Der eisige Schatten - Thomas Finn - E-Book

Der eisige Schatten E-Book

Thomas Finn

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Beschreibung

Im dritten Band der Chroniken der Nebelkriege muss Kai sich ganz auf seine Ausbildung zum Feuermagier verlassen: Die böse Magierin Morgoya hat ein Wesen entdeckt, das die Welt mit Eis überziehen kann, und nur Kai kann dem unnatürlichen Wettertreiben Einhalt gebieten. Als Kai und seine Freunde, die Elfe Fi, der Däumling Eulertin und die Gargyle Dystariel, ein komplett eingefrorenes Geisterschiff entdecken, kommen sie einem ungeheuerlichen Geheimnis auf die Spur. Kai und Eulertin werden daher zu einem Magierkonzil im Feenreich geladen, doch auch dort erwarten sie Verrat und Schrecken. Sie müssen erkennen, dass der Feind schon viel tiefer in die eigenen Reihen vorgedrungen ist, als gedacht.

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Seitenzahl: 534

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Autor: Thomas Finn

Korrektorat: Aimée M. Ziegler-Kraska

Art Director: Oliver Graute

Karte: Matthias Rothenaicher

 

Copyright © 2013 by Thomas Finn

Copyright dieser Ausgabe © 2019 by Feder & Schwert GmbH, Köln

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-326-1

 

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-86762-325-4

 

Der eisige Schatten ist ein Produkt von Feder & Schwert unter Lizenz von Thomas Finn 2018. Alle Copyrights liegen bei Thomas Finn. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

 

www.feder-und-schwert.com

Inhaltsverzeichnis
Widmung
Geheimnisvolle Botschaft
Verweht!
Frostgeister
Wettermagier
Die Zaubernuss
Sperberlingen
Drachenbein
Albions Schatten
Hexennacht
Bewährungsprobe
Himmelsfeuer
Hallen aus Stein
Traum & Blut
Verräterische Spuren
Das Feentor
Berchtis’ Schloss
Das Erbe des Hexenmeisters
Der Weg der Bäume
Der Nachtschattenturm
Spiel mit der Angst
Dunkles Omen
Schatten über Fryburg
Greifenfänge
Der Schattenkelch
Der Hort des Drachenkönigs
Die Schattenklüfte
Nebeldämmerung
Karte

Widmung

Für Lars K.

 

»Aus Eins mach Zehn,

Und Zwei lass gehen,

Und Drei mach gleich,

So bist du reich.

Verlier die Vier!

Aus Fünf und Sechs,

So sagt die Hex’,

Mach Sieben und Acht,

So ist’s vollbracht:

Und Neun ist Eins,

Und Zehn ist keins.

Das ist das Hexen-Einmaleins«

 

Faust

 

 

Geheimnisvolle Botschaft

Das Klirren von Glas erfüllte die Küche, als Kai den schweren Weidenkorb auf den Arbeitstisch wuchtete. Der Zauberlehrling wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete zufrieden all die Mörser, Tiegel, Kolben und Flaschen, die sich vor ihm auftürmten. Jedes der alchemistischen Geräte starrte vor Schmutz. Mit dieser letzten Ladung hatte Kai fast die gesamte Laborausstattung Magister Eulertins in die Küche geschafft, die bereits mit verstopften Glasröhren und dickbäuchigen Destillierkolben voll gestellt war. Es würde Stunden dauern, das alles sauber zu bekommen.

»So, Quiiiitsss, ich denke, damit soll es erst einmal gut sein.« Kai rümpfte angesichts des durchdringenden Geruchs nach ranzigen Zauberölen die Nase. »Ich schlage vor, du kochst einen großen Kessel Wasser auf und rührst einen ordentlichen Löffel Koboldsvitriol darunter. Das löst selbst den hartnäckigsten Schmutz. Oh, fast hätte ich es vergessen: In Magister Eulertins Studierstube habe ich noch eine alte Flaschenbürste gefunden. Vielleicht kannst du damit etwas anfangen?« Kai zückte grinsend einen alten Draht, an dessen Ende wirr die Reste schwefelgelber Schweineborsten abstanden.

»Ihr seid wie immer zu gütig, mein junger Herr«, raunte es säuerlich von der Decke. Quiiiitsss schwebte hinab und starrte missmutig die Flaschenbürste an. Mit seinen überlangen Nebelarmen, dem aufgedunsenen Schädel und den weit aufgerissenen schwarzen Augen sah Magister Eulertins gespenstischer Hausdiener grauenvoll aus – wie immer.

»Allerdings sei mir die kleine Anmerkung gestattet …«, maulte der Poltergeist, »mich nicht dran zu erinnern, dass es jemals einer der Hauseigentümer in den letzten zweihundertsiebenundsiebzig Jahren für nötig befunden hätte, in diesem stattlichen Heim einen Frühjahrsputz abzuhalten. Wir haben ja noch nicht einmal Frühling!«

Tatsächlich war es draußen viel zu kalt für die Jahreszeit. Der Winter hielt Hammaburg noch immer im eisigen Griff. Schnee lag schwer auf Hausgiebeln und Dachfirsten, und wen es auf der Suche nach Elixieren und Wundermitteln zu den Zauberern in die Windmachergasse verschlug, der musste sich durch tiefe Schneemassen kämpfen.

»Herrje, Quiiiitsss. Warum musst du eigentlich immer alles so negativ sehen?«

»Das könnte daran liegen, dass ich bereits tot bin, mein junger Herr.«

Kai rollte mit den Augen und warf einen unauffälligen Blick auf das eisverkrustete Küchenfenster, durch das sich blass und trübe das Licht der Morgensonne quälte. In Gedanken überschlug er bereits die Zeit, die der Poltergeist für die Reinigung der Gläser benötigen würde. Vier Stunden mindestens. Vielleicht sogar fünf. Für das, was Kai vorhatte, sollte die Zeit allemal reichen.

»Du wirst schon sehen. Magister Eulertin wird begeistert sein, wenn er erfährt, was wir heute geleistet haben.«

» Wir?«, fragte Quiiiitsss gedehnt.

»Na gut, also du.« Kai räusperte sich. »Ehrlich, ich würde dir wirklich gern helfen, aber leider …«

»Leider was?«

»Leider muss ich jetzt wieder nach oben auf mein Zimmer. Dort wartet Band zwei des Vademecums transnormaler Abnormitäten auf mich. Du weißt ja, wie Magister Eulertin ist. Wenn er zurückkommt, wird er mich ganz sicher abfragen. Du weißt, was du zu tun hast?«

»Jaaa«, rasselte der Poltergeist mürrisch. »Einmal alles spülen und reinigen. Bin ja immerhin schon etwas länger verblichen, als Ihr überhaupt am Leben seid.«

»Auch wieder richtig.« Kai stemmte die Arme in die Hüften. »Also, wenn ich wieder runterkomme, will ich, dass alles blitzt!«

Bevor Quiiiitsss widersprechen konnte, hatte Kai die Küchentür hinter sich zugemacht.

Das hatte besser geklappt, als er gedacht hatte. Am liebsten wäre er sofort die wenigen Schritte hinüber in Magister Eulertins Studierstube gestürmt, um sich dort ans Werk zu machen, doch damit hätte er bloß die Aufmerksamkeit des Poltergeists auf sich gezogen.

Laut stampfte Kai die Treppe zum Obergeschoss hinauf und eilte in seine Kammer. Dort sah es aus wie immer. Auf dem Hocker neben seinem Bett stapelten sich fünf ungelesene Zauberschwarten. Überall lagen nachlässig abgelegte Kleidungsstücke verstreut, aus dem offenen Kleiderschrank ragte sein alter Rucksack und in einer Ecke stand eine seiner alten Irrlichtslaternen. Sie war leer.

Kai nahm sich vor, aufzuräumen, bevor Magister Eulertin wieder nach Hammaburg zurückkam. Der Däumlingszauberer war vor zehn Tagen mit Dystariel in die Gelehrtenstadt Halla im Süden der freien Königreiche aufgebrochen, um dort andere Magier in einer wichtigen Angelegenheit zu konsultieren. Anlass für seine Reise war der Panzerarm aus Mondeisen, den sie im letzten Jahr dem untoten Piratenkapitän Mort Eisenhand abgenommen hatten.

Kai wandte sich soeben seinem Kleiderschrank zu, als ihn eine quäkende Stimme innehalten ließ.

»Na, drückst du dich wieder vor der Arbeit, Junge? Oder hast du es dir überlegt und probierst jetzt endlich die herrliche Samtweste des seligen Magister Gismo? Denk doch nur, wie hervorragend dieses dunkle Abendrot mit deinem schwarzen Haar harmoniert.«

Seufzend drehte sich Kai zu dem vorlauten Zauberspiegel neben der Zimmertür um. Inmitten der Blattornamente am oberen Ende des Rahmens hatten sich zwei Augen geöffnet, die ihn eindringlich musterten.

»Lass mich in Ruhe, ich habe heute keine Zeit für solchen Unsinn.«

Doch Kai konnte nicht anders, als seinem Spiegelbild einen kurzen Blick zuzuwerfen. Ihm war, als sei er in den letzten Monaten in die Höhe geschossen. In einer lange geübten Bewegung schüttelte er sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn.

»Gratulation, Junge. Inzwischen hast du den rechten Schwung raus«, schepperte der Spiegel unbeeindruckt. »Das sieht sehr verwegen aus. Wirklich.«

Kai fühlte sich ertappt und wurde rot.

»Na na, kein Grund verlegen zu werden. Du wächst dich langsam zu einem ganz ansehnlichen Burschen aus. Das ist mehr, als andere von sich behaupten können.«

»Ach, Unsinn.«

»Aber nicht doch«, ereiferte sich der Spiegel. »Haare wie Ebenholz, ein Profil, so kühn, dass dir jeder Bildhauer zu Füßen liegen würde, und dann diese Augen. Strahlend blau wie ein Bergsee bei Sonnenaufgang. Du wirst schon noch sehen, Junge, wenn du nur etwas mehr auf mich hörst, werden sich die jungen Damen bald scharenweise nach dir umdrehen.«

»Wirklich?« Kai fühlte sich geschmeichelt.

»Allerdings …«, hob sein verzaubertes Gegenüber an und schwieg dann bedeutungsschwanger.

»Allerdings was?«

»Na ja, wären da nur nicht diese beiden grässlichen Pusteln am Kinn, die dein Antlitz aufs Unmöglichste entstellen. Zwei dampfende Misthaufen inmitten eines gepflegten Parks sind nichts dagegen. Nichts!«

Dann hatte der Spiegel die beiden verdammten Dinger also doch bemerkt? Kais Euphorie verflog. Leider hatte er bislang noch kein Rezept gegen sie gefunden, obwohl er Magister Eulertins gesamte Bibliothek magischer Werke durchforstet hatte.

»Weißt du was«, platzte es verärgert aus Kai heraus, »halte einfach deinen Mund! Und jetzt: ›Augen zu‹!«

Der Spiegel gehorchte dem Befehl und verstummte. Kai konnte es nicht fassen, dass er dem Spiegel immer wieder auf den Leim ging. Leider hatte er in einem Punkt Recht: Diese Pusteln entstellten eindeutig sein Gesicht. Unmöglich würde er Fi so gegenübertreten können.

Fi war das wunderbarste Wesen, das er jemals kennengelernt hatte. Und nur Kai wusste, dass die Elfe aus Albion ein Mädchen war. Sie hatten viel miteinander durchgemacht und waren gute Freunde geworden.

Wenn man es recht betrachtete, sogar sehr gute Freunde.

Noch vor wenigen Monaten war Kai ein einfacher Irrlichtjäger gewesen. Dann hatte er den berühmten Däumlingsmagier Magister Thadäus Eulertin kennengelernt, und dieser hatte ihn als seinen Lehrling aufgenommen. Eulertin hatte herausgefunden, dass Kai der letzte lebende Feuermagier war, die sogenannte ›Letzte Flamme‹. Die böse Nebelkönigin Morgoya hatte aufgrund einer Prophezeiung alle anderen Feuermagier auf der Welt zur Strecke gebracht. Deshalb würde Kai vermutlich auch immer nur ein Zauberlehrling bleiben, denn er konnte nur von einem richtigen Feuermagier die letzte Weihe zum Zauberer empfangen.

Und noch etwas bereitete ihm schlaflose Nächte – die letzte Passage eben jener Prophezeiung, in der es hieß:

 

Die Flamme wird brennen, die Flamme wird flackern,

im Ringen mit der Dunkelheit.

Doch am Ende wird sie unterliegen.

 

Kai wagte es nicht, sich die Bedeutung dieser Worte auszumalen, denn sie konnten wohl nur eines bedeuten: Er, die Letzte Flamme, würde den Kampf gegen Morgoya verlieren.

Kai verscheuchte all die Gespenster in seinem Kopf.

Zauberlehrling hin oder her, heute würde Fi Augen machen. So viel war sicher. Wenn er all sein bisheriges Können einsetzte, dann konnte er heute etwas schaffen, was ihm nicht einmal Magister Eulertin zutraute.

Kai öffnete endlich seinen Kleiderschrank und griff nach dem Beutel mit den Zauberingredienzien, der unter einem Haufen Wäsche versteckt lag. Anschließend schlich er sich aus dem Zimmer und überprüfte die Härchen auf seinen Armen. Wenn sie sich aufstellten, war dies ein untrügliches Anzeichen dafür, dass Quiiiitsss in der Nähe war. Doch nichts. Kein Quiiiitsss weit und breit.

Ein grimmiges Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. Er ging ein paar Schritte und stand vor einer mit Zauberrunen verzierten Tür, die in die Wandelnde Kammer führte. Kai lauschte. Wie immer war hinter der Tür ein leises Trippeln und Trappeln zu vernehmen. Doch kaum, dass Kai sie öffnete, verstummten die Geräusche und ihm schlug der vertraute Geruch von Wachs und altem Leder entgegen. Alte, neue, große, kleine, schwarze, braune und bunte Stiefel, Sandalen, Wanderschuhe und Gamaschen – es gab kaum eine Art von Fußbekleidung, die in dem Zimmer nicht vertreten war. Allesamt ruhten sie auf Sockeln, die die Wände ringsum säumten.

Kai zog die Tür leise hinter sich zu und ging vorsichtig zu einem Paar ausgetretener Stiefel nahe dem einzigen Fenster und berührte sie. Sogleich schlugen die Fensterläden zu und Dunkelheit erfüllte das Zimmer. Ein feiner Windzug strich Kai über das Gesicht und er hörte um sich herum ein geisterhaftes Getrappel. In den Wänden quietschte und ächzte es und die Sockel mit den Schuhen wackelten und zitterten. Schlagartig wurde es still. Wie von Geisterhand öffneten sich die Fensterläden wieder und graues Licht sickerte bis zur Zimmertür. Auf wundersame Weise führte sie jetzt nach oben auf den Speicher.

Kai betrat den Dachboden und die Tür hinter ihm verschwand einfach in der Wand.

Die Luft war trocken und staubig und ein unheimliches rotes Licht glühte im Dunkeln auf. Es ging von den Augen einer alten Wolfsmaske aus, die unweit von ihm entfernt von einer der Dachschrägen hing. Kai drückte sich an allerlei seltsamem Gerümpel vorbei, das die Vorbesitzer des Hauses hinterlassen hatten und von dem man besser die Finger ließ, denn das Haus war auch vor Magister Eulertin ausschließlich von Magiern bewohnt gewesen.

Er schlich zu einer Wendeltreppe am anderen Ende des Dachbodens, tastete sich vorsichtig die Stufen hinunter ins Erdgeschoss und öffnete mit einem Schlüssel die Tür am unteren Ende der Treppe. Vor ihm lag Eulertins Studierstube, die mit all den Regalen, Büchern und Pergamenten ganz so wirkte, als habe der Zauberer sie gerade erst verlassen.

Kai schlüpfte lautlos hinein und überprüfte noch einmal die Härchen auf seinem Arm.

Kein Quiiiitsss. Gut so!

Er trat an Eulertins Labortisch heran, über dem eine ausgestopfte Fledermaus in einem aufgemalten Hexagramm von der Decke baumelte. Rasch räumte er seinen Beutel aus: eine erbsengroße Menge Bernsteinstaub, die zerstoßene, getrocknete Haut eines Feuersalamanders, ein Stück Zauberkreide, die pulverisierten Körper dreier Funkenschmetterlinge, einen Schwefelkristall, das Harz einer siebenhundertjährigen Eiche sowie ein Fläschchen mit purpurfarbenem Koboldsvitriol.

Das wichtigste Objekt war eine schmale Phiole aus magischem Feenkristall. Kai fasste das eigentümliche Behältnis am spitz zulaufenden Ende, hielt es gegen das Fenster und drehte es vorsichtig hin und her. Dabei brach sich das Licht im Kristall und warf bunte Lichtpunkte an die Wände des düsteren Raumes. Sogar das Skelett einer Seeschlange, das von der Decke hing, wirkte im Schein des Kristalls weniger Furcht einflößend.

Kai atmete noch einmal tief durch und griff nach dem Zauberfolianten, den er bereits am Vorabend wie zufällig auf dem gusseisernen Buchständer abgelegt hatte. Auf dem ledernen Einband prangte die verheißungsvolle Inschrift Von der Kunst ein Windelementar in ein Zaubergefäß zu bannen.

Er würde die darin stehenden Angaben einfach etwas abändern und heute ein Feuerelementar in die Phiole bannen. Wie oft schon hatte sich Fi über die schneidende Kälte auf dem Schiff des Klabauterkapitäns Koggs Windjammer beklagt, für den Fi arbeitete. Mit der magisch veränderten Phiole hätte sie einen Taschenofen, der so handlich war, dass Fi ihn immer bei sich tragen konnte.

Kai stellte den Feenkristall auf einen schmalen Dreifuß und zeichnete mit der Zauberkreide einen achteckigen Stern darum. Anschließend versah er die Spitzen des Sterns kunstvoll mit den im Buch abgebildeten Symbolen für Sonne und Mond und den sechs Planeten. Es waren Bannzeichen. Im Buch hieß es, dass sie notwendig waren, um die Phiole mit elementarer Kraft aufzuladen und das beschworene Elementar daran zu hindern, sich dem Willen seines Beschwörers zu widersetzen. Er tröpfelte etwas Koboldsvitriol in die Ecken des Sterns und beschrieb mit dem Schwefelkristall einige verschlungene Gesten über dem achteckigen Stern. In der Anleitung war eigentlich von einem himmelblauen Mondstein die Rede, aber hier ging es schließlich um ein Feuerelementar.

Kai wollte den Schwefelkristall gerade zur Seite legen, als dieser dunkelrot aufglühte und sich ein stechender Geruch im Zimmer ausbreitete. Ein Zischen ertönte und violetter Rauch kräuselte empor.

Im Buch stand zwar etwas von grünem Rauch, aber er hatte schließlich die Rezeptur verändert. Hauptsache, das Ergebnis stimmte. Eigentlich sollte sich nun der Dampf in der Phiole absetzen und das Gefäß empfänglich für die Aufnahme des gewünschten Elementars machen. Doch der Rauch stieg kerzengerade empor. Kai befürchtete schon, doch etwas falsch gemacht zu haben, als sich die schmale Rauchsäule endlich in die Phiole ringelte. Nach und nach verblasste der violette Nebel und das Feenkristall wurde wieder durchscheinend.

Keine Frage, er war genial!

In Windeseile griff er beherzt nach der getrockneten Feuersalamanderhaut, die er als Ersatz für die im Buch beschriebenen Adlerfedern vorgesehen hatte – als sich seine Nackenhärchen aufstellten: Quiiiitsss!

»Darf ich fragen, was der junge Herr da in Abwesenheit des hoch geschätzten Magisters treibt?«, sagte eine näselnde Stimme hinter ihm.

Kai wirbelte herum und starrte den Eindringling betroffen an. Geschlossene Zimmertüren nützten bei Quiiiitsss nichts.

Quiiiitsss schenkte Kai ein süffisantes Spinnweblächeln und schwebte neugierig näher. Hastig stellte sich Kai vor den Labortisch, um Quiiiitsss die Sicht zu versperren.

»Was suchst du hier?«, herrschte Kai ihn wütend an. »Bist du mit dem Abwasch etwa schon fertig?«

Er hatte wirklich geglaubt, Quiiiitsss außer Gefecht gesetzt zu haben. Er hätte es besser wissen müssen.

»Wenn Ihr mich so fragt, junger Herr«, wand sich der Poltergeist und streckte seinen Geisterleib neugierig in die Länge, »nicht direkt. Ich bin durch den merkwürdigen Geruch hier aus meiner Tätigkeit geschreckt worden. Eine Aufgabe, die ich getreu Eurer Weisung und wie immer mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit erfüllen werde, wie ich hinzufügen möchte.« Bei dem Versuch, einen Blick auf den Labortisch zu erhaschen, schlängelte Quiiiitsss sich wie ein Riesenwurm fast bis zur Decke hinauf.

»Du kannst doch überhaupt nicht riechen! Du bist ein Geist. Also hör auf, dich vor der Arbeit zu drücken«, blaffte Kai. Er griff schnell nach dem Folianten und hielt ihn so, dass es Quiiiitsss unmöglich war, etwas zu erkennen. Beleidigt schrumpfte Quiiiitsss auf seine normale Größe zusammen.

»Ihr solltet Euch schämen, junger Herr, mir diese meine Behinderung auf derart niederträchtige Weise vorzuhalten. Auch ich habe Gefühle. Nur weil ich ein Geist bin, heißt das nicht …« Da stahl sich ein triumphierender Ausdruck in Quiiiitsss’ Schlieraugen und er lächelte boshaft. Zu spät erkannte Kai, dass er dem Poltergeist versehentlich einen Blick auf den Einband des Buches ermöglicht hatte. »Aha. Das ist es also, was der junge Herr hier treibt. Von der Kunst ein Windelementar in ein Zaubergefäß zu bannen. So so. Hohe Alchemie. Seid Ihr sicher, dass Ihr dafür schon reif genug seid? Ihr arbeitet doch im Auftrag des Magisters, oder?«

Kai schluckte. Wenn Magister Eulertin Wind davon bekam, was er in seiner Abwesenheit trieb, durfte er sich auf großen Ärger gefasst machen. Ganz sicher konnte Quiiiitsss es kaum abwarten, ihn zu verpetzen.

»Äh, ja. Ich muss was für ihn vorbereiten. Aber das geht dich nichts an.« Kai ärgerte sich über den unsicheren Klang seiner Stimme und fügte barsch hinzu: »Und jetzt verzieh dich, oder ich mach dir im wahrsten Sinne des Wortes Feuer unter deinem Geisterhintern!«

»Aber natürlich, junger Herr. Der gute Quiiiitsss hat schon verstanden. Freundlichkeit gehörte ja noch nie zu Euren Tugenden …« Mit einem gehässigen Kichern wandte sich der Hausgeist zur Zimmertür um und glitt laut rumpelnd durch sie hindurch, sodass die Möbel der Studierstube wackelten.

Hinter Kai brodelte es laut auf.

Alarmiert drehte er sich zu der Phiole um und gewahrte entsetzt, dass auch der Tisch in Mitleidenschaft gezogen war. Das Koboldsvitriol hatte sich durch die Erschütterung an zwei Stellen mit dem Kreidestern vermengt. Kai wusste nicht, was für Auswirkungen das haben konnte, doch es rauchte viel stärker, als in der Anleitung beschrieben war. Schnell, die Salamanderhaut! Hastig bestreute Kai das Koboldsvitriol mit der zerstoßenen Salamanderhaut – woraufhin diese wie unter großer Hitze verkohlte. Hätte das jetzt nicht aufschäumen sollen? Kai beruhigte sich erst, als die Qualmerei endlich aufhörte.

Vorsichtig füllte er Bernsteinstaub mittels eines Trichters in die Phiole und befolgte auch die anderen Angaben im Buch. Anschließend drückte er die pulverisierten Körper der Funkenschmetterlinge in das weiche Eichenharz, das er passend zu einem Pfropfen für die Phiole Zuschnitt. Zufrieden sprach Kai eine Zauberformel. Mithilfe des Harzpfropfens würde er die Zauberphiole versiegeln, sobald er das Feuerelementar in das Fläschchen gelockt hatte. Allerdings war er sich noch nicht ganz sicher, was für ein Elementar er beschwören sollte. Manches sprach für ein Irrlicht. Doch war ein Irrlicht intelligent genug, seinen Befehlen zu gehorchen? Vielleicht doch lieber einen Feuerwusel? Er gehörte zu den geringeren Feuerelementaren, war daher leicht zu beherrschen, stand aber in der Hierarchie weit über dem Irrlicht. Damit war die Entscheidung gefallen.

Kai schloss die Augen, breitete seine Arme aus und formulierte im Geiste den Zauberruf. Ein sphärisches Knistern ertönte – als er abermals durch ein Kribbeln aus der Konzentration gerissen wurde.

»Quiiiitsss, du elender Quälgeist. Ich befahl dir, mich in Ruhe zu lassen!«

»Äh, aber da draußen geht etwas äußerst Seltsames vor sich, junger Herr«, erscholl in seinem Rücken die unsichere Stimme des Poltergeists. »Ihr solltet einmal einen Blick hinauswerfen. Alle Fenster des Hauses …«

Kai spürte, wie ihm der Feuerwusel entglitt.

»Zurück in die Küche mit dir!«, schrie der Zauberlehrling außer sich vor Wut. Noch einmal rezitierte er die Zauberformel. Diesmal laut.

»Aber …«, rasselte Quiiiitsss’ Geisterstimme, doch sie ging in einem lauten Prasseln unter. Hitze schlug Kai ins Gesicht. Entsetzt riss er die Augen auf und sah, dass das Zauberbuch lichterloh in Flammen stand. Oh nein!

»Oje … also, ich gehe dann wohl besser mal!«, murmelte Quiiiitsss.

Das Kribbeln in Kais Nacken verebbte, doch er hatte keine Zeit, sich weiter über den Poltergeist Gedanken zu machen. Er musste das Buch löschen!

Hastig klappte er es zu, doch noch immer schlugen grelle Flammen aus dem Einband. Kai griff nach seiner Zauberflöte und wie immer wurde er klar im Kopf, als er das Eichenholz berührte. Hastig intonierte er alle Schutzformeln, die er kannte. Erfolglos. Was auch immer er da angerichtet hatte, es rückgängig zu machen, überstieg seine Kräfte.

Schließlich griff er zu der einzigen Flüssigkeit in seiner Nähe: einem Fläschchen mit kostbarem Tränenwasser. Er kippte den Inhalt über das brennende Buch und versuchte nicht darüber nachzudenken, dass es ganzer zwei Wochen und drei Säcken voller Zwiebeln bedurft hatte, um die kostbare Essenz zu gewinnen. Laut zischend erstarben die Flammen und wichen tiefblauem Qualm, der nun durch die Studierstube wölkte. Bei allen Moorgeistern, das war gerade noch einmal gut gegangen.

Kai hustete und stolperte zum Fenster, um frische Luft in den Raum zu lassen. Soeben griff er nach dem Riegel, als er mitten in der Bewegung verharrte. Was war das? Aberdutzende kunstvoller Eisblumen zierten die Außenseiten der Scheiben. Ganz so, als bestünde jedes der filigranen Gewächse aus Feenkristall, glitzerten sie in den herrlichsten Farben. Doch das allein war es nicht, was Kai staunen ließ. Immer mehr der wundersamen Gebilde breiteten sich auf dem Fenster aus. Kai sah ihnen entzückt dabei zu, wie sie wuchsen, gediehen und förmlich darin wetteiferten, einander in Form und Gestalt zu übertreffen. Was geschah hier?

War es das, was Quiiiitsss gemeint hatte?

Ein heller Blitz schreckte Kai aus seinen Gedanken. Der Zauberlehrling wirbelte herum und bemerkte entsetzt, dass der blaue Qualm im Zimmer ein seltsames Eigenleben entwickelt hatte. Der Rauch hatte sich über der Zauberphiole zusammengeballt und die Gestalt einer tiefschwarzen Gewitterwolke angenommen, in der es immerzu hell aufleuchtete. Bei allen Moorgeistern! Das sah gar nicht gut aus. Bevor er etwas unternehmen konnte, zerstob das wallende Gebilde in einem Funkenregen, der wirbelnd in die Phiole strömte und den Bernsteinstaub entzündete. Rote Flammen prasselten an der Innenseite des Kristallgefäßes empor.

Kai trat vorsichtig näher und schluckte. Im Inneren hockte eine Flammengestalt, die ihn mit bohrendem Blick anstarrte. Der winzige Leib der Feuerkreatur, der sich wie eine Schlange ringelte, glühte weiß und hin und wieder huschten Flammen darüber hinweg.

Ihr habt mich gerufen, Meister?, schmeichelte plötzlich eine Stimme in seinem Kopf.

Kai riss überrascht die Augen auf. Das seltsame Elementar nahm von einem Augenblick zum anderen die Gestalt eines nackten Elfenmädchens an – sah man davon ab, dass über ihren Leib Flammen leckten.

Herrje, Kai erkannte das Abbild. Das war Fi! Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er kam sich irgendwie ertappt vor.

Ich hoffe, mein Aussehen ist Euch genehm, Meister?

»Schwefel und Salpeter!«, entfuhr es dem Zauberlehrling. Was für ein Geschöpf war das?

Ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass Ihr nicht wisst, wen Ihr beschworen habt?, antwortete das Wesen lauernd. Es ringelte und wand sich. Etwas eng hier drinnen, findet Ihr nicht auch …?

»Äh, natürlich weiß ich, wer du bist«, stammelte Kai verwirrt und hielt seine Zauberflöte wie ein Schwert vor sich. »Wo, äh, wo du auch immer herkommst, ich befehle dir, mir zu gehorchen!«

Soso, das befiehlst du mir also?, prasselte das Wesen hämisch und besah sich interessiert die Symbole rund um den Stern aus Zauberkreide. Hältst du mich für ein dummes Irrlicht, Kleiner? Ein Sulphur lässt sich von einem Anfänger wie dir gar nichts befehlen. Du bist ja noch nicht einmal in der Lage, deine Gedanken abzuschirmen.

Kais Mund wurde trocken. Ein Sulphur? Sie gehörten zur Gruppe der höheren Feuergeister, die sogar die Kraft besaßen, einen Flächenbrand zu entfachen.

Kluges Kerlchen!

Zornig dachte Kai an Quiiiitsss und dessen elende Neugier. Dem Poltergeist allein war es zu verdanken, dass ihm ein solcher Patzer unterlaufen war. Sollte Quiiiitsss ihm noch einmal über den Weg schweben, dann …

Wer auch immer dieser Quiiiitsss ist, züngelte der Sulphur gefährlich und fixierte voller Genugtuung ein Zauber-Zeichen, das wie eine Spirale aussah, sicher wird es ihm gefallen, wenn ich dich für deine Anmaßung bestrafe. Sehen wir doch einmal, was wir hier haben, zischte der Sulphur und begutachtete Kais Kreidestern auf der Tischplatte. Aha, ohne Zweifel das Werk eines Dilettanten. Ich entdecke zwar die »Glyphe des Feuers«, aber wie passt das mit dem »Auge des Sturms« zusammen, he? Entstamme ich etwa den trügerischen Gefilden der Lüfte, du Narr?

Zu Kais Entsetzen loderte das spiralförmige Kreidesymbol grell auf. Zurück blieb ein dunkler Brandfleck.

Oh, wie dumm für dich. Jetzt ist es fort, höhnte das Elementar und zischelte mit seiner spitzen Flammenzunge. Mir scheint, das wird heute nicht dein Glückstag, Menschlein. Und dieses stümperhaft verzauberte Feenkristall wird mich ebenso wenig aufhalten wie dein armseliger Bannkreis. Ja, mir scheint, es wird Zeit herauszukommen und dir zu zeigen, wie heiß Feuer wirklich sein kann.

Kai schrie entsetzt auf und schleuderte dem Elementar einen Bannzauber entgegen. Er verpuffte ohne Wirkung.

Verschone mich mit deinen Kindereien, Menschlein! Der Sulphur lachte prasselnd und streckte seinen Schlangenleib provozierend langsam dem offenen Hals der Phiole entgegen.

Verdammt, Kai musste etwas einfallen! Schnell! Ihm kam eine irrwitzige Idee. Er setzte seine Zauberflöte an die Lippen und spielte jene Melodie, mit der er Irrlichter heraufbeschwören konnte. Es dauerte nur wenige Augenblicke und eines der Lohenmännchen flackerte neben dem verkohlten Folianten auf. Heißhungrig suchte es nach etwas Essbarem.

»In die Phiole zu dem Bernstein mit dir!«, schrie Kai und setzte seine ganze Willenskraft ein, um dem Flammenmännchen den Weg zu weisen. Das Irrlicht sauste im Zickzack auf die offene Phiole zu, aus der bereits der brennende Kopf des Sulphurs ragte. Noch bevor sich der hinterlistige Feuergeist zu seiner wahren Größe aufblähen konnte, war das Irrlicht heran, veränderte seine Gestalt und drängte sich gierig jaulend an dem gefangenen Sulphur vorbei durch den Flaschenhals. Der überraschte Sulphur wurde wieder in die Phiole zurückgedrängt und schnappte zornig nach dem Eindringling. Das Gefäß erzitterte. Kai griff schnell zu dem verzauberten Pfropfen und drückte ihn auf den glühend heißen Hals der Phiole.

Autsch! Kai hatte sich die Finger verbrannt. Mit einem lauten Schmerzensschrei stolperte er zurück, fiel über einen Stapel Bücher und krachte neben den Sessel mit dem puppenhaften Haus Magister Eulertins. Bang sah er zu dem Tisch auf. Die Phiole zitterte auf dem Dreifuß, doch sie blieb verschlossen. Kai lachte hysterisch.

Der Sulphur war gefangen. Er war gefangen!

Das denkst auch nur du!, prasselte eine wütende Stimme in seinem Kopf.

Oh nein. Kais Herz setzte einen Moment lang aus, als er mit ansah, wie die Phiole hell aufglühte und sich jäh zu einer grellweißen Kugel aufblähte, auf deren Außenseite sich die boshaften Gesichtszüge des Sulphurs abzeichneten. Ich bin noch lange nicht mit dir fertig, du Hilfszauberer. Warte nur, bis ich hier rauskomme!

Der glühende Kristallball sprang vom Dreifuß, sauste mit Wucht gegen den Kamin und von dort quer durchs Zimmer und landete direkt auf einem Sitzkissen mit arkanen Stickmustern. Ein hässliches Reißen ertönte. Das Kissen zerplatzte und Hunderte weißer Daunenfedern rieselten wie Schnee auf Bücher und Möbel herab.

»Hör auf!«, schrie Kai.

Aufhören?! Von wegen, gleich bin ich frei! Schreiend jagte der Sulphur in der Kristallkugel gegen eine Regalwand mit Büchern und rammte dann den knöchernen Leib der Seeschlange, die von der Decke hing, und deren Skelettteile klappernd herabregneten – als es plötzlich still wurde.

Längst hatte Kai unter dem Tisch Deckung gesucht und in Erwartung des Schlimmsten die Arme über den Kopf geworfen. Doch es schien, als habe die Welt von einem Augenblick zum nächsten den Atem angehalten. Was für eine Schurkerei hatte der verdammte Feuergeist denn jetzt vor?

Kai sah auf. Überall um ihn herum hingen mitten in der Bewegung erstarrte Federn, Knochen und Pergamentfetzen im Raum. Selbst der zornige Sulphur schwebte reglos in seiner Kugel in der Luft.

Da erfüllte ein sanftes Klingen das Studierzimmer.

Verunsichert schob Kai zwei über ihm in der Luft hängende Knochen beiseite und wurde erst jetzt auf das regenbogenfarbene Licht aufmerksam. Es drang durch das Fenster, das nun zur Gänze mit den wundersamen Eisblumen überzogen war. Dort, wo die Strahlen auf die Eiskristalle trafen, funkelte es verheißungsvoll. Kai spürte, dass keinesfalls er für das seltsame Geschehen verantwortlich war.

Er trat näher an das bunt leuchtende Fenster heran, auf dem sich zu seiner Überraschung dutzendfach die weichen Gesichtszüge einer wunderschönen Frau abzeichneten. Das silberhelle Licht, das von ihr ausging, erfasste alle blanken Flächen im Zimmer. Gläser, Flaschen, Spiegel, Schnallen, Schlösser. Das Antlitz der Schönen spiegelte sich sogar auf Eulertins Tintenfass, aus dem schlank der Gänsekiel aufragte, den der Däumling so gern als Transportmittel nutzte.

Endlich erkannte er, wen er vor sich hatte.

Nie im Leben würde er sie vergessen können. Die Feenkönigin sah genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Ihr schmales Gesicht wurde von honigfarbenem Haar eingerahmt, in dem es blitzte und funkelte, als seien kleine Sterne darin eingeflochten. Ihre Schönheit war alterslos, doch in ihren Augen las er die Weisheit von Jahrtausenden.

»Sei mir gegrüßt, Kind des Unendlichen Lichts«, hauchte Berchtis mit samtweicher Stimme.

»Ihr … hier?!«, stammelte Kai. Verlegen klopfte er sich einige Federn von der Kleidung und wusste noch immer nicht so recht, welchem der vielen Abbilder der Feenkönigin er sich zuwenden sollte. »Ich meine, wenn ich gewusst hätte, dass Ihr heute …«

Berchtis’ ernster Blick hieß Kai mitten im Wort innehalten.

»Die Zeit drängt, Kind des Unendlichen Lichts«, wisperte es um ihn herum. »Ich spüre, dass unser Feind seinen nächsten Zug bereits ausgeführt hat. Wir alle müssen uns hüten.«

»Ihr meint Morgoya, habe ich Recht?«

Berchtis nickte und sah Kai ernst an. »Richte Thadäus aus, dass ich ein magisches Konzil einberufen habe, zu dem alle rechtschaffenen Magier geladen sind, die mir ihren Eid geleistet haben, die Finsternis zu bekämpfen.«

»Und wo soll das stattfinden?«

»Auch wenn mir das Schicksal Eurer Königreiche sehr am Herzen liegt«, antwortete die Fee mit klingender Stimme, »so vermag ich mein Zauberreich doch nicht zu verlassen. Was du hier siehst, ist nur eine Illusion, die ich als Botschaft zu all unseren Freunden ausgesandt habe. Ich bitte euch dringend, zu mir zu kommen.«

»In Euer Feenreich? Wirklich?«, platzte Kai aufgeregt heraus. »Dürfen an dieser Versammlung auch … Schüler teilnehmen?«

Die Feenkönigin schenkte Kai ein majestätisches Lächeln. »Ein ganz bestimmter Schüler mit Sicherheit. Vergiss nicht, dass unser aller Hoffnungen auf dir ruhen.«

»Ich glaub’s nicht!«, entfuhr es dem Zauberlehrling, der sich für die unbedachte Äußerung am liebsten auf die Zunge gebissen hätte. Unwillkürlich fiel ihm ein, dass er allein war. »Leider weiß ich nicht, wo sich Magister Eulertin derzeit aufhält. Er ist vor einigen Tagen abgereist.«

»Dann musst du ihn finden.« Berchtis’ Antwort ließ keinen Widerspruch zu. »Ich weiß, es liegt in deiner Macht.«

»Ja?« Kai schluckte. »Gut … ich werde ihn suchen … Und wie kommen wir dann zu Euch. Es heißt, Euer Zauberreich sei gut verborgen.«

»Öffne deine Hand.«

Kai tat, wie ihm geheißen wurde. In das magische Regenbogenlicht um ihn herum stahl sich ein goldener Schein. Ergriffen sah der Zauberlehrling dabei zu, wie sich Hunderte Funken über seiner Handfläche sammelten, die sich zu einem strahlend hellen Lichtpunkt vereinigten. Kai blinzelte und spürte auf einmal einen runden Gegenstand zwischen seinen Fingern.

»Eine goldene Haselnuss?« Fragend sah er zu einem von Berchtis’ Antlitzen auf.

»Eine Zaubernuss, Kind des Unendlichen Lichts. Benutze sie in jenem Moment, wenn der Tag die Nacht bezwingt, dann wird sich dir ein Gefährt enthüllen, das dich zu jedem Ort trägt, den du dir wünschst.«

»Kann mich dieses Gefährt denn auch zu Magister Eulertin führen?«

Berchtis neigte ihr Haupt. »Wenn du bis dahin erfahren hast, wo er sich befindet, ja. Doch suchen musst du ihn allein.« Berchtis wirkte seltsam ernst. »Merke dir, dass das Konzil mit dem Mondfest beginnt. Die Tore meines Reiches stehen dann für sieben Tage offen.«

Verwirrt nickte der Zauberlehrling. Von einem Mondfest hatte er bislang noch nie etwas gehört. »Und … und was ist mit mir? Ich meine, werde ich je zu einem Feuermagier werden oder bleibe ich auf immer ein Zauberlehrling?«

Die Fee sah Kai tief in die Augen, und er fühlte, dass es keine Wahrheit gab, die Berchtis verborgen blieb. »Das, Kind des Unendlichen Lichts, ist einer der Gründe, warum ich euch in meinem Reich zusammenrufe. Sei dir sicher, dein Schicksal wird sich erfüllen …«

Mit diesen Worten verblasste Berchtis’ Antlitz in all den spiegelnden Flächen um ihn herum, und durch die schwebenden Gegenstände in der Luft lief wieder ein leichtes Zittern. Schlagartig wurde dem Zauberlehrling bewusst, in welch unangenehmer Situation er sich noch immer befand.

»Feenkönigin«, rief Kai Berchtis panisch hinterher, »hier treibt ein Sulphur sein Unwesen. Was soll ich denn jetzt bloß machen?«

»Heißt es nicht, dass es Glück bringt, einer Fee zu begegnen …?«, säuselte ihre Flüsterstimme zum Abschied. Dann war die Erscheinung verschwunden.

»Glück?«, schrie Kai aufgeregt. »Ich brauche kein Glück. Ich brauche Hilfe. Jetzt!«

Kai schaffte es gerade noch, zur Seite zu springen, denn in diesem Moment krachte auch der Rest des Seeschlangenskeletts zu Boden. Schon schepperte der zornige Sulphur mit Gebrüll gegen Eulertins Schreibpult, prallte ab und schlug inmitten eines Regals mit kostbaren Zauberelixieren ein.

»Oh nein, nicht das auch noch!«

Die Flaschen explodierten unter dem Aufprall des gefangenen Feuergeists und die kostbaren Zaubertoniken spritzten nach allen Seiten. Auch der Feenkristall mit dem Sulphur wurde von den Flüssigkeiten getroffen. Statt weiter unkontrolliert durch den Raum zu sausen, wechselte die aufgeblähte Phiole noch in der Luft ihre Farbe. Rot, grün, braun, violett, gelb, schwarz. Es gab einen lauten Knall und die Kugel krachte zu Boden. Ein paarmal noch drehte sie sich quietschend um sich selbst, schließlich schrumpelte sie zu einem taubeneigroßen, grauschwarzen Klumpen zusammen.

Kai wankte erschöpft zu einem Hocker und ließ sich schwer darauf fallen. Erst jetzt wagte er es, sich umzusehen. In Magister Eulertins Studierzimmer herrschte vollkommenes Chaos. Noch immer schwebten Daunenfedern zu Boden und überall lagen Skelettteile, Scherben und zerrissene Bücher verstreut.

Tolles Glück. Wie sollte er das alles Magister Eulertin erklären? Immerhin, er besaß jetzt eine Zaubernuss. Vielleicht sollte er sie gleich morgen früh dazu benutzen, irgendwohin ans Ende der Welt zu flüchten? Möglichst an einen Ort, wo ihn Magister Eulertin unmöglich finden würde. Er seufzte schwer.

Hinter ihm öffnete sich die Tür.

Quiiiitsss. Kai ballte die Faust und in ihm stieg der brennende Wunsch auf, es dem Poltergeist heimzuzahlen. Heute hatte dieser Quälgeist den Bogen eindeutig überspannt.

»Aha, du hältst es vor lauter Neugier nicht aus, wie? Musst dich an meinem Unglück weiden, ja? Jetzt wirst du eine andere Seite von mir kennenlernen. Eine dunkle Seite, eine böse Seite. Denn jetzt werde ich dir beibringen, dass …« Kai fuhr zornig herum und ihm blieben die restlichen Worte im Halse stecken.

Im Türrahmen stand Fi. Sie trug eine Pelzjacke und hielt ihr langes Haar unter einer dicken Fellmütze verborgen.

Entgeistert starrte die Elfe Kai an. »Was ist denn hier passiert? Geht’s dir gut, Kai?«

»Ja, äh, alles in … Ordnung«, stammelte er und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Hastig bückte er sich und steckte den hässlichen Feenglasklumpen ein, der von seinem geplanten Geschenk übrig geblieben war. Der Brocken war noch immer warm und fühlte sich glatt wie Vulkanglas an.

»Bist du dir sicher? Du machst einem ja richtig Angst«, meinte die hübsche Elfe besorgt und ließ ihren Blick bestürzt durch den Raum schweifen. Glücklicherweise verlor sie über das, was sie sah, kein weiteres Wort. »Bitte zieh dich an und komm mit mir mit. Koggs hat etwas Besorgniserregendes in der Elbmündung entdeckt. Er hält es für ratsam, dass du dir das mit uns zusammen ansiehst.«

»Und was soll das sein?«

»Ich weiß es selbst nicht«, antwortete Fi. »Aber Koggs bat darum, dass wir uns beeilen.«

Kai atmete tief ein und schleppte sich hinter Fi in die Eingangshalle des Hauses, ohne das Chaos im Studierzimmer eines weiteren Blickes zu würdigen. Was auch immer Koggs entdeckt hatte, der Tag hatte bereits mies begonnen. Sehr viel schlimmer konnte es ja kaum noch werden.

 

Verweht!

Eine kalte Böe strich über die Takelage des Schmugglerschiffes hinweg und ließ das große Segel im Wind knattern, während die Elbe am Kiel des stolzen Seglers vorbeirauschte. Kai fröstelte. Die Sonne war am Himmel nur als blasser Schemen auszumachen und die Luft roch nach Tang und vereistem Brackwasser.

»Bei den Knochen des legendären Seeschlangenfriedhofs«, bellte die erzürnte Stimme von Koggs Windjammer über das Deck, »muss ich euch erst Beine machen oder wird das heute noch was mit dem Focksegel?« Der Klabauterkapitän mit seinem unvermeidlichen Dreispitz und der unverkennbaren roten Knollennase stand auf dem flachen Heckkastell, umklammerte die Ruderpinne und stampfte wütend mit seinem Holzbein auf. Umgehend kam Bewegung in die Mannschaft.

»Und wo, zum Krakenkönig, ist der zweite Mann am Bugspriet? Luwen!« Einer der Seeleute sah betreten auf. »Nimm gefälligst eine lange Stange mit, oder wollt ihr, dass sich unsere schmucke Deern von so einem elenden Eisbrocken den hölzernen Wanst aufreißen lässt? Hopp, hopp, hopp!«

Der Angesprochene schnappte sich eine lange Hakenstange, um damit die in Massen auf der Elbe treibenden Eisschollen vom Schiffsrumpf fernzuhalten, und eilte zum Bug des Seglers. Seine Kameraden, die in den Tauen herumturnten, warfen ihm mitleidige Blicke zu.

Inzwischen war fast eine Stunde verstrichen, seit Fi und Kai mit Koggs den Hammaburger Hafen verlassen und die Elbmündung angesteuert hatten. Dennoch hatte ihnen der Klabauter immer noch nicht verraten, um was es ging. Dies und die Erinnerung an den in jeder Hinsicht verpatzten Tagesbeginn trugen nicht gerade dazu bei, Kais Laune zu verbessern. Hinzu kam, dass die Kälte an Bord schlimmer war, als er es sich aus Fis Berichten zusammengereimt hatte. Missmutig trat er von einem Fuß auf den anderen und starrte zu der Elfe hinüber, die gemeinsam mit einem Matrosen die Ankerwinde von Schnee und Eiszapfen befreite.

Sie blickte kurz auf und winkte ihm zu. Kai lächelte zurück und zog sich seinen Schal über das Gesicht. Unwillkürlich kam ihm der Gedanke, dass es Fi sicher nicht gerade männlich fand, wenn er sich so dick einmummelte, während alle anderen so tapfer Eis und Kälte trotzten. Egal. Wenigstens konnte er so seine Pusteln verbergen.

Verstimmt wandte sich Kai wieder in Fahrtrichtung und presste den Bernsteinbeutel enger gegen den Bauch, in dem sich der hässliche Klumpen aus Feenkristall befand. Zu seiner Überraschung strahlte er noch immer eine angenehme Wärme aus. Offenbar war sein unglückliches Experiment doch nicht vollständig fehlgeschlagen.

Warum verriet Koggs ihnen nicht endlich, welches Ziel sie ansteuerten? Die Warterei bei dieser Kälte machte ihn noch wahnsinnig. Wenn sie noch etwas weiter fuhren, würden sie bald Berchtis’ Leuchtturm erreichen, der Hammaburg mit seinem magischen Licht in der Nacht vor Morgoyas Schattenkreaturen schützte. Kai tastete bei dem Gedanken besorgt nach der Zaubernuss in seiner Jackentasche. Es war doch nicht wieder etwas mit dem Feenlicht des Turms geschehen? Morgoyas Schattenarmee hatte erst vor einigen Monaten versucht, es gegen trügerisches Irrlichtfeuer auszutauschen, um Hammaburg zu stürmen.

Nein, unmöglich. Wenn dem so wäre, hätte ihm die Feenkönigin davon berichtet.

Er konnte immer noch nicht glauben, dass es erst wenige Stunden her war, seit ihm Königin Berchtis im Haus des Magisters erschienen war. Leider hatte er bisher keine Gelegenheit gehabt, Fi von dem wundersamen Besuch zu erzählen. Dabei musste er unbedingt in Erfahrung bringen, wann dieses Mondfest begann.

»Großsegel bergen, Männer! Auf, auf, auf! Worauf wartet ihr, ihr lahmen Flusskrebse!« Der Klabauter übergab die Ruderpinne einem Rothaarigen, während die Männer in den Tauen mit routinierten Griffen das gebrasste Segel einholten. Koggs sprang kurzerhand vom Heckkastell auf das Hauptdeck, wobei sein Holzbein laut klapperte, und klopfte zu Kais Verwunderung dreimal gegen die Tür zum Niedergang. »Fi, Rob. Anker zu Wasser lassen!«

Die Elfe nickte, und gemeinsam mit ihrem Kameraden betätigte sie die Winde. Augenblicke später ratterte die Ankerkette durch die Öffnung im Schiffsbug und ein lautes Platschen war zu hören, als das schwere Eisen die Wasseroberfläche durchschlug. Es dauerte nicht lange und der wendige Segler verlor an Fahrt.

Koggs trat neben Kai an die Reling und verschränkte die Arme auf dem Rücken.

»Verratet Ihr mir endlich, was der Grund unserer Reise ist?« Vor Kais Lippen tanzte eine eisige Atemwolke.

»Ich dachte, Thadäus hätte dich Geduld gelehrt, du ruhelose Feuerqualle«, brummte der Klabauter und schniefte. »Du wirst es gleich erfahren. Außerdem sind wir noch nicht vollzählig.«

Kai blickte sich um und freute sich, als auch Fi zu ihnen trat. Ihr schmales Gesicht wurde weich vom Fell ihrer Mütze umrahmt und in ihrem sonnenhellen Haar blitzten einige Eiskristalle. Sie schenkte Kai einen Blick, der sein Herz schneller schlagen ließ.

»Nun, Koggs«, erhob sie ihre melodiöse Stimme, »wirst du uns jetzt endlich verraten …«

»Ah, da seid Ihr ja, Stadtkämmerer«, unterbrach der Klabauter die Elfe und wandte seinen Blick an ihnen vorbei dem Kajüthäuschen zu. Kai, der sich regelrecht dazu zwingen musste, seinen Blick von Fis Katzenaugen zu lösen, bemerkte erst jetzt, dass sich die Tür zum Niedergang geöffnet hatte. Heraus trat zu seiner Überraschung ein Mann mit Nickelbrille in einer schwarzen Pelzrobe, der ihm nur allzu gut bekannt war. Ratsherr Hansen. Der Stadtkämmerer gehörte zu den engsten Vertrauten Eulertins und hütete einen jener magischen Schlüssel, mit denen Berchtis’ Leuchtturm verschlossen war. Er nahm seine Brille ab, rieb den Beschlag von den Gläsern und trat zögernd zu ihnen.

»Kapitän Windjammer, ich hoffe, wir können uns auf die Verschwiegenheit Ihrer Männer verlassen. Wenn Schinnerkroog erfährt, dass ich in irgendeiner Weise mit dem Fund in Verbindung stehe, dann …«

»Mal keine Bange, Meister Hansen«, krähte der Klabauter. »Die Männer auf meinem Schiff sind handverlesen. Für einen Kanten Schiffszwieback und die Aussicht, Morgoya kräftig in ihren vernebelten Hintern zu treten, würden die sich freiwillig in den Rachen eines Kraken werfen. Ein ganz anderer Schlag, als diese lauszerfressenen Söldner aus Friesingen, mit denen ich damals gemeinsam mit Bilger Seestrand vor der Küste von …«

»Koggs«, ermahnte ihn Fi sanft.

»Äh, na ja.« Der Klabauter rückte seinen Dreispitz zurecht. »Ihr wisst schon, was ich meine.«

»Jaja, hab schon verstanden«, murmelte Hansen. »Und, wo ist sie?«

Koggs deutete zur Steuerbordseite. »Dort!«

Hansen, Kai und Fi folgten seinem Fingerzeig und starrten in die angegebene Richtung. Auf dem Fluss trieben mehrere kleine Eisschollen, die immerzu von Wellen überspült wurden. Was meinte Koggs nur?

»Bei den Träumen meiner Vorfahren!«, stieß Fi schockiert aus und fasste sich an die Brust, wo, wie Kai wusste, ihr magisches Mondsilberamulett verborgen lag.

Und nun erkannte auch Kai endlich, was Koggs gemeint hatte. Direkt am Rande der Uferböschung lag ein über und über mit Eis überzogenes Schiffswrack. Der Wind hatte die Takelage und die Aufbauten derart mit Pulverschnee bedeckt, dass das hölzerne Ungetüm mit dem weißen Hintergrund der Uferböschung förmlich verschmolz. Kai musste sich schon anstrengen, um Details ausmachen zu können. Bei dem gestrandeten Schiff handelte es sich um eine Galeere mit drachenköpfiger Bugspitze, unter der ein spitzer Rammdorn angebracht war. Der Mast war gebrochen und hing auf halber Höhe wie ein gebrochener Flügel ins Wasser. Die Takelage des Schiffes hatte sich wie weiße Spinnweben über die Aufbauten gelegt, während aus der Reling ein halbes Dutzend schneebedeckter Ruder stachen, die dem Wrack das Aussehen eines toten weißen Hummers verliehen. So gespenstisch der Anblick auch war, irgendwie kam Kai das Schiff bekannt vor.

»Ich habe sie erst heute Morgen entdeckt. Sieht alles andere als gut aus.« Koggs warf einen bitteren Blick auf das Wrack.

»Dann ist es also wahr. Kapitän Asmus ist gescheitert?«, stellte Ratsherr Hansen bestürzt fest.

Kapitän Asmus? Bei allen Moorgeistern, natürlich. Kai erinnerte sich noch gut an den tapferen Seeschlangenjäger, der Koggs und seinen Leuten vor sieben Monaten während der Schlacht an der Elbmündung beigestanden hatte.

»Was soll das heißen?«, kam Fi dem Zauberlehrling mit ihrer Frage zuvor.

Ratsherr Hansen drehte sich argwöhnisch zu Koggs’ Leuten um, die mit starren Mienen hinüber zum Elbufer blickten. Ihnen war anzusehen, dass sie an ihre Kameraden dachten, denen an Bord der Galeere sicher ein schreckliches Schicksal zuteil geworden war.

»Wir haben Kapitän Asmus vor zwei Monaten auf eine geheime Mission entsandt«, presste der schmächtige Stadtkämmerer hervor. »Von der Unternehmung wussten nur Magister Eulertin, drei vertrauenswürdige Windmacher, Magistra Wogendamm, Doktorius Gischterweh und Magister Chrysopras, außerdem Koggs Windjammer und ich selbst natürlich.«

Kai kannte die drei Zauberer. Sie waren regelmäßig bei Magister Eulertin zu Gast.

»Tut mir leid«, wehrte Koggs den vorwurfsvollen Blick Fis ab. »Ich durfte niemandem etwas davon erzählen. Auch dir nicht. Ich meine, fast hätte ich ja selbst den Auftrag angenommen. Nur war Thadäus dagegen.«

»Warum diese Geheimniskrämerei?«, fragte Kai. »Sind Fi und ich etwa nicht vertrauenswürdig genug?«

»Natürlich seid ihr das«, wiegelte Hansen ab. »Nur wollten wir den Kreis der Eingeweihten so klein wie möglich halten. Je weniger davon wussten, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass einem von uns ein unbedachtes Wort herausrutscht. Unser Oberster Ratsherr Schinnerkroog hat überall in der Stadt seine Spitzel und Zuträger. Wenn er wirklich in den Diensten der Nebelkönigin steht, müssen wir überaus vorsichtig sein. Auf gar keinen Fall wollten wir riskieren, dass die Mission von Kapitän Asmus scheitert.«

Kai wurde langsam wütend. »Selbst die Feenkönigin vertraut mir mehr, Ratsherr Hansen. Berchtis hat mich heute im Zunfthaus aufgesucht. Und sie hat mich bereits davor gewarnt, dass Morgoya neue Ränke spinnt.«

»Die Feenkönigin?«, stieß Hansen ungläubig hervor. Auch Fi und Koggs sahen ihn überrascht an. »Du machst Scherze!«

»Wirke ich so?«, antwortete Kai spitz. »Die Feenkönigin hat ein Konzil einberufen. Es beginnt zum nächsten Mondfest – allerdings weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wann dieses Fest beginnt.«

»Das Mondfest?« Fi sah ihn ernst an. »Man feiert es in der Nacht der Tagundnachtgleiche, also morgen. Es markiert den Wechsel der Jahreszeiten von Winter auf Frühling.«

»Schon morgen?«, entfuhr es Kai und er seufzte. »Ich müsste mich schon sehr wundern, wenn all das hier nicht irgendwie in einem Zusammenhang steht. Wollt Ihr uns nicht endlich sagen, was das für eine Mission war, auf die Ihr Asmus entsandt habt?«

Hansen atmete tief durch und rieb seine klammen Finger. »Kapitän Asmus hatte sich bereit erklärt, in unserem Auftrag das Reich der Nordmänner anzusteuern. Er war als Gesandter unterwegs, natürlich ohne Wissen von Ratsherr Schinnerkroog.«

»Ihr habt ihn zu König Hraudung geschickt?« Vor dem geistigen Auge des Zauberlehrlings fuhren wieder all die Drachenschiffe auf, mit denen sie es während der Schlacht um Berchtis’ Leuchtfeuer zu tun bekommen hatten. »Fi, hast du mir damals nicht erzählt, dass König Hraudung längst auf Morgoyas Seite steht?«

»Nein«, erwiderte Fi. »Dass Morgoya Hraudungs Reich inzwischen ebenfalls unterworfen haben könnte, war nur eine Vermutung. Dystariel war da anderer Ansicht.«

»Nicht nur sie, auch wir bezweifeln das«, wandte Koggs ein und spuckte über die Reling. »König Hraudung ist so herrschsüchtig wie der grimme Nordwind. Und zugleich so kalt wie ein Stück Gletschereis! Der lässt sich so leicht von niemandem vor den Karren spannen. Ich verwette zwei Flaschen besten Nebelgewölk darauf, dass Hraudung nichts mit dem damaligen Angriff zu tun hatte. Außerdem dienten auf den Drachenschiffen Untote. Morgoya hatte sie direkt vom Meeresgrund herauf beschworen.«

Hansen nickte zustimmend. »König Hraudung ist sehr mächtig. Es heißt, dass er sogar einen Pakt mit einigen Frostriesen geschlossen habe. Durchaus möglich, dass Hraudung glaubt, sein Reich sei unantastbar. Vielleicht will er aber auch nur abwarten, ob er aus dem drohenden Konflikt zwischen uns und Morgoya nicht als lachender Dritter hervorgeht.«

»Das wäre Selbstmord«, brauste Fi auf. »Allein gegen Morgoya wäre sogar er verloren.«

»Das ist anzunehmen«, antwortete Hansen. »Zumindest wäre das ein überaus gewagtes Spiel. Leider wissen wir zu wenig über ihn und sein Reich, um Hraudungs Motive beurteilen zu können. Für uns ist wichtig, was die Nebelkönigin plant. Aus irgendeinem Grund scheint sie vor allem an der Unterwerfung der südlichen Königreiche interessiert zu sein und einem Zweifrontenkrieg aus dem Weg zu gehen. Die wenigen Spitzel in unseren Diensten haben herausgefunden, dass Morgoya ihre Schattenkreaturen vornehmlich entlang der Südküste Albions zusammengezogen hat. Und von Tag zu Tag werden es mehr.«

»Heißt das, dass Morgoya Angst vor König Hraudung hat?«, überlegte Kai.

»Angst? Morgoya kennt keine Angst.« Koggs schnaubte und legte die Hand auf den Säbel an seinem Gürtel. »Aber bei einem Krieg mit König Hraudung würde ihre Schattenstreitmacht geschwächt. Egal, ob sie siegreich ist oder nicht. Sie braucht ihre Kreaturen aber, wenn sie schnell nach Süden vorstoßen will.«

»Um aufs Festland zu kommen, muss sie jedoch erst die magischen Leuchtfeuer überwinden«, gab Fi zu bedenken.

Hansen und der Klabauter nickten.

»Aber das würde ja bedeuten, dass sie längst einen neuen Plan ausgeheckt hat.«

»Natürlich, hast du daran gezweifelt?«

Die Elfe schwieg.

»Hraudung ist ein Narr, wenn er sich mit Morgoya verbündet hat. Ihre Gier ist grenzenlos. Das muss dem König doch klar sein«, meinte Kai.

»Wir hoffen es«, antwortete der Stadtkämmerer gedehnt. »Aber König Hraudung ist alt und wir wissen nicht, wie seine beiden Söhne Raugrimm und Lefgar das sehen. Zu unserem Glück gilt Lefgar als recht besonnen. Er ist der Ältere der beiden und damit sein Thronfolger.«

»Das heißt«, schlussfolgerte Fi, »Ihr habt Asmus entsandt, um Verhandlungen mit den Nordmännern aufzunehmen?«

»Ja.« Der Stadtkämmerer nickte. »Kapitän Asmus sollte die Bedingungen für ein Waffenbündnis aushandeln. Oder zumindest ein Bündnis zwischen Hraudung und der Nebelkönigin verhindern.«

»Für mich stellt sich vielmehr die Frage, ob Kapitän Asmus überhaupt in Hraudungs Reich angekommen ist. Seht euch doch das Schiff an.« Fi deutete zu dem vereisten Wrack hinüber.

Kai nickte. »Koggs, was habt Ihr auf dem Schiff gefunden?«

Der Klabauter grunzte unwillig und kramte unter seiner Uniform ein Fernrohr hervor und reichte es Kai. »Wirf mal einen Blick hier durch, und dann sag mir, was du siehst.«

Es dauerte etwas, bis Kai die Linsen scharf gestellt hatte. Er ließ seinen Blick langsam über das Deck schweifen. Zwischen den vereisten Aufbauten erkannte er unregelmäßig geformte Schneehügel, die ihn fatal an menschliche Körper erinnerten. Da bewegte sich etwas – aber es war nur Schnee, der vom Wind aufgewirbelt und über das Deck getragen wurde. Doch seltsam … irgendwie wirkte diese Schneewolke auf besorgniserregende Weise lebendig.

»Frostgeister«, knirschte Koggs Windjammer und nahm Kai das Fernrohr wieder ab. »Ich habe mit diesen elenden Kreaturen schon öfter zu tun gehabt.«

Koggs wies mit dem Fernrohr zum Ladebaum am Mast, der schräg über dem abgespannten Beiboot des Seglers hing, und blaffte zwei in der Nähe stehende Männer an. »Worauf wartet ihr? Lasst die Jolle zu Wasser. Wir werden dem verfluchten Kahn jetzt einen Besuch abstatten!«

Rufe halten über das Deck und in die Mannschaft kam Bewegung. Koggs wirkte außerordentlich knurrig, als er sich wieder Kai zuwandte und seine Stimme senkte. »Ich gehe davon aus, du bist mit von der Partie? Du kannst dir ja sicher denken, was diese Biester am allerwenigsten mögen?«

Kai nickte. »Feuer!«

Frostgeister

»Ich hoffe, ihr seid bereit?«, flüsterte Fi, während sie die Spitze ihres letzten Pfeils mit einem Lappen umwickelte. Nachdem sie ihn wie die anderen in Lampenöl getränkt hatte, steckte sie ihn zurück in den Köcher und gürtete diesen um ihre Hüfte. Koggs antwortete mit einem unwirschen Schnauben und verhinderte mit dem Ruder, dass sie mit ihrer Jolle gegen das vereiste Wrack stießen, das sich vor ihnen auftürmte.

Kai blickte an der froststarren Schiffsverkleidung empor und lauschte, bereit, jederzeit einen Feuerwusel zu beschwören – doch nichts geschah. Das Einzige, was er vernahm, war das leise Säuseln des Windes und das beständige Glucksen und Plätschern der Wellen, die gegen die Bordwand schlugen.

»Lasst euch nicht täuschen«, brummte der Klabauter misstrauisch. »Diese eisigen Biester wissen längst, dass wir hier sind.« Er nahm ein Seil und visierte eines der Galeerenruder an. Es befand sich schräg über ihnen und war mit langen, spitzen Eiszapfen übersät, die Kai an die Zähne einer Seeschlange erinnerten. Mit Schwung warf Koggs das Seilende über den hölzernen Riemen, vertäute ihr schwankendes Boot und zog es anschließend näher an den abgeknickten Mast des Wracks heran, der nur wenige Ruderschläge von ihnen entfernt ins Flusswasser ragte. Kai starrte beklommen auf das Gewirr aus zersplittertem Holz, verwickeltem Segeltuch und abgerissener Takelage und versuchte, sich nichts von seinen Gefühlen anmerken zu lassen.

»Lasst uns erst einmal die Lage auskundschaften«, sagte Koggs und sprang auf den einstigen Ausguck der Galeere. »Und seid ja vorsichtig. Da oben wird es gleich verdammt unangenehm werden.«

Fi zwinkerte Kai zu, warf sich ihren Bogen über die Schulter und griff zu der Lederschlaufe ihres Gluttopfs, den sie mit Kais Hilfe entfacht hatte. Kurz darauf sprang die Elfe mit einem eleganten Satz auf den Mast der Galeere und schwang sich anmutig an den reifüberzogenen Tauen empor. Koggs klemmte sich seinen Säbel zwischen die Zähne und folgte ihr.

Entschlossen machte sich auch Kai an den Aufstieg und hielt sich an der gefrorenen Takelage fest. Doch die Seile waren klamm und rissig und immer wieder drohte er abzurutschen. Als er endlich über das vereiste Schanzkleid an Bord der Galeere plumpste, zog ihn Fi schnell hinter ein verschneites Fass in Deckung.

Fi spannte einen ihrer umwickelten Pfeile und hielt ihn knapp über den Gluttopf, um ihn jederzeit in ein Brandgeschoss verwandeln zu können.

Kai nahm seine Flöte zur Hand und erstarrte. Auf der Ruderbank neben ihnen, keine zwei Schritte entfernt, saß ein Toter. Der tote Seemann hielt noch immer den langen Riemen umklammert und war über und über mit Eis bedeckt. Sein Mund war zu einem stummen Schrei geöffnet. Panisch sah sich Kai um. Dieser Seemann war nicht der einzige Tote an Bord. Die Ruderbänke waren voll besetzt. Eingesunken und mit dicken Lagen Reif und Schnee bedeckt, hockten dort steif und starr etwa zwei Dutzend Männer.

»Ein Grab«, wisperte Kai erschüttert. »Das ganze Schiff ist ein eisiges Grab!« Er hatte bereits die wandelnden Skelette im Dienst Mort Eisenhands erlebt, doch der Anblick dieser Toten war schlimmer. Die bittere Kälte hatte nicht nur die Körper der Seeleute erhalten, viel grausiger war der Ausdruck ihrer vereisten Gesichter. Sie waren verzerrt in blankem Entsetzen.

»Bei den Frostriesen Hraudungs, dafür wird jemand büßen!«, sagte Koggs und goss Lampenöl über die Schneide seines Säbels. Mit der anderen Hand zückte er eine Fackel, entzündete diese an Fis Gluttopf und erhob sich kämpferisch. »Los, zum Laufsteg«, schnarrte er, während er nun auch die Klinge in Brand steckte. »Wir müssen herausfinden, was Asmus zugestoßen ist. Wenn sich uns irgendetwas in den Weg stellt, dann brutzel es weg, Junge!«

Die Worte des Klabauters waren kaum verhallt, als ein klagendes Heulen ertönte. Wispernd und klirrend erhoben sich überall um sie herum wirbelnde Schneewehen, die menschenähnliche Gestalt annahmen. Ihre Fratzen waren blass und hohlwangig und ihre Mäuler offenbarten lange Zahnreihen aus spitzen Eisnadeln. In ihren leuchtenden, eisblauen Augen schimmerte die blanke Mordlust.

Kai beschwor einen Feuerwusel herauf.

Keinen Augenblick zu spät, denn kreischend und wie ein Schwarm Haie wirbelten die Frostgeister von allen Seiten auf sie zu.

Fis erster Pfeil war bereits unterwegs, als Kai sich noch überlegte, welchen ihrer Gegner er zuerst attackieren sollte.

Eine dunkle Schmauchspur hinter sich herziehend, durchschlug das Brandgeschoss der Elfe den wehenden Körper des ersten Frostgeists und traf gleich noch einen zweiten. Jaulend stoben die Schemen auseinander. Doch die Löcher, die der Brandpfeil in ihre Leiber geschlagen hatte, verwehten bereits wieder. Koggs, der ganz vorn stand, schlug wild mit Fackel und brennender Säbelklinge um sich und erwischte ein drittes Eisgespenst. Rasend vor Wut ließ das Frostwesen von dem Klabauter ab, doch die Flammen auf Koggs’ Klinge erloschen bereits. Zwei weitere Frostgeister rasten mit aufgerissenen Mäulern heran.

»Mach sie fertig!«, brüllte Kai. Sein Feuerwusel verwandelte sich in einen Funken sprühenden Kugelblitz, der ungestüm auf einen der beiden Angreifer zujagte. Er schleuderte zwei weitere Kugelblitze über das Deck, während Fi Pfeil um Pfeil auf die unheimliche Geisterschar abfeuerte. Die Frostgeister brüllten voller Zorn und huschten hinter Bänke und Nischen, dann waren sie verschwunden.

»Elende Schattenmacht, wo sind sie hin?«, flüsterte Kai.

»Vermutlich brüten sie eine neue Teufelei aus«, antwortete Koggs und wischte sich etwas Pulverschnee vom Bart. »Aufgegeben haben die bestimmt noch nicht.«

»Seht euch das an!« Fi deutete mit ihrem Bogen hinauf zum Bugkastell der Galeere, auf dem eine schwere Seeschlangenharpune auszumachen war. Wie seltsam verrenkte Statuen standen weitere Tote um das Geschütz herum. Einer von ihnen hielt noch eine gewaltige Harpune umklammert, zwei andere schienen vereist zu sein, noch bevor ihre Leiber auf das Deck schlagen konnten.

Mit wenigen Sätzen war Koggs auf dem Bugkastell und beäugte die erstarrten Körper um sich herum.

»Arme Hunde. Ich frage mich, ob die noch einen Schuss abgeben konnten, bevor das Unheil über sie hereinbrach.« Koggs knirschte mit den Zähnen und trat an das sperrige Geschütz heran. Es war auf den Himmel gerichtet und mit einem dicken Panzer aus Eis bedeckt.

Dem eisigen Schrecken musste ein Kampf vorausgegangen sein. Natürlich. Alles hier oben deutete daraufhin.

»Dieses Unheil, es war zweifelsfrei magischen Ursprungs«, sagte Fi mit belegter Stimme. »Nur das erklärt die vielen Frostgeister hier auf dem Schiff.«

»Ich weiß«, schnaubte Koggs. »Keiner der Toten weist eine Bisswunde auf. Diese Biester stürzen sich aber auf alle lebenden Wesen, um sich von ihrer Wärme zu nähren. Die Mannschaft muss also bereits tot gewesen sein, als die Frostgeister aufgetaucht sind. Etwas anderes muss sie angezogen haben.«

Die Elfe nickte. »Es heißt, Frostgeister werden von Orten angelockt, an denen urwüchsige magische Kräfte walten.«

»Mir persönlich ist es ehrlich gesagt egal, was für Vorlieben diese mordlüsternen Monster haben«, brummte Koggs. »Hauptsache, sie kommen uns nicht zu nahe! Wir sollten uns besser darauf konzentrieren herauszufinden, was zum Seeteufel noch mal hier passiert ist. Seht euch nur die Harpune an. Ich tippe auf einen Angriff aus der Luft.«

»Vielleicht hat sich Asmus im Norden mit einer Frosthexe angelegt«, grübelte die Elfe. »Oder mit einem von Hraudungs Runenmeistern … Es heißt, sie können das Wetter kontrollieren und Eisstürme heraufbeschwören.«

»Vielleicht sollten wir uns zunächst einmal fragen, wie die Galeere überhaupt vom Nordmeer zurück zur Elbe gefunden hat«, meinte Kai. »Die muss doch schließlich von jemandem gesteuert worden sein?«

»Du meinst, hier ist noch jemand an Bord?« Fi verengte ihre grünen Augen und hob den Bogen.

»Nein, ihr beiden Landratten. Dafür gibt es eine viel einfachere Erklärung.« Koggs deutete auf den gebrochenen Mast. »Und die lautet: Windgeister! Lässt du eines dieser Luftelementare einmal aus der Flasche, dann befolgt es deinen Befehl so lange, bis du ihm neue Weisungen erteilst. Ich schätze, Asmus hat eine Windsbraut freigelassen. Die sind für ihren langen Atem bekannt.«

»Fragen können wir ihn leider nicht mehr.« Die Elfe deutete mit versteinertem Gesichtsausdruck auf eine Gestalt an der Bugschanze, die ihnen den Rücken zukehrte. »Ich schätze, dort ist er!«

Kai und Koggs fuhren herum und der Klabauter stieß einen leisen Fluch aus. »Kraken und Polypen! Du hast Recht.«

Der Tote trug eine blaue Kapitänsuniform, die unter all dem Frost silbrig schimmerte. Vorsichtig näherten sie sich ihm. Asmus’ Blick war kühn dem Himmel zugewandt. Seine linke Hand hatte er wie zum Schwur aufs Herz gelegt, die Rechte hingegen zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger zur Bugspitze.

»Seltsam«, murmelte Kai.

»Hier ist alles seltsam«, zischte Koggs und sah sich misstrauisch um, so als erwartete er jeden Moment einen neuen Angriff der Frostgeister.

»Nein, das meine ich nicht«, erklärte Kai. »Das ist nicht gerade die Pose, die ich von einem Kapitän erwarte, der Kampfbefehle erteilt.«

»Aber die Männer hier haben gekämpft«, schnaubte Koggs. »Da verwette ich ein Fass Lebertran drauf. Die sind vor irgendetwas geflüchtet. Schau dir die Ruderbänke an. Da fehlt kein einziger Mann. Die haben sich ordentlich in die Riemen gelegt. Hat ihnen aber nichts genutzt.«

»Aber wieso deutet Kapitän Asmus auf die Bugspitze und blickt gleichzeitig gen Himmel? Vielleicht wollte er uns im Augenblick seines Todes eine Botschaft hinterlassen«, sagte Fi nachdenklich.

»Eine Botschaft?« Koggs folgte dem Fingerzeig des erfrorenen Kapitäns. »Hagel und Blitze, Asmus deutet nicht zum Wasser, sondern auf den Bugspriet. Zur Galionsfigur. Sieh hin!«

Kai reckte sich über die Verschanzung und starrte nach unten. Der Klabauter hatte Recht.

Ehrfürchtig musterte Kai den gebieterischen, rot und gold bemalten Drachenkopf, der unter ihm aufragte. Wie alles an Bord lag auch dieser Teil des Schiffes unter einer dicken Eisschicht begraben.

»Ob er dort unten etwas versteckt hat?«

Bevor Kai es sich versah, klemmte sich Koggs wieder den Säbel zwischen die Zähne und kraxelte über das Schanzkleid. Wagemutig rutschte der dickbäuchige Klabauter an dem Bugspriet entlang und hangelte sich von dort zum hölzernen Drachenkopf hinab.

»Sei vorsichtig!«, rief ihm Kai zu.

Doch Koggs ließ sich nicht beirren. Immer wieder drosch er mit der Klinge auf die Galionsfigur ein und befreite sie so vom Eis.

»Tut mir leid, da war nichts«, brach es enttäuscht aus ihm heraus. »Hab alles abgesucht. Hat der junge Herr Zauberer vielleicht noch einen weiteren Vorschlag? Diesmal vielleicht einen, der etwas weniger Mühe erfordert?«

Kai betrachtete Asmus erneut. Sein Gefühl sagte ihm, dass dieser ihnen tatsächlich etwas über den Tod hinaus mitteilen wollte. Einen Hinweis? Eine Warnung?

»Koggs, was ist das hier?« Kai überwand sich und befreite die bleiche Hand des Toten von Schnee. Die klammen Finger umfassten etwas Goldenes. Einen Schlüssel.

»Na, wer sagt es denn, du Wattwurm. Du machst dem alten Eulertin noch alle Ehre! Sehr bedauerlich, dass der kleine Magister nicht hier ist. Sicherlich könnte er uns sagen, was hier geschehen ist.«