Beschreibung

In Dirk Gently's Holistischer Detektei geht es drunter und drüber. Ein elektrischer Mönch, eine lebende Leiche, ein bettlägriger Odin oder ein Cola-Automat mit Eigenleben sind nur einige der Zutaten dieses «Geister-Horror-Zeitmaschinen-Romanzen-Komödien-Musical-Epos» vom bekannten Autor der "Per Anhalter durch die Galaxis"-Reihe.

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Seitenzahl: 424

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Das Buch

Dirk Gently ist ein Privatdetektiv der ganz besonderen Art: Anstatt sich an konventionelle Ermittlungsverfahren zu halten, schwört er auf Quantenphysik, Hypnose und natürlich kalte Pizza. Deshalb kommt er auch immer zu unerwarteten und höchst überraschenden Ergebnissen. Als Richard McDuff, ein Computerprogrammierer, plötzlich Hauptverdächtiger in einem Mordfall wird, schreitet sein alter Kumpel Dirk sofort zur Tat. Die ganze Sache ist jedoch viel komplexer, als es den Anschein hat. Wird es Dirk Gently gelingen, Licht in dieses Verwirrspiel von wahrhaft kosmischen Ausmaßen zu bringen?

Der Autor

Douglas Adams schuf die verschiedensten Manifestationen von Per Anhalter durch die Galaxis: die Radiosendungen, Romane, eine TV-Serie, Computerspiele, Theaterstücke, Comicbücher und Badetücher. Dazu schrieb er die Dirk-Gently-Romane und diverse Sachbücher. Weltweit hielt er Vorträge und war aktives Mitglied des Dian Fossey Gorilla Fund und von Save the Rhino International. Douglas Adams wurde in Cambridge geboren, mit seiner Frau und Tochter lebte er in Islington bei London, bevor er ins kalifornische Santa Barbara übersiedelte, wo er 2001 überraschend starb. Nach Douglas Adams’ Tod kam 2005 endlich die Kinoversion von Per Anhalter durch die Galaxis auf die große Leinwand.

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorCopyrightWidmung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel 15. Kapitel 16. Kapitel 17. Kapitel 18. Kapitel 19. Kapitel 20. Kapitel 21. Kapitel 22. Kapitel 23. Kapitel 24. Kapitel 25. Kapitel 26. Kapitel 27. Kapitel 28. Kapitel 29. Kapitel 30. Kapitel 31. Kapitel 32. Kapitel 33. Kapitel 34. Kapitel 35. Kapitel 36. Kapitel

Die Originalausgabe DIRK GENTLY’S HOLISTIC DETECTIVE AGENCY erschien bei William Heinemann Ltd., London

11. Auflage Taschenbuchausgabe 11/2001 Copyright © 1987 by Douglas Adams Copyright © 1988 der deutschsprachigen Ausgabe by Rogner & Berhard GmbH & Co. Verlags KG, Hamburg Der Wilhelm Heyne Verlag ist ein Verlag der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Der Übersetzung des Gedichts »Kubla Khan« von Samuel Taylor Coleridge wurde die Fassung von Hans Hennecke aus »Englische Gedichte von Shakespeare bis W.B. Yeats«, Kiepenheuer Verlag, Berlin, 1938, zugrunde gelegt. Umschlagillustration: Hendrik Dorgathen Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München Satz: (3597) IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

eISBN: 978-3-641-18483-4

www.heyne.de

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Für meine Mutter,der die Geschichte mit dem Pferd so gut gefiel.

1. Kapitel

Diesmal würde es keine Zeugen geben.

Diesmal war nur die tote Erde da, ein Donnerrollen und das Einsetzen des unaufhörlichen leichten Sprühregens aus Nordost, von dem offenbar sehr viele der schicksalschwersten Augenblicke der Welt begleitet sind.

Die Stürme des Vortags und des Tages davor und die Fluten der vergangenen Woche hatten inzwischen nachgelassen. Der Himmel platzte immer noch schier vor Regen, aber in die dichter werdende abendliche Finsternis fiel tatsächlich nichts weiter als dieses trübselige Geniesel.

Ein leichter Wind fegte durch die dunkelnde Ebene, stolperte über die niedrigen Hügel und kariolte durch ein flaches Tal, in dem ein Bauwerk stand, eine Art Turm, ganz allein inmitten eines alptraumartigen Morasts und sehr schief.

Es war ein schwärzlicher Turmstumpf. Er stand da wie ein Magmablock, der aus einer der abscheulicheren Tiefen der Hölle nach oben gestiegen war, und neigte sich in einem sonderbaren Winkel zur Seite, als laste etwas noch viel Schrecklicheres auf ihm als nur sein eigenes beträchtliches Gewicht. Er sah aus wie etwas Totes, etwas seit Ewigkeiten Totes.

Die einzige Bewegung kam von einem Schlammfluß, der sich träge am Grund des Tales an den Turm vorbeiwälzte. Ungefähr eine Meile weiter stürzte der Fluß in eine Schlucht und verschwand unter der Erde.

Aber während der Abend herabsank, wurde sichtbar, daß der Turm doch nicht ganz ohne Leben war. Ein schwaches rotes Licht glimmte nämlich tief in seinem Innern.

Das Licht war gerade nur so eben zu sehen – abgesehen natürlich von der Tatsache, daß niemand da war, der es hätte sehen können, kein Zeuge, diesmal nicht, aber es war trotzdem ein Licht. Alle paar Minuten wurde es ein bißchen stärker und ein bißchen heller, und dann verblaßte es langsam wieder, bis es fast erlosch. Zugleich trieb ein leiser Klagelaut mit dem Wind dahin, steigerte sich zu einer Art Gejammer und verhallte wieder ebenso hoffnungslos.

Zeit verging, dann erschien ein anderes Licht, ein kleineres, bewegliches Licht. Es tauchte nahe am Boden auf und bewegte sich einmal hüpfend um den Turm, wobei es gelegentlich haltmachte. Das Licht und die schattenhafte Gestalt, von der man gerade eben so wahrnehmen konnte, daß sie es trug, verschwanden darauf wieder in dem Turm.

Eine Stunde verging, und als die vorbei war, war die Dunkelheit total. Die Welt schien tot zu sein, die Nacht ein schwarzes Loch.

Und dann erschien das Glimmen in der Nähe der Turmspitze von neuem und nahm diesmal entschlossener an Kraft zu. Schnell erreichte es die Helligkeit, die es vorher gehabt hatte, und brannte dann weiter, heller und heller. Der Klagelaut, der es begleitete, wurde immer lauter und schriller, bis er ein Jammerschrei war. Der Schrei kreischte weiter und weiter, bis er ein blendender Krach und das Licht eine ohrenbetäubende Röte waren.

Und dann hörte auf einen Schlag beides auf.

Eine Millisekunde lang war schweigende Finsternis.

Ein überraschendes, bleiches neues Licht blähte und bauschte sich tief aus dem Morast unter dem Turm hervor. Der Himmel preßte sich zusammen, ein Berg aus Matsch geriet in krampfhafte Zuckungen, Erde und Himmel grölten sich gegenseitig an, es entstand ein schreckliches Rosa, ein plötzliches Grün, ein zögerndes Orange, das die Wolken besudelte, und dann versickerte das Licht, und die Nacht war endlich unergründlich und abscheulich finster. Es gab kein anderes Geräusch mehr als das leise Rieseln von Wasser.

Doch am Morgen erhob sich die Sonne mit ungewohntem Glanz und blitzte auf einen Tag herunter, der wärmer, klarer und heller war oder zu sein schien oder zumindest erschienen wäre, wenn es jemanden gegegeben hätte, dem er irgendwie hätte erscheinen können – ein alles in allem lebendigerer Tag, als man ihn je gekannt hatte. Ein kristallklarer Strom floß durch die Trümmerreste des Tales.

Und Zeit begann ernstlich zu verrinnen.

2. Kapitel

Hoch oben auf einem felsigen Vorgebirge saß ein Elektrischer Mönch auf einem gelangweilten Pferd. Unter seiner groben Kutte hervor blickte der Mönch ungerührt in ein anderes Tal hinunter, mit dem er ein Problem hatte.

Der Tag war heiß, die Sonne stand an dem leeren, dunstigen Himmel und brannte auf die grauen Felsen und das kümmerliche verdorrte Gras herunter. Nichts rührte sich, nicht einmal der Mönch. Der Schwanz des Pferdes bewegte sich ein bißchen und wedelte leicht, womit er versuchte, etwas Luft aufzuwirbeln, aber das war alles. Sonst rührte sich nichts.

Der Elektrische Mönch war ein Gerät zur Arbeitseinsparung wie ein Geschirrspüler oder Videorecorder. Geschirrspüler spülten für einen das langweilige Geschirr und ersparten einem so die Mühe, es selber spülen zu müssen; Videorecorder sahen sich für einen langweilige Fernsehprogramme an und ersparten einem so die Mühe, sie selber ansehen zu müssen; Elektrische Mönche glaubten für einen gewisse Dinge und ersparten einem damit, was allmählich zu einer immer beschwerlicheren Aufgabe wurde, nämlich alle Dinge zu glauben, die zu glauben die Welt von einem erwartete.

Leider hatte sich bei diesem Elektrischen Mönch ein Fehler eingeschlichen, und zwar hatte er begonnen, mehr oder minder wahllos und ziellos alle möglichen Dinge zu glauben. Er fing sogar an, Dinge zu glauben, an die zu glauben den Leuten in Salt Lake City schwerfallen würde. Er hatte natürlich nie etwas von Salt Lake City gehört. Auch hatte er nie was von einer Ouingigillion gehört, was über den Daumen gepeilt die Anzahl der Meilen war, die zwischen seinem Tal und dem Großen Salzsee von Utah lagen.

Das Problem, das er mit dem Tal hatte, war: der Mönch glaubte im Augenblick, daß das Tal und alles in dem Tal und um es herum, den Mönch und das Pferd des Mönchs eingeschlossen, einheitlich blaßrosa sei. Das erklärte eine gewisse Schwierigkeit, jedes Ding von jedem anderen Ding zu unterscheiden. Und irgendwas zu tun oder irgendwohin zu reiten, war deshalb unmöglich oder zumindest schwierig und gefährlich. Daher die Reglosigkeit des Mönchs und die Gelangweiltheit des Pferdes, das sich im Lauf der Zeit viele dusselige Dinge hatte gefallen lassen müssen, aber insgeheim das hier für eines der dusseligsten hielt.

Wie lange glaubte der Mönch an diese Dinge?

Tja, wenn es nach dem Mönch ging, ewig. Der Glaube, der Berge versetzt oder sie zumindest entgegen allen zu Gebote stehenden Beweisen für rosa hält, war ein fester, beständiger Glaube, ein mächtiger Fels, gegen den die Welt schleudern konnte, was sie wollte, er hätte trotzdem nicht gewankt. In der Praxis, das wußte das Pferd, währte der Glaube im Durchschnitt ungefähr vierundzwanzig Stunden.

Wie stand’s denn nun um dieses Pferd, das offensichtlich Meinungen hatte und Dinge skeptisch betrachtete? Ungewöhnliches Benehmen für ein Pferd, was? Vielleicht sogar ein ungewöhnliches Pferd?

Nein. Obwohl es sicherlich ein hübsches, gut gebautes Exemplar seiner Gattung war, handelte es sich gleichwohl um ein völlig normales Pferd, wie es eine konvergente Entwicklung an vielen Orten hervorgebracht hat, an denen es Leben gibt. Pferde haben immer sehr viel mehr kapiert, als sie sich anmerken ließen. Es ist kaum möglich, tagaus tagein von irgendeinem anderen Geschöpf geritten zu werden, ohne sich eine Meinung darüber zu bilden.

Andererseits ist es durchaus möglich, tagaus tagein auf einem anderen Geschöpf zu sitzen, ohne sich auch nur den leisesten Gedanken darüber zu machen.

Als die ersten Modelle dieser Mönche gebaut wurden, achtete man sehr darauf, daß sie sofort als künstliche Gegenstände zu erkennen waren. Es dürfe nicht die Gefahr bestehen, meinte man, daß sie wie richtige Leute aussähen. Man würde ja auch nicht wollen, daß der Videorecorder sich während des Fernsehens den ganzen Tag auf dem Sofa rumfläzt. Und man würde nicht wollen, daß er in der Nase popelt, Bier trinkt und einen Pizzas holen schickt.

Und so wurden die Mönche mit einem Blick für das Originelle in ihrer Ausführung und für das Praktische in ihren Reitfähigkeiten konstruiert. Das war wichtig. Leute, und natürlich Dinge, sahen auf einem Pferd echter aus. Und so hielt man zwei Beine für angemessener und billiger als die üblicheren Primfaktoren siebzehn, neunzehn oder dreiundzwanzig; die Haut, die man den Mönchen überzog, war rosig statt dunkelrot, zart und weich statt schartig und gezackt. Ihnen wurde auch nur ein einziger Mund und nur eine Nase zugebilligt, aber sie bekamen dafür ein zusätzliches Auge, was summa summarum zwei machte. Wirklich, seltsame Gebilde. Aber wirklich fabelhaft, wenn’s darum ging, die absurdesten Dinge zu glauben.

Dieser Mönch hatte zum erstenmal nicht einwandfrei funktioniert, als er eines Tages schlicht und einfach zu viel glauben mußte. Er war aus Versehen mit einem Videorecorder quergeschaltet worden, der elf Fernsehprogramme gleichzeitig sah, und das hatte dazu geführt, daß ihm eine Reihe Unlogik-Schaltkreise durchbrannten. Der Videorecorder hatte sich die Programme natürlich nur anzusehen. Er mußte sie nicht auch noch glauben. Deshalb sind Gebrauchsanweisungen ja auch so wichtig.

Nach einer hektischen Woche, in der der Mönch glaubte, Krieg ist Frieden, gut ist schlecht, der Mond besteht aus Schimmelkäse und Gott hat sehr viel Geld nötig, das man ihm auf ganz bestimmte Konten überweisen muß, glaubte er plötzlich, fünfunddreißig Prozent aller Tische seien Hermaphroditen, danach brach er zusammen. Der Mann aus dem Mönch-Elektroladen sagte, er bräuchte eine völlig neue Grundplatine, wies aber dann darauf hin, daß die neuen verbesserten Mönch-plus-Modelle zweimal so stark seien, die völlig neue Negativpotenz-Großspeichereinrichtung besäßen, die es ihnen erlaube, sechzehn völlig verschiedene und widersprüchliche Ideen gleichzeitig im Gedächtnis zu behalten, ohne daß es zu irgendwelchen irritierenden Systemfehlern komme, daß sie zweimal so schnell und mindestens dreimal so schlagfertig seien und daß man ein ganz neues Modell für weniger Geld bekäme, als die Auswechslung der Grundplatine bei einem alten Modell koste.

Das war’s. Peng.

Der defekte Mönch wurde in die Wüste geschickt, wo er glauben konnte, was er wollte, inklusive, daß man ihm übel mitgespielt habe. Er durfte sein Pferd behalten, weil Pferde so billig herzustellen waren.

Eine Reihe von Tagen und Nächten, von denen er je nachdem glaubte, es seien drei, dreiundvierzig und fünfhundertachtundneunzigtausendsiebenhundertdrei gewesen, durchstreifte er die Wüste, setzte sein simples elektrisches Vertrauen in Felsen, Vögel, Wolken und eine Form von Elefantenspargel, die es überhaupt nicht gab, bis er schließlich hier aufkreuzte, auf diesem hohen Felsen, der ein Tal überschaute, das trotz des tiefen inbrünstigen Glaubens des Mönchs nicht rosa war. Nicht einmal ein ganz klein bißchen.

Zeit verging.

3. Kapitel

Zeit verging.

Susan wartete.

Je länger Susan wartete, desto länger unterließ es die Haustürklingel zu läuten. Oder das Telefon. Sie sah auf die Uhr. Sie hatte das Gefühl, jetzt wäre es ungefähr an der Zeit, daß sie mit Recht sauer sein könnte. Sie war natürlich bereits sauer, aber das war sozusagen zu ihrer Zeit gewesen. Mittlerweile befanden sie sich wirklich und wahrhaftig reichlich weit in seiner Zeit, und selbst wenn man Verkehr, Pannen und seine übliche Geistesabwesenheit und Langsamkeit einkalkulierte, waren sie inzwischen mehr als eine halbe Stunde über die Zeit hinaus, die er beharrlich als den allerspätesten Zeitpunkt bezeichnet hatte, zu dem das Haus zu verlassen sie sich Y irgend leisten könnten, also wäre sie am besten schon fix und fertig angezogen.

Sie versuchte, sich Sorgen darüber zu machen, daß ihm irgendwas Schreckliches zugestoßen sei, glaubte aber keinen Augenblick dran. Ihm passierte nie was Schreckliches, obwohl sie allmählich der Meinung war, es wäre an der Zeit, daß es ihm verdammt nochmal passierte. Wenn ihm nicht bald was Schreckliches passierte, würde sie’s vielleicht selber tun.

Da hatte sie eine Idee.

Sauer schmiß sie sich in den Sessel und sah sich im Fernsehen die Nachrichten an. Die Nachrichten machten sie sauer. Sie tippte auf der Fernbedienung herum und sah sich eine Weile was auf einem anderen Kanal an. Sie wußte nicht, was es war, aber es machte sie ebenfalls sauer.

Vielleicht sollte sie anrufen. Der Teufel sollte sie holen, wenn sie anriefe. Vielleicht würde er, wenn sie anriefe, im selben Augenblick sie anrufen und nicht durchkommen.

Sie weigerte sich zuzugeben, daß sie das eben gedacht hatte.

Der Teufel sollte ihn holen. Wo war er? Wen kümmerte es denn überhaupt, wo er war? Sie jedenfalls nicht.

Dreimal hintereinander hatte er das jetzt gemacht. Dreimal hintereinander war genug. Wütend suchte sie wieder zwischen den Kanälen rum. Sie fand eine Sendung über Computer und ein paar interessante, neue Möglichkeiten, was man alles mit Computern und Musik machen konnte.

Das war die Höhe. Das war wirklich die Höhe. Sie wußte, sie hatte es sich nur Sekunden vorher gesagt, daß es die Höhe sei, aber das war nun wirklich absolut und endgültig der Gipfel.

Sie sprang auf, ging zum Telefon und langte nach einem angesäuerten Filofax. Sie blätterte rasch drin herum und wählte eine Nummer.

»Hallo, Michael? Ja, hier ist Susan. Susan Way. Du hast gesagt, ich soll dich anrufen, wenn ich heute abend frei wäre, und ich habe gesagt, lieber möchte ich tot in einem Straßengraben liegen, erinnerst du dich? Tja, ich stelle plötzlich fest, daß ich frei bin, absolut, vollkommen und durch und durch frei, und ein annehmbarer Straßengraben ist meilenweit nicht in Sicht. Handle, solange du Gelegenheit dazu hast, ist mein Rat an dich. In einer halben Stunde bin ich im Tangiers Club.«

Sie zog sich Schuhe und Mantel an, hielt kurz inne, als ihr einfiel, daß Donnerstag war und sie ein neues, extralanges Band in den Anrufbeantworter einlegen sollte, und war zwei Minuten später zur Haustür hinaus. Als endlich das Telefon klingelte, sagte der Anrufbeantworter freundlich, Susan Way könne in diesem Augenblick nicht ans Telefon kommen, aber wenn der Anrufer eine Nachricht hinterlassen wolle, werde sie so bald wie möglich zurückrufen. Oder auch nicht.

4. Kapitel

Es war ein kalter Novemberabend von der eher altmodischen Sorte.

Der Mond sah bleich und fahl aus, als sollte er in so einer Nacht eigentlich nicht auf sein. Er stieg unwillig auf und hing herum wie ein krankes Gespenst. Matt und verschwommen durch die Feuchtigkeit, die aus den ungesunden Mooren aufstieg, hoben sich als Silhouetten die verschiedenen Türme und Zinnen des St. Cedd’s Colleges, Cambridge, dagegen ab, eines geisterhaften, über Jahrhunderte hindurch errichteten Gewimmels von Gebäuden, mittelalterlichen neben viktorianischen, Odeon neben Tudor. Nur in der Art, wie sie durch den Nebel in den Himmel ragten, schienen sie entfernt zueinander zu gehören.

Zwischen ihnen huschten zitternd Gestalten von einem matten Lichtfleck zum nächsten, die Gespenster aus Atemluft zurückließen, die sich hinter ihnen mit der kalten Nacht vermengten.

Es war sieben Uhr. Viele der Gestalten waren zu dem Speisesaal des Colleges unterwegs, der den Ersten Hof vom Zweiten Hof trennte und widerstrebend warmes Licht verströmte. Zwei Gestalten vor allem schienen besonders schlecht zusammenzupassen. Der eine, ein junger Mann, war groß, dünn und knochig; obwohl er in einen schweren, dunklen Mantel gemummelt war, lief er ein bißchen wie ein beleidigter Reiher.

Der andere war klein und rundlich und bewegte sich mit einer linkischen Hast wie eine Reihe älterer Eichhörnchen, die aus einem Sack zu entkommen versuchen. Sein Alter rangierte auf der älteren Seite von absolut unbestimmt. Wenn man auf eine beliebige Zahl tippte, war er wahrscheinlich etwas älter, aber – wie gesagt, man konnte es unmöglich feststellen. Gewiß war sein Gesicht tief gefurcht, und das bißchen Haar, das unter seiner roten, wollenen Schimütze hervorkam, war dünn und weiß und hatte weitgehend ganz eigene Vorstellungen davon, wie es sich zu verteilen gedachte. Auch er war in einen dicken Mantel gehüllt, aber darüber trug er einen sich bauschenden Talar mit völlig ausgeblichenen dunkelroten Paspeln, Kennzeichen seines einzigartigen und eigenartigen akademischen Amtes.

Beim Gehen führte der Ältere ganz allein die Unterhaltung. Er wies auf interessante Punkte am Weg hin, ungeachtet der Tatsache, daß es viel zu dunkel war, um irgend etwas davon zu sehen. Der Jüngere sagte: »Ach ja« und »Wirklich? Wie interessant …« und »So, so, so« und »Du meine Güte.« Sein Kopf nickte feierlich.

Sie betraten den Saal nicht durch den Haupteingang, sondern durch eine kleine Pforte an der Ostseite des Hofes. Sie führte zum Gemeinschaftsraum der Senior Fellows und einem dunkel getäfelten Vorraum, in dem sich die Dozenten versammelten, um in die Hände zu schlagen und »Brrrr«-Geräusche von sich zu geben, ehe sie sich durch ihren eigenen Eingang an den High Table, den Honoratioren- und Professorentisch, begaben.

Sie hatten sich verspätet und legten ihre Mäntel eilig ab. Für den Älteren war das recht kompliziert, weil er erst seinen Professorentalar ausziehen und dann wieder anziehen mußte, nachdem er aus dem Mantel geschlüpft war, dann seine Mütze in die Manteltasche stopfen und dann darüber nachdenken mußte, wo er seinen Schal gelassen hatte, bis ihm zu Bewußtsein kam, daß er ihn gar nicht mitgebracht hatte, während er in seiner Manteltasche nach seinem Taschentuch, dann in seiner anderen Manteltasche nach seiner Brille angelte, die er daraufhin ganz unerwartet in seinen Schal gewickelt fand, den er, wie sich herausstellte, also doch mitgebracht, aber nicht getragen hatte, und das trotz des feuchten und eiskalten Windes, der wie Hexenatem über die Moore geweht kam.

Er schob den jungen Mann vor sich her in den Saal, wo sie die letzten beiden Plätze am High Table einnahmen und den nervös gerunzelten Stirnen und hochgezogenen Augenbrauen wegen der Störung des lateinischen Tischgebets, die sie verursachten, mutig begegneten.

Der Saal war an diesem Abend bis auf den letzten Platz gefüllt. In den kälteren Monaten stand er bei den Studenten stets höher im Kurs. Was ungewöhnlicher war: der Saal war mit Kerzen erleuchtet, wie das jetzt nur noch zu wenigen besonderen Anlässen geschah. Zwei lange, vollbesetzte Tische dehnten sich in die schimmernde Dunkelheit. Bei Kerzenlicht waren die Gesichter der Leute lebendiger, der gedämpfte Klang ihrer Stimmen, das Klirren von Besteck und Gläsern wirkten anregender, und in den dunklen Tiefen der riesigen Halle schienen all die Jahrhunderte, die es dies Gemäuer bereits gab, zugleich versammelt. Der High Table selbst bildete einen Querarm an der Stirnseite und stand ungefähr einen Fuß höher als der Rest. Da es sich um einen Abend mit Gästen handelte, war der Tisch an beiden Seiten besetzt, um den zusätzlich Geladenen Platz zu bieten, und viele der Gäste saßen deshalb mit dem Rücken zum Saal.

»Also, MacDuff junior«, sagte der Professor, als er sich gesetzt hatte und seine Serviette mit einer wedelnden Bewegung öffnete, »erfreut, Sie wiederzusehen, mein Lieber. Froh, daß Sie kommen konnten. Keine Ahnung, wofür das alles hier passiert«, setzte er hinzu und blickte sich verwirrt im Saal um. »All die Kerzen und das Silber und so weiter. Normalerweise heißt das, es gibt ein Festdiner zu Ehren von irgend jemandem oder irgend etwas, woran sich niemand erinnern kann, außer daß es für einen Abend besseres Essen bedeutet.«

Er verstummte, dachte einen Moment lang nach und sagte dann: »Es scheint doch merkwürdig, meinen Sie nicht auch, daß die Qualität des Essens sich reziprok zur Helligkeit der Beleuchtung verändert. Läßt einen überlegen, welche kulinarischen Höhen das Küchenpersonal erklimmen könnte, wenn man es zu lebenslänglicher Finsternis verdonnerte. Könnte einen Versuch wert sein, meine ich. Gibt ein paar Kellergewölbe im College, die dazu benutzt werden könnten. Ich glaube, ich habe Sie mal drin rumgeführt, hmmm? Hübsches Mauerwerk.«

All das geschah zu einer gewissen Erleichterung des Gastes. Es war das erste Zeichen seines Gastgebers, daß dieser überhaupt die leiseste Ahnung hatte, wer er sei. Professor Urban Chronotis, Regius oder Königlicher Professor der Chronologie oder »Reg«, wie er am liebsten genannt wurde, hatte ein Gedächtnis, das er selbst einmal mit der Königin Alexandra Birdwing Butterfly verglichen hatte: lebhaft, anmutig hin und her hüpfend und mittlerweile leider fast gänzlich erloschen.

Als »Reg« ihn vor ein paar Tagen wegen der Einladung angerufen hatte, war es ihm vorgekommen, als sei er außerordentlich begierig, seinen früheren Schüler wiederzusehen, aber als Richard heute abend zu ihm gekommen war, zugegebenermaßen ein bißchen verspätet, da hatte der Professor anscheinend verärgert die Tür aufgerissen, war beim Anblick von Richard erstaunt zusammengezuckt, hatte wissen wollen, ob er irgenwelche Gefühlsprobleme habe, hatte belästigt reagiert, als er sanft daran erinnert wurde, daß es inzwischen zehn Jahre her sei, seit er Richards College Tutor war, und hatte schließlich eingeräumt, daß Richard sicher zum Abendessen gekommen sei, worauf er, der Professor, begonnen hatte, rasch und weitschweifig über die Geschichte der Collegearchitektur zu reden, ein sicheres Zeichen, daß er mit den Gedanken ganz woanders war.

Reg hatte Richard nie wirklich unterrichtet, er war nur sein College Tutor gewesen, was kurz hieß, daß er für sein allgemeines Wohlergehen verantwortlich war, ihm sagte, wann die Examen stattfanden, daß er keine Drogen nehmen solle und so weiter. Tatsächlich war nicht ganz klar, falls Reg jemals jemanden in etwas unterrichtet hatte, was das dann, wenn überhaupt, gewesen wäre. Seine Professur war, gelinde gesagt, eine völlig obskure Angelegenheit, und da er sich seiner Vorlesungspflichten durch die einfache und altehrwürdige Methode entledigte, daß er seinen potentiellen Studenten eine erschöpfende Liste von Büchern vorlegte, von denen er mit Sicherheit wußte, daß sie seit dreißig Jahren vergriffen waren, um dann einen Wutanfall zu kriegen, wenn sie sie nicht auftreiben konnten, hatte niemand je den genauen Gegenstand seiner akademischen Disziplin herausbekommen. Er hatte natürlich vor langen Zeiten als Vorsichtsmaßnahme die einzigen vorhandenen Exemplare der Bücher auf seiner Leseliste aus der Universitätsbibliothek und den Collegebüchereien entfernt, so daß er nun viel Zeit hatte, um, tja, um zu tun, was immer das auch war, was er tat.

Weil Richard es stets gelungen war, mit dem alten Kauz einigermaßen gut auszukommen, hatte er eines Tages den Mut gefaßt, ihn zu fragen, was genau der Königliche Lehrstuhl der Chronologie eigentlich sei. Es war einer jener hellen sommerlichen Tage gewesen, an denen die Welt jeden Moment vor Freude zu platzen scheint, schlicht weil sie sie selbst ist, und Reg war in einer für ihn untypischen, sehr mitteilsamen Stimmung gewesen, als sie über die Brücke über den Cam gegangen waren, der die älteren Teile des Colleges von den neueren trennt.

»Eine Sinekure, mein Lieber, eine absolute Sinekure«, hatte er gestrahlt. »Eine kleine Summe Geld für eine sehr kleine, oder vielleicht sollten wir sagen nicht existente Menge Arbeit. Das verschafft mir ständig einen winzigen Vorsprung bei der Scherzfrage, an welchem behaglichen, wenn auch sparsamen Ort man am liebsten sein Leben verbringen möchte.« Er beugte sich über die Brückenbrüstung und machte Richard auf einen ganz bestimmten Backstein aufmerksam, den er interessant fand.

»Aber um welche Art Forschung geht es denn dabei?« hatte Richard weiter gefragt. »Um Geschichte? Physik? Philosophie? Oder was?«

»Nun«, sagte Reg langsam, »da es Sie so interessiert: der Lehrstuhl wurde einst von König Georg III. gegründet, der, wie Sie wissen, eine Reihe amüsanter Grillen pflegte, darunter die Überzeugung, daß einer der Bäume im Großen Park in Windsor in Wirklichkeit Friedrich der Große sei.

Der Lehrstuhl war seine persönliche Gründung, daher ›Regius‹. Zudem seine eigene Idee, was etwas ungewöhnlicher ist.«

Das Sonnenlicht tänzelte am Cam entlang. Leute in Flußkähnen schrien sich beglückt gegenseitig an, sie sollten sich verpissen. Magere Naturwissenschaftler, die, in ihre Zimmer eingesperrt, monatelang damit zugebracht hatten, weiß und fischig zu werden, traten blinzelnd ins Licht. Pärchen, die am Ufer entlangspazierten, erregten sich über die allgemeine Herrlichkeit von alledem dermaßen, daß sie erstmal wieder für eine Stunde nach drinnen verschwinden mußten.

»Der arme, geplagte Kerl«, fuhr Reg fort, »Georg III., meine ich, hatte, wie Sie vielleicht wissen, eine fixe Idee, und das war die Zeit. Stopfte das Schloß mit Uhren voll. Zog sie unablässig auf. Manchmal stand er mitten in der Nacht auf, schlich in seinem Nachthemd im Schloß herum und zog Uhren auf. Es lag ihm sehr viel daran, daß die Zeit immer weiterging, verstehen Sie? Es hatten sich in seinem Leben so viele entsetzliche Dinge ereignet, daß er furchtbare Angst hatte, es könnte sich irgendwas davon noch mal ereignen, wenn man zuließe, daß die Zeit jemals auch nur für einen Augenblick zurückschnappte. Eine sehr verständliche Furcht, besonders wenn man total plemplem ist, wie, das muß ich mit dem allergrößten Mitgefühl für den armen Kerl leider sagen, er es zweifellos war. Er setzte mich, oder vielmehr sollte ich sagen mein Amt, diese Professur ein, verstehen Sie, den Posten, den zu bekleiden ich nun die Ehre habe – was wollte ich sagen? Ah ja. Er gründete diesen, äh, Lehrstuhl der Chronologie, um herausfinden zu lassen, ob es irgendeinen bestimmten Grund dafür gäbe, warum eine Sache nach der anderen passiert, und ob es eine Möglichkeit gäbe, das aufzuhalten. Da, wie ich sofort wußte, die Antworten auf die drei Fragen ja, nein und vielleicht waren, erkannte ich, daß ich mir danach für den Rest meiner Laufbahn freinehmen könnte.«

»Und Ihre Vorgänger?«

»Äh, waren völlig der gleichen Ansicht.«

»Aber wer waren sie?«

»Wer waren sie? Tja, hervorragende Köpfe natürlich, hervorragend, einer wie der andere. Erinnern Sie mich daran, daß ich Ihnen irgendwann mal von ihnen erzähle. Sehen Sie diesen Backstein dort? Wordsworth hat mal auf diesen Backstein gekotzt. Bedeutender Mann.«

All das war vor ungefähr zehn Jahren gewesen.

Richard blickte sich in dem gewaltigen Speisesaal um und versuchte festzustellen, ob sich in der Zwischenzeit etwas verändert hatte, und die Antwort war natürlich, absolut gar nichts. Hoch oben in den dunklen Bögen, die im flackernden Kerzenlicht kaum zu sehen waren, hingen die gespenstischen Porträts von Premierministern, Erzbischöfen, politischen Reformern und Dichtern, die alle vielleicht zu ihrer Zeit auf denselben Backstein gekotzt hatten.

»Nun«, sagte Reg in einem lauten vertraulichen Geflüster, als bringe er in einem Nonnenkloster das Thema Brustwarzenperforation aufs Tapet, »ich höre, Sie haben mit einemmal auch sehr viel Erfolg, hmmm?«

»Äh, nun, ja, tatsächlich«, sagte Richard, der darüber so erstaunt war wie jedermann sonst, »ja, das stimmt.«

Rund um den Tisch richteten sich mehrere Blicke starr auf ihn.

»Computer«, hörte er weiter unten am Tisch jemanden herablassend einem Nachbarn zuflüstern. Die starren Blicke erschlafften und wandten sich ab.

»Hervorragend«, sagte Reg. »Freut mich für sie, freut mich sehr.«

»Sagen Sie mir«, fuhr er fort, und es dauerte eine Weile, bis Richard merkte, daß der Professor gar nicht mehr mit ihm sprach, sondern sich nach rechts seinem anderen Nachbarn zugewandt hatte, »wofür ist denn das alles, dieses«, er wedelte mit der Hand vage über die Kerzen und das Collegesilber hinweg, » ... Zeug?«

Sein Nachbar, eine ältliche, verschrumpelte Gestalt, drehte sich sehr langsam um und sah ihn an, als sei er sehr erbost darüber, so von den Toten erweckt zu werden.

»Coleridge«, sagte er mit einem dünnen Krächzen, »es ist das Coleridge-Dinner, Sie alter Dummkopf.« Sehr langsam wandte er sich ab, bis sein Blick wieder auf die Stirnwand gerichtet war. Sein Name war Cawley, er war Professor der Archäologie und Anthropologie, und hinter seinem Rücken sagte man oft von ihm, daß er die Archäologie nicht so sehr als ernste akademische Forschung betrachte, sondern eher als eine Gelegenheit, sich wieder mit seiner Kindheit zu beschäftigen.

»Ach, wirklich«, murmelte Reg, »wirklich?« und wandte sich wieder Richard zu. »Es ist das Coleridge-Dinner«, verkündete er wissend. »Coleridge war Mitglied dieses Colleges, verstehen Sie«, setzte er einen Augenblick später hinzu. »Coleridge. Samuel Taylor. Dichter. Ich nehme an, Sie haben von ihm gehört. Das hier ist sein Dinner. Nun ja, natürlich nicht wortwörtlich. Da wär’s mittlerweile kalt.« Schweigen. »Hier, nehmen Sie etwas Salz.«

»Äh, vielen Dank, ich glaube, ich warte noch«, sagte Richard verdutzt. Es stand noch kein Essen auf dem Tisch.

»Na los, nehmen Sie schon«, drängte der Professor und hielt ihm den schweren silbernen Salzstreuer hin.

Richard zwinkerte verwirrt, aber mit einem inneren Schulterzucken streckte er die Hand danach aus. Doch in dem Augenblick, als er gezwinkert hatte, war der Salzstreuer verschwunden. Erstaunt fuhr er zurück.

»Gut, was?« sagte Reg, während er den verschwundenen Streuer seinem leichenhaften Nachbarn zur Rechten hinter dem Ohr hervorzog, womit er ein überraschend kleinmädchenhaftes Kichern irgendwoanders am Tisch hervorrief. Reg lächelte schelmisch. »Sehr irritierende Angewohnheit, ich weiß. Auf meiner Liste der Dinge, die ich aufgeben will, steht’s an dritter Stelle hinter dem Rauchen und den Ärzten.«

Tja, da gab es also noch etwas, das sich nicht verändert hatte. Manche Leute popeln in der Nase, andere verprügeln regelmäßig alte Damen auf der Straße. Regs Laster war harmlos, wenn auch sonderbar – er war verrückt nach kindlichen Zaubertricks. Richard erinnerte sich, als er zum erstenmal mit einem Problem zu Reg gegangen war – es war bloß die übliche Angst gewesen, die Studenten ab und zu befällt, besonders wenn sie Referate zu schreiben haben, aber damals war sie ihm wie eine düstere, böse Last vorgekommen. Reg hatte dagesessen und Richards Gefühlsergüssen mit dem tiefem Stirnruzeln gespannter Aufmerksamkeit gelauscht. Als er endlich fertig war, sann Reg ernsthaft nach, strich sich viele Male übers Kinn, beugte sich schließlich vor und sah ihm in die Augen.

»Ich vermute, Ihr Problem ist«, sagte er, »daß Sie zu viele Büroklammern in der Nase haben.«

Richard starrte ihn an.

»Gestatten Sie, daß ich’s Ihnen demonstriere«, sagte Reg, lehnte sich über den Schreibtisch und zog Richard eine Kette aus elf Büroklammern und einen kleinen Gummischwan aus der Nase.

»Aha, der wahre Übeltäter«, sagte er und hielt den Schwan in die Höhe. »Sie schleichen sich in Haferflockenpaketen ein, verstehen Sie, und verursachen endlose Scherereien. Nun, ich bin froh, daß wir diesen kleinen Plausch hatten, mein Lieber. Bitte seien sie ganz ungezwungen und stören Sie mich ruhig wieder, wenn sie noch mal so ein Problem haben.«

Selbstverständlich hatte Richard das nie mehr.

Richard blickte sich am Tisch um und versuchte festzustellen, ob noch jemand da war, den er aus seiner Zeit am College kannte.

Zwei Plätze weiter links saß der Professor, der Richards Studienleiter in Englisch gewesen war und keinerlei Anzeichen erkennen ließ, daß er ihn wiedererkannte. Das überraschte auch kaum, weil Richard seine drei Jahre am College damit zugebracht hatte, ihm beharrlich aus dem Weg zu gehen, oft sogar mit dem Trick, daß er sich einen Bart wachsen ließ und so tat, als sei er jemand anderer.

Daneben saß ein Mann, dessen Identität zu erkennen Richard nie gelungen war. Und das hatte auch niemand sonst geschafft. Er war mager und wühlmausartig und hatte die allerungeheuerlichste lange, knochige Nase, die man sich denken kann – sie war wirklich sehr, sehr lang und knochig. Tatsächlich sah sie dem umstrittenen Kiel sehr ähnlich, mit dessen Hilfe die Australier 1983 den America’s Cup gewonnen hatten, und über diese Ähnlichkeit war damals viel geredet worden, natürlich nicht dem Mann ins Gesicht. Niemand hatte ihm jemals was ins Gesicht gesagt.

Niemand. Jemals.

Jeder, der ihm zum erstenmal begegnete, war über seine Nase viel zu entsetzt und verlegen, um reden zu können, und das zweitemal war’s wegen des ersten Mals noch schlimmer und so weiter. Jahre waren mittlerweile vergangen, siebzehn im ganzen. Die ganze Zeit war er nur von Schweigen umgeben. Im Speisesaal war es bei den Collegedienern lange üblich gewesen, links und rechts von ihm eine Salz-Pfeffer-Senf-Menage hinzustellen, weil ihn niemand bitten konnte, sie mal rüberzureichen, und jemanden auf der anderen Seite von ihm zu bitten, war nicht nur ungezogen, es war vollkommen unmöglich, weil seine Nase im Weg war.

Die andere Merkwürdigkeit an ihm waren eine Reihe von Bewegungen, die er machte und den ganzen Abend über regelmäßig wiederholte. Sie bestanden daraus, daß er mit jedem Finger der linken Hand der Reihe nach auf den Tisch trommelte, und dann mit einem Finger der rechten Hand. Dann tippte er ab und zu mit irgendeinem anderen Körperteil dagegen, einem Knöchel, einem Ellbogen oder einem Knie. Wenn er wegen des Essens damit aufhören mußte, begann er, mit jedem Auge einzeln zu zwinkern und gelegentlich mit dem Kopf zu nicken. Kein Mensch hatte es natürlich jemals gewagt, ihn zu fragen, warum er das machte, obwohl alle vor Neugier platzten.

Richard konnte nicht sehen, wer auf der anderen Seite neben ihm saß.

In der anderen Richtung, hinter Regs leichenhaftem Nachbarn, saß Watkin, der Altphilologe, ein Mann von erschreckender Trockenheit und Wunderlichkeit. Seine schweren, randlosen Brillengläser waren beinahe massive Glaswürfel, in denen seine Augen ein unabhängiges Leben zu führen schienen wie Goldfische. Seine Nase war ziemlich gerade und normal, aber darunter trug er denselben Bart wie Clint Eastwood. Seine Augen schwammen um den Tisch herum, während er sich aussuchte, an wen er diesen Abend das Wort richten würde. Er hatte überlegt, daß seine Beute einer von den Gästen sein könnte, nämlich der neu ernannte Chef des Dritten Radioprogramms der BBC, der ihm gegenüber saß – aber leider hatten ihn sich schon der Musikdirektor des Colleges und ein Philosophieprofessor gekrallt. Die beiden setzten dem gepeinigten Mann gerade auseinander, daß der Begriff »zu viel Mozart«, eine vernünftige Definition dieser drei Worte vorausgesetzt, ein in sich widersprüchlicher Ausdruck sei, und daß jeder Satz, der eine solche Wendung enthalte, dadurch sinnlos werde und folglich nicht als Teil eines Arguments zugunsten irgendeiner bestimmten Programmplanung geltend gemacht werden könne. Der arme Kerl begann bereits, sein Besteck viel zu fest zu umklammern. Seine Augen sausten verzweifelt und nach Rettung suchend herum, begingen aber den Fehler, sich an die von Watkin zu heften.

»Guten Abend«, sagte Watkin charmant lächelnd, nickte überaus freundlich und ließ dann seinen Blick sich gläsern auf seinen Teller mit der eben angelangten Suppe senken, von wo er sich nicht mehr ablenken lassen würde. Noch nicht. Laß den Kerl ruhig ein bißchen zappeln. Er wollte, daß ihm die Rettung mindestens ein gutes halbes Dutzend ansehnlich honorierter Radiovorträge einbrächte.

ENDE DER LESEPROBE