Das Vermächtnis - Annette Landgraf - E-Book

Das Vermächtnis E-Book

Annette Landgraf

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Beschreibung

Eine alte Schuld, eine mutige junge Frau und die große Liebe Im einfühlsam erzählten Schicksalsroman »Das Vermächtnis« findet ein alter Mann Vergebung, und eine junge Frau ergreift mutig die Chance, die das Schicksal ihr bietet. Obwohl Vanessa ihr Studium mit Bestnote abgeschlossen hat, findet sie keinen Job. Umso dankbarer ist sie für den Vorschlag des alten Herrn Gebelein, als seine persönliche Assistentin zu arbeiten. Vanessa ahnt nicht, dass die Gründe für das großzügige Angebot weit in der Vergangenheit liegen. Bald gerät sie nicht nur mit Gebeleins undurchsichtigem Vermögensverwalter Igel aneinander, sondern auch mit seinem Großneffen Tobias, den sie für einen arroganten Schnösel hält. Als Vanessa jedoch herausfindet, dass Igel in großem Stil Geld unterschlägt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich ausgerechnet mit Tobias zusammenzutun, um das Vermögen ihres Chefs zu retten … Mit viel Gefühl erzählt Annette Landgrafs dramatischer Roman von Liebe und Familie, und von Verrat und Widergutmachung: mitreißende Urlaubslektüre für Leserinnen von Marie Force oder Nora Roberts. Entdecken Sie auch die anderen Schicksalsromane von Annette Landgraf: - Glück wie Glas - Ein Joker fürs Glück - Das Glück in der Ferne

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Annette Landgraf

Das Vermächtnis

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Obwohl Vanessa ihr Studium mit Bestnote abgeschlossen hat, findet sie keinen Job. Umso dankbarer ist sie für den Vorschlag des alten Herrn Gebelein, als seine persönliche Assistentin zu arbeiten. Vanessa ahnt nicht, dass die Gründe für das großzügige Angebot weit in der Vergangenheit liegen.

Bald gerät sie nicht nur mit Gebeleins undurchsichtigem Vermögensverwalter Igel aneinander, sondern auch mit seinem Großneffen Tobias, den sie für einen arroganten Schnösel hält. Als Vanessa jedoch herausfindet, dass Igel in großem Stil Geld unterschlägt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich ausgerechnet mit Tobias zusammenzutun, um das Vermögen ihres Chefs zu retten …

Inhaltsübersicht

Erster Teil | Eine sehr alte Schuld

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Zweiter Teil | Im Hotel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Dritter Teil | Entscheidungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Vierter Teil | Der neue Job

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Fünfter Teil | Betrogen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Sechster Teil | Zwei Rivalen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Siebter Teil | Gebeleins Plan

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Achter Teil | Begegnungen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Neunter Teil | Der große Coup

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

Zehnter Teil | Das Vermächtnis ist erfüllt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Erster Teil

Eine sehr alte Schuld

1.

Das Gedächtnis ist ein seltsames Ding, stellte Erwin Gebelein betroffen fest. Beinahe fünf Jahrzehnte lang hatte es diese Erinnerung wie in einer verschlossenen Truhe verwahrt. Aber nun, da er alt war und sich nur noch mühsam fortbewegen konnte, sah er sich wieder als jungen Mann am Krankenbett seines Vaters stehen. Er war von Geschäftsverhandlungen aus den USA zurückgekehrt und hatte nicht erwartet, seinen Vater als Sterbenden vorzufinden.

»Mein Tagebuch … Du musst es lesen!« Das waren die letzten Worte seines Vaters gewesen.

Er hatte »Ja, ja!« gesagt und die Bitte dann über den vielen Dingen, die er hatte erledigen müssen, vergessen. All die Jahre hatte er nicht mehr an den Wunsch seines Vaters gedacht, und nun kämpfte er gegen das Gefühl, damals einen Riesenfehler begangen zu haben. Wo mochte das Tagebuch des Vaters hingeraten sein?, fragte er sich.

Da gab sein Gedächtnis die nächste Erinnerung preis. Seine Schwester hatte das Tagebuch nach dem Tod des Vaters zusammen mit anderen persönlichen Gegenständen in eine Kiste gelegt und diese auf den Speicher der Villa schaffen lassen.

»Wenn niemand die Kiste weggenommen hat, muss sie noch immer dort oben stehen«, sagte er zu sich selbst und wünschte sich, seine Beine richtig gebrauchen zu können. Er saß jedoch im Rollstuhl und konnte ohne fremde Hilfe kaum ein paar Schritte gehen. Zwar gab es im Haus einen Aufzug, doch der reichte nicht bis ganz nach oben. Um Hilfe zu erhalten, fuhr er mit dem Rollstuhl zu seinem Schreibtisch und drückte den Rufknopf.

Es dauerte eine Weile, bis seine Hausdame erschien. Nicht zum ersten Mal stellte er verärgert fest, dass Ulrike Groll sich früher besser um ihn gekümmert hatte.

»Was gibt es?«, fragte sie mit abweisender Miene.

Es war offensichtlich, dass sie sich gestört fühlte. Gebelein erinnerte sich daran, dass sie vor einigen Wochen von einem Geschäftsmann geschwärmt hatte, den sie übers Internet kennengelernt hatte. Wahrscheinlich hatte sie gerade mit diesem gechattet oder telefoniert.

»Sie haben sich Zeit gelassen«, tadelte er sie.

»Es gibt hier auch anderes zu tun!«, antwortete Ulrike Groll patzig.

Da der Haushalt außer ihm und ihr noch eine Köchin, eine Putzfrau und einen Rentner umfasste, der sich hier als Hilfskraft ein Zubrot verdiente, blieb nach Gebeleins Ansicht nicht gerade viel Arbeit an seiner Hausdame hängen.

»Sie werden jetzt auf den Speicher gehen, Frau Groll. Dort suchen Sie eine alte Kiste und bringen sie zu mir«, wies er die Hausdame an.

Diese verzog das Gesicht. »Dort oben stehen viele Kisten herum. Soll ich die etwa alle herabschleppen?«

»Wenn es nötig ist, ja! Ein Hinweis: Diese Kiste ist nicht allzu groß und dürfte ganz hinten stehen. Wenn sie Ihnen zu schwer ist, soll Hermann Sie begleiten.«

»Wenn es unbedingt sein muss!« Ulrike Groll verschwand. Kurz darauf hörte Gebelein, wie sie nach dem Rentner rief.

»Es ist an der Zeit, mir eine neue Hausdame zu suchen«, murmelte er, fragte sich aber im nächsten Moment, ob er Ulrike Groll nicht behalten und zusätzlich eine Pflegerin für sich einstellen sollte.

Es war seltsam, dachte er. Ulrike Groll hatte fast zwanzig Jahre lang zu seiner Zufriedenheit gearbeitet. Doch jetzt, da sie auf die fünfzig zuging, wurde sie unzuverlässig. Daran ist nur dieses verdammte Internet schuld, schimpfte er in Gedanken. Sie hatte dadurch einen Typen kennengelernt und saß nun jede freie Minute an ihrem Laptop, um mit ihm zu chatten oder ihm E-Mails zu schreiben.

»Die freien Minuten legt sie aber sehr zu ihren Gunsten aus«, brummte er vor sich hin und wartete angespannt auf ihre Rückkehr.

Es dauerte eine Weile, bis die Tür geöffnet wurde. Hermann Lindner kam herein und stellte eine Kiste auf den Tisch. »Ist es diese hier, Herr Gebelein?«

Gebelein fuhr mit dem Rollstuhl zum Tisch und bat ihn, den Deckel der Kiste abzunehmen. Er sah die Zigarrenkiste seines Vaters, dessen Brillenetui und einige andere Gegenstände, die seine Schwester und er damals nicht hatten wegwerfen wollen. Ganz unten entdeckte er ein ledergebundenes Büchlein. Gebelein nahm es heraus und schlug es auf. Es war mit der steilen Handschrift seines Vaters gefüllt, die nicht leicht zu lesen war.

»Danke, Hermann! Das hier habe ich gewollt«, sagte er zu seinem Helfer. »Wo ist eigentlich Frau Groll?«, fügte er hinzu.

»Sie hat mir vorhin gesagt, ich soll auf den Speicher gehen und diese Kiste suchen. Danach ist sie wieder in ihrem Zimmer verschwunden. Ich bin nach oben und habe mir gedacht, dass es das Ding sein könnte. Alles andere ist mittlerweile in Plastikcontainern untergebracht, und die kann ein Einzelner nicht heruntertragen«, berichtete Hermann.

Gebelein ärgerte sich erneut über seine Hausdame. Wenn er ihr einen Auftrag gab, hatte sie ihn gefälligst selbst auszuführen und nicht abzuschieben. Im Augenblick aber war das Tagebuch wichtiger. Er legte es sich auf den Schoß und wies auf die Kiste. »Sind Sie so gut und bringen Sie sie wieder nach oben, Hermann? Und danke, dass Sie sie gebracht haben!«

»Aber das war doch selbstverständlich, Herr Gebelein.«

»Bei Ihnen, ja!« Gebelein fuhr mit seinem Rollstuhl ans Fenster und begann, in dem Tagebuch zu lesen.

Auf den meisten Seiten hatte sein Vater geschäftliche Erfolge notiert und nur gelegentlich etwas Privates. Gebelein fand seine Geburt zwischen zwei Lieferungen an die Wehrmacht eingetragen. Ein paar Seiten später klagte sein Vater über die Schikanen der amerikanischen Besatzungsbehörden, um einige Wochen später von Geschäften zu berichten, die er mit den Amerikanern abgeschlossen hatte. Wie es aussah, hatte sein Vater sich rasch mit diesen abgefunden und sogar verbrüdert.

Ein paar Seiten später fand er den Eintrag: Cranz verunglückt! Zum Glück hat er seine Erfindung vollendet. Ich werde sie als Patent eintragen lassen.

Gebelein unterbrach das Lesen, denn der Name Cranz stieß eine ferne Erinnerung in ihm an. Wie sein Vater wirklich zu Simon Cranz gestanden hatte, wusste er nicht. Doch dieser Mann war in seiner Kindheit für die Firma wichtig gewesen. Der Hinweis auf die Erfindung bestätigte das. Gebelein erinnerte sich an einen hageren, ernsten Mann mit einer hübschen Frau und einer kleinen Tochter. Die Vornamen der beiden waren ihm entfallen, und er wusste nur, dass sie irgendwann aus seinem Leben verschwunden waren.

Wann und warum das so gewesen war, fand Gebelein zunächst nicht im Tagebuch verzeichnet. Er las weiter, traf dann auf die erste Erwähnung der Krebserkrankung, die seinen Vater schließlich das Leben gekostet hatte. Es sah so aus, als habe sein Vater die Krankheit als Feind angesehen, der verhindern wollte, dass er sein Werk weiterführen konnte.

Doch warum hatte sein Vater so gedrängt, dass er das Tagebuch lesen sollte?, fragte Gebelein sich und blätterte weiter. Ein paar Seiten später wurde die Schrift beinahe unleserlich, und er hatte Mühe, sie zu entziffern.

Cranz! Heute erschien er mir im Traum!!!

Es waren tatsächlich drei Ausrufezeichen.

Ich habe wieder von Simon Cranz geträumt! So ging es eine Seite danach weiter. Er beschuldigt mich, ihn betrogen zu haben. Es war seine Erfindung, die ich als die meine ausgegeben habe und patentieren ließ. Ich habe Millionen damit verdient, Simons Frau aber nur mit ein paar tausend Mark abgefunden. Als sie fortzog, habe ich mich nicht mehr um sie gekümmert. Jetzt bereue ich es. Seine Tochter dürfte mittlerweile eigene Kinder haben, und die hätten das Recht, so aufzuwachsen wie meine Enkelkinder. Aber ich weiß nicht, wo sie jetzt leben. Ich muss sie finden und mein Unrecht wiedergutmachen!

Mit einer gewissen Erschütterung las Gebelein die beiden letzten Eintragungen des Tagebuchs.

Herr im Himmel, gib mir wenigstens noch die Zeit, die ich dafür brauche!

Der letzte Satz betraf ihn.

Erwin, ich stehe vor dem Tor ohne Wiederkehr. Suche du für mich Simon Cranz’ Frau und seine Nachkommen und übertrage ihnen ein Viertel unserer Firma. Es bringt dich und Erika nicht an den Bettelstab, doch meine Seele findet dadurch ihre Ruhe!

Es dauerte geraume Zeit, bis Gebelein sich so weit gefasst hatte, dass er überhaupt nachdenken konnte. Hatte seine Schwester diese Zeilen gelesen und das Tagebuch deshalb in die Kiste getan, um die Erfüllung des letzten Wunsches des Vaters zu verhindern? Er schüttelte den Kopf. Die Sachen des Vaters waren Erika heilig gewesen, daher hätte sie niemals in seinem Tagebuch geblättert.

»Ich hätte es tun sollen!«, sagte er mit brüchiger Stimme.

Vor gut fünfzig Jahren hatte sein Vater ihn gebeten, das Unrecht an Simon Cranz und dessen Familie wiedergutzumachen. Damals wäre es noch leicht gewesen, sie zu finden. Nun aber kam es der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen gleich.

»Ich werde es trotzdem tun!«, versicherte Gebelein sich selbst.

Die Firma seines Vaters, in der Cranz gearbeitet hatte, gehörte zu einem großen Konzern, seit er sie vor zwanzig Jahren verkauft hatte. Ihren Wert hatte er in Aktien erhalten und erfolgreich mit diesen spekuliert. Nun zu erfahren, dass dieser Reichtum zu einem guten Teil durch einen Betrug zustande gekommen war, schmerzte ihn.

»Es tut mir leid, Vater, dass ich so lange gewartet habe. Ich werde nun alles tun, um es wiedergutzumachen!« Es klang wie ein Schwur. Um sofort damit anzufangen, drückte er den Rufknopf und wartete auf seine Hausdame.

Als Ulrike Groll nach fünf Minuten noch immer nicht kam, fuhr Gebelein mit dem Rollstuhl zur Tür. Er hatte das Haus behindertengerecht umbauen lassen, und dazu gehörten auch Schiebetüren, die sich auf ein Signal hin öffneten. Gebelein kam daher ungehindert auf den Flur und blieb vor der Tür stehen, hinter der sich die beiden Räume befanden, die seine Hausdame bewohnte. Sie schien angeregt mit jemandem zu reden, denn er hörte ihre Stimme bis auf den Flur dringen.

»… zweihunderttausend Euro erspart und besitze eine Wohnung in guter Lage, die ich vermietet habe«, sagte sie gerade.

Gebelein überlegte, ob er klopfen und sie an ihre Pflichten erinnern sollte, wollte aber in seiner jetzigen Stimmung Ärger vermeiden und kehrte daher ins Arbeitszimmer zurück. Dort angekommen, sagte er sich, dass Hermann Lindner, der sein ganzes Leben lang hart gearbeitet hatte, sich bei ihm noch etwas als Faktotum hinzuverdienen musste, um leben zu können, während Ulrike Groll sich von ihrem Gehalt ein kleines Vermögen hatte ansparen können.

Nun aber galt es, den ersten Schritt zu unternehmen. Er rief seinen Anwalt an und bat ihn, so bald wie möglich zu ihm zu kommen.

2.

Es war eine nette Party, doch Vanessa wünschte sich, sie wäre nicht gekommen. Dabei kannte sie die meisten Gäste und mochte auch einige. Aber es kam einfach keine fröhliche Stimmung in ihr auf. Ihr Blick suchte Philipp, der mit seinem Lebenspartner zusammen an der Bar stand und diesem half, Cocktails zu mixen. Ich bin wirklich ein blödes Stück, sagte sie sich. Wenn sie sich schon einmal verliebte, dann ausgerechnet in einen Mann, für den sie nur eine gute Freundin, aber niemals mehr sein konnte.

Ich habe einfach kein Glück in der Liebe, dachte sie. Hatte sie mal einen Freund, ging diese Beziehung schon bald wieder in die Brüche. Dem einen war sie zu ernsthaft, dem anderen nicht sportlich genug, und wieder andere hatten kritisiert, dass sie zu bestimmend wäre oder zu wenig Busen hätte. Ihr Blick wanderte zu Mila. Angesichts deren praller Oberweite stellte Vanessa sich manchmal vor, sie müsse bald platzen. Ach ja, ein Hang zur Bosheit war ihr auch schon nachgesagt worden.

»Hi, Nessi! Magst du noch einen von Richies Schädelzertrümmerern?«, fragte Philipp sie.

»Du weißt, dass ich nie viel trinke.«

»Wenn du es nicht mehr schaffst, nach Hause zu fahren, kannst du bei uns schlafen«, bot Philipp an. »Oder willst du dich von einem der Typen hier abschleppen lassen?«

Vanessa schüttelte den Kopf. »Mein Interesse an männlicher Zuwendung tendiert derzeit gegen null.«

Da der Einzige, bei dem ich es mir überlegen würde, es nicht zu würdigen weiß, setzte sie für sich hinzu und stellte beschämt fest, dass sie auf Richie eifersüchtig war.

Sie zuckte die Achseln. »Dann gib mir halt einen von Richies Schädelzertrümmerern! Ich glaube, ich kann ihn brauchen.«

»Dabei hast du beim Studium von uns allen am besten abgeschnitten«, sagte Philipp lächelnd. »Übrigens danke, dass du mir so geholfen hast! Ohne dich hätte ich nach meinem Unfall den Abschluss nicht mehr geschafft.«

»Unsinn! Du hättest vielleicht ein Semester länger gebraucht, wärst aber trotzdem gut durchgekommen.«

»Ich war kurz vor dem Durchrasseln«, gab Philipp mit einem verschämten Grinsen zu. »Daher hätte ich die Uni wechseln und neu anfangen müssen. Wer weiß, ob dann alles so geklappt hätte.«

Er sah Richie so liebevoll an, dass Vanessa sich für einen Moment wünschte, es wäre so gekommen. Sei nicht so gemein!, tadelte sie sich. Richie war ein toller Typ. Wären die beiden auseinandergegangen, hätte sie auch nichts davon gehabt, denn Philipp hätte sich einen neuen Freund gesucht, vielleicht sogar einen, mit dem sie nicht zurechtgekommen wäre. Da war es so auf jeden Fall besser.

»Ich habe dir gerne geholfen. Außerdem war es nicht deine Schuld, dass du mit dem Studium ins Hintertreffen geraten bist, sondern die jenes Blödmanns, der mit seinem Auto auf den Gehsteig geraten ist und dich und ein paar andere zusammengefahren hat.«

Philipp hatte es damals schlimm erwischt. Liebe und Fürsorge hatte Richie ihm geben können. Der Antrieb für Philipp, sein Studium fortzusetzen, aber war von ihr gekommen, und sie hatte ihm geholfen, wo es nur ging. Auch dadurch war eine ihrer Partnerschaften in die Brüche gegangen. Sie hatte dem Typen jedoch nicht nachgetrauert, sondern war letztlich froh gewesen, ihn losgeworden zu sein.

»Wie ist es? Spürst du noch Nachwirkungen des Unfalls?«, fragte sie.

»Nein! Laut meinem Arzt habe ich mich gut erholt.« Philipp lachte und stellte dann den »Schädelzertrümmerer« vor Vanessa.

»Weißt du schon, was du machen wirst?«, fragte er.

Vanessa schüttelte den Kopf. »Ich hatte zwar ein paar Jobangebote, aber anscheinend bin ich zu wählerisch.«

Auch das hatte man ihr schon vorgeworfen. Wieso klappt es mit anderen Männern nicht, während ich mich mit Philipp ausgezeichnet verstehe?, fragte sie sich und trank den ersten Schluck von Richies Supercocktail.

»Das müssen über hundert Prozent Alkoholanteil sein«, sagte sie keuchend.

Philipp lachte leise. »So schlimm ist es nicht! Er probiert gerade etwas Neues aus.«

Richie war im Stadthotel für die Bar verantwortlich. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium würde auch Philipp in diesem Hotel anfangen. Selbst Vanessa hatte sich gefragt, ob sie nicht ebenfalls eine Stelle im Hotelgewerbe suchen sollte. Im Stadthotel aber wäre sie die direkte Konkurrentin von Philipp für diesen einen freien Job gewesen, und das hatte sie ihrem Freund nicht antun wollen. Immerhin war sein Abschluss gerade einmal mittelmäßig, während sie selbst mit Auszeichnung abgeschlossen hatte.

Da Philipp wieder zur Bar zurückkehren musste, trank Vanessa langsam ihren Cocktail und ließ den Blick wandern. Manche Paare waren fest zusammen, während einige junge Männer die weiblichen Singles anbaggerten, um jemanden zu finden, mit dem sie den Rest der Nacht zusammen sein konnten. Zu ihr kam niemand. Zwei Kerle hatte sie schon abfahren lassen und mit einem Dritten nach drei Wochen Schluss gemacht. Jetzt hetzten die Kerle in der Clique gegen sie. Doch wen Philipp und Richie zu ihren Partys einluden, bestimmten die beiden immer noch selbst, und sie hatten laut und deutlich erklärt, lieber auf andere zu verzichten als auf ihre Freundin Nessi.

Dies war zwar lieb von den beiden, hatte aber ihre Isolation in der Clique verstärkt. Es ist heute ohnehin das letzte Mal, dass noch einmal alle zusammengekommen sind, dachte sie. Nachdem ihre Kommilitonen ebenso wie sie selbst das Studium abgeschlossen hatten, würden sie sich einen Job suchen und sich in sämtliche Himmelsrichtungen verstreuen. Mit denen, die sie mochte, konnte sie weiterhin Kontakt halten und die Übrigen mit einem Schulterzucken vergessen.

Mit diesem Gedanken trank sie ihren Cocktail aus, lehnte einen weiteren ab und verabschiedete sich.

»Willst du wirklich nicht bleiben?«, fragte Philipp enttäuscht.

»Ich will nicht zu spät ins Bett gehen, denn ich habe morgen einen Vorstellungstermin bei den Wittner-Werken!«, behauptete sie.

Der Termin ist zwar erst in zwei Tagen, doch eine kleine Notlüge wird wohl erlaubt sein, dachte Vanessa, winkte Richie noch einmal zu und fing einen Blick auf, um den ihn eine eifersüchtige Frau beneidet hätte. Er ahnte also, dass ihr etwas an Philipp gelegen hatte, und war anscheinend froh, dass sie ging.

Auch das war ihr nur ein Achselzucken wert. Wahrscheinlich war es ganz gut, wenn sie Philipp und ihn eine Weile nicht mehr sah. Bis dahin waren ihre Gefühle vielleicht wieder in Ordnung, und sie konnte Philipps beste Freundin sein, aber eben nicht mehr.

3.

Julius Reichling war sechzig Jahre alt und bereits die Hälfte dieser Zeit Erwin Gebeleins Anwalt. Als er an diesem Vormittag dessen Villa betrat, erwartete er, ihn in einer geschäftlichen Sache vertreten zu müssen.

»Guten Tag, Erwin«, grüßte er und reichte seinem Gastgeber die Hand. »Was gibt es heute für ein Problem?«

»Ein sehr schwerwiegendes«, antwortete Gebelein. »Aber nun erst einmal guten Tag, Julius. Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast, so rasch zu kommen.«

»Du bist nun einmal mein Premium-Klient«, sagte Reichling lächelnd. »Wie geht es der Familie?«

»Angelika hat angedroht, nicht mehr mit mir zu reden, weil ich mich geweigert habe, Daniel aus meinem Testament zu streichen. Er hat sie bei meinem letzten Geburtstag als doofe Tussi tituliert. Aber wo er recht hat, hat er recht …«

Reichling lachte, wurde aber rasch wieder ernst. »Es ist schade, dass deine Frau und du keine eigenen Kinder hattet. Dann gäbe es wahrscheinlich weniger Knatsch in der Verwandtschaft.«

»Es sollte eben nicht sein«, sagte Gebelein, der seine vor gut zehn Jahren verstorbene Frau noch immer schmerzlich vermisste.

»Aber noch mal zu deinen Verwandten: Tobias hat sich dem Boykott seiner Mutter sicher nicht angeschlossen, oder täusche ich mich?«, fragte Reichling.

»Du täuschst dich nicht! Tobias hat kostspielige Hobbys, und da kann er schlecht der Quelle fernbleiben.«

»Und Daniel?«, fragte Reichling weiter.

Gebelein seufzte. »Nachdem Angelika ihn beschuldigt hat, nicht nur auf meine Kosten zu leben, sondern auch ein Taugenichts und Schlimmeres zu sein, kommt er nur noch zu den beiden Treffen im Jahr, zu denen ich die gesamte Verwandtschaft einlade. Übernächste Woche ist es wieder so weit. Bis dahin hat auch Angelika ihre Drohung wieder vergessen und wird mir die Ohren abkauen. Aber lassen wir die liebe Familie. Ich habe einen Auftrag für dich, bei dem du wahrscheinlich professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen musst.«

»Das klingt nach einer schwierigen Angelegenheit.«

»Das ist es auch. Es geht darum, eine fünfzig Jahre alte Spur aufzunehmen und bis in die Jetztzeit zu verfolgen. Hier habe ich alles aufgeschrieben.« Mit den Worten reichte er Reichling ein eng beschriebenes Blatt Papier, auf dem er die wichtigsten Namen und Daten notiert hatte, die ihm eingefallen waren.

Reichling las es aufmerksam durch und wiegte dann den Kopf. »Je nachdem, wie die Familie sich entwickelt hat, kann dies eine langwierige Angelegenheit werden. Das bedeutet, es wird einige Kosten verursachen.«

»Und wenn es eine Million und mehr kostet – es zählt nicht! Finde die Nachkommen von Simon Cranz! Das hat Vorrang vor allem anderen.«

Reichling spürte das Drängen in Gebeleins Tonfall. Wie es aussah, lag die Sache seinem alten Freund sehr am Herzen. »Ich werde mich an die Einwohnermeldeämter wenden. Diese müssten die Daten gespeichert haben. Und wenn das nicht reicht, engagiere ich eine seriöse Detektei. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben«, versprach er.

»Das weiß ich! Sonst hätte ich dich nicht beauftragt. Ich brauche dich in absehbarer Zeit noch einmal, weil ich mein Testament ändern will.«

Reichling blickte ihn erstaunt an. »Willst du nun doch auf Angelikas Forderung eingehen und sie als deine einzige überlebende Nichte zur Universalerbin einsetzen?«

»Wenn das ein Witz gewesen sein sollte, ging er sehr daneben!«, sagte Gebelein schroff.

»Sie tut ja seit dem Tod ihrer jüngeren Schwestern nichts anderes, als darauf hinzuarbeiten«, antwortete Reichling mit einem nachsichtigen Lächeln.

Anders als seine beiden leider viel zu früh verstorbenen Nichten Adelheid und Alexandra hatte Angelika sich als Blutegel entpuppt, der nicht genug Blut beziehungsweise Geld ihres Onkels absaugen konnte.

»Meine Schwester wurde dem Testament meines Vaters zufolge gut abgefunden. Ich kann und werde daher mit meinem Vermögen machen, was ich will, und wenn ich es dem Mann im Mond vererbe!« Gebelein klang zuerst scharf, lachte dann aber und forderte Reichling auf, eine bestimmte Flasche aus dem Schrank zu nehmen.

Der Anwalt hob abwehrend die Hände. »Wenn ich Auto fahre, trinke ich grundsätzlich nicht.«

»Als ob ich das nicht wüsste. Aber ich habe Appetit auf einen Schluck. Die Flasche steht schon seit drei Jahren im Schrank, ohne dass ich mehr als die Hälfte davon getrunken habe.«

»Dann solltest du sie auch nicht an einem Tag austrinken«, mahnte Reichling, während er ihm einen Schwenker genauso füllte, wie ein guter Kellner es tun würde.

Gebelein nahm das Glas entgegen und roch daran. »Das ist ein guter Cognac! Ich sollte ihn noch zu meinen Lebzeiten austrinken. Es wäre wahrlich schade, wenn er verderben würde.«

»Auch wenn du die meiste Zeit im Rollstuhl sitzt, hast du sicher noch genug Zeit, diese und ein paar weitere Flaschen gemütlich zu leeren«, sagte Reichling lächelnd. »Trink du deinen Cognac! Wenn mir mal nach einem Schluck ist, ziehe ich Whisky vor.«

»Ich weiß! Darum bekommst du auch zu Weihnachten und zu deinem Geburtstag immer eine Flasche ›Highland Park‹ von mir.«

Gebelein lachte leise und trank einen winzigen Schluck. Er musterte seinen Anwalt, der längst zu einem guten Freund geworden war.

Da zog dieser mit ernster Miene einen Stapel Papier aus seiner Aktentasche. »Ich wollte in den nächsten Tagen sowieso zu dir kommen, Erwin. Ich habe die letzten Abrechnungen kontrolliert und glaube, auf ein paar Unstimmigkeiten gestoßen zu sein.«

»Unstimmigkeiten? Welcher Art sollen die sein?«

»Dein Anlagenverwalter arbeitet auf Provisionsbasis«, erklärte Reichling. »Ein paar Unterlagen kommen auch zu mir in die Kanzlei. Nun ist mir aufgefallen, dass bei einigen Transaktionen eine Differenz aufgetreten ist, die sich nur damit erklären lässt, dass Roland Igel statt zehn Prozent vom Gewinn fünfzehn bis zwanzig in die eigene Tasche abzieht.«

Gebelein riss ihm die Papiere aus der Hand und las sie durch. Seine Miene wurde immer düsterer. »Tatsächlich! Bei dem Geschäft mit Indien hat er zwanzig Prozent und damit das Doppelte dessen abkassiert, was vereinbart war. Wegen der Fremdwährung konnte er es gut verschleiern. Aber wenn man wie du genau draufschaut, entdeckt man es doch.«

Gebelein klang enttäuscht und höchst verärgert, weil Igel auch ohne diese Manipulationen gut an ihm verdiente. Einen solchen Unterschleif durfte er nicht hinnehmen.

»Wärst du so nett, dich an meine Steuerkanzlei zu wenden? Mit ihrer Hilfe solltest du alle Abrechnungen der letzten Jahre kontrollieren. Wenn sich dieser Betrug bestätigt, werde ich mich von Igel trennen müssen.«

»Das mache ich gerne«, versprach Reichling. »Zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass du es wahrscheinlich tun musst. Der Kerl ist zu gierig geworden und hat wohl gedacht, ein Mann von achtzig Jahren merkt das nicht mehr.«

»Meine Beine mögen meinem Alter Tribut zahlen, doch mein Kopf ist noch klar«, antwortete Gebelein aufgebracht. »Außerdem überlasse ich das Geld lieber meiner Nichte als einem Mann, der mich offen betrügt.«

»Ich werde mich sowohl um die Suche nach Simon Cranz’ Nachkommen wie auch um die Überprüfung deiner Aktienkäufe und -verkäufe in den letzten Jahren kümmern«, versprach Reichling und verabschiedete sich.

Gebelein sah seinem Anwalt an, dass der sich fragte, weshalb er nach so vielen Jahren nach Cranz’ Familie forschen sollte. Irgendwann würde er es ihm gewiss erzählen. Im Augenblick aber fühlte er sich nicht dazu in der Lage.

Während die Tür sich hinter Reichling schloss, trank Gebelein langsam seinen Cognac aus und ließ seine Gedanken wandern.

4.

Als Vanessa vor dem Verwaltungsgebäude der Wittner-Werke parkte, war sie noch nervöser, als sie befürchtet hatte. In dieser Firma wollte man eine Stelle im oberen Management besetzen, und die Anforderungen an die Bewerber waren hoch. Für jemanden wie sie, die frisch von der Uni kam, war es ein Traumjob mit großen Chancen. Nicht zuletzt deshalb hatte sie sich akribisch auf dieses Bewerbungsgespräch vorbereitet. Sie kannte die Geschichte des Unternehmens, das erst vor wenigen Jahren Teil des großen Kendall-Konzerns geworden war, wusste die Produkte aufzuzählen, die darin hergestellt wurden, sowie die Namen und veröffentlichten Lebensläufe der wichtigsten Personen.

Sie schüttelte ihre Beklemmung ab, ging optimistischer gestimmt auf den Eingang zu und trat ein. Ein Schild wies darauf hin, dass Besucher sich im Empfangszimmer vorstellen sollten. Vanessa entdeckte es sofort und klopfte an.

»Herein!«, hörte sie eine Frauenstimme sagen.

Vanessa öffnete die Tür und trat ein. Eine Frau saß an einem Schreibtisch mit Computerbildschirm und einer großen Telefonanlage. Bekleidet war sie mit einem mittelgrauen Kostüm und hatte die Haare zu einem Dutt aufgesteckt.

»Guten Tag!«, grüßte Vanessa. »Mein Name ist Cranz. Ich habe einen Termin mit Herrn Eichhorn.«

Die Angestellte schaute auf ihren Bildschirm und nickte. »Herr Eichhorn erwartet Sie im Konferenzzimmer auf der vierten Etage. Es liegt dem Aufzug genau gegenüber.«

»Besten Dank«, antwortete Vanessa und ging weiter zum Aufzug. Kurz darauf erreichte sie den vierten Stock und sah auf der anderen Seite des Flurs die Tür des Besprechungszimmers. Sie klopfte an und trat nach Aufforderung ein.

Sie wurde nicht nur von Eichhorn, sondern noch von zwei weiteren Herren erwartet. Alle trugen dunkle Anzüge und Krawatten, und bis auf einen, der nur noch einen Rest Haare am Hinterkopf aufwies, hatten sie die Frisuren perfekt gescheitelt.

»Guten Tag, mein Name ist Cranz«, stellte Vanessa sich vor und kämpfte gegen ihre Unsicherheit an. Sie hatte sich für beige Jeans und eine weiße Bluse entschieden und kam sich angesichts der sehr traditionell gekleideten Herren wie eine helle Taube unter Krähen vor.

»Guten Tag, Frau Cranz. Nehmen Sie doch Platz«, forderte Eichhorn sie auf und wies auf den Mann mit der Glatze. »Darf ich Ihnen Herrn Raspe vorstellen, den Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden unserer Firma? Dieser Herr«, Eichhorn wies auf den dritten Mann, »ist Herr Büttrich, unser Finanzvorstand.«

»Guten Tag«, sagte Büttrich, während Raspe schwieg.

Vanessa setzte sich und legte ihre Mappe vor sich auf den Tisch.

»Frau Cranz, Sie sind einer von zwei Bewerbern, die in die engere Auswahl gekommen sind. Wie Ihr Konkurrent kommen auch Sie frisch von der Universität und haben ebenfalls gut abgeschlossen.«

Vanessa glaubte in Eichhorns Stimme einen abschätzigen Tonfall zu vernehmen und ärgerte sich darüber. Immerhin hatte sie nicht nur gut, sondern mit Auszeichnung abgeschlossen. Wie der andere Bewerber sein Studium beendet hatte, konnte sie nicht sagen, nahm aber an, dass er nicht besser gewesen war als sie, sondern eher schlechter.

»Ich habe Ihnen meine Unterlagen wie gewünscht per Post zugeschickt. Sie kennen damit meinen Abschluss und die Bewertung meiner beiden Praktika.«

»Und Ihren Lebenslauf«, setzte Eichhorn hinzu. »Sie sind im Waisenhaus aufgewachsen?«

Vanessa schüttelte mit einer gewissen Verärgerung den Kopf. »Ich war nach dem Unfalltod meiner Eltern bis zu meiner Volljährigkeit für ein knappes Jahr in einem Jugendheim und habe dort mein Abitur gemacht. Danach habe ich mir ein Appartement gemietet und mein Studium begonnen.«

»Wie haben Sie als Vollwaise Ihr Studium finanziert?«, fragte Büttrich.

»Meine Eltern hatten eine kleine finanzielle Reserve angelegt. Dazu habe ich in den Semesterferien gejobbt und nebenbei Zeitungen ausgetragen.«

So, wie sich die Herren benahmen, hielt Vanessa es mittlerweile für einen Fehler, sich bei dieser Firma beworben zu haben. Allerdings hatte die Stellenanzeige sehr interessant geklungen.

Eichhorn musterte die junge Frau vor ihm. Sie war etwas größer als der Durchschnitt, schlank und für sein Gefühl zu attraktiv für den ausgeschriebenen Posten. Das war allerdings kein Ausschlusskriterium, das er in die entsprechende Akte notieren konnte. Nun musterte er ihre Kleidung. Sie war modisch, aber nicht so klassisch dezent, wie es in der Firma erwünscht war. Dies konnte er vermerken, dachte er und machte die entsprechende Notiz.

Seine Kollegen stellten nun mehrere nichtssagende Fragen, die nach Vanessas Meinung nichts mit der angebotenen Stelle zu tun hatten. Als Raspe zu direkt wurde, schüttelte sie den Kopf.

»Ihre Fragen werden mir zu persönlich und berühren Dinge, die nur mich etwas angehen.«

»Wir prüfen jeden Bewerber sehr genau«, erklärte Raspe tadelnd.

»Ich glaube nicht, dass ein männlicher Bewerber sich solche Fragen gefallen lassen würde, es sei denn, er braucht unbedingt diesen Job.«

Eichhorn verzog das Gesicht und machte sich weitere Eintragungen auf seinem Notizblock. Die Bewerberin zeigt sich bezüglich ihres Lebenslaufs unkooperativ! Langsam hatte er genug Punkte zusammen, um der Konzernleitung mitteilen zu können, weshalb er diese Bewerberin abgelehnt hatte.

»Ich glaube, wir belassen es dabei. Wir werden uns beraten und Ihnen danach unsere Entscheidung mitteilen«, erklärte Eichhorn.

Vanessa begriff, dass sie gehen konnte, und stand auf. »Auf Wiedersehen, meine Herren«, sagte sie, nahm ihre Tasche und verließ den Raum.

Draußen drückte sie auf den Aufzugknopf, ohne dass der Lift kam. Vanessa wollte schon die Treppe benützen, als sie die Stimmen der drei Herren aus dem Besprechungsraum dringen hörte. Da gerade ihr Name fiel, trat sie näher an die Tür heran und lauschte.

»… war ein hartes Stück Arbeit, das Ganze zu unserer Zufriedenheit hinzubiegen. Die Konzernleitung hätte es gerne gesehen, wenn wir eine Frau eingestellt hätten, um endlich einmal eine weibliche Führungskraft vorweisen zu können«, sagte Eichhorn eben.

»Ich bin froh, dass wir sie ablehnen können«, erwiderte Raspe. »Eine Frau, die unter solchen Umständen einen so großartigen Abschluss macht, muss über alle Maßen ehrgeizig sein. Wenn die in die Firma käme, müsste ich damit rechnen, dass man mich mit fünfundsechzig aufs Altenteil schiebt und sie zur neuen Geschäftsführerin macht. Ich will aber noch ein paar Jahre länger auf meinem Posten bleiben.«

»Außerdem können wir der Konzernleitung jetzt Ihren Neffen als einzigen verbliebenen Bewerber präsentieren. Damit wird er diese Stelle bekommen«, war nun auch Büttrich zu hören.

Da Vanessa das Gefühl hatte, als nähere sich der Sprecher der Tür, sauste sie zur Treppe und war verschwunden, bevor jemand aus dem Besprechungszimmer kommen und sie bemerken konnte. Sie war enttäuscht und wütend. Enttäuscht, weil sie doch mit gewissen Hoffnungen hierhergekommen war, und wütend, weil die nur aus Männern bestehende Geschäftsführung auch hier ihre üblichen Spielchen trieb und nicht nach Kompetenz entschied, sondern einem Verwandten die Stelle zugeschanzt hatte.

5.

Nach dem Reinfall bei den Wittner-Werken war Vanessa nicht in der Stimmung, sich zu Hause zu verkriechen. Sie fuhr daher zum Stadthotel, stellte ihren Wagen in der Tiefgarage ab und setzte sich in die Bar. Eigentlich hatte sie gehofft, mit Philipp über diese ungute Erfahrung reden zu können. Dabei hatte sie schon wieder vergessen, dass sie sich eigentlich von ihm hatte fernhalten wollen. Doch nun war sie einmal hier. Philipp aber war es nicht, und so bestellte sie bei Richie ein Mineralwasser.

Da keine anderen Gäste da waren, setzte er sich zu ihr. »Wenn du Philipp suchst, der kommt in einer Stunde, um bei mir zu lernen. Als späterer Hotelmanager muss er nämlich auch wissen, wie man einen guten Cocktail macht.«

»Einen besseren Lehrer als dich kann er nicht dafür finden«, sagte Vanessa.

»Danke für das Kompliment! Magst du einen?«

Vanessa schüttelte den Kopf. »Ich bin mit dem Auto da.«

»Alkoholfreie Cocktails kommen immer mehr in Mode. Ich hab da einen im Kopf, den ich ausprobieren möchte. Hast du Lust, mein Versuchskaninchen zu sein?«

»Gerne.«

Vanessa wartete, bis Richie seine Kreation fertig hatte. Dann trank sie einen Schluck und reckte den Daumen nach oben. »Der ist klasse!«

»Das freut mich. Aber ich habe das Gefühl, dir ist was über die Leber gekrochen«, sagte Richie.

»Das kannst du laut sagen! Ich hatte heute mein Vorstellungsgespräch für meinen Traumjob. Aber die Herrschaften bei den Wittner-Werken haben mich derart gegen die Wand fahren lassen, dass ich mich wundere, warum ich nicht platt wie eine Flunder bin.«

»Wenn du jemanden brauchst, um dich auszuweinen, dann tu dir keinen Zwang an. Du weißt, dass ich dichthalten kann«, bot Richie ihr an.

Eigentlich hatte Vanessa mit Philipp darüber sprechen wollen. Aber nun fing ihr Mund fast wie von selbst an zu reden, und sie erzählte Richie, was bei dem Vorstellungsgespräch vorgefallen war, und auch, was sie danach erlauscht hatte.

Richie sah sie kurz an, holte ihr einen zweiten alkoholfreien Cocktail und schüttelte langsam den Kopf. »Du kannst dir gratulieren, dass du diesen Job nicht bekommen hast. Diese Firma muss ja ein total verknöcherter Verein sein.«

Vanessa dachte an die drei Herren und musste lachen. »Da hast du wahrscheinlich recht! Andererseits wäre diese Stelle ausgezeichnet bezahlt worden. Jetzt werde ich meine Ansprüche ein wenig zurückschrauben müssen, um möglichst schnell in Lohn und Brot zu kommen.«

»Du solltest keinen Job annehmen, bei dem du dich bereits nach wenigen Wochen langweilst«, wandte Richie ein.

»Ich muss dringend Geld verdienen. Zwei Monate halte ich noch durch, danach muss ich entweder mein Konto überziehen oder einen Gehaltszettel in der Hand halten, damit mein Vermieter mich nicht rausschmeißt.«

»Aber deswegen solltest du nicht die erstbeste Stelle annehmen! Du kannst doch in der Zwischenzeit bei uns im Hotel arbeiten. Eine unserer Empfangsdamen geht in Elternzeit. Du könntest sie für ein paar Wochen vertreten.«

Richies Angebot verblüffte Vanessa, und im nächsten Moment spürte sie, wie ihr die Tränen kamen. Obwohl Richie wegen Philipps Freundschaft zu ihr doch ein wenig eifersüchtig schien, wollte er ihr helfen.

Sie fasste lächelnd nach seiner Hand. »Jetzt weiß ich, warum Philipp dich so liebt, Richie. Du bist einfach wundervoll!«

»Philipp und ich sind dir noch einiges schuldig«, sagte der junge Mann lächelnd. »Immerhin hast du Philipp nach seinem Unfall geholfen, das Studium zu schaffen. Ich hatte schon Angst, er würde sein gesamtes Selbstvertrauen verlieren und alles hinwerfen.«

»Das war doch selbstverständlich. Ihr beide habt mir auch einige Male geholfen. Freunde sollten füreinander da sein.«

»Das sollten sie! Was ist? Willst du noch einen?«, fragte Richie.

Vanessa schüttelte den Kopf. »Nein danke! Sage mir lieber, wie ich zu dem Aushilfsjob an der Rezeption komme. Es würde mir wirklich helfen.«

»Sehr gerne«, antwortete Richie und nahm sein Smartphone in die Hand.

6.

Richie hatte nicht zu viel versprochen. Bereits zwei Tage später konnte Vanessa die Stelle als Vertretung am Empfang des Hotels antreten. Es gab zwar kein üppiges, dafür aber ein zuverlässig fließendes Gehalt, und da sie sparsam lebte, konnte sie sogar ein wenig davon zurücklegen. Sie saß abwechselnd in zwei Schichten an der Rezeption, begrüßte Gäste und verabschiedete sie. Ebenso erstellte sie Rechnungen und schickte die Frauen des Zimmerservice mit frischen Handtüchern oder Bademänteln in die Zimmer, wenn dies gewünscht wurde. Da sie Englisch und in geringerem Maße auch Französisch sprechen konnte, war sie in der Lage, sich mit ausländischen Gästen zu verständigen. Bereits nach wenigen Tagen hatte sie sich so an die Arbeit gewöhnt, dass sowohl Philipp wie auch Richie ihr gratulierten.

»Wäre das nichts auf Dauer für dich?«, fragte Philipp, als sie nach getaner Arbeit an der Bar saßen.

Vanessa hatte nach dem Studium auf einen lukrativen Job gehofft, aber bis jetzt Pech bei der Suche gehabt. Aufgeben aber wollte sie nicht.

»Es gibt eines, was mir wirklich daran gefällt«, sagte sie lächelnd.

»Und das wäre?«, wollte Philipp wissen.

»Der alkoholfreie Gratiscocktail nach der Spätschicht, den Richie mir mixt!«

»Vanessa ist meine Laborratte«, sagte Richie feixend. »Sie testet meine Kreationen, und was ihr schmeckt, schmeckt auch anderen.«

»Die Laborratte war aber nicht nett!«, beschwerte Vanessa sich mit zuckenden Lippen. »Beim letzten Mal hast du mich wenigstens noch dein Versuchskaninchen genannt.«

»Beide erfüllen den gleichen Zweck, allerdings sollen Ratten intelligenter sein als Karnickel. Also wollte ich nur höflich sein.« Richie grinste und fragte, ob sie noch einen Cocktail mochte.

»Wenn er nicht schlechter ist als der da«, antwortete Vanessa und zeigte auf das leere Glas vor ihr.

»Das ist er gewiss nicht«, versprach Richie und verschwand hinter seine Bar.

»Ich werde mit Richie reden, weil es mir nicht gefällt«, sagte da Philipp grummelnd.

»Was?«, fragte Vanessa verwundert.

»Dass er dich eine Ratte genannt hat. Das war gemein!«

Vanessa merkte, dass Philipp sich wirklich darüber ärgerte. Sie legte ihre rechte Hand auf Philipps Linke. »Er hat es doch nicht böse gemeint! Außerdem verstehe ich mich mit Richie inzwischen weitaus besser als früher. Ihr beide seid meine besten Freunde, und ich würde mich bei allem felsenfest auf euch verlassen.«

Das Letzte hatte auch Richie gehört und grinste. »Das kannst du auch! Wir mögen dich beide. Nicht wahr, Philipp? Wenn wir eine Schwester hätten, müsste sie so sein wie Vanessa.«

»Ich habe eine Schwester, aber die ist nicht so wie Nessi.« Philipp verzog das Gesicht, denn seit er sich als homosexuell geoutet hatte, war der Kontakt zu seiner Schwester und deren Mann so gut wie abgerissen.

»Sollte dich die Laborratte gekränkt haben, bitte ich um Entschuldigung!« Richie sagte es weniger Vanessas wegen, sondern um Philipp zu versöhnen.

»Es kränkt mich viel mehr, dass ich keine passende Arbeitsstelle finde«, sagte Vanessa. »Außerdem hast du selbst gesagt, dass Ratten intelligent sind. Ich bin nun einmal lieber intelligent, als dass meine einzigen Vorzüge aus langen Löffelohren bestünden, wie Kaninchen sie haben.«

Richie musste darüber lachen, und schließlich fiel auch Philipp mit ein. »Du bist klasse, Nessi. Da ist es kein Wunder, dass sowohl Richie als auch ich dich als Schwester haben wollen.«

»Ich glaube, es gibt Arbeit!« Vanessa zeigte auf ein älteres Paar, das eben durch den Hoteleingang kam.

»Das kann doch der Nachtportier übernehmen«, meinte Philipp.

»Der scheint sich zu verspäten, und wir wollen die Gäste nicht warten lassen.« Vanessa stand auf und trat hinter die Theke der Rezeption. »Guten Tag!«, sagte sie und schaltete den Computer ein, um nach freien Zimmern zu schauen.

»Guten Tag«, sagte die Frau, die genau wie ihr Mann dunkle Hosen und ein T-Shirt mit Tigermotiv trug. »Wir haben ein Doppelzimmer mit getrennten Betten gebucht und gemeldet, dass wir erst um diese Zeit eintreffen werden.«

Vanessa ließ sich den Namen nennen und suchte im Computer. Zwar fand sie die Buchung, doch fehlte der Vermerk mit den getrennten Betten. Der Raum, für den diese Gäste eingetragen waren, hatte jedenfalls keine. Es dauerte daher ein paar Minuten, bis sie ein passendes Zimmer gefunden hatte. Darin hatte man zwar die Betten frisch überzogen, doch es fehlten noch die Handtücher. Da die Frauen vom Zimmerservice längst zu Hause waren, beschloss sie, den Raum selbst in Ordnung zu bringen.

»Wenn Sie mir bitte folgen wollen!«, sagte sie, nahm einen der beiden Koffer und ging dem Paar voraus. Zehn Minuten später war alles erledigt, und sie kehrte zu Philipp, Richie und ihrem noch fast vollen Cocktail zurück.

7.

Erwin Gebelein musterte seine Angehörigen, die sich an diesem Tag bei ihm eingefunden hatten, denn sie kamen selten genug. Das galt allerdings nicht für seine Nichte Angelika. Trotz ihrer Drohung, nicht mehr mit ihm zu sprechen, rief sie ihn nie weniger als zweimal in der Woche an und suchte ihn jeden Monat mindestens einmal auf. Sein Blick wanderte weiter zu Jan Elbertz, dem Vater seiner Großnichte Lisa. Dieser war Regierungsdirektor in Mecklenburg-Vorpommern, hatte nach dem Tod von Lisas Mutter erneut geheiratet und lebte mit seiner Familie fast am anderen Ende der Republik. Daher war es verständlich, dass er nicht oft zu Besuch kam.

Auch Daniel war erschienen, der Sohn seiner ebenfalls verstorbenen Nichte Adelheid und, wie nicht nur Angelika fand, das schwarze Schaf der Familie. Auch Gebelein war der Meinung, dass Daniel es in jüngeren Jahren arg wild getrieben hatte. Seit er wegen eines danebengegangenen Scherzes mit der Justiz in Berührung gekommen war, nannte Angelika ihren Neffen bei jeder sich passenden Gelegenheit einen »Verbrecher« und drängte Gebelein, jeden Kontakt zu Daniel abzubrechen.

Gebeleins Schwester Erika war bereits sehr bestimmend gewesen, doch ihre älteste Tochter übertraf sie noch. Da ihr Onkel keine Nachkommen hatte, sah Angelika sich als seine Erbin und hatte diese Meinung auch ihrem Sohn eingeimpft.

Tobias war ein Musterknabe. Vor vier Jahren hatte er sein Studium mit summa cum laude abgeschlossen und nicht zuletzt durch den Hinweis auf die Verwandtschaft mit ihm eine lukrative Stelle erhalten. Seine Cousine Lisa absolvierte das letzte Schuljahr und wollte nach dem Abitur Kunst studieren, eine, wie Angelika spottete, »brotlose Kunst«, die sie sich nur deshalb leisten könne, weil sie nach ihrer Volljährigkeit Zugriff auf das Erbe ihrer Mutter erhalte. Außerdem bekam sie genau wie Angelika und Tobias zweimal im Jahr ein Kuvert mit einem dicken Scheck von ihm.

Daniel hingegen lehnte seit einem heftigen Streit wegen seines Lebenswandels jede Unterstützung von ihm ab. Das tat Gebelein leid, denn Daniels Mutter war seine Lieblingsnichte gewesen. Auch Lisas Mutter Alexandra hatte ihm nähergestanden als Angelika, die als Einzige noch lebte.

Unwillkürlich verglich er seine beiden Großneffen. Tobias trug einen dunklen Anzug mit Krawatte, der ihn mehrere Jahre älter machte. Seine Haare waren modisch frisiert, das Gesicht auf eine männliche Art hübsch und seine Manieren ausgezeichnet.

Daniel steckte in Jeans und einem grellbunten T-Shirt. Sein Haar war zu lang und wirkte strubblig. Zudem zeigte er deutlich, dass er die Einladung nur deshalb angenommen hatte, weil seine Anwesenheit eine Reißzwecke im Hintern seiner Tante darstellte.

Die restlichen Personen am Tisch waren Lisas Stiefmutter Mona, sein Anwalt Julius Reichling, Roland Igel, der die Geldanlagen für ihn verwaltete, und seine Hausdame Ulrike Groll. In den letzten Jahren hatte die Frau stets den Part der Gastgeberin übernommen. Diesmal aber schien sie mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Sie überließ die Gäste sich selbst und hatte sich auch nicht um die Speisenfolge gekümmert. Gebeleins Köchin hatte sich bereits beschwert, dass Ulrike Groll einige Dinge nicht bestellt habe, obwohl sie ihr gemeldet habe, dass sie zur Neige gingen.

Ich brauche eine neue Hausdame, einen neuen Anlagenverwalter und vielleicht auch eine Pflegerin, dachte er und ließ den Blick zu Roland Igel gleiten. Dessen Vater hatte bereits sein Aktienvermögen verwaltet und der Sohn dies nahtlos übernommen. In den letzten zwei Wochen hatte Gebelein die Transaktionen der letzten Jahre noch einmal überprüft und feststellen müssen, dass Igel seine Provisionen eigenmächtig immer weiter erhöht hatte.

Mit einem Kopfschütteln dachte Gebelein, dass viele jemanden, der wie er alt und zugegebenermaßen auch ein wenig klapprig geworden war, gleich für senil, wenn nicht gar für dement hielten. Dabei war sein Verstand immer noch so klar wie vor dreißig oder sechzig Jahren. Igel würde dies bald am eigenen Leib erfahren. Das aber wollte er in den nächsten Tagen unter vier Augen tun.

Nun hob er sein Glas. »Ich hoffe, ihr seht es mir nach, wenn ich zum Trinkspruch nicht aufstehe, aber es gilt auch so. Ich freue mich, euch hier in friedlicher Runde zu sehen und mit euch feiern zu können. Das nächste Mal wird erst wieder bei meinem Geburtstag in genau einem halben Jahr der Fall sein.«

Daniel verzog bei den Worten »friedliche Runde« spöttisch den Mund, während Angelika ihr Gesicht so in Falten legte, dass sie, wie Gebelein fand, nun ihrem Mops ähnlich sah, der drüben auf einem Sessel leise vor sich hin schnarchte.

»Mona, Lisa und ich kommen gerne zu den beiden Festessen, die du im Jahr gibst, Erwin«, erklärte Jan Elbertz salbungsvoll.

Daniel grinste und stieß Tobias an. »Mona-Lisa! Das ist eine gute Kombination. Findest du nicht auch?«

Er zog sich dafür einen zornigen Blick von Jan Elbertz und ein verächtliches Schnauben seiner Tante zu.

»Namen sind nun einmal so, wie sie sind, und sie sind Moden unterworfen. Sich darüber lustig zu machen, zeugt von einem schlechten Charakter«, tadelte Tobias ihn.

Gebelein hätte Angelikas Sohn ein wenig mehr Humor und eine gewisse Nachsicht gewünscht. Doch wie Namen waren auch Menschen so, wie sie waren. Nicht ganz, dachte er. Namen konnte man notfalls ändern lassen. Bei Menschen war dies schwieriger.

Nachdem das Essen aufgetragen worden war, das, wie Gebelein zufrieden feststellte, von seiner Köchin ausgezeichnet zubereitet worden war, ging das Gespräch weiter. Angelika schaffte es wie jedes Mal, ihren Sohn als Musterbeispiel eines strebsamen jungen Mannes hinzustellen, ohne beim Leeren ihrer Teller hinter den anderen zurückzubleiben.

Gebelein musterte Tobias noch intensiver als seine Nichte. Eigentlich hätte es dem jungen Mann peinlich sein müssen, wenn seine Mutter hier so offen als Erbschleicherin auftrat. Aber wie es aussah, schien er sich zu freuen, so von ihr gelobt zu werden. Sein Vater ist einfach zu früh gestorben, dachte Gebelein. So aber hatte die Mutter ihn erzogen und nach ihrem Vorbild geformt. Tobias würde achtgeben müssen, damit sich dies nicht einmal als Hindernis erwies.

Unterdessen wandte Angelika sich mit einer gewissen Verachtung Daniel zu. »Und was arbeitest du?«, fragte sie.

»Ich jobbe ein wenig, fülle Regale im Supermarkt ein, trage Zeitungen aus oder helfe bei Umzügen mit, wenn ich wieder einmal Geld brauche«, antwortete er mit einem spöttischen Unterton.

»Du hast nach dem Tod deiner Mutter irgendwie den Halt verloren«, sagte Gebelein betrübt.

»Nein, schon vorher! Damals ist er gerade noch dem Knast entkommen. Hättest du ihm damals nicht einen Superverteidiger beschafft, wäre er im Gefängnis gelandet«, stichelte Angelika weiter.

»Einspruch!«, sagte Daniel. »Ich hatte damals einen Pflichtverteidiger. Unser Großonkel hatte damit nichts zu tun.«

Das stimmte, denn Daniel und seine Mutter hatten nach einem heftigen Streit mit Angelika jegliche Unterstützung durch ihn abgelehnt. Ich hätte Angelika damals den Kopf waschen sollen, fuhr es Gebelein durch den Kopf. So aber hatte er sich von ihr aufhetzen lassen und Daniel ziemlich harsch zur Brust genommen. Seitdem war ihr Verhältnis nicht mehr so, wie es früher einmal gewesen war.

»Entschuldigen Sie! Ich habe etwas Dringendes zu erledigen«, sagte da Ulrike Groll und stand auf.

Wahrscheinlich chattet sie wieder mit ihrem unbekannten Verehrer, dachte Gebelein und ärgerte sich, weil er nun selbst mit dem Rollstuhl in sein Arbeitszimmer fahren musste, um die vorbereiteten Kuverts zu holen.

Als er zurückkam, waren Angelika, Tobias und das Ehepaar Elbertz in ein eifriges Gespräch vertieft. Lisa saß dabei und hörte ihnen zu, ohne sich zu beteiligen, während Daniel sich nur mit seinem Smartphone beschäftigte.

»Um meine Freude über euren Besuch auszudrücken, bekommt ihr auch diesmal ein kleines Geschenk«, sagte Gebelein und verteilte seine Kuverts. Lisa erhielt eines, ebenso Angelika und ihr Sohn, während Daniel das, das er ihm hingelegt hatte, wieder zurückschob.

»Du weißt, Großonkel, dass ich nichts annehme!«

Für Augenblicke sah es so aus, als wolle Angelika nach dem verschmähten Kuvert greifen. Sie zog aber nach Gebeleins mahnendem Hüsteln die Hand wieder zurück.

»Ich will ja nichts sagen«, meldete sich da Mona Elbertz. »Aber ich halte es nicht für gerecht, dass Angelika und Tobias zweimal Geld von dir bekommen, wir aber nur einmal.«

»So viel zu: ›Ich will ja nicht sagen‹!«, giftete Angelika. »Ich bin nun einmal Onkel Erwins Nichte, und da steht mir dieses Geld zu. Lisas Mutter ist bereits gestorben. Sie braucht also nichts mehr.«

Gebelein seufzte, denn es war wie bei jeder Familienzusammenkunft. Irgendwann gerieten seine Verwandten aneinander. Die Konsequenz wäre gewesen, sie nicht mehr einzuladen. Dann aber wäre er zur Gänze seiner raffgierigen Nichte und deren Musterbeispiel von Sohn ausgeliefert, und das wollte er nicht. Sein Blick suchte Daniel. Dieser schien sich über den Streit zwischen seiner Tante und Lisas Eltern zu amüsieren.

Schließlich wandte sich Mona Elbertz erneut an Gebelein. »Ich will Lisa wirklich nicht als große Erbin sehen. Eine gewisse Summe, mit der sie ihr Leben weiterführen kann, reicht vollkommen. Es wäre zu ungerecht, wenn sie mehrfache Millionärin würde, während ihre Brüder …«

»Stiefbrüder!«, unterbrach Angelika sie.

»Halbbrüder, liebste Tante, denn die Jungs und Lisa haben denselben Vater«, korrigierte Daniel sie grinsend. »Außerdem ist Lisa auch ohne das Geld unseres Großenkels eine reiche Erbin. Immerhin steht ihr von Tante Alexandra her eine stattliche Summe zu.«

Während Angelika wütend schnaubte, erklärte Mona Elbertz, wie ungerecht es wäre, Lisa so vor ihren Brüdern zu bevorzugen.

»Die beiden sind keine Blutsverwandten von Onkel Erwin«, fiel Angelika ihr erneut ins Wort.

»Was Blutsverwandtschaft für dich zählt, sieht man daran, wie du den armen Daniel behandelst«, fauchte Mona.

Es war der Auftakt für einen Kampf, der zwar nicht mit Waffen, aber mit giftigen Worten geführt wurde. Während Jan Elbertz noch versuchte, seine Frau zu bremsen, beteiligte Tobias sich schließlich auf Seiten seiner Mutter an dem Streit.

»Was ist, Großonkel? Brauchst du mich als Ringrichter, oder kann ich wieder fahren?«, fragte Daniel und stand auf, noch bevor Gebelein etwas sagen konnte.

»Wann kommst du wieder?«, fragte der alte Herr.

»Pünktlich zu deinem Geburtstag in einem halben Jahr«, antwortete Daniel und ging.

Gebelein sah ihm nach und ärgerte sich, weil er über Daniels Leben nicht das Geringste wusste. Was ihm Angelika darüber erzählte, gehörte für ihn irgendwie ins Reich der Fabeln und Märchen.

Mittlerweile hatten die Streithennen sich wieder beruhigt, und das Gespräch wurde gesitteter. Wenig später verabschiedeten sich Julius Reichling und Roland Igel. Letzter meinte noch, dass man jedes Mal die Uhr danach stellen könne, wann Angelika und Mona in Streit geraten würden.

Für Gebeleins Gefühl benahm Igel sich zu familiär. Als Anlagenberater sollte er einen gewissen Abstand wahren und vor allem seine Prämien nicht eigenwillig erhöhen.

8.

Ein paar Tage später verließen alle Gäste die Villa. Jan und Mona Elbertz nahmen ein weiteres Kuvert mit einer erklecklichen Summe mit, das Gebelein ihnen beim Abschied zugesteckt hatte. Als dann auch noch Angelika und Tobias abreisten, blieb Gebelein allein zurück – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ulrike Groll erklärte nämlich überraschend, Urlaub nehmen zu wollen.

»Die paar Tage kommen Sie sicher ohne mich zurecht«, sagte sie spitz. »Ach ja, Sie werden sich darauf einrichten müssen, eine neue Hausdame zu engagieren. Ich werde nämlich in absehbarer Zeit heiraten.«

»Das freut mich für Sie«, antwortete Gebelein und dachte für sich, dass Frauen ab einem gewissen Alter in Liebesdingen ähnlich lichterloh brannten wie junge Mädchen bei ihrer ersten Liebe.

»Ich werde morgen früh fahren. Wenn es Ihnen recht ist, würde ich Ihren Wagen nehmen. Sie brauchen ihn ja selbst nicht.«

Das stimmte zwar, dennoch ärgerte Gebelein sich darüber, dass die Menschen um ihn herum ihn offenbar nur noch als Melkkuh ansahen. Bei Angelika war dies schon immer so gewesen, und ihr Sohn hatte es von ihr übernommen. Auch Jan und Mona Elbertz sahen es als ihr Recht an, die Hand bei ihm aufzuhalten. Und nun lieh Ulrike Groll sich eigenmächtig seinen Wagen aus. Am liebsten hätte er ihr gesagt, er brauche ihn selbst. Lügen aus kleinlichen Gründen aber wollte er nicht und nickte daher. »Tun Sie das! Geben Sie aber acht, keine Beule hineinzufahren.«

»Ich bin eine sichere Fahrerin!«, behauptete Ulrike Groll und verabschiedete sich mit dem Hinweis, für ihre Reise noch einiges vorbereiten zu müssen.

Gebelein sah ihr nach und fand, dass sein Leben in seinen alten Tagen etwas weniger aufregend sein könnte. Nun schwankte er, ob er Roland Igel auffordern sollte, zu ihm zu kommen. Als er jedoch sein Telefon in die Hand nahm, wählte er unbewusst die Nummer seines Anwalts.

»Guten Tag, Erwin«, grüßte Reichling. »Das muss Gedankenübertragung gewesen sein, denn eben wollte ich dich anrufen.«

»Du hast also etwas über Simon Cranz’ Nachkommen erfahren, Julius?«, fragte Gebelein aufgeregt.

»So kann man es sagen! Wenn du willst, komme ich gleich zu dir, um dir alles vorzulegen. Sonst müssten wir einen Termin vereinbaren.«

»Mir ist es lieber, wenn du gleich hierherkommst.«

»Dann werde ich es auch tun, sonst stirbst du mir noch vor Neugier.« Reichling lachte und verabschiedete sich.

Die nächste halbe Stunde wartete Gebelein wie auf heißen Kohlen sitzend auf den Anwalt. Seine Gedanken galten dem Vater, der einmal in seinem Leben übel gehandelt und es kurz vor seinem Tod bitter bereut hatte. Ihm war klar, dass es genug andere gab, die ein Betrug an der Witwe eines Geschäftspartners kaltlassen würde. Sein Vater aber hatte nicht dazugehört – und er tat es auch nicht.

Gebelein war daher froh, als es an seiner Tür klopfte und Reichling eintrat.

»Guten Tag, Erwin! Was ist denn bei dir los? Man kann fast den Eindruck gewinnen, Frau Groll räumt den halben Hausstand aus.«

»Was macht sie?«

»Sie lädt deinen Wagen voll. Im Kofferraum hätte nicht einmal mehr eine Brieftasche Platz, und selbst auf den Rücksitzen liegt einiges herum.«

»Eigentlich wollte sie nur ein paar Tage fortbleiben«, sagte Gebelein, zuckte dann aber mit den Schultern. »Sie will heiraten. Daher nimmt sie wahrscheinlich schon ein paar Sachen mit. Sei es ihr vergönnt!«

»Sie will heiraten?«, fragte Reichling. »Na, wenn sie meint. Du wirst dann aber eine neue Hausdame brauchen.«

»Und einen neuen Anlagenverwalter! Igel wird mir zu gierig. Dabei war sein Vater ein so feiner Mensch.« Gebelein seufzte und sah den Anwalt auffordernd an. »Aber nun heraus mit der Sprache! Was hast du ermitteln können?«

Reichling setzte sich und öffnete seine Mappe. »Es war relativ leicht, die Spur von Simon Cranz’ Witwe aufzunehmen. Allerdings hätte sie fast in einer Sackgasse geendet. Karin Cranz hat etwa eineinhalb Jahre nach dem Tod ihres Mannes erneut geheiratet, und zwar einen amerikanischen Offizier. Mit diesem ist sie in die USA ausgewandert, dort allerdings nach einem Jahr verstorben. Kinder gab es keine.«

»Aber sie hatte doch eine Tochter! Die kann doch nicht auch gestorben sein«, wandte Gebelein besorgt ein.

»Deshalb musste ich die Spur erneut aufnehmen. Es gelang über Simon Cranz’ Eltern. Seine Witwe hatte das Mädchen bei ihnen zurückgelassen. Ob sie die Kleine in die USA nachholen wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls blieb Elsa Cranz in Deutschland. Mit achtzehn hatte sie einen unehelichen Sohn. Auch schaffte sie es nicht, im Leben richtig Fuß zu fassen, und schlug sich zuletzt als Putzfrau durch. Sie ist 2010 gestorben. Ihr Sohn, Martin Cranz, heiratete 1995 und hatte eine Tochter. Seine Frau und er sind vor ein paar Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«

»Und die Tochter?«, drängte Gebelein.

»Die Tochter heißt Vanessa«, erklärte Reichling. »Ich habe versucht, so viel wie möglich über sie herauszufinden, musste dafür aber, wie Sie es nannten, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.«

»Und?« Gebelein wartete mit Anspannung auf die Antwort seines Freundes.

Reichling blickte noch einmal in seine Unterlagen und reichte dem alten Herrn mehrere Fotos. »Die Bilder sind mit einem starken Zoom aufgenommen worden, um kein Aufsehen zu erregen. Aber ich glaube, man kann die junge Frau gut erkennen.«

Gebelein sah sich die Fotos an und spürte, wie Tränen der Erleichterung in ihm aufstiegen. Die Bilder zeigten eine schlanke, attraktive Frau mit schulterlangen, brünetten Haaren. Auf einem der Fotos trug sie ein beigefarbenes Kostüm, wie er es von den Rezeptionistinnen guter Hotels kannte. »Sie arbeitet also in einem Hotel.«

Sein Freund schüttelte den Kopf. »Nur aushilfsweise! Soweit es der Detektiv, der über sie Auskunft einholte, sagen konnte, sucht sie einen passenden Job. Sie hat ihr Studium der Betriebswirtschaft mit Auszeichnung bestanden und könnte jederzeit eine ordentliche Arbeitsstelle finden. Noch aber versucht sie, höher einzusteigen. In der Zwischenzeit arbeitet sie als Vertretung für eine Hotelangestellte, die in Elternzeit gegangen ist.«

»Sie ist nicht bereit, sich unter Wert zu verkaufen!« Anerkennung schwang in Gebeleins Worten mit.

»Einer ihrer Kommilitonen, mit dem der Detektiv ins Gespräch gekommen ist, nannte sie äußerst ehrgeizig und schien sich zu freuen, dass sie ihren Wunschjob beim Kendall-Konzern nicht bekommen hat.«

»Kendall-Konzern? Bei denen habe ich doch letztens meinen Aktienanteil auf fünfzehn Prozent erhöht.« Gebelein klang verärgert, weil Vanessa Cranz dort abgelehnt worden war.

»Wie mein Informant entdeckte, hatte sie sich bei den zum Konzern zählenden Wittner-Werken beworben, wurde aber abgelehnt. An ihrer Stelle kam der Neffe des Geschäftsführers Raspe zum Zug.«

»Wenn ich etwas hasse, ist es Vetternwirtschaft! Ich werde mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Kendall-Konzerns ein paar Worte sprechen müssen«, erklärte Gebelein.

»Ist es das wert?«, fragte Reichling, der sich über die Energie wunderte, die der alte Herr an den Tag legte.

»Ich werde auf jeden Fall die Zahlen der Wittner-Werke anfordern. Sind sie zu schlecht, habe ich als Aktieninhaber das Recht, Kritik zu äußern.«

Gebeleins erster Zorn war verraucht, doch vergessen würde er diese Angelegenheit nicht. Er betrachtete erneut die Fotos und glaubte bei Vanessa eine Aura zu spüren, die gutgesinnte Menschen für sich einnehmen, ungefestigte Charaktere hingegen verunsichern und zur Ablehnung treiben konnte.

»Ich will sie mir ansehen«, sagte er kurz entschlossen.

»Du willst sie kommen lassen?«