Der Ehe Mutant - Esperanza Hope - E-Book

Der Ehe Mutant E-Book

Esperanza Hope

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Beschreibung

Lydia, eine junge Muttern drei Kindern erfährt die Schattenseiten einer halb südamerikanischen Ehe mit einem Mann, dessen wahrer Charakter allmählich zum Vorschein kommt. Vom charmanten und hilfsbereiten Latin Lover mutiert dieser über Monate zu einem manipulierenden und aggressiven Ehemann mit Don-Juan-Komplex. Jegliche Hoffnung auf ein scheinbar versöhnliches Ende stirbt an einem Samstagabend, dem 12. Juli. Hilfesuchend wendet sich Lydia an verschiedene Ämter und Organisationen, doch statt Unterstützung erfährt sie Hohn und Parteilichkeit zu Gunsten ihres Ehemanns. Derweil taucht dieser unter und eröffnet einen hinterhältigen Kampf voller Lügen und Intrigen gegen Lydia.

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Buch

Für die junge deutsche Steuerfachangestellte Lydia wird das bisherige Familienglück an der Seite des charmanten und romantischen Südamerikaners Aquiles zu einer Tretmühle aus Liebesentzug, Hörigkeit und Gewalt. Immer mehr kommt Aquiles wahrer Charakter, der eines aggressiven und manipulativen Mannes, mit Don-Juan-Komplex zum Vorschein, während er nach Aussen hin seine Opferrolle als liebevoller und besorgter Ehemann gekonnt in Szene setzt. Worte und Taten sind nichts weiter als das Drehbuch seines Schauspiels, mit dem er Frauen erst auf Händen trägt und dann beginnt sie bis zum Ende zu demütigen. Schliesslich verlässt Aquiles, unter dem Vorwand der Selbstfindung und Reue, die Familie und gemeinsame Wohnung. Für Lydia und ihre drei Kinder scheint Ruhe und Frieden einzukehren, bis zu jenem 12. Juli. Verzweifelt und voller Sorge um ihre Kinder wendet sich Lydia an verschiedene Hilfsorganisationen und das Jugendamt. Entgegen jeglicher Hilfestellungen erfährt Lydia lediglich Hohn und Parteilichkeit zu Gunsten von Aquiles. Der scheinbare Befreiungsschlag ist nichts weiter als der Auftakt eines unerbittlichen Kampfes aus dem Hinterhalt. Aquiles sind alle Mittel und Wege recht um Lydia zu Fall zu bringen. Unwissend bringt er damit ganz andere Steine ins Rollen.

Autobiografischer Roman- Teil 1 -

In Liebe zu meinen Kindern, in vollstem Vertrauen auf eine schöne Zukunft.

In Erinnerung an Eure Geburten, in Dankbarkeit an das schönste Geschenk auf Erden.

Meinen Kindern und meiner Familie sei Dank, Dank für all Eure Unterstützung Eure Liebe, in der bisher schwersten Zeit, aus der wir gemeinsam gestärkt hervor treten.

Mögen wir gemeinsam die Erinnerungen bewahren, Erinnerungen an so manch schöne Momente mit Eurem Vater, dem Schwiegersohn, dem Schwager - meinem Mann, doch auch gewarnt sein vor all dem was noch kommen mag.

Was einst mit Liebe begann…… brachte uns Schmerz, Wut und Trauer d‘rum nahmen wir uns bei der Hand, stärkten uns und wurden endlich eine richtige Familie!

Ich liebe Euch:meine drei Kinder meine Eltern und meinen Bruder.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel VIV

Kapitel X

I

Okay. Ganz ruhig. Einfach tief durchatmen. Ein ganz normaler Montag. Ein Montag wie jeder andere auch. Gut ,vielleicht nicht ganz normal. Liegt nur an den schräg laufenden und quer einschiessenden Gedanken. Ist doch alles bloss eine Frage der inneren Überzeugung. Verdammt! Welche Überzeugung? Ich spreche andauernd in Gedanken mit mir selbst. Auf eine Überzeugung bin ich da noch nicht wirklich gestoßen. Oder doch?

Lydia, einfach optimistischer denken und entschlossen Deinen Weg gehen. Glaube kann bekanntlich Berge versetzen. Gut! Die Frage ist nur, welchen Weg soll ich gehen? Ist der Weg den ich eingeschlagen habe wirklich der Weg, den ich gehen wollte oder unter anderen Umständen auch gehen würde? Vielleicht ist es nur die letzte Möglichkeit, um nicht einen „Abgrund“ hinunter zu stürzen. Ach, was weiss ich.

Denk an Deine Kinder! Die Kinder! Um jeden Preis sollen sie endlich ein echtes Familienleben bekommen. Du hast ein Jahr durchgehalten und bist am Ende über Dich hinaus gewachsen. Bin ich das wirklich?

Ich fühle mich zum kotzen. Mein Kopf tut weh. Meine Augen brennen und sind tausend Mal schwerer als gestern Abend. Ich höre das Herz in meinen Ohren rasen. Ansonsten ist da nur noch rauschen. Nicht aber das Rauschen der nassen Strasse, das durch das offene Fenster in mein Zimmer dringt, nein ein Rauschen in mir selbst.

Eine halbe Stunde vor dem Klingeln des Weckers war ich schon wach und habe noch immer keine Kraft aufzustehen. Möchte mich verkriechen, den Tag vorspulen und all die Erinnerungen die ER in mir erweckt vernichten. Einfach auf „delete“ klicken und dann weiter machen, mit dem was geblieben ist. Das Wichtigste auf Erden, die Liebe zu meinen Kindern.

Mein Nacken ist völlig verspannt und mein Mund ist trocken. Sicher habe ich bei all den Alpträumen mit offenem Mund geschlafen. Schreckliche Vorstellung. Gut, dass mich keiner so gesehen hat. Sicher wäre ich da vor mir selbst weggelaufen.

Dabei ist das doch das natürlichste auf der Welt, schließlich haben wir Nachts keine Kontrolle über uns selbst und der Körper tut was er will. Zugegeben, der Gedanke ist echt schräg. Verdammt komischer Tag heute. Generell sind Montage eine Herausforderung.

Ein Montag morgen mit drei Kindern ist dann noch mal eine Messlatte höher anzusetzen. Muss aber sagen, dafür klappt es wirklich prima. Jetzt aber, wo einhunderttausendmillionen Fragezeichen und Gedanken durch meinen Kopf fegen und weder sortiert noch strukturiert werden können, gefällt mir das frühe Aufstehen absolut nicht. Im Gegenteil.

Tja und dann ist heute noch der 3.11.. Für mich, die ich absolut nicht abergläubisch bin, eine Art Freitag der dreizehnte, ein schwarzer Freitag. Wenn etwas schief zu laufen hat, dann wird es heute so sein. Garantiert. Noch einmal schließe ich die Augen. Atme ruhig und tief durch. Das Kopfkissen schmiegt sich eng an meine Wange. Mich fröstelt es. Verkrampfe mich unter der Decke.

Die vergangenen Jahre war der 3.11. immer ein Tag des Glücks für mich gewesen. Bedeutsam und voller Hoffnung. In diesem Jahr nicht mehr. So richtig fassen kann ich es nicht. Bin irritiert. Es wäre so schön, wenn…. Ist es aber nicht. Wird es auch nicht mehr. Punkt aus Ende.

Einfach vergessen und die Vergangenheit ruhen lassen. So schwer kann es doch gar nicht sein. Ist es sicher auch nicht. Zumindest, wenn man es geschafft hat und zurückblickt. Doch ich fühle mich unvorbereitet. Dummes Wort. Klingt eher nach fehlender Übung vor einer Klausur. Trotzdem passt es irgendwie. Keiner ist vorbereitet, wenn man von heute auf morgen den Boden unter den Füssen verliert.

In all den Gesprächen mit meinem Supervisor, den ich insgeheim immer „El Silencio“ nenne, war es mir theoretisch einfach gefallen. Anhand von praktischen Übungen hatte er mich immer und immer wieder selbst spüren lassen, dass festhalten bei weitem schmerzhafter ist, als loslassen. Im Geiste hat es geklappt. Erschien mir logisch und einfach. In der Praxis sieht die Welt ganz anders aus. Jeden Tag spüre ich diese Angst vor der Einsamkeit, die Angst zu früh einen Schlussstrich gezogen zu haben und der Hoffnung entflohen zu sein. Es ist quatsch, denn längst hätte ich „Stopp“ sagen müssen, Aquiles in Schranken weisen müssen und mehr Achtung vor mir selbst unter Beweis stellen sollen.

Weiter und weiter rennt mein Herz einem Wunschbild hinterher. Einem Traum von einer heilen Familie. Einer Ehe voller Vertrauen, Liebe und Respekt. Ich möchte loslassen. Mir fehlt die Kraft. Was passiert, wenn ich endgültig loslasse? Möchte mich befreien, von dieser erdrückenden Last, die mehr und mehr die Freude am täglichen Leben raubt. Die weiter meine Gedanken kreisen lässt, mich in eine Abhängigkeit bringt, die eigentlich schon gebrochen ist.

Aquiles klebt an mir wie eine Klette. Bis zum Schluss, so scheint es mir, will er mit aller Kraft weiter Kontrolle über mich, mein Leben und vor allem Gefühle und Gedanken haben. Seine Macht demonstrieren und mich weiter aussaugen, obwohl er längst ein neues Opfer in seinen Klauen hat. Mein Leben hat neu begonnen, wenngleich auch auf Basis eines erschreckenden Endes. Heimlich schleicht er sich in meinen Kopf und lässt mich in Erinnerungen schwelgen.

Am Ende ist es purer Selbstbetrug. Von wegen er und eine Klette. Einer Klette könnte ich mich entledigen. Sie abreissen und zu Boden schmeissen. Selbst meine Kinder könnten das. Die Realität ist weitaus schmerzhafter, viel verbundener mit Herz und Verstand. Vielleicht will ich einfach nicht daran reissen, aus Angst die Wunde zu gross werden zu lassen. Er saugt an mir, fortwährend, wie ein Egel und ernährt sich an mir, versucht seine bösen Gedanken und seine eiskalten Pläne in mir Frucht tragen zu lassen. All die Jahre war ich Brutstation für seine Wünsche, habe mich schwächen lassen in der Hoffnung auf Belohnung und Liebe.

Ich wäre zu Grunde gegangen, garantiert. Er ging. Einfach so von heut auf morgen, nachdem er mich zutiefst verletzt und gedemütigt hat, mir alles nahm was für mich Bedeutung hatte und meine Liebe mit Füssen trat. Er ging ohne Rücksicht auf mich und die Kinder. Immer und immer wieder wickelt er Frauen um seinen Finger, saugt sie aus und entledigt sich am Ende ihrer leblosen Hüllen. Er hat nicht nur mir weh getan. Ich war nicht die Erste, die ihm zum Opfer fiel und werde nicht die Letzte sein.

Stopp Lydia! Sei gnädig mit dir selbst. Lass dich nicht jetzt, wo er fort ist, weiter hinunterreissen. Es ist an der Zeit den Neuanfang beim Schopf zu packen und sich an dem, was du hast zu erfreuen. Mir laufen die Tränen aus den Augen. Langsam kullern sie über meine Wangen und tropfen in meine Ohren. Mit aller Gewalt versuche ich mich dem Gefühlsausbruch zur Wehr zu setzen. Ich hasse es zu weinen. Nein eigentlich nicht. Wegen ihm habe ich angefangen es zu hassen. Mich dafür zu schämen.

All die Jahre hat Aquiles mich ausgelacht wenn ich weinte. Hatte sich dann hämisch grinsend neben mich gesetzt. Grimassen geschnitten und mich sarkastisch imitiert. Es tat weh. Ich hatte weinen wollen, so manches mal weinen müssen, weil Aquiles mir schon zuvor weh getan hatte. Im Streit nannte er mich immer und immer wieder „Schlampe“, baute sich drohend vor mir auf oder schupste mich provokant durch die Gegend. Ich hatte Angst. So oft war ich wie gelähmt. Angespannt stand ich da, wie ein kleines Kind vor einem viel zu strengen Lehrer.

Irgendwann schossen die Tränen aus den Augen. Ich konnte sie nicht zurückhalten, wandte mich ab und verbarg mein Gesicht und meine Gefühle vor meinem eigenen Ehemann. Da war kein Respekt und schon gar kein Verständnis für das was ich empfand.

Jede meiner Tränen war ihm zuwider. Strafte mich erst recht dafür zu weinen und nannte es nicht selten eine bösartige Waffe der Frau. Aquiles glaubte, meine Tränen sollten ein Mittel zum Zweck sein, dabei war es einfach das was ich fühlte. Sei es Angst oder auch Mitleid. Immerzu fühlte er sich von meiner Offenheit angegriffen, konnte der ehrlichen Ehrlichkeit nichts abgewinnen und lief letztendlich jedes Mal davon.

So oft ich weinend zu Boden gesunken war, kraftlos, beschämt und tief verletzt. Im Grunde war ich, selbst liegend stärker als er. Nicht nur ich war Opfer seiner stärker zum Vorschein tretenden Gefühlskälte, wenngleich er genau dieses Wort mir in die Schuhe schob. Meinen Charakter als unfähig zu lieben und egoistisch bezeichnete. Mir einredend ohne ihn nichts und niemand zu sein, ausser Stande eine Beziehung zu führen, versagend in meiner eigenen Intelligenz. Natürlich stellte sich Aquiles dann als Gönner dar, als einziger Mann der mich zu nehmen wusste, mich verstehen würde und mich so liebte wie ich nun einmal geworden war.

Den Kindern hatte er regelrecht verboten zu weinen. Fiel eines der Kinder hin und weinte, mahnte er umgehend zur Ruhe. Lief ich auf unser Kind zu, als tröstender Beistand, als helfende Hand eines kleinen Lebewesens, dass auf Hilfe und Liebe angewiesen war, dann erlebten wir gemeinsam wieder und wieder ein Donnerwetter. Es wäre meine Schuld die Kinder zu verweichlichen, sie unzureichend auf das wahre Leben vorzubereiten. Weinen ohne namhaften Grund, war ohnehin verpönt. Bei mir, bei den Kindern.

Unausgesprochene Erwartungen seinerseits, als auch knallhart formulierte Leistungsanforderungen brachten die Kinder oft zum Weinen. Ständig war ich auf dem Sprung, um eingreifen zu können, aufzuspringen ehe er sich den Kindern nähern würde. Auch auf die Gefahr hin erneut von ihm, auch vor den Kindern gedemütigt zu werden musste ich sie schützen. Mir brannte es im Herzen, meine Seele krümmte sich vor Schmerzen und doch kämpfte ich um Aquiles, hoffte es läge alles nur an seiner schlimmen Kindheit. Wollte an seiner Seite stehen, ihm den Rücken stärken wenn er seine Erlebnisse aufarbeitete und erduldete was er mir antat.

Sieben Jahre lang habe ich mir eingeredet es wäre das Beste meine eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen. Der Kinder Willen zu schweigen und nichts nach Aussen dringen zu lassen. Schenkte ihm all die Liebe, die ich in mir trug und glaubte fest daran, wahre Liebe könnte uns helfen.

Gegen die eigenen Gefühle anzukämpfen macht hart. Ich biss mir auf die Zunge, machet Fäuste in der Tasche und sang im Geiste Lieder, um meine Gefühle auf eine andere Spur zu leiten, abzulenken von dem was ich eigentlich in mir aufsteigen fühlte. Heute kann ich nicht mehr weinen. Alleine vielleicht. Ja, manches Mal. Aber nur dann, wenn ich mich fallen lasse, wenn ich den wahren Gefühlen Raum gebe. Vor anderen geht es nicht. Ich schäme mich.

Unmenschlich, dass ein dreifachen Vater seinen eigenen Kindern das Weinen verbietet und sowohl Kinder und Ehefrau dafür massregelt und verbal züchtigt. Wir mussten leiden, innerlich leiden. Dabei war es Aquiles, der bei Gesprächen über seine Kindheit oder nach seinen Aggressionsschüben wie ein Häufchen Elend zu Boden sank und weinte. Immer wieder hatte er zum Ende hin bei Ärzten, auf Ämtern oder anderen sozialen Stellen seine Tränen geschickt einzusetzen gewusst. Er verkroch sich in einer Opferrolle und setzte sie geschickt gegen all die Menschen ein, die ihn wirklich liebten.

Nun bin ich frei von diesem Mann der uns das Weinen verbot und trotzdem nicht wirklich frei. Zu sehr hat sich mein Kopf daran gewöhnt Gefühle zu verbergen.

Ich nenne sie negative Gefühle, weil sie in all den Jahren zu eben solchen deklariert worden waren. Lachen war gern gesehen, kein Problem. Nur waren Wut, Angst und Trauer ungebetene Gäste und in Aquiles Augen ein negativer Part meines deutschen Charakters. In mir fühle ich eine Mischung aus Verachtung, Wut und Zorn. Auf der anderen Seite sind da die Gefühle unerfüllter Liebe, fehlender Aufmerksamkeit und einem Hauch von Resignation.

Fühle mich ausgenutzt, zutiefst verletzt und bisweilen dreckig und unfähig zu handeln. Mit unserer Hochzeit hatte ich ihm mein Leben anvertraut, mein Herz geschenkt und meinen Alltag darauf ausgerichtet ihm eine gute und liebevolle Ehefrau zu sein. Gedankt hat er es mit Gewalt, Betrug und Missbrauch.

Das letzte bisschen Ehre, das ich in mir spüre und die Liebe zwischen mir und meinen Kindern treibt mich an, jeden Tag aufs Neue zu kämpfen, Aquiles die Stirn zu bieten und mich nie wieder von ihm demütigen zu lassen. Meine Brust erscheint mir wie zugeschnürt. Mein Hals ist so eng und mein ganzer Körper angespannt wie vor einer Prüfung. Krampfhaft versuche ich mich aus diesem Zustand zu befreien. Meine geistigen Fesseln zu lösen. Versuche mich abzulenken von dem was mich nieder reisst. Wild suchen meine Augen halt an etwas in meinem Zimmer. Mich auf irgendetwas, was mich umgibt zu konzentrieren und neue Gedankengänge zu entwickeln.

Die Lampe, die Decke, die Bilder, der Spiegel oder die Schränke. Doch mein Unterbewusstsein spielt mir immer wieder einen Streich. Führt mich zurück in meine Gedanken. Die Erinnerungen schlagen Wellen in meinem Kopf. Es tut fürchterlich weh und doch ist ein wenig erlösend. Irgendwie. Alles in diesem Raum gehört mir. Nichts von dem was hier steht oder hängt wurde jemals von Aquiles gekauft, nicht einmal von uns gemeinsam. Im Gegenteil. Die Möbel, bis auf das Bett, sind noch aus der Zeit meiner Jugend. Aus der Zeit als ich noch zu Hause bei meinen Eltern wohnte. Was also sollte mich dann an ihn erinnern? Gute Frage, die sich meine Gedanken allerdings nicht stellen.

Aquiles hatte nie etwas zu unserem gemeinsamen Leben beigetragen. Die Möbel aus der gesamten Wohnung kamen von mir mit in die Ehe. Nun gut, ausser unserem ehemalige Kleiderschrank, den hatte Aquiles tatsächlich doch mit in die Ehe gebracht. Zum einen weil er zu faul gewesen war, meine noch auseinander gebauten Schrankelemente aus dem Keller zu holen und aufzubauen und zum anderen bevorzugte er den Kleiderschrank seiner Ex-Frau, dem grossen Spiegel wegen. Das wurde mir allerdings erst nach einigen Monaten und verschiedensten Stellungen, wirklich bewusst. Notwendige Anschaffungen habe immer ich getätigt. Aquiles hatte weder das Geld noch das Interesse sich daran zu beteiligen. Am Anfang war es mir egal, denn mir war es wichtig gemütlich zu wohnen, mich wohl fühlen zu können und das Notwendigste zu haben. Aquiles hingegen nahm es wie es kam.

Während Aquiles das für die Familie verdiente Geld, als auch zunehmend mein Erspartes für seine Liebschaften und abendlichen Diskobesuche verprasste, bekam ich für jeden Euro den ich in Haushalt oder die Garderobe der Kinder investierte ärger. Für mich selbst etwas zu kaufen, war nahezu tabu. Allerdings passte das nicht zu seiner Lieblingsvorstellung, die Ehefrau in neuer Unterwäsche und aus dem Ei gepellt auf dem Sofa lasziv posierend solle ihn, wenn nötig auch weit nach Mitternacht, gebührend in Empfang nehmen und seine Fantasien realisieren.

Wie ich das anstellen würde, ohne Geld auszugeben, war unerheblich. Fakt war, dass ich Geld nicht ungefragt auszugeben hatte.

„Wie ich sehe, hast du schon wieder etwas gekauft. Abgesprochen war das nicht!“

„Du fragst mich doch auch nie was du mit deinem Geld machen kannst. Von dem was du verdienst, kommt nie ein Cent hier an. Ich möchte es einfach schön haben zu Hause.“

„Du benimmst dich wie der Herr im Haus. Wie ein Kerl. Dann kannst du es dir ja demnächst auch direkt selbst besorgen.“

„Was soll denn das jetzt? Kannst du bitte mal oberhalb der Gürtellinie argumentieren.“

„Das musst du gerade sagen. Wer hat denn hier wen betrogen und sich damit als Schlampe geoutet?“

„Auf der Ebene möchte ich mit dir nicht weiter diskutieren.“

„Gut, weil ich diskutiere auch nicht mit einer Frau, die sich wie ein Mann aufführt.“

„Macho! Ich habe ja wohl kaum eine andere Chance, wenn du andauernd alles vergisst. Nie bist du da wenn wir dich brauchen. Erinnere dich doch bitte mal an letztes Jahr Januar. Den gemeinsamen Familienurlaub hast du aus vollen Zügen genossen. Wer hat es ermöglicht? Ich. Von dem wenigen Geld was ich bekomme, spare ich jeden Cent, nur damit wir uns auch mal einen Urlaub leisten können. Als Familie, zusammen! Täglich stecke ich für mich zurück und wirtschafte haargenau, damit ich uns mit wenig Geld ein gemütliches Heim bieten kann. Wo bleibt denn dein Beitrag?“

„Du weisst genau, dass es mit der Firma nicht so gut läuft.“

„Lüg mich nicht immer an Aquiles. Laut Buchhaltung schreibst du schwarze Zahlen und müsstet pro Monat locker fünfhundert Euro zu Hause beisteuern können. Ich sehe doch, was auf dein Konto geht und welche Rechnungen an die Kunden raus gehen. Wo bleibt das ganze Geld denn, wenn du andauernd pleite bist und dir sogar noch von mir Geld leihen musst?“

„Guck hier, in meiner Hosentasche sind grad mal zweiundzwanzig Cent. Anscheinend machst du die Buchhaltung falsch, wenn du da Gewinne siehst.“

„Klar, bei anderen die Schuld zu suchen ist am einfachsten. Vielleicht solltest du dem Finanzamt mal deine nicht wirklich offiziellen Betriebsausgaben erläutern. Belege dafür gibt es nämlich nicht, die erklären würden, wo all das Geld bleibt.“

„Hör mal auf damit, du machst mich wütend Lydia. Willst du das, ja? Soll ich wieder böse werden? Ihr seid alles was ich habe und wenn ich genug Geld übrig hätte, würde ich euch alles geben was ihr braucht und wünscht. Du solltest mich langsam kennen.“

„Das dachte ich auch, aber ich kenne dich von Tag zu Tag weniger. Du veränderst dich immer mehr.“

„Ich war immer schon so. Du veränderst dich und deine Vorstellung. Du willst in mir jemand sehen, der ich nicht bin und nie war.“

„Das stimmt nicht. Ich habe dich als charmanten, romantischen und sehr liebevollen Mann kennen gelernt, der sich für die Belange seiner Frau interessiert, der sich ein harmonisches Zuhause und eine Familie wünscht, mit dem man gut reden kann und hilfsbereit für einen da ist. Jetzt redest du gar nicht mehr mit mir, nicht einmal mehr über deinen Arbeitstag. Für andere hast du immer Zeit. Deine Mitarbeiterinnen und Kundinnen können dich bis spät in die Nacht anrufen und für deren Mütter oder sonst wen fährst du stundenlang durch die Gegend, besuchst sie im Krankenhaus, renovierst und kaufst ein. Bei uns nervt dich jede kleine Bitte, jede Gefälligkeit wird zu viel. Seit Jahren weigerst du dich hier mit anzupacken, mal zu renovieren oder zu reparieren. Alles muss ich allein machen. Selbst als wir alle vier und bedenke das Armando damals noch ein Säugling war, mit Magen- Darm Virus völlig kraftlos zu Hause herum lagen, hast du es vorgezogen Party machen zu gehen und dich über achtundvierzig Stunden nicht auf unsere Anrufe zu melden. Meine Eltern musste ich morgens um fünf aus dem Bett klingeln, weil ich nicht mehr konnte. Sturz besoffen und wie unter Drogen stehend bist du erst zwei Tage später kurz vor Mittag nach Hause gekommen.“

„Mein Akku war leer gewesen und ich hatte eine Autopanne auf der Autobahn. Habe ich dir erzählt!“

„Oh ja. Aber heute glaube ich dir deine Lügen nicht mehr. Wenn man von der Autobahn aus per SOS-Melder Hilfe holt, dann ist das gemeldet, dann wird man dich auch deine Familie anrufen lassen. Aber angeblich war ja niemand gekommen, der dich abschleppen konnte oder so. So ein quatsch. Komischerweise läuft der Wagen nun auch ohne Reparatur seit über einem Jahr einwandfrei. Und ein leerer Akku, dann hat man die Mailbox dran. Bei dir war es aber anders. Der Ruf ging ab, ganz normal.“

„Dein Problem, wenn du mir nicht glauben willst. Wirst schon sehen was du davon hast. Weisst du was, geh doch du arbeiten, wenn du immer alles besser weisst und kannst.“

„Tolles Argument auf deine Lügengeschichten. Diese Diskussion führen wir seit Jahren und ich lasse mich von Dir nicht in ein Büro schicken, während ich parallel noch deine Firma leite, mich um Ablage und Buchhaltung kümmere, sowie um deine Termine, nebst Haushalt, Kindererziehung und Einkäufen. Sicher nicht. Denn du tust absolut nichts für deine Familie. Du lebst in deiner eigenen Fantasiewelt, in der deiner Meinung nach die Frau möglichst weiblich und herausgeputzt in Unterwäsche auf dich wartend, dich abends nach Mitternacht empfängt, sich tagsüber um Haus und Kinder gekümmert hat und parallel noch arbeiten geht um das Geld bei dir abzuliefern. Und da sagst du allen Ernstes, du wärest kein Macho?“

„Lydia, es reicht. Du bist krank. Geh mal zum Arzt. Lass dich einweisen.“

„Ja, wenn du so weiter machst sicherlich. Du hast immer nur Worte und Beleidigungen parat, aber am Ende kneifst du vor der Verantwortung. Immer stellst du dich als Opfer dar, obwohl die Realität so weit entfernt ist von deiner Opferrolle, wie der erste Tag der Menschheit vom heutigen Tag. Wer war denn in einer Klinik?“

„Ich. Na und? Weil du mich krank machst mit deinem schlechten Charakter.“

„Danke. Ich weiss, so siehst du das. Hast den Ärzten ja auch ganz toll zu Protokoll gegeben, dass du unter Panikattacken leidest, da deine Frau dich ständig auffordert mehr im Haushalt zu tun und Geld nach Hause zu bringen. Du armer Mann du. Erzählst denen, du würdest von morgens sechs bis abends nach Mitternacht arbeiten. Hallo? Guckst du dabei in den Spiegel und merkst mal was du da redest? Du gehst fünf Mal die Woche zum Sport bis um elf abends. Dann noch was trinken oder sonst wo hin. Laut Terminplaner hast du höchsten vier Kunden pro Woche, die vielleicht zwei Stunden im Durchschnitt in Anspruch nehmen. Du stehst nie vor acht Uhr auf, bringst die Kinder immer auf den letzten Drücker in den Kindergarten, während ich zwischen Frühstück und Kindergeschrei noch für dich Rechnungen schreiben muss, da du mal wieder abends alles vergessen hast und auf dem Sofa eingeschlafen bist. Fünfhundert Euro fehlen monatlich in der Kasse und du bist nicht mal in der Lage wenn es draussen regnete wie sau oder die Kinder krank sind, für uns unter der Woche einkaufen zu gehen oder mal mitzuhelfen oder zu kochen, wenn ich krank bin und du sogar frei hast. Das nennst du Überbelastung? Du hättest besser sagen sollen du bist allergisch gegen nichts tun oder leidest an „Faulität“ oder so.“

„Ja, laber laber. Du hast mal wieder Recht und ich habe meine Ruhe. Ich verpiss mich. Du hast mir mal wieder gezeigt, warum ich keinen Bock mehr habe Euch zu sehen.“

„Ja, genau lauf wieder weg. Armer Mann du! Und wieso „Euch“? Was können die Kinder dafür?“

„Ach, die gehen mir auf den Sack mit ihrer ewigen Maulerei und Heulerei.“

Endlose Diskussionen, die all die Jahre zu nichts führten. Irgendwie konnte ich aber auch nicht meinen Mund halten und wollte wirklich das letzte Wort haben. So als wollte ich mir selbst beweisen, dass ich doch in der Lage wäre mich gegen ihn zu behaupten, den Mund auf zu machen und zu zeigen „Hallo, ich bin noch da und ich habe eigene Gedanken“.

Schlimm wurde es immer, wenn er nicht ging, sondern ausrastete und mich dann erst recht fertig machte oder den Spieß so herum drehte, dass er sich weinend neben mich stellte, mich umarmte und nicht selten seine Schuld eingestand, sich als mies, unfähig, dumm und lieblos bezeichnete. Auf keinen Fall wollte ich zulassen, dass mein Mann sich schlecht fühlte oder an sich selbst zweifelte. Er änderte an seinen Taten nichts, schaffte es nur durch die gut gewählten Worte und Gesten in diesem Moment wieder mein Mitleid zu erwecken. Logischerweise, war es genau das er wollte. Ich sollte mich schuldig fühlen, ihm einreden wie wunderbar er wäre und dass ich ihn über alles liebte. Dann war er sich sicher, dass ich ihm weiter folgen würde, während er weiter das tat was ihm beliebte, selbst zum Schaden von Frau und Kindern. In seinen Augen war ich schuldig für all das was ihm widerfuhr. Nicht weil ich ich war, sondern weil ich tat was ich tat. So konträr es erscheint, es war in seinen Augen falsch ihn zu lieben und ihm das zu geben was er vermeintlich wünschte. Aus Kindheitstagen war er es gewohnt geschlagen und geknechtet zu werden.

Würde ich handeln wie seine Mutter oder sein Großvater, womöglich hätte ich mir dann seinen Respekt verdient und er wäre mir hörig. Statt dessen war ich bemüht für ihn zu sorgen, mich seiner an zu nehmen und ihm das Gefühl von Liebe, Familie und Geborgenheit zu geben. Eben das was er mit Füssen tritt und nicht annehmen kann oder will. Aquiles ist kein dummer Mensch. Im Gegenteil, ich weiss wie viel Potential in ihm steckt. Er ist einfach unfähig zu denken. Er handelt wie man ihm aufträgt und wenn es nur sein Kopf, seine Ängste und all seine Erlebnisse sind, die ihn zu einem Handeln ohne Denken zwingen. Unschuldig ist er dabei natürlich nicht, denn oft genug hatte er die Gelegenheit eine helfende Hand zu ergreifen, sich frei zu machen von dem was ihn lenkt. Er allein entschied sich, weiter seinen Plänen zu folgen und von Partnerschaft zu Partnerschaft zu hüpfen, um nichts empfinden zu müssen und in keine Pflicht genommen zu werden. Im Grunde ein armer Mensch. Geistig arm eben.

Zumindest hatte ich mir mit meiner „männlichen Führungsrolle“ die Auswahl der Möbel nicht mehr streitig machen lassen und dekoriert wie ich es wollte. Am Ende war ihm das nicht einmal mehr aufgefallen. Hatte keinen Sinn mehr für das gehabt was sich hier zu Hause veränderte. So als lebte er hier gar nicht und würde abends nur seinen ermatteten Körper zum Schlafen vorbei schicken. Von meinen Freundinnen hatte ich mir anhören müssen dass dies ja ein „typisches Männerproblem sei“. Finde ich aber nicht. Erstens kenne ich genügend Männer die nicht nur Stolz auf das „Händchen“ ihrer Frau sind, sondern auch die Veränderungen wohlwollend bemerken und zum Anderen war Aquiles früher anders. Dem Anschein nach ist er der Traumprinz schlecht hin. Genau das was sich jede Frau wünscht. Den verführerischen Latino, mit Geduld zum Zuhören, voller Hilfsbereitschaft und Interesse an Partnerin und deren Familie, mit einem Sinn für Ästhetik und einem wunderbaren Familiensinn. Irgendwann hatte es bei Aquiles aufgehört, da war nach und nach sein wahrer Charakter zum Vorschein getreten. Alles was er zu Anfang gelobt und geliebt hatte, wurde in seinen Augen nutzlos, wertlos und störend. Allem Anschein nach waren seine Augen und er selbst mit dem Anblick der vielen fremden Wohnungen seiner Liebschaften überfordert. Sicher war es kräftezehrend, andauernd in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen und immer wieder neue Lügengeschichten über sein Leben aufzutischen. Das einzige was immer gleich blieb, war seine schlechte Kindheit als auch seine hungernde Familie. Die einzigen beiden Geschichten die Wort für Wort gleich blieben all die Jahre über, als auch bei den unterschiedlichen Frauen. Ausbildungsberufe, sein Können als auch sein finanzieller Status wechselten dabei je nach weiblicher Vorliebe und deren familiärem Background.

Jetzt wo Aquiles weg war hatte ich mein ganzes Schlafzimmer umgestellt. Alle Möbel standen an einer anderen Stelle. Fein säuberlich hatte ich alle Erinnerungen vernichten wollen. Ein trügerisches Unterfangen, denn am Ende kann man nichts von dem was man erlebte löschen oder vergessen. Die Erinnerungen verblassen, bleiben aber immer im Kopf. Der Schrank am Fussende meines Bettes, das war immer „sein“ Schrank gewesen. Fünf Jahre lang hatte Aquiles seine Anziehsachen darin aufbewahrt. Hatte ich ihm die frisch gewaschene Wäsche einsortiert, den Schrank immer wieder neu aufgeräumt und ausrangiert, dann gegen neue Sachen ausgetauscht. Noch heute erinnre ich mich genau daran, wo welche Sachen gelegen haben, welche Hemden an der Stange gehangen hatten.

Der Geruch seiner Wäsche steigt mir in die Nase und lässt mich wieder sentimental werden. So als würde ich vor dem geöffneten Kleiderschrank stehen oder ihm beim Anziehen zuschauen. Manches Mal habe ich auf der Bettkante unseres Ehebettes gesessen und ihm zugeschaut, wie er sich Anziehsachen heraus suchte und sich anzog. Wie er mit seinem durchtrainierten Körper, dem Tattoo auf dem linken Oberarm vor mir stand und mir zu grinste, wenn ich ihn beobachtete. Er schämte sich, auch wenn er es nie zugab oder zugeben würde. Aquiles ist eigentlich ein schüchterner und sehr ängstlicher Mensch, auch wenn er mir gegenüber immer das Gegenteil beweisen wollte. Doch seine Feigheit war es am Ende, die ihn immer dazu veranlasste mich fertig zu machen, mich zu erniedrigen, um sich mir überlegen zu fühlen.

An der Innenseite der Türen hatten einst Fotos von uns gehangen. Fotos, die mein Bruder Nathanael sechs Monate nach unserem Kennenlernen von uns gemacht hatte. Im Hintergrund ein Weiher und das Gutshaus, nahe an meinem Elternhaus. Unsere Verliebtheit hatte man deutlich erkennen können und es war als würde sie durch die Bilder auf uns nieder springen. Eine Stoffhose trug er, mit Polohemd und einem braun gestreiften Pullover und dazu seine Lieblingsjacke, die schwarze Stoffjacke mit den vielen Taschen. Sie stand ihm ausserordentlich gut und ich liebte ihn darin zu sehen. Wie oft hatte er sie mir umgehängt, wenn ich gefroren hatte.

Unzählige Male waren Aquiles und ich hinunter in das Gut gegangen, wenn wir meine Eltern besuchten. Hatten dann stundenlang auf der Mauer oder der Wiese gesessen und Zukunftspläne geschmiedet, geknutscht und von einer grossen Kinderschar geträumt. Wunderschöne Augenblicke, die mich niemals hätten erahnen lassen, was dieser Mann für ein Spiel mit mir spielen würde.

Inzwischen sind die Fotos weg. Kurz nach seiner Ankündigung sich räumlich trennen zu müssen, um frei zu werden, zu sich selbst zu finden und mich wieder so lieben zu können wie früher, hatte er mich überreden wollen die Fotos abzuhängen.

„Mach doch die Fotos ab Schatz.“

„Wieso sollte ich? Nur weil du ausziehst, heisst das nicht dass ich dich vergessen will.“

„Na ich meine nur, vielleicht tut es dir weh mich immer zu sehen und zu wissen ich bin nicht mehr da.“

„Gut, mag sein, aber du bleibst doch in meinem Leben. Du hast gesagt wir trennen uns vorübergehend räumlich.“

„Ja schon, aber ich weiss ja nicht wie lange vorübergehend.“

„Wie jetzt?“

„Na ich muss erst mal Zeit für mich haben. Ruhe haben. Mich selbst finden und ich kann dir nicht sagen wann ich zurück komme. Natürlich werde ich dich immer lieben und dein Mann bleiben, aber nicht hier wohnen. Nicht so schnell wie du es hoffst denke ich.“

„Das macht mir Angst. Das klingt gar nicht nach dem was du mir vor ein paar Wochen gesagt hast. Ich dachte du gehst nur in eine WG oder zu einem Freund für ein paar Wochen oder Monate.“

„Nein, ich werde mir eine Wohnung suchen. Bzw. ich habe eine in Aussicht. In der Altstadt.“

„Aha, und wieso dort? Nicht wirklich günstig oder? Da kann man weder parken noch kannst du da schnell mal zu den Kunden fahren wo du arbeitest oder zum Sport gehst.“

„Mensch Lydia halt mal den Mund. Ich allein entscheide wo ich lebe und wie ich lebe.“

„Joa, nicht ganz. Du hast Familie und musst dich auch darum kümmern.“

„Erst mal muss ich mich um mich selbst kümmern. Dann sehen wir weiter. Du hast doch eh immer gesagt, dass ich hier nie helfe. Dann kannst du doch froh sein, wenn ich weg bin.“

„Du weisst genau was ich meinte und es ist nicht das selbe allein zu leben oder seinen Partner zu bitten mit anzupacken.“

„Ich würde die Fotos weg machen Lydia. Im Ernst. Tu sie weg.“

„Will ich nicht. Du bist ein Idiot, weisst du das? Wie kannst du mir so was sagen? Am Ende wirst du mich verlassen, genauso wie du es in den Ehen davor gemacht hast. Ich habe es kommen sehen und du hast mich weiter belogen. und was soll die Wohnung kosten?“

„Öhm so um die sechshundert Euro. Aber warm natürlich!“

„Waas? Tickst du ganz sauber Aquiles? Das ist ja fast so viel wie ich hier für diese riesen Wohnung bezahlen muss. Du hast es in den ganzen fünf Jahren nicht einmal geschafft nur einen Euro beizusteuern zu der Miete, geschweige denn zu den anderen Kosten und nun willst du dir `ne eigene Wohnung leisten, die bis auf neunzig Euro genauso teuer ist? Na dann viel Spass. Da weiss ich ja wo dich deine Selbstfindung hinbringen wird.“

„Ich werde arbeiten gehen. Die Kunden lasse ich von Pablo betreuen und ich werde mir einen richtigen Job suchen, damit ich auch meine Brüder nach Deutschland holen kann.“

„Ja klar, jetzt wo deine Brüder geheiratet und selbst Kinder gezeugt haben. Super Idee. Und für deine eigenen Kinder bleibt dann wieder kein Geld.“

„Du bekommst doch Hilfe, was willst du denn? Ich habe es meinen Brüdern seit Jahren versprochen. Die Frauen können doch froh sein, wenn ihre Männer Geld `rüber schicken und sie besser leben können als jetzt.“

„Aha, Geld ist bei Euch auch das Einzige an das ihr denkt. Dass Familien zusammen gehören ist dir egal. Denk doch wie sehr du deine Mutter vermisst hast. Das gleiche tust du nun deinen eigenen Kindern an und den Kindern deiner Brüder. Ich kapier das echt nicht. Super Einstellung.“

„Genau. Und ich weiss nach diesem Gespräch endlich, dass es an der Zeit ist von dir weg zu gehen. Dein Charakter vertreibt mich jedes Mal.“

Am Ende hatte meine Wut über das Gespräch gesiegt und ich hatte die Fotos alle abgehangen. Okay, weg waren sie nicht wirklich. Habe sie erst einmal in den Schrank gelegt, mit dem Bild nach unten. Kaum war Aquiles dann abends mit seinem Koffer abgezogen, da hatte ich sie unter Tränen wieder angeklebt und natürlich ganz Klischeehaft meinem Liebsten einen Kuss gegeben, von Foto zu Foto und ein „Ich liebe dich“ in den Schrank gehaucht.

Jetzt, fast zehn Monate später sind die Fotos wirklich weg. Neunzig Prozent habe ich zerrissen. Um ehrlich zu sein allerdings nur in der Mitte durch gerissen, so dass Aquiles und ich auch auf den Fotos getrennt wurden. Sein Gesicht war im Sommer dann in dem Karton gelandet, indem ich alle Dinge sammelte, die ich beim Aufräumen noch entdeckte, die ihm gehörten oder ich von ihm geschenkt bekommen hatte. Der Karton steht im Keller, denn die aktuelle Adresse meines Noch- Ehemanns weiss ich offiziell noch immer nicht wirklich. Wohin also schicken, wenn der erste Karton zurück gekommen war?

Ganz oben im Schrank hinter meinem Koffer lag noch seine ausgebeulte grüne Jogginghose, die mit dem Loch im Schritt. Die hatte er hier gelassen für die Tage, an denen er anfänglich noch immer hier übernachtet hatte. Genauso wie das gelbe T-Shirt mit dem schwarzen Löwenaufdruck. Von irgendeinem Konzert soll das gewesen sein oder so. Irgendwas voller Erinnerungen, sodass er mir damals das Versprechen abgenommen hatte es ihm wieder zurück zu geben falls es mit uns nichts werden würde. In allen drei Schwangerschaften hatte ich es getragen und es war inzwischen ziemlich weit geworden. Pech. Soll er sich schön daran erinnern, das ich damit meinen Babybauch umhüllt hatte.

Ach und die angebrochene Packung Anti-Depressiva lag noch immer im Schrank. Die hatte er auch nicht mitnehmen wollen. War ihm wohl zu peinlich seiner neuen Liebschaft verraten zu müssen, dass er eigentlich ohne Medikamente voll der Psycho ist. Werde sie ihm natürlich nachsenden, denn ich könnte nicht verantworten, dass ihm so wichtige Medikamente vorenthalten würden. An dem Bauernschrank rechts neben der Tür, ebenso ein Möbel aus meiner Jugend, blieb mein Blick hängen. Den hatte Aquiles, nicht wirklich mit einem Sinn für Antiquitäten gesegnet, immer wieder auf den Sperrmüll schmeissen wollen. Als Rettungsmanöver meines geliebten Schranks musste ich über ein Jahr den hässlichen Billigschrank seiner Ex- Frau Beate, im Schlafzimmer erdulden, ehe der dummerweise irgendwie sozusagen von ganz allein zusammen fiel.

Es war der Spiegel am Schrank gewesen, den Aquiles nicht hatte aufgeben wollen. Immer wieder hatte er sich, wenn wir allein waren, so positioniert dass er uns beim Akt zuschauen konnte. Am Ende manches Mal alles heimlich per Video aufgenommen, wovon ich erst dann erfuhr, wenn er abends allein auf dem Sofa diese Videos schaute. Geilte sich an seinen Self-Made-Pornos auf. Zum Glück war der Schrank dann endlich irgendwann weg. Dafür kamen dann neue Präferenzen im Liebesleben, neue Fantasien die ich zu Papier bringen sollte und ihm versprechen musste mit ihm auszuleben was er sich erträumte. Irgendwie prägte sich all sein Tun stets nach seiner Lust.

Je intensiver ich meinen Erinnerungen Raum gebe, desto unwirklicher erscheint mir die Realität. ist Aquiles wirklich weg oder ist alles nur ein böser Traum? Wochenlang hatte ich abends auf dem Sofa oder im Bett gesessen und geglaubt jeden Moment seinen Schlüssel im Schloss zu hören.

Es fühlt sich an, als wäre er auf Geschäftsreise. So wie an den Abenden an denen er beim Sport gehangen hatte und ich ohnehin allein gewesen war. Irgendwann aber müsste er heim kommen, zumindest fühlt es sich so an. Es ist ein Gefühl das ich nicht steuern kann. Denn ganz tief im Inneren bin ich mir sicher, dass ich ihn nicht zurück haben wollen würde, nicht noch einmal diese Ängste erleben und schon gar nicht diese vorgespielte Liebe, die letztendlich nur dazu diente seine Lust auszuleben, wann und wo auch immer es ihn überkam.

Wieder kribbelt meine Nase. Ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen und heraus laufen. Er ist fort. Für immer und wird nie wieder kommen. Akzeptiere endlich, dass er es nicht wert ist auch nur eine Träne an die Vergangenheit oder das was hätte werden können zu verschwenden. Es ist endgültig vorbei und wird auch nicht mehr so werden. Sei doch endlich ehrlich mit Dir selbst. Am Ende willst Du doch gar nicht wirklich, dass er zurück kommt. All die Schmerzen die er Dir zugefügt hat. Aquiles war doch nie für Dich oder die Kinder da gewesen. Alles hast Du allein machen müssen, egal ob krank oder hoch schwanger und am Ende hat Aquiles Dich verlassen, eingetauscht gegen „etwas Besseres“.

Die schönen Erinnerungen scheinen sich selbständig zu konservieren. All das Böse was Aquiles mir und den Kindern angetan hat, verblasst zunehmend und in den Erinnerungen übertreffen immerzu die wenigen guten und harmonischen Momente. Jahre habe ich um seine Liebe und Anerkennung gekämpft und stattdessen genau das Gegenteil erhalten.

Selbst wenn ich zulassen würde, dass ich mich an diese schönen Momente erinnern darf, so wird mir allmählich klar, dass selbst das zu hinterfragen ist und all sein Tun, all seine Worte zu hinterfragen sind. Sieben Jahre an der Seite mit Aquiles sind nichts weiter als ein Theaterstück, eine Regieanweisung oder ein Drehbuch in dem ich leider die Hauptrolle spielte und kläglich scheitern musste. Scheitern, weil ich mich selbst aufgegeben hätte, um ebenso weiter und tiefer in eine Rolle zu schlüpfen, die ich nicht spielen wollte. An was könnte ich mich erinnern, wenn ich alles in Frage stellen müsste? Da waren die Erinnerungen wie Seifenblasen neben den Seifenblasen die meine Zukunftsträume mit Aquiles enthielten, allesamt waren sie zerstört worden. Nicht wie gewöhnlich geplatzt, sondern mutwillig zerstört.

Nein Lydia, er ist schon lange nicht mehr der Aquiles, den Du einst geliebt hast. Es war am Ende Hörigkeit und keine Liebe mehr. Liebe fühlt sich anders an. Natürlich vermisse ich ihn auf eine gewisse Weise. Doch ich vermisse nicht Aquiles als Person, sondern einen wahren Partner und Freund an meiner Seite, das was ich mir einst erträumte in ihm zu sehen und zu bekommen. Aquiles ist jetzt kalt und gefühllos, voller Hass auf mich und das was ich ihm seiner Meinung nach angetan habe. Dass ich seine Pläne durchkreuzte und nicht länger den sicheren Hafen neben seinen Affären spielen wollte. Mittel zum Zweck war ich gewesen und nicht wirklich eine Frau und Partnerin in seinen Augen. Ein Objekt der Begierde, das zunehmend an Reiz verlor und letztendlich einfach ausgetauscht wurde.

Schluss! Zeit zum Aufstehen. Langsam richte ich mich auf, greife nach einem Taschentuch und putze mir die Nase. Links neben mir, unweit meiner Hand liegt noch immer mein Handy. Hätte ich vorhin doch bloss nicht als erstes drauf geschaut. Vielleicht wäre der Morgen dann ein wenig enthusiastischer gestartet. Irgendwie automatisch hatte ich WhatsApp geöffnet. Über Nacht hatte mir keiner geschrieben, aber in all den Wochen war es für mich zu einer Gewohnheit, fast einem Ritual geworden zu schauen wann Aquiles zu letzt online gewesen war. Natürlich würde er nicht schreiben. Vielleicht aber an mich denken? Wohl kaum, aber der innere Zwang liess mich jedes Mal nachschauen. Immer und immer wieder schaute ich mir seine Profilbilder an. Am Anfang hatte er bei seinem alten Handy, welches ich nun als „Cara de Culo“ führte das selbst gemalte Bild unserer Tochter gehabt. Seit August hatte er es eingetauscht, gegen ein Selfie mit einem Chihuahua an seiner Seite. Dem Hund seiner neuen Freundin, wie ich durch Recherchen heraus gefunden habe. Seine neue Handynummer, gespeichert unter „Mierda“, zeigte nach wie vor ein Foto von ihm mit unserem Sohn Armando. Ein Foto aus unserem Österreichurlaub. Aquiles, selbst auf dem Fotos sichtbar, ein ganz anderer Mensch.

Als ich im August das erste Mal dieses neue Selfie entdeckt hatte, glaubte ich, ihn glücklich zu sehen. Stundenlang hatte ich mir eingeredet, dass er sicher endlich angekommen war in dem Leben, welches er sich immer gewünscht hatte und ich ihn nur aufgehalten und behindert hätte.

Lange Gespräche mit „El-Silencio“ hatte es bedurft, um mir klar zu werden, dass Aquiles so oder so gegangen wäre und es nicht mein Verschulden ist. Dass ich bis zum Schluss wirklich alles getan hatte, um diese Ehe und Familie zu retten und er allein nicht Willens gewesen war zu bleiben und seinen Beitrag zu leisten. Aquiles war krank, warum auch immer und wollte sich nicht helfen lassen, sondern lieber weiter zerstören und aussaugen. Aquiles sieht nicht glücklich aus. Im Gegenteil, er grinst unbeholfen in die Kamera und hat eiskalte Augen. Diese Augen, die er jedes Mal hatte, wenn er mich anbrüllte, mich einsperrte, mich daran hinderte einen Raum zu verlassen oder wieder etwas in unserer Wohnung zerstörte. Diese eiskalten Augen, die mich erschaudern liessen und mir das Gefühl gaben irgendetwas oder irgendjemand würde Besitz von meinem Mann ergreifen. Alles wurde anders, seine Stimme, seine Augen, seine Art mir gegenüber und es machte mir immer schreckliche Angst. Es war nicht das persönliche Glück, dass ich in diesen Augen auf seinem Profilbild sah sondern wieder eine neue Fassade. Es waren die Augen eines Mannes, der in der Tat nach und nach seine eigene Persönlichkeit verlor und sein Leben auf Lügen und Schauspiel aufbaute und nicht Mann genug war um Änderungen in seinem Leben vorzunehmen.

Noch immer liegt das Handy dort mit dem geöffneten Profilbild von Aquiles. Bitte lass mich einfach in Ruhe. Ich möchte meinen Frieden finden. Neu anfangen und mich nicht weiter von dir beeinflussen lassen. Du bist eklig. Du hast mir weh getan. Hau ab! Ich sollte deine Nummer endlich löschen und dafür sorgen dass du aus unserem Leben verschwindest. Aquiles, du bist ein Mistkerl, ein Mann der Frauen ausnutzt und keinerlei Anstand oder Respekt besitzt. An und in dir ist nichts liebenswertes mehr. Am Ende hast du nur den Respekt vor dir selbst verloren, genauso wie deine wahre Männlichkeit, die sich nämlich nicht an der Potenz misst. Mein Kopf sagt mir immer wieder „loslassen“. Ohne Aquiles komme ich wirklich wesentlich besser zurecht. Seit Aquiles im Januar ging habe ich weit mehr geschafft, für die Kinder und mich, als in all den Jahren zuvor.

Endlich sind wir eine Familie geworden. Unser Leben hat Struktur bekommen. Wir geniessen unser Leben. Wir halten zusammen, reden und spielen zusammen. Zu viert sind wir ein starkes Team geworden und erleben mehr Glücksmomente als je zuvor.

Endlich wurde mein Traum von einer eigenen Firma real. Seit drei Monaten bin ich selbständige Unternehmerin und habe gute Aufträge. Es läuft in diesen Bereichen besser als ich gedacht hätte. Wieso also sollte ich mir diese Freude nehmen lassen, jetzt und immer wieder von dem Mann der sieben Jahre lang genug Schaden anrichtete, meine Nacktheit ausnutzte und mich am Ende sogar…….

Zornig drücke ich mein Handy auf die Matratze. Am liebsten möchte ich lauthals schreien. Mich frei machen von diesem Druck. Meine eigene Stimme hören und mich selbst wieder wahrnehmen und meine eigenen Bedürfnisse. Wie aus einem Dornröschenschlaf erwachen und der Welt kundtun, dass ich wieder da bin. Da sind die Kinder. Keine gute Idee laut herum zu schreien. Hat gereicht, dass ich damals nach Aquiles‘ Anruf so schmerzerfüllt geschrien habe. Das einzige und letzte Mal, dass meine Kinder sich vor mir fürchten sollen oder gar erschrecken. War vielleicht nicht ganz richtig gewesen, aber nach seinen kalten und verletzenden Worten die einzige Antwort meines Herzens. Ich denke jeder hätte so reagiert, wenn man keine vierundzwanzig Stunden nach einem vorgetäuschten wunderbaren Familientag voller Versprechen, dann gesagt bekommt, dass der eigene Ehemann zu einem und den Kindern keinen weiteren Kontakt mehr wünscht und fortan mit einer anderen Frau sein Leben verbringen will. Zerplatzt all die Worte des Vortags. Null und Nichtig. Es war mir wie ein schlechter Scherz vorgekommen. Doch am Ende war das nur der Auftakt eines bösen Kampfes gegen mich, welchen Aquiles mit allen Mitteln zu seinen Gunsten entscheiden will. Ich meinerseits habe mir fest vorgenommen mit ehrlichen und fairen Mitteln zu kämpfen. Mir nichts gefallen zu lassen, aber nicht mit gleicher Münze heim zu zahlen. Einfach würde es auf keinen Fall werden und ich müsste mir seine Schwächen zu nutze machen, mich an seine Fehler erinnern, um einschätzen zu können, wie er womöglich vorgehen würde. Als einzige unberechenbare Komponenten blieben seine neue Frau und sein Temperament. Was die Angelegenheit insoweit erschwerte.

Die Frage nach dem „warum“ bleibt neben den Erinnerungen und all den Strategien, die einzig unbeantwortete Frage. Dabei geht es nicht um das Vergeben seiner Taten sondern um das Verstehen. Wahrscheinlich würde ich das nie können und womöglich mein Leben dafür verwenden der Beantwortung dieser Frage nachzugehen. Für mich ist es absolut unbegreiflich, dass ein Mensch all sein Potential und seine Möglichkeiten in den Müll wirft, nur um einer fleischlichen Begierde zu folgen. Familie und Liebe aufzugeben nur um für eine Zeit lang in fremden Betten vermeintliches Glück zu finden.

Ach Mist, jetzt könnte ich schon wieder heulen. Das hört ja heute gar nicht mehr auf. Im Grunde hatte es schon gestern Abend angefangen. Ein harmloser Liebesfilm hatte in mir alle Dämme brechen lassen. Irgendwie habe ich meine Situation mit der Geschichte des Films verbunden und geweint bis zur letzten Szene. Logisch, dass ich jetzt dicke Augenringe habe.

In der Hoffnung Eis und Nussnougatcreme würden, eben wie im Film, den Liebeskummer in Schach halten, habe ich fleissig in mich hinein gelöffelt. Allerdings war mir schon nach einer Handvoll Löffel tot schlecht, die Nase schmerze und die Taschentücher lagen auch nicht so schön vor dem Sofa wie im Film. Alles Show eben, genau so wie Aquiles‘ Lovestory.

Es wäre wirklich an der Zeit seine Nummer aus meiner Kontaktliste zu schmeissen und mich auch auf diesem Weg von ihm zu lösen. Was bringt es mir ausser Ärger und unnötige Gedanken, dass ich sein Profil noch immer sehen kann? Heute wäre doch ein gutes Datum um das zu beenden, was heute vor fünf Jahren seinen Anfang nahm. Unsere Ehe.

Noch einmal wage ich einen Blick auf sein Profil. Seufzend ertappe ich mich wieder bei dem Gedanken, dass ich gerne mit Aquiles alt geworden wäre. Klar. Hätte ich ihn sonst geheiratet? Nein, sicher nicht. Zwar war es keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, aber ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt, als er noch so war, wie er eben zu Anfang immer ist. Letztendlich habe ich seine Fassade geliebt. Egal, wenigstens habe ich echt und ehrlich geliebt. Erste Zweifel kamen erst, als Aquiles begann sich extremer zu verändern. Anfänglich war ich wirklich überzeugt gewesen, Heimweh und beruflicher Misserfolg würden ihm zu schaffen machen. Doch was er wollte war lediglich dauerhafte sexuelle Befriedigung mit verschiedenen Partnerinnen. So muss ich heute das eigentliche Problem benennen.

Mit der Schwangerschaft unseres Sohnes hatte er sich radikal aus dem Familienleben zurück gezogen. War erst geflüchtet in seinen Sport, hatte Aufputschmittel geschluckt und getrunken, sich dann den ersten Affären zugewandt, woraufhin die ersten Lügengeschichten folgten. Erst dann, als ich misstrauisch geworden war und ihn ständig mit Fragen quälte, da wurde Aquiles zusätzlich gewalttätig. Die Beleidigungen und verbalen Attacken hatte er nie aufgegeben. Nun kam die häusliche Gewalt noch hinzu. Sachbeschädigung bei Anderen und in unseren eigenen vier Wänden wurden fast schon zur Tagesordnung. Von Tag zu Tag war Aquiles mir fremder geworden und dennoch wollte ich mein Gelübde nicht brechen und suchte auf verschiedenste Weise Hilfe. Tat alles um ihm zu helfen und unsere Ehe zu retten.

Aquiles spielte gekonnt mit. Mimte das Opfer seiner eigenen Aggression und liess sich von mir weiter umsorgen, während er nie den Wunsch oder das Ziel hatte die Ehe fortzuführen und sich zu ändern. Für Aquiles war es anscheinend an der Zeit seine Zelte abzubrechen und sich auf grausame Weise aus unserem Leben heraus zu prügeln und zu ekeln. Was auch immer die Intention war. Entweder, dass ich ihn hassen und hinaus schmeissen sollte oder aber, mir auf diesem Weg seine angebliche Macht über mich demonstrieren zu wollen.

Trotz der räumlichen Trennung habe ich noch einmal sechs Monate um die Liebe meines Mannes gekämpft und gehofft er würde diese Liebe spüren und ernst nehmen. Das ein Funke Offenheit und Herz in ihm stecken würde, dass ihn zur Umkehr bewegen würde.

All die Wochen über haben meine Verwandten und Freunde verständnislos den Kopf geschüttelt, wenn ich offen zugegeben habe, Aquiles nicht vergessen zu können. Ich war einfach noch nicht bereit ihn zu löschen. Immerhin gibt es wohl kaum eine Frist zum Lösen von Bindungen und dem Abschalten von Gefühlen.