Der Eselstritt - Hans-Ulrich Lüdemann - E-Book
SONDERANGEBOT

Der Eselstritt E-Book

Hans-Ulrich Lüdemann

0,0
7,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Endlich Betriebsferien. Aber da gibt es einen Toten auf der Urlaubsinsel. Nutzte der Täter die Gewitternacht? Da war doch noch eine Motoryacht, die im Schutz der Dunkelheit anlegte? Nahm jemand tödliche Rache am unbeliebten Geschäftsführer? Und wo ist seine Frau? Jeder verdächtigt jeden. Die Kinder der Kollegen leiden unter diesem allgegenwärtigen Misstrauen. Endlich treffen Ermittler vor Ort ein. Sie offerieren schließlich eine überraschende Lösung des Falles. Das noch immer aktuelle, sehr spannende Buch erschien erstmals 1974 bei Der Kinderbuchverlag Berlin. LESEPROBE: „Das war er", sagte Rolf. „Wer?" Mechthild blickte sich suchend um. „Herr Doktor Kahl", gab Rolf geheimnisvoll zurück. Beide betrachteten den Hut. Jemand hatte ihn verloren. Plötzlich erstarrte der Junge. „Mechthild", sagte er erschrocken und zeigte auf ein Pflaster, das jemand innen festgeklebt hatte. Mit Tinte, etwas verschwommen, aber dennoch deutlich lesbar, standen Name und Anschrift des Besitzers geschrieben. „Margot Brümmer. Gernrode. Am Berg siebzehn", buchstabierte das Mädchen. „Die Tinte ist etwas verlaufen", bemerkte Rolf. Er richtete sich auf und schaute stumm zum Bungalow. „Meinst du etwa, sie ist da drin?", fragte Mechthild atemlos, das Halsband von Racker freigebend. „Lass ihn mal dran schnuppern. Vielleicht riecht er eine Spur?" In ihrer Aufregung vergaßen beide, dass es geregnet hatte und ein vorzüglicher Jagdspaniel kein Diensthund ist. Also hielt das Mädchen Racker den Hut vor die Schnauze. Er witterte ausgiebig, sicherlich war ihm der Geruch des Haarsprays nicht unangenehm. Der Hund schoss vorwärts, als die Leine freigegeben wurde. Dass er am Bungalow von Herrn Dr. Kahl einige Haken schlug, konnte Zufall sein. Vielleicht hatte der Igel sich hier aufgehalten, bevor er ein trocknes Versteck, nämlich den Hut, aufspürte? Daran dachten Rolf und Mechthild keinen Augenblick. In gebührender Entfernung zum Bungalow standen sie und sahen sich bedeutungsvoll an. Zufrieden über Rackers Leistung, klopfte Mechthild ihrem vierbeinigen Freund den Rücken. „Du wirst Herrn Schwarz Bescheid sagen, Mechthild“, entschied Rolf. „Ich habe noch mit meiner Schwester was zu bereden. Komm' dann nach."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2012

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



IMPRESSUM

Hans-Ulrich Lüdemann

Der Eselstritt

ISBN 978-3-86394-866-5 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1974 bei DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN - DDR.

Gestaltung des Titelbildes: Fred Westphal

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Die Schritte des schweren Mannes wurden vom Teppich verschluckt. Sechsmal vom Balkon zur Tür und zurück. Rolf stand an die Wand gelehnt und blickte zu Boden. Er traute sich nicht, seinem Vater in die Augen zu sehen. Geschweige der Mutter, die traurig auf einem Sessel in der Sitzecke neben der Zentralheizung hockte. Herr Langhans hielt plötzlich mitten im Zimmer inne.

„Ich habe dich einige Male gewarnt, Rolf. Habe ich das?" Der vierschrötige Mann neigte den Kopf ein wenig, auf die Antwort seines Sohnes wartend.

Stumm nickte Rolf.

„Und was hat das genutzt? Überhaupt nichts! Wo der Junge weiß, dass er im Rechnen auf der Kippe steht, bringt er eine Vier nach Hause", wandte Herr Langhans sich an seine Frau. „Eine Vier!"

Rolfs Vater unterstrich mit einer heftigen Handbewegung, die aussah, als würde sie in einer Ohrfeige enden, seinen Zorn. „Da denkt man, wenn man unterwegs am Steuer sitzt, dass der Sohn vernünftig ist. Schließlich zählt er immerhin zwölf Jahre! Aber von wegen!" Herr Langhans nahm die Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Das kurzärmlige Hemd spannte sich über die breite Brust. Auf den rechten Unterarm war ein großes Wagenrad tätowiert. Im freien Raum stand eine Autonummer, von den dunklen Haaren fast verdeckt. Als Herr Langhans achtzehn Jahre alt gewesen war, hatte er sich dieses Mal einritzen lassen. Es war das polizeiliche Kennzeichen seines ersten Transporters, den der damals frischgebackene Fernfahrer übernommen hatte. Vor nunmehr über zwanzig Jahren. Auf diese Zeit war Rolfs Vater stolz. Über die Tätowierung, die sich trotz mehrmaliger Versuche nicht entfernen ließ, schwieg der gelernte Automechaniker sich aus.

Rolf hob den Kopf. Glaubte der Vater etwa, dass er sich über die Vier freute? Rolf war genauso sauer gewesen, als er die Note unter der Mathearbeit im Heft prangen sah. Er wusste, dass er sich Mühe gegeben hatte. Gerade weil er vorher geübt hatte, war er selbstsicher gewesen. Zu selbstsicher. Rolf hatte den Pferdefuß in der Aufgabenstellung übersehen. Die Aufgabenreihe war falsch gelöst worden.

„Mit dieser Vier bleibe ich ja nicht sitzen."

Herr Langhans stoppte mitten im Schritt. Ungläubig schaute er erst auf den Jungen, dann auf seine Frau. Er hakte die Daumen in den Hosenbund und holte tief Luft. Jetzt sprang Rolfs Mutter auf.

„Moment!", rief sie ahnungsvoll und lief zum Balkon. Mit einem leisen Quietschen schloss sich die Tür. Frau Langhans zog die Stores zu. Dann drehte sie sich um. „Es muss ja nicht gleich jeder Nachbar hören, dass du nach zwei Wochen Fernfahrt mal wieder zu Hause bist, Klaus."

Herr Langhans runzelte die Stirn. Er war durch seine Frau aus dem Konzept geraten. Es klang gemäßigt, als Rolfs Vater weitersprach: „Und du sagst kein Wort darüber, Beate!"

„Reden allein hilft da nicht mehr. Das Schuljahr ist in wenigen Wochen um. Rolf hat sich zu sehr mit seinem Judo-Training abgegeben, glaube ich."

„Judo ist eben anstrengender als Angeln", warf Rolf ein, auf das einzige Hobby vom Vater anspielend.

„Rede keinen Unsinn, Junge", wies Frau Langhans ihren Sohn zurecht.

Herr Langhans nickte. Unsinn, Angeln mit Judo zu vergleichen. Er wandte sich an Rolf. „Du müsstest langsam kapieren, dass auch ein Leistungssportler nicht mit einem Spatzenhirn auskommt!"

„Klaus!"

Herr Langhans schüttelte mit einer heftigen Gebärde den Vorwurf ab. Rolf spürte, dass sein Vater noch nicht am Ende war. Irgendein Unheil löste dieses Gespräch noch aus. Rolf fühlte es. Bittend schaute der Junge seine Mutter an. Beide hatten sich für den Nachmittag etwas vorgenommen: Die Frauen des VEB -plastboot- spielten Faustball gegen die Mädchen der Oberschule, die ihren Unterrichtstag in der Produktion ableisteten. In der Schülermannschaft spielte auch Rolfs Schwester. Er war gespannt, wie das Spiel Mutter gegen Tochter ausgehen würde. Schlachtenbummler hatten sich für beide Seiten angesagt. Und deshalb drängte die Zeit. Im Stillen schimpfte Rolf auf seinen Vater. Solange dieser weggewesen war, herrschte Ruhe zu Hause. Alle kamen gut miteinander aus: Rolf mit seiner Mutter, und beide mit Rolfs Schwester. Chris machte im nächsten Monat ihr Abitur.

„Kurz und gut", begann Herr Langhans, dabei ging er zum Balkon und zog demonstrativ die Gardinen wieder auf. Danach öffnete er das Fenster und drehte sich zu Rolf um: „Du wirst in diesem Jahr nicht mit ins Trainingslager fahren. Klar?!"

In den Jungen an der Wand kam Bewegung. Er reckte das Kinn vor, blickte erst auf seinen Vater, dann fuhr er herum und sah die Mutter an. Frau Langhans schüttelte ein wenig den Kopf. Rolf begriff die Mahnung, die in dieser Bewegung steckte. Trotzig senkte er den Blick. „Ist das alles?"

„Ja. Aber vielleicht überlegst du mal in aller Ruhe, was da faul ist, mein Junge. Sonst war das mit dem Trainingslager nicht das Letzte", drohte Herr Langhans.

Rolf ging zur Zimmertür. Dort blieb er abwartend stehen.

Ungeduldig musterte ihn sein Vater. „Was ist denn noch?"

Aber der Junge schaute ihn nicht an. Als wäre er nur mit seiner Mutter im Zimmer, reagierte er überhaupt nicht auf die Frage.

„Heute ist Betriebssportfest. Ich hatte Rolf versprochen, mit ihm hinzugehen", erklärte die Mutter.

„So." Mehr sagte Rolfs Vater nicht. Aber Beate Langhans, die ihren Mann seit neunzehn Jahren kannte, wusste, was dies bedeutete. In dem kleinen Wort lagen Zorn und Enttäuschung. Zorn, weil es scheinbar während der Abwesenheit des Familienoberhauptes nicht so recht klappte, und Enttäuschung, weil er den Nachmittag allein bleiben sollte. Wieder allein, nach der wochenlangen Fernfahrt durch Belgien. Betrogen um die ausgedachten Stunden, die er mit ihr und den Kindern verbringen wollte. Drei Tage verblieben ihm bis zur nächsten Fahrt. Unterwegs hatte Klaus sich gewiss viele Gedanken gemacht, wie diese zu nutzen seien. Und was war? Erst Ärger mit dem Sohn, und nun wollte sie auch noch zum Betrieb, weil der VEB -plastboot- ein Sportfest durchführte! Schlimm genug, dass sie sich immer freinehmen musste, wenn er zurückkehrte. Dabei kam die Familie sehr gut nur mit dem Verdienst ihres Mannes aus.

„Da kann ich ja gleich wieder auf den Bock steigen", sagte Klaus Langhans leise und schaute aus dem Fenster.

Rolf zuckte zusammen. Selten hatte er seinen Vater in diesem Ton sprechen hören. Und der Junge schämte sich auf einmal, mehr als je zuvor, dass er es war, über den der Vater sich aufregen musste. Was das Verbot anbelangte, so war dies noch nicht entschieden. Wusste Rolf doch aus Erfahrung, dass nach einer Fernfahrt die Dinge oft anders ausgingen als vorher angeordnet. Und eine vierzehntägige Tour nach Dänemark lag noch vor Herrn Langhans.

„Kannst ja mitkommen, Vati. Da wird schwer was los sein!", ereiferte sich Rolf. Vielleicht konnte er auf dem Sportplatz die Scharte auswetzen? Zumindest würde der Vater auf andere Gedanken kommen und das Genügend im Heft vergessen.

„Danke." Die Antwort klang trotzig. Herr Langhans trat auf den Balkon hinaus.

„Geh allein, Rolf", bat die Mutter. Sie schob den Jungen vor sich her. Auf dem Flur flüsterte sie: „Sag den anderen, vor allem Herrn Brümmer, dass ich zu Hause zu tun habe."

Rolf nickte. Er griff nach seinem Trainingsbeutel. Die Mutter öffnete ihm die Tür und lächelte. Der Junge blieb neben ihr stehen. Er wies mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer. „Was hat Vati?"

Frau Langhans strich ihrem Sohn übers Haar. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand: „Wenn er sich doch bloß eine Arbeit in der Stadt suchen würde. Wer soll das aushalten ..." Die Mutter verstummte, blickte fast erschrocken auf Rolf. Der tat, als hätte er Schwierigkeiten, seinen Sportbeutel über die Schulter zu werfen. Er trat in den Hausflur, winkte der Mutter und jagte die Treppen hinunter.

2. Kapitel

Es war noch gar nicht lange her, da befand sich am Eingangstor ein Schild, auf dem Sägewerk Gernrode stand. Aber vor fünf Jahren waren die Baumstämme, die über ein aufgestautes Wehr direkt zu den Männern mit Sägen und Hobeln geschwommen kamen, ausgeblieben. Der Holzeinschlag in den umliegenden Wäldern war eingestellt worden, weil das Städtchen Gernrode der Ehrgeiz packte, Kurort genannt zu werden. Und wie konnte der Rat der Stadt dies verwirklichen, wenn die Bäume in der unmittelbaren Umgebung gefällt wurden? Rolfs Erinnerung an die Flöße, die von Männern mit langen Stangen dirigiert wurden, war mit den Jahren zusehends verblasst. Der Tag, an dem ein anderes Schild angebracht wurde, den behielt er im Gedächtnis. Seit diesem Tag nämlich hatte seine Mutter wieder angefangen zu arbeiten. Gegen den Willen des Vaters übrigens. Unzählige Male hatte Rolf diesen Namen am Tor gelesen: VEB -plastboot-. Rolf ging fortan hier ein und aus. Seine Mutter arbeitete an einem großen Zeichenbrett im lichtüberfluteten Konstruktionsbüro. Hier entstanden moderne Sportboote aus neuartigen Kunststoffen auf dem Reißbrett. Im Wasser des kleinen, künstlich aufgestauten Teiches schwammen später die ersten Muster. Und es war jedes Mal für die gesamte Belegschaft ein besonderes Ereignis, wenn ein neuer Typ dem nassen Element übergeben wurde. Dass es von Jahr zu Jahr mehr wurden, daran hatte Frau Langhans einen nicht geringen Anteil ...

Der Pförtner hob den Kopf, als er eilige Schritte hörte. Er beugte sich aus dem kleinen Fenster und sah hinaus zum Eingangstor. Außer Atem bog Rolf um die Ecke. Der alte Mann griente.

„Tag, Herr Fridjof", prustete der Junge. Für einen Augenblick lehnte er sich gegen die wegversperrende Schranke, um Luft zu schöpfen.

„Ist dein fliegender Teppich in Reparatur?", fragte der Alte.

Rolf sah ihn verständnislos an. Dann bemerkte er auf dem Tisch in der Pförtnerloge ein kleines Buch. Märchen aus Tausendundeiner Nacht lautete der Titel.

„Hat das Spiel schon angefangen?", wollte Rolf wissen.

Fridjof nickte.

„So wichtig bist du ja nicht, dass sie auf dich warten, wenn sie anfangen. Noch nicht", setzte der Pförtner hinzu. Er drückte auf einen Knopf. Die Schranke bewegte sich langsam in die Senkrechte.

„Ab morgen sitzt hier ein anderer. Damit du es weißt, Rolf."

„Für immer?"

Beinahe traurig klang diese Frage. Rolf mochte den alten Mann. Mit ihm konnte er über alles reden. Fridjof wusste über viele Dinge Bescheid. So einen hatte Rolf sich als Großvater gewünscht. Seine Großeltern waren im Krieg umgekommen. Die Mutter hatte ihm oft erzählt, wie sie im Kinderheim Klaus Langhans kennenlernte und dass sie, kaum hatte er ausgelernt, heirateten.

„Ich fahr an die See. Die Bungalows sollen doch noch für diese Urlaubssaison fertig werden. Beschluss der Leitung. Aber dass du ja den Mund hältst, mein Junge. Das ist noch geheim." Um seine Worte zu verstärken, legte der weißhaarige Fridjof den Zeigefinger auf die Lippen.

„Ehrenwort", sagte Rolf.

„Wenn mich nicht alles täuscht, seid ihr die ersten, die da einen Platz kriegen. Freust dich, was?" Fridjof zog verwundert den Kopf zurück, als der Junge nur stumm nickte und davon trottete. Der Pförtner vergaß beinahe, wieder die Schranke zu betätigen. Gibt es überhaupt nichts Besonderes mehr für die Kinder heutzutage, dachte er. Als hätte ich gesagt, dass für ihn die Ferien ausfallen. Vor sich hin brummend, rückte der alte Mann seine Lesebrille zurecht, um in der Lektüre fortzufahren.

Rolf wählte unterdessen den kürzesten Weg zur Kleinsportanlage des Betriebes. Rechts und links neben ihm türmten sich riesige Rollen, deren weißes, wetterfestes Packpapier in der Sonne leuchtete. Rolf wusste, dass dies viele Meter Kunststoffmatten waren, die für den Bau der schnittigen Sportboote verwendet wurden. Damit legten die Bootsbauer Formen aus, tränkten anschließend das Gewebe mit einem Lösungsmittel. Stunden später konnten sie die Form abheben, das Gegenstück aus den erhärteten seidigen Kunststoffbahnen blieb stehen. Ein Bootskörper war entstanden, auf seine weitere Verarbeitung zum Motorboot oder Angelkahn wartend. Als Rolf einem Stapel, dessen Rollen sich selbständig gemacht hatten und den Weg versperrten, ausweichen wollte, hörte er leise Stimmen. Unbewusst verlangsamte der Junge seine Schritte. Beinahe schleichend tastete er sich näher. Eine Lücke im gelagerten Material ausnutzend, erfasste Rolf, ohne selbst gesehen zu werden, die Situation. Zwei Jungen standen in unmissverständlich drohender Haltung vor einem dritten. Im Unterschied zu den beiden trug dieser einen dunkelblauen Schlosseranzug. Die langen Haare fielen fast auf die Schultern. Rolf bedauerte, dass die anderen ihm den Rücken zuwandten. Gespannt lauschte er, als der Name Chris Langhans fiel.

„Wir wollen die Gelegenheit nutzen, Fredy, um dir klarzumachen, dass du dir das mit der Chris abschminken kannst. Lass sie in Ruhe, verstehst du?"

Der Wortführer des Duos ballte die Faust und hielt sie dem im Arbeitsanzug unter die Nase. Der wich zurück, prallte mit dem Rücken gegen eine Mattenrolle. Der Weg nach hinten war ihm jetzt versperrt. Rolf sah, wie die Augen von diesem Fredy jeden Angreifer prüften. Jetzt machte er den Mund auf.

„Ihr müsst es schon Chris selbst überlassen, ob sie sich mit euch oder mit mir abgibt."

Der kräftigere von den beiden verschränkte die Arme übereinander. „Für die Mädchen unserer Klasse sind wir verantwortlich. Da dulden wir keinen Fremden, kapiert?"

„Bin ja nicht taub."

Rolf begriff endlich. Die zwei da vorn waren Mitschüler von Chris. Und was Rolf am meisten verwunderte, ihm war bisher überhaupt nicht bekannt gewesen, dass seine Schwester einen Freund hatte. Gleichzeitig rümpfte er die Nase. Ein großartiger Freund, der da vorn eingekeilt stand. Die lange Mähne ließ Rolf noch hingehen, aber dass der sich überhaupt nicht rührte, um Chris zu verteidigen! Wenn der so schnell seine Liebe verrät, schloss Rolf, dann taugt er auch nicht viel. Und aus diesem Grunde verzichtete er darauf, dem Bedrängten zu Hilfe zu eilen. Dass beide etwas ausrichten konnte gegen die beiden Oberschüler, nahm er unbesehen als Tatsache an. Rolf Langhans war schließlich einer der besten Judoka im Trainingszentrum ...

„Also was ist?", fragte drohend der, der bisher kein Wort gesagt hatte.

Feiglinge! schimpfte Rolf insgeheim. Aber hatte es dieser Fredy anders verdient, als hier zwischen den Rollen in die Mangel genommen zu werden? Wo der sich so lax verhielt, anstatt auf die beiden loszugehen. Wer sich mit allen Kräften wehrt und trotzdem unterliegt, behält Selbstvertrauen. Diese Worte, die von Rolfs Trainer geprägt worden waren, fielen dem Jungen wieder ein.

„Nichts ist", erwiderte Fredy in diesem Augenblick. „Und wenn ihr nicht gleich macht, dass ihr Land gewinnt, bezieht ihr Dresche. Bis jetzt war es noch Spaß!"

Rolf vernahm das glucksende Lachen der Oberschüler. Und er konnte es sich auch nur mit Gewalt verkneifen. Der da vorne sah gerade so aus, als ob er die beiden auseinandernehmen könnte. Diesem Angeber tat eine Abreibung wirklich not. Der Junge verließ ohne Gewissensbisse seinen Beobachtungsplatz.

3. Kapitel

Nachdem Rolf auf einem Seitenweg das Materiallager verlassen hatte, blieb er stehen und schaute über das ausgedehnte Werksgelände. Zur Rechten befanden sich zwei langgestreckte Hallen. In der ersten wurden die Bootsschalen montiert. Dann transportierte ein Kran die Schiffskörper in die zweite Halle, wo die Endfertigung begann. Von hier führten Schienen zum künstlichen See, auf dem die ersten Probefahrten unternommen wurden. Direkt am Wasser lag auch das Kleinsportfeld des VEB -plastboot-, mit einem großen Fest von freiwilligen Erbauern vergangenes Jahr eingeweiht.

Rolf sah, dass das Spielfeld leer war. Zu beiden Seiten standen die Mannschaften. Eine günstige Gelegenheit haben die Schläger sich ausgesucht, dachte Rolf. Er wollte die Spielpause ebenfalls nutzen und lief auf Herrn Brümmer zu. Der Betriebsleiter sprach gerade mit dem ganz in Weiß gekleideten Schiedsrichter. Rolf blieb stehen. Er wartete darauf, dass Herr Brümmer ihn bemerken würde. Dann könnte er die Entschuldigung seiner Mutter weitergeben und sich nach Chris umsehen, um ihr mitzuteilen, mit was für einer Pfeife sie ihre freie Zeit vor dem Abitur vergeudete.

Als Rolf die beiden Männer beobachtete, wunderte er sich wie schon so oft, welche Ähnlichkeit Herr Brümmer mit seinem Vater hatte. Beide nahmen sich nichts in der massigen Gestalt. Sie hatten Oberarme so dick wie Rolfs Oberschenkel. Wo die hinhauen, wächst kein Gras mehr, verhakten sich Rolfs Gedanken. Aber mit Herrn Brümmer kam er gut aus. Auch seine Mutter sprach nur Gutes über den Betriebsleiter. Vater mochte ihn nicht. Aber das lag keinesfalls daran, dass beide mal aneinandergeraten wären, sondern weil Herr Langhans gegen alles war, was seine Frau von zu Hause fernhielt, wenn er von seiner Tour zurückgekehrt war. Rolf spürte plötzlich einen festen Griff im Nacken. Er blickte überrascht hoch und packte instinktiv das Handgelenk des Angreifers.

„Vorsicht", lachte Herr Brümmer, „du willst mich doch nicht etwa durch die Luft schleudern?"

Rolf erwiderte das Lachen. Er bemerkte, wie die Umstehenden aufmerksam wurden. Es gefiel ihm, wie respektvoll dieser kräftige Mann auf seine Judokenntnisse reagierte.

„Ich darf so was nur im Notfall, Herr Brümmer. Sportlerregel." Ebenso großartig klang Rolfs verständnisvolle Antwort. Es hörte sich an, als wolle er dem Zweizentnermann die Angst nehmen, besiegt zu werden. Vor den Kollegen des Betriebes. Herr Brümmer zog seinen Hosengurt straffer und ging zum Schiedsrichter. Rolf sah ihm nach. Der Bauch verdeckte bereits die Gürtellinie. Müsste mehr Sport treiben, dachte Rolf. Da war sein Vater besser in Form. Der nahm es noch mit jedem auf, was Ausdauer und Schnelligkeit hieß. Von Kraft ganz zu schweigen. Rolf hatte es einmal darauf ankommen lassen und dabei den Kürzeren gezogen. Aber er fieberte schon auf den Tag, an dem er seinen Vater in den Schatten stellte. Darum hatte der Junge Judo als Sportart gewählt, wo alle Eigenschaften gleichzeitig geschult wurden. Vati zu besiegen, wann werde ich das schaffen, dachte Rolf. Wenigstens einmal im Laufen schneller sein. Oder im Schwimmen. Aber das war nicht einfach, weil Rolf Langhans in seiner Jugend Zehnkampf trainiert hatte. Nicht umsonst nannte die Fachwelt solche Sportler Könige der Leichtathleten.

„Deine Mutter kommt zu spät." Herr Brümmer trat zu dem Jungen und schaute zum langgestreckten Bürohaus hinüber.

„Sie kommt heute nicht, soll ich ausrichten."

Herr Brümmer stutzte. Zwischen den Augenbrauen entstand eine tiefe Falte. „Schade, wir liegen im Rückstand. Vielleicht hätte deine Mutter das Steuer noch herumgerissen."

Rolf reckte stolz die Brust. So gut war seine Mutter also im Faustball. Und er hatte heimlich gegrient, wenn sie in ihr Einkaufsnetz Trainingsanzug und Sportschuhe packte, um zum Übungsabend zu gehen.

In diesem Augenblick rief die Pfeife des Schiedsrichters die Spielerinnen wieder auf ihre Positionen. Rolf sah, dass seine Schwester zu Beginn pausierte. Schnell lief er am Kreidestrich entlang auf die andere Seite.

„Wo ist denn Mutti?", empfing Chris ihn.

„Gab Krach", erwiderte Rolf.

Beide schwiegen und verfolgten den Ball, der von den Frauen und Mädchen mit der Innenseite vom Handgelenk über die Schnur getrieben wurde.

„Wir gewinnen!", jubelte Chris.

„Kunststück. Wenn ihr das Durchschnittsalter ausrechnen würdet und beide gegeneinander setzt, seid ihr ein Kindergarten", dämpfte der Bruder ihre Freude.

Chris warf die langen blonden Haare nach hinten. „Seit wann kannst du rechnen?", parierte sie ärgerlich.

Rolf schluckte. Dass sie gerade heute mit dem Thema Mathematik anfangen musste. Ihm reichte die Auseinandersetzung mit dem Vater. Aber konnte er es ihr nicht heimzahlen? Mit Fredys Niederlage?

„Wenn du deinen Fredy heil wiedersehen willst, geh mal zum Lagerplatz. Da verrammeln ihn welche."

Die Schwester fuhr herum. Ungläubig starrte sie ihn an. Dann lächelte das Mädchen. „Willst mich wohl hier weglocken, was? Ich habe im ersten Spiel sieben Punkte gemacht. Klasse, was?"

Aber die Schadenfreude im Gesicht des Bruders ließ Chris an einem möglichen Trick zweifeln. Sie drehte sich um und schaute hinüber zum Rollenberg im Materiallager. Rolf tat, als interessierte ihn nichts mehr als der aufgeregte Schiedsrichter, dessen aktuelle Entscheidung das Missfallen der Zuschauer ausgelöst hatte. Der spindeldürre Mann im weißen Dress sprang von seinem Sitz herunter und diskutierte mit der Mannschaftsleiterin der Oberschülerinnen.

„Dann werd ich mich mal einwechseln lassen", sagte Chris gleichmütig und ging los.

Rolf schaute ihr nach. Die Haltung seiner Schwester enttäuschte ihn. Wenn schon dieser Fredy nichts taugte, so war sie immerhin mit ihm befreundet und hätte was unternehmen müssen. Zum Beispiel, ihn, den sechs Jahre jüngeren Bruder um Hilfe und Beistand bitten. Aber von wegen! Hatte Chris vorhin ihren Ohren nicht getraut, als Rolf mit seiner Nachricht kam, jetzt glaubte der Junge seinen Augen nicht zu trauen: Drüben, auf der anderen Seite des Spielfeldes, stand Fredy und winkte Chris zu, die an der Schnur stand und den gegnerischen Ball erwartete. Keine Blässe im Gesicht, kein Veilchen. Rolf war enttäuscht. Also wieder einmal Schwein gehabt. Wer weiß, wie er die beiden herumgekriegt hatte, damit sie ihn in Ruhe ließen. Nur mit Mühe widerstand Rolf dem Wunsch, auszuspucken. Pfui Spinne, so ein Waschlappen nannte sich nun Freund seiner Schwester. Beinahe eine persönliche Blamage, fand Rolf. Da Rolf fortan das sportliche Tun seiner Schwester beobachtete, bemerkte er nicht, dass Fridjof von weitem aufgeregt dem Betriebsleiter winkte.

4. Kapitel

Als der Pförtner mit Herrn Brümmer bei der kleinen Betriebswache ankam, holte der Alte einen Schlüsselring aus der Hosentasche.

„Wo sind denn die Bengels?", fragte der Betriebsleiter unwirsch.

„Drin!", stöhnte Fridjof. Die Tür machte ihm zu schaffen. Der Rahmen war nach dem Regen nicht ausgetrocknet und hatte sich verzogen.

„Wieso hast du sie eingesperrt?"

„Weil sie abhauen wollten. Versuchten, sich hier rauszuschleichen. Dachten wohl, ich schlafe über meinem Buch!"

Endlich gab die Tür nach. Energisch betrat Brümmer die Anmeldung. Was er zu sehen bekam, brachte ihn vollends in Rage. Da hingen zwei Oberschüler in den Sesseln am runden Besuchertisch. Wie ein Häufchen Unglück hockten sie nebeneinander. Der größere von beiden presste sich eine Geldmünze mal hier und mal dort ins Gesicht. Der andere hielt den Kopf weit nach hinten und betupfte sich mit einem Taschentuch die Nase.

„Was ist hier los!", schnauzte Otto Brümmer. „Seid ihr zum Spiel gekommen, um euch zu prügeln?"

Die beiden richteten sich vor Schreck steil in ihren Sesseln auf.

„Ist euch die Sprache weggeblieben", gnatzte der Pförtner dazwischen.

Der Betriebsleiter ging näher an die Unglücksraben heran. Auf den ersten Blick sah er, dass es keine ernsthaften Verletzungen waren.

„Wir wollten doch nur mit ihm reden", versuchte der Kleinere zu erklären.

„Mit wem?"

Der mit dem Fünfmarkstück trat seinem Mitschüler unterm Tisch gegen das Schienbein. Vor Schmerz stöhnte der Getroffene auf.

„Einer gegen euch beide?", fragte der Pförtner misstrauisch, und sein anfängliches Mitleid verschwand so schnell, wie es gekommen war.

„Er hat gesagt", und damit deutete der Kleine auf seinen Nebenmann, „dass wir uns mit Fredy mal unterhalten müssen. Weil er sich an Chris Langhans herangemacht hat."

„Fredy?!"

Die Zornesader bei Otto Brümmer war deutlich zu erkennen. Hätte ich mir doch denken können, durchfuhr es ihn. Warum nehme ich Esel auch so einen in meinem Betrieb auf. Spiele den verständnisvollen Vorgesetzten, weil der Junge sich wirklich gut anließ. Fredy kannte sich aus in elektrischen Dingen. Der hatte seinen Beruf nicht nebenbei gelernt. Und wenn einer was konnte in seinem Fach, dann war ihm, Brümmer, alles andere erst einmal Nebensache. Doch dass er zwei Schüler verprügelt hatte, war zuviel. Das war ein Rückfall, denn in Fredy Schmitz' Akte war eine Vorstrafe vermerkt wegen Schlägerei.

Das Telefon schrillte. Fridjof nahm den Hörer ab. Er horchte hinein und sagte dann: „Ich werde es ausrichten, Kollege Obst." Nachdem der Pförtner aufgelegt hatte, wandte er sich an den Betriebsleiter: „Eine Störung beim Mattenschweißer. Du sollst mal in die Entwicklung kommen."

Otto Brümmer machte auf der Stelle kehrt und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und sagte zu den beiden: „Mit Fredy fahr ich Schlitten. Könnt euch drauf verlassen." Die Tür knarrte laut, und schwere Schritte entfernten sich eilig.

„Vielleicht überlasst ihr es nächstens den Mädchen, mit wem sie sich abgeben." Der alte Fridjof versuchte vermittelnd einzugreifen, da er Fredys Geschichte ebenso wie Brümmer kannte.

„Mir ist das ja egal", stotterte der mit dem Taschentuch, während er die Nasenflügel zusammenpresste und die Luft hochzog. „Er hat sie ihm abspenstig gemacht", schloss er und deutete auf den Leidensgefährten.