Der dunkle Schatten auf meiner Seele - Bine Thunder - E-Book

Der dunkle Schatten auf meiner Seele E-Book

Bine Thunder

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Beschreibung

Schon als kleines Mädchen, wurde dieses Kind in die Rolle eines Erwachsenen gedrängt. Auf der einen Seite stand die Obhut ihres behinderten Bruders und auf der anderen das unausweichliche Problem mit ihrem alkoholkranken Vater, der sich stets seine Freiheiten und "Auszeiten" nahm. Später, mit ihrer eigenen Familie, nahmen die aufgezogenen Schatten in ihrem jungen Leben kein Ende. Die noch sehr adrett wirkende junge Frau floh auf vielen Reisen aus ihrer Isolation und versuchte das enttäuschende Leben hinter sich zu lassen. In der Blüte ihrer Jahre wurde sie von einem Ärzteteam nicht nur an ihrer Seele "verpfuscht". Die erlittenen Beeinträchtigungen erlauben einen Vorruhestand, den sie mit ihrem Lebenspartner an der Costa Blanca verbringt. Eine Geschichte mit tiefen Einblicken in seelische Abgründe …

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Seitenzahl: 474

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der dunkle Schatten auf meiner Seele

Titel SeitePrologIIIIIIIVVVIVIIVIIIIXXXIXIIXIIIEpilog

Titel Seite

Der dunkle Schatten auf meiner Seele

Eine wahre Geschichte

erzähltvon

Bine & Piter Thunder

Copyright: © 2021 Bine & Piter Thunder

Personen die sich in dieser Geschichte eventuell wiedererkennen sind rein zufällig hineingeraten und sind von den Autoren nicht beabsichtigt …

Druck: epubli

www.epubli.de

Ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über die Autoren

BineundPiter Thundersind ein Autoren-Paar und haben erst im Rentenalter ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. Viele Jahre lebten sie getrennt in München, Saarbrücken und Berlin, bevor sie sich in Berlin kennen und lieben lernten. Ihre Wahlheimat nach Saarbrücken ist die Costa Blanca in Spanien geworden, wo sie seit einigen Jahren sesshaft sind.

 www.bineundperter

Bisher erschienen:

Der dunkle Schatten auf meiner Seele

Zwölf sind einer zu viel

Scheidungskind Samantha

Prolog

Es ist die leidvolle Geschichte eines kleinen Mädchens, die zur Frau reifte und viele Höhen und Tiefen des Ausgenutztseins am eigenen Körper erfahren musste.

Intrigen von vielen Seiten wurden in ihr Leben getragen, sie wurde verunglimpft, von ihrer eigenen Tochter vorgeführt und dazu meinte es ihr privates Schicksal in vielen Lebensabschnitten, nicht besonders gut mit ihr …

I

I

Der Sommer war seit einigen Wochen still und leise dahin geschlichen und der Herbst hatte in unserem Moseltal seinen Einzug gehalten. Die Reben hatten ihr schönstes Blätterkleid angezogen und die Weinberge erstrahlten goldgelb und rötlich gefärbt, zum Teil war noch das sommerliche Grün in der glänzenden Herbstsonne erkennbar.

Ich fühle mich etwas stark ausgebrannt und abgearbeitet, die vergangene Gästesaison war aufreibend und sehr anstrengend, hinzu kam die kurzfristige, schlechte Nachricht vom Herzinfarkt meines älteren Bruders und so wurde wieder einmal mein Tagesablauf zusätzlich negativ belastet, zumal mein Bruder erst sechsundvierzig Lenze verzeichnen konnte. Sicher, er hat nie wie ein Asket gelebt, gutes fettiges Essen, dazu erhöhter Alkoholgenuss, das Resultat Übergewicht, dazu starkes Rauchen und Null Sport, all dies gab sicherlich den Ausschlag für diesen körperlichen Warnschuss.

Eigentlich sehr bedauerlich, dass es immer erst zu solchen Ausfällen kommen musste, bis wir Menschen zur Einsicht und Vernunft gelangen, aber vielleicht war es hier noch nicht zu spät? Vorerst blieb nur die Hoffnung auf die benötigte ärztliche Kunst und auf die Einsicht, dass mein Bruder sein Leben von Grund auf verändern musste.

Ich wollte eigentlich keine zusätzliche Hiobsbotschaft und Aufregung vor meinem geplanten Auslandsaufenthalt erhalten, aber diese Nachricht lies auch mich erneut in mein geschundenes Körperinneres horchen. Hatte ich mir in den letzten Wochen und Monaten nicht doch zu viel aufgebürdet, mein Muskelapparat schmerzte und einige Kontrollbesuche bei meinen Ärzten standen noch kurzfristig an. Es galt noch die Reiseapotheke auf den neusten Stand zu bringen, die abgelaufenen Medikamente zu entsorgen und im Einklang mit meinen bestehenden Allergien und auf den Rat der Ärzte zu vervollständigen.

Das geplante Treffen an der Mosel mit meinem Bruder und meiner Schwägerin fiel sprichwörtlich ins Wasser und so blieben nur tröstende Worte am Telefon für die doch sehr verschreckte Schwägerin.

Nun musste ich mein gesamtes Augenmerk auf den Geschäftsabschluss, die Steuerangelegenheiten, den noch erforderlichen Schriftverkehr, den Ausbau und die Renovierung meines zweiten Gästehauses und auf die bevorstehende Urlaubsreise richten.

In Gedanken stets bei meinen Bruder und in Abarbeitung der zu erledigenden Arbeiten, so vergingen die letzten Oktobertage wie im Fluge.

Das Urlaubsgepäck war in den Koffern verstaut und ich hatte ein schlechtes Gewissen, da sich die Koffer kaum bewegen ließen, hoffentlich gibt es kein Problem am Abflughafen, es war mein letzter Gedanke am Abend vor der Abreise.

Wir hatten uns, mein Lebensgefährte und ich, eine fast umsteigefreie Zugverbindung heraus gesucht und so ging es mit dem Taxi zum Zug und später mit dem pünktlich abhebenden Flugzeug Richtung Nordafrika.

Einen Koffer mussten wir notgedrungen etwas umpacken, da neununddreissig Kilogramm für einen Koffer doch etwas happig waren. Damals war das Gepäckgewicht noch nicht so stark reglementiert wie Heute, das waren diesbezüglich noch sehr angenehme Bedingungen.

Tunesien sollte für die nächsten Wochen unsere Wahlheimat werden, hier sollte meine Regenerierung und mein körperliches Wohlbefinden auf ein neues seelisches Hoch eingestellt werden, mit Unterstützung meines Freundes sollte dies schon gelingen?

Es tat gut, die nebligen, trüben Novembertage in Deutschland hinter sich zulassen und in einem Spätsommer in Nordafrika einzutauchen. Wir hatten schon früher mit dem Gedanken gespielt, die kalte Jahreszeit im warmen Ausland zuverbringen, dies gelang uns nun schon im vierten Jahr und wir lernten diesbezüglich immer noch hinzu. Für mich sollte es zum ersten Mal ganz ohne Schuldgefühle sein, denn seit dem Sommer war ich Vollrentner und ich hoffte auch mit diesem neuen Umstand seelisch klar zukommen. Für Außenstehende war es sicher nicht ganz einfach, meinen inneren Konflikt diesbezüglich zu verstehen.

Ich versuche diesen Zustand einmal zu erklären. Bisher musste ich meinen Lebensunterhalt stets selbst verdienen, war dafür eigenverantwortlich, dass ich gesundheitlich einigermaßen über die Runden kam und nicht in einem unsozialen Freiraum abzustürzen drohte und nun war es auf einmal alles anders. Ich bekam jeden Monat meine Rente auf das Konto überwiesen, kein Mensch, kein Amt fragte danach ob ich gesund oder krank war, es interessierte sich keiner für mich, zumindest von der Amtsseite her. Mein Freund und Lebensgefährte war davon natürlich ausgenommen, er amüsiert sich über meine Gedankenspiele, aber so war ich nun einmal gestrickt …

Ich hoffte diese Zweifel würden sich bald legen legen und mein begonnenes Rentnerdasein würde auch für mich ohne Gewissensbisse akzeptabel?

Unser Hotel und das Essen lies nichts zu wünschen übrig und das warme Spätsommer-Wetter gab alle Freiräume für ausgiebige Spaziergänge, ausgedehnte Stadtbummels sowie Entdeckungsfahrten, teils mit der landesüblichen Schmalspur-Eisenbahn mit 1. Klasseabteil einschließlich durchgesessener Sitzpolstern, wo man(n) oder Frau jeden Schienen- und Weichenstoss bis in das Knochenmark wahr nahm oder mit den öffentlichen Bussen, bis hin zu den Taxis.

Die Fahrpreise bewegten sich allesamt im Subventionsbereich und waren für unsere europäischen Verhältnisse mit Cent-Beträgen zu übersetzen.

Wir hatten uns auch vorgenommen, langsam behutsam steigernd, uns etwas sportlichere Betätigung aufzuerlegen, nach den ersten eingelegten Übungen hatten wir jedoch sehr schnell festgestellt, dass die von Sir Winston Churchill aufgestellte These „Sport ist Mord …“ sehr zutreffend ausgesprochen war.

Einschleichender Muskelkater, schwere Gliedmaßen und das berühmte „LMAA-Gefühl“ konnten uns nicht entmutigen und so erweiterten wir unsere sportliche Palette über Gymnastik, Laufen, Tennis spielen, Golfen und Schwimmen bis hin zum Fitness-Studio, hörte sich doch ganz toll an oder?

Das Schöne daran war, dass wir alles ohne Zwang uns auferlegten und doch irgendwie Spaß und Freude an diesen sportlichen Aktivitäten hatten, auch wenn manchmal alles schmerzte und sich am nächsten Tag ein hausgemachter Muskelkater einstellte.

Nun hieß es erst einmal einen kleinen Fahrplan in unseren Aufenthalt zu bekommen, so ganz ohne Planung wollten wir uns nicht „quälen“. Wir erkundeten erst einmal das Umfeld unseres Hotelkomplexes, mit dem Hallenbad und der Poolandschaft, dem Strand und den hoteleigenen Spa-Bereich mit der Salzwassertherme, denn wir wollten schon einmal wissen, ob die angepriesenen Einrichtungen auch vor Ort waren. Einige Tage später wurden unsere Erkundungskreise wesentlich größer, es ging in die Stadt, den Hafen, in verschiedene andere Hotels zur Information, dann in die Medina mit dem faszinierenden Souk und den naheliegenden Golfplätzen, zu denen wir mit den kostenlosen Hotelshutels chauffiert wurden.

Wir konnten mit dem Angebot und der nun erfolgten Unterbringung mehr als zu Frieden sein, ich erholte mich bestens, war entspannt, auch die von mir erhoffte innere Ruhe schien mit dem Abstand nach Hause, endlich wieder eingekehrt zu sein.

Am nächsten Tag hatten wir eine Golfrunde eingeplant, der Platz war uns noch aus den vergangenen Jahren bekannt, vor zwei Jahren waren wir schon einmal hier zu Gast und hatten eine ganz passable Golfrunde gespielt und mein Freund hatte hier aus circa fünfundachtzig Metern ein „Hole in One“ geschlagen, sein bisher Einziges. Bei strahlenden Sonnenschein und azurblauen Himmel ging es zum Warmspielen auf die Übungsgrüns, hier stellten wir fest, dass wir noch ganz gut im Schwung waren. Übermütig gingen wir auf unsere erste kleine Neunlochrunde. Wir stachelten uns gegenseitig an, hatten somit viel Spaß und ich konnte meinen Freund sehr gut Paroli bieten, obwohl ich erst Handicap 34 und er, der Gute hatte HCP 30.

Aber dann zwischen Loch vier und fünf musste ich feststellen, dass meine Kondition am Einknicken und ich an meiner Leistungsgrenze angekommen war, der kleine Anstieg im Gelände, einer Almwiese gleichgestellt, hatte mich geschafft. Die Sonne, der Hang und mein Golfwagen, im Fachjargon Buggy genannt, waren zu viel, mein Freund musste mich über die nicht enden wollende Kuppe abschleppen, oben eine vernünftige Verschnaufpause mit Mineralwasser und etwas Traubenzucker und schon ging es gemütlichen Schrittes auf der anderen Seite zum nächsten Abschlag, wo dann das „Schärfste“ von meinen Freund kam.

Dieser „Oberganove“ nutzte doch meine Aufstiegs-Schwäche total aus und schlug am Loch Nummer sechs sein erstes „Hole in One“, ein Ass vom Abschlag bis ins Loch, selbst die im Loch steckende Fahne konnte seinen präzisen Schlag nicht standhalten. Am Abschlag hatten wir Beide diesen Superschlag nicht wahrgenommen, die Sonne stand im Gegenlicht und die Sicht war dadurch doch sehr eingeschränkt, deshalb machten wir uns erst einmal vom Abschlag zum Green, der Ball war nicht erkennbar, die Richtung jedoch bekannt.

Nun war ich erst einmal an der Reihe, auch ein sehr guter Abschlag von meinem Abschlags-Plateau, dass etwas unterhalb vom Abschlag meines Freundes lag, ich war nach dem fast KO sehr zufrieden. Talwärts geht es immer etwas leichter, wir hielten Ausschau nach unseren beiden Bällen, meiner war in Sichtweite und der meines Freundes war nicht zu sehen. Die alte Weisheit, die besagt „wenn man seinen Ball am Green nicht findet, dann soll man gefälligst einmal im Loch nachsehen“.

Es war tatsächlich ein Ass und dieser „Ganove“ hatte es nun vor mir geschafft, obwohl man sagt, dass ein Amateurspieler es nur einmal im Leben schaffen sollte. Angestachelt von diesem Erfolg spielten wir diese Runde gemütlich zu Ende.

Am Abend begossen wir diesen Erfolg mit einem guten Tropfen, eins gab mir dieser sportliche Ausflug jedoch mit auf den Weg, es war die Erkenntnis, dass ich noch viel, viel Kondition tanken musste und dass dieser Weg noch sehr mühsam und zeitraubend sein würde.

Die Tage und Wochen vergingen wie im Fluge, wahrscheinlich auch, weil wir uns keinen Zwang auferlegten. Wir hatten kein Schema, kein festes Programm, wir taten einfach das, was uns in den Sinn kam und was uns Spaß zumachen schien und dies sollte der Schlüssel zum Entspannen und Regenerieren meines angeschlagenen Seelenlebens sein.

Dieses mir selbst verordnete Spa-Programm lies sich angenehm ausweiten mit sportlichen Aktivitäten oder einfach nur mit dem Ansatz „meine Seele baumeln zu lassen“.

Der Wettergott war auf unserer Seite und tat sein Bestes dazu, warme Temperaturen bis 26 Grad im Schatten waren keine Seltenheit, unser geräumiger Balkon bescherte uns den Sonnenschein bis in die späten Nachmittagsstunden. Des Öfteren genossen wir die Sonnenstrahlen als Anhänger der Freikörperkultur. Meine „vornehme Blässe“ wo ich früher deswegen gehänselt wurde, meldete sich warnend, denn ich war ein sehr heller Hauttyp. Trotz Sonnenschutz mit Faktor fünfzig verspürte ich sehr schnell ein Spannen und leichtes Brennen auf der, der Sonne ausgesetzten Haut, dies bedeutete stets etwas Abdeckendes überziehen und keine weiteren Gefahren leichtsinnig herauf beschwören.

Mein Freund glänzte durch Schadenfreude und durch seine schon als unverschämt anzusehende Urlaubsbräune. Er hatte mit diesem Spätsommerwetter schon überhaupt keine Probleme, ein Prototyp für dieses nordafrikanische Klima. Ich dagegen war zu allem Übel ein Haut empfindlicher Typ und bei zu starker Sonneneinstrahlung im Gesicht und im Kopfbereich neige ich seit meiner frühen Kindheit, zu Migräneanfällen vom Feinsten, was gab es eigentlich, was ich bisher nicht hatte?

Zumindest hatte ich einen tollen Freund, der bisher mit mir durch Dick und Dünn gegangen war und ein fester Garant an meiner Seite war, wir konnten albern, scherzen, viel Blödsinn machen und das Wichtigste, sich auf einander verlassen und sich einfach nur lieben! Er heiterte mich in schlimmen Phasen stets auf, half mir immer wieder auf die Beine, er war schon eine besondere „Marke“, er war ein Lieber aus Bayern, der mir gerne einmal parodistisch mit dem Wienerdialekt rüber kam und darüber konnte ich Herz zerreißend ablachen bis der Arzt kam.

Wir waren schon ein nettes Pärchen, mein Freund sagte, sehr oft im Scherze „Ich sei der grobe Teil und aus einem Ackergaul, kann man kein Rennpferd machen“.

Ich weiß wie mein Freund dies meinte und ich weiß auch, dass mein Freund viel Geduld mit mir und meinen Tiefs und meinen „kleinen“ Wehwehchen hatte.

Wir sind ein perfektes Team, nicht nur zu Hause in Deutschland, mit meinem Gästehaus, es war sicherlich das blinde Verständnis, das Dasein für den Anderen, trotz vieler Anfeindungen von außerhalb und sogar aus der eigenen Familie, aber dazu später mehr, alles schön der Reihe nach.

In unserem schönen Moselstädtchen hatten wir uns mit einem Weltenbummler aus der näheren Nachbarschaft angefreundet, er war einige Jahre älter als mein Freund und dieser gute Nachbar kam für einige Tage gleichfalls in unser Hotel, denn in Deutschland war zwischenzeitlich, unaufhaltsam der Winter eingezogen, der Übergang vom Herbst zum kalendarischen Winter wurde überhaupt nicht eingehalten, wahrscheinlich auch eine Auswirkung der globalen Erderwärmung, was war eigentlich noch normal? Warum gehen wir alle so sorglos mit unserer guten Erde um? Die Katastrophen nahmen in allen Teilen der Welt sehr schlimme Ausmaße an und es traf meistens die Ärmsten der Armen und alle Nationen wollten um alles in der Welt noch mehr Wachstum, Wachstum und noch einmal Wachstum, wohin sollte dies alles führen?

Unser Besuch aus Deutschland erzählte uns vom kalten Winterwetter bei seiner Abreise und seiner Begeisterung über das Spätsommerwetter hier in Nordafrika und dies bei zweieinhalb Flugstunden von Deutschland entfernt. Die Wiedersehensfreude war herzlich und wir hatten viele Neuigkeiten auszutauschen, nach ein paar gemeinsamen Tagen mussten wir uns in Richtung Süden verabschieden und unsere Wege trennten sich.

Das neue Hotel, ein alter ehrwürdiger Sultanspalast, schön im alten maurischen Baustil, direkt am Meer gelegen, sollte nun unser Zuhause für die nächsten Wochen werden und von dort aus wollten wir einen weiteren Abschnitt unseres Gastlandes erkunden.

Die Stadt und das Umland war uns von früheren Reisen noch in bester Erinnerung und so waren wir innerlich gespannt und von Neugier geplagt, was hatte sich verändert, wie hatte sich Afrika hier verändert?

Im Norden an der Mittelmeerküste hatten wir positiv festgestellt, dass die Menschen und auch der Staat ein nie vorher gesehenes Umwelt-Bewusstsein nun an den Tag gelegt hatten.

Es wurde auf mehr Sauberkeit in den Straßen und auf den Plätzen geachtet und das Aufsammeln von Flaschen und Dosen, leider meist der Wohlstandmüll der Touristen, geht Hand in Hand mit einem kleinen Nebenverdienst der heimischen Bevölkerung, denn nicht nur in Deutschland, sondern auch hier war es ein Zubrot bei den kargen Einkommens-Verhältnissen.

Sicherlich würden diese Länder nicht den deutschen Standard so schnell erreichen, aber es zählte doch jede noch so kleine Anstrengung, jeder Schritt nach vorne war besser als ein Schritt zurück. Es würde noch viel Umweltbewusstsein gelehrt werden müssen, bis dies bei jeden einzelnen Bewohner ankam.

Wenn ich hier in diesem schönen Land zu Gast war, dann waren eigenartiger Weise meine Beschwerden und Wehwehchen ganz klein und fast wie weg geblasen. Wir schraubten unsere Ansprüche wesentlich zurück, mischten uns unters Volk, genossen die Gastfreundschaft, das tolle Wetter und die Afrikanische Küche und mussten „bedauernder Weise“ das Schmuddelwetter in Mittel-Europa mit Minusgraden bis zu 29° zur Kenntnis nehmen.

Die malerisch schöne Strandlage ermuntert uns zum morgendlichen Joggen, Dehnübungen im Innenhof und dann im Laufschritt durch das Eingangstor, ein freundliches „Bonjour, serva“ und es ging hinaus auf die Straße, dann rechts hinunter zum Meer und durch die neue Hotel-Baustelle zum Sandstrand und dann nur noch am Meer entlang im Schein der aufgehenden Sonne, ein traumhafter Ausblick und die Lunge „pfiff“ ein anstrengendes Lied, nun noch ein paar Stufen empor und wir befanden uns fast schon im Frühstücksraum. Es wäre zu schön gewesen, sofort einzubiegen und alle Fünf gerade sein zulassen, duschen stand noch vorher an, aber dann hatten wir uns das Frühstück redlich verdient.

Jetzt war großen Hunger angesagt, gut gestärkt ging es erst einmal aufs Zimmer bzw. auf den bereits sonnendurchfluteten Balkon, entspannen war angesagt, die Sonne tat ihr übriges dazu. Bei diesen Ruhe- und Entspannungsphasen kamen mir natürlich viele alte Erinnerungen aber auch unschöne Gedanken zurück, ich konnte in diesen, für mich so wichtigen Erholungsabschnitten, mein früheres Leben, meine Vergangenheit, die Mitmenschen die mir an meiner Seele Leid zugefügt hatten, nicht ausblenden.

Ich war der festen Überzeugung, das ich mich meiner Vergangenheit zur Aufarbeitung meiner seelischen Schatten stellen musste.

An einen dieser Tage beschloss ich, mit meiner Vergangenheit abzurechnen, den Mitmenschen die auf meiner Seele herumgetrampelt waren, ihre Taten aufzuzeigen und ihnen klar machen, wie herzlos und demütigend ihr Verhalten war und immer noch ist.

Ich hatte bereits in meinen Kindheitstagen viel Verantwortung übertragen bekommen, nur wenn man dauernd mit Belastungen konfrontiert wird, so betrachtet man diese Zustände nach einiger Zeit als Normalzustand und das Abwehrverhalten kommt zum Erliegen. Meine Mitmenschen hatten selten das nötige Augenmaß und so litt ich schon im Schulalter unter Stress, der sich damals schon in unsagbaren Kopfschmerzen, Untergewicht und fehlender Konzentration alarmierend auswirkte. Nur gesehen hatte keiner diese Alarmzeichen, es wurde mein grauer, lustloser Alltag mit vielen Seelenqualen ohne herzhaftes Gernhaben, ohne Streicheleinheiten und so kam es, dass ich heute noch Abneigungen gegen fremde Umarmungen habe. Es muss schon ein sehr gutes, vertrautes Gefühl erarbeitet sein, damit ich mich diesbezüglich öffnen kann.

Wenn ich so relaxt abhängte und meine Vergangenheit wie ein Film an mir vorüber zog, da entdecke ich, dass die mir nahe stehenden Menschen und Bekannten am meisten weh getan hatten. Damals waren es sicherlich keine sehr böse gemeinten Nadelstiche, zum Teil waren diese Nadelstiche vielleicht auch nicht gewollt, da diese aus Suchtgründen oder falschen Ehrgeiz heraus entstanden waren oder weil Erwachsene sich nicht in meine kleine Seele hinein versetzen konnten. Viele Narben aus diesen Jahren verursachen Heute noch tiefe Schmerzen und großen Abschaum für das Erlittene.

Traurigkeit und zu gleich Hass überkam mich, wenn mir nach Jahrzehnten, so wie geschehen, Beschimpfungen, Falschaussagen, Rufmord und Anschuldigungen zugetragen wurden.

Dies alles war nicht vereinbar, dass sich Andere in ein besseres Licht stellten oder sich nur eine Entschuldigung für ihr Fehlverhalten erschleichen wollten.

Eine besondere „Schleimspur“ führte zu meinen Exmann, von dem ich seit 26 Jahren geschieden war und keinen Kontakt zu ihm unterhielt. Dieser feine Zeitgenosse hatte nun seine große Vater-Pflicht als Berufung gefunden, obwohl diese, wo ich sie dringend benötigte als Unterstützung nicht vorhanden und abrufbar war.

Die getätigten Äußerungen zu meiner Person durch meinen Exmann, anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten meiner erwachsenen Tochter vor ungefähr eineinhalb Jahren, stößt mir heute noch sehr unangenehm und säuerlich auf. Ich hatte damals kurz nach dem Vorfall, schon eine Klarstellung vornehmen sollen, vielleicht hatte ich damals noch nicht den Mut? Oder wollte ich damals keine neue Gräben wieder aufreißen? Heute habe ich mehr Abstand, sehe die Dinge nüchterner, habe vieles besser verarbeitet und fühlte mich endlich stark genug hier geordneter und mit Übersicht, mich zur Wehr zu setzen. Leider musste ich in den vergangenen Monaten feststellen, das meine Tochter und auch meine Eltern keine Gegenwehr zu diesen Äußerungen abgegeben hatten, dies stimmte mich in den darauf folgenden Wochen und Monaten doch sehr traurig, ich kam mir sehr hintergangen und verkauft vor. Sollte ich hier auch schon wieder eine Entschuldigung für Andere suchen?

Ich entschloss mich an einen der nächsten Sonnennachmittage auf unseren Balkon, zu einen presanten, offenen Brief an meinen Ex, Kopie an meine Tochter und an meine Eltern zu schreiben. Dieser Brief, so war mir ganz bewusst, würde sicherlich keine große Freude bei allen Beteiligten auslösen, dies war auch nicht geplant, nein dieser Brief sollte für mich ein Befreiungsschlag sein und alle Beteiligten wachrütteln, was durch bewusste, falsche Anschuldigungen und Aussagen zerstört wurde.

Das Schreiben fiel mir nicht leicht, zu viele momentane Gedanken drängten sich in den Vordergrund, hatte schon ein Problem mit der Anrede, aber dann lief alles wie von alleine …

Hallo Gerd,

leider habe ich mich in meinem Leben von vielen Menschen bösartig belasten lassen, auch von Dir und deiner Frau, nun ist jedoch Schluss damit und ich werde die Dinge in das richtige Licht rücken.

Ich werde nicht mehr zulassen, dass auf meiner Seele herum getrampelt wird, nur weil ach so „liebe Mitmenschen“sich einen Heiligenschein aufsetzen müssen. Ich war stets der Meinung, dass Du mit deiner Frau Deinen inneren Frieden gefunden hast, aber dies scheint nicht der Fall zu sein oder hast Du eine Erklärung für Dein niveauloses Verhalten und Gehetze vor meinen Eltern, auf der Fahrt zu Ninas Hochzeit?

Du und ich kennen die Gründe für unsere Trennung, ich war damals eine junge Frau und Du hattest nur Deine Partei als Lebenselixier, nicht einmal unsere Tochter Nena hat Dich interessiert, nein, im Gegenteil, Nena störte den „Herren“ beim Schlafen!

Es ging soweit, das der Vater sie grün und blau schlug, Zeugen der blauen Flecken u.a.meine Mutter und unser damaliger Arzt.

Ich hätte Dich damals anzeigen müssen, aber ich fiel naiv auf Deine Bitten und Beteuerungen herein, aber an diese unschönen Dinge erinnerst Du dich heute nicht mehr und machst heute wie damals als herzkrankes Opfer, denn die „NVA“ stand an.

Du gabst Dich nach außen als treu sorgender Vater und Ehemann, heute noch als Opa und machst auf „heile Welt“, pfui Teufel!

Wo warst Du denn nach der Scheidung oder als Nena zur Schule ging, bis zur 11. Klasse wolltest Du gar nichts von ihr wissen, hast sogar bewusst zu wenig Unterhalt für Nena bezahlt.

Als ich sehr Krank war und für Monate in Beelitz lag, nicht einmal da, hast Du dich um Deine Tochter gesorgt, es waren meine Eltern, die deine Aufgaben wegen Deiner nie vorhandenen Verantwortung, übernahmen.

Der Gipfel Deiner verlogenen Aussagen, Du übergibst unsere Scheidungsakte an unsere Tochter Nena.

Sicherlich erinnerst Du dich auch an Eure gemeinsamen, hinterhältigen Intrigen, wo ihr Beide vergeblich versucht hattet, Nena mir wegzunehmen, trotz vieler Lügen und falscher Beschuldigungen ist dies Euch nicht gelungen, manchmal siegt eben doch die Wahrheit!

Heute kann ich mit Stolz sagen, dass ich unserer Tochter eine gute Schul- und Berufsausbildung ermöglichen konnte, Du hast dazu nichts beigetragen, auch die Fahrerlaubnis habe ich bezahlt und nicht wie Du so gerne prahlerisch für Dich zum Besten gibst!

Wie heißt es so schön „Lügen haben kurze Beine …“ und so lang sind Deine auch wieder nicht, würde einmal darüber nach denken?

Obwohl es unsere Tochter nichts angeht, so habe ich ihr erzählt, dass ich während unserer Ehe fremd gegangen bin, aber wie mir Nena erzählte, so musst Du dir deine sexuelle Erfüllung im „Puff“ abholen? So viel zu Deiner heilen Welt und zu Deiner neuen Ehe.

Mir hat das Verhalten von Nena in den letzten Jahren gesundheitlich sehr geschadet, aber manchmal hilft ein gutes Maß an Arbeit über viel Kummer und Leid hinweg.

Ich konnte mir eine sichere Existenz aufbauen, bin heute schuldenfrei und gönne mir fünf Monate im Jahr „den Winter“im warmen Ausland.

Heute bin ich über vieles erhaben, wünsche meinen Neidern, dass was sie mir wünschen!

Bevor Du wieder einmal über mich Dein Lästermaul zerreißt, so solltest Du dein verbliebenes Hirn ruhig einmal einschalten und vor Deiner Tür deinen Unrat kehren, soll schon so manchen Zeitgenossen geholfen haben.

Dir Nena möchte ich auf diesem Wege mitteilen, dass ich über Deine Naivität sehr enttäuscht bin, denn so habe ich Dich nicht erzogen. Hier kann ich nur einen falschen Einfluss und den Umgang mit einem schlechten Milieu erkennen, aber vielleicht findest Du eines Tages „Deine Wahrheit“ ganz von alleine, nur dann wird es für mich vielleicht zu spät sein?

Meine Eltern erhofften sich eine kleine Hilfe als ich Dir den flotten, blauen „Ford Ka“ gekauft hatte, aber daraus wurde leider überhaupt nichts!

Großeltern sind bei Dir auch nur gefragt, wenn sie großzügig sind und den einen oder anderen Schein herausrücken? Heute rächst Du dich damit, dass Du ihnen die Urenkelin vorenthältst!

Wie hat sich doch so vieles bei Dir zum Negativen entwickelt, man könnte fast meinen, es gibt bei Dir nur noch Hass und Neid?

Ich habe in meinem Inneren nun Frieden gefunden, im Prinzip können mich Alle sehr gerne haben, ich genieße mein Leben und habe für Eure Falschheiten nur noch ein armseliges Lächeln übrig.

Mit Deiner Nichteinladung zu Eurer Hochzeit hast Du das Maß gänzlich überzogen, da hilft Dir auch keine Unterlage aus der Scheidungsakte, Du hast hier Allen gezeigt, wie Dein wahrer Charakter ist, denn so benimmt sich keine Tochter zu Ihrer Mutter!

Mir bleibt nur die Enttäuschung über Dich und Deinem schlechten Umgang.

Deine Mutter bzw. Deine „Ex"

Kopie: Tochter Nena

an meine Eltern

***

Die Zeit während meines Schreibens war wie im Fluge vergangen, mich fröstelt es, lag es an der tiefer stehenden Sonne oder an dem Inhalt des Briefes? Ich dachte bei genauer Betrachtung an Beides, zufrieden überflog ich noch einmal die Zeilen und gelangte zu der Auffassung alles Wesentliche in dieses Schreiben hinein gepackt zu haben. Es konnte nicht die komplette Geschichte meiner seelischen Erkrankung sein, hier für reichte dieser Brief nicht aus, sollte er auch nicht! Er umfasste nur die schmerzlichsten Ereignisse mit den dunkelsten Hintergründen, denn begonnen hatte alles viel früher …

II

II

Neun Jahre nach Gründung der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, vielen auch als DDR bekannt, so wurde ich als erstes Kind meiner Eltern in Potsdam geboren.

Der Klassenfeind befand sich im kapitalistischen Westen und „unsere“ Freunde, die sozialistischen Lehrmeister, blutsaugend im Osten.

Mein Ausgangspunkt in eine ungetrübte Kindheit, wie sie lehrbuchhafter nicht hätte sein können.

Mein Vater arbeitete bei der Deutschen Reichsbahn und meine Mutter bei der Armee, kurz NVA genannt, in der Küche.

In diesem sozialistischen Staatsgebilde war ja alles bestens geregelt, das gesamte Staatsvermögen gehörte dem Volk und so mancher „Bonze“ war halt ein bisschen mehr „Volk“. Vater Staat hatte diesbezüglich alles so eingerichtet, dass neue Erdenbürger, gleich nach dem Entzug der Mutter-Brust, so nach sechs Monaten, sollte der Staats-Drill einsetzen. Die Babys und Kleinkinder kamen in die Krippe und den Kindergarten, scherzhaft auch VEB-Gleichschritt genannt.

Hier waren wir Kleinen alle gleich und einige Privilegierte etwas gleicher …

Gleicher ging es gar nicht, hatte ein Kind einen Schnupfen mit Rotzglocke, dann hatten alle Schnupfen und oft wiederholte sich die Ansteckung, infolge meines damaligen schwachen Immunsystems, ich war ein sehr kränkelnder Fall und meine Mutter musste des Öfteren ihre Arbeitsstelle verlassen und bei mir Pflegedienst schieben.

Damals gab es schon viele Anzeichen für meine späteren Atemwegerkrankungen, die sehr oft mit einer leidigen Angina ihren absoluten Höhepunkt erreichte, selbst im Hochsommer hatte ich damals schon kalte Hände und Füße und musste stets auf der Hut sein, mich vor Zugluft und Unterkühlungen zu schützen.

Mein Vater hatte nach meiner Geburt mit dem Trinken begonnen, den wahren Hintergrund seiner Krankheit habe ich auch später nicht erfahren. Mutti war über diese Entwicklung überhaupt nicht begeistert, denn Papa fiel somit am Wochenende für eine tatkräftige Mithilfe meistens aus.

Vati war sicherlich im besten Mannesalter, musste er sich oder jemanden anderen etwas beweisen? Oder war die allgemeine Sportart der jungen DDR mit „Kampftrinken“ der wahre Hinderungsgrund? Denn eines wurde nach der Wende allen klar, so viel gesoffen und gefeiert wurde nie wieder.

Sicherlich lag es auch daran, dass die Menschen nicht allzu viel Möglichkeiten hatten anderen Dingen nachzugehen und dann war Saufen und Geselligkeit scheinbar doch etwas ganz schönes?

Am 13.August 1961 erbaute unsere Staatsmacht das schändlichste Bauwerk ihrer jungen Geschichte, angeblich als Bollwerk gegen den Klassenfeind und den Kapitalismus.

Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, hatte die Kurve noch rechtzeitig geschafft dem Arbeiter- und Bauernstaat vor dem Mauerbau den Rücken zu kehren. Meine Eltern waren trotz verdichtender Anzeichen nicht in der Lage, es der guten Tante gleich zu tun und somit war mein bescheidender Lebensweg vorgezeichnet, ein aufrechtes Mitglied des sozialistischen neuen Deutschlands zu werden. Ich hatte damals noch keine Ahnung von all diesen Zusammenhängen, war ein Dreikäsehoch und erfreute mich meiner Kindergartenzeit und wurde eines Tages mit der Anwesenheit eines neuen Familienmitgliedes konfrontiert, mein Bruder Dirk war der Glückliche, der nach mir das Licht der Welt erblicken durfte und es sollte ein neuer Unruheherd in unserer Zweieinhalb-Raumwohnung einziehen.

Es war eine lustige Zeit, so einen kleinen Wonnepropen zu Hause zu haben. Ich war nun so richtig stolz, die große Schwester zu sein und dieses Attribut konnte mir keiner mehr streitig machen, diesen Standpunkt hieß es nun gegen alle zu verteidigen, koste was es wolle, da war ich damals schon sehr eitel.

Meine Mutti erinnerte sich noch sehr gerne an die Vorfälle, wo ich allen Neugierigen aus der Nachbarschaft den Einblick in den Kinderwagen verwehrte, stets mit der Begründung „… dies ist mein Bruder und es geht niemanden etwas an“. So war ich halt gestrickt, geradlinig und offen heraus.

Wir waren nun schon eine richtige Familie, meine Mutter brachte Dirk in die Krippe und ich durfte damals schon, ganz selbständig und verantwortungsbewusst, in den Vorschulkindergarten gehen. Eine Straße musste nicht überquert werden und so war kein zusätzlicher Gefahrenherd gegeben.

Nun stand die feierliche Einschulung in die Poly-Technische Oberschule an, hier sollten zehn harte Schuljahre auf mich warten und abgesessen werden, damals noch keine große Aufgabe, aber diese Hürde sollte sich noch zu so mancher Katastrophe auswachsen. Nach dem Schuleintritt kam man(n) oder Mädchen, automatisch zu den Jungpionieren, ein lustiger Freizeitclub, einmal die Woche am Nachmittag nach dem Schulunterricht. Hier unternahmen wir viele tolle Wanderungen, gingen zum Schwimmen oder bastelten für die anstehenden Feste und parteilichen Ehrentage. Ein großer Wettstreit spornte uns Schüler stets an, wenn wir zu Wertstoff-Sammlungen aufgerufen wurden, denn Rohmaterialien waren auch in unserer „geliebten“ DDR sehr knapp.

Meine Mutti, bei der Armee, organisierte für mein Einzugsgebiet Unmengen von Altpapier und aus der Küche kamen die Flaschen und Gläser, nicht wie vielleicht vermutet von Papa.

Drei Jahre nach Dirk kam mein Bruder Andre am selben Geburtstag auf die Welt, oder wie es damals so üblich war „… den hat der Klapperstorch hier abgegeben“.

Ich war damals schon fast acht Jahre alt und konnte abermals das Erlebnis mit einem neuen Baby hautnah miterleben.

Mein Brüderchen Andre war jedoch nicht so geraten, wie es hätte sein sollen, Andre war behindert, nicht körperlich, aber im Geiste und somit war mir dieser Bruder besonders an mein Herz gewachsen und er war sich seiner Obhut sicher.

Über die Ursache seiner Behinderung, auch später in unserer Familie, wurde nie gesprochen, mir war selbst der Name des Handicaps bis heute nicht bekannt. Es war so und es blieb so?

Ob meine Mutter ein falsches Medikament während der Schwangerschaft eingenommen hatte oder ob die Trunksucht meines Vaters an diesem Defekt die Ursache war, wurde nie uns Kindern erzählt. Es würde auch nichts an der Tatsache verändern.

Von seinem körperlichen Verhalten war Andre genau das Gegenteil wie es sich heute darstellt, er war rank und schlank, eher unterernährt und nicht ein solcher „Pfundskerl“ wie in der TV-Sendung „Bauer sucht Frau“.

An dem Kindersegen hatten sich meine Eltern scheinbar gewöhnt oder aber Gefallen an der Machart gefunden, es war zwar etwas eng am Wochenende, wenn alle zu Hause waren, aber für einen zusätzlichen „Hosenscheißer“ sollte auch noch ein Plätzchen vorhanden sein.

An dem Strickmuster hatte mein Vater nichts auszusetzen und es erblickte Nummer vier in der Thronfolge, abermals ein Junge das Licht der Welt, zwei Jahre nach Andre.

Nun ging das nun schon bekannte Geplärr noch einmal von vorne los, sehr oft im Gleichklang von Andre und dem jüngsten Familienmitglied, Jens hieß der lustige Spross.

Dirk war ja nun schon fast fünf Jahre alt und wartete ungeduldig darauf, es seiner großen Schwester gleich zu tun und im nächsten Jahr eingeschult zu werden. Für mich kam es langsam knüppeldick, denn ich war ja die Große und wurde für alle Arbeiten eingespannt, denn Vater fiel ja am Wochenende sehr oft wegen „Krankheit“ aus und so war meine Mutter mit den vier Kindern auf sich alleine gestellt. Meine nicht immer freiwillige Mithilfe im Haushalt und das Aufpassen und das sich Beschäftigen mit meinen Geschwistern, gaben mir sehr wenig Freiraum zum Spielen mit Freundinnen, zu Hause gab es ja nur Jungs und die konnten ganz schön nervig und hinterhältig sein. Ich rächte mich des Öfteren, auch mal mit einer Kopfnuss oder es setzte auch einmal etwas Dresche, ganz nach Lust und Laune, so wie es Jungs, es ebenso verdient hatten.

Andre war davon meistens ausgenommen, er war den Hänseleien der Brüder oder aber auch der Nachbarkinder verstärkt ausgesetzt, da er sich nicht so zur Wehr setzen konnte. Er erwehrte sich dadurch, dass Andre die Kinder biss, wo er sie auch nur erwischen konnte und dann gab es großen Ärger zu Hause, Vater konnte diesem Zustand überhaupt nichts abgewinnen und oft gab es deshalb für die Jungs den Hosenboden versohlt, so etwas nannte man wohl antiautoritär?

Ich, als besonders „brave“ Tochter des Hauses war natürlich von solchen Strafexkursionen verschont, da ich ja kein Wässerchen trüben konnte, heute würde ich diesen Zeitraum meiner Entwicklung etwas anders sehen …

III

Mit dem Erreichen der fünften Klasse verließ man(n) oder Mädchen die Jungpioniere und ich kam in die FDJ, das waren die Mädels und Jungs mit den tollen blauen Hemden, dem passenden Halstuch und dem FDJ-Abzeichen am rechten Ärmel, hier war schon etwas mehr Zucht und Ordnung angesagt, denn wir sollten ja aufrichtige Bürger unserer „geliebten“ DDR werden.

Wir wurden bei Empfängen und zum 1.Mai-Feiertag abkommandiert die Fähnchen des Staates zu schwenken und Beifallkundgebungen, lautstark auf Kommando, von sich zu geben.

Aber auch der Ehrgeiz wurde dadurch angestachelt und geweckt, dabei zu sein wenn es um große Aufmärsche und Machtdemonstrationen ging.

Ich entwickelte mich schön langsam zu einem flotten Teenager, hatte schon ein bisschen meine Augen auf die Jungs gerichtet und wollte den frühreifen Mädchen aus meinen und den höheren Jahrgangsstufen nicht nach stehen. Unter der Woche verblieb mir nicht viel Freizeit, denn Andre musste wegen seines Handicaps in einen weit entfernten Kindergarten für Behinderte gebracht werden, dies bedeutete für mich, vor dem Schulunterricht und sofort nach der Schule, mit der Straßenbahn um Andre hinzubringen bzw. wieder abzuholen.

Ich war oft zu spät am Morgen in der Schule, konnte mich wegen dieses Stresses wenig konzentrieren und versiebte die eine oder die andere Prüfungsarbeit. Meine schulische Leistung sank entsprechend ab und die Versetzung war mehr als einmal gefährdet.

Andre war in dieser Zeitspanne auch kein pflegeleichtes Kind, erstens wollte er nicht in den „bekloppten“ Kindergarten und wenn er schon dorthin musste, dann erpresste er mich mit einer versprochenen früheren Abholung. In dieser Beziehung war mein Bruder sicherlich ein hellwaches Bürschlein, mit allen Wassern gewaschen, was sich zu seinem Vorteil eignete. Er wusste ganz genau, wie er mich erpressen oder um den berühmten Finger wickeln konnte, mehrmals setzte er sich auf die Straße oder auf die Gleise der Straßenbahn und wollte sich überfahren lassen, wenn er seinen Willen nicht durchsetzen konnte oder ich musste mich vor dem offiziellen Schulschluss aus dem Unterricht stehlen, nur weil ich meinen Bruder versprochen hatte ihn pünktlich um dreizehn Uhr abzuholen. Einmal hatte ich keine andere Möglichkeit vorzeitig den Unterricht zu quittieren, da blieb mir nur der unbemerkte Ausstieg durch das unverschlossene Klassenfenster, es war mir sehr wichtig, mein Versprechen gegenüber meinen Bruder einzuhalten, koste was es wollte …

Andre wartete schon ganz ungeduldig am verschlossenen Kindergartentor und die Betreuerin erzählte mir, das mein Bruder schon seit einer halben Stunde dort stand und er war auch nicht vom Tor weg zu locken. Das Abholen war für meinen Bruder sicherlich wichtiger als das Hinbringen am Morgen, den obligatorischen Mittagsschlaf hatte Andre stets abgelehnt, wahrscheinlich hatte er Angst, die Abholung zu verschlafen? Er war schon ein besonderer Junge, er hatte brav zu Mittag alles aufgegessen und dann nur noch sehnsuchtsvoll auf mich, seine große Schwester gewartet. Es war für uns Beide ein Teufelskreis, eine Symbiose zwischen Bruder und Schwester oder auch umgekehrt, keiner konnte ohne den Anderen.

Danach ging es ganz friedlich und gesittet mit der Tram nach Hause, als wäre Andre der beste Junge der Welt.

Diese Vorschulzeit ging nun auch für meinen Bruder zu Ende und er wurde in eine Behindertenschule, in der Nähe von meiner Mutter ihrer Arbeit, eingeschult. Nun war ich die stressige morgendliche Fürsorge für meinen Bruder los, denn er wurde von meiner Mutter mitgenommen, ich für meinen Teil konnte mich wieder vermehrt auf meinen Schulunterricht konzentrieren, was mir nach diesen Jahren nicht auf Anhieb gelang. Die schulischen Leistungen im zweiten Halbjahr waren dann jedoch erfreulich gut.

Die mir als Kind schon aufgebürdeten Arbeiten und die Verantwortung hatten schon irreparable Schäden an Leib und Seele hinterlassen, meine Kindheit wurde in keinster Weise berücksichtigt und gefördert, von wem auch? Meine Mutter arbeitete den ganzen Tag und mein Vater glänzte mit seiner „Krankheit“ und war kein Ansprech-Partner.

Ich war von Anfang an ein schwächliches Kind mit großer Anfälligkeit für alle nur erdenklichen Krankheiten und das mehrfach im Jahr, dazu bin ich ein extrem Haut empfindlicher Typ und sah sogar im Hochsommer so aus, als gehöre ich mit meiner vornehmen Blässe dem Hochadel an.

Da meine Familie zu den Kinderreichen der Nation gehörte und ich stets Untergewicht und dazu die vornehme Blässe hatte, so waren meine jährlichen Ferienaufenthalte im Sommer regelmäßig von Staatswegen vorbestimmt, soll einer mal sagen unsere „geliebte“ DDR hätte nichts für die Jüngsten getan? Es ging stets für sechs Wochen in ein VEB-Ferienlager an die See oder ins Gebirge, manchmal war es sogar ganz dufte, ich lernte neue Leidensgenossen kennen, schloss neue Freundschaften, versuchte die Erzieher auszutricksen und zog den Kürzeren wenn ich erwischt wurde, dann hieß es den stark machenden Haferschleim unter Aufsicht auf zu essen, auch wenn ich unter Ekel schon würgte. Hier bekam ich den Drill des Gehorsames ganz charmant beigebracht.

All diese Ereignisse trugen dazu bei, dass ich trotz schulischer Schwächen, doch sehr selbstbewusst wurde. Ich legte mir auch eine gewisse Kühle zu und lies mir nicht alles gefallen, auch wenn ich das eine oder andere Mal nicht im Recht war.

Mein Körper nahm schön langsam weibliche Formen an und die Jungs versuchten auch mir den Hof zu machen, aber so richtig hatte ich noch nicht den Dreh heraus und außerdem waren die Schuljungen noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, es ist ja erwiesen, dass sie einige Jahre uns Mädels hinterher hängen!

Durch meine Pubertät bekam ich öfters Migräneanfälle, die mich sehr oft zur Verzweiflung brachten, da diese mit einer solchen Intensität auftraten, dass ich sogar einmal vor lauter nicht enden wollenden Schmerzen, mir meinen Kopf gegen die Wand schlug, die Schmerzen wurden dadurch auch nicht weniger, eher mehr und eine Beule zierte zusätzlich meine Stirn. Dies war also auch nicht der ideale Weg zur alternativen Schmerzbekämpfung.

Die Schulzeit neigte sich nach einigen Jahren dem Ende zu und es wurden langsam die Weichen gestellt, die lernschwächeren Schüler und Schülerinnen nicht absacken zu lassen, sondern diese mittels Nachhilfestunden auf Vordermann oder Vorderfrau zu bringen. Mit Hilfe dieser freiwilligen Idealisten kam mein Wissen auf einen nie da gewesenen Leistungsstand. Der Russisch-Unterricht war nicht gerade ein Buch mit sieben Siegel, aber sechs Siegel waren es bestimmt, ich erinnere mich heute noch an diese kleine Episode, die mir immer noch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert.

Die russischen Vokabeln sollten wir in einem Satz einbinden und so leichter in unser Gedächtnis einprägen. Für mich stellte diese Fremdsprache ein ungewolltes „Muß“ dar, ich hätte lieber Englisch oder eine westliche Sprache erlernt aber dies war nur den absoluten Strebern und „Bonzenkindern“ mit Beziehung vorenthalten. Zu diesem auserwählten Förderungskreis zählte ich leider nicht und so blieb für mich nur das ungeliebte Pauken wie „Stor eta …Ratzefummel“, der Name für den Radiergummi fiel mir beim besten Willen nicht ein und dafür gab es einen Stundenverweis vor der Klassenzimmer-Tür, wie peinlich. Dieser Zustand schmeckte mir in keinster Weise und zu allem Übel kam auch noch der Direktor den Flur entlang und wollte aufgeklärt werden, warum ich vor dem Unterrichtssaal stand? Ich selbstbewusst wie ich schon war, schob den Schwarzen Peter der Russischlehrerin zu und das ging Herrn Direktor nun total gegen den Strich. Nun gab es erst einmal einen Anpfiff, von wegen einen schwachen Schüler vom Unterricht auszusperren anstatt diesen verstärkt einzubinden, nun hatte ich meinen neuen Sitzplatz inne, vorne erste Reihe, im Blickfeld meiner gescholtenen Lehrerin.

Ohne größere Probleme gingen die folgenden Schuljahre über die Bühne, ich hatte ein gesundes Arrangement mit der Schule und dem Lehrkörper gefunden, nicht mehr auffallen war meine Devise.

Zu Hause war öfters dicke Luft angesagt, denn mein Vater fühlte sich weiterhin des öfteren dem besten Freund des Menschen, dem Alkohol zugeneigt. Früher geschah dies regelmäßig an den Wochenenden, nun aber verlagerte sich sein Alkoholkonsum auch auf den Feierabend, ich hatte die undankbare Aufgabe am Spätnachmittag, vom Wohnzimmerfenster aus die Straße zu beobachten, welche Richtung unser Herr Papa wohl für den nach Hauseweg einschlagen würde? Wenn er die Straßenseite wechselte, dann kam er kurze Zeit später in die Wohnung und der Familienfriede war zumindest für diesen Tag gerettet, aber meistens ging sein Weg gerade aus dies bedeutete wieder Ärger und Getöse, wir Kinder kannten diesen Teufelskreis nun schon zur Genüge.

Meine Mutter hatte nun schon vier Kinder am Hals, eins davon war behindert und einen Mann der seine Krankheit nicht einsehen wollte, geschweige daß dieser Mann ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hätte, er war ein Alkoholiker und er sah es nicht ein! Die Nerven lagen sehr oft blank, Mutti versuchte dieses Problem, von uns Kindern so gut es ging, fern zu halten, was in unserer kleinen Wohnung, mit den Stockbetten für uns Kinder und den verschlossenen Türen am Abend, jedoch nicht gelang. Die Wände unserer Altbauwohnung, kein Vergleich zum heutigen Wohnungsbau, hatten viele Ohren und ich, als Älteste konnte mir meinen eigene Meinung darüber bilden.

Ich war damals noch der Meinung, dass man doch zu jeder Zeit mit dem Trinken aufhören könnte und ich hoffte stets vermehrt darauf, wenn Papa seinen „Milchtag“ hatte, das nun eine Wende in seiner Sucht eingetreten war, ich und auch später meine Brüder wurden stets aufs Neue enttäuscht. Für meine Mutter, so hatte ich es damals schon empfunden, gab es diesbezüglich keine Hoffnung.

Unser aller Wünsche wurden so nicht erfüllt, meine Mutter musste all diese Vorfälle herunter schlucken und eine gute Miene zu diesem Trauerspiel machen. Einmal, so erinnere ich mich später, hat meine Mutter die Nerven verloren oder auch nur ihre Hilflosigkeit hinaus schreien wollen, mein Vater kam stockbesoffenen, spätabends nach Hause und dann hat er von Mutter die Milchflasche übergezogen bekommen.

Dies war sicherlich eine Affekthandlung, aber geändert hatte dieser Vorfall zu dem damaligen Zeitpunkt überhaupt nichts und die gute Laune war stets weiter im Keller, wenn ich von meinem Beobachtungsfenster den geraden Durchmarsch, Richtung Kneipe meldete.

Später war mir erst klar geworden, wie eine solche durchlebte Alkoholsucht meines Vaters, sich auf uns Kinder ausgewirkt hatte.

In der Schule wurden wir gehänselt, heute sagt man wohl gemobbt, der Endeffekt war jedoch derselbe, wir standen abseits, hatten nur uns als Geschwister und selten gelang uns oder mir ein ehrlicher Kontakt zu Gleichaltrigen.

Ich glaubte, dass mein Vater kein einziges Mal diesbezüglich über seine Krankheit nachgedacht hatte? Heute verstehe ich auch das damalige Verhalten meiner Mitschüler, denn wer will schon mit einem Kind aus einer „Säuferfamilie“ Kontakt schließen? Auch mein jüngerer Bruder litt sehr unter diesen Umstand, meine Mutter reagierte mit Beschimpfungen und auch einmal im Affekt, aber sie schaffte es nicht eine Trennung für sich oder für uns Kinder herbei zu führen.

Wie wir jedoch alle zur Kenntnis nahmen konnten, so hatte die ehemalige, abgewirtschaftete DDR ein unwahrscheinliches Suchtverhalten im Alkoholkonsum.

Andre, mein behinderter Bruder war zwischenzeitlich auch eingeschult worden und besuchte eine Sonderschule und hatte als kleines Bürschlein schon einen ausgewachsenen Dickkopf, seine Lehrerin hatte hier die größten Probleme, dies ging soweit, dass diese geduldige Frau kurz vor einen Nervenzusammenbruch stand. Zuhause traute sich mein kleiner Bruder nicht diesen Dickkopf an den Tag zu legen, da war ja noch meine resolute Mutter und wenn das nicht half, dann war immer noch unser Vater mit seiner strengen Hand zur Stelle. Wenn dieser Mann nur einmal diese Strenge bei sich als Maßstab angelegt hätte, war mein Fazit auf dem Balkon unseres Hotels in Nordafrika.

Meine Brüder hatten es sicherlich nicht immer leicht, meistens wurden sie von mir zum Blödsinn angestiftet, denn ich war mit ihnen mehr unterwegs als mit Freunden oder Freundinnen, aus den schon bekannten Gründen. Viele Kellerfenster gingen beim Fußballspielen zu Bruch und wer war es? …natürlich die Jungs! Oft mussten sie unberechtigte Schelte dafür kassieren, aber ich fand es schon als Ausgleich für ihre Lausbubenstreiche und außerdem war ich ein braves, wohlerzogenes Mädchen. Dirk war schon ein kleiner, hinterhältiger Geschäftsmann, der von meinen ersten „Knutschabenteuern“ Profit herausschlagen konnte, mit meiner Clique trafen wir uns im Hochsommer zum Baden am See, ohne meine Brüder konnte und durfte ich nicht zu diesem fröhlichen Vergnügen gehen, dazu kam die auferlegte verantwortungsvolle Aufgabe des Aufpassens und das, bei drei Jungs, die nur noch das kühle Nass sahen und mehr im Wasser als am Land waren. Sie waren damals alle noch keine sicheren Schwimmer oder sie konnten es noch gar nicht.

Ich hatte schon ein Auge, vielleicht auch zwei auf einen jungen Matrosen geworfen und mit diesen jungen Mann wollte ich auch einmal alleine sein.

Hier war guter Rat teuer, bei drei Jungs, das Beruhigungseis war schnell auf geschleckt und nur Fußball spielen war auch nicht so toll, etwas vernünftiges kam für beide Seiten dabei nicht heraus. Mein kesser, kleiner Bruder wollte dann noch Schweigegeld von mir und drohte sonst alles Papa zu erzählen. Ich rückte etwas von meinem schwer verdienten Ferienjobgeld heraus und nahm mir vor, zukünftig besser auf der Hut zu sein.

Bei uns in Ostdeutschland, wo die Kirchenmacht keine so weltliche Stellung inne hatte wie im kapitalistischen Westen, hier stand anstelle von der Firmung oder der Konfirmation im Westen, bei uns mit vierzehn Jahren die Jugendweihe zur Feier an.

Meine Jugendweihe erfolgte in der Schulgemeinschaft mit meinen Klassenkameraden. Die Turnhalle war feierlich für diesen großen Rahmen geschmückt und ich hatte voller Stolz ein gutes Sonntagskleid angezogen, dazu nicht enden wollende langweilige Reden der Parteibonzen, über den Sinn des Erwachsen werden.

Als Erinnerung an diesen Tag bekamen wir noch den Bildband „Weltall, Erde, Mensch“ mit persönlicher Widmung überreicht, dies war der parteipolitische, offizielle Teil.

Kakao und leckeren Kuchen gab es dann bei Mutti zu Hause und meine Brüder fanden diese Leckereien, das beste von diesem langen Tag.

Andre war damals schon ein ganz „süßer“ und versuchte stets die doppelte Portion zu er haschen.

In den Sommerferien hatte ich über „Vitamin B“, gleichgesetzt mit Beziehung durch meinen Vater, einen Küchenjob im Interhotel ergattert.

Hier kam ich auf den guten Geschmack und entwickelte meine Vorliebe, diese Tätigkeit zu meinen Beruf zu machen. Bei dieser vorerst nur angedachten Hilfstätigkeiten in meinen Ferien verrichtete ich meistens nur Handlangerdienste, wie heute die unbezahlten Praktikanten, doch ich lernte viele Kostbarkeiten kennen, von denen ich noch nie etwas gehört oder gesehen, geschweige geschmeckt hatte, es war für mich ein Paradies, ein Traum. Natürlich ereilte mich auch etwas Ekel und Abscheu, wenn Innereien und Blut ins Spiel kamen, das war nun die Schattenseite der berühmten Medaille. Irgendwie wollte ich auch dieses Hindernis überwinden und redete mir ein, dass diese Arbeiten dann sicherlich von einem starken Geschlecht ausgeführt werden, genauso wie das „Abmurksen“ von lebenden Getier, wenn dies einmal anfallen sollte.

Das Leben spielt oft ein sehr seltsames Spiel, ich sollte Aale und Krebse ins „Jenseits“ befördern und schon hatte ich meine Ar …karte gezogen, ich brachte es nicht über mein immer schneller klopfendes Herz, zur Abhärtung musste ich einen großen Eimer Zwiebeln häuten und schneiden, bis die bitteren Tränen flossen, aber mein Berufswunsch stand nach dieser Ferienzeit fest, ich werde Köchin.

Für das folgende Schuljahr, meine Abschlussklasse, wurde schwer gebüffelt, denn das Zeugnis sollte schon für meinen Wunschberuf ausreichend ausfallen. Das Auswählen eines Berufes war in unserer „geliebten“ DDR nicht so selbstverständlich, wie seinerzeit in Westdeutschland.

Ich verließ nun nach zehn Jahren mit der Mittleren Reife die Polytechnische Oberschule und war voller Vorfreude bereit das große Abenteuer „Beruf“ in Angriff zu nehmen. Die Ausbildung sollte zwei Jahre andauern und alle Schwerpunkte der Groß- und Kleinküche durchlaufen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, diesen Leitspruch musste ich mir in den nächsten zwei Jahren noch des Öfteren anhören, wenn ich erschöpft mit überdimensionalen Kochtöpfen, allzu großen und schweren Gusspfannen mich abquälte oder stundenlang Kartoffel schälte oder Zwiebel und Gemüse schnitt, in der Spargelsaison dann das ewige Schälen des edlen Gemüses.

Meine ersten Erfahrungen sammelte ich in einer Großküche, ich wusste schon was meine Mutti für unsere Familie für Töpfe und Pfannen benötigte, aber das hier war einfach nur gigantisch, ich hätte mich in so manchen Topf locker verstecken können. Diese Küche befand sich in Drewitz am Autobahnring von Berlin, damals noch zu der Transitstrecke gehörend.

Hier erlebte ich auch das der berühmte Leistungs- und Zeitdruck an der Tagesordnung war, denn die Essenszeiten hingen strikt mit dem Fertigungsablauf der Werkstätten zusammen und eine Verspätung war nicht drin. Ich erlernte alle Höhen und Tiefen des Kochberufes, heute habe ich das Gefühl, das dies hauptsächlich die Tiefen waren. Die Arbeit in der Großküche war für mich, als zierliches Leichtgewicht, sehr schwer, die Mengen die vorbereitet gekocht oder auch gebraten und gebacken wurden waren enorm, hier wurde nicht nach Gramm gerechnet, sondern nach Pfund, Kilogramm und Zentner, meine Rechenkünste wurden schwer auf den Prüfstand gestellt. Die größte Freude hatte ich bei der Essensausgabe in der Kantine, wenn ich mithelfen durfte und auch den Kleinverkauf übertragen bekam. Die Großküche war wegen der oberflächlich und lieblos hergestellten Massenware nicht so mein Lieblingsfach, es war mir zu anonym, ich wollte echt leckeres Essen zubereiten und fühlte mich damals schon zu Höheren berufen und so hoffte ich im zweiten Jahr meiner Ausbildung die in Babelsberg, dort wo die UFA-Filmstudios angesiedelt waren, fortgesetzt wurde, endlich die gute Gastronomie kennen zu lernen. In der Gaststätte zur „Eisenbahn“ sollten meine inneren Wünsche in Erfüllung gehen. Der Eindruck bei Dienstantritt war jedoch sehr negativ, die vorhandene Küchen-Ausstattung hatte mit der schicken Anlage des Interhotels, die ich vom Ferienjob kannte, wenig gemeinsam.

Ich war schon etwas mehr enttäuscht und machte mir selber Mut mit der Feststellung, dass die Qualität der Speisen doch in erster Linie von einer guten Ausführung und von einwandfreien und frischen Produkten abhängig war.

Mein Küchenchef war ein Meister seines Faches und ich konnte viel Fachwissen für die normale Tagesküche in einer Gaststätte erlernen.

Von meinem Ferienjob im Interhotel hatte ich immer noch Kontakt zu dem Leiter, dieser fungierte nun als Mentor und hier erlernte ich in meiner Freizeit die Kochkünste der gehobenen Gastronomie.

Die Speisen appetitlich auf die Teller zu drapieren und dekorieren, anspruchsvolle Vorspeisen und Desserts zu bereiten, das machte Freude, das war mein Metier.

Mit Hilfe dieses Mentors und durch vielfältiges Nachkochen der Menüs zu Hause hatte ich viel Routine und Geschicklichkeit erlangt, meine Familie war immer der Versuchsstützpunkt und meine Brüder große Fans, wenn es am Wochenende was Ausgefallenes auf dem Speiseplan stand. Die Portionen konnten zum Teil nicht groß genug sein, es waren halt Jungs im pubertierenden Alter und der Appetit entsprechend groß. Für mich bedeutete dies allerdings, dass in der Praxis maßvoll mit den Portionsgrößen umgegangen werden musste, weniger war mehr.

Ich hatte mich zwischenzeitlich zu einer jungen Dame entwickelt, die Rundungen waren dort, wo sie hingehörten und die ein oder andere Liebschaft hatte hoffnungsvoll begonnen und meistens war diese einige Wochen oder Monate später wieder verflossen.

Bei uns zu Hause war es auch nicht gemütlicher geworden, wir hatten zwar eine größere Wohnung bezogen und ich bekam ein eigenes Zimmer im Gegensatz zu meinen drei Brüdern, die sich ein Zimmer teilen mussten. Vater hatte immer noch die liebgewordene Sportart, das einhändige Trinken.

Mein sehnlichster Wunsch war, um mich besser auf meinen Beruf konzentrieren zu können, ich wollte hier nur noch hinaus, etwas eigenes haben, alles belastende hinter sich lassen, ich wollte leben und selbständig sein, es reichte schon, dass wir hier in der „geliebten“ DDR eingesperrt waren. Dieser Gedanke war jedoch in diesem unserem Arbeiter- und Bauernstaat nicht so leicht zu realisieren. Wohnungen wurden zugeteilt und dazu musste man im Normalfall, ohne Vitamin „B“, gleich Beziehung, erst einmal verheiratet oder schwanger sein. Ich begab mich auf Bräutigamssuche, in einem Käseblatt aus unserem Bezirk las ich eines Tages die Anzeige eines jungen Mannes, namens Gerd. Ein erstes Treffen war für das übernächste Wochenende schnell vereinbart, denn damals ging noch alles Handschriftlich mit der guten alten Post, denn Telefone waren in der DDR, nur den Parteibonzen oder den Hauswarten vorenthalten, wahrscheinlich um die aktuellen Überwachungen sofort der Stasi übermitteln zu können.

Schick angezogen und etwas Lippenstift aufgetragen so begab ich mich zu dem vereinbarten Stelldichein und er kam überpünktlich, mein Kavalier aus der Zeitungsanzeige. Dieser junge Mann war gutaussehend, schlank, von guten Manieren, hatte sich gut gekleidet und trug einen hellen Staubmantel für den kühleren Abend. Wir kamen schnell ins Gespräch und es kam keine Langeweile auf, ich hatte einen sehr positiven Eindruck von diesen jungen Mann und beschloss nach einigen Treffen, ihn meinen Eltern vorzustellen. Gerd hatte sehr schnell die Zustimmung meiner Eltern, dann zur Hochzeit erhalten, obwohl mein Lehrabschluss noch ausstand. Die Aussicht für meine Eltern und auch für meine Brüder, dass mehr Platz in der Wohnung sein würde und ich auch ganz verliebt in Gerd war, so wurde der Hochzeitstermin für Ende April festgelegt. Es sollte ein schönes, großes Fest für die einzige Tochter des Hauses werden, mein Bruder Dirk, der mit der Schweigegeld-Erpressung, hatte an diesem Wochenende auch noch seine Jugendweihe und so verlegten wir den Polterabend auf den Freitag und die Hochzeits-Feierlichkeit mit der Trauung am Standesamt, für den Samstag.

Gefeiert haben wir bei meinen Eltern in der Wohnung und für die Hochzeitsnacht, die ja recht kurz war, wurde mein Mädchenzimmer entweiht.

Unsere Hochzeitsreise ging für ein paar Tage an den Rennsteig im schönen Erzgebirge zum Skifahren oder besser gesagt zum Erlernen des besseren Hinfallens, es blieb uns nicht viel Zeit, denn ich war ja noch in der Lehrausbildung und meine Facharbeiter-Prüfung stand in einigen Monaten an.

Leider hatten wir als Frischverheiratete zu diesen Zeitpunkt noch keine eigene Wohnung, da diese erst mit der Heiratsurkunde von Amtswegen zugeteilt wurde, die Wartezeit von einigen Wochen mussten wir auch noch billigend in Kauf nehmen.

Nach endlos erscheinenden Wochen des Wartens bekamen wir endlich die Zuteilung einer eineinhalb Raum-Dachgeschosswohnung, ganz oben im Wohnblock. Die Wohnung war, wie soviel in diesem Staat, eine Zumutung, im Sommer sehr heiß, dafür im Winter umso kälter, von Isoliertechnik und normalen Wohnkomfort keine Spur. Die Küche und das Bad hatten nur ein kleines, mit einfachen Drahtglas versehenes Dachflächen-Fenster, primitivster Bauart, wo bei Temperatur-Unterschieden das Schwitzwasser abtropfte. Es störte niemanden, wenn im Winter die schwer einzubringende Wärme in Windeseile wieder durch die Wände und Decken entwich, so ruinierte sich der Staat ganz von alleine.

Ich kannte aus dem verbotenen Westfernsehen, dass wir natürlich nie eingeschalten hatten, die schicken Wohnungseinrichtungen, die neuzeitlichen Autos und die schicke Mode und ich hoffte inständig einmal in meinem Leben auch diese Dinge mir kaufen und leisten zu können.

Unser Lebensstandard hinkte in allen Bereichen des täglichen Lebens hinterher, wenn nicht meilenweit und unerreichbar? Einen Fortschritt habe ich eigentlich nie erkennen können, die Bevölkerung musste sich für den täglichen Bedarf anstellen, Autos waren unerschwinglich teuer und die Lieferzeit für das kleinste Auto, den „Trabi“, war mindestens zwölf lange Jahre …

Die Kriminalität war in diesem gelobten Land so gut wie nicht existent, mir war nicht bekannt, dass in unserem Umfeld oder in unserer Stadt auch nur ansatzweise über Schwerverbrechen berichtet wurde, das was heute in Deutschland und der Welt passiert, ist gerade zu erschreckend und fast schon unglaubhaft …

Es gab in Ostdeutschland nicht den Verdrängungs-Wettbewerb, nicht den hier bekannten Stress und den allgemeinen Neid, denn keiner hatte unwesentlich mehr als sein Nachbar, ausgenommen dieser Nachbar hatte Verwandte im Westen, die ihn mit Waren und Devisen unterstützten. Diese Nachbarn zeigten dann auch nach außen, dass es ihnen besser ginge, als der normalen Arbeiterklasse, sie kamen schneller an den ostdeutschen Volksporsche, den Trabi 604, hier konnte man die riesige „Auswahlpalette“ nach Herzenslust schon bei der Bestellung in Augenschein nehmen wie z.B. ein- oder zweifarbig, Kombi oder Limousine oder verchromte oder lackierte Stoßfänger, naja das war es auch schon! Der stolze Preis für diese Luxuskarosse mit Zweitakter-Motor circa acht bis Zehntausend Ostmark und mit westlichen Devisen wurde die Lieferzeit auf ein Minimum reduziert.

Wir richteten unsere kleine Dachwohnung mit Geschick und noch kleineren Etat sehr gemütlich ein und heizten im Winter wie verrückt, dass die Bude einigermaßen gemütlich warm wurde.

Der Sommer nahte und somit auch mein Prüfungstermin mit der theoretischen und praktischen Prüfung. Mein Büffeln und die Vorbereitung mit meinen Mentor, sowie die vielen Kochversuche zu Hause waren mein gutes Rüstzeug um vor dem Prüfungsausschuss zu bestehen. Stolz wie Oskar nahm ich nach diesen Prüfungstagen mein Facharbeiterzeugnis in Empfang.

Unser gemeinsames Leben nahm nun immer bessere Formen an, die Prüfungsangst existierte nicht mehr und ich konnte nun meinen werktäglichen Aufenthalt bei meinen Eltern aufgeben, denn meine Lehrzeit war mit dem Ablegen der Facharbeiter-Prüfung beendet und ich bekam eine neue Arbeitsstelle in einem großen Krankenhaus, in der Kantine. Diese Arbeitsstelle war nun sehr gut von unserer kleinen Wohnung aus zu erreichen, mein Mann arbeitete damals auch noch sehr zielstrebig, bis zu drei Schichten, denn wir wollten auch eine richtige kleine Familie gründen und das war auch in der DDR mit höheren Kosten verbunden.

Außerdem wäre dann auch eine größere Wohnung fällig geworden mit den entsprechenden Möbeln und wir waren ja auch noch sehr jung und wollten gemeinsam unsere Jugend genießen, soweit dies in diesem Staat überhaupt möglich war. Unsere Träume wollten wir zu minderst nicht unerledigt zu den Akten legen …

IV

IV

Wir waren nun einige Wochen verheiratet, unsere erste gemeinsame Wohnung hatten wir bezogen bzw. für das erste sehr wohnlich gestaltet, was zu unseren Ersparten und zu unseren Verdiensten möglich war, Träume wachsen bekanntlich nicht in den Himmel und zu guter Letzt war die DDR nicht das Schlaraffenland.

Mein Facharbeiter-Zeugnis hatte ich in der Tasche und mein Zimmer bei den Eltern bekam mein größerer Bruder. Der Sommer war nun auf seinem Höhepunkt und Dank der bescheidenen oder nicht vorhandenen Isolierung, war es sogar nachts bullenheiß, was mir einerseits als bekannte „Frostbeule“ sehr gut tat, denn ich war auch im Sommer ein verfrorener Eiszapfen, aber diese vorhandene Wärme mit der Trockenheit in der Wohnung, war selbst mir zu viel.

Seit einiger Zeit spannten mir meine Brüste und ich spürte große Veränderungen in meinem Körper, der anstehende Besuch bei meinem Frauenarzt brachte mir die Gewissheit, wir bekommen ein Kind, mit wir meinte zwar ich mich, aber gemeinsam waren wir schwanger.

So früh hatten wir eigentlich kein Kind eingeplant, da war doch noch unsere Jugend, aber nun war es die Tatsache, wir würden bald zu Dritt sein, bei den vorhandenen Mietverhältnissen jedoch kein optimistischer Ausblick. Am Abend überraschte ich meinen Mann mit dieser Neuigkeit, die Freude hielt sich bei meinen Göttergatten jedoch in Grenzen und wir beschlossen erst einmal die Angelegenheit gelassen anzugehen, es war ja erst alles im Entstehen und bis zur Geburt, waren es noch einige Monate.

Die Zeit der Vorfreude, zumindest von meiner Seite, verging schneller als uns lieb war, der Winter kam mit seinen unangenehmen Eigenschaften, die wir ein Jahr zuvor schon einmal wahrnehmen mussten, unsere kleine Dachgeschoss-Wohnung erwies sich als stets zu kaltes Loch, das Wasser ist uns mehrfach eingefroren, ich war des Öfteren erkältet und hatte weiterhin große Probleme mit meinen Nebenhöhlen. Medikamente wollte und durfte ich nicht nehmen wegen meiner Schwangerschaft. Mein Arzt kannte das Problem und versuchte an bessere Westfabrikate heran zukommen, es gab ein Produkt, dieses hatte zwar auch auf Nebenwirkungen hingewiesen und ich sollte selbst entscheiden ob ich es nehmen wollte, denn eine Garantie auf die Unversehrtheit des Kindes gab mir Keiner. Die Befürchtung, es könnte meinem Baby schaden, versetzte mich in Albträume, es war eine schreckliche Zeit, mit Hausmitteln, Bettruhe und eisernem Durchhalten überstand ich diese Zeit auch ohne Medikamente.

Die gesamte Situation mit der stets zu kalten Wohnung, dem Kohlen hoch schleppen und meine Erkältungs-Krankheiten führten auch bei uns zu den ersten ehelichen, größeren Streitigkeiten. Es wurden viele banale Missverständnisse nicht mehr ausgeräumt und jeder zog sich ungeliebt und beleidigt in sein Schneckenhaus zurück. Es kam wie es kommen musste, mein Nervenkostüm war mehr als angekratzt und das Baby wollte viel, viel zu früh die vorhandene „Einraumwohnung“ so schnell wie möglich verlassen. Der Geburtstermin war doch erst in einigen Wochen, wenn es jetzt los ging, so dachte ich zu dem damaligen Zeitpunkt, dann war unser Baby in großer Gefahr.

Es ging dann alles ganz schnell, ich kam in das Krankenhaus, die Geburt verlief ohne Komplikationen und wir hatten, nach den gesamten Trubel, eine kleine Tochter bekommen, der Name stand schon seit langen fest, unser Kind sollte den Namen Nena erhalten.

Nena war ein Frühchen, einige Wochen mehr im geschützten Mutterbauch hätten ihr sicherlich gut getan und nun kam diese kleine unterentwickelte Tochter zuerst einmal in die Kinderklinik, nichts war mit Stillen und ich konnte nicht jeden Tag meine Tochter in die Arme schließen und herzen, nicht streicheln und ihr Geborgenheit geben.

Meine kostbare Muttermilch hatte ich mehrmals am Tag abgepumpt und diese kam dann auf direkten Weg in die Kinderklinik, um unseren Kind die notwendigen Abwehrkräfte aufzubauen. Es gab sehr viele Schwierigkeiten während des Aufenthaltes in der Kinderklinik, Nena wollte um nichts auf der Welt etwas an ihrem Gewicht zulegen. Es dauerte Wochen und Monate, dann endlich nach fast einem halben Jahr waren die Ärzte mit dem Entlassungs-Gewicht und dem Gesundheitszustand zufrieden und wir konnten unsere Kleine endlich mit nach Hause nehmen, unsere Freude war riesengroß aber auf der anderen Seite auch wieder schnell getrübt, denn unsere bescheidene Eineinhalbzimmerwohnung, war für das Zusammenleben von zwei Erwachsenen mit Baby mehr als eine Zumutung und hier musste sehr schnell eine positive Veränderung statt finden.

Es gab für uns Beide, meinen Mann und mich, keinen Rückzugsort, Nena weinte des Öfteren, aus unerklärlichen Gründen, was bei Babys sicherlich ganz normal war und ich als junge Mutti, musste mich auch erst an diese neue Herausforderung gewöhnen, meine Mutter war mir eine große Hilfe und eine gute Ratgeberin, denn sie hatte ja selbst vier Kinder zur Welt gebracht und groß gezogen.

Nena war ein sehr anfälliges und kränkelndes Kind und drückte ihren Unwillen durch lautes und anhaltendes Weinen aus, was unverständlicher Weise auch meinen Mann wieder nervte, denn dieser „abgearbeitete“ Großverdiener wollte nach seinem Feierabend nicht auch noch vom Baby-Geschrei genervt werden, dies betrachtete ich schon als sehr überheblich und tat es als Macho-Gehabe ab.

Hier zeigte mein Mann, Anzeichen der Aggressivität, die ich nicht für möglich gehalten hatte und ich war nervlich geschafft, unser Baby zu besänftigen.

Unser Entschluss stand fest, wir brauchen dringend eine größere Wohnung, aber dies war in „unserer DDR“ nicht so leicht möglich.

Mein Mann war damals bereits in die CDU eingetreten und wollte in der Politik hoch hinaus.