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Ein Mann in der Blüte seiner Jahre lernt nach der Scheidung eine vermeintlich große Liebe kennen. Es scheint ein nie enden zu wollender Höhenflug ins Glück zu werden, mit großem finanziellen Erfolg – die Welt lag ihnen zu Füßen. Als Samantha das Licht der Welt erblickte, schien das junge Glück perfekt. Doch dann zogen unverhofft private und existenzbedrohende Wolken über dem nicht mehr ganz jungen Paar auf. Anfangs erlebte Samantha eine sehr glückliche Kindheit, die sich aber aufgrund der Ereignisse zu einem nicht gewollten Ausgang entwickelten … Eine spannende Geschichte aus dem Leben eines jungen Mädchens namens Samantha.
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Copyright: © 2021 Bine & Piter Thunder
Personen die sich in dieser Geschichte eventuell wiedererkennen sind rein zufällig hineingeraten und sind von den Autoren nicht beabsichtigt …
Druck: epubli
www.epubli.de
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Über die Autoren
BineundPiter Thundersind ein Autoren-Paar und haben erst im Rentenalter ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. Viele Jahre lebten sie getrennt in München, Saarbrücken und Berlin, bevor sie sich in Berlin kennen und lieben lernten. Ihre Wahlheimat nach Saarbrücken ist die Costa Blanca in Spanien geworden, wo sie seit einigen Jahren sesshaft sind.
Bisher erschienen:
Schatten auf meiner Seele
Zwölf sind einer zu viel
Scheidungskind Samantha
Diese Geschichte schrieb das Leben. Die Namen und Orte sind frei erfunden, sollte sich ein Leser oder eine Leserin darin wieder erkennen, so soll es Ihnen das Spiegel-Bild ihres Handelns und Ihres Charakters vorhalten. Es sollte ein Anstoß sein, es beim nächsten Mal etwas besser zu machen, falls es ein nächstes Mal gibt.
Diese sich tatsächlich zugetragene Geschichte beginnt mit dem Ende, wobei ein Ende auch einmal ein Anfang sein kann …
… Samantha,erinnerst Du dich noch an unsere wunderschöne Ferienreise im Sommer vor drei Jahren? Wir, das waren Dein Papa und Du, wir fuhren mit unserem Wohnmobil kreuz und quer durch Süd-Deutschland und ich erfüllte dir dabei Deinen Wunsch, viele Freizeit-Parks zu erkunden.
Wir kamen ins „LEGO-LAND“ in der Nähe von Günzburg bei Ulm, wo wir sehr viel Spaß und noch viel mehr Zeit mit einander hatten.
Erinnerst Du dich noch an unsere, doch so oft besuchte Holz-Wasserbahn, wo wir nach der Auffahrt im oberen Wasser-Labyrinth, mit Piter Thunder zum ersten Mal zusammen getroffen waren?
Drei Jahre und zwei Tage später beschloss „Piter Thunder“ für immer (?) aus Deinem, noch so jungen Leben zu verschwinden …
***
Piter Thunder
geb. 26.09.XX … gest. 12.07.XX
in Sorge um seine Tochter Samantha, die jedoch nichts damit anfangen konnte.
Von Beileids-Bekundungen ist Abstand zu nehmen, da diese sicherlich auch nur geheuchelt sind.
Auch zukünftige Handyanrufe sind zu unterlassen, denn in diesem Bereich wird nicht mehr kommuniziert!
***
Am Meisten hat Piter Thunder bereut, Dich nicht lange behalten zu dürfen, aber das Leben erzählt bekanntlich viele Geschichten, die eigentlich nur eine Geschichte ist …
Es war in der Mitte des Wonnemonats Mai, im einundzwanzigsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung.
Mein Papa „durfte“ wieder einmal zum Familiengericht nach Neker anreisen, da hier eine erneute Verhandlung, wegen des Umgangsrechtes an stand.
Mein Papa hatte hierzu mir einen Brief geschrieben und mir erzählt, dass er dem zusätzlich von meiner Mutter gestellten Antrag, zustimmen werde.
Toll, dachte ich, meine Eltern werden sich doch nicht mehr bekriegen und sie wollten, dass ich selbst bestimmen darf, wann und wo ich mit meinem Papa telefonieren darf.
Für was so alles die Erwachsenen ein Gericht benötigen, war mein Gedanke.
Papa wollte noch erreichen, dass ich über meine Ferien-Aufenthalte und deren Dauer selbst bestimmen darf, da er der Meinung war, dass ich seine Tochter, reif und alt genug war, hier für mich die richtige Entscheidung selbst zu treffen.
Ach ja, darf ich mich erst einmal vorstellen?
Ich bin Samantha, ein Mädchen von elf einhalb Jahren, geboren am 24. Dezember, wo die Welt noch in Ordnung war und sich meine Eltern noch sehr lieb hatten …
Man(n) oder Frau soll ja hin und wieder versuchen Anderen seine Meinung aufzuzwingen und so hatte ich den sehnlichsten Wunsch, Weihnachten, genauer schon den Hl. Abend mit Mama und Papa zu verbringen, aber bis dort hin war es noch eine schwere Zeitreise, bis ich das Licht der Welt erblicken durfte …
Meine Mama und mein Papa hatten am 23. Dezember, den Vorabend meiner Geburt, bei einer lieben ehemaligen Nachbarin verbracht. Diese liebe Frau hatte einen ganzen, ofenwarmen Brotlaib eingekauft und der Geruch strömte durch das Treppenhaus als meine zukünftigen Eltern nach Hause kamen.
Dies war doch ein Grund zum Läuten und meine Eltern in Spe, wurden herein gebeten. Meine Mutti konnte diesem schönen, warmen, knusprigen Mischbrot nicht widerstehen, allein der feine Geruch ließ jedes Genießerherz höher schlagen, einfach nur lecker und der Laib wurde angeblich komplett und gemeinsam „verputzt“, mir im Bäuchlein von Mama wurde es ganz schön eng …
Jeder Tag und auch jeder Abend musste einmal zu Ende gehen und so verschoben meine angehenden Eltern das Vorweihnachtliche Baumschmücken und das Aufstellen, auf den folgenden Hl. Abend, so dachten zumindest die angehenden Eltern, ha, ha. Der Verzehr des frischen, warmen und so lecker schmeckenden Brotes stellte nun die vorweihnachtliche Nacht total auf den Kopf.
Meine Mama schlief in dieser Nacht besonders unruhig, was sich natürlich auf mein immer enger werdendes Zuhause derart auswirkte, dass ich mich mit kleinen Fußtritten bemerkbar machen musste.
Ich konnte damals noch nicht zählen, aber Mama ging in dieser Nacht mehr als einmal zum „Pullern“, Papa hatte dagegen schon immer einen guten und festen Schlaf.
Gegen Morgen, naja sagen wir einmal, wenn die Bäcker normal in der Backstube stehen, wurde meine Mama sehr unruhig und sehr hektisch, etwas „feuchtes“ entfleuchte ihr und nun wollte Mama vehement ins Krankenhaus. Papa versuchte noch etwas Zeit zu schinden und er wollte erst die regelmäßigen Wehen abwarten, aber Mama setzte sich mit ihrem Dickkopf durch und so fuhr Papa seine kostbare Fracht in das bereits seit langen feststehende Krankenhaus, gute fünfunddreißig Kilometer von unserem Wohnort entfernt.
Die Nachtschwester erledigte die Aufnahme-Formalitäten und führte die erforderlichen Eingangs-Untersuchungen durch, danach wurde meinen werdenden Eltern ein wunderschön, eingerichtetes Doppelzimmer, schöner als in so manchen Hotel, zugeteilt.
Das lange, nervenaufreibende Warten auf die bevorstehende Geburt konnte fortgesetzt werden, aber lange hat es meine Mutti mit mir nicht ausgehalten, irgend etwas Beunruhigendes lag in der Luft, besser in meinem Fruchtwasser, jemand hatte so schien es mir den Stöpsel gezogen …
Die Nachtschwester wollte meiner Mama etwas Entspannung und Ablenkung zu kommen lassen, also erst einmal in das warme Wasser der Unterwasser-Geburtswanne. Ich fand die anfängliche Ruhe schon sehr angenehm, aber mich befragte in diesen Moment keiner, wie sollte er auch mich erreichen? Meine Mama fand dies echt ätzend, nach ein paar Minuten war die doch so beruhigende Lage für mich, schlagartig vorbei. Also wieder raus aus der Wanne und ab zu X-ten Male zum „Pullern“. Mein zukünftiger Papa, noch die Ruhe selbst, konnte einem leid tun, er machte alles ohne Murren mit, sogar auf die Toilette begleitete er die Mama, er meinte es sei besser so, falls das Baby und das war ich, doch noch früher heraus wollte. Nach dieser unfreiwilligen Pflichtübung wurde die Wasserkür fortgesetzt, aber so beruhigend, wie die Schwester einst meinte, so wurde es leider nicht.
Mit einer Unterwasser-Geburt sollte es nun nichts mehr werden, ich legte auch keinen großen Wert mehr darauf und außerdem wurde ich auch nicht gefragt, ich musste oder „durfte“ zum ersten Mal die Unruhe und die Hektik meiner Mutter ertragen, sollte dies mein erster negativer Eindruck von der „lieben“ Welt da draußen sein?
Sicherlich war es auch eine gute Idee darauf zu verzichten, mit dem Wasser hatte ich so meine liebe Not, schwimmen und wohlfühlen im kalten oder warmen Nass, dafür hatte ich erst mit neun Jahren mein Glücksgefühl.
Bei all dieser Aufregung verging die Zeit wie im Fluge, für mich war es zwar dunkel wie immer, aber ich konnte verspüren, dass Heute noch ein besonderes Ereignis in der Luft lag, nun ging es in den berühmt, berüchtigten Kreißsaal, wo aller „Beschiss“ im Leben anfängt …
Papa erzählte mir später, dass dieser Saal nicht kreisförmig, sondern rechteckig war und so beginnt in fast jeden Leben, das Dasein mit einem kleinen Schwindel. Dieser „hübsche“ Saal war mit Paravents unterteilt und je nach Nachfrage oder Frequentierung, erledigten einige Mütter ihr „Geburts-Geschäft“.
Als wir noch als „Doppelpack“ dorthin gebracht wurden, da war bereits eine andere Mama mit ihrer Schwerarbeit beschäftigt. Die Tonleiter wurde rauf und runter gestöhnt und geschrien, manchmal wie ein Wehklagen, langgezogen, schrill bis an die Trommelfell-Schmerzgrenze, das konnte ja noch heiter werden.
Nun wurde bei uns Beiden die Vorbereitung getroffen, mein Papa war selbstverständlich mit von der Partie, er wollte dabei sein wenn ich das Licht der Welt erblickte. Schon während der Schwangerschaft war Papa zu allen Arztterminen mit gekommen, hatte mich schon auf den Ultraschall-Bildern, vorab zu Gesicht bekommen, meine kleine Stupsnase war damals schon als Erkennungszeichen ausfindig zu machen. Er war dabei, als bei meiner Mutti eine Fruchtwasser-Untersuchung anstand. Papa erzählte später einmal, wie man auf dem Monitor genau sehen konnte, wie ich im Fruchtwasser im Mutterleib, um die Injektionsnadel ausgewichen war und mich dabei davon bewegte.
Ein besonderes Vergnügen bereitete meinen Papa der wöchentliche Besuch, in den letzten Schwangerschafts-Wochen des Geburts-Vorbereitungs-Lehrganges, er war einer der wenigen Väter, die daran teilnahmen. Aber Papa war schon immer etwas anders als die üblichen Väter und das war sicherlich nicht verkehrt …?
Die Geburts-Wehen und das im Kurs erlernte „Hecheln“ hat Papa beherrscht wie kein Anderer und dieses Hecheln, das Unterstützen bei der Geburt, sollte noch von ganz großer Hilfe sein.
Die Wehen-Abstände wurden nun immer kürzer und erhielten eine gleichmäßige Resonanz, mit anderen Worten, „ich wollte nun endlich hinaus, ich hatte jetzt die Faxen meiner Mutter satt“.
Mit dem „Fahrstuhl“ ging es mehr schlecht als recht durch den Geburtskanal und dann war erst einmal große Pause angesagt, nix ging mehr, Mutti war fix und alle, Bock hatte sie auch keinen mehr, sie wollte ihre Klamotten zusammen packen und nach Hause …
Super … und wie es mir dabei ging, wer interessierte sich dafür?
Die Wehen waren weg, ich lag vor dem Licht der Welt, Papa konnte meinen Haarschopf schon sehen, aber nichts rührte sich, ich hing hilflos fest, nun war guter Rat teuer und es sollte nachgeholfen werden.
Mutti bekam erst einmal eine Standpauke von der Hebamme, was sicherlich angebracht war, sie sollte gefälligst intensiver mitarbeiten, denn schließlich ginge es ja um MICH!
Manchmal hilft bei störrischen Menschen nur eine Radikalkur, also einen „Pickser“ in Muttis Po und die nicht überhörbare Aufforderung noch einmal alle Kräfte für den Endspurt zu mobilisieren. Mit der nächsten Wehe schaffte ich den „Flutsch“ nach Draußen, aber nur mit meinem Köpfchen und meiner kleinen Stupsnase.
Ich hing zum ersten Mal in meinem noch sehr jungen Leben fest, vorher war alles noch schön warm, gedämpftes Licht, Zimmerlautstärke und nun pfiff der erste raue Wind um mein feuchtes Wuschel-Köpfchen, laut und voller Unruhe nahm ich meine Umgebung wahr und ich steckte in der Klemme, fest zwischen den Beinen meiner Mutter.
Kein Vor und kein Zurück, halb da, halb drinnen, noch nicht richtig auf der Welt, wie sollte dies wohl weiter gehen?
Die nächste Wehe sollte nun die Entscheidung bringen, noch einmal alle Kräfte gebündelt, ein kräftiger Ruck und ich war da, ein echtes
Christkind,
geboren am Hl. Abend und ich hatte dies doch bestens hinbekommen oder …?
Mein erster Geburtstag konnte gefeiert werden, ich war angekommen in der reellen Welt, ich war geboren …!
Wenn das kein Glückstag war?
Papa hatte dann seinen großen Auftritt, mit einer OP-Schere trennte Papa mich von meiner Mama, er zerschnitt das Band, das uns neun Monate verband. Ein kleiner Schnitt, aber ein ganz großer Schritt in mein neues Leben, dass noch sehr viele Überraschungen für mich bereit halten sollte.
Kurz danach wurde ich noch vermessen und gewogen, ach ja mein weibliches Geschlecht wurde auch noch festgestellt, aber das wussten meine „neugierigen“ Eltern schon seit der Fruchtwasser-Untersuchung. Der erste Check verlief zufrieden stellend, ich wurde meiner Mutti an die Brust gelegt, aber Fehlanzeige, ich hatte nach dieser Tortour und all den Anstrengungen, dem Festsitzen, und dem Abnabeln, keinen Bock auf Essen und war es in noch so schöner Form angeboten, wie bei Mamas Brust.
Mutti ging es nicht ganz so „lecker“, sehr starke Blutungen stellten sich ein und hörten nicht auf zu bluten, ein Ärzteteam wurde in den rechteckigen Kreißsaal gerufen, der Geburtsstuhl wurde im Handumdrehen, mit wenigen Griffen, in einen OP-Tisch umgewandelt, zuerst erfolgte eine Akupunktur, danach eine Vollnarkose mit lebensnotwendiger OP.
Ich wurde mit Papa hinausgeschickt, nur eingewickelt in eine leichte Decke, hinaus in die noch ungewohnte, grausame kalte Welt der Krankenhausflure. Das Leben meiner Mutti war nun viel wichtiger, es hing am berüchtigten seidenen Faden, ich war gut aufgehoben und war bei meinem Papa.
Papa versteckte mich unter seinem aufgeknöpften Hemd, ich verspürte Geborgenheit, hier war es schön kuschelig und warm. Ich stellte mir vor, dass es ein Leben lang so bleiben könnte, das wäre sicherlich Super.
Später erzählte Papa mir, dass ich nun Hunger bekommen hatte und mich schmatzend, unter dem Hemd auf Nahrungssuche begab, aber leider fand ich nichts, wo Milch und Honig floss, ich hatte Brand …
Eine vorbeikommende Schwester versorgte mich mit dem ersten Willkommens-Trunk …
Prost meine Lieben, Fröhliche Weihnachten, ich bin endlich da … angekommen in meiner Familie.
***
28. Dezember in meinem noch so jungen Leben, ganz schön anstrengend, was so auf mich zugekommen war, wie schön war es doch in Mamas Bauch, keine Termine, mollig und kuschelig und nun der Rhythmus des Krankenhaus-Alltages mit Wecken, Windel wechseln, Waschen, Abtrocknen, An- und Ausziehen und ab und zu zur Mutti an die Brust, danach „Bäuerchen“, abglucksen, Abholen der Streicheleinheiten und so KO sein, auf was hatte ich mich nur eingelassen?
Papa verbrachte jeden Tag im Krankenhaus, stolz wie ein „Gockelhahn“ ging er auf der Säuglingsstation den Schwestern zur Hand, es war abgeminderter Feiertags-Dienst.
Aber Heute sollte es nun endlich nach Hause gehen, aber zuvor noch eine Hiobs-Botschaft, die Ärzte wollten mich im Krankenhaus behalten. Mutti hatte sich angeblich in der Schwangerschaft eine Art der Blutvergiftung zugezogen, wahrscheinlich eine Infektion mit Katzenkot bei der Gartenarbeit, Dinge gibts, die gibt es gar nicht!
Die Ärzte machten darauf aufmerksam, dass diese Vergiftung bei mir später böse Folgeschäden, wie Schäden am Gehirn auslösen könnten.
Eine Entscheidung musste nun gefällt werden, auf der einen Seite freuten sich meine Eltern mich mitnehmen zu können, andrerseits wollten sie auch kein Risiko eingehen und die Bedenken der Ärzte in Frage stellen.
Guter Rat war teuer oder besser gefragt …
***
Ein junger Assistenzarzt brachte als Alternative das Kinderkrankenhaus am Rande der Stadt in die Gesprächsrunde, hier könnte der Aufenthalt des Kindes sehr minimiert werden. Er stellte in Aussicht, dass einige Tage mit Übernachtungs-Möglichkeit für einen Elternteil und eine ambulante Beobachtung mit erforderlicher Therapie bestehen würde.
***
Meine Eltern entschieden sich für dieses Modell, dass bedeutete, Packen und nichts wie nach Hause, wollte nun endlich mein neues Zuhause kennen lernen.
Das war eine große Freude, denn meine Mama hatte auch noch Geburtstag und den wollte sie schon mit mir zu Hause feiern.
Ein kalter Wintertag mit Schneegestöber und Minus-Temperaturen erwartete uns vor der Kinderklinik, Papa fuhr mit dem vorgeheizten Auto vor und schnell war seine kostbare Fracht eingeladen. Wir begaben uns auf den Heimweg und ich schlief beruhigt in meinem Babykörbchen ein, nach vierzig Minuten waren wir am Stadtrand angekommen. Mein neues Zuhause war ein Traumhaus, wie ich später noch kennen lernen sollte, es hatte mein Papa und meine Mama entworfen und zum Teil selbst gebaut und kurz vor meiner Geburt sind meine Eltern dann erst eingezogen, so als Vorhut, wie man so schön sagt …
Das Haus war ein wahres Schmuckstück geworden, es stand auf einem Grundstück, dass im hinteren Teil an ein kleines Wäldchen anschloss und es war auf einem wunderschönen Golfplatz-Areal, es war zur damaligen Zeit der Lebenstraum meines Vaters, aber das sollte sich eines Tages noch bösartig entwickeln …
***
Am Abend kamen Freunde und Bekannte, Geschwister von Mama, Oma und Opa, sowie Mamas Lieblings-Onkel, ein buntgemischter Teller, mein Papa sagte später: „… unsere bucklige Verwandschaft“.
Ich stand natürlich im Mittelpunkt, ohne zu wissen was dies bedeutet, Jeder schaute mit seinen abgegebenen Kommentar in mein Körbchen, wo es fast so kuschelig war wie in Mamas Bauch, nur wenn mein Höschen voll war, dann war „Rabats“ angesagt.
Das große Stimmengewirr riss mich des Öfteren aus meinem Schönheits-Schlaf, Rücksicht ist leider vielen Menschen gleichgültig, Mama hatte ja Geburtstag und da drückte man schon einmal ein Auge oder beide zu.
Es war eine kleine Feier, denn Mama war selbst noch sehr schwach, trotzdem hatten einige Besucher mit Mamas Erlaubnis im Raum geraucht, was sollte das? Stand hier schon einmal ein Machtkampf an?
Gegen dieses Qualmen von Zigaretten in der Wohnung, hatte ich später noch sehr große Abneigung, aber schön der Reihe nach.
Vor der Geburt hatte meine Mama das Rauchen aufgegeben oder auch nur eingestellt und es war ausgemacht, dass nur auf der Terrasse geraucht werden darf und mit dieser Maßnahme sollte unser Zuhause für immer eine rauchfreie Zone bleiben.
Meine ersten Lebenswochen und Monate gingen mit dem üblichen Alltags-Kram und den auferlegten Untersuchungen im Kinder- Krankenhaus sehr gut über die Runden, nur was mich damals schon störte war der Rauchgeschmack bei meiner Mutter, denn sie qualmte wieder wie ein Ofen!
An den Wochenenden kamen regelmäßig Oma und Opa um zwei Uhr, zum Kaffee, pünktlich wie die Maurer, Papa hatte hier höchst diplomatisch, die Zusammenführung zu Stande gebracht. Meine Mama und ihr Papa, mein neuer Opa, hatten früher kein sehr gutes Verhältnis, wenn man überhaupt von einem Verhältnis reden konnte.
Die Stimmen und die Gesichter meiner Groß-Eltern sind mir jedoch schon sehr gut vertraut.
Große Abwechslung in meinem noch so jungen Leben, sind die täglichen Ausfahrten mit dem Kinderwagen, wenn da nicht jeweils das lästige Anziehen in den dicken „Astronauten-Anzug“ wäre, aber es war hier am Stadtrand von Berlin bitterkalt und es bestand die große Gefahr, dass ich mir mein kleines Stupsnäschen verfriere. Das Thermometer hatte seit Tagen nicht mehr die Kraft in den Plusbereich zu klettern und zu allen Übel hatten wir auch noch genügend Schnee im Nordosten von Deutschland.
Die Tage sind noch kurz, die Nächte lang und zum Teil bitterkalt, Papa meinte zwar „Arschkalt“, aber dies war sicherlich das Gleiche? Es schien hier der „Eisschrank“ der Nation zu sein, mein Papa kommt aus den Bergen und war stets der Meinung, dass dort die kälteste Region von Deutschland war?
Die Vorboten des Frühlings liesen doch noch lange auf sich warten, das Thermometer kletterte zwar wieder etwas nach Oben und die ersten, wärmenden Sonnenstrahlen liesen viel Optimismus aufkommen. Die Natur erwachte aus ihrem Winterschlaf, frisches Grün breitete sich aus und Ostern stand vor der Tür und wir feierten zu Dritt oder auch mit der „buckligen Verwandschaft“ dieses Fest, viel hatte ich da sicherlich nicht mitbekommen, aber ich war dabei und dieser Gedanke zählte.
Mama und Papa beschlossen sich zu trauen, es sollte eine tolle Hochzeit mit allem Schick gefeiert werden, um so auch vor dem Gesetz zu bestehen, der Gedanke war beschlossene Sache und der Termin auf dem Standesamt wurde für den Wonnemonat Mai festgelegt.
Es folgte der ganze Vorbereitungskram, wie Mutti mir später erzählte, dazu die Einladungen, das Hotel mit dem Hochzeits-Menü wurde ausgesucht und Mutti machte ein großes „Gedönse“ um ihr Weißes Hochzeits-Kleid, Papa kaufte einen Smoking, das war so`n Ding mit Pinguin-Flügel, dazu als Überraschung eine Hochzeits-Kutsche für das Brautpaar, meine schicken Eltern.
Ein sonniger Samstag sollte der schönste Tag für meine „Erzeuger“ werden …
Papa erzählte mir später einmal, dass der schönste Tag in seinem Leben, der Tag meiner Geburt war, ohne wenn und aber!
Aber irgend etwas musste in den folgenden Jahren nicht nach Plan verlaufen sein …?
Feiertag, 1. Mai, Tag der Arbeit, Tag der Sozialisten und der Aufmärsche in den kommunistischen Ländern, wo die Präsenz der Stärke auch Heute noch, gezeigt werden muss.
Wir hatten für solche Dinge und an diesem Tag keine Zeit und schon gar nicht zum Demonstrieren und was geht uns die „Masse“ an? Morgen sollte unsere Hochzeit sein und wir wollen auch nach Außen eine richtige, kleine Familie werden. Samantha sollte auch zukünftig meinen Namen tragen, denn sie hatte seit der Geburt den Mädchen-Namen meiner Verlobten getragen.
Die Wetter-Aussichten standen auf Schön, es konnte nur ein Bilderbuch-Tag werden und die Vorbereitungen waren allesamt abgeschlossen, die Überraschungen abgeklärt, die Feier konnte beginnen, unsere eingeladenen Gäste reisten im Laufe des Tages an und unser Baby, zwischenzeitlich schon fast fünf Monate alt, verschlief noch die meiste Zeit des Tages und auch die der Nacht.
Samantha hatte sich prächtig entwickelt, es gab auch keine weiteren Probleme mit der Kinderklinik und die Abstände der Vorsorgeuntersuchungen wurden immer, in größeren Abständen, absolviert. Es sollte bald die generelle Entwarnung eintreffen.
Zu unserer Hochzeit hatten wir uns ein neues Auto bestellt, einen „knallgelben“ Van für die Familie, mit integrierten Kindersitz, so etwas gab es damals vor der Jahrtausend-Wende auch schon. Diese Familien-Kutsche sollte schon seit einigen Wochen ausgeliefert werden, aber leider konnte man sich damals schon nicht auf die Zusagen, beim Vertrags-Abschluss verlassen. Der Autoverkäufer, ein Geschäfts-Partner aus dem Bayernland, hatte sich nun selbst stark eingesetzt und nun sollte am Abend das Korpus-Delikt, unsere neue Familien-Kutsche, persönlich von ihm abgeliefert werden.
Der freundliche Herr vom Bayerischen Auto-Haus hatte diesen Deal zur Chefsache erklärt und das nagelneue Gefährt direkt in Emden vom Schiff abgeholt und dann zu uns nach Hause gebracht.
Die Vorzeichen für ein Gelingen der Feierlichkeiten standen auf gut …
Freunde und Bekannte, nebst der „buckligen“ Verwandschaft waren im Lauf des Tages eingelaufen, wir hatten die Quartiere verteilt und alle waren hoffentlich zufrieden mit der Unterbringung, die älteren „Semester“ hatten wir gleich im Hotel, wo die Hochzeits-Feier statt finden sollte, einquartiert.
Die Arbeit war getan, alle versorgt und nun wollten wir feiern, der Polterabend war angesagt mit allen Facetten der überlieferten Bräuche und jeder unserer Freunde hatte hier etwas beigesteuert.
In einer kleinen, gemütlichen Gaststätte, nicht weit von unserem neuen Wohnhaus entfernt, das ich auf den alleinigen Namen meiner nun bald Angetrauten gebaut hatte. Unser Heimweg war in dieser Nacht sicherlich der Kürzeste und hier sollte unsere erste Fete steigen …
Für alles war gesorgt, gutes Essen, Tanz-Musik, ausreichend zu Trinken und sogar ein Plätzchen zum Poltern war reserviert worden. Nach alten Brauch war nur Weißporzellan, vom Waschbecken bis zur WC-Schüssel und natürlich das übliche Haushalts-Geschirr, jedoch keine Gläser und Glaswaren waren zugelassen. Unsere Freunde und die „bucklige“ Verwandtschaft hatte schon Wochen vorher mit der Sammlung begonnen, denn es wurde ein großer Haufen Geschirr zerschlagen, jeder gab sein Bestes, nicht nur sein Geschirr, aber dafür seinen gesammelten „Krempel“.
Nun traf es den Bräutigam und der war leider ich oder wie sich viel später heraus stellte der „Blödmann“. Mit Besen, Schaufel und Handfeger, Zipfelmütze und Schlafanzug, so musste ich mit meiner bald Angetrauten, dieses Schlamassel beseitigen und im Container entsorgen, die Hauptarbeit durfte oder musste ich erledigen und das hätte mir zu diesem Zeitpunkt, schon zu denken geben müssen? Tat es aber nicht, eine kleine Schnittwunde gab es auch noch im Eifer des Gefechtes und es sollte nicht die einzige Wunde sein, in unserem neu beginnenden Eheleben …
War es die Anspannung, oder meine Dusseligkeit oder mein Übermut an diesem Abend? Ich wusste es nicht und es hatte mich auch nicht weiter interessiert, es war unser Tag und ich war sehr happy, die Kneipen-Apotheke hatte schnell das Malheur beseitigt und die Schnittwunde versorgt.
Unsere Feier ging weit über Mitternacht und die Mitstreiter-Schar wurde immer dezimierter, zum Schluss sassen nur noch der ganz harte Kern und die Kampftrinker, die bei keiner Feier fehlen durften, zusammen. Für Viele blieb von der Nacht nicht mehr viel übrig, Einige bekamen nur noch eine „Mütze“ Schlaf ab, denn der Termin am Standesamt war für elf Uhr dreißig angesetzt und diesen wollte doch keiner verpassen?
Ein gemütliches Frühstück war ursprünglich angedacht, aber irgendwie ist man(n) oder Frau an seinem „schönsten“ Tag voller Unruhe, aufgeregt oder nur nervös. Gedanken über den geplanten Ablauf, der minutiös vorgegeben war, über das Essen, die bestellte Tanzmusik und vieles mehr hatten uns doch zappelig gemacht. Hinzu kam, dass die Braut auch noch zum Friseur musste, das Hochzeitskleid durfte nicht fehlen und auch unser Baby sollte mit dabei sein. Eine Busenfreundin meiner Braut, die schon Taufpate bei Samantha war, hatte sich bereit erklärt, den Babysitter zu mimen.
Diese „liebe“ Patentante, sollte Jahre später sich von ihrer hässlichsten Seite zeigen und mir das wahre Bild meiner Angetrauten vergegenwärtigen.
Pünktlich fuhr meine Überraschung, die für Kassandra bestellte Hochzeits-Kutsche vor, es war „Kaiserwetter“, strahlend blauer Himmel, Sonnenschein und der Kutscher hatte vierfach angespannt und kam mit einer offenen Kutsche aus seinem Repertoire.
Es sollte eigentlich eine Fahrt nur für uns Zwei werden, aber es kam wie so oft danach alles anders und in dieser Beziehung hatte meine Braut und spätere Ehefrau einen fanatischen Egoismus. Kurzerhand lud meine Verlobte ihre angereiste Schwester samt deren Tochter mit in die Kutsche und so wurde es keine für „uns“ bestimmte Fahrt ins Glück. Allzu viel Taktgefühl konnte ich auch später bei meiner Frau nicht feststellen …
Nach dieser fünfzehn minütigen Kutschfahrt kamen wir gut gelaunt zum Standesamt in der Nachbar-Gemeinde. So ein dörfliches Standesamt ist in seinen Räumlichkeiten manchmal sehr beengt und unsere Hochzeits-Gesellschaft umfasste doch circa achtzig Personen, warum kleckern, wenn klotzen angesagt war …
Wir wollten im „Osten“, nein besser in den Neuen Bundesländern, unseren zukünftigen neuen Wohnsitz, heiraten und leben, einige Jahre nach der Wiedervereinigung.
Nur die engsten Verwandten und die besten Freunde und die beiden Trauzeugen konnten mit zu der Eheschließung vor der Standesbeamtin. Meine nun bald angetraute Ehefrau hatte ein traumhaftes Brautkleid aus reiner Seide mit einer sehr langen Schleppe, wahrscheinlich der Traum eines jeden Mädchens?
Ein sommerlicher Hut mit breiter Krempe rundete dieses wunderbare Bild ab. Später dachte ich mir, „dass man für dreitausend Mark schon etwas Qualität erwarten durfte“. Unsere geladenen Gäste hatten bereits auf der Bestuhlung des Standesamtes Platz genommen. Schwiegervater, stolz wie ein Pfau, führte seine Tochter in die erste Reihe, wo ich bereits auf meine Zukünftige wartete.
Vor dieser Trauungs-Zeremonie gab es im Vorraum noch einen Zwischenfall mit unserem Baby Samantha, die von ihrer Patentante an diesem Tage betreut und versorgt wurde. Ich wollte dass unser Kind an diesem Tag auch bei der Trauung dabei sein sollte, aber als Samantha ihre Mutter ganz in Weiß mit großen Sommerhut sah, da war es mit der sprichwörtlichen Ruhe im Standesamt vorbei. Samantha schrie wie von Sinnen und wollte sich um nichts auf der Welt beruhigen lassen. Als ob sie etwas verhindern wollte, was ihr nicht in den „Kram“ passte? Es war ein herzzerreißendes Wehklagen, dass unsere Tochter in ihrer Not hinaus schrie, selbst ich schaffte es kaum, beruhigend auf das kleine Baby einzuwirken. Wahrscheinlich erinnerte sich unsere Tochter an die stets weiß gekleideten Ärzte im Krankenhaus und da ging es auch nie ohne weinen und schreien ab.
Die Hochzeits-Zeremonie musste nun beginnen, denn wir waren nicht das einzige Paar an diesem schönen Frühlingstag. Wir hatten eine sehr nette, einfühlsame Standesbeamtin, die auch später von uns zu unserer Feier ins Hotel eingeladen wurde. So richtig war ich nicht bei den ausschmückenden Worten der Beamtin, denn ich vernahm immer wieder das weinerliche Stimmchen unserer Tochter aus dem Vorraum. Die Rede bekam ich später von der Beamtin überreicht, sie verglich das uns aufgegebene Lebenskonzept, mit einem noch nicht vollendeten Fertighausbau, wo auch noch Jahre nach dem Einzug, noch etliche Rest- und Renovierungs-Arbeiten zu erledigen waren, diese nette Beamtin sollte mit ihrem Vergleich und der ausgegebenen Prognose schon sehr treffend, den Nagel auf den Kopf getroffen haben.
Wir hatten schon einige kleine Baustellen, die sich nach der Schwangerschaft und dem beruflichen Werdegang aufgetan hatten, aber wir waren, an diesem unseren Tag hier angetreten, ehrlich und offen diesen Weg gemeinsam zu gehen, so war zumindest meine Absicht …
Schnell war der Bund fürs Leben geschlossen, wesentlich schneller als so manche Scheidung im Nachhinein, nach dem Gesetz waren wir nach dem beiderseitigen „Ja-Wort“ nun Mann und Frau, was wir übrigens vorher auch schon waren? Als musikalische Untermalung hatten wir uns den Song von Herbert Grönemeyer „Träume für bare Münze …“ ausgesucht, dieser Titel war schon etwas tiefgründig und sollte uns symbolisch durch alle Lebensstürme führen, naja träumen durfte ich ja noch?
Mit den Worten, „… Sie dürfen nun die Braut küssen …“ und dem anschließenden Sektumtrunk, so verließen wir an diesem Tag den Trauungs-Saal.
Nun durften an diesem lauen Frühlingstag die Gratulationen und die Glückwünsche über uns herein brechen, Küsschen hier, Schmatzer da und viele Hände schütteln, es wurde geherzt und gedrückt. Vor dem Standesamt wartete der Rest der Hochzeits-Gesellschaft, nun waren die Kleinen mit ihren Blumen-Körben an der Reihe und die Großen mit dem Werfen von Reis, der sicherlich pfundweise auf uns nieder regnete.
Die Hochzeits-Kutsche, eine ehemalige Königskutsche aus dem königlichen Preußen, wurde an diesem Tag offen gefahren und die Schwester samt Tochter nahm gleichfalls wieder Platz, war sicherlich so geplant? Wir fuhren durch das Brandenburger Land, vorbei an Wiesen und Felder, vorbei an gelbblühenden Raps, vorbei am Sommerhaus von Einstein in Caputh und weiter zu unserem Ziel, zur Hotelinsel im Schwielowsee.
Es war eine zauberhafte Kutschfahrt, aber ich hatte wohl an diesem Tag, alles zauberhaft empfunden, ich war stolz wieder eine Familien zu haben.
Die Schwester meiner Frau, der Parasit in der Hochzeits-Kutsche, war ohne Ehemann angereist. Meine nun Angetraute hatte ihn bewusst nicht eingeladen, da sie ihn nicht leiden konnte und nur noch primitiv und blöd befand, sie war schon immer sehr direkt gewesen …
Zu diesem Zeitpunkt kannte ich den „Herren“ noch nicht, lernte ihn später noch ausgiebig kennen, zumal meine Frau in späteren Jahren, unsere Tochter zu den Beiden, aus Bequemlichkeit wegen neuer Männer-Bekanntschaften, in Obhut gab. Zehn Jahre später sollte ich diesem Unhold noch einmal im Gerichtssaal gegenüber stehen …
Über die Nicht-Einladung hatte ich mir keine großartigen Gedanken gemacht, den Wunsch meiner Frau akzeptiert, die Ansage für bare Münze genommen und ich wollte bei der Feier keinen Ärger aufkommen lassen. Nur eigenartig war das Verhalten ihrer Schwester samt Tochter, ich wäre ohne meine Frau nicht allein zu einer Einladung gefahren …?
Der offizielle Part vor dem Gesetz war nun vorbei und ohne Panne und ohne einem Eklat zur Zufriedenheit verlaufen, nun durfte ausgelassen auf unsere Kosten fröhlich gefeiert werden.
Wir hatten insgesamt fünfundachtzig Gäste eingeladen und den Umständen nach, so richtig ran geklotzt, nur nicht kleckern, wie der Berliner „sacht“ und nur Sekt statt Selters! All unsere Gäste, Freunde und Verwandte waren gekommen, engste und vertraute Mitarbeiter waren genauso willkommen, wie unsere neuen Nachbarn, ein schönes Fest konnte beginnen.
Bei meinen Schwiegervater hatte ich nach guter alter Sitte im Frühjahr, um die Hand seiner Tochter angehalten, obwohl das „Schmuckkästchen“ bereits geplündert war. In seiner Verlegenheit damals oder weil er mit einer solchen Geste meinerseits nicht gerechnet hatte, erwiderte er, dass er mindestens fünf Kamele für seine Tochter haben wollte.
Diesen Tauschhandel wollte ich um alles in der Welt, an unserem Hochzeitstag, in die Tat umsetzen, auch wenn dies eine logistische Herausforderung mir abverlangte.
Im Vorfeld weit vor unserem Hochzeits-Termin, war ich einigen Zirkus-Unternehmen hinterher gefahren, musste leider einige Absagen wegen terminlicher Verpflichtungen hinnehmen. Meine Idee mit der Überraschung war stets mit viel Humor aufgenommen worden, aber die Unternehmen waren zu unserem Termin, leider alle nicht mehr in unserer Nähe.
Aber dann änderte sich das Blatt und es sollte ein glücklicher Umstand eintreten. Ein Zirkus-Unternehmen gastierte bis nach unserer Hochzeit in circa dreißig Kilometer Entfernung und zu deren Repertoire gehörten auch zwei Kamele in ausgewachsener Größe, auch der An- und Abtransport sollte keine Probleme darstellen. Wir waren uns sehr schnell handelseinig, ich wollte die Überraschung und für den Zirkus war es ein lukratives Zubrot vor der Abendveranstaltung.
Die Überraschung für meinen Schwieger-Vater und den Rest der Gäste sollte dann am Hochzeitstag, zur Kaffeezeit erfolgen.
Im schön angelegten Park des Hotels hatten wir noch einmal für alle Gäste, die Rede der netten Standesbeamtin nachgelesen, da nicht Alle in dem kleinen und beengten Standesamt Platz fanden.
Das morgendliche Frühstück lag nun auch schon einige Stunden zurück, einige Gäste bekamen vor Aufregung und Nervosität keinen Bissen hinunter und Manche waren durch den Polterabend noch stark in Mitleidenschaft gezogen, das waren unsere bekannten „Kampftrinker“.
Es wurde letztendlich zu Kaffee und Kuchen geladen. Unsere dreistöckige Hochzeitstorte war der überwältigende Blickfang, gleich nach der traumhaften Braut, die obere Torten-Dekoration bestand nicht aus einem Brautpaar, wie man vielleicht vermutet hatte, sondern aus zwei Kamelen aus Marzipan. Nach dem Anschnitt gemeinsam durch das Brautpaar, bekam Schwiegervater das erste Tortenstück mit den Deko-Kamelen, die ersten Zwei seiner fünf geforderten Kamele …
Der Vollzug der Wette hatte nun begonnen, etwas später bekam mein Schwiegervater noch ein schön verpacktes Stoff-Kamel in einer Käseglocke überreicht, Nummer drei war also auch übergeben …
Die Nachmittags-Kaffeerunde ging gemütlich zu Ende, der Bandleader gab sich viel Mühe unsere Gäste zu unterhalten, es wurden Spiele getätigt und zum Tanz aufgespielt, Langeweile kam so nicht auf. Die Jugend hatte dann die Braut entführt, wir hatten aber darauf bestanden, dies in einem kleinen Zeitrahmen abzuhalten, damit bei den nicht beteiligten Gästen keine Unzufriedenheit entstand. Die Braut wurde durch den Bräutigam noch ausgelöst, was jedoch nur symbolischen Charakter hatte, denn die gesamte Bezahlung erfolgte aus meiner Schatulle, stets mit dem Bestreben, meiner noch jungen Braut eine Traum-Hochzeit zu schenken.
Die älteren „Semester“ einer jeden Hochzeits-Gesellschaft neigen sicherlich dazu, den Nachmittag etwas geruhsamer angehen zu lassen, so ein kleines Nickerchen stand bei einigen Herrschaften nun an der Tagesordnung. Da wir all unsere „Pappenheimer“ kannten, so hatten wir diesen erlauchten Personenkreis, gleich im Hotel untergebracht. Die Schwiegereltern gehörten auch zu den Glücklichen, ich war nicht traurig über diesen Umstand, denn so konnte meine Überraschung einen noch besseren Effekt erzielen …
Das Zirkus-Unternehmen kam mit seinem Tiertransportwagen pünktlich und wie wir später erfuhren, mit einer Höchst-Geschwindigkeit von maximal zwanzig Stunden-Kilometer, bei uns im Hotel an. Das Gefährt war lang und riesengroß, beladen mit den zwei Kamelen und als Reisebegleitung mit einem niedlichen Pony, ohne diese Begleitung wollten die Kamele nicht in den Transport-Wagen, wie uns der Zirkus-Direktor erzählte. Nun waren sie aber hier und wir konnten zur Tat schreiten und waren gespannt auf das Gesicht von meinem Schwiegervater.
Das Ausladen dieser drei Tiere dauerte eine Weile und es bedarf viel Überredungskunst des Zirkus-Direktors, aber es gelang ihm .
Ich erzählte diesem netten Herrn kurz die weitere Vorgehensweise und dann ging er zur Hotelrezeption, hier wurde die Telefon-Nummer meines Schwiegervaters angewählt und der Zirkusdirektor übernahm seinen Part. „Hallo, noch nen schönen juten Tach, hier ist Herr Klabumke, kommen sie doch bitte herunter an die Rezeption, denn ich habe eine persönliche Lieferung für sie“.
Es dauerte nicht sehr lange, denn getriebene Neugierde an diesem Tag, beschleunigte sicherlich so manches Verlangen. Schwiegervater kam so dann herunter von seinem Hotelzimmer und Herr Klabumke machte ihm klar, daß er eine lebende Fracht zu übergeben hatte.
So geschah es dann auch, den überraschten und ängstlichen Gesichtsausdruck bei meinem Schwiegervater werde ich sicherlich noch einige Zeit in Erinnerung behalten, als er vernahm, dass diese beiden Tiere nun ihm gehören … , so stand mein Schwiegervater angeleint an zwei Kamelen, verdattert und ratlos da … , meine „Schuldeinlösung war hiermit bravourös erledigt …“
Der Hotel-Direktor wurde im Vorfeld von unserer Überraschung eingeweiht und dieser wiederum bestellte die örtliche Presse hinzu, so wurde unsere Feier auch noch in der Zeitung abgedruckt, auch Schwiegervater war auf diesem Bild zu sehen, obwohl wir keine so große Publicity ursprünglich beabsichtigt hatten.
Später war mein Schwiegervater sichtlich erleichtert, als die einhöckrigen Tiere mit dem Pony als Bezugstier wieder eingeladen wurden, wo sollte er auch hin mit der eingeforderten „Brautschuld“, aber das sollte nicht unser Problem gewesen sein?
Die Hochzeitsfeier war ein schönes, anspruchsvolles und auch ein sehr teures Fest, aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch keine finanziellen Sorgen, jedoch feste Ausgaben für „unser“ Haus am Golfplatz.
Dieses kleine Traumhaus hatten wir kurz vor der Geburt unseres kleinen „Sonnenscheins“ Samantha bezogen und ich hatte dieses Haus selbstlos auf den Namen meiner nun angetrauten Ehefrau gebaut, verbrieft und dummerweise, auch noch allein bezahlt. Es sollten drei Fehler auf einmal begangen worden sein?
Wir waren nun eine „richtige“ kleine Familie mit großen Erfolg im Berufsleben, hatten eine liebe kleine Tochter, die sich prächtig entwickelte, die Krankheits-Bedenken entpuppten sich als negativ, gute Freunde und Schwiegereltern, die pünktlich am Wochenende aufkreuzten und keine Langeweile aufkommen ließen, … Mensch was brauchst Du mehr …?
Meine Frau wollte nun auch wieder beruflich tätig sein, so hatte sie sehr schnell den Gedanken von einem eigenen Ladengeschäft in der Nachbar-Gemeinde umgesetzt, für Samantha wurde aus ihrem Bekanntenkreis eine Halbtags-Nanny engagiert.
Wir waren stolz auf unser gut florierendes Familien-Unternehmen in den Neuen Bundesländern, sollte es doch noch die „blühenden Landschaften“ unseres Vereinigungs-Kanzlers Kohl geben …?
Samantha, unsere Kleine mit der Stups-Nase, entwickelte sich prima, es war ein liebes, ruhiges und ausgeglichenes Kind und Papas ganzer Stolz. Sie bereitete uns keine Sorgen, hatte keine Wehwehchen, schlief nachts ohne Komplikationen durch und war ein sehr fröhliches Kind.
Die Zeit verging im Fluge, wir hatten uns alle sehr gut eingelebt, das Haus und die Außen-Anlagen waren fertig gestellt, bis auf ein paar unvollständige Elektroarbeiten, die von meinem Bruder Saulus nicht mehr zu Ende gebracht wurden, aber so war er und so blieb er auch weiterhin …
Das Ladengeschäft meiner Frau lief für die „östlichen“ Verhältnisse sehr gut und auch mein eigenes Konstruktionsbüro mit den Angestellten, wir hatten genug Arbeit und hinzu kamen die wöchentlichen Geschäftsreisen nach Bayern zu dem Fertigungsbetrieb, an dem wir Beide mit fünfzig Prozent beteiligt waren. Da wir auch hier von dem geschäftlichen Erfolg überzeugt waren, so hatten wir ohne großes Zögern, eine Bürgschaft in sechsstelliger Höhe übernommen.
Samantha wurde langsam ein Kleinkind und meine Frau musste sich wohl oder übel von ihrem italienischen Cabrio trennen, da dieses nicht für einen Kindersitz und einem Kinderwagen ausgelegt war. Eine kleine, handliche Familienkutsche musste her, später sollte auch noch ihr heiß geliebtes Motorrad, mit sehr wenig gefahrenen Kilometer „verscherbelt“ werden, weil eine Ladenvergrößerung mit Umzug anstand. Das aus dem Verkauf erstandene Kapital wurde in den erneuten Warenbestand investiert.
Samantha kam in den Kindergarten und wir konnten nun auf die Hilfe unseres Kinder- und Haus-Mädchens verzichten. Wir mussten nun alles etwas umorganisieren und die zusätzlichen Arbeiten, wie Abholung und Hinbringen zum Kindergarten sowie den Aufenthalt von Samantha, bis zum Ladenschluss meiner Frau, verteilen.
Die Nerven waren des Öfteren sehr angespannt und mit dem liebevollen Umgang war es nicht zum Besten bestellt, hinzu kam, dass die beruflichen Geschäfte und Aufträge nicht mehr so einträglich liefen. Nicht nur im Osten wurden die Lebenshaltungs-Kosten immer größer, die Menschen waren gezwungen, den Gürtel für Sonderausgaben wesentlich enger zu schnallen und sparten zuerst an den Dingen, die nicht notwendig waren und zu allem Übel, stagnierte die Bau-Wirtschaft.
Es sah garantiert nicht rosig aus und in dieser Phase der Rezession, ohne Staats-Unterstützung, hatten wir noch einen großen, vom Vermieter verursachten Wasserschaden im Ladengeschäft meiner Frau und in dem angegliederten Konstruktionsbüro. Das Ausmaß war erschütternd, mit Deckeneinsturz, zerstörter Ware, aufgequollenen Konstruktions-Zeichnungen, ein Weiterarbeiten war nicht mehr möglich und das in einer Phase, wo wir schon mit jedem Erlös rechnen mussten. Das Beste kam von dem beauftragten Gutachter, der „hamsterte“ sich erst einmal einige Sahnestücke aus dem Geschenkeladen, für sich ein und versprach darauf hin ein sehr kulantes Schätzgutachten zu erstellen, dies hatten unsere Landsleute in den Neuen Bundesländern schon einmal von uns „Wessis“ gelernt …
Die Ursache des Wasserschadens lag an dem Waschmaschinen-Zulaufschlauch, der ohne Schelle auf die Wasserleitung nur aufgeschoben war und die Leitung war nicht verriegelt, so teuer kann die Sparsamkeit von fünfzig Pfennige kommen und so manche Existenz zerstören …
Hier wurde sicherlich vom Hausherren an der falschen Stelle gespart, tausende Liter Wasser ergossen sich nachts durch zwei Etagen des Wohn- und Geschäftshauses und die vollgesaugten Lehmdecken wurden so zum Einsturz gebracht.
Nun war guter Rat wieder einmal sehr teuer, große Teile der Ware zerstört, Konstruktionspläne waren unbrauchbar geworden, die Einrichtung aufgequollen, überall Feuchtigkeit und Nässe und der Kampf mit der Versicherung begann. Für meinen Part des Konstruktionsbüros gab es kaum eine Entschädigung und meine „liebe“ Frau hielt sich mit der Höhe ihrer Abfindung im Stillschweigen, zeichneten sich hier bereits düstere „Gewitter-Wolken“ am Ehehimmel ab, probierte hier meine so „treue Gattin“ schon ihren Absprung …?
Ich kündigte meinen Mitarbeitern, musste mehrfach zum Arbeitsgericht und verlor den Prozess, obwohl ich an der Einsturz-Misere keine Schuld trug, aber das Gericht ging da wohl von anderen Prioritäten aus.
Meine Frau suchte sich neue unlukerative Geschäftsräume, preislich günstiger aber ohne Perspektive für die Zukunft. Mit viel zu viel Ehrgeiz gestaltete ich die neuen Geschäftsräume, denn dafür war ich immer noch gut genug und die Eröffnung ließ nicht lange auf sich warten. Die Kosten waren jedoch höher als der Erlös und so konnte es mit dem Zusatz-Geschäft nicht weiter gehen. In dieser unserer Zeit des Niederganges, gab es viel „Knatsch“ in unserer Ehe.
Der Laden im Innenhof eines Geschäftshauses an der Hauptstraße war ein Flop geworden und meine Frau wollte vor der Anmietung nicht auf meine Abneigung eingehen, sie wollte sich selbst verwirklichen …
Bei dem Fertigungsbetrieb in Bayern, an dem wir auch zur Hälfte beteiligt waren, stellten sich ebenfalls Probleme ein. Die eingesetzte Geschäftsleitung war überfordert und sie konnte trotz guter professioneller Ratschläge, das angeschlagene Schiff nicht manövrieren.
Die Lage war kurz gesagt: „Besch …“.
Die öffentlichen Auftraggeber hatten wegen ihrer leeren Kassen, keine Notwendigkeiten gesehen, pünktlich nach den Gesetzesvorgaben, zu den vereinbarten Terminen zu zahlen. Es war eine Zeit der Anspannung und wir mussten überall sparen und unnötige Geldausgaben vermeiden.
Die Geschäftsbanken engten uns in den Spielräumen stark ein, durch erforderliche Bürgschaften bei den öffentlichen Aufträgen war unser Spielraum des Dispo-Kredites sehr begrenzt, es fehlte das notwendige Geld für den Material-Einkauf und die anstehenden Löhne und Gehälter, obwohl die Außenstände beachtlich waren.
Die Finanzierung von Neuaufträgen wurde immer komplizierter, Anzahlungen gab es auch nur auf Bürgschaften und diese konnten so auch nicht mehr gewährt werden, ein Teufelskreis tat sich auf, ein Anfang vom Ende …
Konnte es hier überhaupt noch einen Ausweg geben?
Die gesamte Konjunktur in Deutschland und in der gesamten Welt bekam eine erschreckende „Delle“ und nur die Stärksten sollten überleben und sicherlich nicht die, die sich gerade einmal mit viel Geschick einen Anschluss erschaffen hatten. Die Arbeitslosenzahl stieg auf über vier Millionen Erwerbslose an, ohne die nicht genannten „Beschönigung-Zahlen“ der „ABM“, dies war die Arbeits-Beschaffungs-Maßnahme.
***
Die ersten grauen Wolken waren bereits über unseren so perfekt geglaubten Ehehimmel aufgezogen, die Sorgen um unsere Einkünfte, mein stärkerer, erforderlicher Einsatz in Bayern und all die kleinen Ungereimtheiten fanden nicht das Wohlwollen meiner Ehefrau. Wir lebten im Krisenmodus und ich wollte so schnell wie möglich, wieder Wasser unter den Kiel unseres „Lebens-Schiffes“ bekommen, mein Arbeitseinsatz wurde verstärkt, oft sahen wir uns nur am Wochenende.
In dieser Zeit der Anspannung, ließ die Busenfreundin meiner Frau und die Patentante von Samantha, von einem türkischen „Dönerdomteur“, ein Kind andrehen. Meine Frau hatte nun wieder eine Zusatzbeschäftigung und es herrschte reger Interessenausgleich und Bemutterung war angesagt. Die Fürsorge meiner Frau kannte keine Grenzen, erst war von einer geplanten Abtreibung die Rede, da diese Bettbeziehung sofort nach der Schwängerung beendet war und der Erzeuger wusste nichts von der Schwangerschaft, ahnte aber kurz vor der Geburt etwas, was dann zur extremen Geheimhaltung durch beide Frauen bestimmt wurde. Der gezeugte Junge wuchs später mit der Lebenslüge auf, „… dass sein Vater bei einem Unfall ums Leben gekommen war …“, im Geschichten erfinden waren diese beide Frauen unschlagbar, wie ich später noch feststellen sollte.
Die von meiner Frau so heiß geliebte Patentante von Samantha lebte nach ihrem Umzug von der Großstadt, in der für Ostdeutschland so typischen „Platte“. Ihr neues Zuhause war ab sofort in einer Plattenbau-Siedlung, das Haus sechs Stockwerke hoch, ringsum tristes Alltags grau, mit einigen bereits sanierten Häusern mit ansprechenden Fassadenfarben. Ihre Wohnung bestand aus einem Wohn-Schlafzimmer mit „Pfurzbalkon“, kleiner Küche, WC und Bad, dazu der „fantastische“ Ausblick in das Elend, vor dem Haus der berühmte Dönerstand, mit dem Helden des One Night Stand, hier war es schön, hier wollte sie bleiben?
In den folgenden Wochen hatte meine Frau viel Mühe, ihre Freundin davon zu überzeugen, dass man mit den Folgen einer „Liebesnacht“ nicht so oberflächlich umgehen sollte, der einfachste Weg der Abtreibung wurde verworfen. Meine Frau konnte sich bei ihrer Freundin durchsetzen und sie bekam die Bestätigung von ihr, dass die nun begonnene „Sache“ letztendlich auch zu Ende gebracht werden sollte. Der „Braten“ in der Röhre zeigte sich an der nun schon sichtbaren Wölbung und mit dem Nachwuchs sollte doch schon bald gerechnet werden. Die beiden Frauen beschlossen, eine größere Wohnung für die alleinerziehende Mutter zu suchen, zumindest taten Beide so, obwohl für mich ein anderer Weg bereits vorgezeichnet war und warum musste dies alles vor der Geburt sein, waren die Beiden „Hellseherisch“ unterwegs oder wollten sie mich nur hinter das Licht führen?
Tage und Wochen waren beide Frauen mit dieser Aufgabe überfordert und beschäftigt, ich bekam die neuesten „News“ stets am Wochenende aufs Tablett, nichts war so wichtig wie das Wohlergehen der Busenfreundin.
Viele Wohnung waren einfach nur Super, aber was hilft es, wenn das Portemonnaie dafür nicht ausreicht? Aber es sollte doch noch viel besser kommen, vielleicht in der Richtung, wo es gar nichts kostet …?
Eines Tages hatte mir meine sehr selbstbewusste Ehefrau dann klar gemacht, dass sie ihre Freundin nicht „so hängen lassen“ konnte und außerdem hatte sie ja niemanden, der ihr nachts zur Seite stand und wenn nachts was sein sollte, dann wäre niemand da, oh, oh wie schrecklich … , das waren doch „haarsträubende Argumente, schluchz …
Mir kamen die sprichwörtlichen Krokodils-Tränen … , um es kurz zu machen, meine Frau hatte mit ihrer Freundin beschlossen, dass die werdende Mutter am Monatsende in „unser“ Traumhaus mit einzieht, so geht im Osten eine „Ehe“ zu Dritt …
Ich war über diesen femininen Beschluss geplättet und brachte mein energisches Veto bei meiner Gattin vor, hier musste ich mir zum ersten Mal von „Pretty Woman“ sagen lassen, dass „unser“ Haus, „ihr“ Haus war und sie bestimme wer hier ein- bzw. auszieht! Ich bereute an diesem Tag, meine damalige Großzügigkeit und ahnte Schlimmes, denn es sollte noch „knüppeldicker“ von dieser Frau Kassandra kommen …
Jegliches Schamgefühl musste ich hier bei meiner Frau vermissen, ich hatte nichts gegen ihre Freundin, war ihr gegenüber hilfsbereit im Rahmen des Erlaubten, was jetzt hier ablief, dass schlug dem Fass den Boden heraus. Meine Frau besaß noch nie einen Cent an Gesparten, als ich sie kennen lernte. Sie hatte einen gut bezahlten Job, eine kleine angemietete Wohnung von ihrem Bruder, eine Katze, kein Verhältnis zu ihrem Vater, ein kleines Auto und eine schwere „Yamaha“ mit tausend Kubik, das war ihr kleiner Wohlstand.
Ich hatte meine „große Liebe“ bei unseren Kennenlernen noch aus den Schulden bei ihrem Exfreund auslösen müssen, so schnell kann man sich zum Reichtum „hochdienen“ oder wie man immer dazu sagen möchte …
Der Einzug in unser Wohnzimmer im ersten Stock war nur noch Formsache und doch sehr schnell vollzogen, die junge Frau im spät gebärenden Alter brachte nicht viel mit und der Rest kam von uns, denn in „kleinen“ Dingen waren wir immer sehr großzügig, auch wenn uns das Wasser selbst bis zum Halse stand. Die Baby-Grundausstattung war noch von Samantha vorhanden, dazu der Wickeltisch und die Babywanne, hatte ja alles nichts gekostet und was sollte der Geiz? Die werdende Mama hatte zum ersten Mal in ihrem Leben eine Familie mit Badbenutzung und was hatten wir, ich den geschwollenen Hals und kein zweites Wohnzimmer mit Kaminofen mehr, man kann doch nicht alles haben, nun war Teilen und Rücksichtnahme angesagt. Hatte ich mich für diese „Ost-Verhältnisse“ so ins Zeug gelegt, waren das meine Träume nach der ersten Scheidung oder war dies alles nur ein schlechter Film?
Unsere Ehe hatte sich in dieser Zeit zu einem „Beisammensein zu Dritt“ entwickelt, meine Frau zog sich immer mehr zurück und mit der Freundin war der Umgang ganz okay, wenn ich zu Hause war. Beide Frauen waren jedoch noch sehr mit den Vorbereitungen der nahenden Geburt beschäftigt und ich kam mir wie das fünfte Rad am Wagen vor. Aber auch bei den Frauen lief nicht alles nach Plan, die große Gemeinsamkeit der Anfangs-Tage, die Rücksichtnahme bei vielen Dingen, wie der Badbenutzung, Eigenheiten und die eigene Lebensweise, hatte bei den Frauen auch des Öfteren für Zoff gesorgt.
Ich wurde bei diesen sich häufenden Disputen, oft zum Ansprechpartner und zum Seelentröster. Meine Frau wurde verschlossenener und bereute wahrscheinlich ihre Handlungsweise wie den Ritt auf einer Rasierklinge, ich war mir sicher, sie plante damals schon ihren Ausbruch aus der Ehe und ihr neues Leben.
In dieser Zeit entdeckte ich meine Leidenschaft zum Kochen, irgend etwas braucht doch auch der Mensch, es bereitete mir viel Spaß und Freude „meine“ zwei Frauen zu bekochen. Meistens hatte ich deren seltsamen Geschmack getroffen und sogar hin und wieder auch ein Lob bekommen. Die Freundin war ein sogenannter „Kaltesser“, das spart Energie und Kochtöpfe, aber sie konnte sich doch an meinen Mahlzeiten erwärmen, ging doch ganz gut.
Der Tag der Geburt kam näher, meine Frau stand ihrer Freundin Händchen haltend zur Seite als es ins Krankenhaus ging, den Part des „verstorbenen“ Mannes übernahm meine Frau und sie stand auch im Kreißsaal ihr zur Seite. Nach einigen Tagen im Krankenhaus kam „das sorglos Rundumpaket“ zu uns ins Haus zurück. Wir hatten nun ein zweites Baby unter unserem Dach, dies führte auch im Ort zu Spekulationen, ob ich auch hier der stolze Vater war? Sacul war unser fünfter Bewohner, ein schmächtiges Bürschlein mit Kohlraben schwarzen Haaren, die türkische Herkunft, nähe Anatoliens konnte man nicht leugnen und unsere Wohngemeinschaft sollte noch einige Monate Bestand haben …
***
Samantha war nun schon zwanzig Monate alt und wir hatten einen wunderschönen Hochsommer zu verzeichnen, die schönste und wärmste Zeit des Jahres. Wir verbrachten unsere Freizeit in „unserem“ Traumhaus am Golfplatz, zum Teil im Garten, beim Grillen an unserer imposanten Grill-Anlage, selbstgebaut aus Uralt-Klinkersteinen, mit Freunden oder auch alleine, Abwechslung brachte unser solarbeheiztes Hallenbad. An den Wochenenden kamen, manchmal auch zu oft, meine Schwiegereltern zu Besuch, irgendwie war ich darüber froh, dass meine Frau wieder mit ihrem Vater klar kam. Ich legte auf Harmonie schon einen verstärkten Wert. Bis zu unserer Hochzeit war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter doch sehr abgekühlt, um nicht zu sagen eingefroren. Über die Familienbande bin ich nie so richtig klar gekommen. Mit dem Schwiegervater war es scheinbar nie ganz einfach auszukommen, aber hier schaffte ich an einen seiner Geburtstage den familiären Durchbruch, wo wir unverhofft in die Feierlichkeiten, ohne Einladung hinein platzten. Wir waren zu dieser Zeit noch nicht verheiratet und es sollte mein Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern in Spe werden.
Das Gesprächsthema der eingeladenen Geburtstagsgäste beschäftigte sich hauptsächlich, wenn man sich nichts zu erzählen hatte, mit Anekdoten aus der Vergangenheit und mit der Endlosschleife „Krankheiten“.
Jeder der Anwesenden hatte bestimmt ein bewegtes Leben hinter sich und sie gaben ihren Teil zum Besten, ich als das berühmte Mittelalter und Kassandra mit den jugendlichen Jahren konnten gar nicht so mitreden, denn jeder wollte die „bessere“ Krankheit, in seinem Leben überstanden haben. Krankheiten waren mir immer schon ein rotes Tuch, das Beste war, wenn man kein Wehwehchen pflegen musste. Hier entwickelte sich aber ein echter Wettstreit unter den geladenen Gästen, es ging über eine feine Gastritis, Leberschmerzen, Gallenkoliken und vieles Mehr, wir hatten außer einer Mandelentzündung und eines „verklemmten“ Furzes nichts beitragen können. Ich kam mir vor wie im Wartezimmer des Virchower Krankenhauses in der Notaufnahme und so hatte ich mir diesen Nachmittag sicherlich nicht vorgestellt. Ich wollte auch keinen Grundkurs in der gehobenen Allgemein-Medizin erhalten. Aus Höflichkeit schenkte ich dem praktizierenden Kreis noch meine Aufmerksamkeit, bevor ich mich auch einmal zu Wort meldete. In meiner unbekümmerten und sicherlich auch charmanten Art, fragte ich die überwiegend älteren Semester, „ob wir uns nicht auch einmal über meine Gesundheit unterhalten könnten?“. Außerdem würde dies, sich bestimmt positiv auf die allgemeine Lebensfreude auswirken“. Ola, la, auf einmal war es mucksmäuschen still im Raume, was hatte ich nun angerichtet? Der noch unbekannte Schwiegersohn in Spe, zum ersten Mal auf Besuch und so auf die „Kacke“ zu hauen? Mir war nicht wohl in meiner unbekümmerten Haut, aber das vermeintliche Entsetzen hielt nicht lange an und die bereits ins Stocken geratene Unterhaltung, wurde durch meinen Themenwechsel noch recht amüsant.
