Der silberne Traum - Thomas Finn - E-Book

Der silberne Traum E-Book

Thomas Finn

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Beschreibung

Die Elfe Fi erwacht ohne Erinnerungen auf einem mysteriösen Schiff auf dem Meer. Nach und nach findet sie heraus, dass die böse Nebelkönigin Morgoya das Land und das Volk der Elfen unterworfen und versklavt hat. Gemeinsam mit ihren neuen Freunden, einer Möwe und einem Meermann, begibt sie sich auf eine möglicherweise tödliche Mission: ihr Zuhause zu retten. Eine magische Geschichte über die Hintergründe der Nebelkriege und für alle Liebhaber des Meeres – für jugendliche und junggebliebene Leser. Thomas Finns legendäre Nebelkriege-Chroniken jetzt in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit der Vorgeschichte der Elfe Fi.

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Seitenzahl: 517

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Autor: Thomas Finn

Korrektorat: Aimée M. Ziegler-Kraska

Art Director: Oliver Graute

Karte: Matthias Rothenaicher

Copyright © 2013 by Thomas Finn

Copyright dieser Ausgabe © 2018 by Feder & Schwert GmbH, Köln

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-322-3

ISBN der Printausgabe: 978-3-86762-321-6

Der silberne Traum ist ein Produkt von Feder & Schwert unter Lizenz von Thomas Finn 2018. Alle Copyrights liegen bei Thomas Finn.

Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Für meinen Patensohn Loki,

der mein Leben jeden Tag ein wenig mehr bereichert.

»Und das Meer lag still und eben,

einem reinen Spiegel gleich.

Keines Windes leises Weben

regte das kristallne Reich.«

Hero und Leander –

Eine Ballade von Friedrich Schiller

Sirenengesang

Fi erwachte mit dem Gefühl eines entsetzlichen Verlustes. Ihr Kopf fühlte sich taub an, sie fror und das Herz in ihrer Brust pochte wie nach dem ungestümen Ritt auf einem Einhorn. Einhorn? Beim Gedanken an die wundersamen Rösser ihrer Heimat Lunamon riss Fi die Augen auf. Doch statt lichter Auen und grüner Bäume umfing sie eine bedrückende Düsternis. Die Luft roch brackig und sie schmeckte das Salz des Nordmeers. Die Bilder von stolzen Zauberpferden, lachenden Elfen und dem großen, vom Mond beschienenen Waldsee, an dessen Rand sich die Elfen Albions einst angesiedelt hatten, schwanden wie Tau in der Sonne, verblassten, bis nichts übrig blieb als … Verzweiflung.

Fi stöhnte und griff sich unwillkürlich in den Nacken. Doch alles, was sie zu fassen bekam, war der Stoff eines Kopftuchs, unter dem sie ihr helles Haar zusammengebunden hatte. Irgendetwas daran war nicht richtig. Abermals überkam sie das unangenehme Gefühl, als hätte sie etwas verloren. Doch sosehr sie auch in sich ging, sie kam nicht dahinter, wer oder was ihr diesen Kummer bereitete. Sie empfand nur eine bleierne Leere, die es ihr fast unmöglich machte, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Wo war sie überhaupt?

Im fahlen Mondlicht, das durch eine quadratische Öffnung in der Decke sickerte, zeichneten sich die Umrisse von Fässern,

Taurollen und aufeinandergestapelten Kisten ab. In ihrem Rücken befand sich eine Wand aus Planken, hinter der beständig das Plätschern von Wasser zu hören war. Sie saß im Stauraum eines Schiffes. Beim Traumlicht, wie kam sie auf ein Schiff?

»Bist du endlich wach, Elfenjunge!«, krächzte eine Stimme. Fi wirbelte herum und entdeckte schräg über sich auf einer Hängematte, die zwischen zwei Stützpfeilern baumelte, eine Silbermöwe. Der stattliche Vogel ließ soeben mit schräg gelegtem Kopf eine Muschel aus dem Schnabel fallen. Erst jetzt bemerkte Fi, dass zahlreiche Muscheln auf dem Boden verstreut lagen, als hätte die Möwe sie damit beworfen. Das weiß-graue Gefieder des Vogels wirkte überaus gepflegt und die Schirmfedern formten auf dem Rücken einen kleinen Buckel. Am sonderbarsten kam Fi jedoch der intelligent wirkende Ausdruck in den Augen des Vogels vor.

»Ich weiß zwar nicht, wie du es geschafft hast, diesem Miststück zu entgehen«, krächzte die Möwe weiter, »aber wenn du nicht gefressen werden willst, solltest du rasch auf die Beine kommen.«

Fi blinzelte verwirrt. »Du kannst … sprechen?«

»Natürlich kann ich sprechen«, antwortete die Möwe ungehalten. »Hörst du doch.«

Fi starrte den Vogel an. »Dann musst du eine Tierkönigin sein. Die erste deiner Art, die einst aus dem Unendlichen Licht getreten ist.«

»Königin? Dass ich nicht lache. Nur Zweibeiner bedienen sich solcher Titel. Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit.« Die Möwe spreizte die Flügel und landete auf einer Taurolle neben Fi. »Wenn wir uns nicht beeilen, enden Koggs und seine Mannschaft als Abendmahl. Und du ebenfalls!«

»Koggs?«

»Sag mal, Bürschchen, bist du irgendwo mit dem Kopf aufgeschlagen?« Die Möwe warf Fi einen entrüsteten Blick zu. »Ich spreche von Koggs Windjammer! Klabauterkapitän und größter Schmuggler des Nordmeers. Du willst mir doch nicht weismachen, dass du dich nicht an ihn erinnerst?«

»Es tut mir leid.« Fi rieb sich verzweifelt die Schläfen und sah sich ein weiteres Mal im Schiffsbauch um. Noch immer hatte sie nicht den blässesten Schimmer, wie sie an diesen Ort gelangt war oder weshalb die Möwe sie für einen Elfenjungen hielt. »Ich weiß weder, wie ich auf das Schiff gekommen bin, noch wer dieser Koggs ist. Ich erinnere mich nicht einmal richtig daran … wer ich bin.« Die letzten Worte brachte Fi nur noch flüsternd hervor. Die bittere Erkenntnis entsetzte sie so sehr, dass ihr für einen Augenblick die Stimme versagte.

Die Möwe neigte den Kopf und sah sie nachdenklich an. »Gut möglich, dass sich der Gesang der Sirenen bei euch Elfen anders auswirkt als bei Klabautern oder Menschen.«

»Sirenen?«

»Sie sind der Fluch der Meere«, krächzte die Möwe. »Aus der Ferne wirken diese Ungeheuer so verführerisch wie Meernymphen, doch in Wahrheit sind sie, sagen wir mal, etwas größer. Sie sind bekannt für ihren unstillbaren Hunger auf Fleisch – und damit meine ich jede Art von Fleisch. Mit ihrem Gesang bringen sie alle männlichen Wesen um den Verstand. Moment mal...« Die Möwe watschelte bis an den Rand der Taurolle und betrachtete Fi eingehend. »Du bist ja gar kein Elf. Du bist eine Elfe! Wieso hast du dich der Mannschaft gegenüber als Junge ausgegeben?«

»Habe ich das?« Fi richtete sich nun endgültig auf und besah sich ihre durchnässte Kleidung. Sie trug eindeutig Männersachen. Schlichte Stiefel, eine abgewetzte Lederhose sowie eine graue Weste mit Fellbesatz über einem zerschlissenen Hemd, das an ihrem Oberkörper klebte und ihre weiblichen Rundungen zum Vorschein kommen ließ.

»Ich kann dir die Frage nicht beantworten.« Fi ächzte. »Ich soll Teil der Mannschaft sein? Seit wann?«

»Herrje, das ist doch jetzt völlig egal«, brauste der Vogel auf. »Seit Koggs und seine Männer dich an der Küste Albions aufgelesen haben. Vor einer Woche oder so. Ein Elf in den Menschengebieten ist schließlich keine Alltäglichkeit in Albion. Koggs und ich kamen leider nicht dazu, uns länger über dich zu unterhalten, denn kurz nachdem ich meine Botschaft überbracht hatte, hat uns diese Sirene überrascht. Immerhin«, die Möwe reckte den Hals, »das erklärt zumindest, warum wir nicht dem Sirenengesang zum Opfer gefallen sind. Wir zwei sind eben keine Männer, ha. Aber die kann man sowieso nicht lange allein lassen. Da kommt nie was Gutes bei raus.«

Fi hatte sich also als Junge ausgegeben. Ohne zu wissen warum, spürte sie, dass es wichtig war, ihr wahres Geschlecht zu verbergen. Überaus wichtig. Es kam ihr so vor, als wäre die Tarnung schon lange zu ihrer zweiten Natur geworden. Einen Moment lang blitzten vereinzelte Bilder in ihrem Gedächtnis auf, Erinnerungen an eine Flucht. Doch bevor sie danach greifen konnte, waren sie auch schon wieder verflogen.

»Mein Kopf kommt mir wie leer gefegt vor.« Fi ballte verbittert die Fäuste. »Ich wäre dir daher dankbar, wenn auch weiterhin niemand erfährt, dass ich eine Elfe bin. Versprichst du mir das?«

Die Möwe rollte ungeduldig mit den Augen. »Meinetwegen.«

»Mein Name ist Fiadora. Aber meine Freunde nennen mich Fi.« Wenigstens daran erinnerte sie sich. Nur wer waren ihre Freunde? »Ich stamme aus Lunamon.«

»Lunamon?« Die Möwe stieß ein Krächzen aus, das eher einem Seufzen ähnelte. »Das tut mir leid für dich. Wie man hört, hat Morgoya die Heimat deines Volkes dem Erdboden gleichgemacht. Auch alle Rückzugsorte, an denen die Ritter von König Drachenherz in den letzten Jahren noch Widerstand leisteten, sind gefallen. Die Insel ist jetzt vollkommen in ihrer Gewalt.«

Bei der Erwähnung der Nebelkönigin Morgoya, die die Macht über Albion gewaltsam an sich gerissen hatte, zuckte Fi unwillkürlich zusammen. Und als wäre mit der Nennung der unheimlichen Zauberin ein Damm gebrochen, stiegen vor ihrem geistigen Auge plötzlich die Bilder von brennenden Bäumen, rauchenden Ruinen und geflügelten Schatten auf, die vom Nachthimmel auf Lunamon herabstießen. Die Schreie sterbender Elfen hallten leise in ihren Ohren und sie glaubte sogar, den beißenden Qualm der Feuersbrünste riechen zu können.

»Kannst du mir sagen, wie lange das her ist?«, fragte sie gequält.

»Neunzehn Jahre.«

»Neunzehn Jahre?« Fi wankte zurück und stieß gegen die Schiffswand. Ihr kam es vor, als wäre sie erst gestern Zeuge des Angriffs auf ihr Volk gewesen. Oder vielleicht vor einem Monat. Aber neunzehn Jahre? Verzweifelt lauschte sie in sich hinein, doch da waren nur weitere unzusammenhängende Erinnerungsfetzen. Ausgemergelte Elfen in einer Höhle. Peitschen, die auf blanke Rücken niedersausten. Ein Bergwerk? Fi blinzelte.

Abermals stieg die Erinnerung an eine Flucht in ihr auf. Eine lange Flucht. Kämpfe. Unzählige erbitterte Kämpfe. Entbehrungen. Schließlich das Gesicht eines langhaarigen Elfen, der ihr Mut zusprach und ihr die Hand reichte. Doch der Strom der Bilder riss ebenso unvermittelt ab, wie er gekommen war.

Neunzehn Jahre! Wieso erinnerte sie sich nicht an diese Zeit? War sie vielleicht wirklich irgendwo mit dem Kopf aufgeschlagen? Hastig tastete Fi nach einer Beule, doch da war keine.

»Hör zu, Fi«, die Möwe klang diesmal deutlich ungeduldiger, »mein Name ist Kriwa. Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber im Moment ist das auch unwichtig. Zunächst einmal müssen wir Koggs und seine Mannschaft retten. Er ist einer der erbittertsten Feinde Morgoyas. Wenn wir hier nur tatenlos rumhocken und schwatzen, wird die Sirene ihn und seine Männer entweder fressen oder an die Nebelkönigin ausliefern. Ohne Zweifel ist das Miststück eine Dienerin Morgoyas. Und wenn die Sirene dich hier entdeckt, wird sie mit dir ebenso verfahren.«

»Ich darf auf keinen Fall in Morgoyas Fänge geraten!« Die Worte sprudelten aus Fi heraus, ohne dass sie wusste, warum sie sich dessen so sicher war.

»Gut«, antwortete die Möwe. »Ich selbst lebe übrigens an der Küste südlich des Nordmeers. Die Bewohner des Kontinents leben noch in Freiheit. Ich betone – noch. Dort habe ich einen Freund, der deinem Gedächtnis sicher wieder auf die Sprünge helfen kann.«

»Und wer ist das?«

»Er ist ein Magier. Aber auch das ist im Augenblick zweitrangig, denn um das Festland zu erreichen, brauchst du Koggs. Ohne ihn wirst du das Nordmeer nicht überqueren können.«

Fi machte ein finsteres Gesicht. »Ich hasse die Nebelkönigin. Ihre Feinde sind meine Freunde. Hast du einen Plan?«

»Na ja, wie man’s nimmt.« Kriwa drehte den Kopf auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit des Laderaums. »Koggs’ Schiff ist an der Küste eines felsigen Eilands im Süden Albions gestrandet. Die Brutstätte dieser Sirene. Er und seine Männer sind dem Ungeheuer willenlos bis zu einer Grotte gefolgt, als wären sie besoffen – was auf diesem Kahn öfter mal vorkommt. Nur, dass sie in diesem Fall unter dem Einfluss des Sirenengesangs standen.« Die Möwe krächzte aufgebracht. »Inzwischen müssten sich die Männer in einer Art Zauberschlaf befinden. Allerdings verfügt Koggs über einen Vorrat an magischen Elixieren. Damit könnte es gelingen, die Männer aus ihrer Trance zu reißen. Magie gegen Magie. Aber allein schaffe ich das nicht.«

»Du sprichst von Zauberelixieren?«

»Jahaaaa. Nur deshalb bin ich doch hier unten.« Kriwa schlug ungehalten mit den Flügeln, stieß sich von der Taurolle ab und flatterte in den hinteren Teil des Stauraums. Fi folgte der Möwe vorsichtig zu einem Versteck hinter drei aufeinandergestapelten Fässern.

»Dummerweise kann ich die Kiste mit Koggs’ Vorräten nicht öffnen«, krächzte Kriwa. Fi entdeckte den Vogel auf dem Deckel einer Truhe, die über und über mit maritimen Motiven verziert war. Die Möwe pickte mit dem Schnabel gegen ein breites Vorhängeschloss. »Versuch du dein Glück. Ich sehe oben nach, ob die Luft rein ist. Nicht, dass uns die Sirene noch auf die Schliche kommt.« Mit diesen Worten sauste die Möwe an der festgezurrten Ladung vorbei und durch die Luke nach draußen.

Fi rieb sich die Stirn. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie in diese Situation geraten war. Doch als sie an dem Vorhängeschloss rüttelte, fühlte sie zum ersten Mal, seit sie sich in dem Schiffsbauch wiedergefunden hatte, eine Art Zuversicht in sich aufsteigen. Es kam ihr fast so vor, als wäre es ihr vorherbestimmt, an diesem Ort zu sein.

Selbst in dunkelster Nacht, selbst in tiefster Verzweiflung, vertraue auf das Unendliche Licht. Denn auch du bist Teil des Musters, aus dem die Schöpfung besteht.

Fi hielt überrascht inne. Jemand, der ihr nahestand, hatte ihr diese Worte einst mit auf den Weg gegeben. Ihre Mutter? Doch sosehr sie sich auch anstrengte, vor ihrem inneren Auge zeichnete sich nur ein blasser Schemen mit vage elfischen Zügen ab.

Fi atmete tief durch. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Sie griff nach einem Holzhammer, der nicht weit von ihr entfernt neben einer Kiste mit Schiffsnägeln lag, und schlug mit dem schweren Hammerkopf, so fest sie konnte, auf das Vorhängeschloss ein. Sie brauchte drei Anläufe, dann fiel es klirrend zu Boden. Hastig öffnete sie den Deckel und starrte staunend auf acht bauchige Fläschchen aus regenbogenfarbenem Feenkristall, die in Filz gebettet in der Truhe lagen. Jede von ihnen war mit einem Korken verschlossen und zusätzlich mit rotem Wachs versiegelt. Kriwa hatte nicht zu viel versprochen. Allein das magische Kristall, aus dem die Phiolen bestanden, war überaus kostbar. Das Material stammte aus dem Reich der Feenkönigin Berchtis, die auf dem Kontinent im Süden weit entfernt vom Nordmeer lebte. Berchtis galt als größte Feindin Morgoyas, doch es blieb Fi ein Rätsel, warum sie sich ausgerechnet daran erinnerte. Feenkristall musste über den Seeweg nach Albion eingeführt werden. Magier und Alchimisten verwendeten es, da es die Eigenschaft besaß, Zauber zu verstärken und zu erhalten. Wer auch immer dieser Koggs war, er musste über besondere Handelskontakte verfügen.

Fi zog eine der Flaschen aus der Truhe und betrachtete die blau leuchtende Flüssigkeit in ihrem Inneren. Dabei spürte sie sogar ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen. Magie! Sie wusste nur nicht, welchen Nutzen das Elixier hatte. Rasch griff sie zu einer zweiten Flasche. Darin schwappte eine grüne Tinktur. In einem dritten Fläschchen wallte dagegen ein eigentümlicher Nebel.

»Und?«

Fi hörte hinter sich ein aufgeregtes Flügelschlagen. Sie drehte sich um und präsentierte der Silbermöwe ihren Fund. Da sie die Wirkung der Elixiere nicht kannte, aber auch nicht alle Phiolen mitnehmen konnte, beließ sie es bei den drei Flaschen, verstaute sie unter der Weste und schloss den Deckel der Truhe.

»Was ist mit der Sirene?«, fragte sie die Möwe.

Kriwa ließ sich auf einem der Fässer nieder. »Ich konnte sie nirgends entdecken«, krächzte sie bedrückt. »Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Sie könnte überall lauern. Los, komm!« Die Möwe stieß sich ab und flatterte wieder der Luke entgegen.

Fi schüttelte das Hemd auf und zog die Weste vor der Brust enger zusammen. So sollte man nicht mehr erkennen können, dass sie ein Mädchen war. Sie folgte der Möwe zu einer Leiter, doch als sie an der Stelle vorbeikam, an der sie erwacht war, blieb sie noch einmal stehen. Neben der Taurolle lag ein Bogen. Das war ihr Bogen! Und da lag auch ihr Köcher aus Hirschleder, in dem drei Pfeile steckten. Ob das ausreichte, um einer Sirene beizukommen? Sie hob den Bogen auf, griff nach dem Köcher und hängte ihn sich an den Gürtel.

Rasch kletterte sie an der Leiter zur Luke hinauf und erreichte das Mitteldeck eines knapp zwanzig Schritte langen Segelschiffs, dessen Masten sich dunkel im blassen Mondlicht abzeichneten. Fi atmete die nach Pech und Holz riechende Seeluft ein. Segel und Takelage des Schiffs hingen von den Rahen wie die schlaffen Zweige einer Trauerweide. Weiter hinten konnte sie auf dem Heckkastell schwach ein verlassenes Steuerrad ausmachen und irgendwo weiter vorn rollte ein Gegenstand über die Planken, dem leise Trippelgeräusche folgten. Ratten!

Es war nicht ungewöhnlich, dass auf einem Schiff dieser Größe Ratten hausten, doch Fi misstraute den Tieren. Sie galten auf Albion als Diener der Nebelkönigin, als ihre Augen und Ohren. Aus irgendeinem Grund wusste sie auch das.

Abgesehen davon herrschte an Deck eine beängstigende Stille. Dabei strich beständig ein schwacher Wind über die Aufbauten, der einen eigentümlichen Nebel von der See mitbrachte. Grau und formlos krochen die Dunstschleier über das Schiff und umspielten sogar Fis Füße. Sie verzog das Gesicht. Sie spürte, nein, sie wusste, dass der Nebel keinen natürlichen Ursprung hatte. Er markierte das Herrschaftsgebiet Morgoyas.

Fi machte ein paar vorsichtige Schritte und entdeckte verschiedene Gegenstände unter den grauen Schwaden: einen Eimer, mehrere Belegnägel, einen Schiffshobel, eine Matrosenmütze und ein Schnitzmesser samt Holzscheit. All die Dinge lagen an Deck verstreut, als hätten ihre Besitzer sie kurzerhand fallen lassen.

»Nun komm schon!«, hörte Fi wieder die Stimme Kriwas. Die Möwe flatterte zur Steuerbordreling. Fi folgte ihr und sah, dass das Schiff in der Bucht eines schmalen Eilandes vor Anker lag, das wie ein Berg aus dem Meer aufragte. Die sandige Küste der Insel war von Klippen gesäumt, die im Mondlicht wie geballte Fäuste und aufgerissene Mäuler wirkten. Noch überragt wurden sie von einer scharfkantigen Felsformation, deren schroffe Graten und Spitzen an eine Burgruine erinnerten.

Fi hielt den Bogen schussbereit und sprang mit elfischer Gewandtheit ins flache Wasser. Sie watete an Land und bahnte sich in geduckter Haltung langsam einen Weg zur Mitte der Insel, während sich Kriwa auf ihrer Schulter niederließ.

»Wohin?«, flüsterte Fi.

»Zum Eingang der Grotte«, kam es leise zurück. Die Möwe deutete mit dem Schnabel voraus. »Gleich da vorne.«

Fi kniff die Augen zusammen und entdeckte etwa dreißig Schritte entfernt zwischen zwei hohen Felsen den Eingang zu einer Höhle. Kriwa erhob sich und flog voran. Fi behielt wachsam die Umgebung im Auge und steuerte weiter auf ihr Ziel zu. Nachdem sie die beiden Felsen passiert hatte, stieg ihr ein unerwartet heftiger Gestank nach fauligem Fisch in die Nase. Roch so die Bewohnerin der Grotte? Fi schüttelte sich angeekelt und stieg eine sandige Schräge hinab. Es wurde immer dunkler, bis sie trotz ihrer scharfen Elfensinne nichts mehr sehen konnte. Sie lauschte in die Finsternis und nahm Bogen und Pfeil in die linke Hand. Mit der Rechten fischte sie die Phiole, in der sich die leuchtende Flüssigkeit befand, unter der Fellweste hervor. Sofort wurde die Umgebung in ein bläuliches Licht getaucht und Fi schlich weiter voran. Irgendwo gurgelte Wasser und der faulige Fischgeruch wurde mit jedem Schritt intensiver. Als sie endlich die Grotte erreichte, von der Kriwa gesprochen hatte, riss Fi entsetzt die Augen auf. Die riesige Höhle wirkte wie eine Gruft. An zahlreichen Stellen tropfte Wasser von den Wänden, doch Fi hatte nur Augen für einen fast hüfthohen Berg aus abgenagten Knochen, der in der Mitte der Grotte aufgetürmt war. Zahlreiche Totenschädel glotzten sie aus leeren Augen an.

»Bei allen Schatten«, keuchte sie. Rasch stellte sie die Phiole auf dem Sandboden ab und spannte den Bogen. Schräg über ihr war ein Flattern zu hören und sie entdeckte im bläulichen Dämmerlicht Kriwa, die um merkwürdige tropfenförmige Gebilde herumflog: engmaschige Netze aus geflochtenem Seetang. Fi zählte fast dreißig von ihnen. Sie hatten die gefangenen Seeleute gefunden.

Fis Blick wanderte zurück zum Knochenberg. Wo war die verdammte Sirene? Nirgends war eine Bewegung auszumachen. Sie hob die Flasche mit dem leuchtenden Zauberelixier wieder auf, steckte sie in den Hosenbund und schlich mit gespanntem Bogen tiefer in die Grotte hinein. Auf dem sandigen Untergrund entdeckte sie breite Schleifspuren, als hätte sich dort ein schwerer Körper entlanggeschlängelt. Rechts und links davon befanden sich in regelmäßigen Abständen Abdrücke wie von Krallen. Da bemerkte Fi zwischen Knochen und Kleiderresten ein Messer. Rasch nahm sie es an sich.

»Wo ist die Sirene?«, flüsterte sie der Möwe zu.

»Ich weiß es nicht«, krächzte Kriwa leise. »Wenn wir Pech haben, noch irgendwo auf der Insel. Mit etwas Glück aber auf einem Tauchgang. Sirenen sind immerhin Geschöpfe des Meeres …«

»Lass gut sein und halt weiter die Augen auf«, unterbrach Fi den Vogel. »Zeig mir lieber, wer von denen da oben Koggs ist.«

Kriwa stieg zu jenem Tangnetz auf, das unmittelbar über dem Knochenberg hing. Fi seufzte. Die meisten Netze hingen knapp anderthalb Schritte über dem Höhlenboden. Manche von ihnen waren auch höher angebunden. Entschlossen zielte sie auf den Strang, mit dem das Netz an der Höhlendecke befestigt war. Der Pfeil zerfetzte den Strang und das Tangbündel stürzte auf den Berg aus Knochen, von denen sich einige lösten und klappernd herunterfielen.

Geschwind kletterte Fi zu dem Bündel hinauf und vernahm aus dem Innern ein schmerzhaftes Stöhnen. Nach ein paar beherzten Schnitten mit dem Messer kam unter den Pflanzensträngen ein bärtiges Gesicht mit roter Säufernase und schiefen Zähnen zum Vorschein, dessen Stirn halb von einem verrutschten Dreispitz bedeckt war.

»Kraken und Polypen, stinkt das hier! Ist ja schlimmer als auf einer Latrine!«, schimpfte Koggs.

»Geht es bitte etwas leiser«, zischte Fi, während sie dem Kapitän dabei half, sich aus dem Netz zu befreien. Murrend warf er die letzten Stränge ab, kam schwankend auf die Beine und rückte sich den Dreispitz zurecht.

Fi musterte den kleinen Mann interessiert. Genau wie Kriwa gesagt hatte, handelte es sich bei Koggs Windjammer um einen Klabauter. Er reichte ihr kaum bis zur Brust. Allerdings machte der Seekobold seine mangelnde Körpergröße mit einem ausladenden Schmerbauch wett, der kugelrund unter der knielangen Kapitänsjacke hervorlugte.

Koggs schniefte und schien erst jetzt den Knochenberg wahrzunehmen, auf dem er stand. Verärgert presste er die Lippen aufeinander und gab ein Geräusch von sich, als stemmte er sich gegen ein unsichtbares Hindernis. Fi sah, dass sein rechter Oberschenkel in einem Holzbein auslief, dessen untere Hälfte im Knochenberg steckte. Wütend zerrte der Klabauter daran.

»Was glotzt du so, Jungchen«, wetterte er. »Hilf mir lieber!«

»Leise!« Fi trat zu ihm und mit vereinten Kräften zogen sie an dem Holzstumpf. Mit einem Ruck löste sich das Bein aus den Knochen und Fi kippte zusammen mit dem Seekobold hintenüber. Lärmend rutschten sie den Knochenberg hinunter.

Spätestens jetzt erwartete Fi, dass die Sirene auftauchen würde, doch in der Grotte blieb es weiterhin still. Nur die steten Tropfgeräusche waren zu hören.

Neben ihr machte der Klabauter seinem Unmut Luft. »Dreimal verfluchter Seeschlangendreck! So kann man doch nicht arbeiten!« Plötzlich grinste er. Sein Blick ruhte auf den Phiolen, die aus Fis Weste gefallen waren. »Wie ich sehe, weißt du, was dein Käpt’n braucht!« Gierig langte er nach den drei Fläschchen, wog sie nacheinander kurz in den Händen und entkorkte schließlich die Phiole mit der grünen Flüssigkeit. Mit nur einem kräftigen Zug leerte er die Flasche und rülpste anschließend laut. »So, schon besser. Kann mir jetzt mal jemand erklären, wo wir hier sind?«

Fi starrte den Klabauter ungläubig an. »Das war ein Zauberelixier. So etwas ist überaus kostbar!«

»Ach was.« Koggs betrachtete die leere Phiole und zuckte mit den Schultern. »Vor allem war es ganz schön hochprozentig. Genau das, was ein Mann von meinem Format braucht.« Mühsam kam er auf die Beine. »Tröste dich, das edle Tröpfchen war sowieso nur dazu gut, einen Sturm zu besänftigen. Und mal ehrlich: Welcher echte Seemann geht so einem Wetterchen aus dem Weg? Um dich herum tobt der Wind, haushohe Wellen drohen dein Schiff zu zerschlagen und hinter dir steht eine Mannschaft, die sich die Seele aus dem Leib kotzt. Ha, sag selbst, was gibt es Besseres?« Er schniefte zufrieden und warf das kostbare Gefäß kurzerhand auf den Knochenhaufen. »Also, was ist jetzt? Folgt noch eine Erklärung?«

Über ihnen flatterte es und Kriwa landete auf dem Knochenberg. »Koggs, wir stecken ziemlich in der Klemme.« Rasch berichtete die Möwe, was sich in den letzten Stunden ereignet hatte.

»Eine Sirene also, ähem.« Der Klabauter räusperte sich verlegen. »Natürlich, damit hätte ich rechnen müssen. Ich meine, damit habe ich natürlich gerechnet. Ein erfahrener Kapitän wie ich würde natürlich nie in so eine plumpe Falle tappen. In Wahrheit habe ich mich nur von ihrem Gesang umgarnen lassen, weil... weil schließlich allgemein bekannt ist, dass Sirenen wertvolle Schätze hüten.«

Fi und Kriwa warfen sich einen zweifelnden Blick zu.

»Versteht ihr?« Koggs’ Stimme nahm einen verschwörerischen Unterton an. »Das alles gehörte zu einem geheimen Plan. Seit Wochen, ach was sage ich, seit Monaten von mir ausgeklügelt. Mit einer Tierkönigin und einem Elf an Bord konnte gar nichts schiefgehen. Und seht selbst.« Er breitete zufrieden die Arme aus. »Mein Plan ist aufgegangen. Wir stecken tief im Hort dieses Monsters!«

»Wir stecken tief im Schlamassel, du Saufbold!«, schimpfte Kriwa.

»Ach komm schon, du Federball, sonst bist du doch auch für jedes Abenteuer zu haben.«

»Wie wäre es, wenn wir zuerst den Rest der Mannschaft befreien würden?«, warf Fi ein. Warum auch immer sie sich diesem Koggs Windjammer angeschlossen hatte, sie musste ziemlich verzweifelt gewesen sein.

»So lobe ich mir das, du Spitzrochen.« Koggs nahm Fi kurzerhand jene Phiole ab, in der die Nebelschwaden wogten. »Mutig, entschlossen und den Blick stets auf den Horizont gerichtet. Nicht so, wie unser herausgeputztes Fräulein Silbermöwe hier. Aber das ist ja typisch für verzärtelte königliche Hoheiten.«

»Wie bitte?« Kriwa sah Koggs böse an.

»Ist doch wahr.« Er wollte gerade die zweite Flasche öffnen, doch Fi hielt ihn zurück.

»Entschuldigt, Kapitän Windjammer.« Sie betonte seinen Titel mit leichter Verärgerung. »Aber das hier ist keine Hafenschenke. Wir befinden uns im Versteck einer blutrünstigen Sirene, die jeden Augenblick wieder auftauchen kann. Statt Euch mit kostbaren Zauberelixieren volllaufen zu lassen, sollten wir …«

»Ist ja schon gut, Elfenjunge.« Koggs tätschelte Fis Hand. »Du musst keine Angst haben. Dein Käpt’n weiß, was er tut.« Fi war sprachlos. Bevor sie es verhindern konnte, hatte Koggs auch die zweite Phiole entkorkt. Aus der Öffnung wallte weißer Rauch, der gleich darauf zu Boden sank. Unvermittelt kam ein leiser Wind auf, der sogar den Gestank in der Grotte vertrieb. Fi trat überrascht einen Schritt zurück, als zu Füßen des Klabauterkapitäns zwei durchscheinende Windsbräute erschienen. Die weiblich anmutenden Elementargeister flogen mit wehenden Haaren um den Seekobold herum, hoben ihn an und trugen ihn durch die Luft.

»Seht ihr, der alte Koggs vergisst seine Männer nicht.« Er schwebte bereits einen Kopf über Fi und drehte sich theatralisch im Kreis. Kriwa verdrehte die Augen. Triumphierend zog Koggs seinen Säbel, doch Fi hatte nur Augen für die säuselnden Windsbräute, die den kleinen Mann umkreisten. »Und während ich mich hier abrackere«, kam es von oben, »könntet ihr euch auch mal nützlich machen und nach der Sirene suchen.« Koggs war längst zu einem der vielen Netze aufgestiegen, hackte mit seiner Klinge auf den Haltestrang ein und sah ungerührt dabei zu, wie das Tangbündel samt Inhalt in die Tiefe stürzte. Dem Aufschlag auf dem Boden folgte ein gedämpfter Schmerzensschrei.

»Na, das klingt mir doch ganz nach Bootsmann Rob. Sieh das als Bestrafung dafür, dass du neulich im Ausguck eingeschlafen bist.«

Im Innern des Netzes bewegte sich ein Körper und ein dumpfer Klagelaut war zu hören. Doch Koggs schwebte bereits zum nächsten Netz an der Höhlendecke.

»Ist der immer so?«, wollte Fi wissen.

»Frag nicht«, seufzte die Möwe. »Du solltest ihn mal erleben, wenn er nichts getrunken hat. Aber eins ist sicher: Koggs trägt das Herz am rechten Fleck.«

»Na gut, dann schauen wir uns weiter um. Ich traue dem Frieden nicht.« Fi hob ihren Bogen und das Fläschchen mit dem leuchtenden Zauberelixier auf und wandte sich wieder den breiten Schleifspuren zu.

Von der Grotte gingen zwei Tunnel ab, die noch tiefer in den Fels hineinreichten. Ein Tunnel führte schräg in die Tiefe, bis er gänzlich von Wasser bedeckt war. Doch die Schleifspur lief in den anderen Gang.

Plötzlich glaubte Fi, in dem Stollen Gestalten zu sehen. In ihrem Kopf blitzten Bilder von ausgemergelten Elfen mit Spitzhacken in den Händen auf und für einen Moment hörte sie das Klatschen von Peitschen auf nackter Haut. Fi blinzelte erschrocken. Nein, in Wahrheit waren das nur die Tropfgeräusche aus der Grotte. Die trügerischen Schemen verblassten so unvermittelt, wie sie gekommen waren, und Fi schaffte es nicht, die Bilder noch einmal heraufzubeschwören.

Gefasst folgte sie dem gewundenen Gang und hörte hinter sich Kriwas Flügelschlag. Der Tunnel war relativ hoch und gabelte sich noch einmal. Auch hier tropfte es unaufhörlich von den Wänden. Fi sah, dass sich das Wasser in der Schleifspur sammelte und den Gang hinabfloss. Fi und Kriwa folgten dem Wasserlauf, der sie schließlich zu einer ebenso dunklen wie feuchten Höhle führte, von der zwei weitere Tunnel abgingen. Der schreckliche Fäulnisgeruch war hier besonders ekelerregend.

Fi blieb alarmiert stehen. An den Wänden der Höhle hafteten phosphoreszierende Algen, die ein gelbliches, irgendwie schmutzig wirkendes Licht verströmten. Besonders dicht war der Algenbewuchs um ein schwarzes Wasserloch in der Mitte der Höhle, das wie ein übergroßes Auge aus den Algen hervorstach. Überall auf dem Höhlenboden verstreut lagen abgenagte Fischgräten. Gab es dort eine Verbindung zum Meer?

»Spürst du den Luftzug?«, wisperte Fi.

Kriwa nickte. Offenbar hatte auch die Möwe den Wind bemerkt, der aus dem Gang zu ihrer Linken kam und den Gestank in der Höhle etwas erträglicher machte. Dort musste es einen weiteren Ausstieg aus dem Höhlenlabyrinth geben.

Fi wandte sich gerade dem zugigen Stollen zu, als Bewegung in das Wasserloch kam. Das Wasser begann wie in einem Kochtopf zu brodeln, schwappte über den Felsenboden und schwemmte die Fischgräten fort. Rasch verbarg Fi das leuchtende Zauberelixier unter ihrer Weste, huschte zurück in den Gang, aus dem sie gekommen war, und presste sich eng an die Felswand. Nur einen Augenblick später fuhren Klauenhände aus dem Wasser und gebogene Krallen klammerten sich an den Rändern des Wasserlochs fest. Jetzt schob sich ein massiger Körper mit strähnigen, tropfnassen Haaren in die Höhle, bei dessen Anblick Fi der Atem stockte: die Sirene!

Das Scheusal, halb Frau, halb Fisch, besaß einen schuppigen weißlichen, aufgeschwemmten Körper und war viel größer, als Fi angenommen hatte. Vom Kopf bis zur Schwanzflosse maß der glitschige Fischleib mindestens fünf Schritte. Hinzu kamen die überlangen, seltsam abgewinkelten Arme, mit denen sich die Sirene aus dem Wasserloch zog. Sie hob den Kopf und gab einen schnatternden Laut von sich, der an das Gurgeln ertrinkender Seeleute erinnerte. Unter den wirren Haaren zeichnete sich jetzt die Fratze einer menschlich anmutenden alten Frau ab, nur dass anstelle der Nase grässliche Kiemenspalten zu sehen waren. Am schrecklichsten jedoch war der Anblick des weit aufgerissenen Haifischmauls mit den langen, spitzen Reißzähnen, das sich von einem Ohr bis zum anderen zog. Eine lange Zunge leckte über Lippen und Zähne.

»Komm!«, zischelte die Sirene, glotzte mit roten Augen in das Wasserloch und kicherte irre. »Komm zu Mutter! Mutter hat dich erwartet. Mutter wird sich um dich kümmern, so wie sie es versprochen hat.« Geifer lief aus ihrem Maul, sammelte sich zwischen den Brüsten und tropfte zu Boden. Sie krümmte den langen Fischschwanz, zerrte mit den überlangen Armen ein Bündel aus Tang aus dem Wasser und ließ es samt Inhalt neben sich auf den Felsboden klatschen.

»Schöner Fang. Schöner Fang!«, hechelte sie. »Mutter weiß, wie gut du schmeckst. Mutter würde dich gern fressen. Ja, das würde sie. Aber Mutter darf nicht. Noch nicht.« Die Sirene packte die Beute mit einer ihrer Klauen und richtete ihren menschlichen Oberkörper so hoch auf, dass sie fast gegen die Höhlendecke stieß. Ihr Fischschwanz wand sich derweil wie eine Schlange. Mit dem anderen Arm krallte sie sich am Boden fest und zerrte das Netz in den rechten Felstunnel. Kurz darauf war das Ungeheuer aus Fis Sicht verschwunden. Sie hörte nur noch ein fernes Platschen, gefolgt von einem irren Singsang, der verzerrt von den Höhlenwänden widerhallte.

»Bei allen Schattenmächten, das ist die Sirene?« Fi sah Kriwa fassungslos an. »Sagtest du nicht, sie sei nur etwas größer als eine Meernymphe?«

»Na ja, ich wollte dich nicht beunruhigen«, antwortete die Möwe wenig schuldbewusst.

»Wie zuvorkommend!« Längst hielt Fi den Bogen schussbereit. Noch zwei Pfeile. Gegen ein derartiges Monster kam sie unmöglich mit nur zwei Pfeilen an. Während Fi noch überlegte, was sie tun konnte, war von irgendwoher der silberhelle Klang einer Glocke zu hören. Das durchdringende Geräusch schmerzte in den Ohren und Fi stellten sich die Nackenhaare auf. Es kam aus dem linken Tunnel, aus dem der Luftzug wehte. Selbst Kriwa legte irritiert den Kopf schräg.

Kurz darauf ertönten wieder hässliche Kratz- und Schabelaute. Fi konnte sich bildhaft vorstellen, wie die Sirene ihren massigen Fischkörper zurück in die Höhle zwängte.

»Mutter kommt schon«, hechelte das Scheusal. »Mutter kann es kaum erwarten, ihrer Herrin eine gute Dienerin zu sein.« Die Schleifgeräusche zogen sich durch die Höhle, wurden schließlich leiser, bis nur noch das Glucksen aus dem Wasserloch zu hören war.

»Was war das?«, flüsterte Fi.

»Ein Schiff. Womöglich aus Albion«, antwortete Kriwa, die bereits zurück in Richtung Grotte flog. »Schnell, lass uns Koggs warnen.«

»Warte!« Fi trat aus ihrem Versteck und näherte sich dem Tunnel, in den die Sirene ihre Beute geschleift hatte. »Lass uns erst nachsehen, was dieses Biest mitgebracht hat.«

Sie umrundete das Wasserloch und betrat vorsichtig den Felsengang. Der üble Geruch nach verrottetem Fisch drehte ihr fast den Magen um, doch die Neugier trieb sie weiter, denn aus der Ferne war ein leises Plätschern zu hören.

Fi gelangte in eine weitere Höhle, nicht größer als der Stauraum auf Koggs’ Schiff. Die niedrige Gesteinsdecke glänzte feucht und kleinere Stalaktiten hingen wie Eiszapfen daran.

Unmittelbar vor Fi spannte sich eine Wasserfläche auf, die fast die Hälfte des Felsengewölbes einnahm und dessen bewegte Oberfläche im Schein der Phiole bläuliche Lichtreflexe an die Wände warf. Fi lauschte. Erst als sie sicher war, dass niemand auf sie lauerte, hielt sie das Fläschchen mit dem leuchtenden Elixier etwas höher.

Kriwa flatterte aufgeregt mit den Flügeln. »Siehst du das?«

Fi nickte. Auch sie konnte das Tangnetz erkennen. Es hing vor ihnen im Wasser und war mit drei straff gespannten Strängen festgemacht.

Fi schulterte den Bogen und watete ins Wasser, das glücklicherweise nicht tiefer als ein Tümpel war. Das salzige Nass stand ihr nur bis zum Bauch, als sie das Netz endlich erreichte. Rasch tastete sie es ab. Sie fühlte Arme und einen Kopf. Wen auch immer die Sirene hier gefangen hielt, das Opfer konnte ohne Atemluft nicht mehr am Leben sein.

Unvermittelt zuckte der Körper.

»Beim Traumlicht, da drin ist noch Leben!« Fi ließ die Flasche mit dem Zauberelixier ins Wasser fallen, zückte das Messer und durchtrennte die Stränge, die das Netz im Wasser hielten. Sie packte den Körper unter den Achseln und zog ihn aus dem glitschigen Gefängnis. Nasse, lange Haare fielen über Fis Unterarme. War das eine Frau? Die leuchtende Phiole, die neben ihr auf dem Wasser dümpelte, warf kaum genug Licht, um Einzelheiten zu erkennen.

Endlich hatte Fi den Körper ans Ufer gezogen, während Kriwa die Phiole aus dem Wasser fischte und ihr zurückbrachte. Fi richtete sich auf und nahm der Möwe die Flasche ab. Sofort erkannte sie, dass sie einen jungen Mann vor sich hatte. Sein Oberkörper war überaus athletisch geformt. Das Gesicht mit dem energischen Kinn war von einem Gewirr langer Haarsträhnen bedeckt, die Fi im bläulichen Licht eher an Algen als an Haare erinnerten. Die Augen waren geschlossen, doch irgendetwas an seinem Gesicht war seltsam. Irgendwie war die Nase etwas klein, außerdem besaß er keine Augenbrauen. Hinzu kam, dass der Fremde völlig unbekleidet war, abgesehen von einem breiten Hüftgurt samt Waffenscheide, aus dem ein delfinförmiger Messergriff ragte. Moment, was war das? Zwischen den Fingern des Unbekannten spannten sich Hautlappen.

Aufgeschreckt ließ Fi die leuchtende Flasche weiter nach unten in Richtung Hüfte wandern – und riss erstaunt die Augen auf. Dort, wo eigentlich Beine hätten sein sollten, befand sich halb im Wasser ein langer Fischschwanz mit breiter Flosse.

»Sieh einmal an«, krächzte Kriwa. »Ein Meermann!«

Nikk

Wer bist du?« Der geheimnisvolle Meeresbewohner strich sich verwirrt über die Wange. Sicher schmerzte sein Gesicht, denn nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn durch Rütteln aus seiner Trance zu reißen, hatte Fi zu einer saftigen Ohrfeige ausgeholt. Als sie nun in seine fast verträumt wirkenden schwarzen Augen blickte, bekam sie ein schlechtes Gewissen. Der Meermann schien mit diesen Augen bis auf den Grund ihrer Seele blicken zu können. Fi spürte eine Sehnsucht in sich aufsteigen, mit ihm tief hinab in die See zu gleiten, um dort die Wunder des Nordmeers mit eigenen Augen zu sehen. Verlegen ließ sie ihre rechte Hand sinken, die sie zu einem weiteren Schlag erhoben hatte.

»Ich bin Fi«, sagte sie freudig erregt. Was war nur los mit ihr? »Ich stamme aus Albion«, plapperte sie munter weiter und bemühte sich um ein reizendes Lächeln, von dem sie hoffte, der Meermann würde es erwidern. »Viel mehr kann ich dir leider nicht über mich sagen, aber ich würde mich sehr freuen, wenn du uns verrietest, wer du bist?« Fahrig nestelte sie an ihrem Kopftuch und ärgerte sich, dass sie so ein schäbiges Stück Stoff trug. Gern hätte sie dem Meermann gezeigt, dass sie ebenso schönes Haar besaß wie er. An ihm war überhaupt alles wundervoll. Sein wohlgeformter Körper schimmerte im Licht der Phiole wie grünlich blauer Achat, und Fi erwischte sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, seine muskulösen Oberarme zu berühren.

»Meine Freunde nennen mich Nikk und ich bin dir zu großem Dank verpflichtet«, antwortete der Meermann. »Ich bin der Sohn von Meerkönig Aqualonius. Sag schon, wo ist sie?«

Sie? Offenbar meinte er diese schreckliche Sirene. Aber die war für Fi im Moment völlig unwichtig. Sie hoffte vielmehr, dass Nikk weitersprach, denn der Klang seiner Stimme fühlte sich wie ein sanftes Streicheln an. Dabei schien sich Nikk auf reizende Weise auf jedes einzelne Wort konzentrieren zu müssen.

Der Meermann sah sich argwöhnisch in der Höhle um und Fi entdeckte seine spitzen, fast elfisch anmutenden Ohren, hinter denen sich die Ansätze von Kiemen verbargen. Wie bezaubernd.

»Du bist also ein Prinz?«, gurrte sie.

»Ich habe nach einem Heilmittel für meinen Vater gesucht«, erwiderte Nikk, ohne auf ihre Frage einzugehen. »Dabei bin ich in die Fänge einer Sirene geraten, obwohl ich wusste, dass diese Nixenfresserin hier irgendwo lauert. Wie konnte ich nur so dumm sein? Also, wo ist sie? Ist sie tot?«

»Nein, sie ist leider putzmunter«, krähte Kriwa. »Sie lauert nur darauf, uns alle zu fressen.«

Der Meermann riss die Augen auf, schlug die Hand vor die Brust und verneigte sich. »Welch eine Laune des Schicksals, Majestät. Ich nehme an, Ihr seid die stolze Möwenkönigin Kriwa, von der die Legendenweber meines Volkes erzählen. Auch heute noch besingen sie voller Ehrfurcht, wie Ihr einst meinem Großvater geholfen habt.«

»Ach, schon gut«. Geschmeichelt sträubte Kriwa das Gefieder.

Fi fühlte Eifersucht in sich aufsteigen.

»Das ist ja nun schon einige Hundert Jahre her«, fuhr Kriwa fort. »Aber eins solltest du wissen, junger Nikkoleus, bei mir beißt du mit deinem magischen Meermann-Charme auf Granit.«

Empört sah Fi die Möwe an.

»Entschuldige, eine alte Gewohnheit.« Nikk schloss die Augen, berührte seinen Unterkörper und konzentrierte sich. Unvermittelt kam Bewegung in den langen Fischschwanz. Unter der Wasseroberfläche spaltete sich das Schuppenkleid und nahm die Konturen von Beinen an. Selbst Nikks Haut wurde so blass wie die eines Elfen. Der Meermann erhob sich schwankend und Fi sah staunend dabei zu, wie sich die Flossen am Ende seiner Gliedmaßen zu Füßen umbildeten. Auch die Schwimmhäute zwischen Nikks Fingern verschwanden und sein langes Haar wies nicht mehr diese ölige Färbung auf. Ölig? Fi runzelte die Stirn. Sie war sich sicher, dass sie noch vor wenigen Augenblicken niemals einen Vergleich wie »ölig« für Nikks traumhaft schönes Haar verwendet hätte. Obwohl »traumhaft schön« vielleicht etwas zu hoch gegriffen war. Nikk sah zwar auch in seiner elfischen Gestalt blendend aus, doch Fi fühlte sich jetzt von dem Zwang befreit, ihn ständig anstarren zu müssen.

Beim Traumlicht, sie war doch nicht etwa in den Liebesbann geraten, den man den geheimnisvollen Meeresbewohnern zuschrieb? Von den Fischern Albions hieß es, dass ihnen hin und wieder eine Meernymphe ins Netz ging. Ließen sie ihren liebreizenden Fang nicht unverzüglich wieder frei, liefen sie Gefahr, sich unsterblich in die Nixe zu verlieben. Auf Albion gab es zahlreiche Märchen und Sagen von Männern, die im verzweifelten Bemühen, ihrer Liebsten in die See zu folgen, ein nasses Grab gefunden hatten. Ansonsten lebte das Meervolk abgeschieden von den Festlandbewohnern und es kam nur selten zu Kontakten zwischen ihnen. Fi glaubte sich zwar dunkel erinnern zu können, dass die Meernymphen und Meermänner mit den Elfen verwandt waren, doch sie musste sich eingestehen, dass sie über das Meervolk nicht mehr wusste, als die Menschen vermutlich über das ihre.

Sie räusperte sich. »Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen. Die Sirene hat offenbar gerade Besuch bekommen und Koggs dürfte seine Leute inzwischen befreit haben.«

»Koggs? Etwa der Klabauter Koggs Windjammer?« Nikk wandte Fi sein hübsches Gesicht zu, doch diesmal vermied sie es, ihm tief in die Augen zu sehen. »Die Wunder dieses Tages nehmen kein Ende. Aber ohne das Heilmittel kann ich hier nicht weg.« Nikk griff zum Waffengurt und zog sein langes Jagdmesser, dessen Griff aus Perlmutt bestand und die Form eines Delfins hatte. Er watete zurück ins Wasser und glitt hinüber zu dem Tangnetz. Er tauchte ab und Fi konnte unter der Oberfläche den Schatten seines Körpers erkennen. Selbst in seiner elfischen Gestalt bewegte er sich elegant wie ein großer Fisch, während er den Grund absuchte. Fi, die noch immer beeindruckt davon war, wie rasch sich Nikk äußerlich in einen Festlandbewohner verwandelt hatte, fragte sich unwillkürlich, ob sie bereits in der Vergangenheit einer Nixe oder einem Meermann begegnet war, ohne sie oder ihn als solchen erkannt zu haben.

Nach einigen endlosen Augenblicken tauchte Nikk wieder auf. »Nichts. Es ist fort.« Wütend sah er sich um. Dann griff er nach dem Tangnetz und wickelte es sich mehrmals um die Hüften. »Wenn ich mich recht entsinne, bevorzugen die Festlandbewohner Kleidungsstücke wie diese.«

»Ja, das tun sie«, antwortete Kriwa amüsiert. Doch die Möwe wurde schnell wieder ernst. »Ich will aber nicht hoffen, dass du es mit der Sirene aufnehmen willst.«

»Ich kann nicht anders, Majestät. Sie hat mir das Heilmittel abgenommen.« Nikk trat mit bekümmerter Miene aus dem Wasser. »Lingustentang ist überaus selten. Nach Aussage meines Onkels Effreidon wird mein Vater sterben, wenn ich ihm das Algengewächs nicht schnell bringe. Und Effreidon gilt in meinem Volk als der größte Weise.«

»Wahrscheinlich hast du uns nicht richtig verstanden.« Fi deutete zum Ausgang. »Da draußen lauert noch immer dieses Scheusal auf uns. Und eben scheint ein fremdes Schiff angekommen zu sein. Du willst dich doch nicht mit einer Überzahl anlegen?«

»Fi, ich befürchte, ich konnte mich nicht richtig verständlich machen: Mein Vater liegt im Sterben! Allein der Lingustentang kann ihn noch retten. Ich erwarte keinesfalls, dass ihr an meiner Seite kämpft. Doch außerhalb des Wassers bin ich alles andere als in meinem Element und selbst deine Sprache verstehe ich nur unzureichend. Wenn ihr mir nur eure Sinne leihen und den Feind mit mir ausspähen könntet, erfahre ich vielleicht, wo der Lingustentang abgeblieben ist. Danach, das verspreche ich beim Dreizack meines Vaters, ziehe ich wieder meiner Wege.« Nikk sah Fi flehend an und sie spürte, wie ihr Widerstand schmolz. Wehe, Nikk griff gerade wieder zu diesem Meervolkzauber.

»Na gut«, lenkte sie ein. »Wenn da draußen vielleicht ein Schiff aus Albion vor Anker gegangen ist, sollten wir herausfinden, ob es uns ebenfalls gefährlich werden kann.« Sie wandte sich Kriwa zu. »Gib Koggs Bescheid. Nikk und ich werden nachsehen, mit wem sich das Scheusal trifft.«

»Ich halte das für keine gute Idee«, krächzte Kriwa zweifelnd, flatterte dann aber auf und flog zurück in den Tunnel, aus dem sie gekommen waren.

Fi riss sich einen breiten Stoffstreifen vom Saum ihres Hemdes und umwickelte damit den Hals der leuchtenden Phiole, um sie nötigenfalls schnell abdunkeln zu können. Dann knotete sie die beiden Enden zusammen und hängte sich die Flasche um den Hals.

»Worauf warten wir?« Fi gab Nikk ein Zeichen und huschte ebenfalls zurück in den Felsengang.

Gemeinsam durchquerten sie die Höhle mit dem Wasserloch und schlichen hinüber in den Tunnel, aus dem der schwache Luftzug wehte. Nikk, der sich erst an seine elfische Gestalt gewöhnen musste, fiel etwas zurück, doch Fi kam ihm zu Hilfe und stützte ihn.

Der Gang führte schräg nach oben, verbreiterte sich rasch und endete schließlich in einer Höhle mit niedriger Felsendecke und sandigem Boden. Von hier aus konnten sie das Rauschen der Brandung hören, denn wie erwartet führte der Zugang ins Freie.

Draußen verhüllten Nebelschwaden den Blick auf das Meer und den Sternenhimmel, und doch verlieh der Mond der Umgebung einen blassen Schein. Fi hörte neben den Wellengeräuschen noch einen anderen Laut. Rasch deckte sie das leuchtende Zauberelixier ab, duckte sich und bedeutete Nikk, es ihr gleichzutun. Wieder vernahm sie ein unheimliches Knarren wie von alten Planken. Sie tastete sich vor, bis sie Deckung hinter ein paar Felsen gefunden hatte, dann spähte sie zum Küstenstreifen jenseits der Höhle hinüber.

Fi schlug sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund. Keine zwei Mastlängen von ihr entfernt, lag hinter hohen Klippen ein grünlich erleuchteter Dreimaster vor Anker. Die Segel hingen zerrissen von den Rahen und im Rumpf prangten knapp über der Wasseroberfläche mannshohe Löcher. Am Bugspriet war eine Galionsfigur befestigt, die – halb Drache, halb Seeschlange – mit weit aufgerissenem Maul einen schrecklichen Anblick bot.

Obwohl die Nebelschwaden über das Schiff hinwegkrochen, war in dem grünen Schimmer deutlich zu erkennen, dass die komplette Außenwand von Muscheln und Seepocken übersät war. Es bestand kein Zweifel, dass das Schiff lange Zeit am Meeresgrund gelegen hatte. Außerdem war es fast doppelt so groß wie Koggs Windjammers Segler. Beständig knarrte und ächzte das vermoderte Holz.

Am entsetzlichsten jedoch war der Anblick der Besatzung an Bord. Dort oben schleppten sich wandelnde Leichen mit skelettierten Armen und knöchernen Schädeln über das Deck, die ihre Arbeiten in völliger Lautlosigkeit verrichteten. Fi beobachtete, wie die Gerippe eine an einem schwenkbaren Mast hängende Plattform an Bord wuchteten, auf dem die Sirene wie eine übergroße Meerschlange mit langen Haaren hockte und unruhig mit dem Fischschwanz hin- und herpeitschte. Sie überragte die knöchernen Gestalten um Mannslänge.

Als die Plattform an Deck aufsetzte, verfiel sie in einen irren Singsang. »Mutter will euren Käpt’n sehen, sehen, sehen. Sagt ihm, dass ihn Mutter sehen will.«

Nikk drängte sich neben Fi. »Ein Geisterschiff. Das muss Morgoyas Werk sein.«

»Ich weiß«, flüsterte Fi voller Grauen.

Vom Heck des Schiffes hallten schwere Schritte. Eine große, unheimliche Gestalt mit Kopftuch und zerschlissener Kapitänsuniform tauchte aus dem Dunst auf. »Skytha, nehme ich an?«

»Mutter! Sag Mutter zu mir.« Die Sirene leckte sich über die Reißzähne, als überlegte sie, ob ihr der unheimliche Kapitän schmecken könnte.

»Ganz sicher nicht, du hässliche Vettel«, kam es eisig zurück. »Die habe ich bereits umgebracht, als ich noch lebte. Und dich lasse ich auch in Stücke hacken, wenn du mich zum Narren halten willst.«

»Ich hoffe, du hast an meinen Lohn gedacht? Meinen Lohn!«, zischte die Sirene wütend.

»Sehe ich aus wie dein Lakai?«, brüllte der Geisterkapitän. »Ich bin hier, weil es mir befohlen wurde.«

»Nicht so laut«, wimmerte die Sirene und hielt sich die Ohren zu.

»Stell dich nicht so an«, knirschte der Kapitän. »Wir beide werden hier so lange warten, bis wir neue Befehle erhalten.«

»Bei allen Schattenmächten«, flüsterte Fi. »Wer ist das denn?«

»Mort Eisenhand, der wohl gefürchtetste Pirat des Nordmeers«, antwortete eine Stimme hinter ihr.

Fi und Nikk wirbelten herum und entdeckten Koggs Windjammer, der aus dem Dunkeln heranschwebte. »Königliche Hoheit, es ist mir eine Ehre!« Der Klabauter wurde noch immer von den beiden Luftgeistern getragen und glitt neben sie. Auch Kriwa gesellte sich wieder zu ihnen.

Nikk maß Koggs mit knappen Blicken und lächelte. »Es ist mir ebenfalls eine große Ehre.«

»Bei den Knochen des legendären Seeschlangenfriedhofs, Mort Eisenhand sollte eigentlich tot und begraben sein. Und das meine ich wörtlich«, knurrte Koggs. »Der Name des Sauhunds rührt angeblich daher, dass er mit eiserner Hand über seine Mannschaft herrschte. Jahrzehntelang hat er so das Meer unsicher gemacht. Bis vor zwei Jahren. Da hat Simor Schinnerkrog, der Erste Ratsherr Hammaburgs, eine Flotte aus Piratenjägern aufstellen lassen, und zwar unter meinem Kommando. Ich sage euch, das war ein Abenteuer. Ich befehligte damals das wohl härteste Gesindel, das für Geld zu haben war. Weit über die Hälfte der Männer waren Flüchtlinge aus Albion, die nur einen mutigen Anführer wie mich brauchten. Ihr hättet die Augen der Kerle sehen sollen, als sie erfuhren, unter wem sie angeheuert hatten.« Koggs’ Stimme bekam einen schwärmerischen Unterton. »Sicher habt ihr davon gehört. Erst kurz zuvor hatte ich allein und nur mit einem lausigen Säbel bewaffnet einen gewaltigen Kraken bezwungen. Der Koloss hatte sich damals in der Elbmündung …«

»Koggs, für solche Geschichten haben wir jetzt keine Zeit«, unterbrach ihn die Silbermöwe.

»Pah, dann eben nicht. Auf jeden Fall haben wir Mort Eisenhand in eine Falle gelockt, ihn gefangen genommen und dem Scharfrichter ausgeliefert. Und der hat mit ihm kurzen Prozess gemacht – direkt vor den Toren Hammaburgs. Ich war selbst dabei.«

»Thadäus muss unbedingt erfahren, dass Eisenhand von den Toten erweckt wurde«, sagte Kriwa.

»Nicht nur das«, schimpfte der Klabauter und zeigte auf die fürchterliche Galionsfigur. »Bei dem verdammten Kahn handelt es sich um den Fliegenden Albioner, das berüchtigste Geisterschiff des Nordmeers und einst Piratenjäger im Dienste der Drachenherz’schen Krone. Zumindest, bis die gierige Mannschaft mitten in einem Gefecht gegen ihren Kapitän meuterte. Mann und Maus wurden daraufhin verflucht, für immer auf dem Meer zu kreuzen. Seitdem reißt der Fliegende Albioner ein Schiff nach dem anderen ins Verderben.«

»Und einen passenden Kapitän haben sie auch gefunden«, krächzte Kriwa.

Koggs nickte finster.

»Wer ist eigentlich dieser Thadäus?«, mischte sich Fi ein.

»Du wirst ihn schon noch kennenlernen.« Koggs musterte das Geisterschiff vom Bug bis zum Heck. »Jetzt müssen wir erst einmal einen Weg finden, um ungesehen von der Insel wegzukommen. Noch verbergen die hohen Klippen hinter uns den Blick auf mein Schiff. Doch wenn Eisenhand erkennt, wem die Sirene derzeit Gastfreundschaft gewährt, wird er blutige Rache üben wollen. Ich würde natürlich auch ein zweites Mal mit ihm fertig werden, aber ich muss ja auch ein wenig Rücksicht auf euch und meine Mannschaft nehmen.«

»Wir brauchen einen Plan«, unterbrach Fi die Prahlerei des kleinen Kapitäns. »Und zwar schnell. Ich habe nämlich nicht vor, mich mit einem Haufen Untoter anzulegen.«

»Die Ruderanlage!« Koggs deutete mit gehässigem Gesichtsausdruck zum Heck des Geisterschiffes. »Der Fliegende Albioner wird zwar von unheimlichen Kräften über Wasser gehalten, über die ich lieber nicht nachdenke, aber ohne funktionstüchtige Ruderanlage kann Eisenhand den Kahn nicht steuern. Ich lasse mich einfach hinübertragen und sabotiere das Seilgetriebe, mit dem Steuer und Ruderblatt verbunden sind.« Er zückte den Säbel und stieg bereits auf, als sich die Windsbräute unter ihm mit einem leisen Plopp! in Luft auflösten. Koggs kippte hintenüber und landete unsanft im Sand. »Och nee, doch nicht jetzt.«

»Was ist passiert?«, fragte Fi, während sie dem vor sich hin schimpfenden Klabauter wieder auf die Beine half.

»Ganz einfach, das Zauberelixier hat seine Wirkung verloren«, erklärte Kriwa. »Und was jetzt?«

»Wenn ihr wollt, helfe ich euch«, schlug Nikk vor. »Ich könnte einen von euch zum Heck des Geisterschiffes bringen und ihn dort hochheben. Ich traue mir zwar nicht zu, an der Außenwand hinaufzuklettern, aber ich könnte anschließend für eine rasche Flucht sorgen.«

»Na, das nenne ich mit allen Wassern gewaschen. Damit seid Ihr offiziell in die Mannschaft aufgenommen, Hoheit.« Koggs klopfte Nikk kumpelhaft auf die Schulter und begann, sich den Stiefel auszuziehen.

Nikk warf Fi einen zweifelnden Blick zu, den sie sofort verstand. Sie hielt Koggs zurück und deutete auf sein Holzbein. »Nein, Koggs, du sammelst lieber die Mannschaft und machst dein Schiff zum Auslaufen klar. Ich kümmere mich um die Ruderanlage. Nikk bringt mich dann später an Bord zurück.«

Der Klabauter sah Fi zerknirscht an. »Na gut, du Mondfisch. Aber nicht, dass es später heißt, ich hätte gekniffen.« Widerwillig nahm er Fi Fellweste und Stiefel ab, warf dem Geisterschiff einen letzten wütenden Blick zu und machte sich auf den Rückweg in die Höhle.

»Dann los!« Fi schulterte den Bogen, atmete tief ein und nutzte einen dichten Nebelstreif vor der Grotte dazu, um mit Nikk zu den Klippen zu schleichen, hinter denen das Geisterschiff vor Anker lag. Sie tauchte in die Fluten ein und ignorierte die Kälte, die ihren Körper erfasste. Sie tat einige kräftige Schwimmzüge und hoffte darauf, dass die Dunkelheit und der Nebel sie vor den Blicken der Untoten verbarg. Leider hoben die Wellen sie immer wieder an und drückten sie zurück gegen die Klippen. Plötzlich wurde sie gepackt und erkannte an dem Schatten unter der Wasserlinie, dass Nikk wieder seine Meermanngestalt angenommen hatte. Von kräftigen Flossenhieben angetrieben, zog er sie mit sich durch die Wellen.

Es dauerte nicht lange und das muschelverkrustete Heck des Geisterschiffs ragte wie eine Steilklippe vor ihnen auf. Fast zwei Schritte über Fi, unmittelbar über dem gewaltigen Ruderblatt, waren von Seepocken bewachsene Fenster auszumachen. Die meisten Butzenscheiben waren blind oder herausgebrochen, sodass die glitzernde Front mit unzähligen Löchern übersät war. Wie sollte sie da hochkommen?

Nikk streckte den Kopf aus den Fluten. »Halte dich bereit«, flüsterte er, tauchte wieder ab und packte sie diesmal an den Hüften. Bevor Fi zum Nachdenken kam, fühlte sie sich von einer ungeheuren Kraft aus dem Wasser gehoben. Schnell näherte sie sich den Heckfenstern des Schiffes und griff hastig nach einem hölzernen Vorsprung, während Nikk unter ihr mit wilden Schlägen seiner großen Fischflosse auf den Wellen tanzte. Er warf ihr einen letzten aufmunternden Blick zu, dann ließ er sich nach hinten fallen und tauchte elegant ins Wasser ein.

Fi klammerte sich an der Außenverkleidung fest und hoffte darauf, dass niemand sie gehört hatte. An weiteren Holzvorsprüngen und scharfkantigen Seepocken Halt suchend, begann sie den Aufstieg. Als sie die halb zersprungene Fensterfront erreicht hatte, spähte sie durch die Löcher ins Innere. War das die Kapitänskajüte? Obwohl von den Wänden ein grünliches Glosen ausging, konnte sie kaum etwas erkennen. Schwach schälten sich die Konturen einer von der Decke hängenden Öllampe aus dem Dunkeln. Unmittelbar unter den Fenstern befand sich ein Tisch, der mit Tang bedeckt war, und neben einem wuchtigen Gegenstand, den Fi für eine vermoderte Truhe hielt, krabbelte etwas über den Boden. Sie wollte gerade weiterklettern, da hörte sie ein leises Stöhnen. Abermals riskierte sie einen Blick durch das Fenster und glaubte an der linken Seite des Raums eine Koje ausmachen zu können. Da lag doch jemand! Eine Gestalt mit langen, rötlich schimmernden Haaren, die gefesselt zu sein schien. Aber bei den schlechten Sichtverhältnissen war Fi nicht ganz sicher.

»Kssst!«, zischte Fi, doch sie bekam keine Antwort. Stattdessen knarrte es über ihr an der Heckreling und sie sah einen grinsenden Totenschädel, der argwöhnisch auf die Wasserfläche starrte. Atemlos presste sich die Elfe gegen die Schiffswand, bis der untote Seemann endlich wieder verschwand.

Fi widerstand der Versuchung, weitere Scheiben zu zerschlagen, um so ins Innere der Kajüte zu gelangen. Die Gefahr, dabei gehört zu werden, war einfach zu groß. Wer auch immer in der Kajüte lag, sie musste sich später darum kümmern.

Fi kletterte weiter nach oben und spähte beklommen unter der hölzernen Reling hindurch. Keine zwei Schritte von ihr entfernt stand ein Skelett in Seemannskluft, das am Schwungrad einer quietschenden Winde drehte und zu der verrotteten Takelage des Schiffes aufsah. Fi schüttelte es bei diesem Anblick. Ganz in der Nähe des Gerippes befand sich das große Steuerrad mit acht Griffen. Endlich hatte der untote Matrose seine Tätigkeit beendet und stapfte eine knarrende Treppe zum Hauptdeck hinab. Von dort hörte Fi die Stimmen von Mort Eisenhand und der Sirene.

»... wird ein Schlag, mit dem der Feind nicht rechnet. Meine Streitmacht wird wie ein Hammer auf sie herabfahren.«

»Darf Mutter dabei sein?«, hechelte die Sirene. »Bitte, Mutter hat Hunger. Großen Hunger. Mutter könnte singen.«

»Auch das habe ich nicht zu entscheiden«, grollte Eisenhand. »Wir warten die Befehle ab!«

Fi zog sich endgültig nach oben, rollte sich auf den fauligen Planken ab und fasste das Ruderhaus ins Auge, in dem sich die Mechanik des Schiffsruders befand und aus dem die Achse mit dem Steuerrad ragte. Sie überprüfte noch einmal, ob das leuchtende Fläschchen mit dem Elixier gut verhüllt war, dann griff sie zum Messer und robbte auf dem Bauch auf das Ruderhaus zu. Doch die Frontklappe des schweren Kastens war mit einem rostigen Schloss versperrt. Fi versuchte den Rost mit dem Messer abzukratzen, als vom Bug des Schiffes abermals das Läuten der Schiffsglocke ertönte. Der singende Klang fuhr ihr durch Mark und Bein. Kaum war er verhallt, brüllte Mort Eisenhand auch schon los. »Alles antreten!«

Von überall her war das Klappern und Schaben von Knochen zu hören. Fi ließ von dem Schloss ab und riskierte einen Blick auf das Hauptdeck. Angewidert sah sie dabei zu, wie sich unter ihr etwa vierzig Untote mit grinsenden Totenköpfen und hohlen Blicken sammelten. Von grünlich leuchtendem Nebel umhüllt, bauten sich die schwankenden Gestalten in vier Reihen vor dem Kapitän auf.

Fi konnte den Piraten zum ersten Mal näher in Augenschein nehmen. Er hielt den Griff eines großen Säbels gepackt und unter seiner Kapitänsjacke lugten Knochen hervor. Doch im Vergleich zu seiner Mannschaft war Eisenhands Körper deutlich weniger verwest. Unter einem dunklen Kopftuch hing ihm strähniges Haar über die Schultern und aus dem aufgedunsenen Gesicht stachen harte, fast lebendig wirkende Augen hervor. Aber anstatt seine Mannschaft zu mustern, war sein Blick in die Nacht gerichtet. Auch die Sirene, die nicht weit von ihm entfernt auf ihrem Fischschwanz hockte, starrte geifernd in die Dunkelheit.

Fi folgte ihren Blicken und sah, wie sich vor dem Mond eine finstere Gestalt mit großen Schwingen abzeichnete. Erschrocken keuchte sie auf. Das war eine Gargyle! Schon die geflügelte Silhouette ließ Fi zittern, denn sie wusste, dass nichts Morgoyas Schattenzucht aufhalten konnte. Diese Kreaturen waren wie lebende Felsen. Pfeile prallten wirkungslos an ihnen ab und selbst Elfenzauber zerschellten wie Glas. Nur das Sonnenlicht ließ eine Gargyle erstarren. Doch die Sonne schien schon lange nicht mehr über Albion. Nebel und Schatten erstickten nicht nur das Tageslicht auf der großen Insel, sondern nach und nach auch die Hoffnung all jener, die bis heute Morgoyas Schreckensherrschaft zu trotzen versuchten.

Fi versteckte sich hastig hinter dem Ruderhäuschen, denn das Rauschen der mächtigen Flügel war bereits zwischen den Masten zu hören. Kurz darauf landete ein schwerer Körper mit einem Knirschen auf dem Deck des Schiffs, als würden Felsen aneinanderreiben.

»Mein Fürst!«, begrüßte Eisenhand den Neuankömmling. »Ich bin hier, wie es mir befohlen wurde.«

»Natürlich bist du das«, röhrte eine dunkle Stimme. »Ich hoffe, du und deine Männer, ihr seid bereit?«

»Selbstverständlich! Verfügt über uns, wie Ihr es wünscht.«

Fi versuchte ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen, während sie von Neugier getrieben vorsichtig über die Kante zum Hauptdeck hinabspähte. Die missgestaltete Kreatur, die mindestens so groß wie die Sirene war, besaß riesige Fledermausschwingen und einen spitz zulaufenden Schwanz, der unruhig hin- und herpendelte. Mit dem kantigen Raubtierschädel und einem Körper, der im Mondlicht wie polierter Basalt glänzte, wirkte sie wie eine lebende Statue. Anstelle von Ohren besaß die Gargyle knorpelige Auswüchse und an der Stirn prangten zwei unterarmgroße Hörner. Fi begriff sofort, wer da unten stand: Kruul, der Gargylenfürst! Er galt als rechte Hand der Nebelkönigin und wo er auftauchte, regierte nichts als Schrecken.

Kruuls gelbe Raubtieraugen musterten Eisenhand und seine Mannschaft gebieterisch und Fi beschlich das unangenehme Gefühl, dass sie dem Gargylenfürsten nicht zum ersten Mal begegnete.

Jetzt richtete er den Blick auf die Sirene. »Hast du den Auftrag Ihrer Majestät Morgoyas von Albion ausgeführt?«, röhrte seine Stimme durch die Nacht.

»Ja, mein Gebieter«, züngelte die Sirene und verneigte sich kriecherisch. »Mutter hat dem Prinzlein eine Falle gestellt. Das Prinzlein hängt eingewickelt in ihrem Zuhause.«

Bei allen Schicksalsmächten, die Sirene sprach von Nikk!

»Sehr gut!« Kruul fletschte die Reißzähne und lachte dröhnend. »Ihre dunkle Majestät ist zufrieden mit dir. Sie erlaubt dir, ihn zu fressen. Lass keine Spuren zurück.«

»Danke, mein Fürst. Mutter sagt Danke.« In den irren Blick der Sirene mischte sich ein gieriges Funkeln.

»Und nun zu dir, Eisenhand«, wandte sich der Gargylenfürst wieder dem Piraten zu. »Dir ist hoffentlich klar, dass die Nebelkönigin hohe Erwartungen in dich setzt.«

»Ich werde Ihre dunkle Majestät nicht enttäuschen«, antwortete der Pirat.

»Das will ich hoffen«, röhrte Kruul. »Denn wir brauchen die Schätze so rasch wie möglich. Versagst du, wirst du mitsamt deiner Mannschaft auf den Meeresboden zurückgeschickt. Dort könnt ihr dann dabei zusehen, wie eure Körper in alle Ewigkeit verrotten.«

»Das wird nicht passieren, mein Fürst!«, knurrte Eisenhand.

»Gut. Ich habe hier ein Geschenk von Morgoya, das dich bei deinem Vorhaben unterstützen wird.« Kruul öffnete die Krallenhand und ließ vor Eisenhand einen eingewickelten Gegenstand auf die Planken fallen, der metallisch schepperte. Der Kapitän starrte Kruul überrascht an, bückte sich mit knackenden Knochen und wickelte das Geschenk aus. Zum Vorschein kam ein Armpanzer aus purem Mondeisen. Das magische Metall war überaus kostbar und Fi wusste, dass mondeiserne Gegenstände dieser Größe mehr als rar waren.

»Was ist das?«, fragte Eisenhand gespannt.

»Schnall dir den Panzerarm um«, forderte ihn der Gargylenfürst auf. »Er wurde einst von Zyklopen aus den Dschinnenreichen geschmiedet. Du wirst spüren, dass er dir ungeahnte Kräfte verleiht und damit deinem Namen alle Ehre machen.«