Der eigene Weg - Annette Landgraf - E-Book

Der eigene Weg E-Book

Annette Landgraf

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Hochemotional und einfühlsam erzählt: Drama trifft Romantik »Der eigene Weg« ist der fünfte romantisch-dramatische Schicksalsroman der Autorin Annette Landgraf. Kate ist geschockt, als sie kurz nach Abschluss ihres Studiums erfährt, dass ihr Freund, der Archäologe Simon, sie von vorn bis hinten belogen hat: Statt an einer Ausgrabung in Indien teilzunehmen, wird Simon lediglich stellvertretender Kreis-Archäologe in ihrer Heimatstadt, dem beschaulichen Tiefenstett. Die Beziehung zerbricht an dem schlimmen Streit, und Kate, die mit Simon nach Indien gehen wollte, muss sich auch beruflich ganz neu orientieren. Dank ihrer ausgezeichneten Referenzen ergattert sie einen leitenden Job in der Stadtverwaltung von Tiefenstett – und stößt schnell auf die illegalen Machenschaften des Bauunternehmers Zopp, der mit Bestechungen und Pfusch am Bau den Frieden in der Stadt bedroht. In Philip, der sich ebenfalls mit dem Immobilienhai anlegt, findet Kate mehr als einen Verbündeten, denn der junge Mann kämpft auch um ihr Herz. Doch Kate und Philip ahnen nicht, wie weit der cholerische Zopp zu gehen bereit ist … Mit ihren einfühlsam erzählten Schicksalsromanen liefert Annette Landgraf perfekte Urlaubslektüre für die Leser*innen von Nora Roberts oder Marie Force. Entdecken Sie auch die anderen dramatischen Romane rund um Liebe, Familie und Schicksal von Annette Landgraf: - Glück wie Glas - Ein Joker fürs Glück - Das Glück in der Ferne - Das Vermächtnis

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Annette Landgraf

Der eigene Weg

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Katharina ist geschockt, als sie kurz nach Abschluss ihres Studiums erfährt, dass ihr Freund sie von vorn bis hinten belogen hat: Statt an einer Ausgrabung in Indien teilzunehmen, wird Simon lediglich stellvertretender Kreisarchäologe in ihrer Heimatstadt, dem beschaulichen Tiefenstett. Die Beziehung zerbricht, und Kate muss sich auch beruflich ganz neu orientieren. Dank ihrer ausgezeichneten Referenzen ergattert sie einen leitenden Job in der Stadtverwaltung von Tiefenstett – und stößt schnell auf die illegalen Machenschaften des Bauunternehmers Zopp. So lernt sie auch Philip kennen, der sich ebenfalls mit Zopp anlegt. Die beiden ahnen nicht, wie weit der gefährliche Immobilienhai zu gehen bereit ist …

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Erster Teil | Schicksalsschwestern

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Zweiter Teil | Verwicklungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Dritter Teil | Das Seminar

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Vierter Teil | Neue Pläne

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Fünfter Teil | Ein verborgener Schatz

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Sechster Teil | Neue Wege

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Siebter Teil | Ein unerwartetes Wiedersehen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Achter Teil | Der Ernst des Lebens

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Neunter Teil | Das Schützenfest

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Zehnter Teil | Veränderungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Personen

Erster Teil

Schicksalsschwestern

1.

Kate zupfte ihren Talar zurecht und setzte die Mütze auf.

»Heute tragen wir die Roben zum letzten Mal«, sagte Mieke neben ihr. Sie klang melancholisch, doch das wunderte Kate nicht. Immerhin war Mieke im letzten Jahr die Präsidentin der Studentinnengemeinschaft gewesen und musste an diesem Tag das Amt abgeben.

Auch Kate würde als Kassenwartin ausscheiden und hatte die Unterlagen daher bereits ihrer Nachfolgerin übergeben. Wenn die Abschlusszeremonie vorbei war, würde sie kein aktives Mitglied mehr sein.

Kate musterte die anderen Mitglieder des Abschlusssemesters. Auch sie trugen die blauen, bis zu den Waden reichenden Talare und die roten Baskenmützen zum letzten Mal.

»Das war’s dann!«, rief Sophie. Sie klang ebenfalls ein wenig sentimental.

»Du kannst die Glocke läuten, damit die anderen Jahrgänge hereinkommen können«, forderte Mieke sie auf.

Sophie nahm die mehr als hundert Jahre alte Glocke und läutete genau dreimal. Die Tür wurde geöffnet. Als Erstes kamen die vier jungen Frauen herein, die das neue Abschlusssemester bildeten. Ihnen folgten die übrigen Studentinnen der Gemeinschaft. Insgesamt waren sie zweiunddreißig, vier für jedes der acht Semester, die für das Studium gerechnet wurden.

»Sind alle anwesend?«, fragte Mieke.

»Ich glaube schon«, antwortete Sarah, die ebenfalls ihr Studium beendet hatte.

»Ich bitte alle, Platz zu nehmen!«, forderte Mieke ihre Kommilitoninnen auf.

Alle setzten sich, und Mieke hielt eine Rede über die Geschichte der Gemeinschaft. Sie bildeten einen exklusiven Zirkel, der sich dadurch nicht nur dieses Studentinnenwohnheim leisten konnte. Seine Mitglieder würden einander auch später unterstützen. So war es bereits seit Gründung der Brauch. Stets hatte diese Verbindung eine verschworene Gemeinschaft gebildet, und ihre Mitglieder blieben einander auch nach der Studienzeit Freundinnen und Verbündete.

Kate kannte die Geschichte der Gemeinschaft auswendig. Vor gut einhundert Jahren gegründet, hatte sie gute und schlechte Zeiten erlebt. Heute stand sie besser da denn je, und alle hofften, dass es so bliebe.

Mieke beschwor diesen Geist auf eine Weise, die Sophie ein Papiertaschentuch benutzen ließ, da ihr die Tränen kamen. Kate sah die Sache nüchterner. Die Vereinigung bildete ein Netzwerk, das die Generationen überspannte. Jede von ihnen konnte darauf vertrauen, dass ehemalige Studentinnen ihnen halfen, im Berufsleben Fuß zu fassen. Nicht umsonst hieß das Motto ihrer Gemeinschaft: »Keine von uns ist jemals allein«. Dies ging bis ins Private hinein. Kam es beispielsweise bei einer ehemaligen Studentin zur Scheidung, so gab es unter den Mitschwestern mit Sicherheit eine ausgezeichnete Anwältin, die den Anwalt des Ehemanns kleinkochte – und diesen gleich mit dazu. Selbst bei Strafsachen konnten sie auf Unterstützung vertrauen.

Mieke kam zum Ende ihrer Rede und übergab das Wort an Kate. Diese stand auf und sah lächelnd in die Runde. »Ich freue mich, dass ich meiner Nachfolgerin als Kassenwartin ein gut gefülltes Konto hinterlassen kann. Die Unterlagen konntet ihr ja bereits einsehen. Die höchsten Ausgaben hat der Gemeinschaftsball verursacht, an dem in diesem Jahr mehr als einhundert ehemalige Studentinnen anwesend waren, gefolgt von unserem dreitägigen Ausflug, an dem dreißig von uns teilgenommen haben. Weitere Ausgaben betrafen unseren Gemeinschaftsraum, Büromaterial und dergleichen. Damit übergebe ich mein Amt an meine Nachfolgerin.«

Nach diesen Worten setzte Kate sich wieder und überließ es Sarah, ein paar launige Abschiedsworte zu sprechen. Als Letzte kam Sophie an die Reihe, die von Rührung überwältigt wurde.

»Es waren vier wunderschöne Jahre in dieser Gruppe. Ich werde euch alle vermissen!«, schloss sie ihre Rede.

Applaus brandete auf, dann verteilten die Studentinnen der beiden unteren Semester Getränke. Kate stieß noch einmal mit allen an. Nicht jede war ihr sympathisch, doch um der Gemeinschaft willen akzeptierte man einander.

Danach ging es weiter im Programm. Kate, Mieke, Sophie und Sarah erhielten die Plakette, die eine der ersten Kunststudentinnen der Anfangszeit gestaltet hatte. Darin waren ihre Namen eingraviert. Anschließend zogen ihnen die Studentinnen der höheren Semester die Talare aus und nahmen ihnen die Mützen ab. Von dem Augenblick an waren sie »alte Damen«, wie sie dann entsprechend den »alten Herren« der männlichen Studentenschaften heißen würden. Als letzte Amtshandlung rückten alle verbleibenden Studentinnen eine Reihe vor. Ganz hinten blieben vier Plätze für das neue Erstsemester übrig.

Die frisch gewählte Vorsitzende hob die Hand. »Wir haben für das nächste Semester sechs Bewerbungen und müssen vier davon auswählen! Gibt es Patinnen?« Sie sah dabei auch die ausgeschiedenen Studentinnen an, doch die vier schüttelten den Kopf.

»Dann bitte ich unsere Schriftführerin, die Aufnahmeanträge der sechs jungen Frauen zu verlesen.«

Dies betraf die vier Absolventinnen nun nicht mehr. Sie verabschiedeten sich und verließen den Raum.

Draußen atmete Sarah sichtlich auf. »Endlich! Da drinnen hat man das Gefühl, im Mief von einhundert Jahren Tradition zu ersticken.«

»Weshalb hast du dich dann überhaupt für die Gemeinschaft beworben?«, fragte Mieke bissig.

Sarah lachte. »Weil ich es später brauchen kann!«

»Ich habe mich hier immer wohlgefühlt«, erklärte Sophie beleidigt.

»Nehmt es nicht persönlich. Es war schön mit euch!«, sagte Sarah. »Aber die ganzen Rituale sind doch ziemlich verstaubt. In der heutigen Zeit könnte man das auch anders handhaben.«

Kate konnte Sophies Einschätzung durchaus etwas abgewinnen. »Ein bisschen moderner könnte man die Gemeinschaft wirklich gestalten«, sagte sie nachdenklich.

»Ich finde es so, wie es ist, gerade richtig«, erklärte Mieke mit Nachdruck.

»Wenn du meinst«, erwiderte Sarah spöttisch.

Da Mieke so aussah, als wolle sie Sarah einen Vortrag über die Vorzüge der Studentinnengemeinschaft halten, hob Kate die Hand. »Ihr wollt euch doch deswegen nicht streiten, Ladys! Schon vergessen? Wir sind draußen und können eh nichts mehr ändern. Wir sollten uns jetzt einen schönen Abend machen.«

»Das sollten wir!«, stimmte ihr Sophie zu. Sie seufzte. »Es ist seltsam, dass wir uns zum ersten Mal, seit wir zusammen sind, nicht mehr mit ›bis zum nächsten Semester‹ verabschieden werden. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen.«

»Ich bin auf jeden Fall beim nächsten Treffen der ›alten Damen‹ dabei!«, erklärte Mieke.

»Ich auch«, kam es von Sophie. »Aber vielleicht können wir uns vorher treffen?«

»In den nächsten drei Monaten geht bei mir nichts«, erklärte Kate. »Da fahre ich mit Simon zusammen nach Indien. Sein Professor übernimmt dort Ausgrabungen, und Simon wird sein Stellvertreter. Ich werde dabei sein und mithelfen.«

»Du Glückliche!«, rief Sophie. »Indien wäre auch mein Traum. Schade, dass Simon dein Freund ist und nicht der meine.«

»Ich bleibe in Deutschland und mache mit Werner eine Tour durch die Eifel«, erklärte Mieke.

Inzwischen waren sie beim Parkplatz angekommen und gingen auf ihre Autos zu.

»Bis gleich im Club!«, rief Kate und stieg in ihren Elektroflitzer. Während der Fahrt dachte sie an Simon. Er war nicht nur angehender Archäologe, sondern sah überdies so gut aus, dass viele ihrer Kommilitoninnen sie um ihn beneideten. Sie waren nun seit zwei Jahren zusammen und würden, wenn sie aus Indien zurückkamen, ihre erste gemeinsame Wohnung beziehen. Während des Studiums hatte Simon in einem möblierten Zimmer und sie in einem der Studentinnengemeinschaft gelebt.

Es wird Zeit, dass wir endlich mehr gemeinsam unternehmen und erleben können, dachte Kate.

Simon war von seinem Studium stark in Anspruch genommen worden, und sie hatte ihr Zweitstudium in Sozialwissenschaften nicht aufgeben wollen. Mittlerweile hatte sie auch darin ihre letzte Prüfung abgelegt und wartete gespannt auf das Ergebnis. Dabei konnte sie auf den Abschluss ihres Hauptstudiums durchaus stolz sein, denn sie hatte das zweitbeste Ergebnis im Studiengang Finanzwesen erzielt.

»Paps wird zufrieden sein«, murmelte sie, allerdings mit wenig Begeisterung. Ihr Vater war Chef eines großen Finanzamts und hatte darauf gedrungen, dass auch sie einen Studiengang einschlug, der ihr den Aufstieg in die höchsten Ämter bei den Finanzbehörden ermöglichte. Dabei mochte sie das trockene Hantieren mit Zahlen, Steuertabellen und dergleichen ganz und gar nicht.

Wie sie ihren Vater jedoch davon überzeugen konnte, dass er einen anderen Berufsweg für sie akzeptierte, wusste sie nicht. Auch deswegen war sie um das Vierteljahr froh, das sie mit Simon in Indien verbringen würde.

2.

Kate kam als Erste beim Club an und wartete auf dem Parkplatz, bis sie komplett waren. Dann gingen sie mit untergehakten Armen auf das Lokal zu und lachten, als sie die Stielaugen der Türsteher bemerkten.

Einer davon pfiff anerkennend. Mieke trug ein edles rotes Kostüm, Sophie Rock und Bluse, während Sarah und Kate in Jeans und T-Shirts steckten. Die Männer kannten sich in Modedingen aus und wussten, dass die Kleidung der vier selbst im Schlussverkauf pro Teil noch dreistellig bezahlt werden musste.

»Einen schönen guten Abend wünsche ich«, sagte der Türsteher, der gepfiffen hatte, und gab den Eingang frei.

»Guten Abend!«, antwortete Kate, während die anderen es bei einem kurzen Kopfnicken beließen.

Kaum hatten die vier die Tür passiert, wandte der Angestellte sich an seinen Kollegen. »Die vier sind schärfer als die Schauspielerinnen bei Sex and the City.«

»Aber nicht unsere Kragenweite!«, erwiderte sein Kollege. »Außerdem sauarrogant! Bis auf die eine, die gegrüßt hat, haben uns die anderen nicht einmal angesehen.«

»Wer sich’s leisten kann, kann sich’s leisten!« Im nächsten Moment hielt er ein junges Paar auf, das den Club betreten wollte. »Bedauere, es ist schon zu voll!«

»Es sind doch eben vier Frauen hineingegangen«, sagte die junge Frau giftig.

»Die gehören zu einer Gruppe, die bereits im Club ist«, erklärte der Türsteher kalt.

Der junge Mann zog heimlich einen Zwanziger aus der Jeanstasche. »Zwei Plätze werden doch noch frei sein?«, sagte er und wollte dem Türsteher den Geldschein zustecken.

Der drehte sich jedoch zur Seite und schüttelte den Kopf. »Kein einziger!«

»Probiert es mal zu einer Zeit, in der weniger los ist«, riet sein Kollege grinsend.

»Und wann wäre das?«, fragte der junge Bursche.

Das Grinsen des Türstehers wurde noch breiter. »So schnell nicht!«

Mittlerweile hatten Kate und ihre Begleiterinnen den Club betreten. Kate entdeckte Miekes Freund Werner auf Anhieb. Er saß an der Bar und wirkte mit Anzug und Krawatte wie ein Fremdkörper unter den zwar gut, aber leger gekleideten Gästen. Neben ihm war genau ein Platz für Mieke frei, und das zeigte deutlich, wie wenig er mit ihren Kommilitoninnen zu tun haben wollte.

Da winkte ihnen eine zierliche Frau. »Ihr seid schon da? Sonst hat es doch immer länger gedauert.«

»Es war unser letzter Abend. Wir wurden nur noch verabschiedet. Dann war es vorbei«, antwortete Sarah und schloss die Frau fest in die Arme.

Als die beiden sich küssten, schnaube Mieke leise. »Müssen sie das in aller Öffentlichkeit tun?«

»Mich stört es nicht«, erwiderte Kate. Sie fand, dass nicht nur Miekes Kostüm, sondern auch ihre Ansichten altmodisch waren. Das sah man auch an ihrem Freund. Werner war zehn Jahre älter als sie und hatte sich bereits einen hochdotierten Posten in der Wirtschaft gesichert. Kate nahm an, dass die beiden bald heiraten und Kinder haben würden. Damit würde Miekes Studium für die Katz sein.

Sie schob den Gedanken beiseite und trat auf ihren Freund Simon zu. »Hi! Du hast hoffentlich nicht zu lange auf mich warten müssen?«

»Es ging!«, antwortete Simon mit belegter Stimme.

Kate musterte ihn verwundert. Sonst war er immer fröhlich gewesen, hatte viel gelacht und sie umarmt und geküsst. Jetzt saß er mit verbissener Miene an seinem Platz, und das fast leere Glas war offensichtlich nicht sein erster Cocktail.

»Was ist denn mit dir los?«, fragte sie erstaunt.

»Was sollte mit mir schon sein? Nichts!«

Für Kate hörte es sich nicht so an, als wäre es die Wahrheit. Sie setzte sich zu ihm. »Mit dem heutigen Tag ist mein Studium beendet. Damit habe ich endlich mehr Zeit für dich. Ich freue mich schon auf unsere gemeinsame Zeit in Indien«, sagte sie, um Simon auf andere Gedanken zu bringen.

»Es wird nichts mit Indien!«, antwortete Simon gepresst.

»Aber du bist dir doch so sicher gewesen, dass Professor Schöneich dich zu seinem Stellvertreter ernennt?«

»Das dachte ich! Aber der Professor hat sich für einen anderen entschieden. Das war Vetternwirtschaft, sage ich dir! Du weißt gar nicht, wie sich der Kerl vorgedrängt hat. Ich habe alles versucht, aber …« Simon hob kurz sein Smartphone und bestellte seinen nächsten Cocktail.

Kate saß da und begriff erst einmal gar nichts mehr. Zwei Jahre lang hatte Simon sie in dem Glauben gelassen, ein von seinen Dozenten bevorzugter Student zu sein. Auch hatte er erklärt, sein Professor wolle ihn unbedingt bei den Ausgrabungen in Indien dabeihaben. Nur deshalb hatte sie alles darauf ausgerichtet, Simon dorthin zu begleiten. Und jetzt sagte er auf einmal, ein anderer habe ihn verdrängt. Da passte einiges nicht zusammen.

»Das mit Indien ist natürlich schade. Aber du wirst gewiss einen anderen Ausgrabungsleiter finden, für den du arbeiten kannst. Ich habe mir jedenfalls ein Vierteljahr freigenommen, um bei dir sein zu können«, sagte sie mit wachsendem Ärger.

»Da hätte ich mich früher melden müssen. Ich dachte halt, mit Indien wäre alles klar. Aber so …« Simon brach ab und zuckte mit den Schultern. »Es war eben Pech!«

»Wie wäre es mit Apulien? Du hast doch schon in den letzten Semesterferien für Dr. Reißle gearbeitet und stehst gewiss noch im Kontakt zu ihm«, schlug Kate vor.

»Bei Reißle ist auch nicht alles so, wie es sein sollte«, sagte Simon und orderte einen weiteren Cocktail.

»Trinkst du nicht ein wenig zu viel?«, fragte Kate, da Simon normalerweise kaum Alkohol konsumierte.

»Das hältst du mir wohl auch noch vor?«, fragte er schnappig. »Was Reißle angeht, hat einer der anderen Studenten einen wertvollen Fund beschädigt und behauptet, ich wäre es gewesen. Da mehrere Helfer neidisch auf mich waren, haben sie für ihn gelogen. Jetzt bringe ich bei Reißle kein Bein mehr auf die Erde.«

An Simons Gesichtsausdruck erkannte Kate, dass er log. Wahrscheinlich hatte tatsächlich er dieses archäologische Fundstück beschädigt. Dabei hatte er nach dieser Grabungsaktion behauptet, Reißle hätte ihn am liebsten bei seiner nächsten Ausgrabung mitnehmen wollen.

So rasch wie in diesen Minuten waren selten Illusionen geplatzt. War dieser Betrunkene vor ihr wirklich der Simon, den sie zwei Jahre lang zu kennen geglaubt hatte?

»Was willst du jetzt machen?«, fragte sie, bereit, ihm noch eine Chance zu geben.

»Weißt du, diese Grabungsleiter sind alle ein bisschen übergeschnappt und sehen jemanden wie mich, der gerade von der Uni kommt, als Hilfskraft an. Darauf kann ich verzichten. Ich werde etwas anderes anfangen.«

»Und was?«, fragte Kate mit einem Gefühl, als lerne sie ihren Freund erst an diesem Abend richtig kennen.

»Ich habe das Angebot, Stellvertreter des Kreisarchäologen in Tiefenstett zu werden. Der Mann ist über sechzig und geht bald in den Ruhestand. Ich werde dann sein Nachfolger. In Tiefenstett sind letztens interessante Funde gemacht worden, deren Ausgrabung ich leiten würde.«

Jetzt, da es ausgesprochen war, schien eine Last von Simon abzufallen, und er schwärmte Kate vor, was für ein ausgezeichneter Job die Stelle in Tiefenstett wäre.

Kate wusste zwar nicht viel über Archäologie, aber eines stand für sie fest: Für jemanden, der erklärt hatte, als Stellvertreter Professor Schöneichs eine Grabungskampagne in Indien durchzuführen, musste der Posten des Stellvertreters eines Kreisarchäologen in der Provinz eine Enttäuschung sein. Die schien Simon allerdings überraschend rasch überwunden zu haben, denn er schwärmte jetzt in einer Art von Tiefenstett, als hätte er sein ganzes Studium lang gehofft, diese Stelle zu erhalten. Er benützte fast die gleichen Worte, mit der er von seinen Aussichten auf die Grabung in Indien gesprochen hatte.

Früher hatte Kate ihm interessiert zugehört und sich gefreut, weil ihr Freund von den Professoren und Archäologen, bei denen er seine Praktika machte, so geschätzt wurde. Nun aber vernahm sie die Zwischentöne und begann zu begreifen, dass Simon ihr zwar viel erzählt, dabei aber auf Tatsachen wenig Wert gelegt hatte. Er musste bereits seit geraumer Zeit wissen, dass Professor Schöneich nicht ihn mit nach Indien nehmen würde, sonst hätte er die Stelle in Tiefenbach – nein, Tiefenstett – nicht bereits in der Tasche.

Dabei hatten sie tags zuvor noch telefoniert und über Indien gesprochen. Nein!, korrigierte sie sich. Sie hatte es getan. Spätestens da hätte Simon ihr sagen müssen, dass es mit Indien nichts werden würde. Stattdessen hatte er sie in dem Glauben gelassen, es laufe alles so wie geplant.

Kate fühlte sich fürchterlich enttäuscht. In ihren Augen war Ehrlichkeit das Wichtigste in einer Partnerschaft. Ehrlich aber war Simon nicht zu ihr gewesen.

»Mit deinem Abschluss müsstest du doch eine bessere Stelle bekommen als in diesem Tiefenstett«, sagte sie daher mit kaum verhohlener Verärgerung.

Simon zog den Kopf ein. Da Kate stets die Beste ihres Semesters gewesen war, hatte er nicht hinter ihr zurückstehen wollen und so getan, als würde auch er zur Spitze zählen. Nun bedauerte er seine Schwindeleien. »Weißt du«, begann er vorsichtig, »ich war eigentlich immer gut, aber im letzten Semester hatte ich einige Dozenten, mit denen ich nicht zurechtgekommen bin. Deshalb haben sie mir meinen Abschluss versaut, so dass er gerade noch durchschnittlich ist.«

Das ist die nächste Lüge, dachte Kate. Ihr gegenüber hatte Simon immer erklärt, wie gut er mit seinen Tutoren stünde. Das Bild, das sie in Gedanken von ihm entworfen hatte, fiel immer mehr in sich zusammen. Aus dem gutaussehenden, erfolgreichen und ehrgeizigen Studenten wurde ein mittelmäßiger Mann, der sie nach Strich und Faden belogen hatte.

»Mein Gott, was bin ich für eine blöde Kuh, so auf dich hereinzufallen«, sagte sie leise.

Schlagartig war ihr klar, dass ihre Partnerschaft mit Simon so nicht weitergehen konnte. Wäre er ehrlich zu ihr gewesen, hätte sie ihn so genommen, wie er war. Sie brauchte keinen Superhelden als Lebensgefährten, sondern nur einen Mann, den sie lieben konnte und der ehrlich zu ihr war. Geliebt hatte sie Simon, und ein Teil von ihr war durchaus bereit, ihm noch eine Chance zu geben.

»Ich gebe zu, ich bin überrascht und auch ein wenig enttäuscht«, sagte sie nach einer Pause. »Du hättest mich nicht anlügen dürfen!« Es war ein Stich, von dem sie hoffte, dass er Simon traf und ihn dazu brachte, sein Verhalten ihr gegenüber zu ändern.

Simon ließ sich den nächsten Cocktail geben, bevor er antwortete. »Ich habe nicht gelogen!«, erklärte er mit bereits schwerer Zunge. »Ich wollte nur nicht, dass ich gegen ein Genie wie dich wie ein Depp aussehe.«

»Erstens bin ich kein Genie und zweitens du kein Depp«, erwiderte Kate scharf.

»Sonst hätte ich auch die Stelle in Tiefenstett nicht bekommen. Das ist schon mal ein guter Anfang. Wenn ich dort ein paar Jahre bleibe, bekomme ich sicher die Chance, mich einem bedeutenden Ausgrabungsteam anzuschließen.« Simon grinste. »Tiefenstett ist nicht schlecht. Ich habe meinen festen Job im Landratsamt, und du könntest im Finanzamt anfangen. Das wäre doch toll!«, fuhr er fort.

Kate zählte mühsam beherrscht bis drei. Dann hob sie erregt den Kopf. »Das hast du wahrscheinlich mit meinem Vater ausgeheckt! Der will mich ja unbedingt als Finanzbeamtin sehen. Dabei habe ich dir hundertmal gesagt, dass ich keine Lust habe, eine zu werden.«

»Warum hast du dann Finanzwesen studiert?«, fragte Simon.

»Weil es das einzige Studium war, das Vater mir finanziert hat. Deswegen habe ich ja auch mein Zweitstudium an der Fernuni begonnen, um einen anderen Weg einschlagen zu können«, sagte Kate und hatte Mühe, nicht laut zu werden.

»Das Fernstudium hätte es nicht gebraucht! Ohne das hätten wir uns weitaus öfter treffen und etwas gemeinsam unternehmen können.« Simon klang beleidigt.

»Kehrst du jetzt den Macho heraus? Das kannst du stecken lassen! Den habe ich mit meinem Vater zur Genüge kennengelernt.« Kate wollte den Streit nicht, spürte aber, dass er unvermeidlich kam. Wenn Simon glaubte, über sie bestimmen zu können, hatte er sich getäuscht.

»Ich denke nur logisch!«, antwortete er. »Wenn du im Finanzamt von Tiefenstett arbeiten würdest, könnten wir zusammenziehen.«

»Und wenn ich nicht im Finanzamt von Tiefenstett arbeite, können wir das nicht?«, fragte Kate gereizt.

»Jetzt tu nicht so, als wenn es eine Verbannung in die Walachei wäre!« Simon wurde laut. Offenbar erwartete er, sie würde seinen Zukunftsplänen zustimmen, sah er sich doch als toller Mann, den eine Frau nicht so leicht aufgab.

Kate war kurz davor, zu explodieren, beherrschte sich aber und schob ihr Glas zurück. »Ich habe mir vorgenommen, ein Vierteljahr zu warten, bevor ich mich entscheide, was ich beruflich anpacken werde.«

»Das ist doch Blödsinn!«, entfuhr es Simon.

»Das, was ich denke und tue, ist also in deinen Augen Blödsinn, während alles, was du tust, richtig und gut ist!« Jetzt hielt auch Kate ihre Stimme nicht mehr im Zaum. Sie liebte Simon, wusste aber, dass die Liebe unter diesen Umständen nicht lange Bestand haben würde.

»Ich werde in drei Monaten entscheiden, wie es weitergeht«, sagte sie und stand auf.

»Wenn du unbedingt meinst! Gehen wir anschließend noch zu mir?«

»Diesmal nicht!«

»Bist du heute aber zickig!«, sagte Simon angefressen.

»Ich brauche erst einmal eine gewisse Zeit für mich!« Nach diesen Worten ging Kate zur Theke, um zu zahlen.

Simon kam hinter ihr her. »Verdammt noch mal! Jetzt fang nicht an zu spinnen! Immerhin sind wir so gut wie verlobt.«

»Und selbst dann wäre ich nicht dein Eigentum, über das du verfügen kannst, wie es dir passt!« Die Schärfe in ihrer Stimme war nun Absicht, denn Kate ärgerte sich, weil sie auf einen angeberischen Schwätzer hereingefallen war. Nein, korrigierte sie sich. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie nicht bemerkt hatte, wie mickrig der ach so großartige Simon wirklich war.

»So lasse ich mich nicht abspeisen! Sind wir ein Paar, oder nicht? Wenn ja, dann komm mit!«

Kate musste ihre Hand unten halten, um Simon keine schallende Ohrfeige zu verpassen. Diese erpresserische Drohung war so unverschämt, dass es nur eine Antwort geben konnte. »Wenn du mir so kommst, muss ich sagen: Wir waren ein Paar!«, erklärte sie und verließ den Club.

Simon rannte hinter ihr her und packte ihren Arm. »Jetzt hör mal!«

Ohne auf ihn zu achten, drehte Kate sich zu den Türstehern um. »Der Typ belästigt mich! Außerdem hat er seine Drinks noch nicht bezahlt.«

Bevor Simon etwas sagen konnte, klatschte die Rechte des größeren Türstehers schwer auf seine Schulter. »Ich rate dir, deine Zeche zu zahlen und danach eine Weile nicht wiederzukommen.«

Für einen jungen Mann, der in dieser Stadt etwas gelten wollte, war dies die Höchststrafe. Simon schnaubte jedoch nur verächtlich. »Euren Scheißclub brauche ich nicht mehr. Ich ziehe nächsten Monat nach Tiefenstett um. Dort gibt es Besseres!«

»Dann wünschen wir dir viel Erfolg in deinem Tiefenstett!«, erwiderte der Türsteher lachend und schob ihn Richtung Tür. »Jetzt zahlst du und verschwindest danach auf Nimmerwiedersehen.«

Kate nutzte die Zeit, in ihren Wagen zu steigen und loszufahren. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander. Teils verteidigte sie Simon, den sie zum ersten Mal betrunken erlebt hatte. Anscheinend hatte er sich für seine Beichte Mut antrinken müssen. Gleichzeitig aber fühlte sie eine so bodenlose Leere in sich, dass sie sich am liebsten irgendwo verkrochen und geheult hätte. Liebe war ein übles Ding, dachte sie. Vor allem, wenn sie auf jemanden fällt, der sie nicht zu würdigen weiß.

3.

Eigentlich hatte Kate am nächsten Tag für die Reise nach Indien packen wollen. Stattdessen blieb sie im Bett und gab sich trüben Gedanken hin. Für sie waren Liebe und Vertrauen ein kostbares Gut. Doch Simon hatte in einer Art und Weise darauf herumgetrampelt, dass es bis tief in die letzte Faser ihres Herzens schmerzte.

Der rationale Teil von ihr sagte, dass es am besten wäre, einen Schlussstrich zu ziehen. Ihre Gefühle hingegen rieten ihr, das Vierteljahr abzuwarten und ihm dann noch eine zweite Chance zu geben.

Mitten in diese Überlegung klingelte ihr Handy. Automatisch griff sie danach. »Was gibt es?«

»Katharina, was machst du für Sachen?«, hörte sie ihren Vater fragen.

»Sachen? Wieso?«

»Ich habe eben mit Simon telefoniert. Er sagt, du wärst gestern Abend durchgedreht und hättest ihn beschimpft, weil sein Indienprojekt geplatzt ist. Nun ja, mir schien das ohnehin nicht koscher. In der Welt herumziehen und im Dreck wühlen, das ist nicht gerade das Leben, das ich mir für meinen Schwiegersohn wünsche. Da ist ein Kreisarchäologe in Tiefenstett schon etwas ganz anderes. Simon sagte, er habe dir eine Stelle im Tiefenstetter Finanzamt organisiert, damit ihr zusammenziehen und bald heiraten könnt. Ich werde mich erkundigen, wie die Leute dort sind, und dann auch mit dem dortigen Chef sprechen, damit du einen guten Einstand hast.«

»Ich will nicht nach Tiefenstett! Weder heute noch morgen noch irgendwann!«, antwortete Kate heftig. Bislang hatte sie ihrem Vater gegenüber stets ausweichend geantwortet, wenn es um ihre berufliche Zukunft ging. Jetzt aber war die Zeit da, Farbe zu bekennen. »Tut mir leid, Paps, ich will nicht Finanzbeamtin werden. Die Beschäftigung mit trockenen Zahlen ist mir zuwider.«

»Jetzt mach dich nicht lächerlich!«, rief Horst Lambertz aufgebracht. »Du wirst Finanzbeamtin! Schließlich hast du das studiert.«

»Ich habe nicht nur Finanzwesen studiert, sondern auch ein Fernstudium absolviert. Nun will ich sehen, was ich damit anfangen kann.« Kate blieb ruhig, während aus ihrem Smartphone die zornige Stimme ihres Vaters erscholl.

»Fernstudium? Was für ein Unsinn! Wahrscheinlich irgendein brotloses Zeug! Nichts da, sage ich! Du wirst mit Simon nach Tiefenstett gehen und dort arbeiten.«

»Das werde ich nicht.«

»Das wirst du!«, schäumte Lambertz. »Bisher habe ich dich großzügig unterstützt. Glaube nicht, dass ich weiter für dich aufkomme.«

»Du hast mir nach dem Ende des Studiums ein Vierteljahr versprochen.« Kate versuchte ruhig zu bleiben in der Hoffnung, er werde einlenken, damit sie die Zeit hatte, sich beruflich zu orientieren.

»Das kannst du vergessen!«, rief ihr Vater zornerfüllt. »Der Geldhahn ist zu, bis du zur Vernunft gekommen bist! Hast du mich verstanden? Und noch etwas: Wenn du nicht nach Tiefenstett gehst und dort im Finanzamt anfängst, brauchst du dich zu Hause nicht mehr sehen lassen. Ist das klar?« Mit den Worten beendete Horst Lambertz das Gespräch.

Kate musste sich zusammenreißen, das Handy nicht gegen die Wand zu schleudern. Ein neues war teuer, und wenn ihr Vater tatsächlich die Zahlungen an sie einstellte, benötigte sie jeden Cent, den sie zusammenraffen konnte.

»Notfalls räume ich wieder im Supermarkt Regale ein!«, fauchte sie. Sie spürte jedoch, dass ihr Zorn weniger dem Vater galt. Der hatte sich so benommen, wie er es immer tat. Dafür nahm sie es Simon fürchterlich übel, dass er ihren Vater gegen sie aufgehetzt hatte.

»Hinterlistiger, blöder Angeber!«, schimpfte sie und ärgerte sich, weil sie etliche Sachen für die Indienreise gekauft hatte, die sie jetzt nicht mehr brauchen konnte.

»Ich werde das Zeug im Secondhandshop verscherbeln. Vielleicht bekomme ich genug Geld dafür, um ein paar Wochen durchzuhalten«, sagte sie, um sich Mut zu machen.

Das Telefonat mit ihrem Vater hatte ihre Enttäuschung über Simon noch vergrößert, gleichzeitig aber auch den Willen in ihr geweckt, sich unter keinen Umständen kleinkriegen zu lassen. Kate stand endlich auf, ging ins Bad und spürte, während sie duschte, dass sie Hunger bekam.

Da ihr Kühlschrank so gut wie leer war, zog sie sich an und ging zu dem kleinen türkischen Supermarkt in der Seitenstraße, um einzukaufen. Auf dem Rückweg schaute sie nach ihrer Post und zog einen großen Umschlag heraus.

»Professor Mathilde Redecke«, las sie den Absender und holte tief Luft. Die Professorin war ebenfalls eine der »alten Damen« der Studentinnengemeinschaft und hatte sie während ihres Fernstudiums betreut. Also mussten die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfung in dem Umschlag stecken.

Kate eilte in ihr Zimmer und stellte die Einkäufe ab. Die mussten erst einmal warten. Als Kate die Urkunde aus dem Kuvert gezogen hatte, traute sie ihren Augen nicht. Sie hatte das Fernstudium mit höchster Auszeichnung bestanden. Ihre Betreuerin Mathilde Redecke hatte einen handschriftlichen Brief beigelegt, in dem sie ihr gratulierte und sie bat, sich unbedingt bei ihr zu melden, damit sie sie auch persönlich beglückwünschen könne.

»Das werde ich gewiss tun«, sagte sie und schrieb der Professorin eine E-Mail. Erst danach kam ihr Magen zu seinem Recht.

4.

Mathilde Redeckes Antwort kam rasch und enthielt die Aufforderung zu einem Zoomgespräch im Internet. Kate wählte sich zu der angegebenen Zeit ein und sah erleichtert, dass ihre Betreuerin sich umgehend meldete.

»Hallo, Frau Lambertz! Es freut mich, Sie zu sehen«, begann Mathilde Redecke.

»Guten Tag, Frau Professor! Mich freut es auch. Heute habe ich die Unterlagen von Ihnen bekommen. Ich kann es kaum glauben, so gut abgeschlossen zu haben«, antwortete Kate aufgeregt.

»Es ist aber so! Sie sind die beste Studentin, die ich bis jetzt betreuen durfte. Außer Ihnen hat nur ein junger Mann ähnlich gut abgeschnitten. Aber zu Ihnen. Haben Sie sich bereits dafür entschieden, den Spuren Ihres Vaters zu folgen und Finanzbeamtin zu werden?« In Mathilde Redeckes Stimme schwang ein Unterton mit, der Kate aufmerken ließ.

»Ich wollte mir eigentlich ein Vierteljahr Zeit lassen, bevor ich mich entscheide. Aber die Zeit habe ich leider nicht«, antwortete sie bedrückt.

»Stimmt! Sie wollten ja mit Ihrem Freund nach Indien reisen.«

Kate lachte bitter auf. »Das dachte ich zumindest! Aber …« Sie brach ab, weil die Wut über Simon sie würgte.

Nun wurde Mathilde Redecke neugierig und fragte so lange nach, bis Kate schließlich von dem Krach zwischen ihm und ihr sowie der Drohung des Vaters berichtete.

»Ich war einfach blöd und habe Simon alles geglaubt, was er erzählt hat. Er hat mir gegenüber angegeben, bei welchen bekannten Archäologen er willkommen wäre. Doch es war alles gelogen! Ebenso wie der grandiose Abschluss, den er erwartet hatte«, sagte sie zuletzt.

Mathilde Redecke hatte ihr aufmerksam zugehört und wirkte sehr betroffen. »Irgendwie sind wir beide Schicksalsschwestern. Sie und ich sind beide auf Männer hereingefallen, die größer erscheinen wollten, als sie waren. Seien Sie froh, dass Sie es bereits jetzt bemerkt haben. Bei mir hat es leider viele Jahre gedauert.« Mathilde schüttelte kurz den Kopf und fragte Kate dann, was sie nun vorhabe.

Kate zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Wollen Sie zurück zu Ihren Eltern ziehen?«

»Um Gottes willen, nein! Wenn ich das mache, schleppt mein Vater mich am nächsten Tag ins Finanzamt und kettet mich an einen Schreibtisch.«

»Ihr Können und Ihr Wissen wären beim Finanzamt verschwendet!«, erwiderte Mathilde Redecke. »Sie hatten als Zweitstudium das Fach Sozioökonomie gewählt. Darauf sollten Sie aufbauen und eine entsprechende Karriere anstreben. Wir hatten doch bereits vor einem Jahr darüber gesprochen, dass Sie promovieren können. Diese Option besteht noch immer.«

»Ich habe bereits mit einer Doktorarbeit begonnen«, gab Kate zu. »Aber ich bräuchte einige Monate, um sie fertigzustellen, und die Zeit habe ich nicht. Ich muss mir rasch eine Arbeitsstelle suchen, damit ich eigenes Geld verdiene. Sonst bleibt mir wirklich nur der Gang nach Canossa und …«

»Also nach Hause und ins Finanzamt!«, kommentierte Mathilde Redecke.

»Wenn ich wenigstens hier im Studentinnenheim bleiben könnte. Aber hier dürfen nur aktiv studierende Frauen wohnen. Ich muss spätestens in einer Woche raus.« Trotz der trüben Aussicht klang Kate kämpferisch.

Mathilde Redecke nickte. »Auch wenn ich als ›alte Dame‹ der Studentinnengemeinschaft nicht sehr aktiv bin, so habe ich das Motto ›Keine von uns ist jemals allein‹ nicht vergessen. Wenn Sie nichts dagegen haben, bei einer alten Frau zu leben: Mein Haus ist groß genug! Und noch etwas: Nachdem Sie beide Studiengänge erfolgreich abgeschlossen haben, sind wir beide jetzt ›alte Damen‹ und sollten die steife Anrede fallen lassen. Ich bin Mathilde!« Die Dame zwinkerte Kate zu und erklärte, wie sehr sie sich freuen werde, wenn diese ihr Angebot annähme.

»Ich werde es tun!«, antwortete Kate kurz entschlossen. »Sobald ich hier alles erledigt habe, komme ich zu Ihnen.«

»Zu dir!«, korrigierte die Dame sie freundlich. Danach verabschiedete sie sich und ließ Kate als Opfer widerstrebendster Gefühle zurück.

5.

Eigentlich hätte Kate ihr Studentinnenzimmer erst im Lauf der Woche räumen müssen. Nun aber legte sie eine hektische Betriebsamkeit an den Tag. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie alles, was sie nicht mitnehmen konnte und wollte, im Secondhandshop verkauft. Der Erlös war nicht riesig, erleichterte ihr aber den Start in ein neues Leben. Und so reiste sie mit einem Koffer, einer großen Reisetasche, ihrem Laptop und einer Kiste voller Unterlagen zu Mathilde.

Bevor sie aufbrach, warf sie noch einen Blick auf ihr Handy, das sie wohlweislich die meiste Zeit abgeschaltet hatte. Ihre Mutter hatte versucht, sie anzurufen, und dreimal auch Simon. Bei den ersten beiden Anrufen hatte er noch erklärt, sie solle zurückrufen, dann werde alles wieder in Ordnung kommen. Beim letzten Anruf war er dann ausfällig geworden und hatte sie beschimpft. Seine letzten Worte lauteten, er sei froh, sie endlich losgeworden zu sein.

»Dann ist es ja gut so, wie es gekommen ist«, sagte Kate und löschte sowohl seine Anrufe wie auch seine Nummer. Danach hörte sie den Anruf ihrer Mutter an. Diese machte ihr Vorwürfe, da sie den armen Simon so übel behandelt hätte.

»Er hat sich also nicht nur hinter Paps, sondern auch hinter Mama gesteckt! Der Kerl ist wirklich eine stinkende Socke«, murmelte Kate und löschte auch diesen Anruf. Danach schaltete sie das Handy aus, ging zu ihrem Auto und fuhr los.

Nach knapp zwei Stunden erreichte sie das kleine Städtchen, in dem Mathilde lebte. Das Navi führte sie in eine stille Seitengasse, die von Einfamilienhäusern und kleinen Villen gesäumt wurde. Mathildes Haus lag hübsch in einem Garten eingebettet und war größer, als Kate es erwartet hatte. Neben einer Doppelgarage gab es sogar noch einige Parkplätze.

Kate stellte ihren Wagen ab. Ein gewisser Zweifel nagte an ihr, ob es richtig war, sich einer fremden Frau für mehrere Monate aufzudrängen. Nur der Gedanke, dass der Vorschlag nicht von ihr, sondern von Mathilde ausgegangen war, verlieh ihr den Mut, auf die Tür zuzugehen und zu läuten.

Nur Augenblicke später kam Mathilde heraus.

»Herzlich willkommen!«, sagte sie und reichte Kate die Hand.

»Ich danke Ihnen!«

»Dir!« Mathilde lächelte und begutachtete ihren Gast. Die junge Frau war etwas größer als sie, wirkte schlank, ohne mager zu sein, und hatte ein schönes Gesicht, das durch die grauen Augen ein wenig kühl wirkte. Kates Haar war brünett und zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden.

Kate ließ die Musterung leicht amüsiert über sich ergehen und ergriff ihrerseits die Chance, Mathilde genauer anzuschauen. Die Frau war im letzten Jahr siebzig geworden, doch das sah man ihr nicht an. Mit der schlanken Figur, dem energisch wirkenden Gesicht und den platinblonden Haaren konnte sie für zwanzig Jahre jünger gelten. Vor allem war sie eine Frau, die im Lauf ihrer Karriere gelernt hatte, sich durchzusetzen. So hatte Mathilde nicht nur promoviert, sondern auch eine Professur erhalten und jahrelang an der Uni gelehrt. Im Ruhestand gab sie sich nicht dem Nichtstun hin, sondern hielt Vorträge und betreute Studentinnen im Fernstudium. Kate wusste, dass es etwas Besonderes war, von ihr eingeladen zu werden, und nahm sich vor, alles zu tun, um sie nicht zu enttäuschen.

Mathilde las in Kates Gesicht wie in einem offenen Buch. Es war nicht die erste junge Frau, die sie unter ihre Fittiche nahm, aber diejenige, die die bisher besten Voraussetzungen mitbrachte, sagte sie sich und wies auf die Tür. »Komm herein! Ich zeige dir dein Zimmer. Später kannst du deine Sachen holen. Vorher aber hoffe ich, dass uns noch ein halbes Stündchen für den Kaffee bleibt. Meine Perle Fatme hat Kuchen gebacken.«

»So viel Zeit ist sicher vorhanden«, antwortete Kate immer noch etwas angespannt.

Der Empfang war herzlich, und Mathilde schien sich aufrichtig über ihren Besuch zu freuen. Hoffentlich tut sie das auch noch am Ende, dachte Kate und bedauerte, kein Gastgeschenk besorgt zu haben. Da sie nicht wusste, was ihrer Gastgeberin gefiel, war es womöglich sogar klüger, später noch etwas kaufen.

Sie folgte Mathilde ins Haus. Von einem Flur gingen Küche, Esszimmer und Wohnzimmer ab, von dem anderen eine Bibliothek, zwei Arbeitszimmer und ein Abstellraum.

»Die Schlafzimmer sind im ersten Stock«, erklärte Mathilde und stieg nach oben.

Kate folgte ihr und sah sich mehreren Türen gegenüber.

»Ich hatte früher öfter Gäste«, sagte Mathilde. »Doch jetzt stehen die Zimmer meistens leer. Allerdings ist man mit zunehmendem Alter froh, wenn weniger Trubel herrscht.«

Sie ließ Kate einen Blick in drei schön eingerichtete Gästezimmer werfen. Diese nahm daher an, dass eines davon für sie bestimmt wäre. Doch Mathilde führte sie zur letzten Tür am Ende des Flurs.

»Das hier ist ab jetzt dein Reich!« Sie öffnete und trat beiseite, damit Kate eintreten konnte.

Diese schluckte, denn es war nicht einfach nur ein Schlafzimmer, sondern ein hübsches Appartement mit Bett, Schrank, Tisch und kleiner Couch sowie einem Schreibtisch mit einem ergonomischen Stuhl.

»Dein eigentliches Arbeitszimmer liegt im Erdgeschoss, da es hier doch etwas beengt ist. Die gegenüberliegende Tür führt in dein Badezimmer. Es ist nicht allzu groß, doch das sind die im Studentinnenwohnheim auch nicht.« Mathilde lächelte, während Kate sich wie erschlagen fühlte. So großzügig hatte sie nicht einmal zu Hause bei ihren Eltern gelebt.

»Und was verlangst du an Miete?«, fragte sie mit wachsender Sorge.

»Miete?« Mathilde lächelte erneut. »Ich verlange, dass du mit vollem Ernst arbeitest und deine Doktorarbeit zu Papier bringst. Wir brauchen fähige Frauen, die bis in die Spitzen unserer Sozialämter und darüber hinaus aufsteigen. Bis jetzt wird immer noch zu sehr nach dem Motto gehandelt: ›Das war schon vor hundert Jahren so! Warum soll das schlecht sein?‹«

Mathilde sagte es so trocken, dass Kate lachen musste. Dann aber zog sie den Kopf ein. »Es wird einen ziemlichen Trubel daheim geben, wenn ich einen anderen Berufsweg als den zum Finanzamt einschlage! Mein Vater …« Kate verschluckte den Rest, doch Mathilde verstand sie auch so.

»Dein Vater ist wohl mit dem Finanzamt verheiratet?«

Kate nickte verbissen. »Das kann man wohl so sagen! An erster Stelle steht für ihn sein Finanzamt. Meine Mutter ist mehr die angestellte Ehefrau, während ich der Familientradition folgen sollte. Mein Urgroßvater und beide Großväter waren ebenfalls Finanzbeamte.«

»Das hört sich direkt nach Inzucht an. Entschuldige den Ausdruck. Er war nicht böse gemeint!« Mathilde schien über sich selbst erschrocken, dass sie sich zu einer flapsigen Bemerkung hatte hinreißen lassen.

Kate tat es mit einer Handbewegung ab. »Du hast irgendwie schon recht! Einer meiner Ahnen muss bereits bei Friedrich dem Großen im Finanzwesen tätig gewesen sein. Für meinen Vater wäre es daher eine Katastrophe, wenn ausgerechnet mit mir die Tradition abreißen würde.«

»Und trotzdem rate ich dir dazu! Du hast zwar dein Finanzstudium sehr gut abgeschlossen, doch die Arbeiten, die ich von dir in der Sozioökonomie gelesen habe, zeigen deutlich, wo deine Präferenzen liegen.« Mathilde klang ernst, lächelte dann und wies nach unten. »Der Kaffee und der Kuchen warten, und ich will Fatme nicht verärgern, indem alles lange stehen bleibt.«

Kate nickte und folgte ihr auf den Flur hinaus. Dabei fragte sie sich, worauf sie sich eingelassen hatte. Mathilde schien nämlich ebenso erpicht zu sein, sie für das Sozialwesen zu gewinnen, wie ihr Vater für das Finanzamt.

6.

Der Kuchen schmeckte ausgezeichnet, und da Mathilde und Kate beim Kaffeetrinken berufliche Themen mieden, unterhielten sie sich wie zwei Freundinnen. An Mathilde war nichts Großmütterliches, stellte Kate fest. Ihrem Eindruck nach dachte sie weitaus moderner als ihre Mitstudentin Mieke. Auf jeden Fall blickte sie auf eine reiche Lebenserfahrung zurück und hatte im Lauf der Jahre den einen oder anderen Schicksalsschlag hinnehmen müssen.

Erst nachdem Kate ihre Habseligkeiten ins Haus gebracht und eingeräumt hatte, führte Mathilde sie in das für sie bereitstehende Arbeitszimmer. Es war ausgezeichnet eingerichtet und enthielt sogar einen Computertower mit einem extragroßen Bildschirm.

»Das sind Sachen, die man sich mit zunehmendem Alter gönnt«, erklärte Mathilde. »Für deine Generation ist der Laptop das Größte, weil man ihn überallhin mitnehmen kann. Wenn man jedoch an einem langen Text arbeitet, redigieren und zudem recherchieren muss, ziehe ich diese Anlage jedem Lappy vor.«

Kate schwankte, ließ sich jedoch von den Vorzügen überzeugen.

»Man muss die Daten allerdings immer abgleichen, sonst arbeitest du irgendwann an einem veralteten Text«, mahnte Mathilde sie.

»Ich hoffe, ich denke dran!«, kommentierte Kate leicht besorgt.

»Du wirst es schon lernen«, sagte Mathilde und schob ihr eine Handvoll USB-Sticks zu. »Hier, nimm! Damit kannst du stets genug Sicherungen ziehen. Ich vertraue keiner Cloud! Ein Kollege von mir hat es getan. Das Ergebnis war, dass ihm vier Monate Arbeit verloren gegangen sind, als der Anbieter aufgegeben hat. Mit eigenen Sicherungen wäre ihm das nicht passiert. Du hältst mich jetzt wohl für altmodisch?«

Kate schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht! Ich habe während des Studiums auch immer Kopien gezogen. Es muss nur das Netz überlastet sein, so dass es endlos dauert, bis man an seine Daten kommt. Auch kann ein Hacker die Cloud blockieren.«

»Ich sehe, du denkst mit«, sagte Mathilde anerkennend. »Das sollte man auch. Aber nun will ich dir ein wenig über die Gegend erzählen. Unser Städtchen hat knapp dreitausend Einwohner, eine wunderschöne Altstadt mit zwei hervorragenden Cafés und eine brauchbare Auswahl an Geschäften. Was darüber hinaus geht, bestellen wir entweder im Internet, oder wir fahren nach Tiefenstett. Das ist die nächstgrößere Stadt!«

»Tiefenstett?«, rief Kate überrascht. »Aber …«

»Kennst du die Stadt?«, fragte Mathilde interessiert.

»Nein, ich … Mein Exfreund will dort einen Job antreten.«

»Der berüchtigte Simon!« Mathilde lächelte, doch es wirkte nicht froh.

»Ja, der berüchtigte Simon!« Obwohl Kate sich sagte, dass es gut war, ihn losgeworden zu sein, spürte sie einen Schmerz in sich, weil es so bitter zu Ende hatte gehen müssen.

»Du hast mir ja über Zoom von ihm erzählt. Vielleicht sollten wir uns einmal vis-à-vis aussprechen. Sonst kokelt die Glut noch lange vor sich hin«, schlug Mathilde vor und winkte ihr, sich mit ihr in die Besprechungsecke zu setzen.

Kate erinnerte sich, dass die Professorin etwas Ähnliches erlebt haben musste. Daher berichtete sie nun ausführlich über ihre Beziehung zu Simon und gestand, dass sie sich unsicher fühlte, ob es richtig gewesen war, einen Schlussstrich zu ziehen.

Mathilde hörte ihr lange schweigend zu. Gelegentlich nickte sie oder schüttelte kurz den Kopf und sah Kate, als diese fertig war, durchdringend an.

»Es ist das Pech von uns Frauen, dass wir bei solchen Dingen meist die Schuld bei uns suchen. Dabei ist die Sachlage klar! Simon ist ein Aufschneider, der einem das Gefühl gibt, es wäre alles so, wie er es behauptet. Viele Männer stellen sich zu Beginn einer Beziehung besser dar, als sie in Wirklichkeit sind. Lernt man sie dann näher kennen, schrauben sie sich wieder auf das Normalmaß zurück, und man kann ausgezeichnet mit ihnen auskommen.«

»Aber warum hat Simon es nicht getan?«, fragte Kate.

»Weil er nicht zugeben wollte, dass du bei deinen beiden Studiengängen erfolgreicher bist als er. Er musste der King sein, auch wenn er es nur durch Lügen erreichen konnte.« Mathilde endete mit einem Achselzucken und der Bemerkung, dass diese Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei.

»Es hätte nur funktionieren können, wenn Simon damit zurechtgekommen wäre, dass du erfolgreicher bist als er. Das war aber nicht der Fall. Nun musst du darüber hinwegkommen. Entweder findest du einen Mann, der zu dir passt, oder du lebst so, wie es für dich am besten ist. Eine Beziehung, in der von dir gefordert wird, dich zugunsten des Partners zurückzunehmen, solltest du unter keinen Umständen eingehen.« Mathilde klang ernst und fasste nach Kates Hand. »Ich habe nach dem Studium einen Kommilitonen geheiratet und stellte es mir herrlich vor, mit ihm an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Wir promovierten kurz hintereinander und erhielten anschließend gleichwertige Arbeitsstellen. Es ging zwei Jahre gut. Als es hieß, ich solle befördert werden, drängte mein Mann darauf, dass wir Kinder haben sollten. Dies wurde in der Behörde bekannt, und so wurde nicht ich befördert, sondern er.«

»Das war gemein!«, fand Kate.

»Ich habe es damals nicht so gesehen, sondern gedacht, mein Mann würde sich wirklich Kinder wünschen. Also wurde ich schwanger. Mein Mann war allerdings weniger davon begeistert, als ich es erwartet habe. Kaum war unser Sohn geboren und mein Mutterschutz vorbei, drängte mein Mann mich, wieder zu arbeiten. Der Junge wurde von Au-pair-Mädchen betreut, und ich stieg eine Stufe tiefer als mein Mann wieder in unserer Behörde ein.« Mathilde verzog leicht das Gesicht, bevor sie weitersprach. »Fünf Jahre später hatte ich ihn nicht nur wieder erreicht, sondern übertroffen. Dann ging es von vorne los. Er möchte ein zweites Kind haben und so weiter. Im Amt gab es Mobbing, und so habe ich schließlich die Stelle gewechselt. Ich konnte höher einsteigen, und als ich schließlich auch noch die Professur erhielt, war der Familienfriede endgültig dahin. Es kam zu einer hässlichen Scheidung. Unser Sohn wurde von meinem Mann gegen mich aufgehetzt und schlug sich auf seine Seite. Nun wurde es sehr einsam um mich. Doch schon bald fühlte ich, dass sich mein Leben zum Besseren gewandt hatte. Ich verdiente gut, konnte mir leisten, was mir gefiel, und ging die nächsten Jahre in meinem Beruf auf. Ich hoffe, ich habe dabei einige Studentinnen und Studenten dazu angeregt, nicht nur ins Paragraphenbuch, sondern auch über den Tellerrand zu schauen.«

Kate wusste zu schätzen, dass Mathilde sich ihr anvertraute. Trotz des hohen Altersunterschieds waren sie Schicksalsschwestern. Nur waren ihr die Augen viel früher geöffnet worden als Mathilde.

»Das war wirklich übel!«, sagte sie leise, um dann die Frage zu stellen, die sich auf ihre Zunge schlich. »Hast du noch Kontakt zu deinem Sohn?«

Mathilde schüttelte mit trauriger Miene den Kopf. »Nein! Ich weiß nicht das Geringste über oder von ihm. Zu Beginn hat es sehr wehgetan, doch mittlerweile ist zu viel Zeit vergangen, um die Vergangenheit heraufbeschwören zu wollen.«

Ganz stimmte es nicht, das spürte Kate. Mathilde war durchaus verletzt, weil der Sohn sie seit so vielen Jahren ignorierte. Menschen waren jedoch nun einmal so, und wenn er es nicht wollte, konnte Mathilde ihn nicht dazu zwingen.

Noch während Kate überlegte, was sie dazu sagen sollte, zuckte Mathilde mit den Schultern. »Ich glaube, jetzt haben wir uns genug mit Männern beschäftigt. Was hältst du davon, wenn ich dich zum Abendessen bei unserem Inder einlade?«

»Aber nur, wenn ich dich dann auch einmal einladen darf«, antwortete Kate und spürte, dass ihr das Gespräch gutgetan hatte. Sie bedauerte nur, dass Mathilde dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert worden war. Die war ganz offen gesagt um einiges übler gewesen als ihr Ärger über Simon und dessen Angeberei.

7.

Während Kate sich bei Mathilde einlebte und mit Elan daran ging, die vor einem Jahr begonnene Doktorarbeit neu zu strukturieren und zu ergänzen, wurde einige hundert Kilometer entfernt in einem schön gelegenen Kurort in den Bergen Hochzeit gefeiert. Es war ein großes Fest, denn schließlich war der Bräutigam der einzige Sohn des Hoteliers Dominik Krautbacher und die Braut die Enkelin des bekannten Wissenschaftlers Professor Guido Freimann.

Eben traf ein verspäteter Hochzeitsgast ein und wurde vom Vater des Bräutigams bärbeißig begrüßt. »Wenigstens einer aus der Helmschmied-Verwandtschaft lässt sich blicken!«

»Schön, dass du doch noch gekommen bist, Philip!«, sagte Fabian Krautbacher, der Bräutigam.

»Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber mein Flug ist ausgefallen, und ich musste auf den nächsten warten.« Philip Helmschmied reichte ihm lächelnd die Hand. »Lass dir gratulieren! Eine Bessere als die Laura kriegst du nicht.«

»Und sie keinen Besseren als mich«, meinte Fabian grinsend. »Aber warum bist du alleine? Ich dachte, ihr würdet zusammen kommen?«

»Vater hat leider überraschend auf Geschäftsreise gehen müssen«, erklärte Philip. »Er hat ehrlich versucht, sie zu verschieben, aber du bist ja selbst Geschäftsmann. Da kommt eben nicht alles so, wie man es sich wünscht.«

»Aber dass er die Hochzeit seines Neffen nicht als wichtig genug erachtet, finde ich nicht angemessen. Sonst ist er ja auch bei jedem Schmarrn dabei!« So ganz verzieh Dominik Krautbacher dem Bruder seiner verstorbenen Frau nicht, dass dieser nicht bereit gewesen war, auf die Geschäftsreise zu verzichten.

»Und ich habe nicht deinen Vater gemeint!«, warf Fabian ein.

»Mutter ist in den USA. Doch das hat sie euch sicher geschrieben«, sagte Philip.

Fabian schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. »Tust du so, oder was? Ich meine natürlich Iris! Du hast doch unsere Einladung auch in ihrem Namen beantwortet.«

»Da war ich etwas vorschnell! Sie hat mir in der Zwischenzeit die Lizenz für die traute Zweisamkeit entzogen.« Philip versuchte, munter zu klingen, doch Fabian sah ihm an, wie sehr ihn die Trennung getroffen hatte.

»War das jetzt die Nummer drei oder die Nummer vier, die dir den Laufpass gegeben hat?«, fragte Dominik Krautbacher in bayrischer Direktheit.

»Ich habe es aufgegeben, sie zu zählen«, antwortete Philip und wandte sich der Braut zu. »Meinen Glückwunsch, Laura! Du wirst den Lackl aber am kurzen Zügel führen müssen. Sonst wird er übermütig!«

»Jetzt mach mal halblang!«, beschwerte sich Fabian. »Ich bin ein Muster von Ehemann. Das sagst du doch auch, Schatzerl?«

Laura, eine attraktive Blondine, musterte ihn mit einem Lächeln. »So in zehn, zwanzig Jahren werde ich wissen, ob das stimmt. Aber setz dich doch, Philip! Wir haben einen Stuhl für dich frei gehalten.«

Eigentlich waren es zwei gewesen, da sie mit Philips jetziger Exfreundin gerechnet hatten. Nun wurde der überzählige Stuhl rasch entfernt, und Philip erhielt ein Glas Sekt in die Hand gedrückt, um mit dem Brautpaar anzustoßen. Er begrüßte die Gäste am Brauttisch höflich und nahm Platz.

Die Verwandten der Krautbacher kannte er. Daher interessierte er sich mehr für die Angehörigen der Braut. Da waren zum einen der Brautvater und die Brautmutter. Beide sahen jünger aus als die fünfundvierzig und dreiundvierzig Jahre, die sie zählten. Philips Blick glitt weiter zu den Großeltern. Genau genommen waren es der Großvater und dessen zweite Frau. Professor Guido Freimann war über siebzig, die Frau hingegen ein Jahr jünger als ihre Schwiegertochter. Neben den beiden saß deren gemeinsame Tochter. Der sechzehnjährigen Yasmin meinte er anzusehen, dass sie einem Flirt nicht abgeneigt war.

Eine seltsame Familie, dachte er. Der Brautvater war achtundzwanzig Jahre älter als seine Schwester. Halt, es ist die Halbschwester, korrigierte Philip sich. Da Yasmins Mutter jünger war als ihre Schwiegertochter, konnte sie nicht die Mutter des Brautvaters sein.

Du machst dir alberne Gedanken, verspottete er sich. Er ignorierte die Blicke, mit denen Yasmin ihn zu locken schien, und bemerkte amüsiert, dass sie sich schließlich einem jungen Mann aus der Krautbacher-Familie zuwandte.

»Jetzt hast du deine Chance hergegeben!«, kommentierte Fabian grinsend. »Ich hatte ganz den Eindruck, als würdest du Lauras Tante gefallen.«

Laura musterte Yasmin verärgert. »Ich hätte erwartet, dass Oma ihr klarmacht, wie man sich hier zu benehmen hat. Das hier ist keine Karnevalsveranstaltung! Und selbst dort sollte sie nicht mit einem solchen Kostüm herumlaufen.«

Yasmins Kleid schien auch Philip arg freizügig für eine Hochzeit. Allerdings stieß Lauras Bemerkung etwas anderes in ihm an. »Du nennst die Frau deines Großvaters Oma?«

Laura stutzte und strich sich unbewusst über die Stirn. »Da hast du recht! Seit ich zurückdenken kann, war Anica meine ›Oma‹. Aber da sie einige Jahre jünger ist als mein Vater, weiß ich natürlich, dass meine richtige Großmutter eine andere Frau sein muss.« Sie lachte kurz auf und schüttelte dann den Kopf. »Ich habe allerdings nie etwas über Großvaters erste Ehefrau erfahren. Erst als ich meine Papiere für die Heirat zusammengesucht habe, bin ich auf ihren Namen gestoßen. Sie hieß Mathilde.«

Ohne nachzudenken, zog Philip sein Smartphone heraus und suchte im Internet nach einer Mathilde Freimann. Er bekam etliche Ergebnisse, doch keine passte vom Alter her. Da erschien eine Meldung auf dem Bildschirm.

»Prof. Dr. Mathilde Redecke, geschiedene Freimann«, las er leise vor. »Vielleicht ist es die! Die kenne ich sogar persönlich. Sie hat vor einigen Jahren einen Vortrag über Sozialpolitik gehalten und mich dabei so überzeugt …«

»… dass du dir dieses Studium auch noch aufgehalst hast!« Fabian lachte, beugte sich dann aber vor, um den Eintrag auf Philips Smartphone zu lesen.

»Die Frau ist eine Koryphäe!«, sagte er anerkennend.

Laura nahm Philip das Handy ab, entdeckte ein Foto ihrer Großmutter und zeigte es Fabian. »Sieht sie nicht toll aus?«

Ihr Bräutigam stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Ich glaube, du siehst ihr sogar ähnlich. Meinst du nicht auch, Philip?«

Dieser musterte das Bild und dann Laura und nickte überrascht. »Tatsächlich! Die Ähnlichkeit ist frappierend. Da wirst du dich ranhalten müssen, mein Guter, damit man Laura, wenn ihr in das Alter kommt, nicht für deine Tochter hält.«

Während Laura amüsiert gluckste, verzog Fabian kurz das Gesicht, lachte dann aber. »Ich weiß ja, wer es sagt!«

Laura betrachtete erneut das Bild auf dem Smartphone und reichte das Gerät kurz entschlossen an ihren Vater weiter. »Hier, Papa! Ich habe ein Bild meiner Großmutter gefunden. Philip kennt sie sogar persönlich.«

Ihr Vater warf einen Blick auf das Foto, schob dann das Gerät mit einer heftigen Bewegung von sich. »Das ist eine Sache, über die wir bei deiner Hochzeit nicht reden sollten.«

Während Laura über den harschen Tonfall regelrecht schockiert schien, meinte Philip einen schmerzhaften Unterton herauszuhören. Es musste etwas äußerst Unangenehmes vorgefallen sein, das Lauras Vater zu bedauern schien. Dieser sah zu seinem Vater hinüber, der nichts von dem Gespräch mitbekommen hatte. Es lag ein Vorwurf in diesem Blick, der Philip verwunderte, aber auch eine tiefe Traurigkeit.

8.

Im Verlauf der Hochzeitsfeier gab es etliche amüsante Ansprachen und dazu ein Spiel, bei dem das Brautpaar von den Brautjungfern in Bänder eingewickelt wurde, aus denen sie sich ohne das Benutzen einer Schere befreien mussten. Schließlich wurden Kaffee, Kuchen und Eis serviert, danach wurde die Tanzfläche freigegeben.

Der erste Tanz wurde dem Brautpaar zugestanden. Danach fanden sich etliche Paare, und zu den ersten zählten Professor Guido Freimann und seine Ehefrau. Deren Tochter Yasmin sah Philip auffordernd an. Dieser ignorierte sie jedoch, und so zog sie mit einem anderen los.

Lauras Mutter sah ihren Mann an. »Wollen wir auch tanzen?«

»Später! Jetzt würde ich mich gerne mit Philip unterhalten.«

Eva Freimann schien zu spüren, dass ihr Mann mit Philip allein sein wollte, denn sie meinte lächelnd, dass sie nach draußen gehen und ein wenig frische Luft schnappen wolle.

Kaum saß Christian Freimann mit Philip allein am Tisch, sprach er ihn an. »Kann ich das Bild noch einmal sehen?«

Philip rief es auf und reichte ihm das Smartphone. Lauras Vater starrte darauf und wischte sich über die Augen. »Sie ist eine hochelegante und, wie es aussieht, auch sehr zufriedene Frau.«

»Ich habe sie als äußerst charmant und hilfsbereit empfunden«, erklärte Philip. »Sie hat mich zu meinem dritten Studiengang animiert.«

»Und jetzt sind Sie Dr. Dr. Kein Wunder, dass das Yasmin imponiert. Sie hat mit ihrem Vater ein großes Vorbild zu Hause. Bei einem weniger erfolgreichen Mann würde sie sich unter Wert verkaufen.«

»Das Mädchen ist erst sechzehn!«, sagte Philip kopfschüttelnd. »Da sollte sie nicht einmal daran denken, sich zu ›verkaufen‹.«

Christian Freimann lachte bitter auf. »Ihre Mutter war zwanzig, als sie Vater geheiratet hat. Sie war eine seiner Studentinnen und unsterblich in ihn verliebt. Das ist sie auch jetzt noch und wird irgendwann nur dafür leben, seinen Nachlass ins beste Licht zu rücken. Ich fürchte, mein Vater braucht eine Frau, der er sich intellektuell überlegen fühlen kann. Deshalb ist es mit meiner Mutter schiefgegangen. Sie war die Koryphäe, und er stand all die Jahre in ihrem Schatten, bis er es nicht mehr ertrug und auf Scheidung drängte.«

»Und die war dann ziemlich übel?«, fragte Philip.

Christian Freimann schüttelte den Kopf. »Die Scheidung selbst ging glatt über die Bühne. Aber das Drumherum war schlimm, und ich habe eine äußerst schlechte Rolle dabei gespielt.« Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle er es dabei bewenden lassen. Dann aber sprach er weiter. »Ich war damals gerade sechzehn und habe mich von meinem Vater beeinflussen lassen. Er hat mir eingeredet, dass meine Mutter eine schlechte Mutter wäre, weil sie ihre Karriere über ihr Kind gestellt und mich wechselnden Au-pair-Mädchen überlassen hätte. Eigentlich hätte sie mich gar nicht gewollt … und so weiter! Ich war mitten in der Pubertät, und zudem hatte meine Mutter mir Dinge verboten, mit denen Vater einverstanden gewesen war. Da sind einige böse Worte gefallen. Wenn ich heute zurückdenke, muss ich damals ein absoluter Volltrottel gewesen sein. Ich habe allerdings Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Eigentlich wurde es mir erst klar, als mein Vater seine so heiß ersehnte Professur erhielt. Damals sagte er, dass er es diesem elenden Biest nun endlich gezeigt habe. Da ging mir ein Licht auf, und ich begriff, dass er all die Jahre von Neid auf meine Mutter erfüllt gewesen war. Erst als auch er sich Professor Doktor nennen konnte, hatte er für sein Gefühl mit ihr gleichgezogen.«

Es war eine lange Rede, und Philip spürte, dass es Christian Freimann nicht leichtgefallen war, sich ihm anzuvertrauen. Einem Familienmitglied gegenüber hätte er es wahrscheinlich nicht getan. Er kannte jedoch seine Mutter und hatte ihm erklären können, dass sie so ganz anders war, als ihr Exmann sie immer geschildert hatte.

»Wissen Sie, erst nach der Habilitationsfeier meines Vaters fiel mir auf, dass nicht er es gewesen war, der mir half, wenn ich als Kind Probleme hatte, sondern immer meine Mutter. Sie hatte zweifelsohne viel zu tun, und auch wenn ich von Au-pair-Mädchen betreut worden bin, so war sie doch immer für mich da. Es muss damals ein Schock für sie gewesen sein, als ich mich auf die Seite meines Vaters geschlagen habe und so gemein zu ihr gewesen bin.«