattin ihn mit einem schwarzen Hausdiener betrog. Tief enttäuscht und verletzt hat er sich dann zurückgezogen, ohne sich zu erkennen zu geben, und ist in aller Welt umhergereist, bis er vor einem Jahr in Schottland bei seiner Familie auftauchte …«

»Tief enttäuscht und verletzt? Adrian Edgecumbe?« Sanele schüttelte den Kopf. »Der Mann hätte mich umgebracht, wenn er uns bei irgendetwas Verbotenem gesehen hätte, und dich womöglich gleich mit!« Er rieb sich die Stirn. »Das wird niemand glauben!«

Ivy sah ihn verzweifelt an. »Lediglich jemand, der es nur zu gern glauben will«, sagte sie. »Und das könnte in Bezug auf unseren hiesigen Gouverneur und seine Richter durchaus zutreffen. Ich werde nun aufgefordert, mich dazu zu äußern, und man wird die Dokumente, aufgrund derer die Sterbeurkunde für Adrian ausgestellt wurde, noch einmal prüfen.«

»Das sind ja leider nicht viele«, meinte Sanele besorgt. Tatsächlich beruhte die Entscheidung des Gerichts lediglich auf der Aussage eines alten Freundes und Mitstreiters Adrians, der geschworen hatte, ihn fallen gesehen zu haben. »Und man müsste Major Wiltshire nicht einmal eine Lüge unterstellen. Er kann ja gesehen haben, dass der Bwana getroffen worden ist, aber seinen Tod nur angenommen haben.«

»Trotzdem muss er noch mal aussagen!«, rief Ivy, deren Entsetzen langsam Kampfbereitschaft wich. »Und kann man nicht etwas tun, um die Aussagen der Edgecumbes zu widerlegen? Es müsste Aufzeichnungen über Verwundete geben. Bei einem Gedächtnisverlust sollten doch Versuche gemacht werden, den Soldaten zu identifizieren. Wir … wir müssen sie zwingen, Adrian als Zeugen zu laden. Wenn er am Leben ist, dann soll er sich zeigen.«

»Wo ist er denn jetzt angeblich?«, fragte Sanele.

Ivy las nach. »Laut Ailbert hat er sich erneut zurückgezogen. Er wolle kein Aufsehen. Die Familie fand aber, man könne die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen, und ihr Oberhaupt ist deshalb hergereist, um auf Edgecumbe Farm ›nach dem Rechten zu sehen‹. Die hier herrschenden Zustände hätten ihn davon überzeugt, dass mir Einhalt geboten werden müsste. Tja, und da sind wir nun.«

Sie sah hilflos zu Sanele auf, der sich jetzt auch einen Cognac einschenkte und einen Schluck trank. Ivy hatte den ihren noch nicht angerührt.

»Wenn er recht bekommt, hat er ganze Arbeit geleistet«, sagte Sanele langsam. »Dann verlieren wir nicht nur die Farm, unsere Eheschließung wird ebenfalls ungültig. Und Ebony wird zum Bastard.«

Ivory entfuhr ein bitteres Lachen. »Oh, Ebony wird dadurch eher zu einer Edgecumbe, wahrscheinlich das Einzige, woran Ailbert bei der Sache nicht gedacht hat. Wenn Adrian nicht tot ist, bin ich immer noch mit ihm verheiratet und Ebony damit ein eheliches Kind. Adrians Kind.«

Sanele lächelte schief. »Die Vaterschaft lässt sich leicht widerlegen«, murmelte er. »Doch das ist ja noch nicht das Schlimmste. Da ist schließlich Hope …«

»Die zum Freiwild wird, wenn wir die Farm verlassen müssen.« Ivory erblasste erneut. »Der Gouverneur oder der Richter oder wer auch immer das entscheidet, muss für uns stimmen. Er muss einfach!«

Sanele seufzte. »Ich denke, wir brauchen erst einmal einen Anwalt. Und vielleicht wendest du dich an deinen Schwager, der arbeitet doch in der Verwaltung in Mombasa. Er könnte Nachforschungen anstellen, die Aufzeichnungen der Militärkrankenhäuser durchsehen …«

Ivy zog die Augenbrauen hoch. Von Jeffrey Olden-Carmichael, dem Ehemann ihrer Schwester Rosamond, erwartete sie nicht viel Hilfe. Die beiden hatten den Kontakt zu ihr abgebrochen, als sie sich zu Sanele und ihrem gemeinsamen Kind bekannt hatte. Und auch vorher schon war das Verhältnis zu ihnen nicht das beste gewesen.

»Ich kann’s versuchen«, erklärte sie. »Wir müssen alles tun, um das von uns und den Kindern abzuwenden.«

3

Es war nicht leicht für Sanele und Ivy, einen Anwalt zu finden, der bereit war, ihre Sache zu vertreten. Die alteingesessenen Anwälte in Nairobi und der Provinzstadt Kijabe im Kedong Valley, dem die Edgecumbe Farm am nächsten lag, hatten ihre Klienten unter den angesehenen Kolonisten. Sie mochten sich nicht für ein Paar einsetzen, dessen Zusammensein allgemein als Skandal empfunden wurde. Dabei hatte Ivy gehofft, dass die Bürger von Kijabe den Betrug sofort durchschauen würden. Adrian war ein geachteter Mann im Ort gewesen, jeder hatte ihn gekannt, und sie mussten wissen, dass Ailberts Behauptungen in keiner Weise zu seinem Wesen passten. Niemals hätte ein Mann wie er sich zurückgezogen und seine Farm seiner untreuen Frau und ihrem afrikanischen Liebhaber überlassen. Adrian war ein Jäger gewesen, ein Kämpfer, hatte im Krieg eine Auszeichnung und Beförderung nach der anderen erfahren. Aufsehen hatte er nie gescheut. Eigentlich musste das den erfahrenen Anwälten klar gewesen sein, die Ivy bisher aufgesucht hatte – einer von ihnen war früher sogar gelegentlich für Adrian tätig gewesen. Auch er lehnte das Mandat jedoch ab.

»Er kann sich geändert haben«, gab er zu bedenken, als Ivy ihm vorhielt, wie unwahrscheinlich Ailberts Behauptungen waren. »So eine Kopfverletzung …«

»Die Gegenseite müsste doch erst mal beweisen, dass es einen Mann mit einer Kopfverletzung und Gedächtnisverlust in irgendeinem Krankenhaus gegeben hat!«, rief Ivy.

Der Anwalt zuckte mit den Schultern. »Das müssten eher Sie beweisen. Die Gegenseite hat reichlich Zeugen für ihre Sache. Sie haben keinen.«

Schließlich suchte Ivy einen jungen Anwalt in Nairobi auf, der noch nicht lange dort ansässig war. Eigentlich war es sein Name – Abraham Lorimer –, der sie auf ihn aufmerksam machte. Ein Abraham Lorimer, allerdings ein älterer Herr, und seine Frau Anne hatten mehrmals auf Edgecumbe Farm Urlaub gemacht und die unblutigen Safaris sehr genossen. »Gewalt und Schusswaffen hatte ich genug in meinem Beruf«, hatte er einmal gesagt, und dann launig von seinen Erlebnissen als Detective Constable im Dienste von Scotland Yard erzählt. Die Lorimers waren erst nach seiner Pensionierung nach Kenia gezogen und bewohnten ein Haus in Nairobi, einer schnell wachsenden Stadt, deren Bild Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser für weiße Siedler und die ärmlichen Hütten der Einheimischen prägten.

Die kleine Kanzlei des jungen Lorimer lag am Rande des noch im Bau befindlichen Regierungsviertels – Nairobi war stolz darauf, zur Hauptstadt Kenias bestimmt worden zu sein. Der Anwalt öffnete Ivy und Sanele selbst die Tür und lächelte ihnen zu, als er sie beide mit herzlichem Händedruck begrüßte. Er schien Sanele gegenüber keine Ressentiments zu hegen.

»Natürlich vertrete ich Sie!«, erklärte er. »Nachdem ich schon so viel von Ihnen und Ihrer Farm gehört habe. Meine Eltern werden nicht müde, von dem Aufenthalt bei Ihnen zu schwärmen. Meine Mutter hätte das Löwenbaby, das Sie gerade aufzogen, beim letzten Mal am liebsten mitgenommen …«

Ivory zog oft verwaiste Wildtiere auf oder pflegte kranke gesund. Besonders Jungtiere wurden dabei schnell zahm, und es gehörte zum besonderen Vergnügen für viele Gäste, sie zu streicheln und mit ihnen zu spielen. Jetzt hatte sie das Gefühl, ihr fiele ein ganzes Gebirge vom Herzen. Der junge Anwalt war offensichtlich der Sohn ihrer Stammgäste und äußerst motiviert, Ivy zu verteidigen.

Nun ging er zunächst ihre eidesstattliche Aussage mit ihr durch, die nun bald erfolgen musste, und bat um die Anschrift von Major Wiltshire, der Adrians Tod – oder seine Verwundung – mit angesehen hatte.

»Und dann müssen wir Nachforschungen anstellen. Irgendwo müsste Ihr Gatte ja in all den Jahren gewesen sein. Er müsste seinen Lebensunterhalt verdient haben …«

Lorimer, der seine neuen Klienten gleich gebeten hatte, ihn einfach Abe zu nennen, machte sich Notizen.

Ivy berichtete ihm von ihrem Schwager, den sie bereits wegen medizinischer Aufzeichnungen kontaktiert hatte. »Er scheint mir allerdings nicht helfen zu wollen«, erklärte sie traurig. »Meine Schwester hat mir nur kurz mitgeteilt, sie wollten in diesem Fall keine Partei ergreifen.«

Abe winkte ab. »Da kommen wir auch so ran. Hören Sie, ich würde gern meinen Vater fragen, ob der nicht Lust hätte, die Nachforschungen für Sie zu übernehmen. Das würde seinen detektivischen Spürsinn mal wieder fordern, ich habe schon längst das Gefühl, dass er sich hier langweilt. Was meinen Sie, möchten Sie ihn treffen?«

Ivy und Sanele stimmten natürlich zu und trafen sich am nächsten Tag mit der ganzen Familie Lorimer in einem Café in Nairobi. Sie waren für einige Tage in der Stadt, um sich genauer darüber zu informieren, was ihnen im Kampf mit den Edgecumbes bevorstand. Nun begrüßten Abraham senior und Anne Lorimer sie herzlich und lauschten Ivys Geschichte mit großer Anteilnahme. Sie hatten nicht zu den Gästen gehört, denen Ivys und Saneles Beziehung verborgen geblieben war, dafür waren sie zu neugierig und interessiert an der Welt um sie herum. Insofern kannten sie auch Hope und Ebony recht gut, nach denen sie sich gleich erkundigten.

»Es wäre ja eine Katastrophe für die Kinder, ihr Zuhause zu verlieren«, sagte Anne und zeigte sich äußerst betroffen darüber, dass für Hope vielleicht sogar ihr Leben auf dem Spiel stand.

»Abe macht das schon«, tröstete sie.

Tatsächlich verschaffte der alte Ermittler sich schnell Zugang zu diversen Akten.

»Also, eine Kriegsrente hat er nicht beantragt«, berichtete er beim nächsten Treffen, diesmal in Kijabe, wo er vorhatte, frühere Freunde von Adrian dazu zu befragen, ob sie in den letzten Jahren irgendein Lebenszeichen von ihm bemerkt hätten. »Und in den Unterlagen der Militärhospitäler, speziell in denen der Stadt Moshi, wo er ja verwundet worden sein soll, findet sich nichts. Weder sein Name noch ein Bericht über einen Mann mit Gedächtnisverlust. An sich trägt ja auch jeder Soldat eine Erkennungsmarke – damit hätte man ihn leicht identifiziert haben können.«

»Das ist doch gut für uns, nicht?«, fragte Ivy.

Lorimer zog die Brauen hoch und nippte an seinem Kaffee. »Schon«, sagte er. »Aber ganz schlüssige Beweise sind das nicht. Was wir hier haben, kommt der Bedeutung von Zeugenaussagen nicht im Entferntesten nahe. Wir sind allgemein in einer schwierigen Situation. Was wir brauchten, um seinen Tod schlüssig zu beweisen, wäre eigentlich eine Leiche.«

Sanele runzelte die Stirn. »Die wäre schon verwest«, wandte er ein.

Lorimer nickte.

»Und ein lebender Adrian wäre längst wieder in Erscheinung getreten«, sagte Ivy. »Abe muss darauf bestehen, dass er vorgeladen wird.«

»Wohin soll man denn die Vorladung schicken?«, fragte Sanele resigniert.

Lorimer zuckte erneut mit den Schultern. »Was das angeht, haben wir auch schon Anstrengungen gemacht. Ich habe einen Aufruf in diversen Tageszeitungen im gesamten englischsprachigen Raum veröffentlichen lassen. Edgecumbe soll sich melden und außerdem jeder, der etwas über seinen Verbleib zu wissen meint. Anne wertet die Meldungen schon aus, sie kamen körbeweise. Leider stammen die meisten von irgendwelchen Wichtigtuern. Ich habe da nicht viel Hoffnung.«

Der Richter bat nun wirklich Ivy zu einem Gespräch und einer Aussage. Sie reiste erneut nach Nairobi und schlug sich tapfer. Sachlich berichtete sie von dem Besuch Major Wiltshires, eines Freundes und Kriegskameraden ihres Mannes, der sie von seinem Tod in Kenntnis gesetzt hatte – bis dahin war Adrian Edgecumbe in den Akten als vermisst geführt worden.

»Der Major erklärte, dass eine von ihm und meinem Mann geführte Einheit eine Gruppe Askari verfolgte, also die afrikanischen Krieger, die Deutschland unterstützten. Sie verschanzten sich in einem Gebüsch, Adrian und seine Leute umzingelten sie und griffen an. Unglücklicherweise war es ein Hinterhalt. Die ersten Angreifer hatten keine Chance, und mein Mann war seinen Leuten wie immer ein Vorbild. Er stürmte voraus, Major Wiltshire sah ihn fallen. Er selbst wurde verwundet, die Einheit zog sich zurück. Später wurden Minenwerfer eingesetzt, um die Askari auszuräuchern. Es hat gebrannt. Leichen konnten nicht geborgen werden.«

»Und Major Wiltshire konnte sich nicht irren?«, fragte der Richter. Er war ein großer, streng wirkender Mann mit gewaltigem Schnäuzer und stechenden Augen.

»Er war sich völlig sicher«, erklärte Ivy. »Der Major hat eine weite Fahrt auf sich genommen, um mich von Adrians Tod in Kenntnis zu setzen, er hatte großen Respekt vor ihm.«

»Und Sie glaubten ihm?«, erkundigte sich der Richter erneut. »Während Sie sich jetzt nicht bereit zeigen, seinem eigenen Bruder zu glauben, er hätte Mr. Edgecumbe lebend gesehen? Hatten Sie vielleicht ein gewisses Interesse daran, Ihren Mann für tot erklären zu lassen?« Er blitzte Ivy durch dicke Brillengläser an.

Ivy senkte den Blick. Abe hatte diese Frage vorausgesehen und die Antwort mit ihr geübt. »Herr Richter, ich wusste damals längst, dass Adrian nicht mehr unter uns ist. Ich wusste es schon, bevor die Nachricht kam, er sei vermisst. Eine liebende Frau spürt so etwas … wenn plötzlich keine Briefe mehr kommen … wenn man versucht, den anderen mit seinen Gedanken zu erreichen, doch da ist nichts als Leere … Die Todesnachricht hat mich nicht überrascht.«

Der Richter runzelte die Stirn. »Sie sind dann gleich am nächsten Tag nach Kijabe gefahren, um die Behörden zu informieren?«, fragte der Richter. Es klang vorwurfsvoll. »Sie brauchten keine Zeit um sich … zu sammeln?«

Ivy biss sich auf die Lippen und sah den Richter wieder an. »Ich hätte gern Zeit gehabt, um zu trauern, aber ich musste weitermachen. Das Resort neu eröffnen, es renovieren, Einkäufe tätigen … Solange Adrians Konten gesperrt waren, war mir das nicht möglich. Ich bekam allein auch keinen Bankkredit. Insofern erschien es mir notwendig, die Angelegenheiten zu ordnen.« Sie sah den Richter offen an. Der schien jedoch nicht überzeugt.

»Und eine … Neuordnung Ihrer persönlichen Verhältnisse spielte dabei keine Rolle?«, erkundigte er sich. »Sie haben wieder geheiratet. Und wie ich hörte, lebten Sie auch schon am Ende des Krieges mit Ihrem heutigen Gatten zusammen.«

Ivy straffte sich. »Meine zweite Ehe schloss ich 1921, lange, nachdem Adrian gefallen war. Jahre, in denen er, falls er denn am Leben gewesen wäre, zu mir hätte zurückkehren können. Er hätte nichts gefunden, was er mir hätte vorwerfen können. Obwohl natürlich auch mein zweiter Ehemann Sanele Zulu wie andere unserer Angestellten auf Edgecumbe Farm lebte. Er war Butler …«

»Den Sie brauchten, obwohl der Gästebetrieb noch nicht wieder aufgenommen worden war? Während des Krieges? Denn da war er doch auch bei Ihnen, oder?« Der Richter spielte mit seinem Federhalter.

»Ebenso wie unsere Köchin und ein Hausmädchen«, erklärte Ivy, die langsam wütend wurde, sich jedoch eisern beherrschte. »Ich konnte ein so großes Haus nicht allein führen, zumal ein guter Freund meines Gatten, Gerrit Harper, in der Kriegszeit mein Gast war. Sie sollten sich mit ihm über mein damaliges Verhältnis zu Sanele Zulu unterhalten, sofern das Thema der anstehenden Entscheidung ist. Ich weiß allerdings nicht, was es mit Adrians Tod zu tun haben sollte.«

»An dessen Feststellung Sie heute größtes Interesse zu haben scheinen«, bemerkte der Richter.

Ivy verzichtete darauf, ihm vorzuhalten, was eine anderweitige Entscheidung für ihre Familie bedeuten würde. Er musste das wissen.

»Ich habe größtes Interesse an der Feststellung der Wahrheit«, sagte sie nur leise.

Der Richter nickte. »Wie wir alle«, behauptete er und entließ sie.

Ivy hoffte nun noch auf den Gouverneur, dessen Meinung sicher den Ausschlag geben würde, egal, wie dieser Richter entschied. Sie wappnete sich allerdings gegen das Schlimmste, als Abe sie darüber in Kenntnis setzte, dass für den 30. März 1927 eine Anhörung anberaumt worden war. Ivy und Sanele waren nicht geladen, die Anwälte beider Parteien würden dem Richter ihre Beweise und Gegenbeweise vortragen. Aufgrund derer würde die Entscheidung fallen.

»Es ist Ermessenssache«, meinte der junge Anwalt, als sie ihn erneut aufsuchte. »Der Richter muss entscheiden, wem er glaubt oder glauben will.«

4

Abe gab sich alle Mühe, Ivys und Saneles Angelegenheit so überzeugend wie möglich zu vertreten, doch er war nicht sehr optimistisch, als er sie nach der Anhörung traf.

»Was werden Sie machen, wenn gegen Sie entschieden wird?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Sanele. »Ich weiß es wirklich nicht, und ich kann nur hoffen, dass die Edgecumbes uns wenigstens etwas Zeit geben, etwas Neues zu finden. Dabei mache ich mir keine Sorgen wegen einer Arbeit, ich finde schon etwas, im Zweifelsfall weit unter meinen Qualifikationen. Aber wir können mit Hope nicht in einem afrikanischen Stadtviertel leben. Sie wissen, wie die Häuser dort aussehen … Lehm- und Wellblechhütten. Niemals ließe sich das Kind da versteckt halten. Und Skrupel, es zu entführen und umzubringen, hat in diesem Umfeld keiner …«

»Wir haben Freunde in Tansania«, ließ Ivy vernehmen. »Gerrit und Fiona würden helfen.«

Gerrit Harper, ein Biologe, der früher ebenso wie Adrian für den Safariveranstalter Newland, Tarlton & Co. gearbeitet hatte, war jetzt als Kurator für das naturwissenschaftliche Museum in Daressalam tätig. Er hatte die ehemalige Missionsschwester Fiona geheiratet, die zwei bewohnten ein großes Haus, in dem Hope möglicherweise Zuflucht finden konnte.

»Vielleicht«, relativierte Sanele. »Doch allein die Reise wäre ein gewaltiges Risiko. Und du weißt, wie Gerrit zu der Sache steht …«

Gerrit hatte Ivy zunächst abgeraten, Hope aufzunehmen. Er hatte während seiner Zeit in Nairobi erlebt, dass ein von Albinismus betroffenes Kind vor den Augen seiner Mutter umgebracht und zerstückelt worden war. Sein damaliger Arbeitgeber hatte versucht, die Frau und ihren Sohn zu schützen, doch es war ihm nicht gelungen. Gerrit hatte auch Sanele und Ivy wenig Chancen eingeräumt, das Mädchen großzuziehen. Ob er sich nun bereit erklären würde, es in seinem eigenen Haus zu verstecken?

Ivy erblasste, als der gefürchtete Brief dann tatsächlich eintraf. Sie erahnte seinen Inhalt bereits, als sie sah, dass er erneut an Ivory Edgecumbe gerichtet war. Das Amtsgericht und der Gouverneur hatten sich von Ailbert Edgecumbe und seinem Sohn Lennox davon überzeugen lassen, dass Adrian Edgecumbe noch am Leben war und dass es in seinem Interesse sein würde, wenn sein Neffe Lennox mit der Verwaltung seines Besitzes in Kenia betraut würde.

»Und was ist mit mir?«, fragte Ivy mit erstickter Stimme, konnte die dahin gehenden Vorstellungen ihres Schwagers jedoch gleich einem weiteren Brief von seinem Anwalt entnehmen. Die Edgecumbes boten Ivory an, mit Ailbert nach Schottland zurückzukehren.

Mr. Edgecumbe wird versuchen, mit seinem Bruder Adrian Kontakt aufzunehmen. Er bezweifelt nicht, dass dieser im Falle Ihrer Reue bereit wäre, Ihnen Ihren Ehebruch zu verzeihen und einen Neuanfang mit Ihnen anzustreben, las sie.

»Wie denkt er sich das?«, fragte Ivy bitter. »Mittels einer Séance? Schottland war ja schon bei Shakespeare voller Geister …«

»Du ziehst das nicht ernstlich in Erwägung?«, fragte Sanele verunsichert.

Ivy schmiegte sich in seine Arme. »Natürlich nicht. Ich gedenke eher, mich um eine Scheidung zu bemühen. Auch wenn Abe mir da wenig Hoffnung gemacht hat. Ohne Adrians Zustimmung …«

»Es ist ein Teufelskreis …« Sanele seufzte. »Aber wir brauchen jetzt erst mal ein Obdach … ein sicheres Haus. Denkst du, die Lorimers …?«

»Wir können die Unterstützung der Lorimers unmöglich noch weiter in Anspruch nehmen«, meinte Ivy. »Sie haben schon so viel für uns getan, und wir haben kaum genug Geld, um Abes Rechnung zu zahlen. Nein, wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Ich muss bei meiner Schwester zu Kreuze kriechen. Die Olden-Carmichaels müssen uns aufnehmen. Schließlich haben sie uns lange genug auf der Farm auf der Tasche gelegen, bevor Jeffrey die Stellung bei der Regierung bekam. Jetzt brauchen wir Hilfe, und Rosamond kann sie uns nicht versagen.«

Lennox Edgecumbe hatte seine Ankunft auf der Farm für die folgende Woche in Aussicht gestellt, Ivory hatte nur wenig Zeit, ihrer Schwester zu schreiben und die Angelegenheiten auf der Farm zu regeln. Sie tröstete ihre Bediensteten damit, dass sie ihre Stellungen sicher behalten würden, teilte den schon angemeldeten Gästen mit, was geschehen war, und dass Lennox plane, Edgecumbe Farm wieder in ein Jagdresort umzuwandeln. Nur wenige hielten daraufhin an ihren Buchungen fest – Lennox würde um neue Kunden werben müssen. Ivy blutete das Herz, als sie die letzten Fahrten hinaus zu ihren Tieren unternahm – und die letzten von ihr gepflegten Wildtiere in die Freiheit entließ. Der zahme Pavian Kurti wollte die Farm nicht verlassen. Kurti kehrte zurück, egal wie weit fort sie ihn brachten. Ivy konnte nur hoffen, dass Lennox den Wert erkannte, den er für die Unterhaltung der Gäste darstellte, und ihn nicht gleich erschießen ließ. Sie machte sich keine Illusionen darüber, welche Blutbäder die Jäger unter den Tieren im Resort anrichten würden. Die Elefanten, Löwen, Leoparden, Büffel und Nashörner waren seit Jahren nicht bejagt worden. Sie würden Lennox’ schießwütigen Gästen vertrauensvoll entgegenblicken.

Rosamond Olden-Carmichael beantwortete Ivys Brief umgehend und äußerte sich erfreut darüber, dass Adrian doch am Leben sein sollte. Wäre Ivy nicht übereilt eine neue Beziehung – und obendrein eine derart unpassende – eingegangen, schrieb sie, so hätte sich jetzt vielleicht alles für sie zum Guten wenden können. Sowohl sie als auch ihr Gatte befürworteten Ivys Übersiedlung nach Schottland, aber als Mutter könne Rosamond ihre Sorge um die beiden »in ihrer Obhut befindlichen Kinder« dennoch nachvollziehen. Sie respektierte Ivys Entscheidung, bei den Kindern in Kenia zu bleiben, und bot ihr vorübergehend Unterkunft in ihrem Haus in Nairobi an. Des Weiteren schrieb sie:

Du wirst allerdings verstehen, dass Dein afrikanischer Liebhaber nicht bei uns willkommen ist. Wir spielen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft von Nairobi, und wir könnten Dich dort zumindest in begrenztem Maße einführen, sofern Du Deinen Lebenswandel anpasst und auch nicht darauf bestehst, dass den so fremdartig aussehenden Kindern in deiner Begleitung freundschaftlicher Kontakt zu den unseren gewährt wird …

»Das ist unglaublich!«, sagte Ivy und ließ den Brief sinken. »Es klingt, als sollten Hope und Ebony in der Besenkammer wohnen.«

Sanele seufzte. »Ich hatte mir schon so was gedacht«, gab er zu. »Aber wir werden in den sauren Apfel beißen müssen. Nur dass die Kinder von dir getrennt werden, geht nicht. Auch die Olden-Carmichaels werden afrikanische Bedienstete haben, die Hope womöglich nach dem Leben trachten. Liebes, ich werde alles tun, was ich kann, um euch da so schnell wie möglich herauszuholen. Ich weiß zwar noch nicht, wie, aber irgendwie schaffen wir es. Wir fahren morgen nach Nairobi. Mit einem der Wagen der Farm, auch wenn sie uns nicht mehr gehören. Ich kann ihn ja dem Anwalt der Edgecumbes vor die Tür stellen. Die Zugfahrt werden wir Hope nicht zumuten. Es hilft alles nichts, Ivy. Wir müssen Abschied nehmen.«

Ivy verabschiedete sich tränenreich von ihrer Köchin Wawira, mit der sie so viele Jahre zusammengearbeitet hatte, und der ihr lieb gewordenen Dienerschaft. Die meisten kannte sie von Kindheit an, sie hatten in der Missionsschule Englisch gelernt und schließlich gute Stellungen auf der Farm gefunden. Auch unter den Frauen im Stamm der Kikuyu weinten viele, als die Mutter der Tiere sie nun verließ, während einige der Männer durchaus gespannt auf die neue Leitung der Farm warteten. Nicht allen behagte es, dass sie im Resort nicht oder doch nur sehr selten jagen durften. Sie erhofften sich nun vielleicht sogar Arbeit als Fährtensucher oder Jäger.

Auch die Schwestern und Patres in der Mission Maria Kedong beteuerten ihr Bedauern über Ivorys Fortgang, doch wirklich gebilligt hatten sie ihr Zusammenleben mit Sanele nicht, obwohl einer der Patres sie getraut hatte. Schwester Elisabeth, die Hebamme und Leiterin der Krankenstation, war der Meinung gewesen, eine Mischehe zu fördern sei besser, als ein Kind unehelich aufwachsen zu lassen. Außerdem sah sie nur in einer Ehe zwischen Ivy und Sanele eine Chance für Hope. Die bärbeißige alte Nonne hatte sich gegenüber den Patres durchgesetzt, doch nun, da die Ehe der beiden annulliert war, zeigten die Geistlichen erneut ihren Missmut. Lediglich Schwester Elisabeth umarmte Ivory mit ehrlichem Mitgefühl. Sie konnte sich an Adrian Edgecumbe, den Bwana, wie er sich von Gästen und Personal hatte nennen lassen, noch gut erinnern, und sie glaubte kein Wort von dem, was Ailbert ausgesagt hatte.

»Nie und nimmer wäre der Bwana untergetaucht, es sei denn, er hätte etwas auf dem Kerbholz gehabt. Wo soll er denn gewesen sein in all den Jahren? Eigentlich käme da nur der Aufenthalt in einem Kloster infrage. Aber als einen gebrochenen Mann, der Einkehr in einem Orden sucht, kann ich ihn mir nicht vorstellen. Es wird schon so sein, wie Sie glauben, Miss Ivy: Die Familie will sich die Farm auf unrechtmäßige Weise aneignen. Man wird sehen, was daraus wird. Gottes Segen liegt darauf sicher nicht!«

Ivy jedenfalls wünschte den Edgecumbes die Pest, als sie am Tag danach die weite Fahrt nach Nairobi in Angriff nahmen. Hope und Ebony sahen die Reise zuerst als Abenteuer, doch nach ein paar Stunden wurden sie quengelig. Es war sehr warm, und sie langweilten sich – zumal Ivy und Sanele nicht danach war, sie mit lustigen Liedern oder Spielen bei Laune zu halten. Obwohl es für sie eine vorläufige Trennung bedeutete, atmeten sie auf, als Sanele den Wagen vor dem hochherrschaftlichen Haus der Olden-Carmichaels anhielt und das Gepäck seiner Frau und seiner Kinder auslud.

Sie hatten vereinbart, sich möglichst oft um die Mittagszeit am Bahnhof zu treffen und die Lage zu besprechen. Dort herrschte immer ein reges Treiben, ein Afrikaner und eine Engländerin, die miteinander sprachen, würden nicht auffallen.

Rosamond begrüßte ihre Schwester bereits auf der Treppe zu dem großen, repräsentativen Steinbau, dessen Auffahrt durch Blumenrabatten gesäumt war. Sie wollte wohl sichergehen, dass Sanele wirklich wieder abfuhr und sich nicht ungeladen auf ihr Anwesen begab. Nun hieß sie Ivy mit einer förmlichen Umarmung und gezierten Wangenküsschen willkommen, ihr Lächeln wirkte gezwungen. Ivy fand, dass ihre Schwester sich kaum verändert hatte. Immer noch war sie etwas knochig, ihr aschblondes Haar war nicht lockig wie ihr eigenes und wirkte stumpf. Ihre blaugrauen Augen zeigten keinen Glanz, ihr Gesicht war lang und nicht herzförmig wie ihres. Rosamond fehlten Ivys Ausstrahlung und ihr einnehmendes Wesen.

»Und das sind nun Hope und Ebony«, stellte Ivy ihre nach der langen Fahrt verschwitzten, missgelaunten Töchter vor. »Hope, Ebony, das ist eure Tante Rosamond.«

Hope war müde und gereizt, Ebony dagegen vergaß die Anstrengungen der Reise schnell und sah neugierig zu den Kindern hinüber, die ihrer Tante aus dem Haus gefolgt waren und sich nun hinter den gewaltigen steinernen Löwen versteckten, die den Eingang säumten. Rosamond und Jeffrey hatten drei Kinder, die älteren Jungen George und Richard sowie die kleine Madeleine, die nur vier Jahre älter war als Ivys Töchter. Bei Rosamonds letztem Aufenthalt auf Edgecumbe Farm hatten sich die Jungen als ziemliche Rüpel erwiesen, Madeleine als ängstlich und schüchtern. Nun interessierten sich wohl alle drei so brennend für die Neuankömmlinge, mit denen sie auf keinen Fall spielen sollten, dass sie das Verbot gleich missachteten und sich anscheinend aus dem Haus geschlichen hatten.

Rosamond, die das nicht bemerkt hatte, musterte Ivys Töchter, als handelte es sich um Haustiere, die sicher Schmutz in ihre elegante Wohnung tragen würden. Als beide brav vor ihr knicksten und ihr die Händchen zum Gruß reichten, wich sie sogar zurück, schien sich dann jedoch an ihre gute Erziehung zu erinnern und streifte sie kurz mit ihren Fingern.

»Komische Namen«, bemerkte sie.

Ivy lächelte. »Hope steht für die Hoffnung, dass unser Kind gesund groß wird, und Ebony … Ich dachte stets an Ebenholz, wenn ich Sanele sah. Wir spielten oft mit den Worten ›Ebony und Ivory‹, Ebenholz und Elfenbein. Da lag es nahe, unsere Tochter so zu nennen.«

»Aber deine … deine ist doch die da?«, fragte Rosamond und deutete auf Hope, die ein langärmeliges Kleid und ein Tuch um ihre fast weißen Haare gewunden trug. Rosamond musste aufgrund ihrer weißen Haut darauf geschlossen haben.

Ivy verzog den Mund. »Beide sind meine Töchter, aber mein leibliches Kind ist Ebony … Findest du nicht, sie sieht mir ähnlich?«

Rosamond musste sich erkennbar zwingen, das Kind näher anzusehen, doch sie konnte sich der Ähnlichkeit zwischen ihm und Ivy nicht verschließen. Auch das Blitzen in Ebonys Augen und ihre Entdeckungsfreude mussten sie an Ivy erinnern. Eben fand sie eine Puppe unter einem Rosenbusch, sicher Madeleines.

»Guck mal, die hat ihre Mummy verloren«, vermeldete sie und war auch schon auf allen vieren unterwegs, um das Puppenkind zu retten. »Ich bring sie zurück, ja?«

Bevor Rosamond antworten konnte, war Ebony mit der blonden Puppe auf dem Weg zum Hauseingang, und Madeleine kam hinter dem Löwen hervor. Bestimmt hatte sie Angst davor, dass das fremde Kind mit ihrer Puppe verschwand. Als sie sah, dass Ebony keine Entführung plante, lächelte sie ihrer kleinen Kusine zu.

»Danke, dass du Elinor zurückgebracht hast«, sagte sie höflich.

Ebony lachte sie an. »Wir haben auch eine Ellie«, verkündete sie fröhlich. »Aber die ist ein Zebrababy!«

Ivy hatte das vor einigen Wochen verletzt aufgefundene Fohlen am Tag zuvor blutenden Herzens zurück in den Busch gebracht.

»Ach, du machst Spaß«, meinte Madeleine.

Rosamond schien nicht viel von Ivy und ihrer Farm erzählt zu haben.

»Neieiein … Mummy, sag ihr, dass wir wirklich ein Zebra haben. Und Äffchen und Elefanten …« Ebony kam zurück zum Haus und nahm Hopes Hand. »Und das ist meine Schwester. Hast du auch eine Schwester?«

»Dies zur Verhinderung freundschaftlicher Kontakte«, bemerkte Ivy trocken. »Rosamond, ich will ja nicht drängen. Aber können wir nicht ins Haus gehen und uns etwas frisch machen? Die Kinder sind müde von der Reise und bräuchten eigentlich ein Bad und dann ein Bett …«

»Ich hab Hunger«, ließ sich erstmalig Hope vernehmen.

Madeleine lächelte ihr zu. Sie schien ihre kleinen Kusinen schon ins Herz zu schließen, vielleicht erwachte in ihr der Mutterinstinkt.

»Ihr könnt mit reinkommen, unsere Köchin hat Kekse gebacken. Mögt ihr Scones? Wir bitten sie für euch um Kekse und Milch …«

»Um Gottes willen!« Rosamond nahm ihre Tochter entschlossen an die Hand, die sie eben der kleinen Kusine hatte reichen wollen. »Du gehst jetzt auf dein Zimmer, Madeleine, und ich zeige dir euer Reich, Ivy. Ihr könnt im Gartenhaus wohnen. Das ist recht hübsch, und die Kinder kommen … Na ja, sie fallen Besuchern nicht gleich so auf …«

Ivy war das durchaus recht, wenn auch aus anderen Motiven als aus denen ihrer Schwester. Von ihr aus brauchte das Hauspersonal Hope gar nicht zu Gesicht zu bekommen, aber das war natürlich illusorisch. Immerhin musste man die Köchin nicht gleich mit dem »Geisterkind« überfallen.

Tatsächlich war das Gartenhaus – ursprünglich für eine Gärtner- oder Hausmeisterfamilie gebaut – sehr einfach, aber wohnlich eingerichtet. Es gab ein Bad, der Zuber musste allerdings noch mit Brunnenwasser aus dem Garten gefüllt werden, das auf dem Herd erwärmt wurde, und zwei Schlafzimmer, dazu einen kleinen Wohnraum und eine Küche.

»Vielleicht kannst du die Kinder hier verpflegen«, bemerkte Rosamond, als sie ihr alles zeigte. »Verstehst du, es ist nicht wegen mir, aber Jeffrey ist gar nicht begeistert von dieser Einquartierung. Schade, dass die Mädchen noch so klein sind, sonst hätte man sie als Dienstboten ausgeben können …«

»Sie könnten ihrer Herrin mit Palmzweigen Kühlung zufächeln«, sagte Ivy sarkastisch. »Dazu zog man auf Südstaatenplantagen schon die kleinsten Sklavenkinder heran.«

Rosamond lachte nervös. »Ich lasse euch dann mal allein. Und schicke gleich jemanden mit Scones und Milch für die Kinder …«

Madeleine stand allerdings bereits mit einem Tablett vor der Tür, als sie das Gartenhaus verließ.

»Nicht böse sein, Mummy«, bat sie ängstlich ihre Mutter. »Aber sie sind doch Gäste, und zu Gästen muss man höflich sein …«

Schon in den nächsten Tagen zeigte sich, dass man Ivys kleine Töchter nicht im Gartenhaus verstecken konnte. Dafür waren sie zu lebhaft – und auch Rosamonds Kinder spielten hier nicht mit. Das Verbot ihrer Eltern, Kontakt zu den neuen Kindern im Haus aufzunehmen, missachteten die Jungen vom ersten Tage an, wie sie Verbote ohnehin gern zu ignorieren pflegten. George und Richard waren wild wie eh und je, Ivy musste stets aufpassen, dass die Späße, die sie mit den kleinen Mädchen trieben, für Hope nicht gefährlich wurden. Wenn sie nur wenige Minuten ungeschützt in der Sonne war, während sie versuchte, den Bengeln ihren gestohlenen Hut abzujagen, konnte ihre Haut verbrennen. Nun hatte sie allerdings zwei Schutzengel. Madeleine, sonst ein gefügiges Kind, schlug ebenfalls über die Stränge. Sobald sie im Garten spielen durfte, stahl sie sich ins Gartenhaus und ließ Hope nicht mehr aus den Augen. Sie wurde nicht müde, mit ihren beiden Kusinen zu spielen, und versteckte sich mit ihnen vor ihren wilden Brüdern. Auch Ebony verteidigte ihre Schwester mit Zähnen und Klauen.

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes beschwerte sich Rosamond entrüstet, das Kind habe Richard gebissen.

»Er hat angefangen«, erklärte Ebony lakonisch. »Er hat an meinem Zopf gezogen und wollte Hope ihren Schal wegnehmen.«