Whispering Fields - Blutige Ernte - Thomas Finn - E-Book

Whispering Fields - Blutige Ernte E-Book

Thomas Finn

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Beschreibung

Kornkreise und kopflose Leichen in der Lausitz – düster, geheimnisvoll und mörderisch spannend! Thomas Finns Horror-Thriller »Whispering Fields« haucht einer alten sorbischen Sage neues, gruseliges Leben ein. Eisiges Grauen mischt sich mit der drückenden Hitze der sommerlichen Lausitz: In der Nähe rätselhafter Kornkreise werden kopflose Leichen entdeckt – und Menschen verschwinden ohne jede Spur. Die Polizei richtet eine SOKO um die Kommissarin Sarah Richter und den sorbischen Kommissar Antonin Schultkas ein, doch auf die will sich der Teenager Tim Opitz nicht verlassen und macht sich mit drei Freunden selbst auf die Suche nach seinem vermissten Zwillingsbruder. Hinweis um Hinweis gelangen beide Gruppen auf die Spur einer uralten, hungrigen Macht, die sich um eine verlassene Mühle und ein eigentümliches sorbisches Dorf manifestiert … »Whispering Fields« ist die perfekte Urlaubslektüre für alle, die echten Grusel lieben: Die ein oder andere Gänsehaut sorgt garantiert für Abkühlung bei sommerlicher Hitze. Entdecke auch die anderen Horror-Thriller von Thomas Finn: - Dark Wood - Lost Souls - Bermuda

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Thomas Finn

Whispering Fields - Blutige Ernte

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Kornkreise und kopflose Leichen in der Lausitz – düster, geheimnisvoll und mörderisch spannend!

 

Thomas Finns Horror-Thriller »Whispering Fields« haucht einer alten sorbischen Sage neues, gruseliges Leben ein.

Eisiges Grauen mischt sich mit der drückenden Hitze der sommerlichen Lausitz: In der Nähe rätselhafter Kornkreise werden kopflose Leichen entdeckt – und Menschen verschwinden ohne jede Spur. Die Polizei richtet eine SOKO um die Kommissarin Sarah Richter und den sorbischen Kommissar Antonin Schultkas ein, doch auf die will sich der Teenager Tim Opitz nicht verlassen und macht sich mit drei Freunden selbst auf die Suche nach seinem vermissten Zwillingsbruder.

Hinweis um Hinweis gelangen beide Gruppen auf die Spur einer uralten, hungrigen Macht, die sich um eine verlassene Mühle und ein eigentümliches sorbisches Dorf manifestiert …

»Whispering Fields« ist die perfekte Urlaubslektüre für alle, die echten Grusel lieben: Die ein oder andere Gänsehaut sorgt garantiert für Abkühlung bei sommerlicher Hitze.

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Fänger im Roggen

Kopflos

Botschaften aus dem Nichts

Menetekel

Kapitel 2

Bett im Kornfeld

Blutige Ähren

Rätsel der Vergangenheit

Kutzlarnitz

Die alte Mühle

Kapitel 3

Spreu vom Weizen

Mühlensprache

Unheilig

Bubak

Kapitel 4

Kind des Zorns

Glagoliza

High Noon

Mutterkorn

Für Bernhard.

 

Mit Dank an meine »Habernitzas« Wiebke, Tanja und Philipp, die mir dabei halfen, Kreise im Korn zu zeichnen; Nini für ihre »Berliner Schnauze«, Daniel und Angela für mundartliche Übertragungen ins Sächsische, Tom für jene ins Oberlausitzische und Milan für sachkundige Übersetzungen ins Sorbische.

Ihr seid klasse!

 

Darauf ein Gläschen Korn.

Oder vielleicht auch besser nicht …

Kapitel 1

Saat

Fänger im Roggen

Grillen zirpten, und ein warmer Nachtwind brachte das Getreidefeld zum Rascheln.

Luca musterte scheel die hohen Halme, die sich links des alten Feldweges wie eine hohe Wand erhoben. Sie standen dicht an dicht, und im Mondlicht schälten sich Aberhunderte leicht geneigter Ähren aus der Dunkelheit, satt und prall, als wollten sie verkünden, dass sie längst überreif seien.

Erstaunlicherweise ragten die Feldfrüchte gut einen Meter achtzig aus dem Ackergrund empor und reichten ihm etwa bis zum Stirnansatz. Das konnte unmöglich Weizen sein. Etwa Roggen?

Das war für seine Heimat zwar etwas ungewöhnlich, aber durchaus denkbar. Die Lausitz galt seit jeher als Kornkammer Sachsens. Von der allgegenwärtigen Trockenheit, die die Region auch in diesem Jahr heimsuchte, war hier jedenfalls wenig zu bemerken.

Luca lehnte sein neues Sportrad gegen das wurmstichige Bushäuschen, das einsam an den breiten Feldweg grenzte und hinter dem sich eine weitere, vergleichsweise öde Ackerfläche aufspannte, deren Getreidehalme gerade mal Hüfthöhe erreichten. Dem Areal war anzusehen, dass ihm die diesjährige Sommerdürre sichtlich mehr zugesetzt hatte als dem Kornfeld gegenüber.

Der Anblick ließ in Luca keinen Zweifel aufkommen. Das Feld zu seiner Linken musste es sein.

Einen Moment lang überlegte er, ob er sein Rad mit dem Schloss sichern sollte. Nur war das Blödsinn. Wer sollte ihm hier in dieser Einöde und zu dieser späten Uhrzeit das Fahrrad klauen?

Er verscheuchte eine vorwitzige Heuschrecke, die sich auf seinem T-Shirt niedergelassen hatte, und wollte sich gerade seiner Gepäcktasche widmen, als der laue Nachtwind ein unheimliches Geräusch herantrug: ein leises Wispern und Flüstern.

Luca schreckte hoch.

Doch da war nichts. Nur das beständige Zirpen der Grillen und das leichte Rauschen bewegter Getreidehalme.

Seine überreizte Fantasie hatte ihm offenbar einen Streich gespielt.

Dennoch …

Fahrig wischte er sich eine Strähne seines blonden Haars aus dem Gesicht. Bei dem Gedanken an sein Vorhaben wurde ihm nun doch ein wenig mulmig zumute. Was, wenn er in diesem Kornfeld tatsächlich Zeuge einer Anomalie wurde?

Andererseits hatte er ja nicht vor, allein reinzugehen. Zumindest nicht, wenn Philipp noch kam.

Luca zog sein Handy aus der Jeanstasche und warf einen missbilligenden Blick auf das Display. Keine Nachricht. War sein Kumpel am Ende verhindert? Dabei war Philipp im Gegensatz zu ihm schon längst volljährig und musste niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen, was er nachts trieb.

Na gut, Philipps Freundin Paula konnte manchmal etwas besitzergreifend sein. Andererseits stand sie den Beiträgen auf seinem grenzwissenschaftlichen YouTube-Kanal XFacts sehr aufgeschlossen gegenüber. Luca und Philipp hatten sich überhaupt erst bei ihr kennengelernt, während eines Drehs zum Thema Pendeln. Die beiden wussten nur zu gut, dass man neue Abonnenten nicht durch Nichtstun bekam. Das Pärchen lebte in einer alternativen Bauwagensiedlung, und obwohl die beiden drei Jahre älter waren als er, war aus der kurzen Begegnung rasch eine Freundschaft entstanden.

Seitdem begleitete Philipp ihn auf manchen seiner Exkursionen. Während Lucas Interesse vorrangig UFOs und EVPs galt, Electronic Voice Phenomenons, also Geisterstimmen auf Tonband, interessierte sich Philipp eher für Landesgeschichte und alte Mythologien. Das war eine durchaus produktive Mischung, denn als Geschichtsfreak wusste er von Dingen, von denen Luca zuvor noch nie gehört hatte. Zum Glück ging er dabei auch nicht so weit wie Paula, die für Lucas Geschmack etwas zu sehr mit der alten heidnischen Wicca-Tradition liebäugelte. Ein bisschen durchgeknallt war sie schon. Aber das würden andere von ihm selbst vielleicht auch behaupten.

Die Frage war bloß, wo Philipp blieb?

Denn sosehr er ihn auch schätzte, er war leider nicht der Zuverlässigste.

Luca wollte gerade Philipps Rufnummer drücken, als in der Ferne das unverkennbare Knattern seines Motorrades ertönte. Sein Kumpel war stolzer Besitzer einer im Erzgebirge erworbenen Simson S 50 B1, die er in liebevoller Kleinarbeit zur Enduro umgebaut hatte. Die alte DDR-Maschine erstrahlte heute in Metallic Blue und war so gut in Schuss, dass ihm Sammler bereits den dreifachen Kaufpreis geboten hatten. Allerdings rückte er sie nicht heraus, was Luca nur zu gut verstand.

Luca stellte sich offen auf den Feldweg und blickte dem tanzenden Scheinwerferlicht der geländegängigen Maschine entgegen, die am Getreidefeld entlang rasch auf das Bushäuschen zubrauste. Er winkte.

Die Simson wurde langsamer, und schließlich war Philipp heran und parkte seinen knatternden Untersatz neben dem Fahrrad. Er stellte den Motor ab, woraufhin auch das Licht erlosch. Dann stieg er ab und öffnete den Reißverschluss seiner Lederjacke, unter der es ohne den Fahrtwind vermutlich viel zu warm war.

»Sorry, hatte die Gardoffl nicht im Blick«, entschuldigte er sich mit Blick auf seine Armbanduhr. Er setzte seinen weißen Oldtimer-Motorradhelm ab, an dem eine stylische Fliegerbrille befestigt war, und schüttelte seine krause Lockenpracht. Zur Begrüßung schlugen die beiden ihre Fäuste gegeneinander.

»Ich dachte schon, du kommst nicht«, maulte Luca. »Bei der Spukhausfolge letzte Woche hast du dich auch verspätet.«

»He, hab dich nicht so«, antwortete der Ältere mit einem Seufzen. »Sobald du ’ne Freundin hast, wirst du schon sehen, dass man dann nicht mehr so frei in seinen Entscheidungen ist. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass du pünktlich bist. Ich dachte, dein Bruder ist seit gestern wieder aus den Staaten zurück? Wollte deine Omma nicht groß auftischen?«

»Ja, ist er.« Luca zwinkerte. »Tim und ich wurden aber gestern schon gemästet.«

»Schade, dann bin ich wohl einen Tag zu spät. Ihr Sauerbraten ist jedenfalls der Hammer.« Lachend hängte Philipp den Helm an den Lenker. »Hättest ihn eigentlich mal mitbringen können, damit ich ihn kennenlerne. Du und er, ihr seid immerhin die einzigen eineiigen Zwillinge, die ich kenne. Oder …« Sein misstrauischer Blick wanderte zum Bushäuschen. »Oder verarscht ihr beide mich gerade, und du bist in Wahrheit …?«

»Nein!« Luca winkte grinsend ab. Einen Moment lang bereute er es, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein. Tim hätte sicher mitgemacht. »Tim ist Freunde besuchen. Ist ja nicht so, als wären wir siamesische Zwillinge.«

»Und, kennt er deinen Kanal?«

»Klar. Sicher.« Luca trat wieder an die Gepäcktasche seines Fahrrads heran und öffnete sie, um dieser endlich seine Kamera und die restlichen Geräte zu entnehmen. Er hatte sogar ein Mikrofon samt Aufnahmegerät eingepackt, auf dem die Lettern XFacts prangten. »Allerdings ist er eher der Skeptiker von uns beiden. Aber wenn wir heute Erfolg haben, wird sich das garantiert ändern. Dann werden die Views durch die Decke gehen. Jeder wird über uns berichten. Jeder!«

»Ich wünsche es dir.« Philipp zog eine Taschenlampe unter der Lederjacke hervor, mit der er kurz Feldweg und Bushäuschen beleuchtete. Ein Grashüpfer sprang in die Dunkelheit. »Meine Fresse, hier ist wirklich der Hund begraben.«

Er richtete den Lichtstrahl auf das hohe Getreidefeld.

»Das da ist es?«

Kurz stellte er sich auf die Zehenspitzen und versuchte, das Kornfeld zu überblicken.

»Ich hoffe, du hast den Kornkreis noch nicht ohne mich inspiziert?«

Luca räusperte sich. »Nein. Bin ja selbst erst seit eben da. Nur glaube ich auch nicht, dass wir schon … fündig würden.«

»Was meinst du damit?« Philipp senkte die Lampe und starrte ihn überrascht an. »Ich denke, wir sind hier, um uns den Kreis anzusehen?«

»Schon. Ich will damit auch eher sagen, dass wir im Augenblick nicht fündig würden.« Verlegen zuckte Luca mit den Schultern. »Ich glaube nämlich, der Kornkreis wird erst heute Nacht entstehen. Wir wären somit die Ersten, die so ein Phänomen live aufnehmen.«

»Willschd misch forhohnebibln?«

Es war kein gutes Zeichen, dass Philipp plötzlich in sächsischen Dialekt verfiel, denn das passierte ihm vor allem dann, wenn er verärgert war.

»Nein, natürlich nicht«, versicherte Luca eilig.

»Du hast mich herbestellt, weil du glaubst, dass hier ein Kornkreis entstehen könnte?«

»Ehrlich, das alles hat seine Gründe.« Luca wand sich. »Erinnerst du dich an die Kleinanzeige von dieser Wohnungsauflösung vor einigen Wochen? Und an die Bücher, die du so gern haben wolltest?«

»Ja. Nur haben die Angehörigen auf meine Mail nicht geantwortet.«

»Ich bin letzten Mittwoch einfach mit dem Bus hingefahren. Für die alten Schinken hat sich zum Glück niemand interessiert. Die Familie wusste gar nicht, auf welchem Schatz sie hockt. Die wollten sie eigentlich schon wegwerfen. Ich hab sie daher für ’nen Zehner bekommen.«

»Und?«

»Da sind tatsächlich Kornkreiszeichnungen drin«, erwiderte Luca begeistert. »Und noch einiges mehr – nur sind die Erklärungen, sagen wir mal, typisch für die Zeit. Aber eines ist mir dadurch klar geworden: Die ganze Gegend hier scheint schon immer so eine Art Hotspot für dieses Phänomen gewesen zu sein.«

Philipp starrte ihn aufmerksam an.

»Wir sind hier«, fuhr Luca fort, »weil ich einer Theorie nachgehen will.«

»Welcher Theorie denn?«

»Der, dass die Kornkreise nicht wahllos entstehen«, erwiderte Luca mit verschwörerischer Stimme. »Dafür gibt es noch weitere Indizien. In einem der UFO-Foren, in denen ich bin, war zu lesen, dass bei dem Kornkreis, der gestern in Brandenburg aufgetaucht ist, angeblich nachts zuvor seltsame Lichtphänomene auszumachen waren.« Luca räusperte sich abermals. »Mit einem der User kam ich ins Gespräch, und der hat mir berichtet, dass Spaziergänger letzte Nacht auch hier so ein seltsames Leuchten gesehen hätten. So ein Glühen. Von dem User habe ich auch die GPS-Daten des Feldes. Ich hoffe also, dass …«

»Euja?!« Sein Kumpel schüttelte ungläubig den Kopf. »Du bestellst mich her, nur weil so ’n Äggsbärdde im Netz Rabadz macht? Kommt es dir nicht selbst etwas närsch vor, dass er dich zu einem Ort bestellt hat, der gerade mal sechs oder sieben Kilometer von eurem Hof entfernt liegt? Ich gehe jede Wette ein, dass der Typ hier irgendwo auf der Lauer liegt und sich über uns kaputtlacht.«

»Ja … ich meine, nein«, presste Luca unsicher hervor. »Das Irre ist, dass sich die Daten mit meinen Berechnungen decken.«

»Berechnungen?« Philipp zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.

»Ich sag doch, dass ich ’ne Theorie habe. Und das war auch längst nicht alles. Ich weiß, du glaubst da ja nicht so dran. Aber … ich hab heute Nachmittag auch noch ein ziemlich seltsames EVP aufgenommen. Ich spiele dir das nachher gern mal vor. Da geht es auch um das Fel…«

»Ehrlich, Luca«, unterbrach ihn der Ältere. »Wenn du willst, dass die Leute deinen Kanal ernst nehmen, dann solltest du nicht auf jeden Schruz aufspringen. Wir forblämborn hier bloß unsere Zeit.«

»Das ist kein Mist! Ich … ich kann dir auch nicht genau sagen, warum, aber ich bin mir absolut sicher, dass das alles miteinander zusammenhängt. Und gerade dich sollte das doch interessieren. Über dich bin ich doch überhaupt erst auf all das hier aufmerksam geworden. Außerdem …«, Luca sah ihn eindringlich an. »Wir haben doch nichts zu verlieren, jetzt da wir schon mal hier sind.«

Philipp schnaubte und betrachtete grübelnd das hohe Kornfeld, in dem noch immer die Grillen zirpten. Etwas darin erzeugte ein leises Rascheln.

»Stell dir nur vor«, beschwor Luca ihn, »wir beide könnten die Ersten sein, die herausfinden, was es mit alledem auf sich hat.«

»Du hast mitgekriegt«, brummte Philipp nach einer Weile, »dass die bei dem Kornkreis gestern am Erikasee ’nen Toten gefunden haben?«

»Ernsthaft? Nee.«

»Hab ich von Paula. Die … hat mich gewarnt.«

»Gewarnt? Wovor?«

»Sich weiter mit dem ganzen Thema zu beschäftigen.«

Luca folgte dem Blick seines Freundes etwas überrumpelt, der den Lichtstrahl seiner Taschenlampe über die Wand aus Getreidehalmen wandern ließ. Im Spiel aus Licht und Schatten war zu sehen, dass sich einige Ähren gelegentlich im Wind bewegten.

»Wieso das denn?«

»Du kennst sie doch. Angeblich eine Warnung aus der Zwischenwelt.«

Wollte ihm sein Kumpel Angst einjagen?

Nicht mit ihm. Und schon gar nicht, wo er schon mal hier war.

Luca wusste selbst nicht so recht, warum, aber er spürte tief in seinem Innern, dass irgendetwas an diesem Feld anders war. Er musste es unbedingt heute noch betreten. Nötigenfalls alleine.

Wenn er Erfolg hatte, dann würde das die Abonnentenzahlen von XFacts explodieren lassen und seinen Kanal vielleicht auch international bekannt machen.

»Wenn schon«, murrte er. »Von so was lass ich mir keine Angst machen.«

»Na gut«, seufzte Philipp. »Ich geb uns eine halbe Stunde. Wenn wir bis dahin nichts gefunden haben, mache ich mich wieder vom Acker. Und zwar buchstäblich.«

»Alles klar!«

Aufgeregt reichte ihm Luca das Mikro mitsamt Aufnahmegerät, während er sich die lederne Trageschlaufe seiner Digitalkamera ums Handgelenk schob. Endlich konnte er auch seine neue Stirnlampe ausprobieren. Er stellte das Licht an und packte sein EMF-Messgerät aus, das ein wenig einer Fernbedienung mit Anzeigeskala ähnelte, deren Spektrum von Grün bis Rot reichte.

»Sieh an«, frotzelte Philipp. »Deinen Geisterdetektor hast du also auch am Start.«

»Das ist kein ›Geisterdetektor‹. Das Gerät zeigt elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder an«, korrigierte Luca ihn ernst. »Du hast doch selbst behauptet, dass manche in der Szene Erdstrahlen für die Entstehung von Kornkreisen verantwortlich machen.«

»Na ja … wen oder was hältst du denn dafür verantwortlich? Außerirdische?«

»Ich hab dazu noch keine klare Theorie«, wich Luca der Frage aus.

Sein Kumpel seufzte. »Na gut. Legen wir einfach los. Ich darf doch, oder?«

Philipp trat ans Fahrrad heran und löste die Luftpumpe unter der Querstange. Er verstaute Mikro und Aufnahmegerät am Gürtel seiner Lederhose und marschierte unerschrocken auf das Roggenfeld zu. Er suchte einen geeigneten Einstieg und teilte die Wand aus Halmen, indem er mit der Luftpumpe einige heftige Schläge nach links und rechts austeilte. »Wir hätten Stöcke mitnehmen sollen«, fluchte er, während er tiefer ins Feld vordrang. »Oder gleich ’ne Machete.«

»Besser, wir sind etwas vorsichtiger«, mahnte Luca. »Nicht, dass uns der Bauer noch für Schäden haftbar macht.«

»Das hättest du dir früher überlegen müssen.«

Luca seufzte und betrat die Bresche, die Philipp ins Feld schlug und trampelte. Im nächsten Moment tauchte er ein in ein Meer aus hohen Halmen, die im Lichtschein seiner Stirnlampe wie dürre Finger wirkten, die nach ihm griffen. Schlagartig umfing ihn ein schwerer Strohgeruch. Ähnlich wie an einem heißen Sommertag, wenn die Bauern die Ernte einholten. In dieser Intensität hatte Luca ihn schon seit Jahren nicht mehr wahrgenommen.

Eigenartig.

Mühsam stapfte er hinter Philipp her, der unentwegt weiter auf die Getreidehalme eindrosch. Gemeinsam kämpften sie sich tiefer aufs Feld vor. Das Licht ihrer Lampen verlor sich im struppigen Gewirr zahlloser Halme. Wo immer der Ältere sie umtrampelte, richteten sie sich hartnäckig wieder auf. Überrascht bemerkte Luca, wie Dutzende Heuschrecken von den geknickten Schäften sprangen. Darunter grüne Heupferde, von denen einige gute fünf oder sechs Zentimeter lang waren. Und obwohl er sich mühte, die Hindernisse beiseitezuschieben, strichen ihm beständig Ähren übers Gesicht. Es war ein Gefühl wie aus seiner Kindheit, wenn sie in den Feldern Verstecken gespielt hatten. Doch diesmal kam es ihm vor, als würden dürre Finger nach ihm tasten.

Ihn schauderte.

Luca wischte die Halme fahrig beiseite, glaubte einmal, im Licht seiner Stirnlampe eine Bewegung am Boden auszumachen – eine Feldmaus? –, und kollidierte unvermittelt mit Philipp, der plötzlich stehen geblieben war.

»Was?«, wollte Philipp wissen.

Luca sah zu ihm auf. »Ich hab nichts gesagt.«

»Doch, du hast doch eben gerade …?« Verwirrt starrte er ihn an. »Egal.«

Sein Kumpel verscheuchte ein Heupferd aus seinem lockigen Haar und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Ähren hinweg auf das vom Mond beschienene Feld zu blicken. Nur schien er damit wenig Erfolg zu haben. Das Getreide war hier noch höher als am Feldrand.

»Also, wohin?«, fragte er. »Wenn wir hier weiter ziellos herumirren, sind wir am Ende selbst für die Kornkreise verantwortlich.«

»Warte.« Luca schaltete sein EMF an, das leise summte, und beobachtete den Zeiger, während die Grillen ringsum weiter aufgeregt ihre Nachtmelodie zirpten. Der Zeiger zitterte leicht und erreichte überraschenderweise den gelben Bereich der Skala. »Der Ausschlag ist stärker als eigentlich zu erwarten ist.«

»Und?«

Luca zögerte. »Lass uns weiter in Richtung Feldmitte gehen.«

Philipp nickte und sprang diesmal sogar hoch, um besser über die Ähren hinwegblicken zu können. »Mann, dieses Feld ist wirklich nicht ohne«, beklagte er sich. »Fast wie in der Serengeti.«

»Ich weiß.«

»Und irgendwas ist mit den Halmen.« Im Licht seiner Taschenlampe betrachtete Philipp seine Hand mit der Luftpumpe. »Meine Haut juckt bis zum Unterarm rauf.«

»Eine Allergie?«

»Nein.« Philipp schüttelte unwillig den Kopf. »Eher so wie bei einem Marsch mit nacktem Oberkörper durch ein Maisfeld. Schon mal gemacht? Da bleiben gern so kleine Mikroschnitte durch die scharfen Blätter zurück. Spürst du nichts?«

»Nee.« Luca grinste böse. »Vielleicht mag dich das Feld einfach nicht.«

»Sehr lustig. Also weiter.« Philipp leuchtete durch die Halme vor sich. »Versuchen wir es in dieser Richtung. Das sollte in etwa hinkommen.«

Erneut hieb er auf die Getreidehalme ein, trampelte eine strohige Schneise ins Feld, und im unruhigen Licht ihrer Lampen drangen sie unermüdlich weiter in die Dunkelheit vor – bis das EMF unvermittelt lauter wurde und der Zeiger sprunghaft in den roten Bereich ausschlug.

»Warte, hier passiert gerade etwas!«, sagte Luca. »Guck dir das an.«

Aufgeregt zeigte er Philipp das Gerät, und sein Freund runzelte die Stirn. »Abgefahren. Und das ist erst seit eben so?«

»Ja, sag ich doch. Eine elektromagnetische Anomalie.« Luca drehte sich mit dem EMF-Messgerät leicht im Kreis und gewann den Eindruck, dass der Ausschlag in Richtung Feldmitte stärker war. Beherzt drängte er sich an seinem Kumpel vorbei, um die Führung zu übernehmen.

Philipp hüpfte hinter ihm wieder einige Male empor, um besser über die Ähren spähen zu können, und schließlich folgte er ihm. »Findest du es nicht seltsam, wie hoch das Getreide ist? Selbst wenn ich hochspringe, kann ich das Feld kaum noch überblicken.«

Luca, der sich bereits einige Meter durch das Dickicht vorangekämpft hatte, wandte seinen Blick vom EMF ab und folgte Philipps Fingerzeig. Tatsächlich, das Meer der Getreidehalme ringsum überragte ihn inzwischen um mehr als einen Kopf. Abrupt blieb er stehen, als er noch etwas anderes bemerkte. »Pssst! Sei mal still.«

Philipp lauschte und sah ihn überrascht an.

Das ewige Grillenzirpen war verstummt.

Stattdessen erfüllte jetzt ein leises Knistern die Nacht. Und das überall um sie herum.

»Was ist das?«, wisperte Philipp.

»Keine Ahnung.« Luca starrte überrascht auf das summende EMF, dessen Zeiger inzwischen auf Anschlag in der roten Skala stand. Dann fiel sein Blick auf das niedergetrampelte Korn zu seinen Füßen.

Konnte das sein?

Die geknickten Halme um sie herum richteten sich ganz allmählich wieder auf.

Er bückte sich, leuchtete mit der Stirnlampe den Ackergrund ab, und seine Augen weiteten sich. Denn das war nicht alles. Tatsächlich schienen die Halme auch kaum wahrnehmbar zu wachsen.

Millimeter für Millimeter.

Mit einem überraschten Laut erhob er sich und leuchtete zurück zu der Bresche, die sie ins Feld geschlagen hatten. Sie war inzwischen fast wieder zugewachsen.

Philipp, der das Phänomen ebenfalls bemerkte, stellte sich direkt neben ihn.

»Fuck, hier stimmt doch was nicht.«

»Hab ich dir doch gesagt!« Aufgeregt sah Luca seinen Begleiter an. »Los, mach den Rekorder an!« Er selbst aktivierte die Kamera. »Wir schreiben heute Geschichte.«

»Und was ist damit?« Philipp leuchtete nach vorn.

Luca, der gerade mit der Schärfeeinstellung der Kamera kämpfte, folgte dem gebündelten Lichtstrahl mit seinen Blicken und sah es nun ebenfalls.

Überall um sie herum, zwischen den Halmen und am Boden, war Bewegung auszumachen: ein hektisches Hüpfen, Springen und Schwirren.

Das waren Heuschrecken.

Dutzende. Hunderte.

Und sie alle schienen sich auf ein unbekanntes Ziel zuzubewegen.

»Alter, das gefällt mir gar nicht«, brummte Philipp. »Packen wir unser Gelummbe und dann raus hier.«

»Spinnst du?« Luca sah ihn entgeistert an. »Ausgerechnet jetzt, wo hier was passiert? Genau deswegen sind wir doch hier. Jetzt komm schon.«

Die Insekten im Auge behaltend, bahnte sich Luca weiter einen Weg durch die hohen Halme. Immer wieder verirrte sich eine der Heuschrecken auf seine Kleidung, bevor sie mit einem kräftigen Satz in die Dunkelheit sprang. Das Knistern um sie herum wurde lauter, steigerte sich allmählich zu einem Prasseln.

»Luca, ich halte das für eine total beschissene Idee!«, ertönte hinter ihm Philipps besorgte Stimme. »Lass uns hier raus, bevor …«

Luca erfuhr nicht, wovor er ihn warnen wollte, da sie unvermittelt das zähe Dickicht aus Halmen durchstießen und in ein knapp anderthalb Meter breites Areal stolperten, in dem sich die Getreidehalme vor ihren Augen zu Boden neigten. Deutlich war im Mondlicht zu sehen, wie sich hier eine Art Gang im Getreidefeld bildete, der sich links und rechts von ihnen in einem Halbrund fortsetzte.

»Fuck! Ich glaub’s nicht«, ächzte Philipp ungläubig.

Tatsächlich wirkte es fast so, als neigten die Halme vor einer unbekannten Macht die Ährenköpfe, bis sie endgültig die Waagerechte erreicht hatten und wie Matten aus Stroh zur Ruhe kamen.

Aufgewühlt sah sich Luca um und lachte. »Ich hab’s dir doch gesagt. Hier entsteht gerade ein Kornkreis. Vor unseren Augen. Und wir sind live dabei.«

Rasch hob er seine Digitalkamera, um das seltsame Phänomen aufzunehmen. Doch das Bild auf dem Display warf Schlieren und wirkte merkwürdig verzerrt. Sogar das Licht seiner Stirnlampe flackerte inzwischen leicht.

»Scheiße!« Er schüttelte die Kamera. »Endlich sind wir am Ziel, und ausgerechnet jetzt versagt die Technik.«

»Ich glaube nicht, dass das hier das Ziel ist«, widersprach ihm sein Kumpel beunruhigt. »Fragst du dich gar nicht, wo die zum Deif’l alle hinwollen?«

Mit einem leicht angeekeltem Gesichtsausdruck deutete er zu den unzähligen Heuschrecken, die auf den geknickten Halmen des seltsamen Gangs im Kornfeld einen wilden Tanz aufzuführen schienen. Angesichts all des Springens und Hüpfens vor ihnen konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass der Untergrund regelrecht brodelte. Und noch immer wirkten die Bewegungen der Insekten zielgerichtet, denn sie hielten sich nicht an den mysteriösen Gang im Feld, sondern überquerten ihn und sprangen in Schwärmen in das hohe Dickicht aus Halmen schräg gegenüber.

»Du hast recht«, flüsterte Luca fasziniert. »Lass uns herausfinden, wo die hinwollen.«

»Luca, ehrlich, wir sollten …«

Philipps Protest verhallte, denn sein Freund beachtete ihn nicht weiter, sondern eilte rechter Hand die breite Schneise aus geknickten Halmen entlang, während er nach wie vor versuchte, seine Digicam zum Laufen zu bringen. Erfolglos. Auch seine Stirnlampe flackerte immer unruhiger.

Eine elektromagnetische Anomalie. Ganz eindeutig.

Lucas Herz hämmerte aufgeregt. Er brauchte kein künstliches Licht, denn obwohl der Mond hin und wieder von Wolken verdunkelt wurde, die unbemerkt aufgezogen waren, reichte sein fahles Licht aus, um den eigentümlichen Gang aus umgeknickten Halmen deutlich aus der Düsternis zu schälen. Standhaft das unentwegte Springen und Hüpfen zu seinen Füßen ignorierend, folgte er der Schneise und fand wenige Meter entfernt einen Quergang, der links abzweigte und sich ebenfalls weiter hinten verlor, in einer Art Halbrund zwischen Wänden aus hohen Kornähren. Kurz fragte sich Luca, welche Umrisse der Kornkreis genau aufwies, allerdings würde man das wohl erst aus der Luft erkennen. Wichtiger schien ihm die Entdeckung, dass die vielen springenden und hüpfenden Insekten dem Gang nun doch folgten.

Dem vermeintlichen Zentrum des Kornkreises entgegen?

»Luca!«, tönte hinter ihm die alarmierte Stimme Philipps, der ihm widerwillig folgte.

»Memm nicht so rum!«, kam Luca seinem Einwand zuvor. »Willst du jetzt wissen, was hier abgeht, oder nicht?«

Erregt stürmte er die Abzweigung entlang, und wann immer seine Füße den wie ausgepolstert wirkenden Boden berührten, war es, als würden die geknickten Halme in einem Regen aus springenden Insekten explodieren. Überhaupt war die Nacht inzwischen von einem lauten Schwirren und Brummen erfüllt, das selbst die Knisterlaute im Feld übertönte.

Wenn nur die verdammte Digicam endlich …

Ansatzlos hielt Luca im Laufen inne und spürte, wie Philipp mit ihm kollidierte und schockiert aufächzte.

Denn unmittelbar vor ihnen endeten die Wände aus hohem Getreide. Der seltsame Gang im Kornfeld mündete in einem kreisförmigen Areal aus geknickten Halmen, das im Mondlicht wie mit einem riesigen Zirkel gezogen wirkte. Doch nicht der Zirkel zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, sondern das unwirkliche Gebilde in seinem Zentrum.

Vor ihren Augen türmte sich ein schwankender und immer höher werdender Kegel aus schwirrenden und brummenden Heuschrecken auf, die sich wie irre gebärdeten und deren heftiger Flügelschlag an den Klang reißenden Papiers erinnerte.

Das monströse … Ding wuchs rasch zu einer Höhe von über zwei Metern an und wurde immerzu durch weitere Heuschrecken genährt, die von allen Seiten aus den Getreidehalmen sprangen. Dabei veränderte sich die Form des unwirklichen Gebildes aus lebenden Insekten zunehmend zu einem brausenden grün-schwarzen Schlauch, der – einer bizarren Windhose nicht unähnlich – immer weiter zum Nachthimmel emporwuchs. Und auch dieser hatte sich verändert, denn unmittelbar über ihnen ballten sich jetzt die Wolken, und Luca glaubte sogar, von dort oben ein leises Grummeln zu hören. Doch all das verblasste angesichts des überlauten Schwirrens, Brummens und Flatterns vor ihnen. Denn die himmelwärts strebende Säule aus Insekten entwickelte zunehmend ein bizarres Eigenleben. Immer wieder peitschte das obere Ende des flatternden Schwarmgebildes hin und her, gabelte sich, wuchs wie ein monströser Finger wieder zusammen – und neigte sich plötzlich in ihre Richtung, als wollte es nach ihnen greifen.

»Gott, was ist das?«, keuchte Luca, der das unheimliche Phänomen anstarrte. Zugleich setzte ein fast unmerklicher warmer Nieselregen ein, der von sanften Böen über das Feld getrieben wurde und ihre Haut benetzte.

»Weg hier!«, rief Philipp.

Erst als ihn sein Kumpel grob an der Schulter packte und mit sich zog, überwand Luca seine Schockstarre, und sie rannten beide los.

Längst waren ihre Lampen endgültig erloschen, dennoch hetzten sie panisch durch den eigentümlichen Gang inmitten des Getreidefelds, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, als das Brausen und Flattern hinter ihnen auf unwirkliche Weise zu einem geisterhaften Raunen und Wispern anschwoll.

Luuuucaaaa …

Erschrocken blickte Luca über die Schulter. Obgleich das Feld längst von dichten Regenwolken verschattet wurde, sah er, wie der schwankende Insektenturm jenseits der Getreidehalme jäh in einer dunklen Wolke zerplatzte. Im nächsten Augenblick war die Luft von einem lauten Schwirren und Flattern erfüllt, und ein gewaltiger Schwarm aus Heuschrecken brauste dicht über sie hinweg, verfing sich in ihren Haaren, setzte sich auf ihre Kleidung und verfinsterte die Nacht.

»Verfluchte Scheiße!« Philipp geriet vor Luca ins Straucheln und fuchtelte mit den Händen hektisch vor seinem Kopf herum, um all die brummenden und flatternden Insekten zu vertreiben, die sich auf Haaren, Mund, Nase und Augen niederließen. Auch Luca wehrte sich verzweifelt gegen den Ansturm. Dann – von einem Moment zum anderen – entfernte sich das Flattern, Schwirren und Brausen, und sie sahen entgeistert dabei zu, wie der düstere Heuschreckenschwarm in den Nachthimmel aufstieg. Er bildete unter der Wolkendecke ein bizarres geometrisches Muster, bevor er wie schwarzes Wasser jäh wieder auf den Acker herabstürzte.

Luca und Philipp keuchten entsetzt, dann rannten sie weiter.

»Wo ist der Feldweg?«, wimmerte Luca, während um sie herum noch immer der seltsame Nieselregen fiel.

»Ich weiß es nicht«, keuchte Philipp, der nun einige Male emporsprang und versuchte, über die Ähren hinwegzublicken.

»Diese Richtung!« Er deutete schräg vor sie. »Ich glaube, da hinten ist das Bushäuschen.«

Panisch stürzte er sich in die hohen Halme, und mühsam kämpften sie sich durch das endlos scheinende Roggengewirr auf den Feldrand zu, bis Philipp unvermittelt stolperte und zu Boden ging. Als Luca ihm verzweifelt wieder auf die Beine half, wurde ihm bewusst, dass das unentwegte Schwirren und Brummen hinter ihnen verstummt war. Nicht einmal mehr das Säuseln des feuchten Nachtwindes war zu hören.

Stattdessen herrschte im Feld ringsum eine fast bleierne Stille.

Wie die Ruhe vor dem Sturm.

»Weiter!« Wütend drosch Philipp mit der Luftpumpe auf die feuchten Halme ein und bahnte sich mühsam einen Weg durch das Korn. Abermals verhedderten sie sich und halfen sich gegenseitig wieder auf, als dicht vor ihnen ein Rascheln zwischen den Halmen ertönte.

Jäh huschte ein schwarzer Schatten von rechts nach links vor ihnen vorbei, und ein intensiver Strohgeruch wurde herangeweht.

Luuuucaaaa …

Diesmal war die geisterhafte Flüsterstimme nicht zu überhören.

Erschrocken hielt Luca inne, und auch Philipp, der die Luftpumpe schlagbereit hielt, blickte sich ängstlich um. »Scheiße! Was war das?«

»Hast du das auch gehört?«, flüsterte Luca verzagt.

Abermals war im Getreidefeld ein Rascheln zu hören, und in unmittelbarer Nähe jagte ein flinker Schatten durch die Halme. Diesmal von links nach rechts.

Beide fuhren herum, konnten jedoch im hohen Getreide nichts erkennen.

»Egal! Lauf!« Philipp stürmte wieder los. »Bleib dicht bei …«

Der flinke Schatten huschte ein weiteres Mal durchs Feld, und diesmal glaubte Luca im Zwielicht eine wirbelnde Bewegung auf Höhe der Ähren auszumachen. Ein dumpfer Schlag war zu hören, dem ein triumphierendes Fauchen folgte. Dann war der Schatten wieder verschwunden.

Philipp hingegen torkelte und sackte ansatzlos vor Luca in sich zusammen.

»Philipp?«

Kurz brach das Mondlicht zwischen den Regenwolken hervor, und als Luca sich besorgt über seinen Freund beugte, weiteten sich seine Augen vor schierem Entsetzen.

Philipp fehlte der Kopf.

Er war … fort!

Stattdessen spritzte und quoll unentwegt Blut aus dem offenen Halsstumpf.

Mit einem hysterischen Aufschrei wich Luca zurück, kippte selbst hintenüber ins Kornfeld und kroch hektisch von dem Toten weg.

Dann siegte sein Überlebensinstinkt.

Japsend vor Furcht und mit Tränen in den Augen kam er wieder auf die Beine. Jedwede Blicke auf den schrecklich zugerichteten Leichnam vermeidend, schob er die hohen Roggenhalme beiseite und rannte. Rannte.

Und endlich, endlich lichtete sich das scheinbar undurchdringliche Gewirr aus Halmen und Ähren.

Der Feldweg. Da hinten war er.

Luca fegte das Getreide beiseite und wollte gerade aus dem Feld stürmen, als ihn unvermittelt etwas am Bein packte. Mit einem Aufschrei stürzte er bäuchlings auf den durchfeuchteten Untergrund, wirbelte um die eigene Achse und sah im Zwielicht, dass sich einige Halme um seinen Fußknöchel geschlungen hatten.

Verzweifelt mühte er sich damit ab, die seltsame Fessel abzureißen, als der merkwürdige Strohgeruch plötzlich so intensiv wurde, dass er um Atem rang. Abermals schlug ihm die bedrohliche Flüsterstimme entgegen:

Luuuucaaaa …

Drängend. Fordernd.

Und diesmal war sie ganz nah.

Wimmernd vor Furcht sah Luca auf. Das unwirkliche Wolkengebilde über dem Feld wurde von einem fahlgelben Wetterleuchten erhellt, und dank des Lichts erblickte er erstmals die Gestalt.

Groß. Dunkel. Unheilvoll.

Wie aus seinen Albträumen geboren.

Knisternd teilten sich die Ähren vor ihr, während sie majestätisch durch die Halme auf ihn zuschritt. Und mit jeder Bewegung kam ein warmer Wind auf, der feinste Regenschleier herantrug.

Japsend versuchte Luca, sich loszureißen. Doch es war zu spät. Unerbittlich beugte sich die monströse Gestalt über ihn, packte ihn und schleifte ihn mit einem brutalen Ruck zurück aufs Feld.

Luca schrie.

Kopflos

»… macht die Trockenheit den Landwirten auch diesen Sommer schwer zu schaffen. Ludolf Kempter, Vorsitzender des sächsischen Landesbauernverbandes, klagt daher, dass nach vier Dürrejahren in Folge viele Landwirte um ihre Existenz kämpfen. Jetzt, so betonte er letzten Freitag in Grimma, seien die Politiker in der Pflicht. Denn auch die Düngeverordnung bereitet den Bauern zunehm…«

Sarah Richter verstellte genervt den Radiosender ihres blauen VW Polo, um endlich einen Kanal mit Musik zu finden, als sie links der von Bäumen gesäumten Bundesstraße das Blaulicht bemerkte, inmitten der weit gestreckten Landschaft aus korngelben Feldern.

Ein kurzer Blick aufs Navi bestätigte, dass sie ihr Ziel fast erreicht hatte.

Sie seufzte bei dem Anblick der schier endlosen Getreidefelder links und rechts der Straße. So wie diese Gegend hier hatte sie sich stets die Pampa vorgestellt. Denn abgesehen von dem einsamen Hochsitz am Waldrand in einigen Kilometern Entfernung war nirgendwo ein Zeichen von Zivilisation auszumachen.

Sie schaltete das Radio endgültig ab, musterte sich kurz im Rückspiegel und wischte sich einige Strähnen ihres blonden Long Bobs aus dem schmalen Gesicht. Leider machte der warme Fahrtwind, der durch die geöffnete Seitenscheibe in den Wagen blies, alle Versuche schnell wieder zunichte, ihr dünnes Haar in Form zu bringen. Doch angesichts der Sommerhitze war ihr ein kühlender Luftzug irgendwie wichtiger als ihr Aussehen.

Sarah drosselte die Geschwindigkeit des Polo, kaum dass sie zwischen den Bäumen einen Feldweg entdeckte, der linker Hand von der Bundesstraße abzweigte. Über ihn gelangte man zu dem Fundort, und für hiesige Verhältnisse herrschte bereits bei der Zufahrt überraschend viel Betrieb. Gleich drei Pkws parkten unmittelbar am Straßenrand, und auch auf dem Feldweg selbst standen Fahrzeuge und Fahrräder.

Sie setzte den Blinker, scherte auf den leicht holprigen Weg ein und erblickte sofort die Gruppe Schaulustiger, die sich trotz der Mittagshitze etwa zehn Meter weiter bei einem gelbblauen Streifenwagen versammelt hatte, um einen möglichst unverstellten Blick auf den Tatort zu erhaschen. Bei der Hälfte der Sensationshungrigen handelte es sich um Einheimische, der Kleidung nach Dörfler aus der Umgebung. Die andere Hälfte war – zumindest den Kennzeichen der geparkten Fahrzeuge zufolge – aus Berlin, Leipzig und Hoyerswerda angereist. Darunter, wie bereits gestern in Brandenburg, auffallend viele dieser UFO-Spinner. Sarahs Gefühl nach waren es sogar mehr geworden. Das jedenfalls folgerte sie aus dem Heckaufkleber eines Fahrzeugs, das das ikonische »I want to believe«-Plakat samt UFO zeigte, das durch Agent Mulder aus der Serie X Files berühmt geworden war.

Sie alle drängten sich dicht vor einem rot-weißen Flatterband, das ihre Kollegen quer über den Weg gespannt hatten. Soeben schob eine junge Polizistin in schwarz-blauer Sommeruniform einen Endzwanziger zurück, der etwas aufdringlich eine protzige Kamera auf die Felder richtete.

Sarah verdrehte die Augen.

Als sie sich mit ihrem Fahrzeug dem Treiben näherte, blickte die Kollegin auf. Die dunkelhaarige Beamtin stoppte sie und trat vor das geöffnete Seitenfenster.

»Entschuldigung«, sagte sie ernst. »Aber hier findet gerade ein Polizeieinsatz statt.«

»Ich werde erwartet.« Sarah zückte ihren Dienstausweis und präsentierte ihn der Frau.

»Verstehe.« Die Polizistin winkte einem Kollegen im Streifenwagen zu. »Mario, mach mal die Absperrung auf.«

Der Beamte stieg aus dem Wagen, und gemeinsam sorgten die beiden dafür, dass sie weiterfahren konnte.

Sarah nickte ihnen dankbar zu und ignorierte standhaft die Schaulustigen, die sie neugierig beäugten. Einer von ihnen, ein grobschlächtiger Kerl mit orange-weiß kariertem Hemd, schreckte nicht einmal davor zurück, sie mit seinem Handy zu fotografieren.

Sarah hasste zwar derartige Unverschämtheiten, aber in dieser Gegend schien wirklich der Hund begraben zu sein. Ein tragisches Ereignis wie dieses würde vermutlich noch in zwanzig Jahren Gesprächsstoff liefern.

Sie gab wieder etwas Gas und sah im Rückspiegel, wie die Reifen ihres Polo Staub auf dem ausgedörrten Feldweg aufwirbelten. Sie fuhr an vertrocknet wirkenden Feldern vorbei und hielt geradewegs auf das halbe Dutzend Fahrzeuge in etwa achtzig Metern Entfernung zu. Sie standen längs des Weges bei einem großen Getreidefeld, dessen Kornähren deutlich üppiger gediehen als auf den übrigen Ackerflächen.

Sarah richtete ihr Augenmerk auf den markanten großen Einsatzwagen samt dem Blaulicht, das sie bereits von der Bundesstraße aus hatte erkennen können. Der Sprinter parkte unweit einer alten hölzernen Bushaltestelle. Vor und hinter dem Fahrzeug standen zwei weitere Streifenwagen, außerdem zwei Zivilwagen und – natürlich – ein Leichenwagen. Die beiden Bestatter hatten einen schwarzen Regenschirm als Sonnenschutz aufgespannt, rauchten in seinem Schatten und blickten ihr neugierig entgegen.

Auch inmitten des Getreidefeldes war Bewegung auszumachen. Dort, vielleicht acht Meter vom Feldweg entfernt, inmitten der hohen Halme, erhob sich ein Faltpavillon. Sarah war sich sicher, dass sich dort die Leiche befand. In unmittelbarer Nähe marschierten soeben – den weißen Papieranzügen zufolge – Kollegen von der Forensik durch die Ähren. Tauschen wollte sie mit ihnen nicht, denn in den Dingern war es derzeit vermutlich unerträglich warm.

Sarah hielt an und wurde sofort von einem weiteren Beamten in Uniform angesprochen.

»Sie sind die Kollegin aus Brandenburg?«

»Richtig. Kriminaloberkommissarin Sarah Richter. Mordkommission Cottbus.« Abermals präsentierte sie ihren Dienstausweis. »Mir wurde gesagt, dass Kriminaldirektor Drettner vor Ort ist.«

»Ich gebe Bescheid.« Der Beamte griff zu seinem Funkgerät. »Parken Sie am besten direkt hier vorn.«

Er deutete zum Rand des Feldweges, und Sarah sorgte dafür, dass ihr Polo nicht länger im Weg rumstand. Kurz überlegte sie, sich ihr Sakko überzustreifen, das hinten auf der Rückbank lag. Es kam schließlich nicht so häufig vor, dass sie dem Leiter einer fremden Mordkommission gegenübertrat. Drettner leitete immerhin die Kriminalabteilung des Polizeireviers Hoyerswerda, der gleich vier Polizeistandorte untergeordnet waren. Ihr Chef verließ sich darauf, dass sie einen ordentlichen Eindruck machte. Allerdings schwitzte sie angesichts der hoch stehenden Sonne jetzt schon, weshalb sie auf das Sakko verzichtete.

Stattdessen rückte sie den Kragen ihrer hellgrünen Bluse zurecht, griff sich ihre Einsatztasche und stieg aus.

Sofort umfing sie bleierne Hitze. Grillen zirpten, und erstmals nahm sie auch den schweren Strohgeruch wahr, der dem hohen Kornfeld links des Feldweges entströmte. Kurz blickte sie auf ihre Armbanduhr und sah, dass es schon nach ein Uhr nachmittags war. Sie stellte sich auf die Fußspitzen und erkannte trotz der hohen Ähren, dass sich auch weiter hinten auf dem Feld etwas regte. Offenbar suchten dort noch mehr Beamte den Acker ab.

Sarah stellte ihre Spähversuche ein, als sie sah, wie aus Richtung des Bushäuschens zwei Männer auf sie zukamen.

Der eine war Mitte sechzig und etwas gedrungen. Den Beschreibungen ihres Chefs zufolge musste das Kriminaldirektor Drettner sein. Er trug eine dunkle Brille, und in der brütenden Augustsonne hatte seine Halbglatze bereits einen rötlichen Stich angenommen, was darauf hindeutete, dass er schon länger vor Ort war. Immerhin trug auch er lediglich ein graues Kurzarmhemd über der Leinenhose, das vorn am Bauch etwas spannte und unter den Achseln Schweißflecken aufwies.

Sein Begleiter war ebenfalls leger gekleidet. Freundlich ausgedrückt. Bei ihm handelte es sich um einen drahtigen Kerl, den sie auf Mitte dreißig schätzte, womit er nur wenig älter als sie war. Trotz der brütenden Wärme trug er eine dunkle Lederhose mit dazu passenden Westernstiefeln, hielt eine abgestreifte Jeansjacke in der Linken, während am Halskragen seines schlichten schwarzen T-Shirts eine Sonnenbrille am Bügel steckte, wie Biker sie gern benutzten. Am markantesten war jedoch sein halblanges, dunkles und etwas struppiges Haar, insbesondere der leicht gebogene Schnauzbart unter der schiefen Nase.

Vom Typus her ähnelte er einem Streetworker oder verdeckten Ermittler – wenn das überhaupt der angekündigte Kollege war, mit dem sie hier zusammenarbeiten sollte. Denn natürlich war es auch möglich, dass sie es hier lediglich mit einem Zeugen zu tun hatte.

»Kriminaloberkommissarin Richter?«, begrüßte Drettner sie mürrisch.

»Ja. Hallo.« Sarah schirmte ihre Augen vor der Sonne ab und warf den beiden Bestattern mit dem Regenschirm einen neidischen Blick zu. »Entschuldigen Sie die Verspätung. Aber ich wurde erst vor zwei Stunden der ›SOKO Kornkreis‹ zugeteilt und musste noch packen.«

»Kein Problem, ich habe nicht früher mit Ihnen gerechnet. Werner und ich haben das ja erst vor wenigen Stunden so entschieden.«

»Stimmt, Sie und mein Chef kennen sich ja schon etwas länger?«

»Seit unserer Studienzeit an der damaligen Karl-Liebknecht-Hochschule in Berlin.« Unprätentiös reichte ihr Drettner die Rechte, die sie schüttelte. »Er und ich, wir haben zusammen bei der Deutschen Volkspolizei angefangen. Ihr Chef hat dann nach der Wiedervereinigung drüben in Brandenburg Karriere gemacht, ich hier in Sachsen. Ganz nebenbei ist er der Patenonkel meiner Tochter.«

»Sieh an.« Sarah blickte ihn überrascht an, wurde aber schnell wieder dienstlich. »Hier ist also noch ein Enthaupteter gefunden worden?«

Sie spähte zum Getreidefeld hinüber, konnte jedoch durch die hohen Ähren nichts erkennen.

»Ja – und zwar wieder ganz in der Nähe eines Kornkreises. Also genau wie bei Ihnen drüben hinter der Landesgrenze.« Drettner wandte sich seinem Begleiter zu. »Aber darf ich Ihnen zunächst Oberkommissar Antonin Schultkas vorstellen, der hier eigentlich die Ermittlungen führt? Ihm hatten wir letztes Jahr die Aufklärung der Kartoffelkeller-Morde zu verdanken. Sie haben vielleicht davon gehört?«

»Wer nicht? Die Medien haben sich ja wie die Geier draufgestürzt.« Der Kollege im Streetworker-Look reichte ihr freundlich die Hand, die sie ebenfalls schüttelte, und Sarah betrachtete ihn mit neuem Interesse.

»Das war in Neschwitz, richtig?«, fragte sie ihn. »Darf ich fragen, wie Sie dem Täter am Ende auf die Schliche gekommen sind? Die vermissten Kinder lagen da doch schon seit dreißig Jahren. Ich hab das nur am Rande mitverfolgt, aber ich meine gehört zu haben, dass es keinerlei verwertbare Spuren gab.«

»Reines Glück«, antwortete Schultkas ausweichend, und sein Schnauzer zitterte beim Sprechen leicht. »Tatsächlich gab es ein winziges Stück abgeblätterter Farbe an der Kleidung eines der Skelette, das die Kollegen übersehen hatten. Das passte zu dem Anstrich eines alten Schuppens. Den damaligen Besitzer zu ermitteln, war dann nicht mehr so schwer.«

Sarah nahm interessiert die Sprachmelodie ihres Kollegen zur Kenntnis. Die Art, wie er die Konsonanten betonte, ließ darauf schließen, dass er Sorbe war. Da sie schon seit Längerem in Cottbus lebte, das als eines der kulturellen Zentren dieses westslawischen Volkes galt, wusste sie, dass Schultkas’ Vorfahren im Zuge der großen Völkerwanderung zwischen 600 und 900 in die Gebiete zwischen Ostsee, Elbe, Oder und Erzgebirge eingewandert waren. Heute, so schätzte man, gab es um die 60000 Sorben in Deutschland. Und die waren vorwiegend hier in der Lausitz ansässig. Eine Region, die sich über den Süden Brandenburgs und den östlichen Teil Sachsens erstreckte. Neben den nationalen Minderheiten der Dänen, Friesen und der deutschen Sinti und Roma genossen die Sorben als vierte Volksgruppe staatlichen Schutz bei der Bewahrung ihrer kulturellen Identität. In den Landesverfassungen Brandenburgs und Sachsens war sogar geregelt, dass die Sorben ihre Hymne und ihre Flagge gleichberechtigt neben staatlichen Symbolen führen durften. Und seit 2014 waren überall in der Lausitz auch zweisprachige Straßenschilder auf Deutsch und Sorbisch zu finden. In Cottbus wurden sogar die Straßenbahnstationen auf Sorbisch ausgerufen. Dennoch waren die kulturellen Bräuche und Dialekte der Sorben wohl recht unterschiedlich. Genaueres wusste sie leider nicht, allerdings war bekannt, dass rund um Cottbus die Niedersorben lebten. Schultkas, sollte er gebürtiger Sachse sein, würde dann wohl vermutlich der Gruppe der Obersorben angehören. Beide Gruppen wiesen ihres Wissens nach auch sprachliche Unterschiede auf. So oder so, die Zusammenarbeit mit ihm versprach interessant zu werden.

Drettner, der von ihren Gedanken nichts ahnte, reagierte angesichts der knappen Ausführungen seines Oberkommissars mit einem unwilligen Schnauben.

»Na, nicht so bescheiden. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass dieser Schuppen schon lange abgerissen war. Antonin kam ihm durch ein vergilbtes Foto in einem alten Familienalbum auf die Schliche, was dem Fall endgültig die Wende gab.« Er blickte ihn anerkennend an. »Und ich weiß ehrlich gesagt bis heute nicht, wie du darauf gestoßen bist.«

»Wie gesagt: reines Glück.« Antonin Schultkas zuckte leichthin mit den Schultern und beäugte stattdessen Sarah neugierig. »Dafür waren Sie an der Aufklärung der Witwen-Morde im Spremberg beteiligt? Sie waren dafür sogar in Thailand, wie ich hörte.«

»Wow!« Sarah hob überrascht eine Augenbraue. »Das ist jetzt aber etwas unfair. Offenbar sind Sie über mich schon ganz gut informiert.«

»Ich weiß halt gern, mit wem ich zusammenarbeite.«

»Ich schlage vor«, ging Drettner dazwischen, »dass Sie beide später Anekdoten austauschen. Ich will wieder zurück nach Hoyerswerda und vertraue darauf, dass Sie beide den Mist hier rasch aufklären.« Er nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn, bevor er wieder zu Sarah aufsah.

»Werner … also Ihr Chef und ich sind kurzfristig übereingekommen, dass wir das alles hier auf dem kleinen Dienstweg regeln. Zum Glück habe ich gerade gestern erst mit ihm telefoniert und wusste daher von Ihrem Fall am Erikasee bei Großkoschen. Als wir dann heute morgen mit dem Toten auf unserer Seite der Landesgrenze konfrontiert wurden«, er sah sich zu dem hohen Getreidefeld um, »brauchte ich bloß eins und eins zusammenzuzählen, um zu wissen, dass wir es mit ein und demselben Täter zu tun haben. Wir hoffen daher, dass die länderübergreifende Sonderkommission dazu beiträgt, Zeit und Ressourcen einzusparen. Kurz: Sie und Antonin arbeiten ab heute zusammen. Ich hoffe, das ist auch für Sie okay?«

»Selbstverständlich.« Sarah wischte sich kurz über die Stirn und blickte ihren neuen Kollegen an. »Fehlt der Kopf des Toten auch hier?«

»Alles exakt so wie bei Ihnen, soweit ich weiß.« Schultkas musterte sie ausdruckslos. »Ein in der Tatnacht entstandener Kornkreis und jeweils ein Enthaupteter in unmittelbarer Nähe.«

»Ich empfehle Ihnen beiden, sich mal diese Kornkreisgänger genauer anzusehen«, mischte sich Drettner mit Blick zur Absperrung ein. »Wird ja wohl kein Zufall sein, dass diese Trampeleien in den Feldern genau in den Nächten entstanden sind, in denen es auch zu diesen bizarren Todesfällen kam. Ausführung und Umstände … könnten vielleicht auf das Werk irgendwelcher Satanisten hindeuten.«

Sarah musterte Schultkas, der skeptisch das Getreidefeld anstarrte.

»Machen wir natürlich«, erklärte sie, als der Sorbe nicht reagierte.

»Gut.« Der Kriminaldirektor nickte zufrieden. »Sie beide kommen zurecht?«

»Sicher.« Sarah lächelte, und auch ihr sorbischer Kollege nickte.

»Dann überlasse ich den Rest Antonin.« Drettner berührte mit unglücklicher Miene seine rote Halbglatze und spähte kurz zum blauen Augusthimmel. »Seien Sie beide klüger als ich und besorgen sich Sonnencreme. Wenn Sie etwas brauchen, wissen Sie ja, wo Sie mich finden. Den Jungen bringe ich dann auch gleich mal nach Hause. Viel Glück.«

Sarah hatte keine Ahnung, wovon Drettner sprach, doch sie sah ihm dabei zu, wie er in Richtung Sprinter marschierte und dort von zwei Polizisten in Empfang genommen wurde, unter ihnen auch der, der sie aufgehalten hatte.

»Also, wo wollen wir anfangen?«

»Ich schlage vor«, antwortete Schultkas, »wir beginnen mit dem Toten. Bei der Gelegenheit könnten Sie mich vielleicht auch in Details Ihres Falls in Brandenburg einweihen, die nicht in der Akte stehen.«

»Ach, die Akte haben Sie auch schon?« Sarah nahm sich vor, nach ihrer Rückkehr in Cottbus ein ernstes Wort mit ihrem Chef zu wechseln. Sie blieb dennoch freundlich. »Klar, gern. Wenn Sie mir noch eine Sekunde geben würden.«

Sarah trat unter den gespannten Blicken ihres Kollegen an den Kofferraum ihres Wagens heran, denn ihr war soeben eingefallen, dass darin immer noch ihre grün-weiße Schirmmütze lag.

Schultkas sah sie fragend an, als sie sich die Mütze aufsetzte und er das Emblem darauf bemerkte. »TCC?«

»Tennisclub Cottbus.« Sie war froh, dass die Sonne dank der Mütze nicht mehr so stach. »Ich spiele da zweimal die Woche, um mich fit zu halten.«

»Nicht schlecht. Ich bin eher der Typ Tischfußballer.«

Sarah musste unwillkürlich schmunzeln. »Na, dann hoffe ich auf ein Match. In unserem Pausenraum haben wir nämlich ebenfalls einen Kicker.«

Sie schnappte sich wieder ihre Tasche, und gemeinsam marschierten sie an den Polizeifahrzeugen vorbei den Feldweg entlang. Ein Stück entfernt scherte ein BMW mit Drettner am Steuer aus und kam ihnen entgegen. Neben ihm auf dem Beifahrersitz hockte ein blonder Teenager, den Sarah auf siebzehn oder achtzehn Jahre schätzte.

»Wer ist der Junge?«, fragte sie ihren Begleiter, kaum dass der Wagen an ihnen vorbeigefahren war.

»Tim Opitz. Er wohnt hier in der Nähe. Gewissermaßen ein Zeuge«, antwortete Schultkas. »Unser Opfer«, er blickte zum Faltzelt, das über den Ähren aufragte, »war hier letzte Nacht nämlich nicht allein unterwegs, sondern mit einem Freund, der seit letzter Nacht spurlos verschwunden ist.«

»Und? Hat der Junge etwas beobachtet?«

»Nein, das leider nicht.« Ihr Kollege wandte sich der alten Bushaltestelle am Feldweg hinter dem Polizeisprinter zu und deutete auf eine blaue Enduro und ein Fahrrad. »Tim ist der Bruder des Vermissten. Er hat sich heute Morgen auf die Suche nach ihm begeben und hier dann die fahrbaren Untersätze der beiden Freunde aufgespürt. Bedauerlicherweise war er es auch, der dann den Toten im Feld entdeckt hat. Der Notruf kam von ihm. Warten Sie, das hier sind die beiden.« Schultkas zückte ein Smartphone und präsentierte ihr das Foto eines jungen Mannes mit Lockenmähne, der grinsend in Bikerkluft an der Seite eines blonden Teenagers stand. Letzterer hielt stolz eine Digicam und ein Mikro in Händen, auf dem ein gut sichtbares Logo prangte: XFacts.

»Der mit der Mähne ist nach allem, was wir wissen, der Tote: Philipp Uhlig, zwanzig Jahre alt. Wohnhaft in einer Bauwagenkommune, etwa fünfzehn Kilometer von hier entfernt. Der Junge neben ihm ist Tims vermisster Bruder Luca Opitz, siebzehn Jahre.«

Überrascht nahm ihm Sarah das Smartphone aus der Hand. »Dieser Tim und sein Bruder sehen sich aber ganz schön …«

»Zwillinge«, ergänzte Schultkas.

»Das erklärt es. Haben Sie schon versucht, das Handy von Luca Opitz zu orten? Die Jugendlichen haben doch alle eins.«

»Ja, sicher«, antwortete ihr Kollege. »Wir haben es schon vor zwei Stunden gefunden. In der Nähe dieses Piktogramms hier im Feld. Wir haben das Gerät wegen des Sperrcodes der Technik überstellt.«

Sarah gab Schultkas dessen Handy zurück und blickte wieder zu dem Bushäuschen. »Fährt hier noch ein Bus?«

»Nein, schon lange nicht mehr.« Schultkas folgte ihrem Blick. »Ein Überrest aus DDR-Zeiten. Die Linie wurde kurz nach der Wiedervereinigung eingestellt.«

»Na gut, werfen wir einen Blick auf den Toten.« Sarah wandte sich dem hohen Feld zu. »Übrigens gilt bei unserem Enthauptungsfall in Brandenburg streng genommen ebenfalls eine weitere Person als abgängig.«

Antonin Schultkas sah sie überrascht an. »Tatsächlich? Das ging aus der Akte gar nicht hervor.« Der Sorbe übernahm die Führung und lotste Sarah zu einem ausgetrampelten Pfad aus umgeknickten Halmen, der tiefer in das Feld hineinführte.

»Das wissen wir auch erst seit gestern Abend«, erklärte Sarah mit leiser Genugtuung. So akribisch, wie sich Schultkas in der Kürze der Zeit in den Fall eingearbeitet hatte, war sie sich bereits etwas nutzlos vorgekommen.

Sie tauchte hinter ihm in das Meer aus Getreideähren ein, und ihre Sinne wurden sofort von einem fast berauschenden Strohgeruch umhüllt. Das Zirpen der Grillen wurde etwas lauter, und irgendwie war es in dem Feld unangenehm schwül und stickig.

»Bei unserem Toten«, fuhr sie fort, während sie sich hinter Schultkas einen Weg durch das Dickicht aus Halmen bahnte, »handelte es sich um einen Landarbeiter namens Peter Stöpel. Er wurde ausgerechnet von Kornkreisgängern entdeckt, die vormittags eine Drohne gestartet hatten, um damit nach weiteren Piktogrammen Ausschau zu halten.«

»Ja, habe ich gelesen«, kam es von vorn.

»Dann wissen Sie auch, dass bereits tags zuvor im Gebiet der Schwarzen Elster, diesem Nebenlauf der Elbe, ein weiterer Kornkreis entdeckt wurde?«, fragte sie ihn gespannt. »Wobei die da offenbar kein Getreide, sondern Flachs anbauen. Mit dem Feld hier wären es schon insgesamt drei – und das in drei aufeinanderfolgenden Nächten. Dem Interesse der UFO-Jünger da hinten nach zu urteilen, scheint das auch die Eso-Szene für außergewöhnlich zu halten.«

»Ja, auch von der Formation weiß ich«, antwortete ihr Kollege, der sich vor ihr weiter raschelnd durch die Halme bewegte. »Der ist ja auch auf sächsischem Gebiet aufgetaucht.«

»Ihre Detailkenntnis überrascht mich.« Sarah kämpfte sich weiter vor und betrachtete den Sorben gespannt. »Ich dachte, Sie sind erst heute Vormittag mit dem Fall hier betraut worden?«

»Na ja«, antwortete Schultkas, »wir mussten vorhin ein paar dieser Kornkreisgänger mit Nachdruck aus dem Feld vertreiben. Die Szene scheint gut vernetzt zu sein, und ich habe mir daher gleich mal die Webseite eines der Typen genauer angesehen. Luca Opitz, unser vermisster Teenager, scheint dieser Gemeinschaft übrigens auch anzugehören. Zumindest betreibt er einen entsprechenden YouTube-Kanal.«

»Dieses XFacts?« Sarah dachte an das Emblem auf dem Mikro, das Opitz auf dem Foto in die Kamera gehalten hatte.

Schultkas brummte zustimmend.

»Was meinen Brandenburger Fall angeht«, fuhr Sarah fort, »können wir nur mutmaßen, was Stöpel in dem Feld zu suchen hatte, in dem er tot aufgefunden wurde. Auch sein Kopf ist bis jetzt verschwunden. Gestern Abend konnten wir aber einen Tankstellenbesitzer ausfindig machen, bei dem Stöpel spätnachmittags Alkoholika gekauft hat. Er plante wohl, abends mit einem Freund ein privates Saufgelage abzuhalten.«

»Und dieser Freund wird jetzt vermisst?« Ihr Kollege hielt kurz inne und sah sie fragend an.

»Ja. Ein gewisser Kevin Koslowski. Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber, da Koslowski vielleicht auch einfach nur untergetaucht ist. Zumindest halten wir ihn für hinreichend tatverdächtig, was den Mord an Stöpel anbelangt.«

»Gibt es Hinweise darauf?«

Sarah seufzte und wischte eine vorwitzige Heuschrecke von ihrer Kleidung. Sie hasste diese Krabbelviecher. »Koslowski ist kein Unbekannter bei den Leuten, die wir nach ihm befragt haben. Bekannte bezeichnen ihn, sagen wir mal, als arbeitsscheu. Außerdem ist er aktenkundig. Gegen ihn läuft eine Anzeige wegen Sozialhilfebetrugs.« Sarah hielt kurz inne, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Gott, war das hier schwül. Dann marschierte sie weiter. »Die beiden scheinen an dem Abend tatsächlich zusammen losgezogen zu sein«, fuhr sie fort. »Außerdem haben wir in der Nähe des Tatortes eine Einkaufstüte mit den Flaschen gefunden, die Stöpel an der Tankstelle gekauft hat. So weit stimmt das also alles. Was dann passiert ist, wissen wir nicht. Möglich, dass die beiden sich gestritten haben. Auf jeden Fall hat diesen Koslowski bis heute Morgen keiner mehr gesehen. Auch zu Hause ist er nach Aussage seines Vaters nicht aufgekreuzt.«

»Wäre ihm denn ein Mord zuzutrauen?«

»Weiß ich nicht. Wir sind da ja erst seit gestern dran. Wir haben ihn trotzdem zur Fahndung ausgeschrieben. Und so weit weg von hier ist unser Tatort ja nun auch nicht.«

Schultkas blickte kurz zur Sonne auf, die am Himmel brannte. Ungnädig brummte er. »Sie geben Bescheid, wenn Sie Kreislaufprobleme bekommen?«

»Sagt der trainierte Tischfußballer.« Sarah grinste.

»Punkt für Sie.« Ihr Kollege grinste ebenfalls, und sein ausladender Schnurrbart folgte der Bewegung seiner Lippen. Dann marschierte er weiter, und endlich erreichten sie das große Faltzelt.

Der komplette Bereich um das Zelt und der Boden darunter waren sorgsam von Ähren befreit, und Sarah erblickte sofort den Toten in Bikerkluft, der vor ihnen auf dem Acker lag.

Oder besser, was von ihm noch übrig war, nämlich sein kopfloser Torso.

Sarah atmete scharf ein und war froh, durch den gestrigen Fall auf den Anblick vorbereitet gewesen zu sein. Denn dort, wo eigentlich der Kopf hätte sein müssen, erblickte sie nur einen brandig wirkenden Halsstumpf, dessen markanteste Auffälligkeit die durchtrennte Speiseröhre und ein etwas heller schimmernder Wirbelknochen im umgebenden Rot war.

Angesichts der dunkel verkrusteten und wie gebacken wirkenden Matte aus geknickten Getreidehalmen, die unter dem Hals hervorlugte, war zu erkennen, dass aus dem Stumpf viel Blut zu Boden gespritzt war.

Die beiden Kriminaltechniker in ihren weißen Schutzanzügen, die neben dem Leichnam knieten und ihn gerade fotografierten, blickten auf. Hinter ihnen standen große Taschen mit forensischem Equipment, und auf einer davon schwirrte ein batteriebetriebener Ventilator, der die beiden während der Arbeit kühlte. Clever.

»Max, darf ich vorstellen?«, sprach Schultkas den größeren der beiden an. »Das hier ist Oberkommissarin Sarah Richter aus Cottbus.«

»Ah, hallo! Ich hab schon gehört, dass Sie in Brandenburg an einem ähnlichen Fall arbeiten.«

Der Forensiker, ein Mittvierziger mit krausem, dunklem Haar und leicht eingesunkenen Augen, erhob sich mit knackenden Gliedern und verzichtete angesichts seiner Handschuhe darauf, sie per Handschlag zu begrüßen. »Allzu viel haben wir noch nicht herausfinden können.«

»Uns reicht, was Sie haben«, meinte Sarah.

»Na gut.« Der Mann fuhr sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. »Der Kleidung nach ist das hier Philipp Uhlig. Letzte Zweifel können wir natürlich erst dann ausräumen, sobald wir die Fingerabdrücke überprüft haben. Das Kennzeichen der Enduro da hinten«, er nickte in Richtung Bushäuschen, »lässt da aber nur wenig Spielräume für Irrtümer zu.«

»Und der Kopf?«, wollte Sarah wissen.

»Fehlanzeige.« Der Forensiker zuckte hilflos mit den Schultern. »Selbst eine intensive Suche hat ihn bislang nicht zutage gefördert. Der Kopf wurde ihm aber unzweifelhaft hier abgetrennt, darauf deutet das viele Blut hin. Ich nehme daher an, dass der Täter ihn mitgenommen hat. Vielleicht als eine makabre Trophäe.« Er wandte sich zur Feldmitte um. »Außerdem gehen wir davon aus, dass er von dort hinten kam und sich in Richtung Feldweg bewegt hat, als es zu dem tragischen Ereignis kam. Darauf deutet die Sturzrichtung hin. Außerdem haben wir weiter hinten, zwischen den Halmen, Fußabdrücke gefunden. Leider nicht so viele, wie wir uns erhofft haben, aber nimmt man die Abstände zwischen ihnen als Maß, bedenkt die Hindernisse hier im Feld und die schlechten Sichtverhältnisse letzte Nacht, gehen wir davon aus, dass er gerannt ist.«

»Gerannt?« Sarah verengte die Augen. »Das heißt, er ist vor etwas oder jemandem davongelaufen?«

»Vielleicht. Die abschließende Beurteilung überlasse ich Ihnen beiden.«

Schultkas fuhr sich ernst durch seine Haarmähne. »Habt ihr bloß Schuhabdrücke des Toten gefunden?«

»Du zielst auf den verschwundenen Jungen ab? Nein. Da sind auch Spuren von einer zweiten Person. Er hier«, der Forensiker nickte bedauernd dem Toten zu, »und der Vermisste haben sich ganz sicher gemeinsam im Feld aufgehalten.« Der Mann zögerte. »Allerdings, und das ist etwas eigenartig, finden wir nicht so viele Spuren, wie wir hier eigentlich erwartet hätten. Abgesehen von der Kornkreisformation weiter hinten im Feld konnten wir auch nirgendwo Schneisen oder geknickte Halme auf dem Acker finden, die die beiden eigentlich hinterlassen haben müssten. Andererseits sind sie vielleicht auch sehr vorsichtig vorgegangen, falls sie selbst den Kornkreis erstellt haben.«

»Wie kommen Sie darauf?«, hakte Sarah nach. »Haben Sie irgendwelche Werkzeuge gefunden? Bretter? Seile?«

»Nein, nichts dergleichen. Aber das liegt doch nahe. Hat Antonin Ihnen nicht erzählt, dass die beiden dieser Eso-Szene angehören?«

»Schon …«

»Vielleicht wollten sie so für etwas Publicity sorgen?«, mutmaßte der Kriminaltechniker. »Irgendjemand muss dieses Piktogramm doch angefertigt haben. Die Kollegen sollten daher nachher noch einmal die Ackerfurchen genauer überprüfen. Nach allem, was man so hört, werden die von diesen Kornkreiskünstlern«, er betonte das Wort auf leicht abfällige Weise, »gern dazu benutzt, um die Felder möglichst unbemerkt zu betreten und nach getaner Arbeit auch wieder zu verlassen.«

»Sie kennen sich ja gut aus«, merkte Sarah erstaunt an.

»Ach Gott.« Ihr Gegenüber winkte ab. »Darüber gab es doch in den letzten Jahren so viele Dokus. Die Erstellung solcher Kornkreise scheint in der Szene ja ein regelrechter Sport zu sein.«

»Haben Sie denn schon eine Vermutung, womit unserem Opfer der Kopf abgetrennt wurde?« Sarah betrachtete unbehaglich den Halsstumpf der Leiche.

»Na ja …«, antwortete der Mann gedehnt. »Das muss ein verdammt scharfer Gegenstand gewesen sein. Ein Schwert? Ein Katana? Leider ist das alles reine Spekulation. Ich tippe trotzdem auf eine derartige Waffe, weil es so wirkt, als wäre dem Jungen der Kopf während des Laufens abgeschlagen worden. Zumindest gibt es hier keinerlei Anzeichen für so etwas wie eine … Hinrichtung.«

»Wann genau ist der Tod eingetreten?«

»Schwer zu sagen bei der Hitze.« Er sah missmutig zur brennenden Mittagssonne auf. »Wir schätzen, vor etwa zwölf Stunden. Plus minus zwei Stunden.«

»Also mitten in der letzten Nacht?«

»Ja, darauf deutet auch die da hin.« Erstmals meldete sich der andere Mediziner zu Wort, ein bärtiger Mittdreißiger mit roten Haaren. Er zeigte auf eine Taschenlampe, die bereits markiert auf einer Plane schräg hinter ihm lag.

Sarah warf der Lampe einen knappen Blick zu und musterte auch die übrigen Objekte, die offenbar allesamt von dem Toten stammten: ein Schlüsselbund, eine Packung Kaugummis, ein zerknülltes Papiertaschentuch, ein Portemonnaie, ein Handy, eine Fahrradluftpumpe … außerdem ein tragbarer Audiorekorder inklusive des Mikros mit dem markanten XFacts-Emblem, das sie bereits von dem Foto kannte.

Auch Antonin Schultkas fixierte den Rekorder überrascht. »Das Aufnahmegerät hattet ihr vorhin aber noch nicht hier liegen.«

»Stimmt«, bestätigte der Forensiker. »Es lag samt dem Mikro unter dem Toten begraben. Wir haben es bislang nicht weiter angerührt. Übrigens war die Kleidung auf der Unterseite des Toten ungewöhnlich feucht.«

»Feucht?« Sarah sah ihn verwundert an, gesellte sich dann aber zu ihrem neuen Kollegen, als sie sah, wie sich Schultkas Latexhandschuhe überstreifte, um den Audiorekorder an sich zu nehmen.

»Ja, so als wäre unser Opfer vor seinem Tod Nässe ausgesetzt gewesen. Ist jetzt leider wegen der Hitze nicht mehr festzustellen, ich wollte es nur angemerkt haben.«

»Ist was drauf?«, fragte Sarah Schultkas neugierig.

Der drückte einen Knopf, und aus dem Lautsprecher des Geräts schallte unvermittelt eine aufgeregte Jungenstimme.

Spinnst du? … Ausgerechnet jetzt, wo hier was passiert? Genau deswegen sind wir doch hier. Jetzt komm schon.

Ein unangenehmes Rascheln und Knistern war zu hören, dann ertönte eine dunklere Stimme.

»Luca, ich halte das für eine total beschissene Idee! Lass uns hier raus, bevor …«

Das Knistern steigerte sich zu einem regelrechten Prasseln. Fast so, als wäre das Gerät Elektrostatik ausgesetzt gewesen. Undeutlich war unter den Störgeräuschen ein »Fuck! Ich glaub’s nicht!« herauszuhören.

Die andere Stimme rief etwas Unverständliches, dann erklang ein panisches »Weg hier!«, und es folgten erneut eine Weile lang knackende Stör- und Knisterlaute. Unerbittlich setzte wieder das unangenehme Prasseln, Rauschen und Brausen ein, als die Laute von einem Moment zum anderen abbrachen und eine geisterhafte Flüsterstimme aus dem Lautsprecher schallte:

»Luuuucaaaa …«

Die Aufnahme endete, und sie und Schultkas sahen einander verwirrt an.