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Karl Bienenstein

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Beschreibung

In "Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben" entfaltet Karl Bienenstein eine ergreifende Chronik des menschlichen Daseins, die sowohl intim als auch universell ist. Durch einen poetischen und zugleich klaren literarischen Stil gelingt es ihm, die Höhen und Tiefen des Lebens eines Einzelnen darzustellen. Bienenstein verwebt autobiografische Elemente mit fiktiven Erzählsträngen, wodurch er eine tiefgründige Reflexion über Identität, Einsamkeit und die oft vergessenen Momente des Alltags bietet, die im Kontext der modernen Welt einen anhaltenden Resonanz finden. Karl Bienenstein, ein Autor, dessen eigene Erlebnisse geprägt sind von Wanderschaften und tiefgründiger Selbstreflexion, bringt in diesem Werk nicht nur seine Beobachtungen, sondern auch seine außergewöhnliche Empathie für das menschliche Schicksal ein. Sein literarischer Pfad ist gesäumt von einer Vielzahl an kulturellen Einflüssen, die ihm halfen, die Komplexität des Lebens zu ergründen und das Wesen der menschlichen Existenz zu reflektieren. Diese persönlichen Erfahrungen formen die Basis für seine beeindruckende Schilderung von Geschicke und Emotionen. Ich empfehle "Der Einzige auf der weiten Welt" allen Lesern, die sich für einfühlsame Literatur interessieren, die sowohl zum Nachdenken anregt als auch das Herz berührt. Bienensteins Werk lädt dazu ein, sich mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen und eine emotionale Verbindung zur universellen menschlichen Erfahrung herzustellen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Karl Bienenstein

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022
EAN 4064066434724

Inhaltsverzeichnis

I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.

I.

Inhaltsverzeichnis

Winterstille im weiten Wald. Der Schnee leuchtet bis in die Gründe hinein. Reinweiß ist er und er liegt so gleichmäßig hoch, daß nirgends ein blauer Schatten seine Oberfläche streift. Auch die Spur meines Schlittens ist verweht und ausgeglichen, und ich fühle mich wieder als der, der ich im Innersten meines Herzens bin: der Einzige auf der weiten Welt. Und wie wohl das tut! Nie hätte ich gedacht, daß nach einem Leben, das an den Menschen Schiffbruch gelitten hat, noch so großer Friede werden kann. Ich sage Friede. Und wenn ich dies Wort ausspreche, langsam, andächtig, dann höre ich eine Glocke anschlagen mit tiefem, feierlichem Tone und ihr Klang geht dahin durch den verschneiten Wald und schwebt empor zu den glitzernden Felszacken über dem leuchtenden Firn und erfüllt die riesige blaßblaue Himmelswölbung hinauf, hinein in unermessene Ewigkeitsfernen. Friede, Friede auf der weiten Welt!

Mein Herz geht mit so sanftem Schlag und meine Augen sind so mild und selig, denn was sie sehen, das gehört zu mir, das ist so selbstlose und dabei doch so selbstherrliche Natur, wie ich es selbst bin. Da draußen stehen die Tannen still, regungslos. Auf ihren Ästen und Zweigen liegt es in dichten, schweren Massen. Doch sie ächzen nicht, sie schütteln sich nicht. Sie tragen, was ihnen auferlegt ward, denn sie wissen, es ist Notwendigkeit, Naturgesetz: tragen zu müssen, und es ist schön, mit Würde und edler Gelassenheit zu tragen. Und dort drüben liegt der See. Willig hat er sich die glasgrüne Eisdecke über die blaue Brust breiten lassen und sein Atem geht so leise, daß sich nirgends auch nur um eine Haaresbreite die Decke hebt. Auch er weiß, daß es so sein muß, und ist stolz genug, das Notwendige aus freien Stücken zu wollen. Und darin liegt alle Weisheit und alle Größe, darin liegt die einzige, wahrhaftige Freiheit: sich eins zu fühlen mit dem, was sein muß. Das schafft das Leid aus der Welt und auch die Freude, die ja nur überwundenes Leid ist, aber eben doch Leid. Wer sich aber dem Unabwendlichen fügt, der wird zum Herrn und seine Demut wird zum weltgebietenden Zepter. Ihm ist der Friede Gottes!

O armes Menschentum! Wie fern bist du diesem Frieden! Ich aber, ich, an dessen Hand Menschenblut klebt, ich bin dieses Friedens teilhaftig. Durch Kampf und Irrtum und durch das, was ihr Menschen Schuld nennt, bin ich gegangen und ich habe geweint wie ihr, ich habe getobt, ich habe gejauchzt und gejubelt, ich habe verzweifelt: ich bin mit einem Wort ein Mensch gewesen wie ihr, ein Mensch mit denselben Süchten und demselben Hochmut, ja, ich war ein größerer Mensch als ihr oder doch die meisten von euch, denn alles Menschliche war in mir tiefer und stärker und darum mußte ich aus eurer Mitte, darum bin ich der geworden, der ich bin: der Einzige auf der weiten Welt.

Die Sonne geht draußen zur Rüste. Meine Schneeeinsamkeit blüht im roten Abendlicht wie ein Rosenhain auf der Märcheninsel Bimini. Die Berggipfel glühen wie Freiheitsfeuer, die Tannen hängen sich purpurne Mäntel um und über die Schneeflächen gleitet es wie ein beglücktes Lächeln, das die Wangen rosig färbt. Und auch über die weißen Blätter vor mir fließt es in rotem Schimmer. Was will es bedeuten? Blut meint ihr, Blut, das ich vergossen? Nein: Morgenrot des Friedens für euch alle, die ihr vielleicht einmal diese Blätter lesen werdet, auf denen ich niederschreiben will, wie ich zu dem geworden, was ich bin.

Ich bin durch einen Schrei zum bewußten Leben erwacht und den hat meine Mutter ausgestoßen, als man ihr den Vater erschossen in die Stube trug. Was vorher gewesen, davon habe ich nur einen ganz unbestimmten, verschwommenen Eindruck, etwa so, wie von einem Bild, das in einer dämmernden Stube hängt: ein leiser Goldglanz, hie und da ein Schimmer einer helleren Farbe, aber sonst weiches, wolkiges Grau. Wie in einem Traum habe ich früher dahingelebt, der aus Tag und Nacht, aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter die Fäden zu einem Teppich spann, in den das Leben seine Bilder hineinwob. Da waren endlose Wälderweiten, da waren Wiese, Bach, die Berge, das kleine Elternhaus, das Schloß, da war unten am Bach die große Mühle und da war das Dorf und die Kirche mit den goldenen Engeln über dem Altar. Immer dasselbe war es von der ahnungsvollen, nebelbrütenden Adventzeit, da der Krampus mit seinen Ketten schepperte, bis zu den Weihnachten, da in die weihrauchduftende Stube, in der unter dem Christbaum die Krippe mit Maria und Joseph und dem heiligen Kinde, mit Öchslein und Eselein stand, die mitternächtigen Mettenglocken hallten, weiterhin bis zu den roten Ostereiern und fort zu den Sonnwendfeuern, die allenthalben von den Bergen in die sternfunkelnde Nacht hineinleuchteten. Und alle Jahre kam der Tag wieder, da der Herr Graf mit seinen Freunden zur Jagd kam und glänzende Herrschaftswagen die Straße hereinrollten, auf der sonst nur knarrende Bauernwagen mit Holz und Kohlen entlang schlichen. Immer dasselbe war es, jahraus, jahrein, und ich war sieben Jahre alt geworden und lebte doch in Traum und Dämmer dahin. Mein Vater war Heger und was er und die Mutter vom Leben beanspruchten, das hatten sie reichlich, und deswegen war Ruhe und Friede im Haus und jenes wohlige Genügen, das dem Leben seinen Runengriffel aus der Hand nimmt und die Zeit um das Maß beträgt, daß es ist, als stünden auf der ganzen Welt die Uhren still.

Und nun auf einmal dieser Schrei, dieser furchtbare Schrei! Da lag mein Vater auf einer aus Fichtenästen gefügten Bahre. Wachsfahl war sein Antlitz; das eine Auge war geschlossen, das andere halb offen; im blonden Bart unter den Lippen klebte Blut, Rock und Weste waren geöffnet und über das weiße Hemd zogen sich von einer Stelle, wo es verbrannt und durchlöchert war, tiefrote blutige Bänder.

Mit weit vorgequollenen Augen starrte ich den Toten an. Da wieder ein Schrei und meine Mutter warf sich über die Bahre, wühlte mit der Hand in dem krausen, üppigen Blondhaar des Vaters, hob seinen Kopf empor und rief mit jedem Wort drängender, angstvoller, in wahnsinnigem Schmerze flehend: „Franzl, mach die Augen auf! – Ich bitt dich, Franzl, mach die Augen auf! Nur einmal mach sie noch auf! Franzl! – hörst nit! – Franzl!“

Und dann war ein Schrei, so wild, so entsetzlich, wie ich in meinem ganzen Leben keinen mehr gehört; ich sah noch, wie meine Mutter mit den Händen nach ihrem Herzen fuhr, als wollte sie sich das Gewand von der Brust reißen, wie die Holzknechte, die den Vater gebracht und mit gesenktem Haupte dagestanden, auf sie zustürzten, dann faßte mich eine so grauenvolle Angst, daß ich aus der Stube lief. Noch jetzt, nach nahezu einem halben Jahrhundert, sehe ich mich selbst den Fahrweg hinabstürmen zur Mühle, unfähig zu weinen, aber bis in die letzte Faser hinein aufgewühlt vom Entsetzen, bei jedem Aufschlag des bloßen Fußes auf dem staubigen Boden des Weges heiser aufstöhnend, nein, nicht stöhnend: krächzend, als schnürte mir jemand die Kehle zu. Und so kam ich in der Mühle an.

Die Müllerin war meiner Mutter beste Freundin, und in der Bohnenlaube ganz im hintersten Winkel des schönen Mühlengartens, wo daneben der Bach vorübertoste, haben die beiden manchen stillen Sonntagnachmittag verplaudert. In die Mühle hatte es mich ganz von selbst getrieben und als ich nun vor der Müllerin stand und sie mein Gesicht sah und meine vergeblichen Bemühungen zu sprechen, da schlug sie die Hände zusammen: „Heinerle, um Gotteswillen, was ist denn geschehen?“

Ich konnte nichts erwidern, ich konnte nicht schreien, nicht weinen, ich schluchzte nur, aber ohne eine Träne dabei zu vergießen. Wie ein Krampf war es. Bei jedem Versuche, etwas von dem zu sagen, was mir wie ein entsetzliches Traumbild vor der Seele stand, verzerrte es mir die Lippen, so daß ich keine Silbe artikulieren konnte. Furchtbares mußte geschehen sein, das erkannte die Müllerin, das mußte sie erkennen, und im nächsten Augenblick stand ich allein in der großen Stube.

Wie mich der so vertraute Raum heute finster und unheimlich ansah! Die altersbraune Holzdecke hatte so etwas Drückendes, Düsteres; die Wände waren so hoch und kahl; die große Schwarzwälderuhr neben der Tür sprach ihr Ticktack so dumpf und drohend vor sich hin, als säße in ihrem Kasten der leibhaftige Tod und zähle mit dumpfer Stimme: „Eins – zwei; eins – zwei!“ Was aber das Furchtbarste war, das war das Schweigen, das grenzenlose Schweigen. Wohl waren der Uhrenschlag da und das Rauschen des Baches und das Klappern der Mühle, aber das alles kam nicht auf gegen das Schweigen. Von oben sank es herab und drückte und drückte, bis mir der kalte Angstschweiß aus allen Poren trat, von den Wänden rückte es gegen mich heran und umschloß mich immer fester und fester, daß mir schier der Atem ausging, durch das Fenster herein glotzte es mich mit unheimlichen toten Augen an und dann bekam es auch eine Stimme. Erst war es nur ein Wispeln und Flüstern, dann ein Raunen wie von unsichtbaren Menschen, dann ward daraus mehr und mehr ein Brausen, ein Rauschen, wie wenn der Sturm den Wald erfaßt, und dann ein Schmettern und schließlich über alles ein gellender Schrei, der Schrei meiner Mutter, aber lang, lang hingezogen in die Unendlichkeit. In mir war jede Faser Entsetzen und da begann ich zu schreien in wahnsinniger Angst.

Und da öffnete sich die Tür und da standest du, du Marie, du Treue, die ich immerdar und doch zu spät geliebt habe, weil von der anderen zu viel Glanz und Schimmer ausging und weil meine Seele ein Kind war, das nach Glanz und Schimmer griff, sehnsüchtig und unwissend. Schon damals als Kind hattest du jene zärtliche Mütterlichkeit, die mich in meinen wildesten Stunden begütigte und in meinen schwersten und verlassensten mit Stärke und neuem Vertrauen erfüllte. Schon damals trugst du jene große, heilige Liebe in dir, der nie eine Frage über die Lippe quillt, die nur geben, beglücken und trösten will. Und stumm, nur mit unendlicher Güte nahmst du meine Hand und ich ließ mich willig führen.

Es gibt Fleckchen auf der weiten Welt, die für das Herz geweiht sind für alle Zeit, weil in ihnen ein reines und darum unendliches Glück schlummert. Ein solches ist für mich die Bohnenlaube im Garten neben der Mühle, in die mich Marie führte.

Da zog sie mich auf die Bank nieder, legte den dünnen kühlen Kinderarm um meinen Hals und während ich noch immer krampfhaft schluckte und schluchzte, streichelte sie meine Wangen, mein Haar, meine fiebernden Hände und redete mir mild und leise zu: „Heinerle, nit weinen, nit. Geh, nit! Hast du schon vergessen, was der Herr Pfarrer in der Schul gesagt hat? Brave Kinder sollen nit weinen, weil das den lieben Herrgott und die Engerl kränkt, weil sie meinen, wir sind mit der Welt nit zufrieden. Nit weinen, Heinerle, nit weinen!“

Und da stieß ich unter Schluchzen und Schlucken hervor: „Meinen Vater haben s’ erschossen.“

Klar stand es mir vor der Seele, was geschehen war, ich war zum Leben erwacht.

Das Marieli fragte nicht, wie es geschehen sei und ob es wirklich wahr sei, sie hat ja immer an mich und mein Wort geglaubt, treuer und stärker als an alles andere in der Welt, und so sagte sie auch diesmal nichts anderes, als die stillen, ernsten Worte: „Dann müssen wir für ihn beten, Heinerle!“

Und ohne meine Antwort abzuwarten, kniete sie nieder, zog mich neben sich, faltete die Hände und fing an, das Vaterunser zu sprechen. Willenlos folgte ich ihrem Beispiele und sprach die Worte des Gebetes, erst das Vaterunser, dann das Ave Maria und wieder das Vaterunser und so fort. Ich wußte eigentlich nicht, daß ich betete, es waren nur Worte, die ich sprach, aber sie lösten die Spannung meiner Seele, es kam wie ein Träumen über mich. In unser monotones Beten rauschte der Bach hinein und die Mühle klapperte, aber so fern, so fern wie die Sonne, die leuchtend über den Blumen des Gartens lag und den Kies des Weges flimmern machte, daß meine Augen, die in einem fort auf ihn hinaussahen, sich mit webenden Schleiern umzogen.

Wie lange wir so gebetet haben, ich weiß es nicht, ich weiß nur, daß auf einmal im Eingang der Bohnenlaube die Müllerin und meine Mutter standen und die Müllerin sagte: „Siehst du, Agnes, die Kinder haben das Rechte gefunden. Opfer’s unserm Herrgott auf, was dich betroffen hat, er wird’s auch wieder recht machen.“

Und dann zog mich die Müllerin empor und sagte, indem sie mich leise an sich drückte: „Und gelt, Heinerle, du wirst jetzt erst recht brav sein und wirst deiner Mutter recht viel Freude machen.“

Ich nickte. Aber meine Mutter hatte das Haupt über die auf dem Tisch gekreuzten Arme gesenkt und begann aufs neue herzbrechend zu schluchzen, daß ihr Körper zitterte und bebte.

Auch in mir wallte es aufs neue heiß auf, aber das Marieli bemerkte es und führte mich aus der Laube hinaus in den Garten. „Komm,“ meinte sie, „wir tun für deinen Vater einen schönen Kranz machen; weißt, er schaut jetzt sicher vom Himmel herab und wenn er uns sieht, hat er eine Freud!“

Längs des Lattenzaunes entlang dem Mühlenbache blühte es in allen Farben. Da standen dunkelsamtene Nachtviolen, blauer Rittersporn, rotflammende Nelken, zartrosige Levkojen, orangegelbe Feuerlilien und Marieli griff mit achtlosen Händen in den bunten Flor und brach davon ab, bis sie das ganze Schürzchen voll hatte. Damit setzten wir uns auf die Hausbank neben der Gartentür und nachdem Marieli ein paar Bindfaden geholt hatte, begann sie das Kränzlein zu winden und ich sah ihr zu, während meine Gedanken fern, fernhin auf die Reise gingen. Wohin, das wußte ich ja selbst nicht. Die ganze Welt war mir ja auf einmal so neu und so fremd und meine Seele ging von Ort zu Ort und tastete wie im Dunkel, ob sie nicht das Pförtchen zur alten, vertrauten Heimat finden könnte, darin Friede und Ruhe wohnt.

Was das Marieli plauderte, ich habe es nur mit halbem Ohr gehört, ich sah nur immerfort hinüber zum Wald, über dessen Wipfel allmählich ein violetter Schimmer ging, denn im Lichte der sinkenden Sonne hatte sich der Himmel zu purpurner Lohe entzündet, die nun auch die Felsgipfel der Berge in Brand steckte, daß sie wie zwei Riesenfackeln in das dämmernde Tal niederleuchteten. Ein leises Lüftchen summte das Tal herein und nun kam auch ein weiches Klingen daher: die Abendglocken vom Dorf. Ihrem Klange folgte ein dünner schneidender Ton: man läutete für meinen Vater das Totenglöcklein.

Kaum hatte das Marieli ihn gehört, da legte sie den nahezu vollendeten Kranz aus den Händen, schlug das Kreuz und sprach mit Andacht das kurze Gebet, wie wir’s in der Schule gelernt hatten: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm. Herr lasse ihn ruhen in Frieden, Amen.“

Die ewige Ruhe! Ich kann dies Wort noch heute nicht hören, ohne von tiefsten Schauern erfaßt zu werden. Damals aber, obwohl ich es selbst schon oft aber völlig gedankenlos gesprochen hatte, ergriff es mich so, daß ich aufs neue zu weinen anhub.

Ich hatte es nicht gesehen, daß mittlerweile Marieles Bruder, der Bartl, herangekommen war. Er war ein Jahr älter als ich und hatte mich immer seine Überlegenheit fühlen lassen, denn er steckte immer bei den Knechten und Mühlburschen, bildete sich auf seinen Verkehr mit den Erwachsenen viel ein und suchte es ihnen nach Möglichkeit gleichzutun.

„O je,“ rief er jetzt, „der Heinerle heult, weil’s seinen Vater erschossen haben! Sei nit so dumm! Ihr kriegt jetzt viel Geld vom Grafen, sei froh, bis jetzt habt’s so nix g’habt.“

So hatte er es jedenfalls von einem Erwachsenen gehört und er sagte es nach. In mir aber kochte augenblicklich ein solcher Zorn auf, daß ich auf ihn zusprang und mit der Faust nach ihm schlug. Er wollte sich auf mich werfen, aber da faßte eine starke Hand jeden von uns am Kragen und hielt uns auseinander.

Es war der alte Sägeknecht, der Rupert, und der sagte jetzt: „Na hörst, Heinerle, daß du so ein Wildling bist, das hätt ich nit verhofft von dir. Dein Vater liegt auf dem Laden und du tust da raufen! Schäm dich, das ist aber schon ganz wild und völlig aus der Weis’.“

Augenblicklich, wie die Wut in mir aufgestiegen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich hatte etwas in mir besudelt gefühlt, nun aber empfand ich tiefste Scham und eine unbewußte Erkenntnis schattete über meine Seele, daß das Natürlichste und Begreiflichste oft die unnatürlichste und unbegreiflichste Bewertung findet.

Vielleicht hat auch der Rupert gefühlt, daß er mir Unrecht getan hatte, denn als er in meinen Augen die neuerlich aufschießenden Tränen sah, sagte er: „Na, sei nur still, bist halt a bißl jähzornig und für das kann niemand dafür.“ Und zum Bartl gewendet fuhr er fort: „Und du gehst jetzt mit mir. Der Heinerle ist heut ein armer Bub und den muß man mit Ruhe lassen.“

Damit zog er den Bartl fort und ließ mich mit dem Marieli wieder allein, das nun wortlos den Arm um meine Schultern legte.

Da kamen die Mutter und die Müllerin aus dem Garten. Die Mutter sah ruhiger und gefaßter aus, aber als sie mich an der Hand faßte und sich von der Freundin verabschiedete, da rollten ihr doch wieder aufs neue die Tränen aus den Augen und leise schluchzend schritten wir nach Hause, wo inzwischen im Flur der Vater, angetan mit seiner schönsten Dienstuniform, aufgebahrt worden war und sich bereits Leute zu der üblichen Totenwacht eingefunden hatten.

Oft und oft bin ich in den zwei Tagen, da der Tote aufgebahrt im Flur lag, zu ihm hingeschlichen und habe ihn still betrachtet. Wie das nur so sein kann, daß ein Mensch, der vorher sich bewegt und gesprochen hatte, nun auf einmal so daliegt und nichts mehr hört und sieht und kein Glied rühren kann, daß er nun tot ist. Etwas Fremdes, Geheimnisvolles war da in unser Haus getreten, etwas Großes, Riesiges, das man nicht sieht und nicht nennen kann und das doch alle kennen und dem sie sich in stummer Ehrfurcht neigten. Ich sah es ja an den Leuten, die da kamen. Munter und schwatzend waren sie sonst ins Haus getreten, nun aber überschritten sie unsere Schwelle ernst, andachtsvoll wie die der Kirche, wo der liebe Gott in dem goldenen Tabernakel wohnt. Vielleicht war Gott auch in unserem Hause, nicht so wie sonst, sondern so wie in der Kirche in all seiner Majestät, daß sich ihm willenlos die Knie beugten.

In jenen Augenblicken an der Bahre meines Vaters hat mir zum ersten Male die Ewigkeit ihre Pforten geöffnet und mich hineinschauen lassen in ihre dunklen Räume, aus denen es so kühl haucht, daß die schlichten Blumen des Daseins die Köpfchen sinken lassen, wie von Reif verbrannt.

Am dritten Tage war das Leichenbegängnis. Von allen Besitzungen des Grafen waren Beamte, hauptsächlich Forstleute gekommen, um dem von unbekannter Hand und aus unbekanntem Grunde meuchlings hingemordeten Manne die letzte Ehre zu erweisen. Kurz bevor der Geistliche erschien, kam vom Schlosse herab, das ihm zum Wohnsitz angewiesen war, der Oberforstverwalter und neben ihm schritten seine Frau und sein Töchterlein, die Heriberta, die etwa in meinem Alter war.

Meine Mutter, obwohl ganz in Tränen aufgelöst, begrüßte die feine Dame, die selten das Schloß und den Park verließ, mit Ehrfurcht; diese aber schritt auf sie zu, faßte ihre beiden Hände und wenn ich auch nicht verstand, was sie sagte, so viel weiß ich, daß sich meine Mutter plötzlich niederbeugte und die Hände der vornehmen Frau küßte, die aber sanft abwehrte.

Dann beugte sich die gute Frau zu mir herab und sagte: „Du bist der Heinerle, gelt?“

„Tu schön handküssen, Heinerle,“ sagte meine Mutter mit dem Schluchzen kämpfend.

„Nein, nein, laß nur, Heinerle. Ich hab dich auch so lieb und weiß, daß du ein braver Bub bist. Wenn du willst, darfst du jetzt öfter zu uns kommen und mit der Heri da spielen. Komm, Heri, gib dem Heinerle die Hand!“

„Mama, darf ich ihm nicht lieber einen Kuß geben?“

Und da stand das kleine Fräulein vor mir. Aus dem zartgeschnittenen Gesichtchen leuchteten die tiefdunklen Augen, auf das weiße Gewand flossen die schwarzen Haare, die damals schon von selten reicher Fülle waren und auf einmal lagen zwei Arme um meinen Nacken und ein roter Mund drückte sich auf meine zuckenden Lippen, daß ich ganz verwirrt wurde.

„Aber Heri!“ mahnte die Frau des Oberforstverwalters. „Ach, sie ist ein so stürmisches Kind,“ setzte sie, zu meiner Mutter gewandt, hinzu, „aber gut ist sie und Heinerle wird sich mit ihr sicher gut vertragen. Lassen sie ihn nur so oft kommen als er will, er soll es gut bei uns haben!“

Heriberta aber hatte meine Hand erfaßt und wie eine Siegerin stand sie neben mir. „Nun bist du mein!“ leuchtete ihr Blick und ihre schlanken Finger legten sich mit starkem Druck um die meinen. So hat mich Heriberta zu eigen genommen, so bin ich ihr verfallen.

II.

Inhaltsverzeichnis

Das ungewohnte Schreiben hat mich gestern merkwürdig erregt und doch zugleich auch müde gemacht. Man ist nicht umsonst zehn Jahre Kohlenbrenner und Genosse der Einsamkeit. Sie will auch die Gesellschaft der Schatten vergangener Tage nicht, denn die Einsamkeit ist Gegenwart und nichts als Gegenwart. Die da sagen, sie wollen allein sein, um Vergangenem nachhängen oder in die Zukunft hineinbauen zu können, die haben die Einsamkeit nie kennen gelernt. Sie nimmt den ganzen Menschen in ihre Arme, sie löscht alles aus, was nicht von ihr selbst stammt, und wer ihres Friedens teilhaftig werden will, der muß sich ihrer Liebe hingeben und ablegen, was von den Menschen und zu ihnen führt.

Und ich hatte gestern wieder einen Schritt ins Menschenland getan. Darum begann mein Herz zu zittern und ängstlich zu pochen und aus der Hütte, darinnen jetzt Menschenschatten an meinem Tische saßen, trieb es mich hinaus zur Einsamkeit des Hochwaldes.

Mondverklärte Stille. Nicht der leiseste Laut in Nähe und Ferne. In schimmernd weißen Pelzmänteln stehen die uralten Bergtannen und ihre Äste hängen zum Boden herab wie die Hände müder Menschen. Über ihren Wipfeln glänzen die Sterne und es ist wie ein schöner Traum, der ernste Häupter umschwebt. Weißes Licht bis in die dunklen Gründe hinein, weißes Licht auf den vereisten Schroffen der Berge, die so groß und majestätisch in die brunnenklare Nacht hineinragen, daß sie aussehen wie Könige, die mit hocherhobenen lichten Stirnen auf das vor ihnen in den Staub gesunkene, arme Menschentum herabblicken. Hehr ist die Nacht und schön, göttlich schön.

Ich habe den Wald gesehen, wenn der eisige Wintersturm in seinen Kronen wühlte. Da konnten die Raben nicht Ruhe finden und flatterten krächzend um die knarrenden und krachenden Kronen; das Wild klagte in den Dickichten, in die brechende Äste niederschlugen; heiser bellten die Füchse und mit plumpem, rauschendem Flug suchte das Schneehuhn von Ort zu Ort nach einem sicheren Platz. Bis an meine Hütte kamen die Hirsche und Rehe heran und die Wildkatze vergaß so weit ihre Scheu, daß sie auf mein Fenstergesimse sprang und mit grünglimmenden Lichtern in meine Stube äugte. Und der Sturm brauste, eine riesige Weltenorgel, auf der der Ewige, hingerissen in wilde Urweltphantasien, die Tasten schlägt.

Und doch: noch größer, erhabener ist das Schweigen der weißen Winternacht. Im Sturme spricht die Kreatur und klagt ihr Leid, im Schweigen spricht die Ewigkeit und die kennt kein Leid, die kennt nur Frieden, tiefsten Gottesfrieden, vor dem alles Irdische abfällt, wie totes Laub an grau verhangenen Herbsttagen. Und auch mir ward dieser Friede. Lächelnd bin ich gestern zu Bette gegangen, lächelnd bin ich heute aufgestanden und nun, da ich die Blätter, die ich gestern bei Lampenschein geschrieben, wieder lese, weiß ich nicht, wie sie mich erregen konnten. So will ich denn in Ruhe weiterschreiben.

Meine Mutter und ich blieben für die nächste Zeit noch in unserem alten, lieben Heim. Freilich war es so ganz anders als früher, alles fremd und leer und so voller Geheimnisse, die alle vorher nicht dagewesen waren; aber wenn ich abends im Bette lag, war doch alles wie sonst und ich schlief ruhig und befriedigt ein.

Eines Tages aber erschien der Oberforstverwalter und sagte meiner Mutter, daß sie in vierzehn Tagen das Häuschen für den Nachfolger des Vaters zu räumen hätte.

Die Mutter begann zu schluchzen und auch in mir stieg ein unsäglich wehes Gefühl auf. Aber der Oberforstverwalter hatte auch den Trost zur Hand und sagte: „Aber Frau Reinhold, so weinen Sie doch nicht gleich, hören Sie mich doch zu Ende. Es ist ja ganz selbstverständlich, daß Sie der Herr Graf, dem Ihr Mann ein so treuer Diener war, nicht auf die Straße setzt. Er hat im Gegenteil in einer Weise für Sie gesorgt, die seinem bekannten Edelsinn aufs neue ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Da Ihre Pension zu gering wäre, hat er bestimmt, daß Sie zu uns ins Schloß kommen sollen. Sie sollen Beschließerin werden und dazu sollen Ihnen die beiden Zimmer über der Meiers-Wohnung angewiesen sein. Küche brauchen Sie keine, da Sie von uns, aus unserer eigenen Küche alles erhalten werden. Und seien Sie versichert, meine Frau wird sich’s angelegen sein lassen, daß Ihnen nichts fehlt.“

Meine Mutter wußte darauf nicht gleich etwas zu erwidern, denn sie war immer darauf gefaßt gewesen, mit einer ganz, ganz kleinen Pension abgefertigt zu werden und sie hatte auch schon mit der Müllerin eine Verabredung getroffen, daß ihr diese in der kleinen Stube über dem Kellergebäude der Mühle ein Zimmerchen gebe; mit Taglöhnerei wollte sie uns beide fortbringen. Und nun war sie auf einmal aller Sorge enthoben.

„O mein Gott,“ stotterte sie nach einer Weile hervor, „das ist aber ein Glück, ein großes, großes Glück! Das verdanke ich Ihnen, Herr Oberforstverwalter, gewiß Ihnen und Ihrer lieben Frau! Sie war ja schon bei der Leiche so gut zu mir!“

„Ich will’s nicht leugnen,“ entgegnete der Oberforstverwalter, „daß meine Frau den Anstoß gegeben hat; aber mehr noch meine kleine Heri, die Ihren Heinerle da ins Herz geschlossen hat. Der Herr Graf hat mich zu einem Vorschlag betreffs Ihrer Versorgung aufgefordert und da hab ich meiner Frau und dem Kinde gefolgt. Und seit gestern Abend, Frau Reinhold, bin ich glücklich, daß ich den beiden gefolgt habe.“

Der ernste Nachdruck, mit dem er die letzten Worte sprach, ließ meine Mutter gespannt aufhorchen.

„Ja, ja, Frau Reinhold, ich bin glücklich. Denn wissen Sie, für wen Ihr Mann gestorben ist? Für mich! Die Kugel, die mir bestimmt war, hat ihn getroffen.“

Meine Mutter sank mit gerungenen Händen auf den Stuhl und starrte den Oberforstverwalter an.

Und dieser erzählte weiter: „Sie werden sich vielleicht noch an den Philipp Holzinger, den Holzknecht, erinnern. Seine eigenen Kameraden haben ihn den ‚versoffenen Lippl‘ genannt. Vor fünf Jahren mußte ich ihn aus unserem Dienste entlassen. Er ist immer tiefer und tiefer gesunken, war während der fünf Jahre wiederholt eingesperrt und ist erst vor etwa anderthalb Monaten eben wieder aus dem Zuchthaus gekommen.“

Meine Mutter nickte vor sich hin, denn das wußte sie schon vom Vater.

„Vor etwa vierzehn Tagen,“ fuhr der Oberforstverwalter fort, „war er bei mir und bat mich um Wiederanstellung. Der Kerl stank aber so nach Schnaps, daß ich ihn abwies. Auch seine Versuche, anderswo Arbeit zu finden, schlugen fehl, denn niemand will so einen Süffling. Seine Wut kannte keine Grenzen und so hat er auch den Holzknechten, bei denen er sich oft einfand, um zu schmarotzen, gesagt, ich hätte ihn zugrunde gerichtet und dafür solle ich meinen Denkzettel abbekommen. Ihr armer Mann hat daran glauben müssen. Die Holzknechte lenkten sofort den Verdacht auf den Lippl. Seit gestern früh ist er in sicherem Gewahrsam und er hat seinen Mord auch gleich eingestanden. Das furchtbare Bewußtsein, einen Unschuldigen ums Leben gebracht zu haben, hat sogar diesen verkommenen Kerl mürbe gemacht.“

Meine Mutter weinte still vor sich hin und schüttelte dabei immer wieder traurig den Kopf. Diese Wege des Schicksals konnte sie nicht begreifen. Von dieser Stunde – sie hat mir’s oft gesagt – ist in ihr etwas Heiliges zerbrochen: das unbedingte Vertrauen auf eine weise Vorsehung und eine allwaltende Gerechtigkeit.

Heute verstehe ich es, was die Mutter meinte, als sie, kaum der Oberforstverwalter draußen war, auf mich zustürzte, mich umschlang und mir entsetzt zuraunte: „Heinerle, er hat keine Schuld gehabt! Nit die geringste Schuld! O Gott!“

Man hatte ihr Trost und Glauben genommen.

Von dem Abschied von unserem Heim will ich nicht reden; es hieße nur Tränen schreiben. Aber die Frau des Oberforstverwalters und Heri waren so lieb und gut zu uns, daß wir uns auch droben in dem Schlosse bald wohl fühlten.

Ich ging in die Dorfschule, zu Heri aber kam der Lehrer ins Haus; doch wußte sie es bald durchzusetzen, daß ich zu ihren Lehrstunden beigezogen wurde und da lernte ich manches, was ich in der einklassigen Dorfschule, in der die Kinder vom sechsten bis zum dreizehnten Lebensjahre nebeneinander saßen, nie gehört hätte.

Nur eines war, was mich mit heimlichem Kummer erfüllte: ich kam jetzt nur äußerst selten zum Marieli in die Mühle. Meine Mutter war wohl wie früher jeden Sonntagnachmittag bei der Müllerin und auch abends fand sie oft Zeit, auf ein Stündchen zu der alten, treuen Freundin zu gehen, mich aber ließ Heri nicht los und mein ganzes Zusammensein mit dem Marieli beschränkte sich auf die paar Minuten, die wir auf dem Schulwege zusammenkamen. Doch waren da immer auch noch ein paar andere Kinder dabei und wir mußten das, was wir uns gerne gesagt hätten, in die Brust zurückdämmen. Nur die Hand reichten wir uns und so schritten wir dahin in stiller Seligkeit.

Wenn ich bei Heri war, kam ich aus der Unruhe nie heraus. Sie war so lebhaft, wußte immer Neues, fand an keinem Spiele lange Gefallen, ihre Sprache war so ganz anders als die meine, geschmeidiger, gewandter; ich kam mir neben ihr immer so ungeschickt, so plump vor und doch mußte ich ihr folgen. Sie brauchte mich nur mit ihren dunklen Augen anzustrahlen, ihre feine, immer etwas zuckende Hand in die meine zu legen und ich war wie in einem Bann.

Aus Marielis Wesen aber strömte eine unendlich süße Ruhe auf mich aus; wenn ich ihre Hand in der meinen hielt, dann fühlte ich mich geborgen und sicher. Die ganze Welt hätte um mich stürzen können und ich hätte nur gelächelt. Was konnte mir geschehen, solange diese milden blauen Augen neben mir schimmerten, solange ich den leisen Druck dieser zarten treuen Hand fühlte!

Und einstmals kam es dem Marieli doch über die Lippen, was ich schon so lange aus dem stillen, traurigen Blick ihrer Augen gelesen hatte: „Heinerle, warum kommst denn jetzt garnit mehr zu mir?“

„Ja weißt du, sie laßt mich halt garnit aus und wenn ich von der Schul heimkomme, da wartet sie schon auf mich und da muß ich mit ihr spielen und lernen und die Mutter sagt auch immer, ich muß der Heri folgen, weil wir halt arm sind und ihr Vater hat uns so viel Gutes getan. Aber“ – jäh erfaßte mich die Erbitterung, so geknebelt worden zu sein – „das sag ich dir, Marieli, jetzt tu ich’s nimmer. Ich mag sie eh garnit, die Heri, weil sie mich so oft auslacht und weil man garnit ordentlich spielen kann mit ihr. Alleweil will sie was anderes, als ich. Ich hab dich viel lieber, Marieli!“

Bei diesen letzten Worten hob das Marieli seine blauen Augen zu mir auf und ein Jubel lag darin, der mich ganz stolz machte. Hochauf flammte mein knabenhafter Mut und ich rief: „Jawohl, Marieli, dich hab ich viel lieber und jetzt folg ich der Heri nimmer. Wenn ich will, komm ich jetzt alleweil zu dir, sie soll allein spielen.“

Es war auf dem Heimweg von der Schule, wo wir so sprachen. Ein Spätsommertag war es. Der Himmel war tiefblau und wundersam klar hoben sich die Berge zu ihm auf. Jede Runse, jede Felszacke war aufs deutlichste zu sehen. An der Seite des Weges am Waldessaum hingen in dem dunklen Laube der Sträucher die feuerroten Fruchttrauben der Berberitzen und das Marieli und ich setzten uns unter einen dieser Sträucher, brachen uns eine Traube, eines steckte dem anderen eine der herbsauren Beeren nach der anderen in den Mund und wir suchten uns unter fröhlichem Lachen darin zu überbieten, die dem Geschmack der Beeren entsprechenden Gesichter zu schneiden.

Da kam rasches Pferdegetrappel die Straße vom Dorfe daher und im nächsten Augenblicke bog um die Waldecke der Wagen des Oberforstverwalters. Auf dem Bocke neben dem Kutscher saß Heri, die Zügel in den Händen.

Mein erster Gedanke war, mich hinter einem Strauche zu verstecken; aber sie hatte mich schon gesehen und ehe ich noch fliehen konnte, hielt auch schon der Wagen, in dessen Fond die Frau Oberforstverwalter saß.

„Mama, da ist der Heinerle! Nicht wahr wir nehmen ihn gleich mit?“

„Gewiß mein Kind! Wenn er will, so kann er mit uns fahren! Aber wer weiß, will er?“

Heri sah ihre Mutter verwundert an, dann schüttelte sie den Kopf und rief mir zu: „Heinerle, gelt, du fährst mit uns?“ Und dabei sah sie mich so herrisch, so siegesgewiß an, daß in mir plötzlich aller Trotz aufschwoll und mit gesenktem Haupt – sie anzublicken wagte ich nicht, denn ich fürchtete die Macht ihrer dunklen Augen – sagte ich: „Ich geh mit dem Marieli!“

Und nun ich das entscheidende Wort gesprochen, fühlte ich auch die Kraft, ihr in die Augen zu sehen. In diesen flackerte eine wilde Flamme und ich fühlte, das war Schrecken und Zorn zugleich.

„Mama, er will nicht!“ Stahlscharf klang die Stimme Heris und in dem Ton der Worte lag die Aufforderung an die Mutter, sie solle ein Machtwort sprechen.

Doch die immer sanfte Frau entgegnete: „Aber Kind, so laß den Heinerle doch! Schau, er und das Marieli gehen alle Tage mitsammen zur Schule und es ist schön von ihm, daß er seine Freundin jetzt nicht im Stiche lassen will.“

„Und er muß mitfahren!“ rief Heri und da war sie auch schon vom Bocke heruntergesprungen und nun stand sie vor mir und blitzte mich mit ihren schwarzen Feueraugen an. Als ich aber standhielt, kam ein großes wehes Erstaunen in ihren Blick, ein feuchter Schimmer schattete wie ein Schleier darüber und gab ihm eine Weichheit und Süße, davor sich mein Knabenherz erschauernd zusammenzog wie vor einem Glück, das es nicht fassen und halten kann. Und willenlos mit gesenktem Haupt ließ ich mich zum Wagen führen.

Mein Schicksal hatte gesprochen. Zum ersten Male hatte die Macht der dunklen Augen über mich gesiegt und dieser Sieg war ein entscheidender. Von nun an wußte ich, nein das Wort „wissen“ ist da viel zu grob – ich fühlte es, daß es etwas auf der Welt gebe, was imstande sei, meinen Willen, meine besten Vorsätze über den Haufen zu werfen. Ein unangenehmes Gefühl, und doch wieder so viel jubelndes Glück drinnen, daß ich es nicht missen hätte wollen, nicht um den höchsten Preis.

Und auch Heri mußte dunkel erkannt haben, wie schwer sie in mein Geschick eingegriffen hatte, denn als wir zu Hause waren und dann allein durch den Garten schritten, da schlang sie plötzlich ihre Arme um meinen Hals und zum ersten Male nannte sie mich nicht bei meinem gewöhnlichen Namen, sondern sagte leise und mit einem innigen Flehen in der Stimme: „Heini!“

Und als ich stumm, unfähig ein Wort zu sprechen, den Kopf senkte, da umschlang sie mich nur noch fester, plötzlich brannten zwei Lippen auf den meinen und heiß und drängend klang es in mein verwirrtes Herz: „Heini, du mußt immer bei mir bleiben!“

Ich wußte nichts zu sagen, ich nickte nur. Vor meinen Augen blühte etwas empor, eine große, leuchtende Blume, aus deren Kelch es in den abendlich dämmernden Park floß wie Mondlicht, alles verklärend und wundersam verschönend.

Als ich aber dann im Bette lag, da konnte ich nicht Ruhe finden. Erst ferne, ganz, ganz ferne tauchte Marielis sanftes Gesichtchen mit den milden blauen Augen auf, dann kam es immer näher und näher und die Augen sahen mich so vorwurfsvoll und traurig an, daß es mir in schneidendem Schmerz durch die Seele ging, und da brach ich plötzlich in krampfhaftes Schluchzen aus.

„Was hast du denn, Heinerle?“ rief meine Mutter und kam besorgt an mein Bett.