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Eine mutige junge Frau, ein dramatisches Schicksal und eine große Liebe Berührend und mit viel Gefühl erzählt Annette Landgrafs dramatischer Roman »Ein Joker fürs Glück« von einem schweren Schicksalsschlag, einer Verschwörung und einer Liebe gegen alle Widerstände. Als Julia Lensberg nach einem furchtbaren Unfall im Krankenhaus erwacht, teilt man ihr mit, dass sie vermutlich für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird. Der Schicksalsschlag ist ein schwerer Schock für die lebensfrohe junge Frau – und es kommt noch schlimmer: Julias Großvater hat ihr eine äußerst erfolgreiche Spedition vererbt. Nach ihrem Unfall unternehmen nun jedoch sowohl der Geschäftsführer der Firma als auch Julias eigensüchtige Mutter alles, um die Spedition an sich zu reißen. Verzweifelt versucht Julia, sowohl ihr Leben als auch ihre Firma wieder in den Griff zu bekommen – ohne Hilfe ein aussichtsloses Unterfangen. Doch kann sie ausgerechnet dem Mann vertrauen, den sie am meisten verachtet, und den sie »Joker« nennt, seit er sich auf einer Feier völlig blamiert hat? Annette Landgrafs einfühlsamer und filmischer Schreibstil macht ihren dramatischen Roman zu einem echten Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte.
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2021
Annette Landgraf
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine mutige junge Frau, ein dramatisches Schicksal und eine große Liebe
Als Julia Lensberg nach einem furchtbaren Unfall im Krankenhaus erwacht, teilt man ihr mit, dass sie vermutlich für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird. Der Schicksalsschlag ist ein schwerer Schock für die lebensfrohe junge Frau – und es kommt noch schlimmer: Julias Großvater hat ihr eine äußerst erfolgreiche Spedition vererbt. Nach ihrem Unfall unternehmen nun jedoch sowohl der Geschäftsführer der Firma als auch Julias eigensüchtige Mutter alles, um die Spedition an sich zu reißen.
Verzweifelt versucht Julia, sowohl ihr Leben als auch ihre Firma wieder in den Griff zu bekommen – ohne Hilfe ein aussichtsloses Unterfangen. Doch kann sie ausgerechnet dem Mann vertrauen, den sie am meisten verachtet, und den sie »Joker« nennt, seit er sich auf einer Feier völlig blamiert hat?
Berührend und mit viel Gefühl erzählt Annette Landgraf von einem schweren Schicksalsschlag, einer Verschwörung und einer Liebe gegen alle Widerstände.
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Zweiter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Dritter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Vierter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Fünfter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Sechster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Siebter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Achter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Neunter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Zehnter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Der Hohn des Schicksals
Julia blieb an der Zwischentür stehen und warf einen Blick in den Speisesaal. Auch dort war alles perfekt vorbereitet. Gläser und Teller standen auf den Tischen, das Besteck war richtig angeordnet, und überall hatte das Personal Vasen mit frischen Schnittblumen verteilt. Fedosia wies gerade eine ihrer Helferinnen an, ein Messer um drei Millimeter nach vorne zu schieben, damit alle in Reih und Glied lagen. Julia winkte der Haushälterin kurz zu und kehrte in den Festsaal zurück. Die Dekoration hatte sie zusammen mit Sophia entworfen und fand, dass die selbst gebastelten Lampions in Form von Lkws sehr gut wirkten.
Sophia trat an ihre Seite und wirkte nicht weniger zufrieden. »Na, Julia, gefällt es dir?«
»Allerdings!«, antwortete das Mädchen. »Wir werden uns nicht blamieren. Immerhin geht es um Opas siebzigsten Geburtstag, und der muss so festlich begangen werden, wie es uns möglich ist. Hast du die Gästeliste gesehen? Da kommt jeder, der im Landkreis einen Namen hat, dazu viele Geschäftspartner und sogar Leute aus Köln.«
»Es wird sicher ein schönes Fest, Liebes!«, erklärte Sophia. »Aber Eduard sagt, es wird im nächsten Jahr ein noch größeres Fest geben. Du wirst achtzehn und damit volljährig. Das Gymnasium hast du dann auch hinter dir und kannst dir aussuchen, was du studieren willst.«
Ein Schatten huschte über Julias Gesicht. »Ich weiß nicht, ob Opa das überhaupt zulässt. Als ich letztens sagte, ich würde gerne Betriebswirtschaft studieren, um einmal in die Firma eintreten zu können, sagte er, er hielte das für überflüssig. Und du weißt: Wenn Opa etwas für überflüssig erachtet, wird es nicht geschehen. So war es auch, als ich vor einem Jahr den Mofaführerschein machen wollte. Auf diese Weise hätte ich alleine zur Schule fahren können. Aber er hat gemeint, das sei nicht notwendig, denn Lippens könne mich ja weiterhin hinfahren und wieder abholen.«
Sophia nahm einen gewissen Trotz in der Stimme des Mädchens wahr. Sie fand es gut, dass Julia sich über ihre Zukunft Gedanken machte. Eduard Lensberg hingegen war der Ansicht, er selbst wisse am besten, was für Julia richtig sei und wie es mit ihr weitergehen solle. Aber damit engte er seine Enkelin über Gebühr ein. Das wunderte Sophia immer wieder, denn sonst war ihr Lebenspartner der vernünftigste Mensch auf der Welt. In dieser Beziehung aber ließ er sich von niemandem dreinreden, auch nicht von ihr.
»Auf jeden Fall sehen die beiden Räume wunderbar aus. Drüben können wir essen und hier tanzen und reden.«
»Ich werde nicht viel zum Reden kommen. Die meisten, die Opa eingeladen hat, zählen nicht gerade zu meiner Altersgruppe!«, sagte Julia und lachte, denn sie war es durchaus gewohnt, sich artig mit älteren Herrschaften zu unterhalten.
»Stell dir vor, der Jüngste auf der Gästeliste ist Birke!«, fuhr Julia fort.
»Er heißt Berke, Liebes«, korrigierte Sophia das Mädchen.
»Birke klingt aber lustiger. Ebenso Holzig!«
Julia kicherte, denn Frau Holtzing, die Chefsekretärin ihres Großvaters, machte einen arg hölzernen Eindruck. Jedenfalls übertrafen deren Fähigkeiten im Beruf ihren Sinn für Humor um ein Vielfaches.
Bei dem Gedanken an Simon Berke verzog Sophia das Gesicht. Gleichgültig, wie viel ihr Lebensgefährte Eduard Lensberg von seinem Geschäftsführer auch halten mochte – ihr gefiel es nicht, wie der Mann, der mit über dreißig schon lange erwachsen war, um die noch nicht einmal ganz siebzehnjährige Julia herumschwänzelte. Für Sophia lagen seine Gründe auf der Hand: Berke war weitaus mehr auf die Lensberg-Spedition aus als auf das Mädchen als Person. Leider schien Eduard Lensberg sich Berke als Nachfolger in den Kopf gesetzt zu haben, ohne daran zu denken, dass Julia ihre eigenen Vorstellungen von ihrem Leben und ihrer Zukunft haben könnte.
»Was meinst du, Sophia? Soll ich den gelben Lkw noch ein wenig nach links hängen?«, fragte Julia, die Berke längst wieder vergessen hatte.
Sophia sah hin und schüttelte den Kopf. »Für mein Gefühl passt er so genau richtig.«
Da wurde die Tür geöffnet, und Frau Holtzing trat ein. Sie war groß und etwas hager, hatte scharf geschnittene Gesichtszüge und einen wachen, intelligenten Blick.
»Guten Tag, Frau Kage! Guten Tag, Julia! Wie ich sehe, ist hier alles fertig!«, sagte sie.
»So ist es, Frau Holtzing«, antwortete Sophia und bedachte das Mädchen mit einem warnenden Blick, ja nicht Holzig zu sagen.
Julia beherrschte sich. »Wie sieht es aus, Frau Holtzing? Gibt es Absagen für heute Abend?«
»Ja! Zumindest könnte man es eine halbe Absage nennen. Lukas Kullmann lässt sich und seine Frau entschuldigen, da sie eine Einladung des französischen Generalkonsuls in Düsseldorf erhalten haben. Er hat mitgeteilt, dass sein Bruder Marcus an seiner Stelle zur Geburtstagsfeier Ihres Großvaters kommen wird.«
»Ich wusste gar nicht, dass Lukas Kullmann einen Bruder hat.« Julia war dem Besitzer der Kullmann-Werke mehrmals begegnet und wusste, dass er bereits über vierzig Jahre alt war. Von einem Bruder war niemals die Rede gewesen.
Etwa zehn Kilometer von Eduard Lensbergs Villa entfernt bedachte Lukas Kullmann seinen Bruder Marcus mit einem strafenden Blick. »Du musst dich umziehen, sonst kommst du noch zu spät zu Lensbergs Feier. Da der alte Herr Wert auf Höflichkeit und auf gutes Benehmen legt, sind Jeans und T-Shirt gewiss nicht die Kleidung, die er bei der Feier zu seinem siebzigsten Geburtstag sehen will.«
»Ich habe keine Lust auf einen drögen Abend. Außerdem habe ich etwas anderes vor«, antwortete Marcus widerspenstig.
»Mit Paul und Mia durch die Kneipen zu streifen! Das kannst du auch ein andermal. Hier geht es um die Firma! Wir gehören zu den bevorzugten Kunden der Spedition Lensberg, und ich will, dass es so bleibt. Daher muss einer von uns dahin.«
»Und warum du nicht?«, fragte Marcus, der die Verabredung mit seiner Freundin und seinem besten Freund unter allen Umständen einhalten wollte. »Schick genug angezogen bist du ja!«
Lukas’ Blick nahm an Schärfe zu. »Du weißt genau, dass Caren und ich zum Empfang des französischen Konsuls eingeladen sind. Daher ist es deine Pflicht, mich bei Lensberg zu vertreten.«
»Pflicht!« Marcus bellte dieses Wort förmlich. »Seit Jahren höre ich nur Pflicht! Pflicht! Pflicht! Du tust direkt so, als wäre ich dein Sklave – oder wenigstens der der Firma. Ich habe ja wohl ein Recht auf mein eigenes Leben!«
»Da du während neunzig Prozent deiner Zeit ein höchst angenehmes Leben führst, kannst du die restlichen zehn Prozent durchaus mal was dafür tun, dass es so bleibt. Aus diesem Grund wirst du dich jetzt umziehen und zu Lensberg fahren, hast du mich verstanden? Sonst streiche ich dir deinen Zuschuss, und du kannst zusehen, wie du mit deinem normalen Taschengeld auskommst!«
Marcus schluckte. Lukas war so verärgert, dass er diese Ankündigung wohl wahr machen würde. Für seinen Bruder ging die Firma über alles. Seit dem Tod des Vaters vor mehr als zehn Jahren war Lukas der Chef, und er behandelte ihn, seinen jüngeren Bruder, wie einen Untergebenen. Lukas’ Frau Caren versuchte zwar, zwischen ihnen zu vermitteln, aber auch sie verstand nicht, wie viel ihn von seinem Bruder trennte. Lukas war zwanzig Jahre älter als er und von Anfang an zum Nachfolger herangezogen worden. Er hatte, wie Marcus spottete, die Verantwortung für die Firma bereits mit der Muttermilch eingesogen. So hatte Lukas sich auch pflichtgemäß in die Frau verliebt, die der Vater für ihn ausgesucht hatte.
Marcus war objektiv genug, um zuzugeben, dass die Ehe seines Bruders sehr glücklich war. Als Tochter eines Geschäftsmanns verstand Caren, wie wichtig ihm die Firma war, und unterstützte ihn nach Kräften. Auch stand mit den zehnjährigen Zwillingen Matthäus und Johannes die nächste Generation Kullmann bereit, einmal die Firma weiterzuführen. Deshalb sah Marcus nicht ein, weshalb auch er dort mitarbeiten sollte. Zwar war er noch eine Weile auf die finanzielle Unterstützung seines Bruders angewiesen, doch sobald er sein Studium abgeschlossen hatte, wollte er auf eigenen Füßen stehen.
Seine Schwägerin trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Kannst du Lukas nicht diesen einen Gefallen tun?«
»Schon gut, ich werde hingehen«, antwortete Marcus bitter. »Wenn Lukas mir den Zuschuss verweigert, muss ich mein Studium abbrechen.«
»Du hast doch deinen Bachelor gemacht. Eigentlich müsste das reichen, damit du einen führenden Posten in der Firma einnehmen kannst.« Das war Lukas’ Lieblingsthema, denn er hielt es für sinnlos, überflüssige Dinge zu lernen. Das, was sein Bruder an Rüstzeug noch brauchte, konnte er sich auch durch Learning by Doing erwerben.
Marcus aber wollte sein Studium mindestens mit dem Master abschließen. Vielleicht würde er auch noch promovieren. Voraussetzung dafür aber war, dass Lukas ihm weiter eine hübsche Summe über sein in Vaters Testament festgelegtes Taschengeld hinaus zahlte.
»Reicht für die Feier bei Lensberg ein schwarzer Anzug, oder muss ich in Frack und Zylinder erscheinen?«, fragte er bissig.
Caren gluckste, während Lukas seinen Bruder ein weiteres Mal vernichtend ansah.
»Anzug reicht! Er sollte aber nicht schwarz sein. Schließlich gehst du nicht auf eine Beerdigung, sondern auf eine Geburtstagsfeier.«
Marcus verkniff sich ein Grinsen, das seinen Bruder misstrauisch hätte machen können. Er besaß mehrere Anzüge, die passend gewesen wären. Der jedoch, den er im Auge hatte, war es gewiss nicht. Das aber brauchte Lukas nicht zu wissen.
»Wann beginnt die Party bei Lensberg? Ich möchte nicht zu spät kommen«, fragte er.
»Zwanzig Uhr! Sei pünktlich und übermittle Lensberg meine herzlichsten Grüße. Ach ja, wir haben auch ein Geschenk für ihn. Caren wird es dir geben.«
»Und wann müsst ihr das Haus verlassen?«, fragte Marcus weiter.
»Um sieben! Lass dir aber nicht einfallen, nicht zu Lensberg zu gehen. Dessen Spedition ist zu wichtig für die Firma. Bis jetzt wird jede Lkw-Ladung so rasch wie möglich transportiert. Das könnte sich ändern, wenn wir Lensberg verärgern.«
»Dann wäre Lensberg ein schlechter Geschäftsmann! Du sagst immer, bei Geschäften darf man sich nie von seinen Launen beherrschen lassen.«
Lukas setzte zu einer Antwort an, schluckte diese aber hinunter und bat seine Frau, das Geschenk zu holen. »Es handelt sich um eine Silberarbeit, die den Löwen und das Lamm aus der Bibel darstellt. Sie ist wertvoll genug, um Lensberg unsere Achtung zu zeigen, aber nicht so groß, dass sie protzig wirken würde«, erklärte er Marcus. Dann klopfte er ihm auf die Schulter. »Du machst das schon! Immerhin bist du ein Kullmann.«
Es war, als spräche ein Vater zu seinem Sohn, dachte Marcus. Zwanzig Jahre Altersunterschied waren einfach zu viel, um noch brüderliche Gefühle entwickeln zu können. Für einen Augenblick stellte er sich vor, ihre Rollen wären vertauscht. Doch selbst wenn er der Ältere wäre, würde er Lukas niemals so behandeln.
»Viel Vergnügen mit dem französischen Konsul! Ich schätze, diese Veranstaltung wird nicht ganz so öde wie die bei Lensberg«, sagte er und verließ den Raum.
Eduard Lensberg sah wohlgefällig zu Sophia und Julia hinüber, die eben den Raum betraten. Seine Lebensgefährtin sah in ihrem dunkelroten Cocktailkleid und dem naturblonden Haar jünger aus als die fünfzig, die sie vor Kurzem überschritten hatte, während seine Enkelin ein Kleid im zarten Blau trug, das ihrer leicht pummeligen Figur schmeichelte. Lensberg hielt nichts davon, das Mädchen zu Fastenkuren zu überreden. Ihm war Julia gesund und fröhlich lieber denn als missmutiger Hungerhaken. Er hatte ihre Mutter erlebt und sich oftmals gefragt, was sein Sohn an dieser Frau gefunden hatte. Schön war Claudia gewesen, aber von einer Art, die in Hochglanzmagazine passte und nicht in die Villa eines Spediteurs, der, wenn Not am Mann war, noch selbst Lkws beladen und diese an ihr Ziel gesteuert hatte.
Lange hat die Ehe ohnehin nicht gehalten, dachte Lensberg bitter. Sein Sohn hatte bereits die Scheidung eingereicht, als er beim Paragliding von einer Bö erfasst worden war und den Tod gefunden hatte. Lensberg schob diesen Gedanken mit einer gewissen Mühe beiseite. Dieser Tag war ein Festtag, und da wollte er nicht an trübe Zeiten denken.
»Hübsch seht ihr zwei aus!«, sagte er lächelnd, küsste Sophia und strich Julia über die Wange.
»Du bist aber auch ein stattlicher Herr, Opa«, antwortete Julia fröhlich.
»Das ist wahr!«, stimmte ihr Sophia zu.
Seine siebzig Jahre sah man Lensberg nicht an. Er war hochgewachsen, schlank, und sein Haarschopf hatte sich von Blond zu Silber gefärbt. Auch der kurz gehaltene Bart, den er sich aus einer gewissen Eitelkeit heraus stehen ließ, war silbern und passte zu den hellen, grauen Augen. Er war ein kräftiger Mann, der seine Spedition mit fester Hand führte und dennoch allem Neuen gegenüber aufgeschlossen war.
Am Nachmittag hatte er drüben in der großen Halle ein Fest für seine Angestellten gegeben. Es war nett gewesen, fand Sophia, und er hatte als Geschenk ein Modell des ersten Lastwagens erhalten, mit dem er vor gut fünfzig Jahren für die Firma gefahren war, um sein Handwerk als Speditionsunternehmer von der Pike auf zu lernen.
»Du bist so in Gedanken! Gibt es etwas, meine Liebe?«, fragte Lensberg.
Sophia schüttelte den Kopf, sodass ihre blonden Locken aufstoben. »I wo! Ich dachte nur an die Feier heute Nachmittag. Sie war wirklich sehr gelungen. Wollen wir hoffen, dass es am Abend ebenso wird.«
»Das glaube ich nicht«, warf Julia ein. »Am Nachmittag waren wir unter uns. Jetzt werden Leute kommen, die wir kaum kennen.«
»Es wird Zeit, dass du sie kennenlernst, mein Kind!«, erwiderte Sophia. »Diese Gäste sind wichtig für die Spedition – wie zum Beispiel Lukas Kullmann. Seine Firma bringt uns fast zehn Prozent unseres Umsatzes.«
»Elf Komma drei Prozent«, warf Lensberg ein.
»Kullmann wird aber nicht kommen, weil er einen anderen Termin hat«, wandte Julia ein.
»Er ist beim Empfang des französischen Konsuls eingeladen! Da würde auch ich nicht absagen. Dafür kommt sein Bruder zu uns«, erklärte Lensberg lächelnd.
»Er hätte auch seinen Bruder zu diesem Franzosen schicken können.« Julia klang etwas verärgert, denn für sie war ihr Großvater der wichtigste Mensch auf der Welt. Dann schaute sie zum Fenster hinaus und sah, dass einige Autos auf den Parkplatz neben der Villa einbogen.
»Die ersten Gäste kommen! Hoffentlich ist alles bereit.«
Sophia lächelte. »Nachdem du alles drei- und vierfach nachgesehen und kontrolliert hast, dürfte nichts schiefgehen.«
»Dann wollen wir mal!« Lensberg trat auf die Verbindungstür zu, die zum Festsaal der Villa führte, und warf einen Blick auf die mit Blumen geschmückten Tische.
Das gemietete Servierpersonal trug weiße Jacketts und schwarze Hosen, denn Sophia hielt nichts davon, junge Frauen in komische Kostüme mit weißen Schürzchen zu stecken. Die Zeit der Lakaien und Zofen war ihrer Meinung nach endgültig vorbei.
»Sehr gut gemacht, meine Liebe!«, lobte Lensberg sie.
»Du solltest lieber Julia loben, denn sie hat das meiste in die Hand genommen. Die Lampion-Lkws hat sie sogar selbst gebastelt.«
Bei diesen Worten schenkte Sophia dem Mädchen einen liebevollen Blick. Seit sie mit Lensberg zusammen war, hatte sie versucht, Julia die Mutter zu ersetzen, die diese niemals gehabt hatte. Es gab ein paar Fotos von Claudia Lensberg, auf denen sie höchst attraktiv aussah. Julia würde ihr einmal sehr ähnlich sehen, dachte sie. Allerdings hatte das Mädchen brünettes Haar und nicht das Blond der Mutter, und ihre Augen waren grau wie die des Großvaters. Nur wirkten sie sehr verträumt, während Lensberg eher kühl in die Welt schaute.
Der alte Herr fasste nach Sophias Arm und dem seiner Enkelin. »Wir sollten unsere Gäste begrüßen!«
Der erste Gast war Heinz Labahn, der Hausarzt der Lensbergs und ein guter Freund des alten Herrn. Er begrüßte diesen herzlich und ebenso Sophia. Dann musterte er Julia.
»Du bist ja schon wieder größer geworden! Wenn das so weitergeht, werde ich bald nicht mehr ›Kleine‹ zu dir sagen können!«, sagte er und tätschelte ihr die Wange.
»Opa meint, dass ich über eins achtzig werden könnte. Er selbst ist groß, Papa war es ebenfalls, und Mama soll auch keine Zwergin gewesen sein«, antwortete das Mädchen munter.
»Ich glaube, sie war kleiner, als du es jetzt bist. Jedenfalls bist du uns Lensbergs nachgeraten«, sagte der Großvater und setzte insgeheim ein »Gott sei Dank!« hinzu. Er hatte Julias Mutter drei Jahre lang ertragen müssen und jahrelang gebetet, dass seine Enkelin kein so oberflächliches und nur auf sich bezogenes Wesen werde wie diese Frau.
Ein Kellner reichte Dr. Labahn ein Glas Sekt. Dieser nahm es und stieß mit Lensberg an. »Auf deinen Siebzigsten und darauf, dass wir noch etliche weitere Geburtstage feiern können! Wenn du dich an meine Anweisungen hältst, wird das auch der Fall sein.«
»Wie meint er das?«, fragte Julia verwundert, als Labahn weitergegangen war.
»Nur die üblichen Predigten unseres Doktors! Ich soll mich etwas mehr schonen, keinen Alkohol trinken, einiges nicht mehr essen und auf jeden Fall nicht mehr rauchen. Letzteres habe ich nach meiner Bronchitis vor zwei Jahren ohnehin aufgegeben«, antwortete ihr Großvater leichthin.
»Es war nicht nur eine einfache Bronchitis, sondern stand an der Kippe zur Lungenentzündung! Du hättest Dr. Labahns Ratschlag annehmen und mehrere Wochen in einem Luftkurort verbringen sollen.« In Sophias Worten schwang ein gewisser Tadel mit, da Lensberg ebenso wie viele Männer seiner Gesundheit nicht den Wert beimaß, den sie eigentlich haben sollte.
Weitere Gäste erschienen und gratulierten herzlich. Schon bald war zu erkennen, dass der Tisch, den Sophia für die Geburtstagsgeschenke hatte bereitstellen lassen, nicht ausreichen würde. Lensberg war in der Region beliebt, denn er bot nicht nur gut zweihundert Leuten Arbeit, sondern engagierte sich sozial und war zudem ein Sponsor etlicher Vereine.
Allmählich wurde der Saal voll, und Julia blickte auf die Uhr. Es war zwanzig nach acht, und in zehn Minuten würde das Festessen beginnen. Die ersten Gäste stellten ihre Sektkelche bereits ab und warteten an der Tür des Speisesaals darauf, dass diese aufgemacht wurde.
»Es sieht aus, als wären die Leute hungrig«, raunte Julia Sophia zu.
»Viele essen mittags nur eine Kleinigkeit. Da ist es verständlich, dass sie jetzt essen wollen. Wir sollten sie nicht länger warten lassen. Die Gäste dürften bereits alle da sein.«
»Stimmt nicht! Da kommt gerade Herr Birke. Dabei hatte dieser den kürzesten Weg von allen.« Julia zeigte auf den Mann, der im dunkelgrauen Anzug und mit dem korrekt gescheitelten Haar sehr gediegen wirkte.
»Er heißt Berke, nicht Birke!«, tadelte Sophia das Mädchen ein weiteres Mal, während Lensberg erfreut auf den Mann zutrat.
»Sie haben nach der internen Feier doch hoffentlich nicht bis jetzt gearbeitet, Herr Berke?«
»Ich wollte noch die letzten Aufträge abschließen und die Rechnungen stellen, Herr Lensberg, damit das erledigt ist. Darf ich Ihnen jetzt richtig gratulieren? In der Firma war doch zu viel Trubel um Sie herum, als dass ich meine Glückwünsche so hätte anbringen können, wie ich es gerne getan hätte.«
Berke streckte Lensberg die Hand hin. In der anderen hielt er ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen und schien nicht zu wissen, ob er es jetzt persönlich übergeben oder auf den Geschenketisch legen sollte.
Sophia nahm es ihm ab und brachte es zu dem Tisch. Unterdessen sah Berke sich nach Julia um und kam lächelnd auf sie zu. »Guten Tag, Julia! Sie werden auch von Tag zu Tag hübscher.«
»Danke für das Kompliment!«, erwiderte Julia und wurde unwillkürlich rot. In der Schule interessierte sich keiner der Klassenkameraden für sie, obwohl es bereits mehrere Pärchen gab. Berkes Bemerkung tat ihr daher gut. Gleichzeitig fühlte sie sich unsicher, denn er war vierzehn Jahre älter als sie und in den sechs Jahren, die er bereits in der Spedition ihres Großvaters arbeitete, bis zu dessen Stellvertreter aufgestiegen.
Ein paar Meter entfernt zupfte Sophia Lensberg am Ärmel. »Glaubst du wirklich, dass die beiden ein Paar werden könnten? Ich halte den Altersunterschied einfach für zu groß.«
»Er ist bei Weitem nicht so groß wie der zwischen uns«, antwortete Lensberg aufgeräumt. »Bei Berke wäre die Spedition einmal in guten Händen und Julia in sicheren Verhältnissen.«
»Es ist bezeichnend, dass du die Spedition vor deiner Enkelin nennst, mein Lieber.« In Sophias Stimme schwang ein leichter Tadel mit, denn für ihr Gefühl identifizierte ihr Lebensgefährte sich zu sehr mit seiner Firma, anstatt kürzerzutreten, wie Dr. Labahn es ihm immer wieder riet.
»Außerdem«, setzte sie hinzu, »ist es bei uns etwas anderes. Wir sind beide erwachsen und kennen das Leben, während Julia ein Küken ist, dem noch Eierschalen hinter den Ohren kleben.«
Auch das war ein kaum versteckter Tadel, da Lensberg in ihren Augen seine Enkelin viel zu behütet aufwachsen ließ. Zahlreiche Dinge, die einem Mädchen ihres Alters Spaß machten, kannte Julia nicht einmal. Auch deshalb fand Sophia es falsch, dass ihr Lebensgefährte Simon Berke nicht nur zu seinem Nachfolger in der Spedition aufbauen, sondern ihn auch zum Ehemann seiner Enkelin machen wollte.
Eduard Lensberg kannte die Bedenken seiner Lebensgefährtin, nahm sie aber nicht ernst. Natürlich war Julia im Augenblick noch zu jung, um bereits heiraten zu können. In zwei, drei Jahren sah es jedoch anders aus.
»Es wird Zeit, Eduard! Oder willst du unsere Gäste verhungern lassen?«
Es klang erneut wie ein Tadel, denn Sophia ärgerte sich, weil Lensberg nicht auf ihre letzte Bemerkung geantwortet hatte. Sie nahm sich vor, in den nächsten Tagen ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Schließlich sollte Julia ein selbstbestimmtes Leben führen können und keines, das ihr Großvater plante wie die Tour eines seiner Lastwagen.
Alle saßen bereits zu Tisch, als ein letzter, verspäteter Gast erschien. Es war ein junger Mann in einem völlig unpassenden violettroten Anzug, der Julia an den Joker aus den Batman-Filmen erinnerte. Eine groteske Fliege zierte den Hals, und in der Hand hielt er eine verbeulte Schachtel.
Es war Marcus Kullmann. Nach der Abfahrt von Bruder und Schwager hatte er sich noch rasch an seinen Computer gesetzt und darüber die Zeit vergessen. Als er gemerkt hatte, wie spät es bereits war, hatte er sich in aller Eile den farbstarken Anzug übergestreift und war losgesaust. Das Geschenkpäckchen hatte er auf den Rücksitz geworfen. Als ihn ein anderer Autofahrer zu einem scharfen Bremsmanöver gezwungen hatte, war es durch das Auto geflogen und hatte dabei gelitten.
Jetzt legte er das Päckchen mit einem verlegenen Grinsen auf den Tisch und trat auf den Gastgeber zu. »Guten Tag, Herr Lensberg! Ich soll Ihnen die aufrichtigsten Glückwünsche meines Bruders ausrichten. Er ist leider verhindert.«
Lensberg brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, wen er vor sich hatte. »Sie also sind Lukas Kullmanns Bruder. Seien Sie mir willkommen!« Es klang distanziert, da Marcus nicht gerade festlich gekleidet war.
Auch Julia rümpfte die Nase. So konnte man als Clown bei einem Kindergeburtstag auftauchen, aber nicht bei einer Feier, zu der selbst hohe Landespolitiker erschienen waren. Da nur noch ein Platz neben ihr frei war, führte ein Kellner ihn dorthin.
»Guten Abend, Herr Kullmann!«, grüßte Julia spitz.
»Guten Abend!«, antwortete Marcus und musterte sie kurz. Meinem Geschmack entspricht das Mädchen ja nicht gerade, dachte er. Hoffentlich gibt es wenigstens etwas Handfestes zu essen und keine Spielereien mit Lebensmitteln, setzte er für sich hinzu und musterte dann die übrigen Gäste. Da deren Altersdurchschnitt mindestens fünfundfünfzig Jahre betragen musste, stellte er sich auf eine öde Veranstaltung ein. Auf seiner rechten Seite saß die Enkelin des alten Lensberg, die höchstens fünfzehn, sechzehn Jahre alt sein mochte, und neben ihr ein überkorrekt aussehender Typ, der die Kleine mit schmalzigen Komplimenten bombardierte. Links von ihm hatte eine Frau Platz genommen, die ihre besten Tage zu Konrad Adenauers Zeiten erlebt haben mochte.
Auch die Trinksprüche, die ausgebracht, und die Reden, die zwischen den einzelnen Gängen gehalten wurden, stammten für sein Gefühl noch aus Kaisers Zeiten. Nach einer Weile begriff Marcus, dass anscheinend auch von ihm eine kleine Ansprache erwartet wurde, und wünschte Lukas eine Autopanne, damit dieser nach dem Empfang des französischen Konsuls auf der Autobahn stehend auf die Gelben Engel warten musste.
Als Vorletzter sprach Schleimerix Schmalzlocke, wie Marcus den Typen neben dem Mädchen getauft hatte. Dieser nahm sein Glas zur Hand und wandte sich Lensberg zu.
»Ich schätze mich glücklich, heute hier sein und Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche überbringen zu können, Herr Lensberg. Sie sind nicht nur ein Geschäftsmann und Chef, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann, sondern auch eine Säule unseres kleinen Städtchens und ein Vorbild, dem nachzustreben ich mich allezeit bemühen werde.«
Es kamen noch ein paar Sätze, in denen Schmalzlocke den Gastgeber über den grünen Klee lobte. Lensberg schien gerührt, und die Kleine strahlte vor Freude, obwohl jeder Mensch merken musste, dass dieses Gesülze einfach nur peinlich war.
Im Gegensatz zu Marcus genoss Julia die Lobeshymnen auf ihren Großvater. Immerhin war dieser ein großer und bedeutender Mann. Dies hatten auch der Bürgermeister, der Landrat, der Regierungspräsident und der Vorsitzende der Unternehmervereinigung erklärt. Berke mochte vielleicht ein wenig des Guten zu viel getan haben, doch er war immerhin ein Angestellter ihres Großvaters und wollte sich vorteilhaft präsentieren.
Würde sich auch Lukas Kullmanns Bruder gut darstellen?, fragte Julia sich und sah Marcus an.
Und damit war sie nicht allein. Seinen Bruder kannte hier fast jeder, ihn aber kaum jemand, und so waren alle gespannt auf das, was er sagen würde. Da Schmalzlocke mehrere Minuten geschwafelt hatte, beschloss Marcus, seine Ansprache kurz und knackig zu halten. Er stand auf, nahm sein Glas und grinste. »Auf die nächsten siebzig Jahre, Herr Lensberg. Cheers!« Danach trank er aus und setzte sich wieder hin.
Die anderen starrten ihn an, und irgendeiner sagte: »Laffe!«
Julia verstand Affe und stimmte dem aus vollem Herzen zu. Marcus Kullmann war ein unmöglicher Mensch.
Nach einem guten und reichlichen Essen versammelten sich alle im Nebensaal. Während das Servierpersonal fleißig Getränke ausschenkte, gingen mehrere Gäste nach draußen, um auf der Terrasse zu rauchen. Auch Eduard Lensberg gönnte sich eine Zigarre.
Plötzlich stand Sophia neben ihm. »Das sollst du doch nicht tun!«
»Du solltest mir die drei Zigarren, die ich im Jahr rauche, nicht missgönnen«, meinte er lächelnd.
»Wenn es bei dreien im Jahr bleibt, sage auch ich nichts«, mischte sich Dr. Labahn ein. »Trotzdem gebe ich Sophia recht, mein Freund. Du musst auf deine Gesundheit achten. Dein Herz ist zu schwach! Möglicherweise wird es doch bald Zeit für einen Herzschrittmacher. Demnächst schicke ich dich zum Kardiologen.«
»Das wäre keine schlechte Idee«, erklärte Sophia. »Immerhin will ich dich noch lange behalten – und Julia will das auch.« Sie wandte sich an den Arzt. »Was meinen Sie, wie oft ich Eduard das schon gepredigt habe. Doch auf dem Ohr ist er taub!«
Lensberg schüttelte in komischem Entsetzen den Kopf. »Heute ist mein siebzigster Geburtstag. Da sollten wir uns freuen und feiern. Stattdessen haltet ihr so eine Art Gericht über mich!«
»Gelegentlich gehört dir der Kopf zurechtgesetzt«, erwiderte Sophia resolut. »Feiern werden wir trotzdem! Mein Glas ist leer. Wo ist Julia?«
»Die unterhält sich gerade mit Herrn Berke«, erklärte der Arzt.
Sophia schnaubte leise. »Ich würde eher sagen, sie hört zu, was er ihr ins Ohr bläst.«
Berke trug in ihren Augen viel zu dick auf, weil er wohl hoffte, sich auf diese Weise Julia als Bräutigam andienen zu können. Ihrer Meinung nach aber tat er es nur, um durch eine Heirat mit dem Mädchen selbst einmal der Chef der Firma zu werden.
Auch Dr. Labahn fand die Vorliebe seines Freundes für seinen Geschäftsführer übertrieben. Berke mochte ein guter Mitarbeiter sein, doch hier ging es nicht um ein Geschäft, sondern um ein junges Mädchen, das erst einmal etwas vom Leben sehen musste, um eigene Entscheidungen treffen zu können.
»Wo ist eigentlich der junge Kullmann abgeblieben?«, fragte Lensberg, um von diesem Thema abzulenken.
Sophia sah sich um. »Er ist jedenfalls nicht zu sehen.«
»Sagen wir es anders: Wäre er hier, wäre er nicht zu übersehen«, sagte Dr. Labahn lachend.
Auch Lensberg lachte, ärgerte sich aber trotzdem über seinen Geschäftsfreund Lukas Kullmann, der diesen unmöglichen Bruder zu ihm geschickt hatte.
Julia war noch stärker verärgert als ihr Großvater, denn Sophia und sie hatten alles getan, um eine würdige Feier zu gestalten. Das hatte dieser Typ ihnen mit seinem Auftritt versaut. Der war wirklich wie der Joker aus den Batman-Filmen, und sie wünschte sich, er würde möglichst bald in einer Patsche sitzen.
Um diese Zeit saß Marcus in seinem Auto und fuhr in flottem Tempo in Richtung Köln. Er hatte sich für einundzwanzig Uhr mit Mia und Paul verabredet, und nun würde er um gut anderthalb Stunden zu spät kommen. Die Nacht war jedoch noch jung, und es würde trotzdem lustig werden.
Am nächsten Tag klingelte Heinz Labahn zu früher Stunde bei der Lensberg-Villa und wurde von Fedosia ins Erkerzimmer geführt, in dem Eduard Lensberg gerade sein Frühstück beendete.
»So früh schon unterwegs?«, fragte Lensberg verwundert.
»Ich muss mit dir reden!«
»Was gibt es?«
»Einiges! Als ich gestern Abend gesehen habe, wie dieser Berke um deine Kleine herumscharwenzelt, ist mir fast die Galle übergekocht.«
»So schlimm war es auch wieder nicht«, verteidigte Lensberg seinen Geschäftsführer.
»Ich fand es schlimm! Julia ist noch ein Kind. Und daran bist du schuld!«, sagte Dr. Labahn aufgebracht.
So klug sein Freund sonst auch sein mochte; was seine Enkelin betraf, so schrieb er jede Vernunft in den Wind. Dies betraf nicht nur Berke und dessen unmögliches Verhalten, sondern auch die Art, in der Lensberg seine Enkelin erzog.
»Wir sind jetzt seit vierzig Jahren Freunde, und da wirst du mir ein ehrliches Wort nicht übel nehmen.«
»Natürlich nehme ich es dir nicht übel«, antwortete Lensberg.
»Ich finde die Art, wie du Julia erziehst, grundfalsch!«, erklärte Dr. Labahn eindringlich. »Ich will nicht sagen, dass du sie einsperrst, aber du verwehrst ihr vieles von dem, was andere Mädchen in ihrem Alter tun können. Statt ihr den Mofaführerschein zu erlauben oder ihr wenigstens ein Fahrrad zu kaufen, sodass sie selbst zur Schule fahren kann, lässt du sie von deinem Chauffeur hinkutschieren. Du tust es auch jetzt noch, obwohl die Stadt verboten hat, dass Schüler von Privatautos hingebracht und abgeholt werden.«
»Das Verbot wurde nicht Julias wegen erlassen, sondern weil einige Eltern so närrisch waren, bis auf den Schulhof zu fahren, damit die Kinder vor der Tür aussteigen konnten. Damit haben sie andere gefährdet.« Lensberg klang verärgert, weil er durch die Unverschämtheiten anderer seine Enkelin nicht mehr bis vor die Schule fahren lassen konnte.
»Soviel ich gehört habe, lässt dein Chauffeur Julia einhundert Meter vor der Schule aussteigen. Du nimmst dem Mädchen damit auch jede Gelegenheit, Freundinnen zu finden und diese besuchen zu können. Du musst Julia die Chance geben, erwachsen zu werden! Hier lebt sie wie ein Vogel in einem goldenen Käfig.«
»Jetzt übertreibst du aber! Ich tue alles, damit sie glücklich ist.«
»Das tust du eben nicht!«, konterte sein Freund. »Du behütest sie wie eine überbesorgte Glucke ihr Küken. Schon als sie noch ein Kind war, ging es so. Dabei ist Julia jung und gesund und könnte zum Beispiel Sport treiben.«
»Sie spielt Tennis.«
»Hat sie Freundinnen?«
»Ja, doch! Ein paar Schulkameradinnen«, antwortete Lensberg nach kurzem Überlegen.
»Geht sie mit diesen aus, oder fährt sie mit ihnen irgendwohin?«
»Was soll das jetzt?«, fragte Lensberg unwillig.
»Du weißt genau, dass sie das Haus nicht verlässt, ohne dass ein Anstandswauwau bei ihr ist, sei es dein Chauffeur, Sophia, du selbst oder früher die Kinderfrau. Weshalb hast du ihr eigentlich gekündigt?«
»Es gab Differenzen«, sagte Lensberg, da er seinem Freund nicht beichten wollte, dass diese Frau ihm die gleichen Vorwürfe gemacht hatte wie der Arzt.
»Wie soll Julia eine erwachsene, selbstbestimmte Frau werden, wenn sie ihre Flügel nicht erproben darf? Ich gebe dir einen Rat, Eduard. Schicke sie für das letzte Schuljahr ins Ausland, damit sie lernt, auf eigenen Füßen zu stehen, oder – falls dir das zu weit ist – wenigstens in ein deutsches Internat. Sei mir nicht böse, wenn ich das sage, aber sie muss Abstand zu dir gewinnen«, sagte Labahn beschwörend.
»Ich halte es so, wie es jetzt ist, für das Beste«, erklärte Lensberg in einem Tonfall, der deutlich verriet, dass er davon nichts wissen wollte.
»Wir sind alte Freunde, Eduard, und da muss es erlaubt sein, auch einmal eine unangenehme Wahrheit auszusprechen. Du sperrst Julia ein, weil du Angst hast, du könntest sie ebenso verlieren wie deinen Sohn. Dabei war sein Tod ein Unglück, wie es unter tausend Malen nur einmal vorkommt.«
»Es wäre nicht geschehen, wenn nicht diese Frau gewesen wäre!«, stieß Lensberg hasserfüllt aus. Seit dem Tod seines Sohnes waren mehr als fünfzehn Jahre vergangen, doch die Wunde schmerzte wie am ersten Tag. Um zu verhindern, dass auch seine Enkelin in Gefahr geriet, hatte er sie nicht nur von extremen Sportarten wie dem Paragliding, sondern auch von vielen anderen Dingen ferngehalten.
»Ich kenne etliche übervorsichtige Eltern, aber du übertrumpfst sie alle als Helikoptergroßvater«, erklärte Labahn. »Aber noch einmal zu dieser Frau: Sie ist immerhin Julias Mutter.«
»Sie war ein Miststück!«, sagte Lensberg eisig.
»War? Ist sie denn tot?«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Nach Erwins Tod gab es einen heftigen Streit, und sie ist fortgegangen. Danach habe ich nur noch über den Anwalt mit ihr kommuniziert. Es ging um das Erbe meines Sohnes. Ihr eigener Anwalt musste sie schließlich über den Unterschied zwischen privatem Besitz und Firmenvermögen aufklären und hat ihr von einem Prozess abgeraten. Sie hat dennoch einen ordentlichen Reibach gemacht, denn sie ließ sich die Abtretung des Sorgerechts für Julia fürstlich honorieren. Danach habe ich nichts mehr von ihr gehört und bin auch nicht traurig darüber – aber das weißt du doch alles.« Lensberg schnaubte grimmig, denn seine Schwiegertochter hatte damals versucht, so viel Geld als Erbe herauszuschinden, dass seine Spedition darüber fast pleitegegangen wäre.
Sein Freund musterte ihn nachdenklich. »Natürlich kenne ich die Geschichte – und ich weiß auch, dass das nicht leicht für dich ist! Aber es ist lange her, und du lässt Julia dafür immer noch leiden.«
»Was heißt hier leiden?«, fuhr Lensberg auf.
»Ich vermute, du hältst Julia weniger aus Angst, ihr könnte ein ähnliches Unglück wie ihrem Vater zustoßen, im goldenen Käfig, sondern vielmehr, um zu verhindern, dass sie wie ihre Mutter werden könnte!«
Die beiden Männer waren seit vierzig Jahren Freunde, doch in diesem Augenblick stand diese Freundschaft auf der Kippe. Lensberg fühlte sich zutiefst getroffen und war kurz davor, seinen Freund aufzufordern zu gehen. Nur die Selbstbeherrschung, die er sich als Geschäftsmann angeeignet hatte, verhinderte es. Er brannte sich zum Missfallen des Arztes eine Zigarre an und starrte durch die offene Terrassentür auf den kleinen Park hinaus, der seine Villa umgab.
»Du hast mir heute einiges zugemutet, mein Freund«, sagte er nach einer Weile. »Es wird eine Weile dauern, bis ich das alles verdaut habe.«
»Nicht verdauen solltest du es, sondern darüber nachdenken! Du weißt, ich mag dich sehr und würde nie etwas tun, was dir schaden könnte. Was ich dir heute gesagt habe, geschah aus dem ehrlichen Willen, dir und deiner Enkelin zu helfen.«
»Ich weiß selbst, was für Julia und mich am besten ist«, antwortete Lensberg knapp. Dabei dachte er daran, dass auch Sophia ihn immer wieder, wenn auch weitaus dezenter, darauf hingewiesen hatte, er solle Julia einen größeren Freiraum ermöglichen. Doch wollte das Mädchen das auch?, fragte er sich. Sie war doch glücklich damit, wie es jetzt war, und er ebenso.
»Was zu Julia zu sagen ist, habe ich gesagt. Das, was jetzt kommt, ist für dich. Ich habe gestern die Werte deiner letzten Untersuchung erhalten, und sie sehen nicht gut aus. Du musst dringend kürzertreten! Und du wirst wohl um das Einsetzen eines Herzschrittmachers nicht herumkommen. Dein Herz ist schwach, und ich befürchte, es wird sonst eher über kurz als über lang den Dienst einstellen.«
»Du mit deinem Herzschrittmacher!«, sagte Lensberg knurrig. »Damit kommst du mir schon die ganze Zeit. Ich habe keine Lust, mich ins Krankenhaus zu legen und mir so ein Ding einpflanzen zu lassen.«
»Das hat weniger mit Lust zu tun als mit gesundem Menschenverstand! Wenn du stirbst, steht Julia allein da.«
»Sie hätte Sophia«, antwortete Lensberg, wusste aber, dass er den Rat seines Freundes annehmen sollte. Er fühlte sich auch an diesem Tag wieder sehr erschöpft. Dabei wollte er noch etliche Jahre leben und für seine Enkelin da sein.
»Du vergisst eines, mein Lieber! Sophia ist mit Julia nicht verwandt. Solange das Mädchen nicht volljährig ist, müsstest du damit rechnen, dass ›diese Frau‹, wie du sie immer nennst, also Julias Mutter, deren gesetzlicher Vormund wird.«
»Jetzt malst du den Teufel wirklich an die Wand!«, erwiderte Lensberg mit einem bitteren Lachen. »Aber damit du zufrieden bist, kannst du für nächste Woche einen Termin beim Kardiologen für mich reservieren lassen. Lieber trage ich diese Starthilfe in der Brust, als mir weiterhin deine Vorhaltungen anhören zu müssen.«
»Zumindest in der Hinsicht bist du vernünftig geworden! Es besteht also noch Hoffnung.« Dr. Labahn verzog das Gesicht zu einem Grinsen und streckte seinem Freund die Hand hin. »Abgemacht?«
»Abgemacht!«, antwortete Lensberg und ergriff die Hand mit einem festen Druck.
Lensbergs Chauffeur Lippens fuhr Julia auch an diesem Tag zur Schule. Da er nicht mehr vor dem Zaun des Schulhofs halten durfte, ließ er das Mädchen etwa zweihundert Meter vorher aussteigen und holte ihre Schultasche aus dem Kofferraum.
»Soll ich sie ein Stück weit tragen, Julia? Das Ding ist doch ziemlich schwer.«
»Natürlich nicht, Herr Lippens! Außerdem würden die Leute reden.« Ihr Gesicht verfinsterte sich leicht. Es mochte ein Segen sein, als Eduard Lensbergs Enkelin leben zu dürfen, aber es war auch ein Fluch.
Mit diesem Gedanken ging sie das letzte Stück des Weges zur Schule. Die Straße führte an einem kleinen Park vorbei, dann musste sie eine Nebenstraße überqueren und erreichte kurz danach den Haupteingang. Auch andere Schüler strömten herein und unterhielten sich lebhaft miteinander. Auf sie kam jedoch niemand zu. Einige grüßten sie, andere beachteten sie gar nicht.
Als Julia im Klassenzimmer Platz nahm, dachte sie daran, dass manche Schülerinnen und Schüler behaupteten, ihre Noten seien nur deshalb so gut, weil sie Eduard Lensbergs Enkelin wäre. Von diesen Mitschülern hielt sie sich fern. Auch sonst gab es kaum jemanden in der Klasse, mit dem sie über die Schule hinaus Kontakt hatte. Da sie, wenn sie Freundinnen besuchte, von Lippens mit der Limousine ihres Vaters gebracht und wieder abgeholt wurde, hielt man sie allgemein für hochnäsig. Ihr war auch vieles unbekannt, über das die anderen sprachen. So kannte sie weder die neuesten Popstars, noch hatte sie Interesse an den Teilnehmern irgendwelcher Fernsehshows.
Die Mädchen tuschelten zwar über ihre teure Kleidung, und einige wären vermutlich gerne ihre Freundinnen geworden, wenn Julia in der Lage gewesen wäre, sie zu tollen Trips einzuladen. Da sie aber niemals in ein Café oder ins Kino ging, hielten auch diese Mädchen sich zurück.
Eine Klassenarbeit wurde ausgeteilt und forderte für eine gewisse Zeit Julias Aufmerksamkeit. Sie wurde bereits nach weniger als zwei Dritteln der vorgegebenen Zeit fertig und beschäftigte sich erneut mit dem Thema, das ihr am meisten am Herzen lag. Sie liebte ihren Großvater, wünschte sich jedoch, dass er ihr mehr Freiheiten ließe. So durfte sie nicht einmal das Außengelände der Spedition ohne seine Begleitung betreten, weil er Angst hatte, ein unaufmerksamer Trucker könnte sie überfahren.
In der Pause sammelten sich ausnahmsweise mehrere Mitschülerinnen um sie. »Wie war es gestern beim Siebzigsten deines Großvaters?«, fragte eine. »Ich habe heute Morgen in der Zeitung einen großen Artikel gesehen, konnte ihn aber nicht mehr lesen.«
»Wir haben zu Abend gegessen und danach ein wenig gefeiert. Ein paar haben getanzt«, antwortete Julia.
»Du auch?«
»Ja, mit drei älteren Herren, von denen jeder mein Großvater hätte sein können«, antwortete Julia und verschwieg dabei, dass sie auch zweimal mit Simon Berke hatte tanzen müssen. Ihr Großvater mochte viel von ihm als Geschäftsmann halten, doch sie störte sich zunehmend an seiner aufdringlichen Art. In der Hinsicht war ihr sogar jemand wie der Joker Marcus Kullmann lieber, der spät gekommen und sehr früh und dazu noch klammheimlich wieder verschwunden war. Bei dem Gedanken an ihn musste sie kichern.
»Wer war eigentlich alles da?«, wollte eine Mitschülerin wissen.
Julia nannte ein paar Namen. Da es sich vor allem um persönliche Freunde ihres Großvaters und Geschäftspartner handelte, die die anderen nicht kannten, erlosch das Interesse rasch.
»Und wie feierst du deinen Siebzehnten?«, fragte eine in der Hoffnung, dazu eingeladen zu werden. Die feudale Villa, die sich drei Kilometer außerhalb der Stadt befand, hätte sie allzu gerne von innen gesehen.
Julia zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Ahnung, was mein Großvater plant. Bei meinem sechzehnten Geburtstag waren wir für drei Tage an der Mosel.«
»An der Mosel? Wurde dabei getanzt oder sonst was gemacht?«
Julia schüttelte den Kopf. »Party gab es keine. Wir haben in einem Schlosshotel gewohnt, und ich habe mein Geburtstagsgeschenk bekommen. Danach haben wir eine Schifffahrt auf der Mosel gemacht.«
»Das ist doch alles total ätzend!« Die Schülerin schüttelte es bei der Vorstellung, ihr eigener Geburtstag würde ähnlich langweilig ablaufen.
Die desinteressierten oder gar verächtlich verzogenen Mienen der Fragerinnen ließen Julia erleichtert aufatmen, als die Glocke erklang, die das Ende der Pause ankündigte. Schnell kehrte sie in den Klassenraum zurück.
Nach der Schule strömten die Schülerinnen und Schüler wie eine Welle aus dem Gebäude. Die meisten schwangen sich auf ihre Fahrräder. Einige besaßen sogar ein Leichtmotorrad und gaben entsprechend damit an. Der Rest machte sich zu Fuß oder mit den wartenden Bussen auf den Heimweg.
Julia verließ ebenfalls das Schulgelände und sah, dass Lippens bereits auf sie wartete. Unwillkürlich wurde sie schneller. Kurz vor der Querstraße hörte sie hinter sich ein Fahrzeug und drehte sich um. Es war ein Lieferwagen. Da er den Blinker nicht eingeschaltet hatte, ging sie weiter.
Der Fahrer des Lieferwagens starrte auf den Bildschirm seines Navigationssystems. Kurz zuvor war es bereits einmal ausgefallen, und er hatte in einem Wohngebiet kreisen müssen, bis es wieder angesprungen war. Auch jetzt verschwand die Anzeige wieder. Dabei hatte es eben geheißen, er müsse bald abbiegen. Aber wo? Er starrte nach vorne. Da gab es nur einen Park und eine Querstraße. Die lag fast schon hinter ihm. In dem Moment schaltete sich der Bildschirm wieder ein und zeigte an, dass er genau in diese Straße abbiegen musste.
Fluchend kurbelte er am Lenkrad, hörte im selben Augenblick einen heftigen Schlag und blickte in den Außenspiegel. Dabei nahm er mit Entsetzen wahr, wie ein menschlicher Körper von der Wucht des Zusammenstoßes beiseitegeschleudert wurde.
Julia hatte nur noch einen Schatten gesehen, der plötzlich auf sie zukam, verspürte einen Aufprall und flog durch die Luft. Im nächsten Augenblick schlug sie auf dem Boden auf und versank in einer tiefen Schwärze, in der die Welt um sie förmlich erlosch.
Da das Anhalten jenseits der Querstraße verboten worden war, hatte Lippens wie immer vor dem Park gewartet. Nun musste er hilflos zuschauen, wie der Fahrer des Lieferwagens diesen ruckartig, und ohne zu blinken, in die Seitenstraße lenkte. Im nächsten Moment vernahm er den Zusammenprall und rannte los.
Julia lag verkrümmt auf der Straße und blutete.
»Was ist mit Ihnen?«, fragte er entsetzt, begriff dann, dass sie bewusstlos war, und zog sein Handy aus der Jackentasche.
Der Fahrer des Lieferwagens taumelte auf ihn zu.
»Das wollte ich nicht! Ich … Es war fürchterliches Pech! Ich …«
»Halten Sie den Mund! Ich muss telefonieren«, fuhr Lippens ihn an und wählte den Notruf.
Dann beugte er sich über Julia. Nur das leichte Heben und Senken des Brustkorbs zeigte an, dass sie noch am Leben war. Er wagte es nicht, sie anzufassen oder gar zu bewegen, um keinen irreparablen Schaden anzurichten, sondern wartete wie auf glühenden Kohlen sitzend auf den Notarzt. Kurz überlegte er, Lensberg anzurufen, sagte sich aber, dass er vorher hören wollte, wie der Arzt ihren Zustand beurteilte.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis das Sirenengeräusch des Notarztwagens zu hören war. In der Zwischenzeit jammerte der Fahrer des Lieferwagens immer wieder, wie leid es ihm tue und dass er doch nichts dafür könne.
»Das glauben auch nur Sie!«, fuhr Lippens ihn an und war froh, als ein Arzt und zwei Sanitäter herausstürmten.
»Was ist geschehen?«, fragte der Arzt und beugte sich über Julia.
Der Lieferwagenfahrer redete als Erster und behauptete, das Mädchen wäre direkt vor seinem Fahrzeug wie aus dem Nichts aufgetaucht.
»Das stimmt nicht!«, fuhr Lippens ihm über den Mund. »Der Typ ist ruckartig abgebogen, ohne einen Blinker zu setzen oder in den Seitenspiegel zu schauen.«
»Habe ich doch getan!«, wehrte sich der Fahrer.
»Das wird die Polizei herausfinden! Jetzt geht es um dieses Mädchen. Sedel, fordern Sie den Hubschrauber an! Das Kind muss sofort nach Köln in die Unfallklinik. Die Kleine hat mehrere Frakturen davongetragen. Da auch das Rückgrat verletzt sein kann, müssen wir mit äußerster Vorsicht vorgehen!«
»Glauben Sie, dass sie überlebt?«, fragte Lippens besorgt.
Der Notarzt antwortete, ohne bei seiner Arbeit innezuhalten. »Sie können sicher sein, dass wir unser Bestes tun! Mehr kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen.«
Unterdessen erschien die Polizei und begann mit der Unfallaufnahme. Der Fahrer des Lieferwagens redete ohne Unterlass auf die Beamten ein und erklärte, an dem Unfall völlig unschuldig zu sein.
Schließlich sah ihn einer der Polizisten an. »So ganz kann das nicht stimmen! Immerhin sind Sie von der Hauptstraße abgebogen und hätten warten müssen, bis die Passantin die Nebenstraße überquert hat. Und jetzt lassen Sie uns weiterarbeiten! Ihre Aussage können Sie später machen. Das gilt auch für Sie!«, fuhr er an Lippens gewandt fort.
Dieser sah nun das Schlimmste auf sich zukommen, denn er musste seinen Chef anrufen und ihm von dem Unfall berichten.
Eduard Lensberg besprach mit Simon Berke die Disposition für die kommende Woche, als sich sein Handy meldete.
»Lippens, was gibt es?«, fragte er, um das Gespräch kurz zu halten.
»Herr Lensberg, es ist etwas Schreckliches passiert! Ihre Enkelin! Es gab einen Unfall! Derzeit bringt man sie mit dem Hubschrauber in die Unfallklinik nach Köln. Sie hat mehrere gebrochene Knochen!«
Mehr wagte Lippens seinem Chef nicht zu berichten.
Es war auch so schlimm genug, Lensberg stand wie erstarrt. Er bekam kaum noch Luft und fühlte sich so schwach wie noch nie in seinem Leben. Julia darf nichts geschehen sein! Nicht Julia!, dachte er verzweifelt und forderte seinen Chauffeur auf, ihn sofort abzuholen.
Mit bleicher Miene wandte er sich Berke zu. »Sie müssen die Planungen allein fortführen. Ich muss weg!«
»Ist etwas passiert?«
»Meine Enkelin ist verunglückt!«, antwortete Lensberg mit tonloser Stimme und verließ mit schleppenden Schritten den Raum.
Es waren fünfhundert Meter vom Gelände der Spedition zu seiner Villa. Sonst legte er diese Strecke leichten Fußes zurück, doch an diesem Tag kam ihm der Weg endlos lang vor.
Als er endlich ankam, kehrte Sophia gerade vom Einkaufen zurück. Sie sah ihn an und erschrak. »Bei Gott, wie siehst du aus? Du bist ja ganz grau im Gesicht. Ist dir etwas zugestoßen?«
»Lippens hat eben angerufen!«, sagte er mit matter Stimme. »Julia ist schwer verunglückt und wird mit dem Rettungshubschrauber in die Kölner Unfallklinik gebracht.«
»Bei Gott, nein!«, rief Sophia entsetzt, erkannte dann die Schwäche ihres Lebenspartners und schob ihm einen Arm unter die Achsel. »Nimm jetzt eine Tablette und lege dich hin, sonst brichst du mir noch zusammen. Ich kümmere mich um alles!«
»Als ob ich jetzt schlafen könnte!«, stieß Lensberg verzweifelt aus. »Ich muss wissen, wie es meiner Kleinen geht. Ich muss …«
»… zuerst eine der Herztabletten nehmen, die Dr. Labahn dir verschrieben hat, ein Glas Wasser trinken und dich auf die Couch setzen, während ich mich nach Julia erkundige.«
Sophia lotste Lensberg resolut ins Wohnzimmer, holte die Tablettenschachtel und Wasser und drängte ihn so lange, bis er eine Tablette nahm.
»Rufe von hier aus an, damit ich mithören kann«, bat er sie.
»Das werde ich, mein Lieber!« Sophia nahm das Telefon zur Hand und rief als Erstes den Chauffeur an.
Lippens konnte ihr jedoch nicht mehr berichten als vorhin seinem Chef. Wenigstens erfuhren sie, dass Julia sich im Hubschrauber befand und dieser losgeflogen war. Zumindest bis zu diesem Augenblick hatte sie noch gelebt.
Sophia sagte dies Lensberg, um ihm Mut zu machen, und rief dann in der Unfallklinik an. Der Hubschrauber war noch nicht gelandet, und so konnte man ihr keine Auskunft geben. Sie bat um Rückruf, sobald Julia eingetroffen war, wusste aber selbst, dass dies bei dem Betrieb, der in einem Krankenhaus herrschte, praktisch unmöglich war.
Sie wiederholte ihre Anrufe daher im Abstand von einer halben Stunde. Schließlich erklärte die Krankenhausangestellte, dass die Patientin im Operationssaal sei und es weitere Auskünfte erst nach der Behandlung geben könne.
Sophia drehte sich zu Lensberg um. »Ich werde in die Klinik fahren und dort warten, bis ich Neues erfahre, und dich dann anrufen!«
Lensberg schien mittlerweile ein wenig erholt. »Das geht nicht, meine Liebe! Julia ist meine Enkelin und nicht deine. Es kann sein, dass sie dir die Informationen verweigern und dich auch nicht zu ihr lassen. Ich werde daher mitkommen.«
»Soll ich Lippens rufen, oder fahren wir mit meinem Wagen?«, fragte Sophia.
»Lippens! Ich will wissen, wie es passiert ist!«
Sophia rief den Chauffeur an und forderte ihn auf, mit dem Wagen vorzufahren.
»Ich bin noch bei der Polizei und habe gerade meine Aussage gemacht. Der Vollidiot, der Julia angefahren hat, wollte alle Schuld auf sie schieben. Aber da beißt er bei den Polizisten auf Granit. Die haben den Unfall nachvollzogen und ihm dabei gravierende Fehler nachgewiesen. Aber das ist auch kein Trost!«
Sophia begriff, dass der Unfall auch Lippens schwer mitgenommen hatte, und sagte ihm, er solle so lange auf dem Polizeirevier bleiben, wie es nötig sei. Sie legte auf und holte ihren Autoschlüssel. »Lippens ist bei der Polizei, um zu verhindern, dass der Unfallfahrer Julia die Schuld zuschieben kann«, sagte sie.
Kurz darauf fuhren sie in flottem Tempo nach Köln zur Unfallklinik. Julia wurde noch immer operiert, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als im Wartezimmer der Intensivstation Platz zu nehmen. Sophia besorgte Lensberg etwas zu trinken und fasste dann nach seiner Hand. »Es wird alles gut! Du musst nur fest daran glauben.«
»Es ist wie damals, als mein Sohn starb«, flüsterte Lensberg mutlos. »Nun werde ich auch meine Enkelin verlieren.«
»Das darfst du nicht einmal denken!«, tadelte Sophia ihn. »Julia ist hier in den besten Händen.«
»Das war Erwin auch!« Lensberg spürte tief in seinem Innern einen ziehenden Schmerz. All die Jahre hatte er sich agil und kräftig gefühlt. Nun aber hatte ihn eine Schwäche erfasst, die kaum mehr zu ertragen war.
Für Lensbergs Gefühl verging beinahe eine Ewigkeit, bis ein Arzt im grünen Kittel erschien.
»Herr Lensberg?«, fragte er.
Julias Großvater hob den Kopf. »Ja!«
»Mein Name ist Reimer. Wir haben Ihre Enkelin operiert. Sie befindet sich jetzt im künstlichen Koma, damit wir sie stabil halten können.«
»Wird sie sterben?«, fragte Lensberg bang.
»Noch können wir nicht mit Gewissheit sagen, ob sie überleben wird. Die Chancen stehen jedoch gut.«
»Dann gibt es noch Hoffnung!« Lensberg stand auf. »Darf ich sie sehen?«
»Selbstverständlich! Schwester Bozana wird Ihnen Kittel, Überschuhe und alles andere geben und Sie hinführen. Ich erwarte Sie dort.«
Mit den Worten verabschiedete sich Dr. Reimer, während eine Krankenschwester zu ihnen trat und Lensberg und Sophia mit einem leichten Akzent in der Stimme aufforderte, ihr zu folgen.
Nachdem sie mit Kittel, Mundschutz, Haube und Überschuhen ausgerüstet waren, führte die Krankenschwester sie in Julias Zimmer.
Das Erste, was sie sahen, waren summende und blinkende Geräte und eine Menge Kabel und Schläuche, die an Julia befestigt waren. Das Mädchen lag bleich und regungslos auf einem Spezialbett, welches ein Wundliegen verhindern sollte.
Augenblicke später trat der Arzt herein und überprüfte die Instrumente. »Das sieht schon mal gut aus«, sagte er mehr für sich als für Lensberg und Sophia gedacht. Dann drehte er sich zu den beiden um. »Der Zustand Ihrer Enkelin ist stabil. Die meisten Verletzungen sind zum Glück auch nicht so schwer, um ihr auf Dauer schaden zu können.«
Sophia hörte einen eigenartigen Unterton heraus und fragte: »Die meisten, sagen Sie? Gibt es noch ein paar schwerere Verletzungen?«
Der Arzt war es gewöhnt, schlechte Nachrichten überbringen zu müssen. Angesichts des alten und sichtlich geschwächten Mannes aber fiel ihm dies alles andere als leicht. »Eine kritische Verletzung gibt es«, sagte er leise. »Das Rückgrat ist geschädigt. Wir tun, was wir können, können aber nichts versprechen!« Für einen Augenblick zögerte der Mediziner noch. Dann aber sagte er sich, dass es immer besser war, Klartext zu reden, als Versprechungen zu machen, die nicht einzuhalten waren. »Sollten unsere Maßnahmen nicht anschlagen«, begann er vorsichtig, »ist es möglich, dass Ihre Enkelin für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird.«
»Nein!«, schrie Lensberg auf.
Sofort ergriff Sophia seine Hand. »Das ist immerhin besser, als wenn Julia tot wäre. Sie wird auch dann noch ein schönes Leben führen können.«
»Ein schönes Leben?« Lensberg brach in Tränen aus. Er hatte alles getan, um seine Enkelin vor jeglichen Gefahren zu beschützen. Dennoch hatte das Schicksal zugeschlagen und aus Julia ein Wesen gemacht, das auf einen Rollstuhl und auf die ständige Hilfe anderer angewiesen sein würde.
»Ja, ein schönes Leben!«, wiederholte Sophia. »Du hast Geld genug, um dafür zu sorgen, und ich werde alles daransetzen, dass sie ihren Lebensmut behält.«
»So ist es richtig!«, lobte der Arzt sie. »Es gibt genug Dinge, die Ihre Enkelin auch mit einer solchen Behinderung tun kann. Denken Sie an jenen bekannten Politiker, der trotz Rollstuhl seine politische Karriere fortsetzen konnte. Auch andere haben im Rollstuhl sitzend Großes geleistet.«
»Da hörst du es!«, sagte Sophia drängend und sah dann noch einmal Julia an. Mit einem Mal kniff sie die Augen zu. Für einen Moment hatte sie geglaubt, die rechte große Zehe des Mädchens hätte gezuckt. Das war aber wohl doch nur eine Einbildung gewesen.
Nun bat der Arzt sie, das Zimmer wieder zu verlassen, und verabschiedete sich auf dem Flur von ihnen. Lensberg wollte in der Klinik bleiben, um es sofort zu erfahren, wenn sich der Zustand seiner Enkelin besserte. Sophia spürte jedoch seine Schwäche und drängte darauf, nach Hause zu fahren. »Im Augenblick können wir hier nichts tun. Da ist es besser, du ruhst dich daheim ein wenig aus, um frisch zu sein, wenn man uns wieder in die Klinik ruft«, sagte sie.
Lensberg war viel zu matt, um widersprechen zu können, und nickte.
Auf dem Weg zum Parkplatz erschrak Sophia, wie hinfällig ihr Lebensgefährte wirkte, und ihr wurde bewusst, dass ihn der Unfall seiner Enkelin stärker mitnahm, als sie bereits befürchtet hatte. Daher lenkte sie ihren Wagen zwar in Richtung Heimat, bog dort aber nicht zur Villa ab, sondern fuhr direkt zu Dr. Labahns Praxis.
Lensberg bemerkte es erst, als sie ihn zum Aussteigen aufforderte.
»Was sollen wir hier?«, fragte er missmutig, da er nach Hause wollte, um dort zu sein, wenn ein Anruf von der Unfallklinik kam.
»Ich bin dafür, dass unser Freund Labahn – oder, falls er nicht da ist, sein Neffe – dich untersucht«, erklärte Sophia und öffnete die Tür.
Die Sprechstundenhilfe erklärte, dass der junge Doktor gerade bei einer Patientin sei, bot aber an, Dr. Labahn anzurufen.
»Tun Sie das!«, forderte Sophia sie auf und brachte Lensberg dazu, im Wartezimmer Platz zu nehmen.
Da sich Labahns Wohnung im selben Haus befand, kam er sofort und musterte seinen Freund besorgt. »Komm mit! Ich muss dich untersuchen, denn du gefällst mir gar nicht!«
»Julia ist verunglückt!«
»Was ist mit ihr?«, fragte Labahn erschrocken, dem in diesem Moment einfiel, dass es vor ein paar Stunden in der Nähe der Schule einen schweren Unfall gegeben hatte.
Da Lensberg nicht dazu in der Lage schien, berichtete Sophia, dass Julia in der Kölner Unfallklinik im künstlichen Koma läge.
»Dr. Reimer, der Arzt, mit dem wir gesprochen haben, sagt, dass sie gute Chancen zum Überleben hat, aber wohl zeitlebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird.«
»Das ist ja schrecklich!«, erwiderte Labahn erschüttert, während er Lensberg ins Sprechzimmer führte. Etwa eine Viertelstunde später kam er wieder ins Wartezimmer und sah Sophia kopfschüttelnd an.
»Es sieht gar nicht gut aus. Ich hätte hartnäckiger darauf dringen sollen, dass Eduard in die Herzklinik geht und sich gründlich untersuchen lässt. Ich werde sofort seine Einlieferung veranlassen, habe aber Angst, dass es bereits zu spät sein könnte.«
Sophia war von der Nachricht so schockiert, dass sie etliche Sekunden brauchte, um sich zu fassen. Unterdessen rief Dr. Labahn den Krankenwagen und musste seine ganze Überredungskunst aufwenden, dass Lensberg seinen Anweisungen Folge leistete.
»Ich begleite Eduard ins Krankenhaus«, sagte der Arzt zu Sophia. »Fahr du bitte nach Hause und hole die Sachen, die er dort braucht.«
»Das tue ich!« Sophia verabschiedete sich mit einem Kuss von ihrem Lebensgefährten und verließ die Praxis mit dem Gefühl, der Himmel stürze über ihnen ein.
Im Hause Kullmann gab es an diesem Tag einen heftigen Krach. Zwei Geschäftsfreunde hatten Lukas Kullmann berichtet, in welchem Aufzug sein Bruder bei Lensbergs Geburtstagsfeier erschienen war.
»Du bist ein solcher Idiot!«, schrie er Marcus an. »Du hättest daran denken müssen, dass dein hirnloser Auftritt mir angekreidet wird! Du hast mich vor allen Leuten blamiert.«
»Du hättest mich ja nicht zwingen müssen, dorthin zu gehen«, antwortete Marcus störrisch.
»Da ich es selbst nicht konnte, war es an dir, Lensberg unsere Glückwünsche auszurichten. Das aber hättest du so tun müssen, wie es sich gehört. Den Anzug, den du anhattest, kannst du als Pausenclown bei einem Kindergeburtstag tragen, aber nicht bei der Geburtstagsfeier eines älteren Herrn. Was hast du dir dabei nur gedacht?«
Marcus ärgerte sich zu sehr über die herrische Art seines Bruders, um einlenken zu können. »Wenn Lensberg nicht ein wenig Spaß verträgt, tut er mir leid!«
