9,99 €
Die beiden sich in einem namenlosen Hafenstädtchen sorgsam aus dem Weg gehenden Zwillinge John und Paul sind das Gesprächsthema des Orts. Ihre Geschichten bieten so ziemlich alles, über was sich zu plaudern lohnt: Kunst, Betrug, Sex, Mord…
Immer neu aufgenommene Erzählfäden verweben sich in diesem Text zu einem aparten Tableau des 20. Jahrhunderts, auf dessen Rückseite sich zuallerletzt schließlich auch die Identität der beiden Zwillinge abzuzeichnen beginnt.
Harry Mathews brillanter Kurzroman bildet den präzise gesetzten Schlussakkord eines literarischen Werks, dem es mit unnachahmlicher Komik und intellektueller Subtilität gelingt, die seltene Magie feinster Prosakunst zu verströmen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der einsame Zwilling
Harry MathewsDer einsameZwilling
RomanAus dem amerikanischen Englisch von Michael Mundhenk
diaphanes
Für Ann Beattie
1
Berenice Tinker sagt: »Wenn der Wein nach deinem Gusto ist, hat er eine vorteilhafte Wirkung auf dich. Du leuchtest durch deine Verschlossenheit«, worauf Andreas Boeyens erwidert: »Du bist zu bescheiden, Darling. Es ist nicht der Wein.« »Danke für deine jüngsten Galanterien, aber ich spreche von etwas Realem, einem messbaren physikalischen Effekt.« »Siehst du, das meine ich.« »Bitte, keine coolen Filmrepliken. Trinkst du etwa keine Appletinis, um ›deine Schwäche für erlesene Weine abzutöten‹?« »Dann aber auch kein Zitat-Dropping.« »Wenn du darauf bestehst.«
Später am selben Abend, Berenice: »Ich bin etwas durcheinander. Ich sagte ja, dass ich heute John getroffen habe. Er hat mir auf seine nette Art so lange Vorträge über Gefühle gehalten, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, was das Wort eigentlich bedeutet, jedenfalls bis du unversehens in mein Bett geglitten kamst. Obwohl, so unversehens auch wieder nicht, wie mir inzwischen aufgegangen ist.« »Lust auf den ersten Blick?« »Wunderbarerweise ja. Allerdings hatte ich einmal ein Foto von dir und deiner Schwester gesehen, in einem Klatschmagazin. Wir sind eindeutig derselbe Typ.« »Du bist überhaupt nicht wie meine Schwester. Du bist faszinierend neu für mich.« »Mag sein. Ein Gefühl vielleicht?« »Und hast du schon mal eine Bruderversion von mir gesehen?« »Gefragt hab ich’s mich. Keinen Bruder, nein. Aber dein Haar hat die gleiche Farbe wie dieser gigantische Pudel von meinem Onkel Dom. Wenn wir ihn, als ich klein war, besuchten, trieb mir dieses Ungeheuer jedes Mal Tränen der Angst in die Augen. Als ich dich das erste Mal sah, mit deinem hübschen rotbraunen Haar, überkamen mich die dunkelsten Emotionen. Das muss fürs Erste genügen.« »Reizend! Wirklich nett, dieser John! Was hat er denn noch so gesagt?«
Berenice und Andreas, zu töricht, um die Wahrheit zu ahnen, waren einer Kostbarkeit teilhaftig geworden: eines Glücks, das alles übertraf, was sich die beiden je ausgemalt hatten. Sie saßen in Berenices Haus oberhalb des Ortes. Eines seltsamen Ortes. Jahrelang hatte er als minderes Fischerdorf unvordenklichen Ursprungs sein Dasein gefristet. Dann, in den 1870er Jahren, begann er, sich gezielt (wenn auch aus unerklärlichen Gründen) auf das Mehrfache seiner selbst zu vergrößern, und zwar (aus ebenso unerklärlichen Gründen) nach einem Plan, der eher etwas von der Genügsamkeit mittelalterlicher Städtchen hatte als von der optimistischen Expansion des späten neunzehnten Jahrhunderts. Häuser, Läden, ein Gasthaus, ein Marktplatz, zwei Kirchen, zwei Kneipen und ein paar Esslokale waren auf einer Fläche von nicht einmal sieben Hektar vereint. Um das obere Ende dieses Areals verlief eine Straße, die sich als ebenso solide Barriere erwies wie jede alte Stadtmauer: Eine Ausdehnung darüber hinaus stand nie zur Debatte, so günstig und gefahrenfrei das Land dort inzwischen auch sein mochte. Die Bucht säumten vorwiegend zerklüftete Felsen aus geschichtetem Schiefer; landeinwärts erhoben sich sanft grüne Hügel mit Gruppen von Buchen, Ahornbäumen und fiedrigen Koniferen. Ein paar hundert Meter vom Ort entfernt stieß man auf große Häuser, oft mit Fassaden aus gelbem Backstein und mehrflügeligen Fenstern ausgestattet, die es den Bewohnern wohl erlauben sollten, ihre Augen am umliegenden Grün zu weiden, eine Aussicht, die selbst die bestens situierten Häuser des Mutterortes nicht bieten konnten. Eines dieser ansprechenden Häuser hatte Berenice zwei Tage nach ihrer Ankunft gemietet.
Berenice: »Du musst wissen, dass meine Hypothese Ausdruck einer beruflichen Schwäche ist, nämlich der Neigung, jede Nuss zu knacken, um sie zu studieren. Das war nur der erste Knacks. Beim nächsten kommt vielleicht, wenn auch kein Kleinod, so doch etwas für dich Akzeptableres zum Vorschein. John hat nichts gesagt, was auf das Haar des Hundes hingedeutet hätte. Er wollte mich davon überzeugen, dass Gefühle unsere einzige Realität seien …« »Wie köstlich!« »… unsere einzige Währung. Zu sagen, was wir fühlen, und nicht, was wir glauben sagen zu müssen, sei die einzige Form, die Wahrheit zu sagen. Er hat ein Gedicht zitiert (ich breche nicht mein Versprechen, berichte nur, was er gesagt hat): ›Und ich sehe schlaglichtartig,/ was du schon sagtest:/ Unsere Gefühle sind unsere Fakten.‹« Andreas stöhnte. Berenice: »Was ist denn dabei? John hat kein Gran Arglist in sich.« »Dein Wort ist mein Gesetz.« »Und Paul? Sagtest du nicht, du hast ihn gefunden?«
»Endlich! Auf einem Streifzug über den Fischmarkt, der von frischem Fang nur so glitzerte und trotz des frühen Sonntagmorgens voller Käufer und Flaneure war. Ich habe Paul sofort erkannt – ich habe einen Zwilling erkannt. Er und ein paar andere Einheimische standen um einen dampfenden Topf herum, der gut halb so groß war wie ein Ölfass; ein Verkäufer schöpfte daraus kleine Dinger, die seine Kundschaft genüsslich verschlang. Erst in unmittelbarer Nähe konnte ich erkennen, worum es sich handelte: Babytintenfische, im eigenen Saft geschmort. Ich aß zwei. An alle gewandt, bot ich an, eine Flasche Weißwein zu besorgen, um das Vergnügen perfekt zu machen. Zustimmendes Gemurmel. Schnell war ich aus dem nächsten Lokal zurück, mit einer Flasche Muscadet und einem halben Dutzend Gläsern. Nachdem wir uns einander vorgestellt hatten, ging Paul sich ein großes McEwan’s holen (für Wein habe er nichts übrig, erklärte er mir), und ich begleitete ihn. Ich bestand darauf, sein Bier zu bezahlen; es war eine gute Gelegenheit, Bekanntschaft zu schließen. Ich sagte, ich hätte schon seit meiner Ankunft gehofft, ihn kennen zu lernen. Warum, würde ich ihm später erklären; dies sei vielleicht nicht der Augenblick, um über Geschäfte zu sprechen.«
Berenice: »Was sind eigentlich deine Geschäfte? Mit ihm zumindest?« »Stimmt, du weißt ja nichts über mich, außer, wie meine Schwester aussieht. Ich hatte die Gelegenheit, es Paul zu sagen, aber ich habe sie verstreichen lassen. Über sein Geschäft habe ich allerdings eine Menge erfahren. Kaum hatte ich erwähnt, dass mein Interesse an ihm beruflicher Natur sei, nahm er energisch das Heft in die Hand. Er führte mich weg von dem Grüppchen und den glitzernden Fischhaufen und zum nahen Hafen, wo er mich (ungefragt und ohne zu fragen – er nahm zu Recht an, ich wüsste, dass er mit Textilien handelte) in ein offenes Fünf-Meter-Boot mit Außenbordmotor steigen hieß. Rasch brachte er uns zu der kleinen Insel sechshundert Meter draußen in der Bucht – du hast sie sicher schon gesehen. Unterwegs erzählte mir Paul, auf der Reise hierher habe er zwei Männer aus der Levante kennen gelernt, Vater und Sohn, Mehmed und Ahmet mit Namen; sie hätten lange in einer Gemeinschaft von Spinnern und Webern gelebt und sogar für einen Teppichmachermeister gearbeitet: ›Die Begegnung mit ihnen schien eine glückliche Fügung, und mein Glück habe ich schon immer ernst genommen. Ich erzählte ihnen von meinem Metier und bot ihnen an, für mich zu arbeiten, falls sie einen Job brauchten. Sie nahmen an. Gleich sehen Sie sie in Aktion.‹
Paul begann mich auf eine Weise zu interessieren, die ich so nicht vorhergesehen hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn mochte. Er gab sich keine Mühe, sympathisch zu sein, aber Direktheit ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes. Als wir uns der Insel näherten, sah ich, dass dort nur ein Gebäude stand, eine große Holzkonstruktion – seine ›bescheidene Fabrik‹. Paul erklärte, er habe dafür den ehemaligen Wohn- und Lagerschuppen eines Fischers umgebaut. Er hatte tadellose Arbeit geleistet, wie schon der kleine Hof vor der eigentlichen Fabrik zeigte. Alle Spuren der Zeit und zufälliger Besucher waren getilgt. Drinnen waren die Wände fein säuberlich gestrichen und die diversen Maschinen so aufgestellt, dass sie leicht zugänglich waren und der Raum als ganzer luftig, ja fast schon elegant wirkte, ein Werk, in dem Liebe steckte und das Bekenntnis zur Perfektionierbarkeit der Arbeit. Im zweiten Raum waren Mehmed und Ahmet eifrig zugange, so eifrig, dass Paul Abstand davon nahm, sie zu stören. Konzentriert, wie sie waren, hatten sie für uns sowieso nur einen kurzen Blick übrig.
Paul begann sofort, mir ihre Arbeit zu erklären, in einer Ausführlichkeit, die schon bald etwas Einschläferndes hatte. Ein Vorfilz war bereits hergestellt, aus zwei verschiedenen Sorten Rohwolle, gewaschen, gebeizt, mit Krapp, Gilbkraut und Granatapfelschalen gefärbt und zu einem dichteren Material kombiniert, als es jede Wolle für sich hätte ergeben können. Ahmet hatte den farbigen Vorfilz in ornamentale Formen geschnitten und legte diese am Boden auf entsprechend große Matten aus einheimischem Schilf, auf die Mehmed mit einem gegabelten Kirschholzstab namens Cubuk wundersam zielgenau Bäusche von gekämmter Wolle warf. Paul legte mit einer Erklärung dessen los, was danach käme, die ich dir jedoch ersparen möchte. Ich habe sie, soweit es die Höflichkeit zuließ, auch mir erspart, indem ich einen Termin im Ort vorschützte, den ich in dem Moment für erfunden hielt, der sich aber, sobald Paul mich wieder an Land gebracht hatte (wobei ein gnädiger Ostwind jede weitere Unterhaltung unmöglich machte), als höchst real erwies: unsere Begegnung. Ich bin froh, dass ich gerade im rechten Moment ankam. Da standst du, windgeschützt, im Schatten deines Sonnenschirms, und ich ging auf dich zu, als würde ich dich schon ewig kennen, die Frau, nach der ich mich seit Anbeginn der Zeit gesehnt hatte.«
2
John und Paul waren ebenfalls nur zu Besuch im Ort. Sie waren Zwillinge und glichen sich, wie sich Zwillinge nur gleichen können. Sie trugen die gleichen Sachen: Chinos und Rundhalspullover, in Johns Fall mit einem ausgeblichenen weinroten Halstuch. Beide waren süchtig nach den Meeresfrüchten, die das ganze Jahr über von den Küstenfelsen und Sandstränden geerntet wurden: Venusmuscheln, Strandschnecken, Herzmuscheln, Taschenkrebse und vor allem Seeigel – ihr Nachtisch, wie sie beide sagten. Sie tranken ausschließlich McEwan’s India Pale Ale und rauchten die gleichen dünnen, schwarzen Brasilzigarren. Sie fuhren identische Wagen, französische Nachkriegsmodelle: beige Panhard-Dynas, ununterscheidbar bis auf die Nummernschilder. Keiner der beiden war spät abends noch unterwegs; sie arbeiteten fleißig, Paul in seiner Inselfabrik, John schon lange vor Tagesanbruch als Maat auf einem Fischkutter, wo er gut verdiente und sich einen beneidenswerten Ruf erwarb. Beide wohnten in ziemlich schäbigen Pensionen. Beide lasen die International Herald Tribune, die sie per Post erhielten, doch nie – jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit – irgendeine Art von Buch. Anhand ihrer Intonation und ihres Akzents ließen sie sich nicht auseinanderhalten, auch wenn sich das, was sie sagten, stark unterschied. Die einzigen Anhaltspunkte waren Johns Halstuch und die Drahtgestell-Lesebrille, die er gelegentlich trug.
Ihre Pensionen lagen weit auseinander, an entgegengesetzten Enden des Ortes. John ging in die Methodistenkirche, Paul in die römisch-katholische. Sein Pale Ale trank jeder in einer anderen Kneipe. Man sah sie überhaupt nie zusammen, offenbar mieden sie jeden Umgang miteinander. Das erstaunte die Einheimischen, störte sie aber nicht weiter – »komische Geschichte« lautete der allgemeine Kommentar zu ihrer Beziehung oder vielmehr Nichtbeziehung. John und Paul wurden von den Leuten hier akzeptiert, wie sie waren: John galt als der Umgänglichere, Pauls Hang zur Schroffheit wurde als Zeichen von Ernsthaftigkeit entschuldigt, und dass er hier sein kleines Gewerbe gegründet hatte, war natürlich ein Punkt zu seinen Gunsten.
»Sag du doch mal, Andreas, was hältst du von ihnen? Zunächst einmal, was sind jetzt deine geheimnisvollen Geschäfte mit Paul?« »Da ist nichts Geheimnisvolles dran – das Thema ist einfach noch nicht aufgekommen. Ich habe ja auch noch nichts über meine politischen Ansichten gesagt oder über meine Lieblingsbücher oder -opern. Zwischen den Freuden der Liebe und den Freuden des Schlafs hatten wir (jedenfalls, was mich betrifft) …« »Ja, das ist ein wahrhaft männlicher Zug!« »… doch kaum Zeit, uns zu unterhalten. Also erzähle ich es dir jetzt: Ich habe einen Verlag, einen sehr bescheidenen, den ich allein betreibe, nur mit einer Sekretärin zusammen – eher einer Schuldmagd, aber ich schinde sie auf die denkbar netteste Weise und mache ihren mickrigen Lohn durch Achtsamkeit und Verständnis wett. Leider verdiene ich nur gerade genug, um davon sparsam leben zu können. Keine Bestseller, was bedauerlich ist. Nein, ist es nicht. Es ist mir eine wahre Freude, Bücher zu verlegen, die ich mag, und ich weiß, das ist in meinem Metier ein glückliches Privileg.
Als ich von John und Paul hörte, dachte ich, ihre Geschichte sollte erzählt werden, am besten von ihnen selbst. Nicht die Geschichte ihrer Gemeinsamkeiten – die sind zwar faszinierend, aber für diejenigen, die mit dem Topos der eineiigen Zwillinge auch nur ein wenig vertraut sind, nicht überraschend –, sondern die Geschichte ihrer sturen Abschottung voneinander, die geradezu unvorstellbar ist. Ideal wäre eine Darstellung von beiden Seiten, aber mir ist klar geworden, dass ich durch die Initiierung eines solchen Projekts nolens volens zu einem Akteur innerhalb ihrer Beziehung würde – es ist ja fast schon ein wissenschaftliches Klischee, dass man eine Fragestellung nicht ›objektiv‹ untersuchen kann, ohne ihre Gegebenheiten zu verändern, was ich unbedingt vermeiden möchte. Also würde wohl einer der beiden die Geschichte erzählen müssen, jedenfalls zunächst, und nach allem, was ich über ihre Naturelle in Erfahrung bringen konnte, schien mir Paul die bessere Wahl. Ich hatte Angst, Johns bekanntermaßen großmütige Natur würde alles möglicherweise Dunkle und Schwierige zwischen ihnen in ein gefühlig-mildes Licht tauchen, während Pauls offen starrköpfige, schroffe Art wie bei einem Juggernaut etwas Dampfwalzenartiges hatte, also weniger Besonnenheit und mehr Ehrlichkeit bei der Darstellung der Dinge bedeutete. So, wie ich ihn heute erlebt habe, scheine ich mit meiner Intuition richtig zu liegen. Wir werden sehen. Jedenfalls bin ich hier, um ihn dazu zu bringen, seine Version der Geschehnisse aufzuschreiben. Es wäre ein Glücksfall, wenn er sich darauf einließe.«
»Danke. Dem stimme ich von ganzem Herzen zu. Ich muss dir allerdings gleich sagen, dass auch ich wegen der beiden hier bin, wenn auch nicht mit einem so konkreten Ziel wie du. Wie du vielleicht schon erraten hast, bin ich Psychologin – der behavioristischen Schule. Ich erforsche und lehre, wie und warum Menschen tun, was sie tun, und zwar unabhängig von ihrem Fühlen und Wollen. Das ist nichts rein Genetisches. Denk an den rotbraunen Pudel meines Onkels.« (Andreas nahm die Anspielung ohne ein Lächeln hin, aber auch ohne Verärgerung.) »Das Verhalten eineiiger Zwillinge übt schon lange eine besondere Faszination auf meinen Berufsstand aus, und ich muss gestehen, Andreas, Darling, ich bin rettungslos fasziniert vom menschlichen Verhalten, und das nicht nur beruflich; ich laufe herum und beobachte die Bewohner unserer Welt, und bei jedem Schritt lassen mich meine wissenschaftlichen Skrupel im Stich.
Und diese beiden! Sie benehmen sich nicht so, wie sie sollten! Als ich mich über eineiige Zwillinge zu informieren begann, vielleicht in den gleichen Fachzeitschriften wie du, versetzten brennende Neugier sowie der Wunsch, die beiden zu beobachten und, wenn möglich, kennen zu lernen, mein Gehirn und meine Nerven in Unruhe. Warum dieser Zwang, getrennte Leben zu führen, wenn man sich praktisch in allem einig ist? Können sie glücklich damit sein? Wenn nicht, warum haben sie sich beide in demselben, entlegenen Ort niedergelassen? Was könnte ich für sie tun, falls sie sich mir je anvertrauen würden? (Ich bekenne mich zu diesem unrealistischen Traum.) Also bin ich aus keinem anderen Grund hier als wegen des Eindrucks – eines fernen Eindrucks –, den ich mir aus papiernem Material zusammengeklaubt oder, was wahrscheinlicher ist, zusammenfantasiert habe. Und ich rechne damit, dass ich trotz dieses enthusiastischen Einsatzes am Ende nichts vorzuweisen haben werde. Bis auf dich.«
»Ich hoffe und bete allerdings, dass ›wir‹ von Dauer sind. Wie hast du John kennen gelernt? Du bist ja schon, wenn ich dich darauf aufmerksam machen darf, auf halber Strecke zur Verwirklichung deines ursprünglichen Wunsches.«
»Auf dem Weg in den Ort habe ich in einer Kneipe gleich in der Nähe der oberen Straße Station gemacht. Sie liegt in einer heruntergekommenen Gegend, von der sie sich positiv abhebt mit ihren frischgestrichenen Fensterläden, ihrem blanken Messing, ihrer allgemeinen Sauberkeit und Heiterkeit. Die Betreiber sind nett. Es gibt dort akzeptable Weine und guten Kaffee, und einen solchen trank ich gerade, als John mich überraschend ansprach und fragte, ob er sich einen Moment zu mir setzen dürfe. Ich habe natürlich ja gesagt und versucht, mir meine Freude nicht anmerken zu lassen. Er sprach äußerst freundlich mit mir, stellte mir zunächst die auf der Hand liegenden Fragen: Wann ich hier angekommen sei? Wie lange ich bleiben wolle? Vermutlich findet er ältere Frauen anziehend. (Ich habe von dir erzählt, sobald es der Takt erlaubte.) Wir kamen dann rasch auf weniger nahe liegende Themen, was nach etwa einer halben Stunde dazu führte, dass er zu seiner Lobrede auf die Gefühle anhob, du erinnerst dich? Unterstützt vielleicht durch den Wein, den wir inzwischen tranken. Ich fand John äußerst sympathisch und freue mich sagen zu können, dass er mich wohl auch mochte. Paul habe ich mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht beim nächsten Mal.«
»Glückwunsch! Mein Gefühl ist: Einzeln mögen wir jeweils nur einen von ihnen kennen, aber zusammen kennen wir beide. Das ist doch schon mal ein Anfang. Was für einen Wein habt ihr getrunken?« »Einen sardischen Vermentino.« »Ausgezeichnet. Was machen wir jetzt? Ich dachte, ich würde Paul in seiner Pension eine Nachricht hinterlassen und ihn einladen, mit mir zusammen zu Abend zu essen, oder mit uns, ganz wie du magst.« »Soll ich John fragen, ob er auch kommen möchte?« »Nach allem, was wir über die beiden wissen, wird er mit Sicherheit ablehnen. Vielleicht später mal, wenn sie uns besser kennen.« »Da hast du wahrscheinlich recht. Apropos, die Hydes haben uns für morgen Abend zu sich zum Essen eingeladen. Mal sehen, was sie über unsere jungen Männer zu sagen haben.« »Ich fürchte, ich weiß nur zu genau, was sie sagen werden. In der Zwischenzeit, würde ich vorschlagen, machen wir eine Liste mit Themen – Bücher, Politik und so weiter –, damit wir einige der Wissenslücken übereinander füllen können.« »Von mir aus. Ich muss allerdings sagen, dass ich das für einen albernen Plan halte. Wenn man mir solche Fragen stellt – etwa, welche Bücher ich mag –, vergesse ich unweigerlich die Brontës. Außerdem sät das potenziell Zwietracht. Wenn du Royalist bist und ich bin Kommunistin – also, wir müssen schwören, uns niemals zu streiten.« »Ich schwöre, es wird mir nichts ausmachen, niemals. Bist du denn Kommunistin?« »Im Moment nicht. Ich bin einfach nur eine Sklavin des Eros.« »Bitte bleib es auch. Kennst du den Song ›Love Is Sweeping the Country‹?« »Ich nehme ihn unter meine Lieblingsstücke auf, falls Songs eine Kategorie in deiner Wissenslückenliste sind.«
3
Geoffrey Hyde sagte: »Sicher steckt irgendetwas Seltsames hinter dem Verhältnis der Zwillinge, aber ich kann mir nicht im Entferntesten vorstellen, was.«
Berenice und Andreas waren den knappen Kilometer zum Haus der Hydes zu Fuß gegangen. Bei ihrem letzten Besuch hatten sie die Haustür verschlossen gefunden, ohne Klingel oder Klopfer. Diesmal hatte die Tür einladend offen gestanden, und bei ihrem Eintritt wurden die beiden von ihren Gastgebern freudig empfangen. Jetzt saß man bei Tisch und genoss den Hauptgang: Ofenfisch, hier in der Gegend »Hunting Horn« genannt, weißfleischig und geschmacksintensiv, angerichtet nur mit Salz, Pfeffer und Olivenöl. Dazu tranken sie einen gut gekühlten Bourgogne Aligoté von der Côte Chalonnaise.
