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Da diese Story wie ein Krimi daherkommt, lässt sich relativ wenig über den Inhalt verraten. Fakt ist, dass ein Chirurg aus der Kurklinik Bad Barkenhusen mittels Helfershelfer nach Westberlin flüchtet. Justament in dieser Nacht kommt eine mit ihm befreundete Blinddarm-Patientin zu Tode, weil die Verlobte des Republikflüchtlings das wartende OP-Team zu lange hinhält. Was der Mediziner und andere Beteiligte nicht ahnen – das MfS hat seit Jahren einen Maulwurf im Westberliner Flüchtlingsaufnahmelager Marienfelde lanciert. Unabhängig davon fährt der Lebenskamerad jener Patientin nach Marienfelde, um jenen Doktor zur Rede zu stellen … Den lokalen Hintergrund stellt der norddeutsche Osten. Genauer gesagt und im Buch zeitlich korrekt, ist dies der Bezirk Rostock in der DDR. Nicht nur, dass die Erzählung zeitlich auf das Jahr 1988 fixiert ist – das Manuskript wurde etwa Anfang 1989 begonnen und im Herbst 1989 abgeschlossen. Seitdem erfuhr es textlich keine wesentliche Überarbeitung. Dieses Phänomen ist nicht oft zu konstatieren – schuldig sind jene allseits bekannten politischen Geschehnisse. Meine Lektorin hatte das Manuskript bereits für den Verlag das Neue Leben angenommen. Aber die Umstände brachten es mit sich, dass sie als die Jüngste im Lektorat noch vor der proklamierten Deutschen Einheit entlassen wurde. Noch heute erinnere ich mich an damalige Plakate von oppositionellen Demonstranten, die auf Rosa Luxemburgs Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden pochten. War schon Die Würde der Ratten nicht gedruckt worden, so bekam ich in zweifacher Hinsicht die Denkweise der neuen Macht zu spüren: einem Gespräch mit meiner Lektorin im Kinderbuchverlag Berlin konnte ich entnehmen, dass ihr Mann das alleinige Vorschlagsrecht für mich beim renommierten Alex-Wedding-Preis 1990 im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur wahrgenommen hatte. Nicht nur, dass Günther Cwojdrak starb – ich hatte mich 1989 bei Telefonaten den vielen Protestversammlungen wegen meiner hochgradigen Querschnittlähmung verweigert. Es sei hier nicht verschwiegen – mich irritierte damals sehr, wie bedingungslos sich manche DDR-Künstler bei den West-Medien geradezu anbiederten bzw. unterordneten ... So kam es für mich in jenen bewegenden Tagen quasi zur Nagelprobe des o. a. Zitats – meine Anwartschaft wurde gestrichen …
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2013
Hans-Ulrich Lüdemann
Die Würde der Ratten
Leben im deutsch-deutschen Alltag
ISBN 978-3-86394-878-8 (E-Book)
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Orte und Personen der Handlung stellen eine Fiktion dar. Ähnlichkeiten wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.
Verdutzt erhebt sich der Pförtner von seinem Stuhl. War das nicht eben ISENPOOT, der am geschlossenen Fenster vorüberging? Als der Wachmann ins Freie tritt, um den überraschenden Besuch etwas genauer in Augenschein zu nehmen, da verschwindet Carsten Peplow bereits im Hauptportal des Waldkrankenhauses.
„Was ISENPOOT hier bloß will so früh? Vielleicht, dass er unseren Doktor Hochnedder zum Segeltörn abholen tut? Sind ja wie Vadder und Sohn - die beiden!“
Während der Pförtner wieder zum Tisch vor seinem Ausguck schlurft, um sich den Wochenendrätseln der OSTSEE-ZEITUNG zu widmen, steigt Carsten Peplow langsam die Mitteltreppe empor. Auf einem Absatz in halber Höhe bleibt der Siebzigjährige stehen. Groß und kräftig von Statur, macht ihm sein Asthma zu schaffen. Dazu dieser verfluchte Phantomschmerz im rechten Arm! Unseliges Andenken aus dem Krieg ...
Peplow atmet schwer und stoßweise. Muss er ausgerechnet in diesen Minuten an Krieg denken?! Liegt womöglich daran, dass Irma und er noch vor zwei Tagen in Kiel waren. Genauer - bei Kiel. In Laboe. Er hatte seiner etwas unpässlichen Irma zugesetzt, der Gedenkstätte für die nahezu zweiunddreißigtausend im Zweiten Weltkrieg umgekommenen U-Boot-Kameraden einen Besuch abzustatten. Das erste Mal gemeinsam im Westen - dank Irmas sechzigsten Geburtstag im April. Sie hatte nicht verstanden, dass sein Besuch dort eine Geste der Dankbarkeit war gegenüber dem Schicksal, das den einstigen U-Bootfahrer Carsten Peplow rechtzeitig davonkommen ließ. Was zählte im Verhältnis zu den Toten auf allen Meeren seine verloren gegangene Hand?! Zerfetzt beim Entschärfen einer Granate. Hinrich Hochnedders ärztlicher Kunst ist es zu verdanken, dass sein Armstumpf mit dem chromblitzenden Haken vor drei Jahren endgültig verheilt war. Dass ihn alle in Barkenhusen nach seiner Heimkehr aus dem Krieg offen oder versteckt ISENPOOT nennen - Schiet drup! Peplow lässt den rechten Arm hochschnellen. Abrupt hält er auf halber Höhe inne. Ein metallisches Klicken ertönt: Aus dem Haken am Stumpf ist eine etwa faustgroße Öse entstanden. Diese rasche Bewegung mit dem plötzlichen Stopp noch einmal - der glänzende Metallring formt sich wieder zum nicht ungefährlich aussehenden Haken.
Carsten Peplows Linke umkrampft das Treppengeländer. Nein - es war nicht recht gewesen, in Laboe als Überlebender die Toten zu versuchen, denkt er. Es scheint nicht in der Ordnung, sich Kraft zu holen mit einem derartigen Abstecher. Den Lebensnerv stärken zu wollen durch das befreiende Glücksgefühl, im Gegensatz zu jenen dort davongekommen zu sein! Zum Krüppel geworden bei den 999er in Afrika. Beim Ami Kriegsgefangener ...
„Herr Peplow!“
Der Weißhaarige zuckt zusammen und schaut hoch. Am oberen Ende der Freitreppe steht Schwester Iris. Jawohl - in einem kleinen Seebad wie Barkenhusen kennt einer den anderen. Die Zugereisten vielleicht ausgenommen.
„Doktor Eick erwartet Sie!“
Carsten Peplow nickt. Ihm muss niemand sagen, wo sich das Chef-Zimmer befindet. Bis zur Rente war er in diesem Haus der Mann für alle anfallenden Arbeiten gewesen. Sein Geschick mit der linken glich die fehlende rechte Hand aus. War nicht immer einfach, dieses ehemalige haucksche Sanatorium auf Vordermann zu halten. Allzu oft hatte es an dem notwendigen Material gefehlt. Ehemaliges haucksche Sanatorium - verflucht soll dieser Hauck noch im Grab sein! durchfährt es den Alten.
Vor der Tür am Flurende muss Peplow verschnaufen. Wieder rasselt der Atem aus seinen Bronchien. Jetzt nimmt er den schwarzblauen HAMBURGER vom Kopf. Dann streckt er den massigen Körper und pocht mit dem Eisenhaken gegen die Türfüllung. Als sich drinnen nichts rührt, drückt der Alte behutsam die Klinke nieder und öffnet. Durch einen kleinen Spalt erfasst sein Blick einen Schreibtisch. Im Sessel dahinter Dr. Eick, dessen Kopf auf die Brust gesunken ist. Seine Arme hängen wie leblos seitlich herab.
„Herr Doktor ...“
Prompt kommt Bewegung in den weißen Kittel. Nur Bruchteile von Sekunden dauert die Besinnung bei Dr. Eick, dann steht er hellwach hinter seinem Schreibtisch.
„Entschuldigen Sie, Herr Doktor ...“ Peplow hält inne. Er spürt die Tränen, wie sie ihm die Wangen abwärts rinnen. Seine massigen Schultern zucken. Was zum Teufel hat sich das Schicksal nur dabei gedacht, einem auch das noch anzutun?! Hatte er in seinem Leben nicht bereits genug aushalten müssen. Schuldig oder unschuldig. Vielen hatte er schon auf ihrem Letzten Weg Geleit gegeben - jetzt hatte es ihn unmittelbar getroffen. Verfluchtes Schicksal, denkt Carsten Peplow. Warum hat es nicht mich getroffen …
„Ich darf Ihnen mein Beileid aussprechen, Herr Peplow. Was möglich war, wurde für Ihre Lebenskameradin getan. Bei einem perforierten Blinddarm zählt jede Minute. Und ich kann leider den Vorwurf nicht unterdrücken, dass zu lange gewartet worden ist. Ich vermute ...“
„Wir waren verreist, Herr Doktor“, murmelt Peplow. „Und weil Irmas Schmerzen immer stärker wurden, sind wir früher als wir wollten nach Hause gefahren.“
Dr. Eick hebt bedauernd die Schultern. Als Arzt kennt er genug banale Zufälle, die den Tod eines Menschen verschulden können. Wenn er an den Motorradfahrer denkt, den er in der Nacht operieren musste, um sein Leben zu retten. Möglich, dass ein Hase wie hypnotisiert in die grellen Scheinwerfer des Zweirades gestarrt hatte. Oder eine Knallpanne in der Kurve ...
„Ich möchte Doktor Hochnedder sprechen“, sagt Peplow.
Zaghaftes Klopfen an der Tür enthebt Dr. Eick einer Antwort. Gereizt nicht nur wegen der Störung, mustert er die eintretende Schwester Iris.
Sein Wochenenddienst hatte es bisher in sich. Zwei Fälle auf des Messers Schneide! Er hatte sich für den jungen Motorradfahrer entscheiden müssen, der ihnen schwer verletzt quasi auf die Schwelle gelegt worden ist Für eine Assistenz aus Boddenstadt war es da bereits zu spät ...
„Ist Doktor Hochnedder nicht im Dienst?“ In Peplows Frage klingt Zweifel mit. Sagt Hinrich nicht immer, er würde seinen Status als Junggeselle für eine feste Garantie halten, ständig Wochenenddienste und Feiertagsbereitschaften leisten zu müssen? Im Winter mochte das ja noch angehen, aber im Frühling lockt der Bodden zu Segeltörns auf der FLINKLÖPER ...
„Ich hatte ja versucht, Doktor Hochnedder telefonisch zu erreichen. Aber er soll auf dem Weg hierher gewesen sein, Herr Peplow.“ Es ist der jungen Krankenschwester anzusehen, dass sie nicht recht weiß, ob es sich schicken würde, auf den alten Mann zuzugehen, seine Hand zu ergreifen und zu kondolieren. Außerdem ist da jenes nicht zu überhörendes fast warnend klingende Räuspern von Dr. Eick, das Schwester Iris vollends verunsichert. „Hatte jedenfalls seine Verlobte am Telefon gesagt.“
„Wenn Sie jetzt also Ihre Lebenskameradin, Herr Peplow ...“ Der Arzt gibt Schwester Iris einen müden Wink.
Peplow fühlt, dass er drauf und dran ist, erneut die Gewalt über sich zu verlieren. Seine Wangenmuskeln treten hervor, als die Backenzähne aufeinander mahlen. Lebenskameradin - äußerst korrekt ist der Herr Doktor! Unbewusst vollführt Peplow eine schnelle Bewegung mit dem rechten Arm. Es knackt unangenehm laut, als der Haken zur Öse einrastet. Augenblicke später öffnet sie sich wieder und die scharfe Metallspitze ist am Armstumpf zu sehen.
„Herr Peplow!“ Dr. Eick reibt seine schmerzenden Schläfen. Will der Alte in Begleitung von Schwester Iris die tote Frau Jochens noch einmal sehen oder nicht?!
„Wenn es geht, möchte ich morgen wiederkommen, Herr Doktor.“ Der Weißhaarige zittert wie bei einer übermenschlichen Kraftanstrengung.
Auch hilfloser Zorn über die schroffe Art des Arztes schwingt in seinen Worten mit. Unvorstellbar, dass Hinrich sich so aufführen würde! durchfährt es Peplow. Und kein Wunder, wenn Hinrich Hochnedder und dieser Doktor miteinander umgehen wie Hund und Katze.
„Meinetwegen morgen!“ Dr. Eick lässt sich erschöpft in den Schreibtischsessel fallen.
„Doktor Hochnedder ist also nicht im Dienst?“ Krampfhaft müht sich der alte Peplow, Trauer und Grimm in andere Bahnen zu lenken. Antwort heischend blickt er der Krankenschwester ins Gesicht. Aber die beinahe mädchenhaft aussehende Frau weicht seinem Blick aus. Sie weiß, dass sie gut daran tut, ihrem Chef das Reden zu überlassen.
„Wir alle haben Verständnis für den schweren Verlust, der Sie getroffen hat, Herr Peplow. Und wenn Schwester Iris Ihnen ein Beruhigungsmittel mitgeben soll - sagen Sie es nur!“
„Danke!“
Peplows Ablehnung klingt energisch. Der Tonfall lässt vermuten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, da hat der Siebzigjährige sich wieder in Gewalt. Seinen Lebtag hielt er nichts von Tabletten oder Tinkturen. Selbst als das mit der Hand passiert war, sind die Feldscher im Lazarett ohne ausgekommen. Vielleicht hätten sie ihm ohnehin keine Medikamente gegeben, weil es um einen aus dem Bewährungsbataillon 999 nicht schade war. Gemäß der Markierung an ihren Fahrzeugen - über einem Balken der Buchstabe V - galt er wie alle anderen 999er als gebrandmarkt: Verbrecher auf der ganzen Linie ...
„Melden Sie sich also morgen bei Schwester Iris!“
Carsten Peplow scheint die ausgestreckte Hand des Arztes zu übersehen. Oder sind seine Augen nicht mehr die besten? Erstaunlich jedoch der feste Blick, mit dem sich der Weißhaarige von der jungen Frau im rosafarbenen Kittel verabschiedet.
„Ich begleite Sie zum Ausgang, Herr Peplow!“ Schwester Iris Stimme verrät ihr Mitgefühl.
„Danke!“ Peplows zweite Ablehnung ist ebenso entschieden wie beim ersten Mal. Den Rücken durchgestreckt, macht der Alte in seiner schwarz-blauen KULANI auf der Stelle kehrt und verlässt mit festem Schritt den Raum.
Wie auf ein geheimes Kommando begeben sich Dr. Eick und Schwester Iris zum Fenster. Obgleich sie wissen, dass es noch eine Weile dauern wird, ehe der traurige alte Mann da unten vor dem Portal des Waldkrankenhauses auftaucht, starren beide in den Hof.
„Todesursache: Perforierter Appendix!? Dass ich nicht lache! Eine Bagatelle-Sache heutzutage, wenn das Timing stimmt! Wenn, Schwester Iris! Wenn!“ Für Sekunden richtet Dr. Eick sein Augenmerk auf die Zigarettenschachtel in seinen Händen. Hastig fingert er nach einem weißen Stäbchen. Überaus hektisch sind auch die ersten Lungenzüge.
„Hoffentlich ist Doktor Hochnedder nichts passiert?“, murmelt Schwester Iris ahnungsvoll. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals zu einem Dienst auch nur verspätet erschienen ist!“
Dr. Eick scheint mit einer Antwort zu zögern. Er streift die Asche seiner PALL MALL ab. „Mal so gesprochen, Schwester Iris: Sie schließen also völlig aus, dass Herr Kollege Hochnedder mir eins 'reinwürgen will durch seine Disziplinlosigkeit?! Der Dumme bin nämlich ich in diesem Falle! Gerade zum Ärztlichen Leiter berufen, muss das passieren. Schließlich kenne ich Leute, die haben nur darauf gewartet. Weil sie Hochnedder die Leitung unseres Waldkrankenhauses fest zugesagt hatten ...“
„Herr Peplow tut mir leid“, sagt Schwester Iris mehr für sich als für den neben ihr Stehenden. Was geht sie die Rivalität zwischen Eick und Hochnedder an? Höchstens insofern, weil das Arbeitsklima immer mehr vergiftet wird. Mit Dr. Hochnedder kommen alle gut zurande ...
„Unser allseits beliebter Draufgänger und Kollege Doktor Hochnedder sollte Ihnen leidtun, Schwester Iris. Ich lasse mir keinen Exitus nach perforiertem Appendix aufhalsen, verstehen Sie! Ich nicht!!“
Schwester Iris presst die Lippen aufeinander. Obwohl ihr das Gezeter des Chefs widerwärtig ist, schweigt sie. Ein anderer Arzt wäre wohl stutzig geworden bei Peplows Fragen nach Hochnedder. Zu diesem scheint der Alte Vertrauen zu haben. Mehr als zu einem, der immer wieder betonen muss, dass es sich bei der Verstorbenen nicht um Peplows Frau, sondern um seine Lebenskameradin handelt ...
„Direkt gefährlich - sein Getue mit der Prothese!“ Dr. Eick weist kopfnickend hinunter zum Hof. „Deswegen soll er schon mal gesessen haben!“
„Ach?“ Mehr sagt Schwester Iris nicht. Ihre Blicke verfolgen den Alten, dessen kurz geschorener weißhaariger Schädel einen starken Kontrast zur dunklen Joppe bildet.
„Wir müssen, Schwester Iris: Visite!“
Während Arzt und Krankenschwester sich zu den wenigen stationär aufgenommenen Patienten begeben, baut sich der hakennasige Wachmann am Eingang vor Peplow auf:
„Seit du privaten Umgang mit Ärzten hast, ISENPOOT, hast du wohl keinen Blick mehr für unsereins?!“ Der Pförtner muss sich mächtig strecken, will er den zwei Zentnern, die der andere auf die Waage bringt, Halt gebieten. „Warst wohl bei Eick, weil du wieder hier anfangen willst? Sind dir wohl zu teuer auf die Dauer - deine beiden Boote, ISENPOOT!“
Weil der kleine Mann mit dem blanken Mützenschirm über der Hakennase noch immer nicht den Weg freigibt, verharrt Peplow, um seinen HAMBURGER aufzusetzen.
„Musst wohl jetzt dazuverdienen, wo deine Irma nun auf Rente gegangen ist, ISENPOOT?“ Das meckernde Lachen bleibt dem Pförtner im Halse stecken, als er sich angehoben fühlt und seine Füße ihren Halt verlieren. Der Hakennasige hält die Luft an, weil er spürt, wie sich etwas Spitzes am Hosenbund durch den Stoff bohrt und ihm schmerzhaft ins Fleisch dringt.
„Holl dien Muul!“ Carsten Peplows asthmatischer Atem pfeift vor Anstrengung.
„Aber Carsting!?“ Froh, dass er wieder mit beiden Beinen auf der Erde steht, drückt der Wachmann eine Hand gegen die schmerzende Stelle in Gürtelhöhe. „Nimm das doch nicht alles für übel, oller Skipper!“
Peplow reagiert nicht auf die versöhnlich gemeinte letzte Bemerkung. Auch den kumpelhaft gedachten Schlag des anderen gegen seine Brust nimmt er ungerührt hin. Beide Männer erinnern an ein Bild, wie es wohl Schäferhund und Teckel bieten, wenn sie sich zufällig begegnen - dass immer die Kleinen versuchen, sich mit den Großen anzulegen ...
„Darf ich die Herrschaften mal stören?“ Ein glatzköpfiger junger Mann in schwarzem Lederzeug steht hinter Peplow und dem Pförtner. Er weist mit dem Arm zu einem offenen VW-Transporter, auf dessen Ladefläche sich das befindet, was von einer 250er MZ nach einem schweren Unfall übrig bleiben kann.
„Hör mal zu, Jungchen!“, blafft der Pförtner. „Hier ist eine Waldklinik und kein Schrottplatz!“
„Tut mir leid, Opa: Anordnung vom Boss! Damit die Karre nicht geklaut wird nach dem Unfall, soll ich sie fürs erste hier irgendwo abstellen. Sind die Bullen schon da gewesen, um sich den beknackten Typ vorzunehmen? Hätte mein Boss ihn nicht hergeschafft ...“
„Ich weiß von nichts!“, poltert der kleine Mann mit dem blanken Mützenschirm. „Mir sagt ja keiner was!“
„Ob wir das zusammen packen?“ Der junge Kraftfahrer lächelt verlegen. Dabei fasst er mit Daumen und Zeigefinger an eine Perle in seinem linken Ohrläppchen.
Während der Pförtner tief Luft holt, um dieses Ansinnen strikt und als unzumutbar abzulehnen, entledigt sich Carsten Peplow seiner Marine-Jacke. Wortlos folgt er dem Skinhead zum VW-Kleinlaster.
„Ich muss erst die Schranke hochlassen!“, ruft der Pförtner hinterher. Durch Peplows Bereitschaft plötzlich anderen Sinnes geworden.
Für drei Männer ist es Minutensache, das vornehmlich am Vorderteil beschädigte Motorrad abzuladen und hinter dem Pförtnerhäuschen zu deponieren.
„Bedanke mich!“ Der VW-Fahrer klopft sich den Staub von der Lederbekleidung. Dann tippt er grüßend an seine Schläfe. „Hoffe, dass dieser HIRNI besser aussieht als die Karre. Eine verdammt große Sonne, die er aus der Kurve gedreht haben muss! Wird er wahrscheinlich nicht zugeben. Was sagt er denn?“ Der Glatzkopf mit der Perle im Ohrläppchen ist stehen geblieben. Fast lauernd starrt er den Mann mit der Schirmmütze an.
„Auskünfte werden nur an Ehepartner oder Familienangehörige erteilt“, erklärt der Pförtner streng dienstlich.
„War ja nur eine Frage, Opa. Immerhin hat mein Boss diesem verhinderten Kurvenflieger eine vorzeitige Himmelfahrt vermasselt.“
Wenig später brummt der Motor vom VW-Transporter leise auf. Der Pförtner wendet sich an Peplow, der mit seiner Linken behutsam ein Taschentuch aus der Hose zieht, um sich den schweißigen Nacken abzureiben.
„Mir sagt ja keiner was! Werd' mal anrufen, was mit dem Motorradfahrer ist. Du warst doch eben oben, Carsten: Ist Eick oder dein Doktor Hochnedder ansprechbar?“
Peplow scheint die Frage nicht gehört zu haben. Er starrt auf den Mützenschirm vor ihm. Ohne ein Wort zu sagen, dreht der Alte sich um und geht davon. Als ob ihm die zwei Zentner Körpergewicht plötzlich eine Last sind, ist sein Gang schleppend.
In diesem Augenblick bemerkt der Pförtner ein akkurat zusammengefaltetes Papier vor dem Schlagbaum. Wahrscheinlich hat der andere es mit seinem Taschentuch aus der Hose gezogen ...
„ISENPOOT?!“
Weil Peplow nicht reagiert, nimmt der kleine Mann achselzuckend seine Fundsache in Augenschein. Ihm steht die pure Neugierde im Gesicht, als er mitbekommt, dass es sich um ein Telegrammformular handelt. Der Text darauf ist kurz und knapp: PATIENTIN IRMA JOCHENS NACH MITTERNACHT AM 1. MAI 1988 VERSTORBEN.
„O Manning!“ Der Pförtner fährt sich betroffen mit der Zungenspitze über seine wulstig trockenen Lippen. „Unsereins quackelt und quackelt und kriegt wieder einmal nichts mit von allem!“
„Ihr braucht niemanden extra zu schicken. Liegt auf unserem Weg. Ende!“ Hauptmann Haider beugt sich vor und schaltet den Sprechfunk mit der Zentrale im VPKA Boddenstadt ab.
„Wo brennt es denn dieses Mal, Genosse Hauptmann?“ Die junge Frau am Steuer lächelt. „Mein erster Einsatztag bei Ihnen - ich komm mir vor, ich bin bei der Feuerwehr statt bei der Kripo.“
„Zum Glück geht es momentan nur um ein angeblich herrenloses Fahrzeug.“ Haider hält einen Handrücken vor den weit aufgerissenen Mund, aus den Augenwinkeln Unterleutnant Ingrid Seeber betrachtend. Könnte mit ihren zweiundzwanzig Jahren meine Tochter sein, denkt er. Und ihm ist es plötzlich beinahe peinlich, dass er gegen diese äußeren Anzeichen starker Müdigkeit so gut wie machtlos ist. Dazu kommt ein ziehender Schmerz in den Augäpfeln. Haider nimmt seine Brille mit den starken Gläsern ab und reibt massierend die Nasenwurzel.
„Ich hab' noch Bohnenkaffee in meiner Thermoskanne, Genosse Hauptmann“, sagt die Fahrerin nach einem schnellen Seitenblick.
„Danke, Ingrid. Gut gemeint, aber der Arzt ist gegen Genussmittel aller Art. Bin eben nicht mehr der Jüngste ...“
Horst Haider lässt sich gegen die Rückenlehne fallen. Leicht verstimmt setzt er die Brille wieder auf und schließt die Augen. Hab' wohl gedacht, die neue Kollegin neben mir würde protestieren, weil der Genosse Hauptmann mit seinem Alter kokettiert?! Fünfundfünfzig Jahre, davon weit über die Hälfte bei der Kripo - gewisse Spuren sind doch unübersehbar. Nicht zu reden über Kreislaufbeschwerden, nachdem er das Rauchen aufgeben musste. Bei der letzten Routine-Untersuchung hatte sein Medizinmann ihm auf die Schultern geklopft und eine echte HAVANNA zum 65sten versprochen: Schuld sei die Qualmerei, wenn er dann erst so alt ist, wie er heute aussieht!
„Kann es nicht doch sein, dass dieser Schweinemeister in seinem Suff den Stall in Brand gesetzt hat, Genosse Hauptmann?“ Ohne ihre Aufmerksamkeit für die morgendlich feuchte Fahrbahn zu mindern, beschäftigen Ingrid Seeber noch immer beider Ermittlungen in den vergangenen Stunden.
„Abwarten. Auf die Sachverständigen unserer Feuerwehr ist Verlass. Sie dürfen sich in diesem Fall nicht von Sympathie oder Antipathie leiten lassen, Genossin Unterleutnant“, doziert Haider.
„Tue ich das?“ Die Fahrerin riskiert einen Blick nach rechts.
Haider nickt überzeugt. Weil es ihm nicht anders ergangen ist - ein strammer Kerl, ähnlich seinen besten Zuchtebern, aber durch den Alkohol augenscheinlich total heruntergekommen und weinerlich, dass einem die Wut aufsteigt bei dem Schaden, der entstanden ist an Vieh und Sachwerten.
„Denken Sie nicht auch so über diesen Schulz?“
Haider nickt erneut und schaut die junge Kollegin lächelnd an: „Sie können alles denken, aber falls Sie auch alles sagen, werden Sie am Ende für voreingenommen gehalten.“
„Ich werd' drüber nachdenken, Genosse Hauptmann. Trotzdem - dieser Schulz ...“
„Da links!“, unterbricht Haider schroff. Er weist mit dem Arm zum Kurvenausgang. „Das Fahrzeug da wird es sein.“
„Ein DACIA“, stellt Ingrid Seeber sachkundig fest. „Ziemlicher Blechschaden an der Seitenfront.“
Haiders Aufmerksamkeit ist auf eine Gestalt gerichtet, die sich erregt ihrem Dienstwagen nähert. Über die Schulter trägt der Mann ein Gewehr.
„Dann wollen wir mal wieder!“ Ingrid Seebers Stimme klingt tatendurstig, als sie den Wagenschlag aufstößt und als erste aussteigt. Und es belustigt die Seeber, als sie beobachtet, wie der Waidmann innehält. Er scheint nicht glauben zu wollen, dass zu dieser frühen Morgenstunde eine zweiundzwanzigjährige Beamtin vom VPKA nach seinem Anruf auftaucht.
„Sie trauen sich was!“ Trotz seiner Körperfülle erstaunlich beweglich, umkreist der Mann mit der Flinte den TOURIST, weil er scheinbar nur den Beifahrer ernst nimmt. „Sie trauen sich was!“, wiederholt der Jäger vor Aufregung und Grimm.
„Guten Morgen.“ Haider steigt gelassen aus. Nennt dann Dienstränge und Namen.
„Seit fast einer Stunde warte ich auf Sie!“, schimpft der Waidmann, fast erschrocken über die verflossene Zeit auf seine Armbanduhr blickend. „Der Maiumzug! Ohne mich geht da nichts! Ich muss los ...“
„Moment!“ Hauptmann Haider packt den Davonlaufenden am Arm. „Eins nach dem anderen: Was ist nun mit diesem Wagen hier? Wie lange steht der Ihrer Meinung nach hier an der Kurve? Haben Sie irgendetwas verändert am oder im Fahrzeug?“
Der gewichtige Jägersmann besinnt sich. Plötzlich hält er sowohl Unterleutnant Ingrid Seeber als auch Haider seine kräftige Rechte hin: „Entschuldigt, Genossen. Mit mir sind sie wohl leicht durchgegangen eben. Hab' gedacht - eine Nacht auf dem Hochsitz und meine Nerven sind wieder auf Vordermann ... Also, das muss kurz nach ein Uhr gewesen sein, als ich den Wagen hier das erste Mal sah. Hab' gedacht, da ist einer mal kurz 'raus. Weil - die eine Tür stand offen. Beim zweiten Mal, wie gesagt, war es noch immer so. Reingeguckt hab' ich schon mal. Aber nichts angefasst!“
„Ihre Personalien sind aufgenommen worden beim Anruf?“, vergewissert sich Unterleutnant Seeber.
Der Mann mit der Flinte nickt. Er scheint es auf einmal gar nicht mehr so eilig zu haben. Vergessen ist wohl sein Maiumzug.
„Wir danken Ihnen!“ Hauptmann Haider legt demonstrativ seine Arme auf den Rücken. Macht aber gar keine Anstalten, zum bewussten Fahrzeug zu gehen, um es genauer in Augenschein zu nehmen.
„Für den Fall der Fälle, Genossen“, sagt der Waidmann und deutet eine leichte Verbeugung an: „Anton Rückerts. Ihr steht sozusagen auf Grund und Boden der LPG STÖRTEBEKER. Fragt nur nach dem Vorsitzenden ...“
„Das haben wir bereits vor gut zwei Stunden das erste Mal getan“, unterbricht Ingrid Seeber vielsagend.
Rückerts lächelt unsicher: „Ihr habt nach mir gefragt, Genossen?“
„Nicht direkt“, sagt Hauptmann Haider. „Wir wurden von der Feuerwehr gerufen. Verdacht auf Brandstiftung beim Stall mit der Ferkelaufzucht.“
„Schulz!?“ Der LPG-Vorsitzende ballt seine schwieligen Fäuste. Er lässt sie durch die Luft sausen, als wolle er jenen Schweinemeister in den Boden rammen. Wobei Schulz ihm an Körperfülle nicht viel nachzustehen scheint, wie die Kriminalisten wissen.
„Wird wohl kein unbeschwerter Maiumzug dieses Jahr“, prophezeit Unterleutnant Seeber.
„Entschuldigt, Genossen ...“ Rückerts hakt einen Daumen in den Gurt seiner Jagdwaffe. Dann strafft er sich und stapft davon in Richtung alte Fernverkehrsstraße Nummer 96.
„Sind nicht gerade arm - die von der STÖRTEBEKER: Ein viertüriger GOLF-Diesel. Nicht schnell im Anzug - dafür aber vergleichsweise sehr sparsam im Verbrauch.“ Ingrid Seeber wendet den Blick vom hastig zu seinem Auto eilenden Rückerts. Dann folgt sie ihrem Vorgesetzten.
„Geben Sie mal das Kennzeichen durch, Ingrid!“, befiehlt Hauptmann Haider. Nachdenklich starrt er ins Innere des Wagens. Der offene Verbandskasten ist ihm sofort aufgefallen. Alles liegt kreuz und quer auf dem Rücksitz, als hätte jemand darin etwas gesucht. Kann aber auch sein, als sei derjenige, der Erste Hilfe geleistet hat, mächtig unter Druck gewesen. Dass er solche Unordnung zurückgelassen hat.
„Dauert einen Moment, Genosse Hauptmann!“, ruft Ingrid Seeber vom Dienstwagen herüber. Während sie auf Name und Anschrift des Besitzers oder Halters wartet, beobachtet die junge Frau, dass Anton Rückerts in voller Fahrt mit seinem GOLF zurückkehrt. Der Viertürer schlingert auf dem noch nassen Straßenbelag, als er hart bremst. Rückerts dreht die Scheibe vom Beifahrersitz abwärts und bedeutet Unterleutnant Seeber mit einem fast herrisch wirkenden Kopfnicken näherzukommen.
„Hätte ich beinahe vergessen, Genossin: Am Lenkrad und auf der Ablage hinter der Frontscheibe ist Blut! Als Bauer und Jäger kenne ich mich in solchen Dingen aus!“
Verblüfft starrt Ingrid Seeber dem roten GOLF-Diesel hinterher. Zugleich meldet sich die Zentrale im VPKA Boddenstadt und gibt die gewünschten Informationen zum DACIA durch.
„Was wollte er denn noch?“ Haider hat seine erste Inspektion des fahrerlosen Wagens beendet und kehrt zum WARTBURG-TOURIST zurück.
„Rückerts will Blut im DACIA festgestellt haben, Genosse Hauptmann“, erwidert Ingrid Seeber und ist zugleich bemüht, den durchgegebenen Namen und die Adresse der Besitzerin für Haider gut lesbar aufzuschreiben. Die bedenklich wirkende Stärke seiner Brillengläser war ihr bei den ersten Begrüßungsworten aufgefallen.
„Egal wie - die Techniker sollen sich den Wagen holen und routinemäßig untersuchen. Ich werde mich um den Eigentümer kümmern.“
„Es handelt sich um eine Frau: Lise Bell. Seepromenade Nummer einundzwanzig. Barkenhusen.“ Unterleutnant Seeber schaut den gähnenden Chef abwartend an.
Haider lächelt etwas hilflos: „Es geht nicht anders - ich muss Sie hier allein zurücklassen. Am Ende manipuliert jemand im Nachhinein am Fahrzeug.“
„Unfallflucht?“
„Vielleicht auch Diebstahl“, mutmaßt Haider.
„Diesen rollenden Rosteimer?“ Ingrid Seeber schüttelt übertrieben abwertend den Kopf.
Horst Haider spürt leichte Verärgerung in sich aufsteigen. Privat haben er und seine Frau es bei einem TRABANT belassen. Ein Fahrzeug, dem manch einer von diesen jungen Leuten sogar die Bezeichnung AUTO streitig machen möchte. Ohne Kinder und nur für Fahrten zum Einkauf, Schrebergarten oder Urlaubsort reicht uns der Wagen allemal, denkt Haider.
„An sich nicht schlecht“, bleibt Unterleutnant Seeber bei ihrem Thema. „Technisch ausgereift. Lizenz von RENAULT.“
„Haben Sie etwa Ahnung von solchen Sachen?“, fragt Haider und runzelt die Stirn. Wieder dieses gönnerhafte und wie von ganz oben herabklingende Geschwätz! Vielleicht von einem ebenso superschlauen Freund gehört! gärt es in ihm. Schon dieses: An sich nicht schlecht ...
„Mein Vater hat eine Kfz-Werkstatt, Genosse Hauptmann“ , antwortet Ingrid Seeber laut. Dann übermittelt sie der Zentrale den Wunsch ihres Vorgesetzten nach sofortiger Sicherstellung des DACIA. Als das erledigt ist, sagt die junge Frau: „Er hat sich lange etwas vorgemacht. Irgendwann sollte ich seine Bude übernehmen. Bis zum Kfz-Facharbeiter habe ich noch mitgespielt, aber dann war Schluss!“
„Demnach könnten Sie bei meinen TRABANT jede x-beliebige Reparatur ausführen?“ Haiders Stimme klingt etwas ungläubig. Im gleichen Augenblick wurmt es ihn, seine neue Mitarbeiterin ungerecht beurteilt zu haben. So ist das also: Fünfundfünfzig Jahre und kein bisschen weiser ...
„Ein Kilo Räucheraal für eine Handwerkerstunde!“, pariert Ingrid Seeber die Frage ihres Chefs. „Als gebürtiger Boddenstädter und bei Ihrem Job haben Sie ganz bestimmt die besten Beziehungen zu Bückware, Genosse Hauptmann! Oder etwa nicht?!“
Haider geht auf diesen Spaß nicht ein. In seiner langjährigen Ermittlungstätigkeit war dieses – geb’ ich dir, gibst du mir - oft auch ein Motiv für kriminelle Handlungen. Und zwar quer durch alle Bevölkerungsschichten und ohne Ansehen der Person.
„Sagen Sie mir noch einmal die Adresse dieser Lise Bell?“, bittet Hauptmann Haider, der trotz großer Anstrengung auf dem Zettel nur jenen Namen entziffern kann, unter dem der DACIA zugelassen ist.
„Barkenhusen. Seepromenade einundzwanzig.“ Ingrid Seeber hat kein Problem mit ihrer Schrift. „Wo liegt dieser Ort?“
„Da muss ich die F 96a wieder zurückfahren und dann nach Norden hoch zur Küste abbiegen“, erklärt Haider, mit dem Arm die Himmelsrichtungen weisend.
„Also - guten Weg“ , sagt Unterleutnant Seeber. Sie macht Anstalten, den DACIA etwas genauer unter die Lupe nehmen zu wollen. „Rückerts Gerede von Blut geht mir nicht aus dem Kopf, Genosse Hauptmann.“
„Verderben Sie nichts!“, warnt Haider. „Ich kann Sie doch allein lassen, Ingrid?“, setzt er bewusst übertreibend, fürsorglich hinzu.
Die junge Frau verschränkt beide Arme vor der Brust und verbeugt sich auf japanische Art vor ihrem Chef: „Zur Kenntnisnahme - viele weibliche Träger eines Schwarzen Gürtels gibt es meines Wissens nicht ...“
„Autos, Judo - was können Sie denn noch Außergewöhnliches?“, brummt Haider verblüfft.
„Kochen zum Beispiel.“
„Und was gar nicht?“
„Gartenarbeit.“ Die Antwort klingt leise und hat fast den Tonfall eines peinlichen Geständnisses.
„Nein!“, entfährt es Haider ungläubig. Ausgerechnet in seinem jahrzehntelangen Hobby ist er also dieser allseitig gebildeten jungen Dame voraus! „Sie sollten es dabei belassen!“
„Wobei, Genosse Hauptmann?“
„Keine Ahnung im Schrebergarten zu haben!“
„Warum?“
Haider reagiert nicht gleich auf die zweite Frage. Er lässt sich auf den Fahrersitz fallen, drückt mit Daumen und Zeigefinger sein Brillengestell fester auf die Nase, dreht den Zündschlüssel: „Weil Sie das irgendwie sehr sympathisch macht!“, ruft Horst Haider, das Zweitakt-Tuckern übertönend.
Unterleutnant Seeber kraust die Stirn. Da sie Haiders Logik nicht gleich begreift, vermutet die Zweiundzwanzigjährige eine Anspielung, wie sie nur für einen Mann typisch sein kann, der seinen Vorgesetztenstatus gefährdet glaubt. Jetzt verzieht sich das Gesicht der jungen Frau zu einem unverhohlen schadenfrohen Lächeln, als der TOURIST einen Satz nach vorn macht und steht.
Abgewürgt, Genosse Hauptmann!“, kommentiert Ingrid Seeber feixend die plötzliche Stille.
Mancher Autofahrer, der dem müde aussehenden alten Mann auf seinem langen Weg zur Bus-Haltestelle begegnet, hupt auffordernd. Die meisten in Barkenhusen kennen ISENPOOT. Wenn nicht persönlich, so wissen sie doch - er gehört quasi zu Irma Jochens. Oft von ihm begleitet, kassiert diese Versicherungsbeiträge. Warum also Peplow nicht ein Stück des Weges mitnehmen? Womöglich zahlt sich solches Entgegenkommen irgendwann einmal aus?
Seit Carsten Peplow den Pförtner des Waldkrankenhauses verlassen hat, scheint er taub zu sein. Auf das gut gemeinte Signal der Vorbeifahrenden hebt der alte Mann nicht einmal den Kopf, geschweige denn winkt er ab. So setzen die Wohlmeinenden ihren Weg fort in dem Bewusstsein, dass sie immerhin einen Versuch gemacht haben, jemandem zum heutigen doppelten Feiertag etwas Gutes zu tun. Ja, der Umstand, dass der Kampftag aller Werktätigen in diesem Jahr ausgerechnet auf einen Sonntag fällt, ist nicht so ohne Weiteres zu verkraften. Hätte sich besser ausgenommen, am vergangenen Freitag den Maienschnaps durch die Kehle rinnen zu lassen. Ein mit Lust und Laune freiwilliger Zeitvertreib im Gegensatz zu ihrer pflichtgemäßen Teilnahme am Barkenhusener Maifestumzug ...
„Opa Carsten?!“
Der Alte bleibt stehen, weil ihn jemand am Joppenärmel festhält. Er blickt auf.
„Komm! Steig ein!“ Norman Brettschneider deutet auf die offene Tür seines Autos, das vorschriftswidrig am Bus-Wartehäuschen hält und dessen Auspuff blaue Wölkchen ablässt. „Ich steh' in einer Bustasche, Opa Carsten!“, drängt der junge Mann.
Willenlos lässt Peplow sich von seinem hilfsbereiten Nachbarn mitziehen. Brettschneider wird erneut ungeduldig, als er sieht, dass der Alte vor der Beifahrertür steht und etwas ratlos auf die Klinke starrt. Als beide endlich im Auto sitzen und den Haltestellenbereich verlassen haben, streckt Norman Brettschneider seine Arme gegen das Lenkrad durch. Die Schultergelenke knacken unüberhörbar.
„Wieder eine Nachtschicht außer der Reihe geschafft, Opa Carsten! Der Hering steht gut und bald läuft der Aal. Danach sind alle Männer von der FPG hinterm Hornfisch her. In ihrer Verpackungslinie war ein Greifer abgebrochen. Aber nicht verzagen - NORMI fragen! Euer Norman kriegt jede Sache in den Griff! Feiertags allerdings mit einhundert Prozent Aufschlag, liebe Leute!“
Der Fünfundzwanzigjährige redet ununterbrochen. Geschafft und überdreht zugleich von der anstrengenden Nachtarbeit. Nur eine Frage der Zeit ist sein Griff zum Autoradio. Vielleicht ist das aber auch ein Zeichen für Resignation, weil der unverhoffte Mitfahrer sich trotz aller Mühe zu keiner Äußerung animieren lässt.
„JAILHUSE-ROCK! Noch immer einsame Spitze - Elvis Presley! Genau das richtige für NORMI nach einer Sonderschicht!“
Die Finger des Anlagenbauers klopfen im Takt auf das Lenkrad. Dazu pfeift Brettschneider hingebungsvoll. Es klingt nicht einmal schlecht. Plötzlich hält der junge Mann inne. Mit der flachen Hand schlägt er gegen seine Stirn: „Jetzt kapier' ich endlich, Opa Carsten! Warst in der Waldklinik, stimmt?“
Der Weißhaarige sieht stur geradeaus. Er wendet nicht einmal den Kopf zum Zeichen, dass er verstehen will, was der neben ihm brüllt, um Elvis Presley samt Hawaii-Guitar zu übertönen.
„War doch gut, dass ich zufällig gestern noch zu Hause war, was? Auf einen Krankenwagen hätte Oma Irma bestimmt länger als eine Stunde warten müssen. Und das bei den Schmerzen, die sie gehabt hat! Ist überhaupt ein wahres Glück, dass ihr euren Doktor Hochnedder in der Klinik habt!“
Wieder stockt Brettschneider. Dann fällt ihm etwas ein, dass er irgendwo gelesen hat und von dem der Fünfundzwanzigjährige meint, Opa Peplow sollte es ebenfalls wissen. „Vier Freunde muss ein Mensch in seinem Leben haben: Einen Bankier, wenn er in Geldnot ist; einen Anwalt, wenn ihm einer was ans Zeug flicken will; einen Gangster, wenn ihm jemand dauernd auf die Ketten geht und er Schutz braucht! Und einen Doktor! Für den Fall, die Gesundheit macht ihm zu schaffen ... Ist doch so, oder?“
Nach einem schnellen Seitenblick unternimmt Norman Brettschneider einen letzten Versuch, dem schweigsamen Alten einige Worte abzuringen: „Das kommt alles wieder in die Reihe, Opa Carsten! Ich sage meiner Renate Bescheid. Falls du was brauchst in der Zeit, wo du Strohwitwer bist. Wie wär's gleich heute mit Mittagessen bei uns? Gibt Sauerfleisch und Stampfkartoffeln. Oder meinetwegen auch zum Abendbrot - Räucheraal mit HAFENBRÄU ...“
Peplows Nachbar gibt auf. Zudem wird das Treiben auf der Straße dichter. Die ersten Maiumzügler sind bereits auf den Beinen, da heißt es im Schritt fahren. Brettschneider stöhnt wohlig: Heute Sonnenschein und dann mit Kind und Kegel hinaus zum Bodden! Ein windgeschütztes Plätzchen, wo es sich aushalten lässt. Seine Reni führt exklusiv für ihn ihren neuen Bikini vor - ein Schläfchen - was ein Mann so braucht, das muss er haben ...
„Da fällt mir ein: der IFA-VERTRIEB hat sich gemeldet. Unser neuer TRABANT rollt demnächst an! Vergiss nicht, Oma Irma zu sagen, dass ich die KASKO noch vor dem Kauf abschließen will. Damit ihre Kollegen bei IFA keine Provision einstecken können. Für nichts und wieder nichts!“
Brettschneider löst eine Hand vom Lenkrad und schnippt mit den Fingern. Dabei kneift er verschwörerisch ein Auge zu. Ist doch immer alles sozusagen in der Familie geblieben, soll das wohl bedeuten. Die beiden alten Leute kennen ihn, seit Norman Brettschneider denken kann. Haben als Nachbarn ihn aufwachsen sehen, haben ihm mitunter auch beigestanden gegen seine etwas rabiaten Eltern. Friede ihrer Asche! Und schon wieder haben Opa Carsten und Oma Irma ein besonderes Augenmerk auf Brettschneider-Nachwuchs. Diesmal sozusagen mit höherer Qualität - als offiziell erbetene Paten! Der Fünfundzwanzigjährige seufzt mitfühlend: Da werden welche alt, sind nie miteinander verheiratet gewesen und ohne eigene Kinder!
„Habt eigentlich doch ein schönes Leben, Opa Carsten“, versucht Brettschneider wider besseres Wissen seinen reglos nach vorn schauenden Mitfahrer zu trösten. „Kurvt als Rentner mopsfidel in der Weltgeschichte herum! Könnt diesen oder jenen im Westen egalweg Besuche abstatten. Müsst nicht jedes Mal um eine PAPPE betteln ...“
„Halt an! Halt sofort an, Norman!“, krächzt der Alte, ohne seine Blickrichtung zu ändern.
„Aber wir sind doch noch gar nicht zu Hause!“, entfährt es Brettschneider verblüfft.
„Eben!“
Der TRABANT rollt noch, als Carsten Peplow die Beifahrertür öffnet. Seinen rechten Armstumpf mit dem Haken einsetzend, quält er sich aus dem Auto.
„Es bleibt dabei, Opa Carsten: Bist zu den Mahlzeiten herzlich eingeladen!“
Der Wagenschlag fliegt zu, als solle auch noch die Tür auf der Fahrerseite aufspringen. Brettschneider findet diesen Kraftakt völlig unnötig und zieht eine Grimasse, als plage ihn plötzlicher Zahnschmerz. Da Angebot und Nachfrage noch immer unwägbar auseinanderklaffen, ist ein TRABANT, selbst seine überalterte Plastkiste, in gewissem Sinne Goldstaub.
Ohne sich weiter um den Nachbarn zu kümmern, steuert Peplow eine von drei Telefonzellen an, die es im Seebad Barkenhusen gibt. Er rümpft die Nase beim Betreten des gelben Häuschens: Es riecht penetrant nach Urin. Und - um das Übel komplett zu machen - in der Leitung ertönt kein Freizeichen.
„Verdammichter Schietkram!“ Der Weißhaarige spürt eine Glutwelle in sich aufsteigen wie vordem, als der Pförtner ihn mit Worten angegangen ist. Peplow schließt die Augen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Aber alle Nervenkraft ist aufgebraucht: Seine Aufregung wegen Irmas plötzlich einsetzender Schmerzen, ihre überstürzte Abreise bei seiner hektischen Schwester Henriette in Westberlin, jene misstrauische Zollbeamtin am Grenzübergang Friedrichstraße, die hinter den augenscheinlichen Beschwerden einer sechzigjährigen Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik ein raffiniert ausgeklügeltes Schmuggelmanöver vermutete und sich dementsprechend barsch verhalten hatte. Ein Glücksumstand, dass Norman nach ihrer Heimkehr in Barkenhusen parat gewesen war, der flüchtige Abschied von Irma in einem unpersönlich kalten Krankenzimmer - früh das verfluchte Telegramm! Wie ein alles zerschmetternder Blitzstrahl, heißt es schon in der Bibel ...
Peplow ballt aus Hilflosigkeit die linke Faust. Wie besinnungslos schlägt er auf das graue gusseiserne Gehäuse ein. Um Trauer und Wut abzulassen. Sein Schicksal verdammend. Mit einbezogen in diesen gewaltigen Groll plötzlich auch Dr. Eick. Hinrich Hochnedders mehrfach geäußerte Antipathie gegen den neu berufenen Leiter der Waldklinik im Seebad Barkenhusen springt endgültig auf Peplow über. Breitet sich aus zu einem Brand, der darin gipfelt, dass irgendwelche vagen Verdachtsmomente auflodern. Gnade der Herrgott diesem Karrieristen Eick, falls Hinrich kraft seines fachlichen Könnens einen gewissen ISENPOOT Peplow auf die Sprünge hilft! Nichts da von wegen Kunstfehler, die es doch schon immer gab ...
Wieder und wieder schnellt Peplows rechter Arm vor. Hakenspitze und Öse wechseln drohend mit metallischem Schnappen einander ab. Und dann - so schnell wie er gekommen ist, verfliegt Peplows ohnmächtiger Zorn. Beinahe behutsam drückt der Alte mehrmals die Gabel nieder. Endlich ein Freizeichen. Zittrig wählt Carsten Peplow vier Zahlen. Aber niemand hebt am anderen Ende der Leitung den Hörer ab. Nur das Rufzeichen ist zu hören:
Tot! Tot! Tot!
Der Weißhaarige schüttelt heftig den Kopf, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen. Sein HAMBURGER aus dunkelblauem Cordsamt rutscht ihm auf Halbacht. Fußgänger, die an der Telefonzelle vorbeikommen, nehmen Peplows Mützensitz zum Anlass, still über ihn zu lächeln. Aber wer ist nicht großzügig an einem Tag wie diesem! Mag doch ein Veteran der Sozialistischen Arbeit auf eigene, ihm gemäße Art und Weise den Internationalen Kampftag für seinesgleichen genießen! Dass der Alte in seiner ausgebesserten bejahrten U-Boot-Fahrer KULANI einstmals Arbeiter war - ist für jedereinen so sicher wie das Amen von Pastor Lüssow in der Kirche zu Barkenhusen.
Tot! Tot! Tot!
Der Siebzigjährige lauscht. Spielt ihm das Schicksal einen zweiten bösen Streich? Fängt er an, Geräusche wahrzunehmen, die es gar nicht gibt?! Peplow presst den Hörer fester an die linke Ohrmuschel. Jetzt vernimmt er aufatmend das lang gezogene Rufzeichen für den Anschluss Hochnedder, Hinrich. Und niemand, der sich meldet! Wenn es kommt, dann kommt es gleich immer doppelt! denkt der Weißhaarige beklommen. War nicht auch die Krankenschwester besorgt gewesen, als er nach Dr. Hochnedder gefragt hatte ...
Was zum Teufel ist da los? Warum verfügen Leute in Hinrichs Beruf nicht über einen Anrufbeantworter, wie er bei Henriette in Westberlin im Wohnungsflur steht!? schimpft Peplow still. Darauf ist Verlass. Für den Fall, dass jemand etwas Dringendes von Henriette will, seine Schwester aber gerade auf ihrer ewigen Jagd nach Sonderangeboten im Kreuzberger Kiez unterwegs ist. Ein Arzt in Hinrichs Position bräuchte ein solches Gerät, um Nachricht hinterlassen zu können, wo der Chirurg im Notfall zu finden ist.
Peplow hängt den Telefonhörer vorsichtig in die Gabel. Dann polkt er seine Zwanzigpfennigmünze aus dem Rückgabebecher. Nach kurzem Besinnen probiert der Alte einen anderen Anschluss. Auch bei Hinrichs Verlobter geht niemand an den Apparat! Dann aber schüttelt ISENPOOT den weißhaarigen Schädel ob seiner Dummheit: An einem Feiertag arbeitet Lise Bell doch gar nicht in ihrem Kosmetik-Salon! Da kann er lange das Telefon dort klingeln lassen. Heute kommen keine Kunden - Lise wird in ihrem DACIA unterwegs sein! Zum Seglerhafen vielleicht ...
Als der Alte wieder im Freien steht, atmet er mehrmals tief durch. Verwundert lauscht er in sich hinein: Keine der sonst üblichen Pfeiftöne beim Luftholen?! Hat Hinrich doch recht, wenn er die asthmatischen Anfälle seines eher privaten Patienten Peplow in ihren tieferen Ursachen als psychosomatisch diagnostiziert?
Froh, dass zumindest die Natur im Augenblick ein Einsehen mit ihm hat und seine Bronchien zu einer Art Wohlverhalten stimuliert, setzt Peplow sich in Bewegung. Nur noch wenige Meter und er hat den Punkt in Barkenhusen erreicht, den Einheimische mit norddeutscher Gelassenheit Europakreuzung nennen. Weitläufig entspricht dieser Straßenzug wohl einem Wunschtraum der Bürger, dass es von hier aus in alle vier Himmelsrichtungen weitergehen möge. Wie sollte es auch anders sein: Im Norden der Bodden. Nach Osten zu jede übergeordnete Behörde in Boddenstadt. Nach Westen müssen die, die sich im ehemaligen hauckschen Sanatorium, heute offiziell auch BADKRANKENHAUS genannt, medizinisch versorgen lassen wollen. Bleibt zwangsläufig der Süden für den Rest der Republik. Wobei - da gibt es noch jenen anderen Landstrich, wo Peplow seine Schwester Henriette weiß und den er tags zuvor mit Irma wegen ihrer Unpässlichkeit beinahe fluchtartig verlassen hatte. Leider zu spät, wie Dr. Eick ausdrücklich betonte ...
Hauptmann Haider drückt entschlossen auf den Klingelknopf, der unter dem Namensschild LISE BELL angebracht ist. Haider fröstelt. Ist er wieder einmal zu rücksichtsvoll gewesen, als er vor einer halben Stunde dem Flachbau mit Wohnung und Kosmetik-Salon der Lise Bell noch einmal den Rücken kehrte und zum Wasser hinunterging? Jedenfalls ist es zu dieser Jahres- und Tageszeit unangenehm kühl am Bodden. Horst Haider schlägt die Arme vor der Brust gegeneinander. Die nasse Luft macht klamm.
„Wollen Sie zu mir?“
Unvermutet hat sich die Hofpforte geöffnet und eine junge Frau blickt Haider ungeniert fragend an. Er schätzt sie auf Mitte Zwanzig. Trotz Morgenstunde von angenehm auffallender Frische mit fast rosig zu nennender Wangenfärbung. Etwas verlegen ob dieser offensichtlichen Schönheit, mit der sich ganz gewiss gute Reklame für einen Kosmetik-Salon machen lässt, stellt sich Haider vor und bittet zugleich für die frühe Störung um Entschuldigung.
„Macht gar nichts!“ Lise Bell lacht herzerfrischend. Sie weist mit dem Daumen über die Schulter. „Auch die Handwerkskammer nimmt am Barkenhusener Maiumzug teil!“
Haider reckt den Hals. Zugleich wird ihm wieder einmal seine nachlassende Sehkraft bewusst. Während er einen auf dem Hof parkenden VW-Transporter erkennen kann, nimmt er den dort geschäftig hantierenden Mann nur noch als Schemen wahr.
„Maiengrün macht sich gut!“, sagt Lise Bell, seinem Blick folgend.
Haider hört das Brechen von dünnen Ästen. Also schmückt jemand das Fahrzeug für den Ersten Mai.
„Sie sind doch nicht gekommen, um unsere Vorbereitungen für den Festumzug zu kontrollieren?“ Die junge Frau kichert entwaffnend naiv zu ihrer etwas spitz klingenden Frage.
„Sie haben noch mehr Fahrzeuge auf Ihren Namen zugelassen, Frau Bell?“ Haider zeigt auf den VW-Kleinlaster.
„Fräulein Bell, bitte“, wird Haider sogleich korrigiert. „Der Transporter auf dem Hof gehört einem Bekannten. Ich fahre DACIA. Aber warum fragen Sie mich das in aller Herrgottsfrühe?“
„Kann ich Ihren DACIA einmal sehen?“ Haider nimmt seine Brille ab, um die beschlagenen Gläser am Jackenärmel zu reiben.
„Das wird nicht gehen“, erwidert Lise Bell. „Ich habe den Wagen verborgt.“
Ungerührt setzt Haider das Brillengestell wieder auf. Er schaut sich um. Nicht, weil er glaubt, jetzt den geschäftigen Mann am VW erkennen zu können, sondern um Fräulein Bell zu bewegen, diese unangenehme Frische gegen ein halbwegs warmes Zimmer zu tauschen. Da sie ihren ungebetenen Besuch aber nicht ins Haus bittet, fragt Hauptmann Haider jetzt nach dem gegenwärtigen Benutzer des DACIA.
„Mein Gott! Da ist doch etwas passiert! Ein Unfall?!“ Lise Bell fasst sich an die Stirn. Sie wankt leicht und stützt einen Ellenbogen gegen die handgeschmiedete Türklinke. „Es ist doch etwas mit meinem Verlobten!“
„Also Ihr Verlobter ist mit dem DACIA unterwegs, Fräulein Bell.“ Haiders Stimme ist leise und soll beruhigend auf die junge Frau wirken. „Sagen Sie mir auch seinen Namen?“
„Doktor Hinrich Hochnedder“, flüstert Lise Bell.
Haider schaut sich Hilfe suchend um, weil er befürchtet, dass die Kosmetikerin ohnmächtig zu Boden sinkt. Aber im Hof scheint niemand mehr zu sein. Horst Haider packt entschlossen zu. Er stützt die zierliche Frauengestalt, deren Kopf wie Schutz suchend an seiner Brust ruht. „Sagen Sie mir, wenn Sie sich wieder etwas besser fühlen“, sagt Haider verständnisvoll. Aber mehr als eine Minute lässt Hauptmann Haider nicht verstreichen, dann will er wissen, wofür Dr. Hochnedder das Auto gebraucht hätte.
„Um sich selbst eins zu kaufen“, murmelt die junge Frau. Dann rückt sie plötzlich fast ruckartig von dem Kriminalisten ab. Vielleicht will Lise Bell irgendeiner unbewusst empfundenen Gefahr lieber ins Auge sehen, statt sich wie ein schwaches anlehnungsbedürftiges Weib aufzuführen. Entschlossen wischt sie über die nassen Augen. Wimperntusche hinterlässt eine feine schwarze Spur im ebenmäßigen Gesicht.
„Hinrich hatte etwa zwanzigtausend Mark bei sich!“
Also hat die Gefahr auch einen Hintergrund - Lise Bell atmet tief durch. Jetzt scheint sie zu wissen, worum es dem etwas unbeholfenen Mann von der K aus Boddenstadt geht.
„Ihr Fahrzeug wurde an der 96a sichergestellt, Fräulein Bell. Von Doktor Hochnedder leider keine Spur.“ Haider hält inne, weil die junge Frau sich abrupt abwendet. Ihre Schultern zucken. „Das kann sich alles auch harmlos aufklären“, versucht Hauptmann Haider einen schwachen Trost.
„Hinrich hat seit gestern Abend Wochenenddienst im Waldkrankenhaus. Wir könnten dort anrufen?“ Froh über diese Hoffnung macht Lise Bell auf der Stelle kehrt und eilt ins Haus.
Horst Haider muss ein zweites Mal seine beschlagenen Brillengläser putzen. Während die Kosmetikerin hastig versucht, eine Verbindung mit der Klinik herzustellen, blickt Haider sich interessiert um. Wäre er nicht Mitte Fünfzig und etwas abgeklärt - ihm würde das teure und vor allem auch geschmackvolle Interieur einen anerkennenden Pfiff entlocken. Und alles wohl in sehr kurzer Zeit geschafft: Nach der Schule die Lehre. Meisterbrief als Bedingung, einen eigenen Kosmetiksalon führen zu dürfen ...
„Hinrich ist gar nicht zum Dienst erschienen“, sagt Lise Bell leise. Zaghaft legt sie den Hörer auf.
„Wo wollte Ihr Verlobter das Auto kaufen?“, erkundigt sich Haider. Er zückt sein Notizbuch, um sich eine Adresse zu notieren.
Die junge Frau zuckt die Achseln. „Tut mir leid. Der Verkäufer - es handelt sich um den Ehemann einer meiner Kundinnen. Ich müsste in der Kundenkartei nachsehen. Als Frau Rückerts am Freitag einen Termin bei mir hatte, da erzählte sie ganz nebenbei ...“
„Sagten Sie Rückerts?“, fragt Haider überrascht. Er steckt sogleich sein Merkheft zurück in die Brusttasche. „Der Vorsitzende einer LPG STÖRTEBEKER heißt so. Vielleicht handelt es sich um dessen Frau?“
Die Kosmetikerin nickt heftig: „Darüber hat sie oft genug gejammert. Von wegen Kuh-Kaff und so ...“
„Anton Rückerts wollte also an Doktor Hochnedder ein Auto verkaufen?“, unterbricht Hauptmann Haider erneut. „Kennen sich die beiden eigentlich?“
„Hinrich behandelt Frau Rückerts Mann. Genaues weiß ich nicht. Irgendeine Männerkrankheit.“ Lise Bell zuckt die Schultern. Und plötzlich scheint ihr die unheildrohenden Situation wieder bewusst zu werden. Die junge Frau lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand und verbirgt ihr Gesicht hinter den gepflegten langfingrigen Händen.
„Wissen Sie Adressen, wo Doktor Hochnedder sich aufhalten könnte? Eltern, Geschwister oder Freunde?“
„Hinrich ist Vollwaise. Er hat niemanden außer mir und ...“ Die junge Frau hält inne.
„Reden Sie. Unser Gespräch ist vertraulich, falls Sie es wünschen“, ermuntert Haider.
Lise Bell versteht die mitklingende Anspielung und lächelt flüchtig: „Da sind nur noch zwei alte Leute, die sich sehr um Hinrich gekümmert haben, seit er in Barkenhusen ist. Sogar ihren Jollenkreuzer haben die beiden uns überlassen.“
Hauptmann Haider atmet auf. Ob das vielleicht die Lösung ist: Ein mit der Verlobten nicht abgesprochener Segeltörn. Gemeinsam mit diesen alten Leuten? Aber das Blut, von dem Rückerts gesprochen hatte? Ihm waren ebenfalls Spuren an Lenkrad und Armaturenbrett aufgefallen. Nur - es musste sich nicht um Blut handeln. Zumindest nicht um das von Hochnedder. Aber da ist dessen versäumter Dienst im BAD-KRANKENHAUS ...
„Wie heißt das alte Ehepaar und wo wohnt es?“ Haider seufzt unterdrückt. Erst dieser Schweinemeister Schulz, beinahe flennend vor den Resten eines abgebrannten Stalls in der LPG STÖRTEBEKER, dann die harmlos klingende Bitte der Verkehrsunfallbereitschaft, nach jenem DACIA zu sehen, da er ihnen quasi auf ihrem Heimweg zum VPKA an der F 96 ohnehin unter die Augen kommen würde. Die lieben Genossen! grollt Hauptmann Haider still für sich.
„Kein altes Ehepaar“, korrigiert Fräulein Bell in diesem Augenblick. „Beide leben nur seit Langem zusammen: Oma Jochens und Opa Peplow.“
Haider zuckt zusammen. Er neigt den Kopf ein wenig, als traue er seinen Ohren nicht: „Sagten Sie eben den Namen Peplow? Carsten Peplow?!“
„Sie kennen die beiden auch?“
Haider schweigt. Ärgerlich auf seine Impulsivität. Die Sache liegt weit zurück. Mitte der fünfziger Jahre war es sein erster selbstständiger Fall im Kreis Boddenstadt gewesen: Tötungsverbrechen an Dr. Adolf Hauck, Besitzer eines Sanatoriums in Bad Barkenhusen. Begangen vom Ex-Hausmeister Carsten Peplow ...
