19,99 €
Gerade ist Daniel aus der Provinz nach Berlin gezogen. Auch um sich Fil zu nähern, der für ihn bisher mehr ein Gerücht war als ein Vater. Aber ausgerechnet jetzt erkrankt dieser schwer, und wieder ist der Sohn allein: mit allen Fragen – und dem Schlüssel zu Fils Wohnung. Nur widerwillig dringt Daniel in das Leben des Vaters vor, zu Freunden, Leidenschaften und Idealen. Als ihm dann noch die eigensinnig mysteriöse Dem über den Weg läuft, weiß Daniel bald nicht mehr, was wahr ist und was zählt. Aus der Suche nach dem Vater wird eine Suche nach sich selbst, die Daniel quer durch Europa, von der Facebook-Gegenwart zum Westberliner Untergrund der achtziger Jahre führt. Doch wie kommt man von dort zurück? Als wer? Und wohin?
Raul Zelik erzählt von aufeinanderprallenden Welten, von Konsequenzen und Rücksichtslosigkeit, von Anpassung und Aufbegehren. Inmitten der Krise fragt er nach dem Wagnis eines anderen, besseren Lebens.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2012
Gerade ist Daniel aus der Provinz nach Berlin gezogen. Auch um sich Fil zu nähern, der für ihn bisher mehr ein Gerücht war als ein Vater. Aber ausgerechnet jetzt erkrankt dieser schwer, und wieder ist der Sohn allein: mit allen Fragen – und dem Schlüssel zu Fils Wohnung. Nur widerwillig dringt Daniel in das Leben des Vaters vor, zu Freunden, Leidenschaften und Idealen. Als ihm dann noch die eigensinnig-mysteriöse Dem über den Weg läuft, weiß Daniel bald nicht mehr, was wahr ist und was zählt. Aus der Suche nach dem Vater wird eine Suche nach sich selbst, die Daniel quer durch Europa, von der Facebook-Gegenwart zum Westberliner Untergrund der achtziger Jahre führt. Doch wie kommt man von dort zurück? Als wer? Und wohin?
Raul Zelik erzählt von aufeinanderprallenden Welten, von Konsequenzen und Rücksichtslosigkeit, von Anpassung und Aufbegehren. Inmitten der Krise fragt er nach dem Wagnis eines anderen, besseren Lebens.
Raul Zelik, geboren 1968 in München, lebt in Medellín, wo er an der Nationaluniversität Kolumbiens Politische Theorie lehrt. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Der bewaffnete Freund (2007), Berliner Verhältnisse (2005, dbp-Longlist) sowie der Essay Nach dem Kapitalismus. Perspektiven der Emanzipation (2011). Der Eindringling
Raul Zelik
Der Eindringling
Roman
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012
© Suhrkamp Verlag Berlin 2012
Originalausgabe
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das
der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme
verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Druck: Druckhaus Nomos, Sinzheim
Umschlag gestaltet nach einem Konzept
von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt
eISBN 978-3-518-79030-4
Als Daniel das Krankenhauszimmer betritt, fällt sein Blick zuerst auf den Bildschirm, den flimmernden Zeichentrickfilm, eigentlich hat der Vater nie Vormittagsfernsehen geschaut, und dann auf den Bettnachbarn, einen Mann, Mitte vierzig, blond, eine türkische Tageszeitung aufgeschlagen neben sich auf dem Bett, der still, zufrieden lächelt.
Weil er es hinter sich hat.
Hinter sich und überlebt.
Die Hand des Mannes, des Blonden, des Lesers der Hürriyet, gleitet am Saum des Pyjamas hinunter, an der Naht auf dem Brustbein entlang, mit den Fingerkuppen über den schwarzen, unter dem Wundverband hervorschimmernden Schorf. Es heißt, nach Herz- und Lungenoperationen würden die Rippen mit Metallklammern verhakt. Damit das Innerste nicht herausfallen, nicht aus dem Brustkorb stürzen kann.
Das Innerste.
Was ist das? Wo fängt eine Persönlichkeit an, ab welcher Stelle ist sie nicht mehr austauschbar, nicht mehr zu ersetzen?
Unter den Rippen schlägt das Herz.
Der Mann mit der frischen Naht, dem fahlen Gesicht, dem unter dem Wundverband hervorschimmernden Schorf, steht langsam auf, schreitet, das Gestell mit der Infusionsflasche hinter sich herziehend, durch den Raum, nickt Daniel noch einmal zu und verschwindet dann auf den Gang. Triumphierend, er hat es geschafft. Der Vater würde sagen: Man's death's end.
Ein Bypass, erklärt der Vater mit einem demonstrativen Grinsen, sein dritter. Der Mann mit der fahlen Haut, der blonde Türke, ein Türke, der deutscher aussieht als die meisten Deutschen, aber was heißt das schon?, merkt der Vater mit dünner Stimme an, sei als Notfall eingeliefert und sofort operiert worden, vor gar nicht langer Zeit, vor vier oder fünf Tagen, weil er seine Medikamente abgesetzt habe, eigenmächtig, was für ein Leichtsinn. Die Medikamente, fragt Daniel, blickt irritiert auf den Fernseher, Tom und Jerry, hört: Marcumar, als müsse man wissen, was das ist, und dann, als nachgeschobene Erklärung: Blutverdünner, muss man sein Leben lang nehmen.
Marcumar: Was weiß man als 25-Jähriger von lebenslänglich verschriebenen Medikamenten?
Wetten, dass der rauchen gegangen ist, sagt der Vater. Der weiß, was er will, auch wenn es für ihn das Falsche ist.
Und dann versucht der Vater zu klingen, wie er früher klang: No risk, no fun.
Früher. Als Daniel in den Schulferien noch zum Vater nach Berlin fuhr: ein bemaltes Treppenhaus, der strenge Geruch von Hundepisse, die Aufhebung aller Regeln. Während sich die Klassenkameraden mit den Eltern, der Reihenhausbilderbuchfamilie, in Spanien in der Sonne aalten. Nach der Rückkehr erzählten sie stolz vom Süden, einem Strandurlaub, den alle machten, alle außer Daniel.
Er blickt am Krankenbett vorbei in den Park, wo sich Pappeln im Wind biegen, ihre Laubköpfe hin- und herwerfen. Ein herbstlicher Tag – dabei ist Juni.
Und?
Eigentlich keine Frage. Keine, auf die man eine Antwort erwartet. Der Vater atmet flach und zu schnell.
Was haben die Ärzte gesagt?
Daniel ahnt, was der Vater gleich antworten wird. Dass in Krankenhäusern nicht mehr viel geredet wird, seit die Norm-Visite auf 150 Sekunden beschränkt worden ist, die Sparpolitik in Kürze zur Einstellung jedes direkten Kontaktes zwischen Arzt und Patienten führen wird, die Finanzkrise noch dafür sorgen wird, dass zur Rettung des Kapitals Kranke zum kollektiven Exitus bewegt werden.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
