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Ken Pisanis Debüt "Der Einarmige, sein Alligator und die sonnigen Seiten des Lebens" ist ein warmherziger Roman über Sinnsuche, die wahre Liebe und die Kraft der Familie. Aaron, 40, geschieden, ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen: Nach einem schweren Autounfall musste ihm sein linker Arm amputiert werden. Nun kehrt er in seine Heimatstadt Paris in Illinois zurück: Zurück zu seinem Vater, der seine Zeit am liebsten vor dem Fernseher verbringt; zu seiner Mutter, die mit einem zwölf Jahre jüngeren Feuerwehrmann in einer Jurte lebt; und natürlich zu Alligator Ali, dem mehr oder weniger zahmen Haustier seines Vaters. Frustriert von so viel Pech führt Aaron penibel Listen darüber, was man mit einem Arm alles nicht machen kann. Doch dann trifft er zwei Menschen, die sein Leben für immer verändern: den todkranken Jungen Jimmy und die bezaubernde Radiomoderatorin Sunny. Dank ihnen führt Aaron nach einigen außergewöhnlichen Abenteuern, in denen es um Staudämme und die Rettung des nordamerikanischen Löffelstörs geht, eine neue Liste, eine Liste von Dingen, die er ganz wunderbar mit einem Arm machen kann.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2017
Ken Pisani
Der Einarmige, sein Alligator und die sonnigen Seiten des Lebens
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sabine Thiele
Knaur e-books
Ken Pisanis Debüt »Der Einarmige, sein Alligator und die sonnigen Seiten des Lebens« ist ein warmherziger Roman über Sinnsuche, die wahre Liebe und die Kraft der Familie.
Aaron, 40, geschieden, ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen: Nach einem schweren Autounfall musste ihm sein linker Arm amputiert werden. Nun kehrt er in seine Heimatstadt Paris in Illinois zurück: Zurück zu seinem Vater, der seine Zeit am liebsten vor dem Fernseher verbringt; zu seiner Mutter, die mit einem zwölf Jahre jüngeren Feuerwehrmann in einer Jurte lebt; und natürlich zu Alligator Ali, dem mehr oder weniger zahmen Haustier seines Vaters.
Frustriert von so viel Pech führt Aaron penibel Listen darüber, was man mit einem Arm alles nicht machen kann.
Doch dann trifft er zwei Menschen, die sein Leben für immer verändern: den todkranken Jungen Jimmy und die bezaubernde Radiomoderatorin Sunny. Und ehe Aaron es sich versieht, steckt er mitten in einigen außergewöhnlichen Abenteuern, in denen es unter anderem um Staudämme und die Rettung des nordamerikanischen Löffelstörs geht.
Für Amanda, mein Allerbestes
Wäre das hier ein Buch, dann wüsste man, dass der Typ auf Seite eins, der gebrochen und verstümmelt in den Abgrund starrt, am Ende der Geschichte über sein Schicksal hinauswächst und ein besserer Mann wird. Aber das hier ist kein Buch, sondern ich erzähle euch nur etwas. Und ich bin bestimmt nicht der Mann, der entgegen aller Wahrscheinlichkeiten ein Unglück überwindet. Ich bin der Typ, der im Krankenhaus aufwacht und feststellt, dass man ihm einen Arm amputiert hat, und der voller Inbrunst sagt: Gottverdammte Scheiße.
Das ist er, dachte ich, nachdem der Arzt meine plötzliche Asymmetrie bestätigt hatte, dieser zweite Moment, der auf den ersten folgt. Der erste Moment, der alles änderte, als der SUV in meinen Mittelklassewagen ohne Seitenairbags pflügte. Der zweite Moment ist der, in dem stärkere Männer als ich beschließen, diese riesige, unerwartete Hürde einfach zu nehmen und sich über deren willkürliche Schrecklichkeit zu erheben. Doch ich wusste, dass ich in diesem zweiten Moment nicht stark genug war, den ersten zu verkraften. Die weiteren Worte des Arztes gingen in einem ohrenbetäubenden Tinnitus unter. (Der noch häufig wiederkehren sollte.)
In den darauffolgenden Wochen Reha empfahl man mir, doch das Positive zu sehen, was meine Wut alles andere als linderte. Außerdem musste ich die ständigen »Seien Sie froh, am Leben zu sein« ertragen, den wirklich allerkleinsten Trost, und die aufmunternden »Es hätte so viel schlimmer kommen können«, was vermutlich eine leicht hysterische Freude darüber auslösen sollte, nicht als menschlicher Torso geendet zu sein. Und da ich Rechtshänder bin, sollte mich außerdem die Tatsache trösten, »nur« meinen linken Arm verloren zu haben, den Arm, den andere Autofahrer sorglos aus dem Fenster baumeln lassen. Ja, wahrscheinlich sollte ich wirklich dankbar sein, dass mir mein rechter Arm geblieben ist, mit dem ich unterschreibe, die Computermaus bediene und meinem Hund den Ball zuwarf, damals, als ich noch einen Hund hatte (vor der Scheidung). Die Hand, die ich auf das Bein meiner Frau auf dem Beifahrersitz legte, als ich noch eine hatte (eine Frau, meine ich). Doch es ist schwer, Dankbarkeit zu empfinden, wenn einem von vier Gliedmaßen plötzlich eines fehlt und die Physiotherapie einfach nur verdammt weh tut.
Während der Therapie versuchte ich oft, mich an den Unfall zu erinnern, den ich nur in Einzelbildern vor mir sehe. Zum großen Teil vermutlich eingebildete Erinnerungen, darunter eine Radiowarnung an die anderen Verkehrsteilnehmer, um mein so unglücklich im Weg liegendes, zermalmtes Ich herumzufahren, als die Einsatzkräfte mich mit dem Rettungsspreizer aus den Wagenüberresten zogen.
Und dann schickte man mich schließlich nach Hause. Nicht in das Zuhause, das ich mir nach dem Scheitern meiner Ehe zusammengezimmert hatte (ein Apartment, nicht ganz so schäbig wie das, das ich mir immer ausgemalt hatte, sollte meine Ehe in einer Scheidung enden), sondern in das meiner Kindheit und Jugend im Osten von Illinois, wo mein Vater – auch er war seit kurzem geschieden – mir zu bleiben anbot, bis ich »wieder auf die Füße komme«, eine geradezu höhnische Beschönigung der Situation.
Dinge, die man mit nur einem Arm nicht tun kann
Klatschen
Bankdrücken
Zahnseide benutzen
Ein Auto mit Gangschaltung fahren
Jonglieren
Zwei Hunde gleichzeitig streicheln
Eine Leiter hochklettern
Sich die Ohren zuhalten
Ein Hemd zuknöpfen
Mit Pfeil und Bogen schießen
Die Schuhe schnüren
Klettergerüste!
Handschuhe tragen
Eine Schubkarre schieben
Ein Konservenglas öffnen
Einen Blasebalg betätigen
Mais enthülsen
Eine Schneeburg bauen
Toast mit Butter bestreichen
Fleischbällchen zubereiten
Salat schütteln
Eine dieser Plastikpackungen mit Salat oder anderem Grünzeug öffnen
Vieh mit dem Lasso einfangen
Sich an der Stelle auf genau der falschen Seite der Rückenmitte kratzen
Geld zählen
Wäsche falten
Steak schneiden
Ein Hemd auf einen Bügel hängen
Ein Instrument spielen*
*Ja, es gibt Instrumente, die man mit einer Hand spielen kann. So was Kleineres wie das Horn, Harmonika oder einen Gong. Doch selbst so unnütze Instrumente wie eine Triangel erfordern eine Hand zum Halten und eine zum Spielen. Außerdem schafft man es mit einem Arm sowieso nicht in ein Orchester, das würde die Abonnenten nur verwirren. (Und bevor jetzt jemand den Drummer von Def Leppard anbringt: Klar, Thunder God Rick Allen hat seinen Job bei der Band nach dem Unfall behalten, aber er hat bestimmt nicht erst nach dem Verlust eines Armes mit dem Schlagzeugspielen begonnen. Das wäre ja mal richtig dämlich.)
Ich habe früher immer gern erzählt, ich sei in Paris aufgewachsen. Was auch stimmt, nur handelt es sich um Paris, Illinois. Irgendwann fand ich heraus, dass ich mich mit diesem ach so lustigen »Witz« eigentlich selbst demontierte. Mit einer spannenden, erfundenen Kindheit anzugeben, nur um gleich darauf die Pointe anzubringen, in Wirklichkeit geradezu schmerzhaft durchschnittlich aufgewachsen zu sein, ist in etwa so sinnvoll, wie sichtlich betrunken bei der eigenen Scheidungsanhörung aufzutauchen. Mit der Zeit gab ich mich damit zufrieden, von Geburt an uninteressant zu sein. Bis jetzt, da ich als Mann mit nur einem Arm ein ständiges, unvermeidliches Gesprächsthema biete.
Eine Ausnahme bildet mein Dad, der überhaupt nicht darüber spricht. Nachdem er fünfhundert Kilometer gefahren war, um mich vom Illinois Treatment Center Hospital abzuholen, und selbst als ich damit kämpfte, mich einarmig anzuziehen und zu packen (mit der Erkenntnis, dass ab jetzt alles ein einarmiger Kampf sein würde), erwähnte Dad den Unfall mit keinem Wort. Weder kommentierte er meine sichtlichen Mühen, noch nahm er meinen fehlenden Arm zur Kenntnis. Das hatte er auch schon bei den zwei vorherigen Besuchen vermieden, das erste Mal im Krankenhaus direkt nach dem Unfall, das zweite Mal, als ich bereits einen Monat zur Reha im ITCH verbracht hatte. Er hatte auch nicht weiter kommentiert, dass ich mein Essen nicht selbst schneiden konnte oder wegen eines plötzlichen, stechenden Schmerzes aufschrie oder auf die Stelle starrte, an der mein Arm gewesen war. Er ignorierte, dass wir uns vor ein paar Tagen irgendwie darauf geeinigt hatten, dass ich für eine Weile zurück nach Hause ziehen würde. Während der sechs Stunden langen Fahrt im Auto und auch jetzt, bei unserer Ankunft in Paris, hat er es nicht angesprochen. Was er wahrscheinlich bis zu seinem Tod auch nicht mehr tun wird.
»Aaron …« Dad beginnt neuerdings die meisten seiner Sätze mit meinem Vornamen, den er dreimal sagt. Beim ersten Mal verklingt er wie ein Stein, der in einen Brunnen geworfen wird; beim zweiten Mal wird er zwar wahrgenommen, aber nicht registriert, als gehöre der Name zu jemand anderem; beim dritten Mal durchzuckt mich die Erinnerung, wer ich einmal war.
»Wir sind da«, verkündet er so unnötig, wie ein Maskierter mit Pistole »Das ist ein Überfall!« schreit. Schließlich ist dies das Haus, in dem ich aufgewachsen und aus dem ich schließlich entkommen bin, und ich erkenne es sofort: an dem schiefen Carport, der bei jeder Abfahrt und jeder Rückkehr einzustürzen droht und irgendwie immer noch aufrecht steht, und an dem Fenster im Obergeschoss, von dessen Läden die Farbe abblättert und aus dem ich mich in Moms Zinnien fallen ließ, um in die Nacht zu verschwinden und jugendlichen Unfug zu treiben.
Der Kies knirscht, als Dad den Wagen langsam abbremst und schließlich den Motor ausschaltet. Wie ein brennender Stuntman springt er aus dem Auto, als ob er es keine Sekunde länger aushält, neben meinem Armstummel zu sitzen. Er holt meine Tasche mit einer Hand aus dem Kofferraum, dessen Klappe er mit der anderen zuschlägt, und demonstriert damit gekonnt, dass er als gebückter, verblasster Vater doppelt so sehr Mann ist wie sein Sohn.
Ich folge ihm zur Haustür. Die Hose klammert sich an seine knochigen Hüften, als hätte sie Angst, hinunterzurutschen. Ich erinnere mich an die unzähligen Male, die ich diesem Mann ins Haus gefolgt bin, unzählige Momente im Sprungschnitt aneinandergefügt bis zu diesem letzten, der uns beide reduziert zeigt.
Dad hält kurz inne, sein Haar steht in alle Richtungen ab wie zerzauste Gänsefedern, und dann öffnet er die Tür ohne den Hausschlüssel.
»Du schließt immer noch nicht ab? Aber du warst doch über Nacht nicht zu Hause.«
»Was soll man denn hier stehlen, mein Grammofon?«
»Sei nicht albern, Dad. Du besitzt viele wertvolle Dinge. Es könnten sich ja auch durchgeknallte Methjunkies einschleichen und darauf warten, uns mit deinem Toaster zu erschlagen.«
»Tischbackofen«, korrigiert mich Dad und tritt durch die Tür.
Drinnen sieht es noch genau so aus, wie ich es in Erinnerung habe, was mir ein wenig seltsam vorkommt. Bemerkenswerter wäre es wahrscheinlich, wenn mir die Umgebung überhaupt nicht mehr vertraut wäre, das hieße sauber und ordentlich und ohne den Mief nach Zigarrenrauch. Mom und Dad lebten wie die legendären Messiebrüder Collyer, bewahrten Dinge auf, nicht weil sie glaubten, sie könnten sie noch einmal brauchen, sondern weil es leichter war, sie einfach in eine dunkle Ecke zu schieben, anstatt sich den Kopf über ihre Entsorgung zu zerbrechen. Im Fall der unzähligen Zeitschriftenstapel behaupteten sie meistens, sie eines Tages »noch mal in Ruhe durchsehen« zu wollen, vollkommen ungeachtet der Tatsache, dass Ausgaben von Money aus den Neunzigern es sicher nicht mehr wert waren, sie noch mal in Ruhe durchzugehen. Nachdem Mom meinen Vater verlassen hatte, wurde es nur noch schlimmer. Man sollte meinen, ein Collyer-Bruder könne nicht die Arbeit von zweien erledigen, aber Dad bewies einem das Gegenteil.
Ich folge ihm an Reihen von Familienfotos an den mit knotigem Kiefernholz getäfelten Wänden vorbei nach oben, als wäre er ein Hotelpage, und ich bräuchte Hilfe, mein Zimmer zu finden, was nicht der Fall ist. Doch er geht an meinem alten Zimmer vorbei und zieht an dem Seil, mit dem man die Treppe zum Dachboden herunterlässt.
Ich werfe einen Blick zurück zu meiner alten Zimmertür und weiß plötzlich, was sich dahinter verbirgt. Im Gegensatz zu anderen Kinderzimmern, die in Büros oder Nähzimmer umgewandelt oder als Schreine der Kindheit bewahrt werden, nachdem der Nachwuchs flügge geworden ist, ist mein alter Rückzugsort vom Boden bis zur Decke mit Krempel aus Jahrzehnten und einer gescheiterten Ehe gefüllt. Als ich den Knauf drehe, schwingt die Tür etwa fünfzehn Zentimeter nach innen auf, bevor sie gegen eine wahre Wand aus alten Möbeln, Kisten, Zeitschriften, Büchern, Schallplatten, Kleidung, Gepäck, Decken, Kunstgegenständen, Vorhängen, kaputten Fernsehern und anderen nicht länger einsatzfähigen elektronischen Geräten stößt. Gegenstände, die für sich genommen nicht viel Platz wegnehmen, bis sie über die Jahre übereinandergestapelt wurden und jeden Zentimeter dieses drei Komma fünf mal vier mal zwei Komma fünf Meter großen Raumes füllten. Der Raum, der einmal das Reich eines Jungen und später das Gefängnis eines Teenagers gewesen war, bis man ihn freiließ, um auf ein College in einer weit entfernten Stadt zu ziehen, und der jetzt zurückkehrte, ein verletzungsbedingter Rückfall, um auf den Dachboden zwangsversetzt zu werden. Ein weiterer Hinweis auf die Verdrängungsmechanismen meines Vaters.
»Dürfte besser als der Keller sein. Da unten gibt es keine Fenster, und es stinkt irgendwie. Schaffst du das?« Er wirft einen Blick auf die Dachbodentreppe.
Ich ergreife die Gelegenheit, ihn zu zwingen, endlich mein fehlendes Körperteil zur Kenntnis zu nehmen. »Warum, was sollte mich denn davon abhalten?«
Dad zuckt mit den Schultern und starrt auf meine Kehle. Ein Punkt, der nur Zentimeter von meinen Augen und doch kilometerweit davon entfernt zu liegen scheint.
Scham überkommt mich, weil ich ihn in die Enge getrieben habe. »Ich komme schon klar.«
»Geh du voran. Falls die Wahnsinnigen eingebrochen sind.«
»Du meinst, einfach reingegangen sind«, verbessere ich ihn, aber ich weiß, dass er mich zuerst nach oben schickt, damit er meinen Fall mit seinem gebrechlichen Körper abfangen kann, falls ich ausrutschen sollte.
Mit einem fehlenden Arm bemerkt man nicht zuerst das Offensichtliche – das heißt, all die Dinge, die man nun nicht mehr tun kann –, sondern dass das Gleichgewicht plötzlich verrückt spielt. Als wenn man ein Glas vom Tablett eines vorbeieilenden Kellners nehmen würde und die anderen Gläser deshalb zu Boden fallen. Aufstehen ist schon schwierig, und im Stand ist ein einzelner herabbaumelnder Arm wie ein Pendel, das einen von den Füßen holen will. (Und dann versuch mal, ohne schwingende Arme zu gehen.) Als ich das Geländer packe, um mich hochzuziehen, kann ich wenigstens kurzzeitige Standfestigkeit im Gegensatz zum sonst ständigen Ungleichgewicht des Einarmigen genießen.
Als ich den Kopf durch die Luke zum Dachboden stecke, bin ich überrascht von dem Anblick, der sich mir bietet. Es sieht tatsächlich recht gemütlich aus, wenn man bedenkt, in welcher Eile der Raum eingerichtet worden sein musste. Zuerst einmal ist es hier sauberer als in jedem anderen Zimmer im Haus, und es wurde frisch gestrichen, auch wenn wohl gerade nur Gartenschuppengrün zur Hand gewesen war. Ich werde träumen wie ein Mann, der es sich in einer Martiniolive gemütlich gemacht hat.
Dad hat einen kleinen Plüschteppich auf die Holzbohlen gelegt, die unter jedem knarzenden Schritt leicht nachgeben, und irgendwie hat er eine Klappcouch hier hochgebracht. (Ich stelle mir Seile und Flaschenzüge und genervte Lieferanten vor, die unter Dads, vom sicheren Boden aus gebrüllten, Befehlen litten und danach vielleicht noch ein zerbrochenes Fenster austauschen mussten.) Er hat auch ein altes Schwarzlichtposter aufgehängt, das meiner älteren Schwester Jackie gehörte und in sechs Einzelbildern das schmelzende Gesicht einer unter Drogen stehenden Cartoonfigur zeigt, die verkündet: »Stoned Agin«. Außerdem hat er alle Bücher, die meiner Erinnerung nach überall im Haus auf wackligen Stapeln verteilt gewesen waren, auf einem schmalen Regal angeordnet, das an der Längsseite des Dachbodens entlangführt und neben den Büchern außerdem noch etwas Verstörendes enthält: meine alten Sportpokale aus der Schule und dem Sommerlager.
»Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen.«
»Wir?«
»Deine Mutter hat mir geholfen. Und ihr Freund. Er ist Feuerwehrmann.«
Gütiger Gott, Mom ist mit einem Feuerwehrmann zusammen.
Als ob er meine Gedanken lesen könnte, fährt Dad fort: »Sie hat ihn auf einem dieser Wohltätigkeitskalender gesehen. Die mit den halb nackten Kerlen. Hat wie ein Jagdhund seine Witterung aufgenommen. Er hatte keine Chance.«
»Wie alt …?«
»Ein ganzes Stück jünger. Aber deine Mutter ist ja auch zehn Jahre jünger als ich. Ich würde sie gar nicht erst danach fragen.«
»Wohnen sie …«
»Lass uns früh zu Abend essen, ich bin ziemlich erledigt von der Fahrt.« Dad geht zur Treppe und verschwindet mit der Autorität eines U-Boot-Kapitäns zurück in die Sicherheit unter der Oberfläche, wo die Flutwellen aus Gefühlen zwar um ihn herumwirbeln, ihm in seinem trockenen Gefährt aber nichts anhaben können.
Ich bleibe allein auf dem Dachboden zurück, wo sich eigentlich der Müll eines ganzen Lebens angesammelt haben sollte. Stattdessen bin ich der einzige zerbrochene Gegenstand, der hier oben als Ersatzteillager aufbewahrt wird, falls man ihn eines Tages doch noch mal brauchen sollte, bevor man die Überreste draußen auf den Gehsteig wirft.
Ich bin beinahe vierzig, geschieden, jämmerlich außer Form, klinisch depressiv, befinde mich in einem »Sabbatical« von meinem Job als Highschoollehrer, allein und lebe einarmig auf dem Dachboden im Haus meines Vaters. Vor allem »einarmig« wird von jetzt an jede Beschreibung von mir überlagern, ein Ausrufezeichen nach allem Vorausgegangenen, eine Litanei der Enttäuschungen des Lebens, eine letzte, traurige Coda hinter dem Menschen, der ich einmal war.
Ich muss mich hinlegen.
In meinen Träumen stelle ich mir vor, wie mein fehlender Arm aus dem Himmel der amputierten Gliedmaßen auf mich herunterblickt. Beine, die der Krebs eingefordert hat, Füße, die bei einem Unfall zerquetscht wurden, Zehen, die dem Frost zum Opfer fielen, Finger, Hände und, genau, Arme. Der Arm beobachtet mich und weiß: Er ist am Arsch. Das hier ist kein Mann, der sich einer Herausforderung stellt und als besserer, vollständigerer Mensch daraus hervorgeht. Was ihn nicht umbringt, macht ihn nicht stärker, sondern mit der Zeit nur immer kleiner, bis er irgendwann ganz verschwindet.
Randy Pausch war Professor für Computerwissenschaften an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und hat im September 2006 erfahren, dass er unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Ein Jahr später hielt er an der CMU eine Rede mit dem Titel Die letzte Vorlesung: Wie man seine Kindheitsträume verwirklicht, ein inspirierender Monolog aus Lebensweisheiten im Angesicht des sicheren Todes. Auf YouTube hat der Mitschnitt achtzehn Millionen Aufrufe, und es werden täglich mehr. (Aber, wie ich betonen möchte, immer noch weniger Klicks als Hunderte von Musikclips, ein Schenkelmassagevideo, etwas, das sich Charlie hat mich in den Finger gebissen nennt, und der Livezusammenbruch einer Teilnehmerin bei einem Schönheitswettbewerb.) Pauschs Vortrag wurde in einem Bestsellerbuch verarbeitet, er selbst zu einer Inspiration für alle Todkranken sowie zu einem Paradebeispiel von menschlicher Tapferkeit.
Doch wir anderen sind nicht wie Randy Pausch. Deshalb nennen wir ihn und andere wie ihn Ausnahmen, weil sie genau das sind. Wir anderen sind nicht mutig oder stark oder furchtlos. Wir kämpfen nicht gegen alle Schwierigkeiten an, wir hätten sie gern auf unserer Seite. Wir heißen die Herausforderung des Unglücks nicht willkommen, sondern laufen vor ihr davon, und der einzige Kampf, auf den wir uns einlassen, wenn sie uns einholt, ist zu weinen und um uns zu schlagen und zu schreien: »Ach wäre es doch nicht so«. Wir sind nicht Warren Macdonald, dessen Beine nach einem Unfall unterhalb des Oberschenkels amputiert werden mussten und der im Jahr 2003 den Kilimandscharo erklomm, oder Aron Ralston, dessen Arm beim Klettern eingeklemmt wurde und den er sich selbst amputierte, um sein Leben als einarmiger Abenteurer fortzusetzen. Wir sind nicht Sir Douglas Bader, der beide Beine 1931 bei einem Flugzeugabsturz verlor, um später ein RAF-Geschwader im Zweiten Weltkrieg zu leiten. Oder der baskische Admiral Blas de Lezo y Olavarrieta, der zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts sein linkes Bein durch eine Kanonenkugel verlor, sein linkes Auge bei der Verteidigung von Toulon und seinen rechten Arm bei der Belagerung von Barcelona, nur um später elf feindliche britische Schiffe gefangen zu nehmen. Wir sind nicht Franklin Roosevelt, der trotz seiner Erkrankung an Kinderlähmung amerikanischer Präsident wurde, oder Stephen Hawking, dessen Geist nicht von der Amyotrophen Lateralsklerose, kurz ALS, eingesperrt werden konnte, die seinen Körper in Besitz nahm. Wir sind nicht Helen Keller oder Randy Fucking Pausch. Wir sind nicht einmal Cher mit ihrer Dyslexie.
Wir anderen sind zerstört, wenn unsere Körper zerstört sind. Und diese heroischen Ausnahmen mit ihren unglaublichen Fähigkeiten, sich über die schlimmstmöglichen Umstände zu erheben, lassen uns nur noch schlechter aussehen.
Die Morgen sind am schlimmsten. Die Desorientiertheit, zuerst im ITCH, jetzt auf dem Dachboden, wird durch die Stunden Schlaf verschlimmert, in denen die Schmerzmittel nachgelassen haben, und durch die stechende Erkenntnis, die mich trifft, noch bevor ich die Augen öffne: Mein Arm ist weg. Noch schlimmer sind die Morgen, an denen ich aus einem Traum aufwache, in dem ich – egal ob ich von Hunden verfolgt werde, meine Zähne verliere, fliege, ertrinke oder mit einer unbekannten Frau schlafe – beinahe ganz bin.
Ich beginne den Tag mit einem V2-Boost (Vicodin und Valium) und steige zu Dad ins Auto, um mit ihm zum Frühstücken zu fahren, bevor mich die Benommenheit übermannt. Ich bin nicht gerade begeistert davon, mich der Welt da draußen zu zeigen, vor allem, wenn sie so klein wie diese hier ist. Es ist immer noch der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Das einzig Unbekannte hier bin ich, der vorübergehende Makel eines rot entzündeten Pickels.
Das Dröhnen des Radios weicht hinter dem flirrenden Tinnitus zurück, der wie eine Nachbarskatze in unregelmäßigen Abständen auftaucht. Doch dann gräbt sich eine Frauenstimme durch das Klingeln. Sie ist süß, sexy, klug und gehört der Wissenschaftsreporterin des Senders. Ihr Name ist Sunny Lee, und ihre Sendung – neunzigsekündige Beiträge mit witzigen wissenschaftlichen Themen – heißt The Sunny Side.
Glauben Sie, das GPS Ihres neuen, glänzenden Autos ist hoch entwickelt? Nun, dieser kleine Wandersmann ist ihm weit voraus: die Ameise! Plündernde Ameisen legen Strecken von über zweihundert Metern von ihrem Nest zurück. Das mag Ihnen und mir nicht besonders weit erscheinen, aber für eine Ameise ist es schon sehr ordentlich. Wie finden sie aber den Weg zurück zu ihrer Kolonie? Auf demselben Weg, auf dem eine Mutter die Sportklamotten ihres Teenagersohnes aufspürt: Sie folgt dem Geruch! Ameisen hinterlassen einen charakteristischen Duft, über den sie selbst im Dunkeln den Rückweg finden können.
Aber was ist, wenn die Ameise schlecht riechen kann, weil sie, sagen wir mal, erkältet ist? Ameisen können auch hervorragend sehen, und manche navigieren anhand einer Kombination aus Orientierungspunkten und der Position der Sonne, während andere das magnetische Feld der Erde wahrnehmen können. Einige von ihnen messen sogar die Distanz mit einem inneren Schrittzähler. Unglaublich! Und die ganze Zeit dachten wir, sie hätten einfach nur richtig gute Instinkte. Sie hörten Sunny Lee undThe Sunny Side.
In den kommenden Tagen und Wochen wird Sunny Lee mir von Dingen erzählen, von denen ich noch nie gehört hatte. Von der Geschwindigkeit fallender Regentropfen, der peripheren Sicht von Hammerhaien, dem Drehmoment eines in der Luft rotierenden Pizzateiges. Verliebt bin ich aber schon, als wir vor dem Four Corners Diner halten.
Auch wenn das Four Corners an einer ungewöhnlichen Kreuzung mit fünf Ecken steht, scheint man hier bei der Namensgebung das Gewöhnliche bevorzugt zu haben. Irgendwann nach meinem Weggang aus Paris begann Dad damit, hier zu frühstücken. Für jemanden, für den auswärts essen sonst vollkommen unverständlich ist (»Warum soll ich jemanden dafür bezahlen, dass er mir ein Steak zubereitet? Das kann ich selbst. Und sieben Dollar für ein Bier? Davon kann ich ein ganzes Sixpack kaufen.«), stürzt sich Dad hier mit einem Enthusiasmus auf das Frühstück, den normalerweise nur Kinder beim Klingeln eines Eiswagens an den Tag legen.
Ich könnte ihm unter die Nase reiben, dass Eier nur zehn Cent das Stück kosten oder dass er sich für den Preis von drei oder vier Tassen Kaffee eine ganze Kanne kaufen könnte, aber das würde er genauso ignorieren wie mein fehlendes Körperteil. Dad genoss beim Frühstück die Gemeinschaft, den puren Trost des Vertrauten – der sich bei unserer Ankunft wie ein Vogelschwarm in die Lüfte erhebt und davonfliegt.
Köpfe drehen sich, Gespräche verstummen. Dads ältester Freund, Fred Weber, ist mit einer Gabel voll Omelett vor seinem Mund erstarrt. Hinter dem Tresen wird Michelles Aufmerksamkeit von einer nachzufüllenden Kaffeetasse abgelenkt, doch das ist egal, denn – und das schwöre ich – sogar der aus der Kanne fließende Kaffee ist in der Luft hängengeblieben. Selbst die Küchenschaben sind beim Umherhuschen eingefroren. Die einzigen sichtbaren Bewegungen im Raum sind zuckende Pupillen, als alles und jeder – das Essen auf den Tellern, die Flecken auf den mit Kunststoff bezogenen Tischplatten, der Fussel auf George Jones’ Ärmel, das verblasste Gemälde an der Wand (ein Boot auf einem Kanal in Venedig, das den Raum jahrzehntelang unbemerkt geschmückt hat) – plötzlich nach intensiver Betrachtung verlangt.
Dad rutscht in eine Sitzecke und bedeutet mir, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Dann verschwindet er hinter einer Zeitung. Ohne das Klingeln in meinen Ohren wäre es totenstill.
Doch als das Frühstück gebracht wird (Ich: Eiweiß-Pilz-Omelett. Dad: Holzfäller Spezial, trotz fehlender Holzfällererfahrung) hat sich fast wieder Normalität eingestellt. Michelle verteilt großzügig ihr strahlendes Lächeln, und Mr. Weber hält im Anwaltsmodus eine Rede in einer Lautstärke, die seinem nachlassenden Gehör geschuldet ist, während der Kaffee fließt und die Schaben wieder umherhuschen.
Dad macht die Runde bei seinen Nachbarn und verweist gelegentlich auf mich – »Du erinnerst dich doch an Aaron« –, und ich nicke höflich vom Tisch aus und winke mit meiner verbliebenen Hand, damit ich nicht beidseitig amputiert erscheine.
»Du siehst gut aus«, flirtet Michelle, wie sie es früher mit dem gutaussehenden Teenager getan hat, der ich einmal war, und ich wünschte, ich könnte im Gegenzug mit einer schmeichelhaften Lüge aufwarten.
»Er hat abgenommen!«, ruft Mr. Weber von seinem Tisch, und während die Anwesenden sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie viel so ein Arm wohl wiegt, legt sich erneut Stille über den Raum, und George Jones konzentriert sich wieder auf den problematischen Fussel auf seinem Ärmel.
Michelle bietet uns eine rhetorische Ablenkung – »Noch Kaffee?« –, der Raum zwischen Angebot und Lieferung zu klein, um abzulehnen. Das ist meine dritte Tasse, und die anderen, die schon viel länger hier sind, haben sicher schon ihre fünfte oder sechste hinter sich. Ein Wunder, dass unser verschnarchtes kleines Nest nicht an kollektiver Schlaflosigkeit leidet.
Dad rutscht wieder zurück an seinen Platz. »Wie war das Omelett?«
»Nun, du weißt ja, dass man dafür ein paar Eier zerschlagen muss.«
»Warum kostet es mehr, wenn es nur aus Eiweiß ist? Man bekommt doch viel weniger ohne das Eigelb.« (Das klingt schon eher nach Dad.) »Ich frage mich, was sie mit dem Eigelb machen«, überlegt er.
»Ich glaube, sie gießen es einfach über das Holzfäller Spezial.«
Dad stößt ein Stück Wurst auf seinem Teller mit der Gabel an, als wolle er eine Reaktion hervorrufen. »Hast du schon darüber nachgedacht, was du tun willst?«
»Ich werde fertig frühstücken. Und später Mittag essen.«
»Ich meine, wenn du dich wieder fit fühlst.«
»Ich weiß nicht genau, was ›fit‹ bedeuten soll, aber ich werde dabei definitiv weiterhin nur eine Hand haben.«
»Planst du, zurück an diese schicke Highschool zu gehen?«, fragt er, als die Wurst vor seiner Gabel flüchtet.
Jede Rückkehr in mein früheres Leben erscheint mir vollkommen unwahrscheinlich, vor allem in meine bisherige Position als Lehrer für Sozialkunde für die zutiefst Uninteressierten. Das Unbehagen zu überwinden, die Aufmerksamkeit eines ganzen Raumes auf mich zu ziehen, hat mich mein ganzes erstes Semester als Lehrer gekostet, und ich habe überhaupt keine Lust, mich den forschenden Blicken von Teenageraugen zu stellen, die an der Stelle kleben werden, an der sich früher einmal mein Arm befunden hat. Oder mit dem seltsamen Gegenteil zurechtzukommen, den ausweichenden Blicken und gefrorenen Lächeln meiner Kollegen im Lehrerzimmer (ganz abgesehen vom einarmigen Jonglieren mit Kaffeebecher und trockenen Donuts).
»Sie ist nicht schick«, verbessere ich Dad. »Wir haben dieselben Probleme wie alle anderen Highschools, die versuchen, Kinder auf eine Zukunft in einer gefährlichen Welt vorzubereiten. Wir sind wie die NASA, die Astronauten für eine Marsmission trainiert, die unseres Wissens nach nur schlecht ausgehen kann.«
Hier sind wir nun, in unserer eigenen Zukunft, in diesem Moment, auf den alle Ereignisse und Umstände in unserem Leben hingeführt haben, hier im Four Corners, wo Dad mich fragt, was für eine Arbeit ich im Ort finden will, und meine Ohren klingeln noch lauter.
Ich entschuldige mich und gehe zur Toilette, und einen Moment zieht mich mein verbleibender Arm zur Seite, ebenso wie die balancebeeinträchtigende Wirkung des V2. Die Blicke der anderen weichen meinem aus und von meinem ungeschickten Weg ab. Als die Toilettentür hinter mir ins Schloss fällt, stelle ich mir vor, wie sie alle aus dem Diner vor der unangenehmen Situation flüchten. Ich schaffe es gerade noch in die Kabine, bevor ich mein Frühstück wieder von mir gebe, etwas getröstet von der Tatsache, dass meine Medikamentendosis bereits ins Blut übergegangen ist.
Ich betrachte mein Gesicht im Spiegel, das immer noch jungenhaft und gutaussehend genug für Michelle ist, mit ruhelosen Augen, die mir sagen, dass ich nicht wieder da raus kann, um mich Dad und seinen Hoffnungen für meine Zukunft zu stellen oder den anderen Gästen und ihrem Unbehagen oder Michelles unerschöpflicher, Herzklopfen bereitender Fröhlichkeit. Die Toilette ist plötzlich die Lösung für all meine Probleme.
Jobs, die man mit einem Arm nicht ausüben kann
Baseballspieler
Torwart
Schiedsrichter
Kranführer
Croupier
Krokodilbändiger
Polizist
Dirigent
Feuerwehrmann
Gerichtsstenograf
Barkeeper
Bodenlotse am Flughafen
Dachdecker
Rettungssanitäter
Chirurg
Astronaut
Gepäckträger
Tellerjongleur
Hotelpage
Cowboy
Boxer
Und natürlich Tapezierer
Klar, jemand wird jetzt den Typ erwähnen, der entgegen aller Wahrscheinlichkeit eine dieser Arbeiten ausgeführt hat oder es vielleicht immer noch tut. Wie Jim Abbott, der ohne rechten Unterarm auf die Welt kam und es irgendwie geschafft hat, für die Yankees, die Angels, die White Sox und die Mariners zu pitchen (alles Teams der American League, weshalb er nicht schlagen musste). Als ob das den Sinn der Aufzählung schmälern würde. Ausnahmen widerlegen nicht die Regel, und die Regel ist, dass Typen mit einem Arm keinen dieser Jobs machen. Und wenn man jemanden für einen dieser Jobs bräuchte und ein einarmiger Kerl auftauchte, dann würde man nach einem mit zwei Armen verlangen. (Zumindest ich würde das tun.)
Ich bin schon früher durch das Klofenster im Four Corners abgehauen, als ich noch daran glaubte, Dinge, die ich nicht tun wollte, auch nicht tun zu müssen. Damals wollte ich auf keinen Fall ein unangenehmes Mittagessendate mit meinem Teenagerkumpel Joel und zwei Mädchen durchstehen, deren Namen ich vergessen habe. Joel musste danach nicht nur die Rechnung übernehmen, sondern sich auch in Stereo auf dem langen, schmachvollen Heimweg die Tiraden der Mädchen anhören. Erst nach viel zu langer Zeit konnte ich mir meine Flucht als die unverzeihlich grausame Tat eingestehen, die sie gewesen war.
Dieses Mal ist der Ausstieg sehr viel komplizierter, und mein guter Arm ist mit Splittern des verfaulten Fensterrahmens übersät, nachdem mir mein Karma ein Vierteljahrhundert hinterhergereist ist. Auf der engen Straße, die alles ist, was unsere Stadt in Sachen »Hauptstraße« zu bieten hat, habe ich kaum Versteckmöglichkeiten. Für die Kneipe ist es zu früh, das Loading Zone hat noch geschlossen. Im Buchladen bräuchte man zwei Hände, um ordentlich stöbern zu können. Und in der Bank herumzulungern würde genau die gesteigerte Aufmerksamkeit erregen, die ich zu meiden versuche.
An der Bushaltestelle sehe ich eine wunderhübsche Frau, die auf ihr Handy starrt. Ich würde sie gern ansprechen oder mit meinem Wagen vor ihr halten und ihr eine Mitfahrgelegenheit anbieten, nur um dann mit ihr zum See zu fahren, wo wir lachen und eine gute Zeit und vielleicht sogar Sex haben würden (im Auto oder am See, egal). Stattdessen frage ich mich, ob ich irgendetwas davon – eine schöne Frau treffen, ein Auto fahren, in einem See schwimmen, in Gesellschaft eines anderen Menschen lachen, Sex haben, ob im Auto oder am See oder irgendeinem anderen Ort der Welt – je wieder tun werde. Es bräuchte schon eine sehr spezielle Frau, um über mein Defizit hinwegzusehen. Vielleicht eine blinde, aber auch da würde sich mein Handicap nicht lange verbergen lassen und seine Entdeckung wahrscheinlich mit panischen Schreien enden. Die beste Option, um mich zu verkrümeln, scheint der Secondhandplattenladen Broken Records zu sein, mit seinen vielen Reihen mit Alben, die man mit einer Hand leicht durchstöbern kann.
Der Inhaber ist älter, als ich ihn mir vorgestellt hätte, sofern ich das überhaupt versucht hätte. Weniger Jack Black in High Fidelity, als vielmehr Jack Palance in City Slickers – Die Großstadt-Helden.
»Ich schaue mich nur ein wenig um«, verkünde ich, bevor er mich fragt, ob er mir helfen könne und ich antworten müsste: »Ja, wenn Sie mir da mal zur Hand gehen könnten …«
Ich beginne, das Fach mit dem Buchstaben A durchzublättern und überlege, dass, wenn ich es in meinem benebelten Zustand bis ZZ Top geschafft habe, der größte Teil des Tages vorüber sein dürfte. Doch ich bin kaum bei ABBA angekommen, als er schon das Gespräch sucht.
»Du warst doch auf der Paris Middle School.«
»Ja, das stimmt«, bestätige ich schnell, um mir einen Kommentar zu seinem Alter zu verkneifen. »Waren wir in derselben Klasse?«
»Ich habe Mathematik unterrichtet. Oder habe es in deinem Fall zumindest versucht.«
Es ist Mr. Madnick, mein Mathelehrer aus der achten Klasse. Ich habe ihn damals neun Monate lang genervt wie eine ungewollte Schwangerschaft, nach der das Kind auf die Welt kommt und dem Vergessen des Sommers ausgesetzt wird, um danach wie von der Bildfläche zu verschwinden. Bis jetzt. Von allen Plattenläden in allen Städten dieser Welt, muss er gerade denken, kommt der Kerl ausgerechnet in meinen.
»Mathe ist ein abstraktes Konzept, das ich nicht begreifen konnte«, erkläre ich. »Und mit weniger Fingern bin ich inzwischen noch viel schlechter darin, genauso wie im Greifen. Ich meine bei der Luftgitarre.«
»Das hatte überhaupt nichts mit Konzepten zu tun. Du wolltest dich nur nicht anstrengen.«
»Vielleicht hätte ich nur einfachere Angaben gebraucht. ›Aaron verlässt die Stadt Richtung Westen mit neunzig Stundenkilometern. Als er fünfundzwanzig Jahre später auf einen SUV trifft, der nach Osten fährt, wie viele Körperteile verliert er da?‹«
»Es ist also erst kürzlich passiert? Du würdest doch sicher nicht wegen etwas herumheulen, das schon lange her ist.«
Ich schlage die bereits durchgesehenen Schallplatten im Fach A zurück und starre ihn an.
»Hab Respekt vor dem Vinyl«, sagt er und macht die Schallplatten damit auf einen Schlag genauso uncool wie Lehrbücher. »Also, Aaron. Was treibst du jetzt so?«
»Ich bin Lehrer«, erwidere ich und muss selbst grinsen, auch wenn ich gegen sein Gelächter keine Chance habe.
»Himmel, und du erzählst mir was von abstrakten Konzepten? Ich liebe es, was das Universum manchmal fertigbringt.« Er kommt hinter dem Tresen hervor, und seine Verwandlung in einen echten Menschen ist so umfassend, dass ich mich sofort schuldig fühle wegen der blöden Bemerkung, die eigentlich nur ein vierzehnjähriger Junge auf einen Lehrer abfeuern kann.
»Und mein Mathelehrer aus der achten Klasse ist im Ruhestand und hat einen coolen Plattenladen eröffnet.«
»Um genau zu sein, hatte ich Sex mit einer Schülerin und wurde gefeuert. Saß sogar im Gefängnis deswegen. Du wärst überrascht, wie sich echte Scheiße in etwas Gutes verwandeln kann.«
»Klar. Sagt man mir immer wieder.«
»Oh. Dein Arm«, bemerkt er plötzlich. »Nein, das habe ich nicht gemeint. Das ist wirklich total beschissen. Ich wüsste nicht, was daran positiv sein sollte.«
Ich bin mir nicht sicher, ob er es ernst meint oder ob das irgendein übrig gebliebener Lehrertrick ist, der mich herausfordern soll, ihm das Gegenteil zu beweisen, doch selbst in meinem zugedröhnten Zustand glaube ich ihm nicht.
»Also, hast du einen Plattenspieler, oder schaust du dich nur um?«
»Mein Vater hat immer noch eine Stereoanlage mit Stapelkomponenten, wie man sie in den späten Achtzigern hatte.« Hätte Dad doch bei seiner Sammlung auch mein jüngeres, unversehrtes Selbst aufbewahrt.
»Nur einer von vielen Fehlern der Achtziger. Bequemlichkeit war wichtiger als Wirkung. Ein gutes Stereosystem besteht aus den besten Bestandteilen. Das kann ein Fisher-Tuner sein, ein Marantz-Verstärker, Lautsprecher von JBL und ein Plattenspieler von Technics. Und natürlich ist der Tonabnehmer wichtig und sogar die Nadel. Aber das ist natürlich zu viel Aufwand, weshalb man einen Stereoturm im Elektromarkt kauft, komplett mit Plexiglastür davor, um seine eigene Mittelmäßigkeit zu demonstrieren.«
»Oder ich lasse einfach meinen iPod über die Dockingstation des Radioweckers laufen.«
»Eine langsame Abwärtsspirale«, erwidert er lachend. »Keine Art, unsere besten Erinnerungen zu behandeln.«
Er zieht die Allman Brothers aus dem A-Fach und betrachtet die Platte, als sei sie ein Spiegel, der ihm sein jüngeres Gesicht zeigt.
»Unsere Lieblingsversionen von uns selbst sind immer mit Musik verbunden. ›Whipping Post‹, ›Ramble On‹, ›Layla‹.«
»›It’s A Long Way To Tipperary‹.«
»Okay, okay, schon kapiert, ich bin alt! Na gut, für dich also …«, er mustert mich, »irgendein Neunziger-Grunge-Mist? Hootie and the Blowfish? Oder bist du eher ein Überbleibsel aus den Achtzigern?«
»Wenigstens haben Sie nicht ›Achy Breaky Heart‹ vorgeschlagen.«
»Musik kann so viel transportieren …«
Er blättert durch die Schallplatten im B-Fach, eine Reise durch die Musikgeschichte von Basie zu den Butthole Surfers.
»Aber sie verliert ihre Macht durch die Vertrautheit. Wenn ich heutzutage Bowie ›Changes‹ singen höre, kann ich unmöglich in die Zeit zurückkehren, als ich zum ersten Mal darauf aufmerksam wurde. Weil die ganzen Male, die ich es seither gehört habe, darüberliegen. Es hat keine zeitliche Resonanz mehr. Aber ›Eight Line Poem‹? ›Quicksand‹? Die habe ich über die Jahre unregelmäßig genug gehört, damit ich 1971 zumindest ansatzweise spüren kann.«
Er geht zum gegenüberliegenden Fach mit dem Buchstaben M und lässt die Finger geübt über die Schallplattenkanten tanzen, bis er Morrisseys Viva Hate herauszieht. Er sieht erst das Album an, dann mich. Offensichtlich hat er gefunden, wonach er gesucht hat.
»Ich könnte ›Everyday Is Like Sunday‹ spielen oder ›Suedehead‹, und du würdest es gern wieder hören.« Er geht hinüber zum Plattenspieler. »Aber würdest du dich dabei wieder wie fünfzehn fühlen? Nein. Doch hierbei …«
(Das dumpfe Geräusch beim Aufsetzen der Nadel und das anfängliche Kratzen reichen beinahe aus, um mich in die Vergangenheit zurückzuversetzen.)
»Vielleicht schon.«
Er vermutet richtig. Ich habe »Little Man, What Now?« wahrscheinlich nicht mehr gehört, seit es herausgekommen ist, aber mit der Eröffnungsdrumsequenz kann ich sofort alle Gefühle des Jungen, der ich damals war, heraufbeschwören. Ich war damals dreizehn, schätze ich, und hatte all die unzähligen großen und kleinen Veränderungen, aus denen sich ein Leben formt, noch vor mir. Damals hatte ich noch das Gefühl, dass Erwachsensein Beständigkeit bedeutet, dass ich immer irgendwie eine Version meines damaligen Selbsts sein würde: ausreichend sympathisch, um ein paar Freunde zu haben, aber weit entfernt von beliebt; gutaussehend genug, um Mädchen auf mich aufmerksam zu machen, in deren Gegenwart ich mich jedoch nur ungeschickt fühlte. Ich glaubte daran, diesen Geist, dieses Ich, das immer Comics lieben würde und Nintendo und Toasterpizza, bewahren zu können. Das Ich in einem größeren, ausgefüllteren Körper, der für das Erwachsenendasein besser geeignet war. Mit zwei Armen. Ich muss an meine drei Jahre in der Mittelschule denken und die drei darauffolgenden in der Highschool. Jahre, die wie ein ganzes Leben erschienen. Warum sind die letzten drei dann so verschwommen? Und warum habe ich das Gefühl, dass die nächsten drei vielleicht schon vorbei sind, bevor ich noch diesen Gedanken beendet habe? Was ist aus mir geworden, in der Tat.
Knappe 1:49 Minuten später fällt der Groschen: Ich bin high und müde vom langen Stehen, hungrig, und mir ist übel, meine Ohren klingeln wieder, und mein Ex-Arm schmerzt erneut. In den Millionen von Rhythmen auf den Tausenden von ordentlich sortierten Platten in Hunderten Reihen verstecken sich sicher unzählige Songs, die auf ähnliche Weise Erinnerungen hervorrufen können, doch keiner davon könnte meinen Allgemeinzustand verbessern.
Ich verabschiede mich von Mr. Madnick und danke ihm, dass er mich vor all den Jahren nicht hat durchfallen lassen. Nachdem ich nach draußen geschwankt bin, sehe ich, dass Fred Weber mit besorgtem Gesicht zusammen mit Dad vor dem Four Corners wartet, und ich erkenne, dass ich nun für eine weitere unverzeihlich grausame Fensterflucht Buße tun muss.
Dad war ein Zeitreisender.
Weil wir an der Grenze zwischen zwei Zeitzonen lebten, ist er jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit und zurück durch die Zeit gereist. Er musste um fünf Uhr morgens aufstehen, um das Haus um sechs zu verlassen, eine Stunde zur Arbeit fahren, die ihn, weil dort nicht die Central Time (wie hier in Edgar County), sondern die Eastern Time (dort in Terre Haute) herrschte, eine Stunde in der Zukunft nach vorn katapultierte. Er kam um acht Uhr in der Arbeit an, damit er früh genug von dort aufbrechen konnte, um gegen vier Uhr nachmittags wieder zu Hause zu sein, wenn Jackie und ich aus der Schule kamen. All das fand in dem futuristisch klingenden Lincoln Mark IV statt, der in Silber »Mondstaub« Metallic lackiert war, mit dazu passender silberner Lederausstattung und silbergemasertem Vinyldach, einem zu allem fähigen V8-Motor und ovalen Opernfenstern, durch die die Gegenwart auf die Vergangenheit prallte.
Schon damals hatte ich den Eindruck, dass die ganzen Zeitsprünge ihren Tribut forderten. In meinen jungen Augen erschien mir mein Dad älter als die Väter meiner Freunde, die nicht jeden Tag zweimal das Zeitkontinuum bekämpfen mussten. In einem Jahrzehnt der Ausschweifungen, für die man sich danach nur schämen konnte, schmückten sie sich mit floridaförmigen Koteletten und breiten Jackenaufschlägen, wohingegen Dad dreiteilige Anzüge trug und einen, von viel Weiß durchzogenen, Astronautenhaarschnitt. Mom dagegen schien weder das Fundament von Dads Vernunft noch die Kühnheit seiner Zeitreisen zu schätzen. (Es war allerdings nicht immer eindeutig, was Mom wollte, und das hat sich bis heute nicht geändert.)
Bevor er zum Zeitreisenden wurde, war Dad Athlet, ein Langläufer, der es sogar ins US
