Zwölf sind einer zu viel - Bine Thunder - E-Book

Zwölf sind einer zu viel E-Book

Bine Thunder

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Beschreibung

Diese Familiensaga erzählt die Geschichte zweier Eltern und ihrer zwölf Kinder aus der Zeit der Zwanzigerjahre und des nahenden 2. Weltkrieges. Dann die grausame Vertreibung aus Pommern und dem Sudetenland nach dem verlorenen Krieg, mit all seinen Entbehrungen und den Schicksalsschlägen, die dem jungen Paar aufgebürdet wurden. Sie glaubten unerschütterlich an ihr junges Glück in der neuen Heimat; mit viel Fleiß und Ausdauer gingen sie zielstrebig ihren Weg und bekamen Kinder, die ebenfalls einiges durchzustehen hatten. Eine mitreißende Geschichte über Vertrauen, Neid, Hass und jede Menge Enttäuschungen ...

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zwölf sind einer zu viel

Titel SeitePrologIIIIIIIVVVIVIIVIIIIXXXIXIIXIIIXIVXVEpilog

Titel Seite

Zwölf sind einer zuviel

Eine wahre Geschichte

erzähltvon

Bine & Piter Thunder

Eine nicht alltägliche Familiensaga über eine kinderreiche Großfamilie, wie sie in der heutigen Zeit, der Digitalisierung, nicht mehr obsolet ist …

Copyright: © 2021 Bine & Piter Thunder

Personen die sich in dieser Geschichte eventuell wiedererkennen sind rein zufällig hineingeraten und sind von den Autoren nicht beabsichtigt …

Druck: epubli

www.epubli.de

Ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über die Autoren

BineundPiter Thundersind ein Autoren-Paar und haben erst im Rentenalter ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. Viele Jahre lebten sie getrennt in München, Saarbrücken und Berlin, bevor sie sich in Berlin kennen und lieben lernten. Ihre Wahlheimat nach Saarbrücken ist die Costa Blanca in Spanien geworden, wo sie seit einigen Jahren sesshaft sind.

Bisher erschienen:

Schatten auf meiner Seele

Zwölf sind einer zu viel

Scheidungskind Samantha

gewidmet

meiner SchwesterDietlinde,die nur sehr kurz auf dieser doch sehr schönen Welt weilte und die ich leider nie kennenlernen durfte …

meiner SchwägerinMartina, die Ehefrau von meinen Bruder Samuel, die ein tragisches Opfer der Covid-19-Pandemie wurde und Ende April 2021 eine große schmerzliche Lücke hinterließ …

und meinen Eltern, die sich gewollt für ihre Kinder aufopferten und doch wenig Dank dafür bekamen …

sowie meiner SchwesterHelga, die uns leider viel zu früh im Juli 2019 für immer verließ …

Prolog

Diese wahre Familiengeschichte erzählt die Herkunft unserer Eltern, aus der Zeit am Ende des ersten Weltkrieges und aus der Zeit der revolutionären Zwanziger Jahre, mit dem nahenden 2. Weltkrieg und den Aufbaujahren des neuen Deutschlands nach 1945 bis hinein in unser heutiges digitales Zeitalter, dass unseren Eltern „erspart“ blieb …

I

I

… Januar 2009, ich genieße die warmen Sonnenstrahlen in Tunesien, das Deutsche Fernsehen, das Dank der Satellitentechnik auch weit entfernt von unserer Heimat empfangen werden konnte, meldet den kältesten Januar, seit über zwanzig Jahren.

In Teilen von Deutschland sank die Queck-Silbersäule auf fast dreißig Grad Minus!

Ich liege windgeschützt am Pool oder auf unserem Balkon und durchlebe relaxt einige Tagträume …

… bekannte aber auch fremdartige Musikuntermahlung aus der Hotellobby runden das auferlegte Urlaubsfeeling ab.

Hotelgäste kommen und gehen, es gibt viele ältere Langzeit-Urlauber, die wie wir dem kaltem, europäischen Winter entflohen waren aber es gab auch sehr viele Gäste, die noch im Arbeitsleben standen und sich eine Auszeit vom Winter nahmen …

Es ist beruhigend, wenn man nicht mehr zu dieser Gruppe sich zählen muss und in Folge der preiswerteren Lebensführung seinen Vor-Ruhestand, bei bester Gesundheit, hier verbringen darf.

Meine Lebensplanung war schon in früheren Jahren, auf einen solchen Lebensabend ausgerichtet, damals jedoch in anderen sozialen Richtschnüren, als es mir Heute möglich ist.

Das Leben schreibt für Jeden sicherlich, seine eigene Geschichte, teils ereignisreich, spannend, manchmal auch gemein und auch hinterhältig.

Alle Facetten können hierbei vorkommen, müssen aber nicht! Sicherlich gibt es viele Mitmenschen, die als „graue Mäuse“ unauffällig durch ihr Leben schleichen und doch ist Hin und Wieder viel Interessantes an deren Geschichte.

Eine dieser zahlreichen Geschichten war das Thema Stauffenberg, dem Hitler-Attentäter ohne Erfolg. Das Thema zog ein großes Medien-Interesse auf sich, warum?

Wir konnten uns keinen sinnvollen Reim darauf machen, denn das fehlgeschlagene Attentat, war meinen Kenntnissen nach, im Sommer 1944 und jetzt befanden wir uns im Januar. Das Einzig plausible an diesem Medien-Rummel, was für mich relevant war, sollte der in Kürze anlaufende Kinofilm von Tom Cruise über Stauffenberg sein, der im letzten Jahr in und um Berlin aufwendig gedreht wurde.

In der Fernseh-Dokumentation konnte man erfahren, dass die Deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg, 1943 auch in Tunesien im Kriegseinsatz war.

Vor über siebzig Jahren waren somit ein Teil unserer Väter, Großväter, Geschwister und Bekannten als Soldaten hier im Krieg, um für „Volk und Vaterland“ zu kämpfen, was für eine „hirnrissige, abgrundtiefe Barbarei“, was mir nur noch als Resümee blieb und gar nicht auszudenken war, das sich einige unserer Rechtsextremisten, diese Zeiten wieder herbei sehnten?

Dank unserer damaligen Politiker der ersten Stunden nach 1945 und dem unerlässlichen Fleiß der Deutschen, wurde das Wirtschafts-Wunder eingeleitet. Der Kapitalismus setzte seinen Siegeszug fort und Dank unseres Erfindergeistes und der schon bekannten Deutschen Wertarbeit errang Deutschland wieder seinen angestandenen Platz in der Weltgemeinschaft.

Als schon legendärer Reise-Weltmeister mit geöffneter Brieftasche waren und sind wir in der gesamten Welt sehr gerne gesehen …

Wenn ich jedoch beobachtend so am Pool lag, oder mir die Essmanieren dieser Reiselustigen betrachtete, so kam ich sehr schnell zu dem Gedanken, weniger wäre besser und so mancher Tourist sollte lieber zu Hause bleiben und das touristische Ansehen würde keinen Schaden nehmen.

Da jedoch die Einsicht meistens erst im Nachhinein zum Tragen kommt, so wird das peinliche Auftreten Einzelner oder auch einiger Gruppen, stets das Tagesgespräch der gesitteten Hotelgäste bleiben.

Meine Mutter, schon seit einigen Jahren verstorben, hatte vor ihrer schweren Krankheit ihre Biographie aufgeschrieben und uns, ihren Kindern dies als kleines Vermächtnis hinterlassen. Es sollte wohl das Einzige sein, was ich von meinen Eltern erhalten sollte.

Diese Biographie hatte mich ermutigt, tiefer in die Vergangenheit meiner Eltern, in das Leben meiner Geschwister und in mein eigenes Leben einzutauchen …

… die Biographie meiner Mutter wurde auszugsweise übernommen.

***

Meine Eltern Karl und Editha, geboren 1914 und 1921 hatten im Februar 1940, also im 2.Weltkrieg, geheiratet.

Sie kamen aus zwei ganz verschiedenen Teilen des alten Deutschlands. Unser Vater wurde im Sudetenland, im Altvater-Gebirge geboren, es war damals noch das alte ehrwürdige Kaiserreich Österreich …

Unsere Eltern wollten mit ihren Aufzeichnungen uns Allen aufzeigen, wo unsere Vorfahren einmal lebten, arbeiteten, Feste feierten und wo sie die brutalen Kriege überraschten.

Es war ein Wunsch unserer Eltern, dass wir eines Tages, die Gegenden besuchen und kennen lernen und selbst sehen, was für ein schönes Land durch diesen sinnlosen Krieg verloren gegangen war …

Die Vorgeschichte unseres Vaters …

Sein Vater, unser Opa, wurde 1986 im Landkreis Römerstadt / Schlesien geboren. Er hatte bei einer ansässigen Firma das Schlosser-Handwerk erlernt und war bis zur Vertreibung aus ihrer Heimat 1946, als Monteur tätig. Vom Frühjahr bis zum Herbst war Opa immer auf Montage, in Böhmen und Südmähren. Nur im Winter lebte Opa in der Familie und arbeitete in der Fabrik. Im Oktober heiratete mein Opa unsere Oma, zu diesem Zeitpunkt aber noch als „knackiges“ junges Paar.

Oma stammte aus Morawitz und hatte noch das alte Österreich/Ungarn mit seinem Viel-Völkerstaat erlebt.

Morawitz, Kreis Wigstadl heißt Heute Vikor-Jarske Kopele und liegt nun in Polen, es war der Geburtsort unserer Oma 1888.

Die Eltern unserer Oma hatten hier einen kleinen Bauernhof und insgesamt elf Kinder, teilweise zu diesen Zeiten noch sehr klein und noch nicht selbständig.

Dazu kam auf dem Hof die Arbeit mit sieben bis acht Milchkühen und deren Kälber, dazu das Füttern der Tauben, der Gänse und der Hühner.

Es war schon für die Kinder der Großfamilie kein einfaches Leben und jedes Familien-Mitglied musste tatkräftig mit helfen.

Oma kam nach der Schule nach Troppau, zu einer reichen Familie als Köchin, hier blieb sie bis zur Heirat mit unserem Opa.

Im Herbst wurde dann schon der älteste Bruder unseres Vaters geboren.

Oma und Opa lebten zuerst, nach der eiligen Hochzeit und der Geburt, bei einer anderen Familie und es war eine sehr unruhigende Zeit mit dem 1. Weltkrieg. Es folgten mehrfache Umzüge und die Geburten unserer weiteren Onkels und unserer Tante, insgesamt hatten unsere Großeltern sechs Kinder, eine Tochter und fünf Söhne.

Der 2. Weltkrieg forderte bei vielen Familien seinen Tribut, zwei Brüder unseres Vaters waren gefallen, Richard wurde über Neuburg an der Donau abgeschossen und Hans fiel in Russland. Unser Vater war auch als Soldat in Russland, genauso wie sein jüngster Bruder Franz, der sehr schwer krank, erst Anfang der Fünfziger Jahre aus der russischen Gefangenschaft nach Hause kam.

Die Eltern unseres Vaters wurden 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben und kamen zuerst in ein Lager nach Epterode und später nach Furth im Walde, in Nordbayern.

Unser Vater hatte da schon ein Haus am Walchensee in Oberbayern gebaut und er nahm, da seine Familie erst im Entstehen war, seine Eltern auf.

Sein zwischenzeitlich heimgekehrter Bruder wohnte nun in Weil am Rhein, genauso wie die Schwester unseres Vaters. Die Großeltern folgten ihnen nach und zogen nach Säckingen am Rhein, Nähe der Schweizer Grenze.

Opa starb im März 1957 und Oma im Mai 1977.

***

Unser Vater wurde im Januar 1914 geboren, in einem sehr turbulenten Jahr der Weltgeschichte, denn mit dem Attentat in Sarajevo am 28.Juni 1914 begann der 1. Weltkrieg und dieser endete, mit siebzehn Millionen Tote, am 11. November 1918.

Opa kam nach Kriegsende heim und wir zogen in einen anderen Ort, das war für meinen Vater und seine damaligen zwei Geschwister, eine komplett neue und abenteuerliche Umgebung.

Eines Tages fuhren unsere Eltern, so erinnerte sich unser Vater, mit den Kindern nach Freudenthal und kauften uns Matrosenanzüge und für seine Schwester ein Matrosenkleid. Dann ging es zum Fotographen mit der neuen Pracht. Diese Erinnerungsfotos waren zu der Kaiserzeit schon üblich gewesen. Ansonsten wurden diese „Sonntags-Sachen“ nur zum Kirchgang angezogen.

Inzwischen war Vater bereits sechs Jahre alt und musste zur Schule, dabei trug er noch lange Locken, die bis zu seiner Schulter reichten. Diese langen Haare mussten nun runter, denn er war ja ein Junge! Als die Locken ab waren, ging er nur noch mit einer Mütze auf die Gassen.

Papa erinnerte sich gerne an seine Schul- und Kinderzeit, die Volksschule hatte vier Klassen und ihr Spielplatz war am Bahndamm neben dem Haus.

Die Schulzeit verging viel zu schnell, ab der fünften Klasse ging unser Papa nach Friedland auf die Bürgerschule.

Der Schulweg war jedoch sehr lang, zweieinhalb Kilometer und dieser Weg wurde an sechs Tagen die Woche zwei Mal am Tag zurück gelegt, Sommer wie Winter. Einen Schulbus-Zubringer, wie Heute üblich, gab es damals nicht, denn es war 1924!

Auch die Schule war kein „Honigschlecken“, der Unterricht ging von acht bis Zwölf und von zwei bis vier Uhr, am Donnerstag auch bis fünf Uhr, Samstag war von acht bis eins verplant! Für den Schulweg trafen wir uns immer bei meinen Eltern und dann zogen wir gemeinsam in einer Gruppe von sechs bis sieben Kinder zur Schule.

Die schönste Jahreszeit waren natürlich die großen Ferien, sie gingen vom Feiertag „Peter und Paul“ am 29.Juni bis zweiten oder dritten September. Papa und sein ältester Bruder waren dann immer bei der Großmutter auf dem Land, in den Ferien.

Sie gingen mit aufs Feld, mussten die Kühe austreiben und hüten, durften nach getaner Arbeit ein Kartoffelfeuer anzünden und Kartoffeln braten.

Es war eine anstrengende Zeit in den Jahren des Wiederaufbaues nach dem Krieg.

Im Winter war mein Papa öfter mit seinem Vater bei der Großmutter zum Schweine schlachten, dies war dann immer mit einem Schlachtfest verbunden und zur Freude aller Anwesenden.

Die Jahre auf der Bürgerschule vergingen genauso schnell, wie auf der Volksschule und die Lehre nahte. Die schöne Zeit mit Ferien und spielen war nun vorbei, Papa lernte nun bei seinem Onkel Karl in Wigstadl, im Hotel Rosenhof.

Lehrjahre waren damals, genauso wie Heute, keine Herrenjahre. Es gab keine geregelte Arbeits- und Urlaubszeit, die anliegende Arbeit und die erforderlichen Aufgaben bestimmten das Leben. Früh um sieben begann der Betrieb und es ging bis Nachts um zwölf Uhr, solange halt Gäste anwesend waren. Sonn- und Feiertage waren Fremdwörter, nur am Hl. Abend war um vier Uhr Schichtende! In all den gesamten Lehrjahren war unser Papa nur ein Mal zu Hause und das für eine Woche.

Im Dezember 1930 hatte Papa sich mit seinem Onkel zerstritten, wegen einer Knickerbocker-Hose, danach verlies er seinen Onkel und das Hotel …

Seine Lehr- und Ausbildungszeit war bereits im September zu Ende und die angehängten Wochen fanden so einen unwürdigen Abschluss und es musste eine neue Arbeitsstelle gefunden werden. In der Gastwirtschafts-Zeitung las er, dass ein Oberkellner im Deutschen Haus in Budweis und ein Ober im Hotel Horbach in St. Joachimstal gesucht wurde.

Seine Wahl fiel auf das zweite Angebot, denn es war weiter von zu Hause entfernt und Karl wollte nicht mehr unter dem Zugriff seiner Eltern stehen. Mitte März war es dann so weit, der spärliche Auszug wurde vollzogen. Nach der strengen Lehrzeit in Wigstadl wurde Karl wieder sehr fröhlich und ausgelassen, hier begann erst richtig seine Jugendzeit. Geld wurde genug verdient, Freunde und Freundinnen waren kein Problem, denn Karl war im örtlichen Skiclub und im Turnverein.

Die Arbeit machte sehr viel Spaß und Freude und die Freizeit kam nicht zu kurz, nicht so wie beim Onkel in Wigstadl. Nach getaner Arbeit ging es mit den Freunden und -inen oft auf Bierreise, es gab in der Umgebung mindestens fünfzehn Wirtshäuser und die jungen Leute waren gern gesehene Gäste.

Sein erstes Motorrad kaufte Karl sich 1933 von seinem eisern ersparten Geld, im Sommer ging es zur ersten großen „Sause“ auf Urlaub zu den Eltern nach Stohl.

Seine Mutter lag ihm mit jeden Brief von zu Hause in den Ohren, „wann kommst Du uns einmal besuchen …?“, nun fragte seine Mutter nach drei Tagen, „… wann ich wieder abfahre …?“. Karl hatte gutes Geld in St.Joachimstal verdient und nun war er sehr regelmäßig mit seinem Vater und seinem Bruder abends ausgegangen, nüchtern kamen sie zum Leidwesen der Mutter nie nach Hause!

1934 kaufte sich Karl ein schweres Motorrad vom Typ 500 FN, Heute mit einer Harley Davidson zu vergleichen, mit seinem Freund ging es für acht Tage quer durch das Elb-Sand-Stein-Gebirge.

Im Sommer 1935 kam sein Vater mit seinem Chef auf Besuch in das Hotel, wo Karl arbeitete, Karl nahm sich frei und es ging gemeinsam in das Café Terminus. Der Chef von meinem Vater wollte jedoch etwas erleben und fragte, „ob es nicht etwas mit weiblicher Bedienung gäbe …?“, dies war dann auch sehr schnell im Schwarzen Adler gefunden. Aber dies war nicht ganz so nach dem Geschmack meines Großvaters, dem Weinhändler aus Südmähren, wir beschlossen in die Fortuna-Nachtbar zu wechseln und dort wurde es dann sehr gemütlich. Jeder von uns hatte nach kurzer Zeit ein kurz bekleidetes Mädchen auf seinen Schoss, erst in den Morgenstunden ging es zurück in das Hotel Horbach.

Erst dreißig Jahre später erzählte Karl es seiner Mutter, wenn Vater noch gelebt hätte, dann wären wir sicherlich Beide mit einer gehörigen Schelte von Dannen gezogen …

… aber es war doch sehr schön mit den alten Herren.

1935 kaufte Karl sich sein erstes Auto, einen Tatra mit einem Vier-Zylindermotor und Anfang 1936 musste er zur Musterung, die Einberufung erfolgte dann zum ersten Oktober. Das Auto wurde verkauft und der Abschied vom Hotel erfolgte mit einer internen, feucht fröhlichen Feier …

Papa wurde zur Gebirgs-Attilerie nach Iglau eingezogen, es ging zu den Pferden, die für ihn ein ganz neues Kapitel waren. Das erste Jahr ging ohne Probleme vorüber, im Herbst 1937 wurde an allen Tagen am Schießplatz trainiert. Anfang Januar war er dann beim Langlauf in Novi Mesta und anschließend in Lopkov in der Slowakei und den legendären Karpaten, zum dreißig Kilometer Langlauf mit vollem Gepäck.

Im Frühjahr 1938 hatte es dann politisch in der Tschechoslowakei angefangen, die Deutschen zu verfolgen. Konrad Henlein hieß der Führer der Sudetendeutschen Nazis. Das machte sich auch stark beim tschechischen Militär bemerkbar, eines Tages waren die Mäntel der Gefreiten mit Hakenkreuzen in roter Farbe bemalt. Papa war damals im Krankenstand und hatte die Aufgabe, die Türschilder neu zu beschriften und er hatte weiße, schwarze und rote Farbe zur Verfügung. So fiel zuerst der Verdacht auf unseren Vater, er wurde eingesperrt und ins Militär-Gefängnis nach Brünn gebracht. Dort war es sicherlich nicht sehr schön, obwohl er beteuerte, dass er unschuldig sei!

Am Fronleichnamstag konnte Karl dann aus dem Gefängnis fliehen, Freunde besorgten Zivilkleidung und Geld und er fuhr mit der Bahn über Prag, ins Erzgebirge, dann nach Chemnitz und mit dem Zug nach Passau, von dort mit dem Schiff auf der Donau nach Wien zu seinen Verwandten, einer Schwester seiner Mutter.

Karl hatte ja keine Papiere musste sich aber irgendwo anmelden und um Asyl ansuchen. Österreich gehörte damals noch zum Großdeutschen Reich. Er kam in ein Aufnahmelager und musste ohne Lohn, nur für Essen und Unterkunft schwer arbeiten, etwas anderes, als unsere heutigen Flüchtlinge vorfinden!

Im August wurde dann das Sudetendeutsche Freicorps aufgestellt, die angehenden Soldaten wurden in SA-Uniformen gesteckt und bekamen die deutsche Militärausbildung. Im September 1938 ging es an die Böhmisch-Mährische Grenze und im gleichen Monat wurde das Sudetenland von der Deutschen Wehrmacht besetzt, das unrühmliche Unheil der damaligen Deutschen begann unaufhörlich seinen Vormarsch …

Die Tschechen hatten nun ihr Sudetenland verloren und zogen sich hinter diese Grenze zurück, dies hatte den Vorteil, dass Karl ohne Gefahr seine alte Heimat mit seinen Eltern und seinen Geschwister besuchen konnte, ohne verhaftet zu werden.

Weihnachten 1938 wurde gemeinsam zu Hause gefeiert und am fünften Januar, seinen Geburtstag, ist Karl zum Reichsarbeits-Dienst eingerückt …

… es sollte seine längste je statt gefundene Reise werden, es ging über Breslau, Frankfurt-Oder, durch den polnischen Korridor nach Königsberg in Ostpreußen, am nächsten Tag nach Memel, wo sie eingekleidet wurden.

Die Ausbildung begann mit dem Klappspaten, nach zwei Wochen wurde die Verteilung der Ausgebildeten vorgenommen, Karl kam nach Löwenstein auf die Schreibstube. Löwenstein lag jedoch sehr abwegig einer Großstadt und so verbrachten die jungen Männer ihre Frei-Zeit von Samstag bis zum Sonntagabend im Kaffeehaus. Auf den Bänken des Cafés hatten die netten Herren übernachtet und sie waren somit, die ersten Gäste am Sonntag-Morgen.

Am ersten Oktober wurde Karl zur Verwaltungsschule des Reichs-Arbeitsdienstes in Braunsberg abkommandiert.

Nach dieser Schule wurde unser Vater nach Rastenberg als Gruppen-Zeugmeister versetzt und hier lernte er einen Heinz Grahl kennen, der Karl zu seinen Aufbau-Kommando nach Blaustein mitnahm, er besuchte seine Freundin Editha.

Als die Drei, hübschen Männer dort ins Lager kamen, da hatten die Arbeits-Maiden keinen Ausgang und sie verbrachten den Nachmittag bei den Führerinnen in der Baracke bei Kaffee und einer rosa Torte. Zwei Wochen später fuhr Karl erneut mit Heinz und dem Fahrrad nach Blaustein, zuerst kehrten sie im Wirtshaus ein und sie tranken sich Mut an. Danach ging es zur bekannten Baracke von der Editha und es gab erneut Kaffee und einen warmen Ofen, denn draußen war es bereits ziemlich herbstlich kühl geworden.

Die jungen Männer hatten ja schon im Wirts-Haus „vor geglüht“ und da ging das Erzählen schon wie von selbst. Karl machte seiner heimlichen Errungenschaft klar, dass sie einmal nach Rastenburg zu ihm kommen sollte, Heinz müsste nicht unbedingt davon wissen, was auch wieder verständlich war …

… Editha lies nicht sehr lange auf sich warten und sie brachte eine Kameradin mit, Karl hatte auch einen Kumpel mitgebracht und so ging es zu Viert ins Café Küstner. Karl bestellte Sekt und gab sich mit Spendierhosen, sie tranken Bruderschaft. Später gingen sie spazieren und Karl setzte seiner neuen Flamme die „Pistole“ auf die Brust und bat sie, sich für Karl oder Heinz zu entscheiden.

Karl wollte in drei Tagen eine Antwort erhalten, er wollte wissen woran er mit ihr war …

… ihr Entschluss fiel für Karl aus!

Karl war über diesen Entschluss mehr als glücklich und es wurde unsere Mutter …

***

Der 2.Weltkrieg hatte am 1.September 1939 mit dem Überfall auf Polen begonnen und sollte erst am 2.September 1945 enden …

… er brachte viel Leid unter der Bevölkerung, mit mehr als 26 Millionen Tote weltweit,davon allein in Deutschland 6,3 Millionen Tote …

Der 1. Weltkrieg war 1918 zu Ende, die Menschen atmeten wieder leichter das Leben kam wieder in den Vordergrund …

… man sprach von den Goldenen Zwanziger Jahren, es war der Zeitraum zwischen 1924 bis 1929. Der Begriff veranschaulicht den wirtschaftlichen Aufschwung in den 20er-Jahren, der in vielen Industrieländern seinen Einzug hielt und er stand auch für die Blütezeit der Kunst, der Kultur und der Wissenschaft …

… kurz vor diesen Goldenen Zwanzigern erblickte unsere Mutter das Licht der Welt …

***

Unsere Mutter entstammt den Preußen, sie kam aus Pommern, das auch das Weizacker-Land genannt wurde …

Ihre Geburtsstadt war Pyritz in Pommern, hier wurde sie im Wonnemonat Mai 1921 geboren. Der Vater entstammte auch dieser Stadt und die Mutter kam aus Woltersdorf, Landkreis Greifenhagen.

In Woltersdorf wurde auch ihre Mutter Else, 1892 geboren. Meine Großeltern hatten in Woltersdorf einen hundert Hektar großen Bauernhof in dem benannten Weizacker-Gebiet, dazu gehörte auch ein Waldgebiet in der Buchheide mit einem See von fünfundzwanzig Hektar.

Viele wissen nicht, wo dieses schöne Land liegt? Damals war Pommern im Deutschen Kaiserreich, die Kornkammer des Reiches. Pommern liegt an der Ostsee, war damals schon eine Perle gewesen, schon in dieser Zeit gab es hier an der Küste viele Badeorte mit schönen Stränden und vielen Feriengästen.

Es gab viel Wald und eine ertragreiche Landwirtschaft, große Güter und reiche Bauernhöfe, aber auch viele arme Leute nach dem ersten Weltkrieg. Die meisten Männer waren arbeitslos und die zu ernährenden Großfamilien waren der Inflation, Ende der Zwanziger Jahre, ausgesetzt.

Die älteren Menschen und auch die Großeltern sprachen oft von der „guten alten Zeit im Kaiserreich“, vor dem ersten Weltkrieg.

In den Jahren 1920 bis 1933 hatte sich alles grundlegend geändert …

… Unsere Großmutter berichtete unserer Mutter aus ihrem Leben und sie wollte dies uns, in ihrer Weise mitteilen, damit wir alle verstehen, was ihnen Pommern als Heimat bedeutete …

… nun noch ein bisschen Geschichte …

Schon 500 v. Chr. siedelten hier germanische Volksstämme, bis 1206 unternahmen die Polen, verschiedene Kriege gegen Pommern. 1124 aber taufte Otto von Bamberg die ersten Bürger von Pommern in Pyritz und 1140 gründete er das Bistum Altstädter Burg. 1181 kam Pommern zum Deutschen Reich und 1186 wurde die Stadt Pyritz erwähnt. 1301 gab es bereits eine Stadtmauer und später wurde diese Stadt auch das „Pommersche Rothenburg“ genannt.

In den nächsten Jahrhunderten wurde es öfter durch Brandschatzung zerstört, aber immer wieder neu aufgebaut. Auch der 30ig jährige Krieg ging über Pommern hinweg, die Schweden zogen hier hindurch in den Süden von Deutschland. 1634 und 1652 brannte Pyritz erneut ab und die Schweden hielten diesen Teil Pommerns nach dem 30ig jährigen Krieg, noch bis 1720 bzw. sogar einen Teil bis 1815 besetzt und gaben dieses Gebiet erst dann an Preußen zurück.

1684 hatten sich unsere Vorfahren in Woltersdorf einen Bauernhof erbaut, laut der Jahreszahl an der alten Scheune, auf dem Hof meiner Großeltern, noch Heute gibt es in Schweden den Familienname meiner Großeltern.

Viele Schweden sind in Pommern beheimatet, deren Ursprung aus der hundert jährigen Besetzung herrührt.

Heute ist Pommern ein Teil des Landes Polen und wahrscheinlich für Immer verloren …?

Die Großmutter erzählte oft aus ihrer Jugendzeit im Kaiserreich, von den großen Flottenparaden in der nahen Hauptstadt von Pommern, in Stettin, vor der Hakenterrasse. Die Oder war dort sehr breit und sehr tief, dahinter lag das bekannte Haff, bis kurz vor der Ostsee und war durch einen Fluss verbunden.

Hier konnten damals schon große Handelsschiffe und natürlich auch Kriegsschiffe in Stettin anlegen und ein- und ausfahren.

Im Dezember 1882 hatten meine Großeltern in Woltersdorf geheiratet und den Hof übernommen. Es war noch ein richtiger Bauernhof mit Hühnern, Enten, Gänsen, Schweinen, und Schafen, vielen Rindern und Kühen, Zugpferden aus dem schweren Oldenburger Kaltblut-Geschlecht und schöne Reitpferde aus der eigenen Zucht am Hof. Es gehörte wohl zur Tradition, dass am Hof Reitpferde gezüchtet wurden und diese Pferde waren zum Großteil für die Schwedter Garnison.

In Schwedt leisteten auch viele Männer ihre Dienstzeit für Kaiser und Vaterland ab, wie es damals wohl so hieß.

Zwei große Schäferhunde und ein Bernhardiner-Paar bewachten den Hof und für die Schafe gab es noch einige Hüter-Hunde.

Für dies alles und hundert fünfundzwanzig Hektar Land mussten meine Großeltern Sorge tragen. Sie hatten in den Jahren zwischen 1882 und 1900 vier Söhne und drei Töchter.

Im ersten Weltkrieg verloren die Großeltern den ältesten Sohn und Hoferben, zwei Söhne kehrten verwundet heim.

1912 heiratete meine Tante Martha einen Bauernsohn aus dem Nachbarort und mit ihrem Erbe kauften sie noch eine Bäckerei in Pyritz. Mein Onkel war hier Bäckermeister und Konditor, uns allen als Opa Wendt bekannt.

Mein Großvater starb 1916 an einem Herzschlag während des ersten Weltkrieges, Großmutter führte mit einem Verwalter den Hof weiter, ihre zwei Töchter und einige Arbeiter halfen tatkräftig mit.

Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt und mein Vater starb 1925, als ich vier Jahre alt war. Ich war nun Vollwaise …

… nach dem Tod meiner Eltern kam ich zu meiner Tante Martha und Onkel Paul Wendt, sie hatten zwei Söhne Günther und Werner. Für mich wurden sie zu meiner Familie und zu meinen Eltern und die Buben zu meinen Brüdern, alle Welt hielt mich in Pyritz für ihre Tochter und für die Schwester meiner neuen Brüder.

Unsere Mutter ging dann mit fünf Jahren in die Schule, damals war sie schon sehr wissbegierig, vor allem sehr lebhaft. In der Volksschulzeit muss sie ihre Lehrer schon sehr strapaziert haben, denn sie wurde schon in der siebten Klasse für den Übertritt in die Aufbau-Schule freigegeben. So kam es, dass sie vor ihren gleichaltrigen Mitschülern zwei Jahre Vorsprung hatte. 1938 war für sie die Schulzeit beendet und sie musste, wie alle anderen Abiturienten zum Reichs-Arbeitsdienst.

Drei Monate blieben noch bis zu ihrem Geburtstag, danach ging es drei Monate auf die Handels-Hochschule in Stettin, um die Verwaltungs-Tätigkeit zu erlernen.

Am 1. Juli 1939 berief sie der Reichs-Arbeitsdienst in das 750 Kilometer entfernte erste Lager in Ortelsburg, ganz im Süden von Ostpreußen. In dem Lager waren sie insgesamt fünfundvierzig Mädchen, diese wurden zur Hilfe bei den Bauern und im Kinder-Garten eingesetzt.

Es gefiel uns ganz gut, nur die Sprache mit dem harten Dialekt war sehr schwer verständlich und der Herr Pfarrer predigte seinen „Schandteil“ von der Kanzel gleich mit, „… wo der Herrgott sein Haus hin baut, da stellt der Teufel seins daneben …“. Mit diesem Ausspruch meinte dieser „Glaubensvertreter“, sicherlich nur uns?

Am 1.September 1939 wurde scharf geschossen, der 2. Weltkrieg begann mit dem Überfall auf Polen, es brannte im Ort und wir verließen das Lager im Grenzland und es ging nach Blaustein zurück.

Hier herrschte wieder der Alltag, fernab der Kriegseinsätze, an den Feiertagen ging es lustiger zu, es gab Musik und fröhliche Unterhaltung, am Abend konnte jeder seine Sachen richten, lesen oder seine Freizeit nach Geschmack verleben. Auch gab es Besuchs-Nachmittage im Lager, Verwandte und Freunde konnten gerne das Lager besichtigen, Heute sagt man wohl „Tag der offenen Tür“.

Vorher musste zwar alles hübsch aufgeräumt werden, was weniger den Mädchen gefiel.

… an einem dieser Tage lernte unsere Mutter ihren späteren Mann, unseren Vater kennen.

Mit Schokolade versuchte er meine Gehilfinnen zu „bestechen“, damit ich schneller oder leichter zu erreichen war. Einige Male fuhr sie auch mit dem Fahrrad nach Rastenburg in meiner Freizeit, wir trafen uns dann im Café oder auf der Dienststelle. Für den folgenden Monat bekam sie eine Abkommandierung nach Lötzen auf die Verwaltungsschule, denn es gab immer neuere Verordnungen, dieses Mal für den Kriegsfall.

Dort in Lötzen hatten sie sich für einen Kinobesuch verabredetet, danach ging es in eine Weinstube, von dort rief unsere Mutter dann ihren Vormund an und teilte ihm mit, dass sie sich mit Karl verloben wollte. Der Onkel meinte nur, „… was man sich einbrockt, das muss man auch gemeinsam auslöffeln …“.

Am 29.November 1939 hatten sich unsere Eltern in Lötzen verlobt …

… sie planten einen gemeinsamen Weihnachtsurlaub, zuerst wollten sie bei ihren Verwandten in Pommern einige Tage verbringen und dann mit ihrem Verlobten bei seinen Eltern Weihnachten feiern, seine Familie kennen lernen und zum Silvesterabend wollten sie wieder in Pyritz sein.

Aber manchmal geht es ebend nicht nach der Planung, zu Mal der Wettergott nicht mitspielte. Es wurde alles durch einander gewirbelt, mit Verspätungen, sie lernten die gegenseitige Verwandtschaft kennen und kamen zum Schluss zu Karls Eltern. Die zukünftige Schwiegermutter warnte unsere Mutter, „diesen Hallodri nicht zu heiraten …“ und bot ihr, ihre anderen Söhne als Ersatz an …?

… unsere Mutter blieb bei ihrer ersten Wahl, unseren Vater!

Unsere Mutter erbat von ihrer Dienststelle in Ostpreußen für die geplante Hochzeit am 24. und 25. Februar 1940 einen Sonderurlaub und um ihre Versetzung nach Pommern, der Urlaub wurde genehmigt, die Versetzung nicht!

Meine zwei Vetter bekamen keinen Urlaub, denn es war bereits Kriegszustand und es gab für alles schon Bezugsscheine und Verpflegungsmarken. Diese Auflagen verhinderten größere Feste und Feiern …

Es kamen aber doch viel mehr Gäste als gerechnet! Unsere Mutter war ja dort geboren und wuchs dort bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf, die wie ihre Eltern waren …

… die Hochzeit war sehr schön, es ging mit Kutschen, anstelle von Autos, in die Kirche und gefeiert wurde im Gasthaus Viktoria bei sehr guten Freunden der Familie. Von unserem Vater kamen die Eltern und ein Bruder, trotz der weiten Anreise zur Hochzeit. Die Musik stellte der Kommandeur von unserem Fliegerhorst und auch einige sehr guten Tänzer, sie waren Flieger bei dem berüchtigten Stuka-Geschwader aus der Stadt.

Nach der Hochzeit ging es zurück nach Rastenburg, kalt war der Winter, aber auch das Bett im Hotel. Unsere Mutter musste noch einen Monat im Lager arbeiten, ihre Sachen übergeben und dann erfolgte die Entlassung zu Ende März.

Bis zum 15.April 1942 blieben unsere jungen Eltern dann noch zusammen, dann musste unser Vater zu den Soldaten nach Allenstein, die Uniform des Reichs-Arbeitsdienstes wurde getauscht und das Soldatenleben nahm seinen Lauf …

… Mutter erwartete ihr erstes Kind und es sollte im Oktober geboren werden. Es herrschte trotz der Kriegswirren und der doch spürbaren Einschränkungen im alltäglichen Bereich, große Freude.

Zur Entbindung fuhr unsere Mutter dann doch nach Hause zu ihren Eltern, allein wollte und konnte sie nicht bleiben, fast wäre eh noch alles schief gegangen. Der behandelnde Hausarzt hatte sie schon fast aufgegeben, aber irgendwie hat unsere Mutter dies doch gut überstanden.

Der kleine Sohn war kräftig, gut genährt und konnte schreien, für das Kind hatten sich die Eltern auch schon einen Namen ausgedacht, bei einem Mädchen sollte es Sabrina heißen, nun war es ein Junge und er bekam den Namen Severin …

***

Das „normale“ Leben war schon sehr eingeschränkt und die Hiobs-Botschaften und Schicksals-Schläge nahmen kaum eine Familie aus.

Schwager Hans fiel gleich im ersten Gefecht in Russland 1942.

Ein Bruder meiner Schwiegermutter wurde schwer verwundet, hatte einen Lungensteckschuss abbekommen und sollte schnellstmöglich operiert werden.

Mein Bruder Günther war in Prag und ließ sich seine Augenverletzung behandeln, Jahre später sollte er an dieser erlittenen Verletzung erblinden.

Meine Neffen Gustav und Hans gerieten in Finnland in Gefangenschaft und sie sollten erst 1948 in ihre Heimat zurück kehren, zumindest war für diese Beiden der Krieg vorbei.

Vetter Werner blieb in Russland vermisst, nicht nur für die Eltern ein schwerer Verlust …

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Im Juni 1943 übersiedelte unsere Mutter mit dem Söhnchen Severin nach Wiesenthal, wo sie ein Häuschen gekauft hatte aber die Renovierungsarbeiten waren in dieser Zeit nur mit viel Geduld zu schaffen.

Von Juni 1943 bis 1944 wurden die gröbsten Umbauten erledigt, bis zu dieser Zeit wohnte die übrig gebliebene, kleine Familie in einem kleinen Holzhaus in der Nähe, später noch in einem Raum im alten Gasthaus-Bau, 1944 war dann alles fertig und die Wohnung konnte bezogen werden.

Die Schwiegereltern kamen auf Besuch und waren begeistert von der schönen ländlichen Gegend. Im Haus lebte noch ein älteres Ehepaar, die sehr gerne die Hausmeister-Tätigkeit übernommen hatten und wir waren nicht so allein und einsam. Zur Hilfe im Haus und im Garten bekamen sie eine Arbeits-Maid zugeteilt, die alle sechs Wochen sich abwechselten. Das kleine Anwesen hatte viel Wald, Wiesen und Ackerland. Die Wiesen waren an die Nachbarn verpachtet und dafür gab es Milch für die Kinder.

Am 26.November 1944 wurde eine kleine Tochter geboren, sie sollte auf den schönen Namen Dietlinde bald getauft werden. Mit einem Pferdeschlitten wurde diese „Fracht“ von den Nachbarn aus der Klinik abgeholt.

Dieses Mal hatte die junge Mutti Angst vor der Geburt und ging vorsorglich gleich in die Klinik und der Verlauf gab keine Sorge zum Anlass.

Während dieser dramatischen Tage kam auch die Schwiegermutter ins Haus, es war bereits der kalendarische Winter ins Land gekommen und die Investitionen in die bereits eingebauten Kachelöfen, machten sich bezahlt, es wurde schön mollig warm für Jedermann im Haus und Holz gab es noch genügend zum Heizen.

Weihnachten 1944 wurde Dietlinde getauft, ihr Papa hatte Urlaub von der Front bekommen, es war noch einmal ein schönes Fest mit vielen Feierlichkeiten, vor Jahres-Ende musste Papa allerdings wieder an die Front zurück.

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1945 kamen die Russen auch nach Wiesenthal, wir lebten oben auf dem Bramberg in unserem Haus. Mutter musste für die Tschechen, die Briefe vom Ausland übersetzen und wir wurden in Ruhe gelassen. Russische Offiziere kamen auch zu uns ins Haus und wollten das Wohnzimmer für ihre Arbeit requirieren. Schon damals hatten wir uns oft unterhalten, über ihre Ziele.

Sie meinten, dass die Deutschen für sie Kameraden, wenn auch Feinde, wären. Von den Tschechen hatten sie keine gute Meinung, denn da hatten sie schon ihre Erfahrung in dieser Hinsicht gemacht.

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Der zweite Weltkrieg zerstörte alles und die Tschechen und die Polen sind nun die neuen Hausherren …

… nach dem Krieg waren wir alle auf der Flucht vor den Russen, das große Unrecht mit der Zwangsvertreibung begann …

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… nun noch etwas geschichtliches …

Mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Reichsmark hatte schon sehr an Bedeutung verloren.

Die Währungsreform wurde am 20. Juni 1948 vollzogen, pro Kopf wurden 40 „Deutsche Mark“ ausgegeben, das gesamte Geld-Volumen betrug nach der Umstellung 13 Milliarden Mark.

Die Sowjetunion setzte am 24.Juni 1948 die „Berlin-Blockade“ durch, sie wurde mit der Durchführung der Währungsreform begründet. Im Juli 1948 führte die Sowjetunion in Ostdeutschland eine eigene „Deutsche Mark“ ein.

Am 18.Mai 1990 wurde der Vertrag über die Währungsunion unterschrieben, die D-Mark-West wurde somit auch in Ostdeutschland eingeführt und 1: 1 umgetauscht.

Das Ende der Deutschen Mark war am 1. Jan.

1999 besiegelt, es kam die neue Währung „Euro“ als Zahlungsmittel in den Handel …

II

II

Mutter suchte dann um eine Aussiedlung nach Bayern an und zwar mit unserem Vater und den beiden Kindern, Vater war zwar noch in tschechischer Kriegsgefangenschaft, aber Anfang 1946 sollte die Aussiedlung in trockenen Tüchern sein.

Wir durften Gepäck und für die Kinder Korb und Kinderwagen mitnehmen, auch Essen hatte Mutter vorbereitet und mit ins Lager bei den Tschechen genommen. Leider sperrten die Amerikaner für vier Wochen diese Transporte und so musste die junge Familie im Lager bleiben und mit dem Lageressen vorlieb nehmen.

ARSENwar dem Essen beigemengt und Kinder unter zwei Jahren bekam dies nicht. Dietlinde war auch davon betroffen und starb uns dann im Lager bei Furth im Walde …

… an ihrem Beerdigungstag kam auch unsere Großmutter, sie wollte uns alle mitnehmen, aber es ging nicht. Severin war sehr krank und Mutter ging es auch sehr schlecht, wir hatten alle mit der gemeinen, niederträchtigen Vergiftung die größten Sorgen. Über den örtlichen Pfarrer und das Rote Kreuz erhielten wir dann über die Schweiz, das benötigte Penicillin und mit einem der nächsten Transporte konnten wir weiter nach Euerdorf bei Bad Kissingen ziehen.

Vater war zu dieser Zeit in einem Gefangenenlager bei den Amerikanern, dort bekam er seinen Entlassungsschein, den er unbedingt benötigte um einen Zuzug und die wichtigen Lebensmittel-Karten zu erhalten. Vater fuhr dann erst einmal nach Coburg, wo er den Rest der Familie vermutete, alle halfen ihn dann weiter und in Kürze zogen wir dann gemeinsam nach Coburg. Wir fanden eine Holzbaracke mit Möbeln und sogar mit Betten, zwar auf einem Fabrikgelände, wir waren nach dieser Odyssee wirklich nicht wählerisch und außerdem gab es hier einen Garten und fließend Wasser. Es war wirklich so in Ordnung, das Schlimmste war überstanden und wir waren nun endlich im Frieden zusammen. Dort in Coburg hatten sie von 1946 bis 1948 gelebt Vater hatte eine Arbeit und für das Essen musste Jeder selber sorgen oder sich was Essbares besorgen, wenn er nicht hungern wollte …

… langsam besserte sich unsere Lage, allgemein und finanziell. Wir zogen in ein festes, gemauertes Haus ein und hier wurde unsere TochterSarrinaim März 1947 geboren und es wurde wieder sehr lebhaft in unserem kleinen Haus. Auf der anderen Seite hatten wir große Sorge um unseren Ältesten Severin, da er schubweise über Nacht hohe Fieberanfälle bekam, diese reichten bis zu der kritischen vierzig Grad Marke. Ein uns nahestehender Arzt riet uns zu einem Orts-Wechsel, am besten an die See oder in das Gebirge. Vater war ja auch im Gebirge aufgewachsen und so wollten wir versuchen hier einen Wohnungstausch zu vollziehen.

Zum 1. April 1948 hatten wir einen Wohnungstausch-Partner nach Walchensee in Oberbayern gefunden, diese Familie wollte in die Stadt und wir aufs Land im Gebirge.

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Deutschland hatte ja diesen irrsinnigen Krieg verloren, die feige „Braune Brut“ hatte sich zum Teil selbst ins Jenseits befördert oder wurde strafrechtlich durch die Alliierten verfolgt und abgeurteilt, viele schafften aber auch unbemerkt den Absprung in die Anonymität, um später erneut auf sich aufmerksam zu machen …

Die USA, Franzosen, Engländer und die Russen teilten Deutschland in vier Sektoren auf. Westdeutschland ging an die ersten drei Besatzer und der östliche Teil an die Russen, Berlin wurde als Enklave des östlichen Deutschlands gleichfalls in vier Sektoren aufgeteilt, jeder mit eigener Verwaltung unter den Besatzungsmächten. Zum gesamten östlichen Teil des ehemaligen Deutschlands baute sich nicht nur ideologisch der „Eiserne Vorhang“ auf, es war der Eiserne Vorhang und die Ostbevölkerung wurde regelrecht abgeschnitten, wirtschaftlich und menschlich.

Berlin war ein Inselstaat und der traurigste Höhepunkt war erst einmal der 17.Juni 1953, mit dem Niederwalzen des Arbeiteraufstandes und dann wohl der 13.August 1961 mit dem Befehl von Walter Ulbricht zur Abriegelung der Sektorengrenze in Ostberlin und dem verbundenen Mauerbau …

… eine Schandmauer mit Todesstreifen und Schießbefehl, vielen Toten und Verletzten, zog sich durch Berlin und durch Deutschland. Es schien als hätten die Herren im Osten nichts aus den vergangenen beiden Kriegen gelernt. Dieser Mauerbau und der Ausbau der innerdeutschen Grenze wurde aus Angst vor einen dritten Weltkrieg, von den westlichen Besatzern, nicht verhindert.

Familien wurden von einem zum anderen Tag von einander getrennt und wie sagte einst der „Oberindianer“ der DDR Honecker, „… es ist ein antikapitalistischer Schutzwall gegen den Westen …“ und diese Teilung sollte für die nächsten achtunddreißig Jahre seinen Bestand haben …

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Unsere Eltern waren nun doch sehr hoffnungsvoll und zuversichtlich, ausgestattet mit einer großen Portion Schaffenskraft und in den besten Jahren.

Sicherlich die Jugend war vorbei, vergeudet durch den „braunen“ Wahnsinn, gestohlen aus dem Leben, aber nun war der „Spuk“ vorbei, der Aufbau war voll im Gange und jeder versuchte seines Glückes Schmied zu sein. In Walchensee war es jedoch nicht leicht für Vater Arbeit zu finden, es gab körperlich schwere Arbeit im Steinbruch, später auch als Wachmann für das Spreng-Stofflager, denn ein großes Bauvorhaben war am Riessbach am Entstehen.

Die Eltern versuchten einen Bauplatz am Walchensee zu bekommen, was jedoch erst nach einer weiteren Währungsreform gelang, sie kauften dies auf Abzahlung.

Mein Bruder Severin entwickelte sich prächtig und die Gebirgs- und Seeluft taten ihres dazu. Unsere Eltern vermissten natürlich Dietlinde, die auf so böse Weise von uns gehen musste, aber auch die Zeit heilt so manche Wunden und irgendwie hatte jede Familie mit einem ähnlichen Schicksal seine Bewandtnis.

Unsere Eltern träumten von einer Groß-Familie mit einer großen Kinderschar und Vater war vernarrt, alle Kinder mit dem gleichen Anfangs-Buchstaben zu benennen, mitSeverinundSarrinawar nun schon der Anfang getan …

… es kündigte sich bereits weiterer Zuwachs an, Ende September 1948 erblickte ein weiteres Bürschlein namensSiegfrieddas Licht der Welt, er war die Nummer Drei der Thron-Folge und ein kleines gut genährtes Bürschlein mit einigen Speckfältchen am „Mittleren Ring“. Unsere Wohnung wurde langsam zu eng in dem angemieteten schwedischen Holzhaus,das früher ein Jagdhaus war.

Auf dem ersten Grundstück durften unsere Eltern nicht bauen, also wurde das Grundstück getauscht und dann wurde endlich der beantragte Bau genehmigt. Tag für Tag hatten unsere Eltern in eigener Arbeit ein Haus für uns gebaut, Hilfe konnten sie sich nicht leisten, denn das angesparte Baugeld wurde durch die Währungsreform „aufgefressen“. Für die noch fehlenden Ziegel musste noch ein zusätzlicher Kredit von sechshundert Mark aufgenommen werden, groß wurde das Haus nicht, aber doch sehr schön und gemütlich …

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Nach der Währungsreform war der Geldwert nach unten gesetzt worden, Vater verdiente als Stundenlohn circa siebzig Pfennige und ein Brötchen kostete drei Pfennige …

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Dann wurde noch eine Garage mit großem Hühnerstall an der Nachbargrenze gebaut, Mutter kümmerte sich um den Garten und investierte viel Arbeit hinein, Gemüse und Beerenobst wurde gepflanzt, auch für Blumen war noch genügend Platz. Viele Gäste im Sommer brachten auch einiges Geld in die schmale Kasse, Vater und Severin schliefen auf dem Heuboden oberhalb der Garage und dem Hühnerstall und Sarrina, Siegfried und Mutter im Wohnzimmer, die oberen zwei Zimmer waren vorerst für die Gäste.

In dem Neubau hatten wir am Anfang weder fließend Wasser noch elektrisch Licht, denn dazu reichte erst einmal nicht unser Geld. Das Wasser musste mühsam vom Nachbarn, in Eimern, herüber getragen werden, eine schwere Arbeit.

1950 übernachteten schon im Rohbau die ersten Sommergäste, sie kamen dann jährlich wieder und freuten sich mit unserem kleinen Wohlstand nach der Fertigstellung des Hauses. Wir verfügten nun über vier Fremdenzimmer im Obergeschoss und unten war das Wohnzimmer zum Frühstücksraum umfunkioniert worden, aber meistens fand das Frühstück bei Sonnenschein auf der Terrasse statt …

… später wurde noch ein Keller angebaut mit einer überdachten Sitzterrasse, aber der Keller eignete sich bei Regenwetter eher als Schwimmbad, als zu einen Vorratsraum.

Das Haus war für die damaligen Verhältnisse und Bedürfnisse fertig gestellt, nicht der selbstverständliche „Luxus“, den wir uns Heute vorstellen und als vorausgesetzt betrachten. An fließend Wasser oder an ein Bad war noch nicht zu denken, ein Wasserklosett gab es auch nicht, dafür ein Plumpsklo außerhalb des Hauses und alle Zeitungs-Exemplare wurden fein säuberlich auf DIN A6 mit dem Messer geschnitten, mit einem Zwirn an einem Ecke zusammengefügt und als Toilettenpapier benutzt. Extra weiche Wellentextur, drei- bis vierlagig lag noch in weiter Ferne.

Das benötigte Tageswasser stand in Eimern in einem dunklen Vorratsraum und für uns Alle, war dies ein kostbares Lebensmittel …

… was aber nicht heißen sollte, dass Kinder auch in dieser Zeit gerne mit Wasser spielten bzw. Gedanken verloren ihren Spaß damit hatten. Einmal, als wir alleine zu Hause waren, die Luft rein war und es galt besonders „cool“ zu sein, da fiel uns natürlich das Wasser in dem Vorratsraum ein, zuerst durften unsere Bade-Entlein ein ausreichendes Bad nehmen, schwimmen und tauchen, dass es eine Freude war. Ganz selbstverständlich mussten Entlein auch einmal „Pippi machen“ und diesen Part übernahm Siegfried und pinkelte im hohen Bogen in den Wassereimer, die Pinkelblasen erfreuten uns alle und wir hatten diesem Geheimnis keine weitere Aufmerksamkeit zugemessen …

… wahrscheinlich hätte niemand mehr daran gedacht, wenn meine Mutter nicht beim Essen zubereiten von dem seltsamen Geruch des Wassers gestört wurde, aber Frauen und besonders Mütter müssen ja immer allen Übel auf den Grund gehen, warum eigentlich?

Ein paar Querfragen an Papa, an die Schwester und den Bruder und schon hatte die „Staatsanwältin“ den Hauptschuldigen ausgemacht …

… es blieb nicht nur bei ein paar Belehrungen, nein es setzte schon ein paar Schläge auf den Hosenboden, denn wir hatten noch die antiautoritäre Erziehung, alles Andere kam erst viel, viel später. Die Demokratie, auch das großzügige Vergeben musste langsam in den folgenden Jahren erst gelehrt und erlernt werden, Eltern, Erwachsene, Lehrer und Pfarrer waren Respekt-Personen und da sollte sicherlich noch so manches Exempel statuiert werden.

Mutter wurde erneut schwanger und Ende Juli kam unsere SchwesterSarahauf die Welt und es war gerade Hochsaison für Gäste am Walchensee. Eines Sonntag-Nachmittags wurde bei uns zu Hause nach der ortsansässigen Allgemein-Ärztin gerufen und diese ging mit unserer Mutter ins Nebenzimmer und nach einiger Zeit, so erinnerte ich mich noch Heute, durften wir unser neues Schwesterlein bestaunen, was natürlicher Weise der „Klapperstorch“ gebracht hatte.

Viel Ruhe- und Erholungszeit gönnte sich unsere Mutter nicht, der Alltag hatte für Alle seine Pflichten und wir konnten zum ersten Mal miterleben, wie so ein kleines Menschenkind heran wächst. Es war eine schöne erlebnisreiche Zeit mit kleinen Streitereien, wer nun die Milchflasche halten durfte oder wer den Stubenwagen hin und her fahren sollte, damit Sarah einschlief. Siegfried war dabei groß im Vorteil, denn er war noch nicht eingeschult und somit den ganzen Vormittag zu Hause und er ging dabei unserer Mutter mehr als zur Hand, zum Leidwesen von Sarrina und Severin. Dieser vorwitzige Knabe genoss das Heranwachsen seiner Schwester.

Wir hatten Hochsommer und die Schulferien standen an, Sarrina hatte die erste Klasse gut absolviert und Severin machte keine größere Sorgen.

Sehr lieb gewonnene Dauergäste stellten sich als Taufpaten zur Verfügung.

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Vater war durch die schwere Arbeit im Steinbruch sehr schwer am Rücken erkrankt, musste zum Teil ein Korsett tragen und durfte nicht mehr schwer heben, es ergab sich der Verdienst durch Heimarbeit von einem ansässigen Werk für Reißverschlüsse.

Vorsorglich, im Sinne der Selbstversorgung und zur Absicherung unseres kleinen Wohlstandes, kauften unsere Eltern noch ein weiteres Grundstück mit Wasserlauf, unterhalb des Hauses, dazu. Hier entstand ein wahres Paradies für freilaufende Hühner, Enten und Gänse, sogar Puten, Stallhasen und ein Schäferhund Rüde namens „Batzi“

waren unser Eigen.

Unsere Mutter erinnerte sich sehr gerne an drei, unserer weißen Großhühner, die so anhänglich und Personen bezogen waren. Sie liefen unserer Mutter überall hinterher, ging unsere Mutter zum Einkaufen in den Ort, so schlüpften diese Drei irgendwo durch den Zaun und folgten unserer Mutter, das Dorf amüsierte sich stets über diese Begleitung, und Mutter musste sehr oft diese Tiere erst zurück bringen und in den Stall sperren, bevor sie ihre Einkäufe erledigen konnte.

Das Geschäft mit den Hühnern und den gelegten Eiern entwickelte sich sehr gut, Severin trug die Eierbestellungen mehrmals, wöchentlich im Dorf aus, den die Qualität und die Frische entsprachen damals schon dem heutigen Bio-Level. Severin war damals auch schon ein kleiner Rechenkünstler, er besserte sein Taschengeld damit auf, dass er einige Pfennige bei der Auslieferung, als Service aufschlug.

Dieser Service-Zuschlag war aber sicherlich auch berechtigt, denn Severin musste die schwere Last per Pedes, also zu Fuß, zu den Kunden bringen, denn ein Fahrrad, so wie es Heute schon bei Kleinkindern üblich ist, gab es nicht. Papa hatte als Einziger ein großes Herrenrad mit Querstange und mit diesem fuhr er sechs Mal in der Woche, in den Steinbruch, um den Lebens-Unterhalt zu verdienen.

Inzwischen hatten wir auch einen Wasser- und Stromanschluss im Haus und im Sommer zahlreiche Gäste. Unsere beiden Nebenverdienste erwiesen sich als Goldgrube, unsere Eier und auch die geschlachteten Hühner waren sehr gefragt, von einer größeren Farm kauften wir manchmal Eier dazu.

Einmal die Woche war Schlachttag, eigentlich sollten wir dieses notwendige Schauspiel nicht mitbekommen und so wurde dieses „Gemetzel“ am Vormittag durch unsere Mutter ausgeführt, die Großen waren in der Schule, Sarah war noch ein Baby, schlummernd im Stubenwagen und Siegfried war ein aufgewecktes „Bürschlein“, im Vorschulalter ohne Vorschule! Was lag da näher der Mutter einmal heimlich beim Schlachten zu zusehen, aus einer gut getarnten Entfernung.

Mutti hatte da schon ihre Methode des friedvollen Schlachtens, die Hühner wurden kopfüber an den Füssen gepackt zwei, dreimal schnell im Kreis geschleudert und so benommen auf den Hackstock gelegt und das Beil erledigte das arme Hühnerleben.

Nur bei diesem heimlichen Zuschauen hatte Siegfried sich durch ein Geräusch verraten, es fiel etwas laut um und Mutter ließ das Huhn los und es flatterte kopflos in den nahen Obstbaum. Nun musste erst einmal dieses Geschöpf wieder eingefangen werden und dann gab es die fällige Moralpredigt, aber das Zuschauen war es Siegfried wert und so kam ich als Knirps hinter das Geheimnis des Schlachtens …

1952 kauften wir unser erstes gemeinsames Auto, es war ein Lloyd 400, unser Plastik-Bomber, obwohl er gar nicht soviel Plastik hatte, sondern in der Karosserie viel Sperrholz verbaut wurde!

Es war ein Kleinwagen von der Firma Borgward mit 396 ccm und 13 PS, ohne Heizung und sehr sparsam, er brachte uns überall hin, manchmal mit kleinen Pannen, die wurden aber sehr schnell behoben, sehr oft wurde das Auto für Vaters Eiertransport bis zu den Münchner Hotels genutzt …

Bei all dieser Arbeit, gab es auch viel Spaß und nette Stunden mit den Gästen. In der nicht so gastfreundlichen Zeit lebten wir hauptsächlich von der Heimarbeit, dem Zusammenbau von den Reißverschlüssen und deren Schieber, die größeren Kinder durften zur Unterstützung schon einmal mit helfen.

Vater war inzwischen schon zum Frührentner abgestempelt, die Rente war gering, aber irgendwie ging es immer weiter …

… in dieser Zeit wohnten auch Oma und Opa, die Eltern von Papa in unserem Haus, sie waren auch aus ihrer Heimat im Sudetenland ausgewiesen worden und hatten noch keine andere Bleibe gefunden, später zogen sie an die Schweizer Grenze, nach Säckingen am Rhein.

Für uns Kinder gab es nichts Schöneres als Oma und Opa, nun wohnten sie bei uns im Haus und es waren nun drei Generationen unter einem Dach vereint und ob es eine gute Idee der Erwachsenen war oder ein Versuch des gemeinschaftlichen Zusammenlebens oder es nur eine Zweckgemeinschaft war, wir Kinder hatten uns keine Gedanken diesbezüglich auferlegt, sie waren da und es war gut so …