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Es ist ein trauriges Jubiläum, welches der Autor feiern will. Und er will es auf ganz besondere Weise feiern, wie Hans-Ulrich Lüdemann zu Beginn des dritten seiner Reise-Essay aus der Happy-Rolliday-Reihe erzählt: Mit Katastrophen und Irrtümern begann es überhaupt: Im Jahre 2002 jährte sich mein Unfall, der mich für den Rest des Lebens in den Rollstuhl gezwungen hat, zum fünfundzwanzigsten Male. Ich war so voller Ideen und Tatendrang – irgendwo weit weg von zu Hause im Rollstuhl an einem Sonnen überfluteten Strand sitzend wollte ich triumphieren, dass ich überhaupt reisen konnte und auch sonst noch einigermaßen beisammen war. Hatten die Ärzte im Lazarett mir doch wegen der Höhe meiner Querschnittlähmung nur zwei Jahre Überlebenszeit eingeräumt. Zum Glück teilte man mir diesen Fakt erst mit, als es mir bereits besser ging und beispielsweise keine Erstickungsattacken mehr zu befürchten waren. Möglich, dass ich im anderen Falle resigniert hätte … Also, ich wünschte akkurat am 22. Januar 2002 in Florida mein Jubiläum zu begehen, indem ich als Atheist unseren lieben Herrgott einen guten Mann sein lassen wollte. Die Sonne des Südens sollte mich wärmen und, wenn auch nur für kurze Zeit, alle Malaisen der vergangenen Jahre in den Hintergrund drängen. Diesmal würde Kerstin, die Frau-Freundin seines jüngsten Sohnes, ihn und seine tapfere Frau auf dem Flug nach Übersee begleiten. Ziel war Fort Myers im US-Bundesstaat Florida. Lüdemann hatte erfahren, dass der Westen Floridas viel weniger Kriminalität aufweise als beispielsweise Miami. Was ihn ausnehmend beruhigte – an den schönen Golf-Stränden patrouillierten berittene Polizisten. Und wieder begannen die schwierigen Reisevorbereitungen für Reiseteilnehmer mit Behinderung, wozu auch die Suche nach einer passenden Unterkunft gehörte. Doch dann stoppten die Ereignisse des 11. September 2001 zunächst einmal alle Vorbereitungen für Überlebens-Jubiläum im Jahre 2002 – zumindest in den USA. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. Der zweite Versuch startete im Herbst 2002. Auf der Wunschliste standen unter anderem ein Museum, das Ernest Hemingway gewidmet ist, ein Besuch beim weltbekannten Erfinder Thomas Alva Edison sowie ein Air-Boat-Ausflug über die Sümpfe in den Everglades und ein Flanieren auf dem OCEAN DRIVE in Miami vor dem Rückflug. Vielleicht fiele sogar eine Filmrolle ab? Sogar der Anblick der Rückkehr der Raumfähre „Atlantis“ auf dem Kennedy Space Center war den drei USA-Reisenden vergönnt.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2012
Hans-Ulrich Luedemann
Florida and so on
Happy Rolliday III
ISBN 978-3-86394-882-5 (E-Book)
Die Druckausgabe erschien erstmals 2005 im BS-Verlag Rostock.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
unseren staatlichen schulen hohe maßstäbe gesetzt, und ich habe diesen maßstäben genügt
Alle Worte zum Tage sind Zitate aus voll daneben, mr. president und schon wieder voll daneben, mr. president! Herausgegeben von Jacob Weisberg; Rowohlt Taschenbuchverlag ISBN 3 499 61661 0 bzw. 3 499 61619 x
Mit aller ihm zu Gebote stehenden Bescheidenheit hat George W. Bush in einem Online-Chat bei CNN verraten, wem die U.S.A. nunmehr ihr hohes geistiges Niveau zu verdanken haben. Wer in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten reist, sollte sich also keinen falschen Vorstellungen hingeben. Aber Ehre wem Ehre gebührt: Mag in meinem Reise-Essay der so genannte mächtigste Mann der Welt das Wort zum Tage haben. So vergisst unsereiner wenigstens nicht, woran er ist, wenn er in God’s own country reist. Möglicherweise begehe ich sehenden Auges einen nicht wieder gut zu machenden politischen Fauxpas. „Mach keinen falschen Fehler“, pflegte mein ältester Bruder zu sagen. Und Günther muss es wissen – er hat viele Jahre seines Lebens in der Fremde zugebracht.
Mit Katastrophen und Irrtümern begann es überhaupt: Im Jahre 2002 jährte sich mein Unfall, der mich für den Rest des Lebens in den Rollstuhl gezwungen hat, zum fünfundzwanzigsten Male. Ich war so voller Ideen und Tatendrang – irgendwo weit weg von zu Hause im Rollstuhl an einem Sonnen überfluteten Strand sitzend wollte ich triumphieren, dass ich überhaupt reisen konnte und auch sonst noch einigermaßen beisammen war. Hatten die Ärzte im Lazarett mir doch wegen der Höhe meiner Querschnittlähmung nur zwei Jahre Überlebenszeit eingeräumt. Zum Glück teilte man mir diesen Fakt erst mit, als es mir bereits besser ging und beispielsweise keine Erstickungsattacken mehr zu befürchten waren. Möglich, dass ich im anderen Falle resigniert hätte …
Also, ich wünschte akkurat am 22. Januar 2002 in Florida mein Jubiläum zu begehen, indem ich als Atheist unseren lieben Herrgott einen guten Mann sein lassen wollte. Die Sonne des Südens sollte mich wärmen und, wenn auch nur für kurze Zeit, alle Malaisen der vergangenen Jahre in den Hintergrund drängen. Nach einigen Fernreisen in männlicher Begleitung zum kanadischen Indian Summer oder an Aphrodites Gestaden würde nun Kerstin, die Frau-Freundin des jüngsten Sohnes, mit uns nach Übersee fliegen. Es war mehr oder weniger ein Akt der Gerechtigkeit: Das Jahr zuvor hatte Jens in Südafrika seine schützenden Hände über uns gehalten, während Kerstin sich allein um beide Töchter kümmerte. Nun sollte das Spiel anders herum gehen. Über das Internet wurden die besten Möglichkeiten ausfindig gemacht. Unser Ziel war Fort Myers. Diese Idee wurde unter sehr ungünstigen Umständen geboren: Ich war im Jahr 2000 wieder einmal in einer Berliner Klinik und mein Bettnachbar schwärmte geradezu von einer U.S.A. Reise, die seine Frau und ihn, eingeladen vom Sohn, an die Golfküste geführt hatte. Der ehemalige Bauleiter hob in seinen Schilderungen hervor, dass der Westen Floridas viel weniger Kriminalität aufweise als beispielsweise Miami. Was mich ausnehmend beruhigte – an den schönen Golf-Stränden patrouillierten berittene Polizisten.
Mit dem Hinweis des alten Herrn auf Fort Myers ist ein Erlebnis verquickt, wie es mir bislang in meinem Leben noch nicht widerfahren war: Als ich aus der Klinik entlassen wurde und im Flur der Station auf Dörte wartete, da trat die Frau meines Bettnachbarn an mich heran und fragte, ob ich religiös sei. Verdutzt schüttelte ich den Kopf. Daraufhin erkundigte sie sich beinahe schüchtern, ob ich dennoch ihren christlichen Segen für mein künftiges Leben annehmen würde. So weit geht mein Atheismus nicht, dass ich Gutes von mir abwende, nur weil es mit einer Frage des Glaubens verknüpft ist. Ich ließ sie also gewähren. Und weil mir tatsächlich in der Folgezeit bei allen gesundheitlichen Malaisen letztlich immer wieder das notwendige Quäntchen Glück zur Seite stand – wer weiß? Fort Myers sollte es sein. Mit einer direkten Flugverbindung war es allerdings schwierig, erfuhr ich beim reisebüro dietrich. Nonstop war vom Flughafen Düsseldorf möglich. Das bedeutete allerdings, sich terminlich dessen Flugplan unterzuordnen. Andersherum: Von Miami nach Ft. Myers sind es nur etwa 141 Meilen (Meilen mal 8 durch 5 gleich Kilometer) und wenn unsere Ankunftszeit um die Mittagstunde eingehalten wurde, dann konnten wir problemlos im Mietwagen gewissermaßen als Sightseeing zum Ferienhaus am Golf von Mexiko fahren. Eingedenk der Erfahrungen, die wir 1993 in San Francisco beim befreundeten Ehepaar Renate und Harald Schmolinske machten, hielten wir irgendein amtliches Dokument aus dem Hause des Gouverneurs für vorteilhaft beim Parken oder für Ermäßigungen aller Art. Weder auf eine diesbezügliche e-mail noch auf ein Fax erhielt ich Antwort aus Florida, geschweige denn die gewünschte Vignette für eine handicapped person. Dann eben nicht – muss mein für die EU geltender Ausweis genügen – dachte ich.
Ohne tatkräftige Unterstützung auf den Airports würden wir allerdings nicht auskommen. Voraussetzung dafür ist, dass ich mit Hilfe vom reisebüro dietrich meine totale Hilflosigkeit per Fragebogen für behinderte Reiseteilnehmer kundgetan hatte. Neben Namen, Reiseziel, Termin enthielt er Fragen zur Art der Behinderung. Wegen der mitzuführenden Hilfsmittel wurden vorab schon kostenfrei 15 Kilogramm Übergepäck eingeräumt. Wer dieses Formular sorgfältig und ausführlich ausfüllt, kann zu Hause und am weltweiten Zielort mit geeigneter Hilfeleistung rechnen. In unserem Falle war die TUI zuständig. Um jederzeit auffindbar zu sein, erhält der behinderte Reisende eine Vorgangsnummer. Wie es sich bürokratisch geziemt, folgt ein Zwischenbescheid für Behindertenbuchung mit dem Hinweis, wann die schriftliche Bestätigung für jene Vorgangsnummer zu erwarten sei. Außerdem nimmt TUI konkret Stellung zu gewünschten Sonderleistungen. In unserem Falle hieß es beispielsweise, dass alamo keine Handys zur Verfügung stellt und Behindertenvignetten nur bei örtlichen Behörden zu bekommen sind. Vierzehn Tage vor Reiseantritt kam die Bestätigung für Reiseteilnehmer mit Behinderung, in der verbindlich alle wichtigsten Festlegungen wie Übergepäck, Hilfe beim Ein- und Aussteigen am Flughafen und die Rollstuhlbeförderung zugesagt werden. In der Summe erzeugt die Ausführlichkeit und Detaillierung (Fragen nach dem Gewicht des Rollstuhls und ob ich einige Schritte gehen beziehungsweise Treppen steigen könne; ob taub oder stumm oder beides die Behinderung ausmache) ein gutes Gefühl von Sicherheit und Zuverlässigkeit. Dass dieses leider nicht immer bestätigt wird, sollten wir auch auf unserer vierten interkontinentalen Flugreise erfahren. Im Nachhinein kann einer locker darüber schreiben – in der jeweiligen prekären Situation vor Ort verlor ich dann doch – zumindest kurzzeitig - meine norddeutsche Gelassenheit.
Ich hatte eine bestimmte Vorstellung von unserer Unterkunft: Keine Massenabfertigung durfte damit verbunden und soviel persönliche Freiheit wie irgend möglich musste gewährleistet sein. Mit anderen Worten – es kam wie bisher nur die Individualreise in Frage. Eine deutsche Anbindung des Quartiers vor Ort war erwünscht. Und über die Maßen teuer sollte unser Domizil für zwei Wochen auch nicht sein. Unterstützt von Kerstin surfte ich also mittels Computer zu einschlägigen Adressen, klickte deren Links an und blätterte herkömmlich in Katalogen. Heute weiß ich kaum noch genau zu sagen, wie ich auf die Annonce beziehungsweise Internetadresse der Familie Linning gestoßen bin. Zumal da von einer Tauchinsel die Rede war – wie sich später herausstellte, hatten die in Aichwald beheimateten Ferienhausbesitzer eine Schule für Tauchsport betrieben. Kurzum – ein Kontakt war dank e-mail schnell hergestellt. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Im gewünschten Zeitraum war die Villa Twin Palms bereits vermietet! Wir verabredeten uns, in der Annnahme, dass dieses wohl nur eine höfliche Floskel sei, unverbindlich auf einen späteren Zeitpunkt. Von wegen!
Statt nun mit dem Schicksal zu hadern, hielt ich mich an einen meiner Grundsätze bei Misshelligkeiten, der da lautet: Wer weiß, wozu das gut war. Mein Job als Schriftsteller hatte mich oft genug gelehrt, dass es ein Glücksfall sein konnte, wenn ein Manuskript von den ersten zwei Verlagen abgelehnt worden war – der dritte nahm es mit den für mich besten Konditionen. Aber was tun in diesem konkreten Fall? Von allein würde sich keine Lösung mit einem passenden Ferienhaus in Florida einstellen. Zum Glück gibt es da noch ein anderes Wort, das da heißt: Der Mensch denkt aber Gott lenkt. Nicht dass ich diesem unsichtbaren Großen Steuermann eine neuerliche Kalamität in seine wohl gewaltigen Schuhe schieben will: Anfang September 2001 stellte ich mich im gemieteten Ferienhaus auf der dänischen Fasaneninsel Langeland beim Kathetern derart dusselig an, dass ich nach vorn aus dem Rollstuhl fiel und mir den linken Unterschenkel – sprich Waden- und Schienbein - brach. Ich erspare mir und dem erwähnten Herrgott weitere Schilderungen eines solchen Malheurs im Ausland und auch danach in der Heimat. Ein Lob dem ADAC und den Ärzten im Sychehus (dänisch für Krankenhaus) zu Svendborg gegenüber will ich mir allerdings nicht verkneifen.
Doch halt – ein gewiefter Quizmaster würde sagen: Zwei hab ich noch! Wobei nur der erste von heiterer Art ist und die Hilflosigkeit beweist, wenn einer sich wegen der Querschnittlähmung und eines Beinbruchs nicht rücken oder rühren kann. Noch am Abend unserer Rückkehr wurde im heimatlichen Rot-Kreuz-Krankenhaus ein Gipsverband angelegt. Zum Glück konnte ich den Aufnahmearzt überreden, dass er mich nach Rücksprache mit seinem Chefarzt in die häusliche Pflege entließ. Kurzum - meine Frau war schon vorgefahren und ich wurde im Sanka eines privaten Transportunternehmens sozusagen nachgeliefert. Überfordert von den Ereignissen, hörte ich im Halbschlaf den Fahrer zu seinem Kollegen sagen: Nach Glienicke – das sei mal wieder eine richtige Fuhre statt des Kleckerkrams in der Stadt. Ich war plötzlich hellwach, als der Ortsname fiel. Glienickes gibt es einige im Speckgürtel Berlins – aber nur ein Altglienicke! Und während man im Sanka abends von der Klinik zu unserem Haus höchstens etwa zwanzig Minuten unterwegs ist, braucht es nach Glienicke Nord mindestens eine Stunde; nach einem Glienicke in Richtung Potsdam wohl das Anderthalbfache. Dörte hätte sich wegen meines zu langen Ausbleibens einige unnötige Sorgen gemacht, wäre der Irrtum mit dem Ortsnamen nicht rechtzeitig aufgeklärt worden. Letzten Endes war aber wohl auch die Sanka-Besatzung froh – ich glaube nämlich, dass ihnen die zusätzlichen Kilometer Umweg nicht bezahlt worden wären ...
So kam es, dass ich gezwungenermaßen an jenem berühmt-berüchtigten 11. September 2001 zu Hause Zeitung lesend im bequemen Sessel saß – das linke Bein geschient lang voraus auf einem Hocker abgelegt. Ab und an schielte ich über den Rand meiner Brille hinüber zum Bildschirm. Wegen der Nachrichten, die im ntv üblicherweise um diese Zeit gesendet wurden. Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht unwichtig zu erwähnen, dass das deutsche ntv und das amerikanische cnn seit langem verbandelt sind. Wie gesagt: Aufblickend sah ich ein Flugzeug in einem der Zwillingstürme vom World Trade Center verschwinden. Das geschah mit auffallender Leichtigkeit, so, als würde jemand mit dem Messer durch eine Tortennachbildung führen. Allerdings passten zu diesem Vergleich keine himmelwärts real anmutenden Explosionen und Flammen. Eine hektische Hand-Kamera hielt zudem gnadenlos auf Menschen, die ohne Sinn und Verstand auf der Straße hin und her liefen. Ich weiß noch genau, dass ich eher missmutig den Kopf schüttelte ob dieser immer verrückter werdenden Inszenierungen Hollywoods. Nach King Kong nun also diese Variante des Horrors.
Beim zweiten Flieger ins World Trade Center mit seinen 104 Fahrstühlen und 43 600 Fenstern ließ ich meine Berliner Zeitung sinken. Aber es dauerte eine Weile, bis ich mitbekam, dass das, was vor meinen Augen geschah, live gesendet wurde! Wer hatte gesagt, dass Fernsehen immer aus Voyerismus bestehe und man könne zynisch sagen, Reality-TV sei das unsägliche Glück, bei einem Unglück dabei zu sein? Der nächste unwillkürliche Gedanke war: Schlägt jetzt all das, was die U.S.A. in anderen Hemisphären tun oder tun lassen, auf sie selbst zurück? Ich lege wert auf die Erinnerung, dass keine Sekunde lang irgendeine Häme in meinen Gedanken genährt wurde. Als ich später erfuhr, in einigen arabischen Staaten hätten Leute mit Tänzen auf der Straße ihrer Freude über das Attentat impulsiv Ausdruck verliehen, konnte ich abermals nur den Kopf schütteln ...
Egal wie – als hätte es so sein sollen - ich stoppte alle weiteren Reisevorbereitungen zu meinem Überlebens-Jubiläum im Jahre 2002. Die Dinge standen plötzlich weltweit hart im Raume gegeneinander und wie ich die U.S. Amerikaner einschätzte, galt für sie in naher Zukunft nur noch der biblische Grundsatz Auge um Auge - Zahn um Zahn. Die Welt war wie zu Zeiten des Kalten Krieges eingeteilt in nur Gute und nur Böse. Zwischentöne wollte das Weiße Haus nicht gelten lassen. Was gestern sicher und berechenbar schien – ab heute war alles vakant. Für mich bedeutete das wie gesagt: Absage aller weiteren Vorbereitungen an das Reisebüro. Wolfgang Dietrich, der auch unsere vorangegangenen Touren in die weite Welt betreut hatte, zeigte Verständnis. Schließlich war aufgeschoben ja nicht aufgehoben. Es würde bei unseren Plänen für Florida bleiben – nur nicht jetzt realisierbar, wo einem baldigen Krieg wegen Terrorismus zumindest in den U.S.A. offen das Wort gesprochen wurde. Wir Europäer hatten in diesem Augenblick ohnehin wohl gut reden von wegen Geduld und Augenmaß. Nicht, dass auch ich damals für einen Waffengang gewesen wäre – aber was, wenn es den Eiffelturm oder den Telespargel in Berlin getroffen hätte?
Nichtsdestoweniger kam jener Schicksalstag, der 22. Januar 2002 hieß, immer näher, und meinen Wunsch, möglichst weit weg von zu Hause das 25-Jährige Überleben zu feiern, wollte ich auf Teufel komm raus in die Tat umsetzen! Was also tun? Die Lösung erinnert an das Gleichnis vom Tiger, der mit einem gewaltigen Satz absprang, um schließlich aber nur als Bettvorleger zu landen. Kurzum: Im etwa 100 Kilometer von Berlin entfernten brandenburgischen Städtchen Rheinsberg hatte die Fürst-Donnersmarck-Stiftung gerade ein Seehotel ausschließlich für Behinderte und deren Angehörigen eröffnet – dahin fuhren Dörte und ich. In der Trainingsphase für das Haus gab es kaum Gäste und wir genossen desto mehr die Aufmerksamkeit vom Personal. Als dicker Wermutstropfen erwies sich, dass das Wasser im Schwimmbecken aus irgendwelchen technischen Gründen abgelassen worden war. Und ich hatte mich so sehr auf die seltene Gelegenheit gefreut, nach Jahrzehnten einige Schwimmversuche zu wagen. Nichtsdestoweniger begingen Dörte und ich – wegen ihres Anteils ist der nordische Kosename mehr als verdient - bei winterlichem Sonnenschein in aller Stille mein Jubiläum.
dass diesen donnerstag ticketschalter und flugzeuge vom ronald-reagan-airport starten werden
Es war an einem schönen Oktobertag des Jahres 2001, als der mächtigste Mann der Welt in Arlington, Virginia, diese Drohung aussprach. Ich würde George W. Bush zugute halten wollen, dass er wegen der furchtbaren Ereignisse im Monat davor noch unter Schock stand. Mögen es manche Zeitgenossen nicht wahrhaben wollen – Mr. President im Weißen Haus ist auch nur ein Mensch. Mit – zugegeben – auffallend vielen Irrungen und Verwirrungen. Und manche davon sind gefährlicher Natur …
Trotz jener Voraussage des Präsidenten befanden sich auch ein Jahr später noch alle Ticketschalter in Berlin-Tegel an ihrem Platze, als Jens seine Kerstin, Doris und mich dort absetzte. In seiner gewohnt spröden Art verabschiedete er sich, um die Töchter Kim und Beatrice in den nächsten vierzehn Tagen zu beaufsichtigen. Aus der Abflugzeit 7 Uhr 15 lässt sich ersehen, dass das relativ früh war. Schließlich müssen Passagiere bei interkontinentalen Verbindungen mindestens neunzig Minuten vor dem Abflug am Abfertigungsschalter sein. Gedanken an Florida wollten sich nicht so recht einstellen, hatten Wetterfrösche doch in allen Medien verkündet, dass in den vergangenen Oktobertagen die tiefste Temperatur verzeichnet worden sei, seit es überhaupt derartige Messungen gäbe. Dörte hatte mich vor Stunden zu Hause also warm eingepackt und ich musterte mit wachen Augen das Wuhling ringsumher. Ab und an versuchte ich an das zu denken, was in den nächsten Stunden wichtig für mich beziehungsweise für uns sein würde: Die Gepäck- und Zollabfertigung war kein Thema, da ich wie gesagt fünfzehn Kilo zusätzlich frei hat. Mit Behinderten machte auch der Zoll nicht allzu viele Umstände. In der Regel passierten wir die Kontrollen als Erste. Wie immer wartete ich gespannt, ob der Metalldetektor während meines Durchrollens anschlagen würde: Gleich nach meinem Unfall hatten die Ärzte nämlich mittels einer Schiene und drei Schrauben aus Titan die angebrochene Wirbelsäule überbrückt. Normalerweise ist eine derartige Stabilisierung nach zwei Jahren überflüssig, da die Bruchstellen wieder miteinander verwachsen. Ein Nobelpreis in der Medizin und millionenfache Dankbarkeit weltweit sind demjenigen sicher, der es versteht, auch das jeweils zerstörte Rückenmark wieder funktionsfähig zu machen …
Weiß der Teufel, warum der Metalldetektor dieses Mal nicht ansprang. Selbst auf meinen Rollstuhl, der ja wirklich aus Eisen hergestellt wurde, reagierte das Prüfgerät nicht. Letztlich konnte mir das egal sein und ich fühlte mich dem warmen Florida schon ein Stückchen näher. Ich musste an Gabi Linning denken. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, dass mein neuerlicher Vorstoß nach einem Jahr sie gehörig überrascht hatte. Nichtsdestoweniger erwies sich das Ferienhaus in der von uns gewünschten Zeit als noch nicht gebucht! Wir wechselten einige e-mails und am Ende lag ein Mietvertrag vor, datiert vom 17. Februar 2002. Falls die Konditionen interessieren – damals stand der EURO mit 0,871 Cent verdammt schlapp gegenüber dem U.S. Dollar (November 2003 bringt ein EURO etwa 1,25 U.S. Dollar in die Reisekasse). Dem schlechten Währungskurs war es geschuldet, dass ich für drei Personen á zwei Wochen und einen Tag Aufenthalt 861,08 EURO zuzüglich 100 Dollar Endreinigung berappen musste. Wenn ich an unsere vielen seit 1993 gemieteten Ferienhäuser der Luxusklasse in Dänemark denke, dann scheint der von Familie Linning geforderte Preis durchaus in Ordnung. Bei den mit allen Wassern der Ostsee gewaschenen Nachfahren der Wikinger zahlt der Mieter übrigens fürs ganze Haus, unabhängig der tatsächlich angereisten Gästezahl. Die Fotos und Texte in dänischen Katalogen vermochte ich in der Zwischenzeit halbwegs zu deuten – die Informationsmappe zur Villa Twin Palms (Wie ein Zwillingspärchen markieren zwei Palmen den Eingang zum Anwesen) zeigte ein für uns ungewohnt komfortables Anwesen. Die Frage war, ob Bilder und Realität sich als identisch erweisen würden ...
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Kerstin ihre auffallend voluminösen Sportstiefel ausziehen und vorweisen musste. Gemeinsam warteten wir dann auf die Dritte im Bunde. Und so sehr ich mich auch im Rollstuhl reckte – mein Weib war nirgendwo zu sehen! An und für sich ist ein gehöriges Maß an Phantasie in meinem Beruf unerlässlich. Aber wenn sich dieses zu oft in ein partielles Katastrophendenken aufspaltet, dann wird es belastend. Was sollte ich zum Beispiel sagen, wenn jetzt die Transportkräfte vom DRK kommen würden, um mich, wie international üblich, als ersten Passagier ins Flugzeug zu transportieren? Wusste ich denn, ob Dörte überhaupt nachkommen konnte? War zwischenzeitlich irgendetwas Schlimmes passiert, so dass wir unsere Reise in den Schornstein schreiben mussten?
Kerstin brachte mir einen Tee. „Irgendetwas stimmt mit Doris Gepäck nicht.“
Ich atmete auf. Solcherlei Probleme gab es oft. Als wir nach Guernsey flogen, wollten die aufmerksamen Sicherheitsbeamten in Hannover wissen, was es für eine Bewandtnis mit den kleinen länglichen Schatten auf dem Bildschirm hatte, die Patronen im Gepäck vermuten ließen? Sie lagen mit ihrem Verdacht nicht ganz falsch. Nur dass es sich um keine scharfe Munition handelte, sondern um Kohlendioxid-Patronen, wie sie allgemein beim Siphon verwendet werden. Es gibt noch immer genügend Leute, die sich irischen Whiskey oder schottischen Whisky mit Soda ruinieren, und sie finden diese Panscherei sogar trendy! In unserem Falle wird damit eine Pumpe für die Bereifung meines Rollstuhls betrieben. Als der Verwendungszweck jener Patronen durchschaut war, ließ man uns ungeschoren an Bord. Obwohl aus luftdrucktechnischen Gründen derartige Teile verboten sind. Möglicherweise ist das eine Ermessensfrage …
„Das Taschenmesser war’s! Liegt jetzt auf der Damentoilette!“
Vor Aufregung rot im Gesicht, tauchte Doris neben uns auf. Ich war so froh, dass ich mich nicht einmal traute, den Kopf zu schütteln. Wenn sogar Kugelschreiber und ähnliches untersagt waren – ein Schweizer Offiziermesser im Handgepäck musste allemal als gefährlich gelten. Und nirgends eine Möglichkeit das Corpus delicti für die Zeit der Reise zu deponieren! Wegwerfen kam nicht in Frage: Es handelte sich bei dem Mehrzweckmesser um ein Andenken an Dörtes jüngst verstorbenen Vater, d. h. wir hatten ihm das gute Stück anlässlich eines Geburtstages geschenkt, nach seinem Ableben war es an uns zurückgefallen. Ein Hundsfott, wer so etwas nicht achtet, denke ich. Aber weder der Flughafenbäcker noch die Dame von Alitalia wollten oder durften das gefährliche Gut aufbewahren – die Lösung erwies sich als besonders pfiffig: Doris hatte sich wie gesagt auf die Frauentoilette begeben und wie ein professioneller Kurier das rote Ding auf eine der hohen Zwischenwände deponiert. Mittels Handy war es ein Leichtes für Kerstin, ihren Jens darüber in Kenntnis zu setzen. Dass nicht er unser erinnerungsträchtige Stück holen konnte, war klar: Aber Tochter Beatrice ist ziemlich hoch gewachsen. Ihr würde es hoffentlich gelingen …
Obwohl wir bislang etliche Flugreisen unternommen hatten, war ich auch dieses Mal gespannt, ob mein Transport in den Flieger für den Katzensprung nach Frankfurt am Main gemäß internationalen Regeln vonstatten gehen würde. Danach wird ein querschnittgelähmter Rollstuhlfahrer vor allen anderen Passagieren auf seinen Platz gebracht; nach der Landung ist die Reihenfolge umgekehrt. Wer eine solche Prozedur einmal gesehen hat, dem leuchtet dies auch ein: Beim Einsteigen sind die meisten im Gang mit dem Verstauen ihres Handgepäcks beschäftigt. In dieser Situation ist es unmöglich, mich im Flieger zu transportieren. Ab und an hat es ein unprofessionell arbeitender Hilfsdienst versucht und sich wütende Kommentare, die auch auf mich als Sperrgut gemünzt waren, anhören müssen. Nach der Landung würde ich das Aussteigen behindern; darum also unser Warten, bis alle das Flugzeug verlassen haben.
In Berlin-Tegel war mir eigentlich nie bange um die richtige Abfolge. Dennoch atmete ich tief durch, als zwei kräftige Burschen vom roten kreuz mit den obligatorischen Walkie-Talkies auftauchten, um mich in ihre Obhut zu nehmen. Als die Tür zum so genannten Finger freigegeben wurde, schnappten sie meinen Rolli und ab ging die Luzie! Vor allen anderen Passagieren waren wir fünf jetzt unterwegs zum Flieger. Am Ende des Ganges erwartete uns eine fesch gekleidete Stewardess mit ihrem berufsmäßigen Lächeln. Interessiert schaute sie zu, wie die DRK-Helfer mich von meinem Rollstuhl auf ein Stullenbrett mit Rädern hoben und mittels Kreuzgurt festschnallten. Wie der berühmte Affe auf dem Schleifstein um mein Gleichgewicht bemüht, fuhren die jungen Männer das seltsame Gefährt den Gang zwischen den Sitzreihen entlang. Das dauerte etwas, so dass ich mich fragte, warum zum Teufel mein Sitzplatz nicht gleich hinterm Cockpit reserviert worden war?
Schließlich hatten wir unsere Reihe erreicht. Jetzt wurde es für die Zwei-Mann-Crew beschwerlich. Sie mussten mich über die starre Außenlehne und dann weiter ans Fenster heben. Da brauchte es viel Kraft: Einer stand seitlich von mir, der andere hinter meinem steil aufragenden Rückenteil in der nächsten Sitzreihe. In mehreren Takten gings über die fixierte Armlehne, über Platz Nummer sowieso und zuletzt - hopp ans Fenster. Ein ganz Schlauer wird fragen, warum wird dieser Typ nicht auf den ersten Platz am Gang gesetzt? Sein Wunsch nach einem Fensterplatz rechtfertigt doch wohl keinesfalls jenen aufwendigen Kraftakt? Die Antwort ist einfach und klingt möglicherweise etwas makaber: Im Notfall würde ich aufgrund meiner Querschnittlähmung den Fluchtweg der beiden links von mir Sitzenden versperren. Genau so verhält es sich mit allen Plätzen an den Notausgängen, wo erwiesenermaßen immer die größte Beinfreiheit gegeben ist. Sitzt hier im Havariefall jemand von meiner Fakultät der Tetraplegiker (Schädigung des Rückenmarks im Halswirbelbereich. Analog im Brustwirbelbereich der Paraplegiker), dann versperrt er wie ein Pfropfen den Ausstieg über die Rutsche aufs Flugfeld oder ins Wasser. Mit etwas drastischen Worten: Lasst diesen Kerl dort sitzen, wo er im Rettungsfalle die Mitreisenden am wenigsten behindert. Wenn so jemand Glück hat, dann werden sich neben den Angehörigen noch andere seiner annehmen. Gemäß einem von altersher unumstößlichen Gesetz beim Untergang eines Schiffes auf Hoher See: Alles in die Boote! Frauen und Kinder zuerst. An das Los behinderter Passagiere hat damals niemand gedacht. Jedereiner wird nun verstehen, warum ich bei Flugbeginn hinsichtlich meines Überlebens den etwas bemüht wirkenden Belehrungen eines Mitgliedes der Crew mit Sauerstoffmaske oder Rettungsweste wenig oder gar keine Beachtung schenke …
Ehrlich gesagt, über derartige Festlegungen meines Sitzplatzes denke ich nicht nach. Wer das akzeptiert, wird auch nichts Schlimmes von den Leuten in japanischen Gebirgsdörfern denken, weil diese vor nicht allzu langer Zeit bei Nahrungsknappheit die für die Gemeinschaft nutzlosen Alten und Gebrechlichen auf einen schwer zugänglichen Berg brachten, um sie dort ihrem Schicksal zu überlassen. Selten wurden die Todeskandidaten mit etwas Nahrung für ihre letzten Stunden versehen. Wir mögen den Kopf schütteln, aber für die Betroffenen war dieser Ritus eine notwendige Tradition zum Überleben der gesunden Dorfbewohner. Mein fast sechzig Jahre andauerndes Leben halte ich überdies nicht für wertvoller oder rettungswürdiger als das eines jungen Menschen oder eines Kindes gar. Glücklicherweise stand für mich und meine Angehörigen diese existentielle Frage trotz Zigtausender Flugkilometer kein einziges Mal. Auch ein strenger Atheist darf übrigens in bestimmten Situationen gläubig sein: Im Verlaufe der vielen Flugreisen hatte ich es mir angewöhnt, beim Passieren der Bordschwelle Gott befohlen und beim Verlassen des Flugzeuges Gott sei Dank zu sagen. So ein kleiner Spleen entgegen der eigenen Weltanschauung kann wohl nicht schaden …
Es heißt, dass Starts und Landungen sowohl für die Crew als auch für das Fluggerät die problematischen Phasen sind. Unser take off in einen winterlich blauen Sonnenhimmel klappte reibungslos. Ich saß auf meinem Fensterplatz in einem geistigen Zustand, der mit er schaute und schaute und sah nichts umschrieben werden kann. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. Auf das Angebot, einen aktuellen spiegel lesen zu können, reagierte ich nicht. Was sollte ich damit! Nachdem ich ihn jahrelang im Hosenträger auf dem Rücken an den Zöllnern vorbei über die Grenze geschmuggelt hatte – das Magazin gab einiges her für meine Schreibarbeit – konnte ich den spiegel nach 1990 abonnieren. Die Freude dauerte nicht lange: Es gab jetzt eine Menge Möglichkeiten, an Informationen heranzukommen und ich entdeckte etliche Fehler und sogar falsche Fakten bei den Hamburger Journalisten. Hinzu kam – waren diese Leute vor dem Mauerfall in ihren Texten absolut Partei für uns eingesperrten Zonis, so wandelte sich die Einstellung und es wurde nach meinem Gefühl auf ehemalige DDR-Bürger gepinkelt, was die Tinte hergab. Diese plötzliche Abkehr uns gegenüber war beleidigend und frustrierend zugleich, so dass ich bei erstbester Gelegenheit das Blatt abbestellte. Um der Wahrheit willen – Nachbarn liefern regelmäßig bei mir ihre gelesenen Exemplare ab und ich archiviere sie im Keller. Sehr zum Leidwesen meiner Frau. Damit das klar ist: Bevor ich in der Zukunft eine Recherche aus dem spiegel verwende, werde ich deren Wahrheitsgehalt überprüfen. Dank Internet ist das heutzutage eine der leichtesten Übungen.
Wie gesagt, ich war im Geiste unserer Zeit etwas voraus. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: An diesem Mittwochmittag würden wir also in Frankfurt am Main starten, um in fast gleicher Ortszeit in Miami zu landen. Vor der Reise hatte ich mich, wiederum dank der Hilfe vom reisebüro dietrich und auch dank jener Unterlagen, die Frau Linning zur Verfügung gestellt hatte, über weitere Reiseziele in Florida schlau gemacht. Vor Ort konnten wir noch andere Abstecher in Erwägung ziehen. In einem Falle war das allerdings nicht möglich: Am Freitag gegen 11 Uhr 45 landeten sechs Astronauten der NASA (U.S. Bundesbehörde für Luft und Raumfahrt (National Aeronautics and Space Administration) gegründet 1958 mit Sitz in Washington D. C.; Europäische Weltraumorganisation ESA mit 10 europäischen Staaten (European Space Agency) gegründet 1975), Mission STS-112 (Space Transportation System 112), in ihrem Orbiter Atlantis (Im 20. Jahrhundert haben einige Meeresforscher die Theorie aufgestellt, dass Atlantis einst eine griechische Insel im Ägäischen Meer war, die Thera hieß. Diese Insel sei um 1500 v. Chr. durch einen Vulkanausbruch ausgelöscht worden. Der Mythos der verschwundenen, aber einst hoch entwickelten Zivilisation auf der Insel Atlantis übt nach über 2000 Jahren immer noch eine große Faszination aus und lebt weiter. Diese Namensgebung hätte beim Weltraum-Shuttle nahe gelegen. Aber wie so oft mögen es U.S. Amerikaner leichter gestrickt: Ein Zwei-Master Atlantis, der wiederum seinen Namen jenem Mythos verdankt, segelte quasi als Forschungsschiff in den Jahren 1930-1966 im Auftrage vom Woods Hole Oceanographics Institute) auf dem Kennedy Space Center am Cape Canaveral. Wir hatten ohnehin unverschämtes Glück: Waren manche Touristen auf einen früheren Lande-Termin fixiert - planmäßig sollte dieser Flug am 12. Oktober beendet sein – kam uns eine Verzögerung auf den 18. Oktober wegen des Hurrricans Lili und einiger Probleme mit Brennstoffzellen gerade recht. (Die besondere Aufmerksamkeit für die Mission der Atlantis zur ISS und der tragische Absturz der Columbia sollte ein dreiviertel Jahr später zwei Menschenkindern doppeltes Glück bescheren: Der Diensthabende russische Kosmonaut Jurij Malentschenkow (41 und geschieden) wollte fast 400km über der Erde entgegen dem Willen der Vorgesetzten (einem russischen Soldaten als Geheimnisträger sei es verboten, eine Amerikanerin zu ehelichen) seine U.S. Verlobte Jekaterina Dmitrijew (21) heiraten. Jurij blieb stur. Er wollte nicht vergebens Frack, Fliege und Ehering mit Progress M1-10 nachgeschickt haben. Mit Erfolg, weil die tonangebenden Genossen Militärs eine weitere Auseinandersetzung vor der Weltöffentlichkeit scheuten. Wie verlautet, hatte der Brautvater für 300.000 Dollar ein Hochzeitskleid mit Brillanten und anderes Geschmeide bestellt. Typisch U.S. amerikanisch vielleicht, dass Katja während der Trauung im NASA Zentrum Houston einen lebensechten Kosmonauten-Pappkameraden Jura herzte) Wie sagen die Fischköppe in einem solchen Falle: Wat dem eenen sien Uhl, dat is dem annern sien Nachtigall. (niederdeutsch: Je nach Lebensart kann für den einen die Eule ein Nachtvogel, für den anderen der Morgenvogel sein. Gleiches gilt für die Nachtigall …)
Die Entfernung von Cape Coral, Fort Myers, nach dem jenem KSC nächstgelegenen Städtchen Titusville betrug etwa 190 Meilen beziehungsweise 304 Kilometer. Bei etwa 110 Stundenkilometern erlaubter Höchstgeschwindigkeit auf den Schnellstraßen eine frühe Aufstehzeit. War doch meinetwegen für Waschen und Anziehen eine Stunde zu berücksichtigen. In Richtung Westküste lag Orlando 153 Meilen entfernt für einen eher zwangsläufigen Trip: Disney World ist weltbekannt und Sea World wollte ich wegen der Delfine und Manatees wenigstens einmal gesehen haben. Die weiteste Tour mit 270 Meilen oder 432 Kilometern würde uns für zwei Tage nach Key West entführen. Dazu hatte ich mehrere Übernachtungsangebote eingeholt. Besonders in die Nase stach mir eine Luxus-Herberge für Schriftsteller in der White Street. Alle Suiten im Authors Guesthouse waren nach glanzvollen Namen der U.S. Literatur benannt: Thornton Wilder (Die Brücke von San Louis Rey (1927, Pulitzerpreis 1928); Der achte Schöpfungstag (1967, National Book Award 1968); Theophilus North oder ein Heiliger wider Willen (1973)) ist außerhalb der Saison (1. Mai bis 14. Dezember) für 95 Dollar die Nacht zu haben und Carson McCullers (Das Herz ist ein einsamer Jäger (1940); Das Mädchen Frankie (1946); Uhr ohne Zeiger (1961)) kostet 85 Dollar, jede zusätzliche Person zahlt 25 Dollar. Im Garten gab es zwei Ferienhäuser: Tennessee Williams (Die Glasmenagerie (1945, Pulitzerpreis); Endstation Sehnsucht (1947, Pulitzerpreis); Die Katze auf dem heißen Blechdach (1955); Süßer Vogel Sehnsucht (1959)) für 175 außerhalb der Saison und Ernest Hemingway (Fiesta (1926); In einem anderen Land (1929); Tod am Nachmittag (1932); 49 Stories (1938); Wem die Stunde schlägt (1940); Der alte Mann und das Meer (1952, Nobelpreis 1954); Der Garten Eden (Nachlass 1986)) dasselbe. Auch hier waren Aufbettungen möglich. Damit die wohl meist älteren, urlaubsreifen Gäste ungestört blieben, wurden Kinder unter 13 Jahren erst gar nicht aufgenommen.
Trotz mehrerer e-mails mit einem Hinweis auf meine versierten Helferinnen war im Authors Guesthouse of Key West im wahrsten Sinne des Wortes kein Reinkommen. Ganz unüblich für die Antidiskriminierungsgesetze im Lande konnte ich angeblich wegen des Rollstuhls nicht einmal ins Haus. Es soll Leute in den U.S.A. geben, die deswegen vor Gericht ziehen und oft genug mit einer mehrstelligen Summe Schmerzengeldes auch obsiegen. Mein Ding ist das nicht. So kam mir Lindas Angebot recht. Als ich meinen Status als handicapped person übermittelte, hieß es nur, dass ich ein anderes, besser geeignetes Cottage mieten könnte. Die Unterkunft würde ziemlich nahe am Hafen liegen, aber auch nicht allzu weit von einem Museum, das Ernest Hemingway gewidmet ist. Was sich so locker und verständnisvoll las, sollte sich in der zweiten Florida-Woche als mein so genanntes Blaues Wunder erweisen ...
An unserem Standort in Fort Myers wollten wir uns über den weltbekannten Erfinder Thomas Alva Edison (Am 11. Februar 1847 in Milan, Ohio, geboren. Erfolgreichster U.S. amerikanischer Erfinder; auch als Zauberer vom Menlo Park berühmt geworden. Ab 1887 lebte und arbeitete er in West Orange, New Jersey. Hier starb T.A.E. am 18. Oktober 1931) informieren. Im Air-Boat über die Sümpfe in den Everglades hinwegzubrausen, danach stand mir ebenfalls der Sinn. Am Ende meiner Wunschliste notierte ich ein Flanieren auf dem ocean drive in Miami vor dem Rückflug. Hier soll es ziemlich verrückt zugehen. Weil, wer am meisten auffällt, sich große Chancen ausrechnen kann, für eine Filmrolle entdeckt zu werden. Andererseits ist der Atlantik bei Miami Beach besonders einladend. Allerdings – wollten wir unser Vorhaben realisieren, würden wir sehr früh von Ft. Myers abfahren müssen.
Zwei erlebnisreiche Wochen in Florida lagen also vor uns. War ein Reise-Essay möglicherweise der dreiste Versuch, allgemein bekannte Fakten geschwätzig aufzubauschen? Im Nachhinein viel Interessantes mitteilen zu können – war das eine Sache der Sensibilität? Führte ein halbes Jahr Aufenthalt vor Ort andererseits vielleicht zu einer gewissen Blindheit? Wer sich über lange Zeit in seiner Wohnung aufhalten muss, riecht bekanntermaßen den typisch eigenen Mief oder den von Haustieren nicht mehr. Mehrere Stunden Abwesenheit genügen oftmals schon, um diesen Sachverhalt zu registrieren. Man mag das anzweifeln - ähnlich empfindlich reagiere ich in der Fremde. Beweise dafür sind die gedruckten Reise-Essays zu San Francisco (2003 gab es im Verlag Ulmer Manuskripte eine Wiederauflage von Happy Rolliday unter dem Titel San Francisco and so on, 2012 als E-Book bei EDITION digital erschienen) oder zu Kapstadt (2004 gab es im Verlag Ulmer Manuskripte eine Wiederauflage von Amandla! Zwischen Tafelberg und Townships unter dem Titel Kapstadt und so weiter,2012 als E-Book bei EDITION digital erschienen) …
Genug nachgedacht! Erst einmal unbeschadet in Frankfurt am Main landen. Dann würden wir weitersehen. Immer aufs Neue ist der Airport – er zählt mit seinem jährlichen Passagieraufkommen zu den größten der Welt – wegen der vielen Reisenden und der Einkaufsläden faszinierend. Alles überdacht – so ähnlich könnte man sich die Stadt der Zukunft vorstellen. Nur wenige gibt es, die dieses scheinbare Wirrwarr vor Ort überschauen: Nach Ankunft auf einem Flughafen werde ich in der Regel von Mitarbeitern in Empfang genommen und zu einem nächsten Bestimmungsort - das kann durchaus auch ein VIP-Room sein – geleitet. Bewunderungswürdig finde ich die Zielstrebigkeit, mit der diese Empfangsdamen, auch in Hannover oder München war es bislang immer das holde weibliche Geschlecht, trotz verwirrender Gänge und Flure jene Räumlichkeiten ansteuern.
Und wie so oft, wir hatten auch dieses Mal viel Zeit, uns auf einen Direktflug nach Übersee vorzubereiten. Ich nutze solche Stunden, um die Leute zu beobachten. Je nachdem wie anregend sie durch ihr Aussehen oder Gehabe auf mich wirken, fabuliere ich mitunter eine Geschichte, warum und wieso und woher dieser oder jener sich hier aufhält. Da saß streng in sich gekehrt eine Nonne im schwer zu bestimmenden Alter, neben ihr trank eine höchst gewichtige und auffallend bunt gekleidete schwarze Madam einen Tee, etwas entfernt spielte ein blondes Mädchen voller Hingabe mit ihrer Puppe. Weit und breit war kein Erwachsener zu sehen, der sie zu begleiten schien. Ein Schlüsselkind der Lüfte sozusagen?
Mitunter sind gleich mir noch andere Behinderte anwesend. In der Regel bin ich nicht erpicht darauf, meinesgleichen zu sehen. Wer erkennt sich schon gerne in all seiner verdammten Hilflosigkeit. Andererseits atme ich oftmals wie befreit auf. Während mein Gegenüber mit einem Identifikations-Kärtchen um den Hals mutterseelenallein reist, habe ich für unterwegs in Dörte und Kerstin einen liebevollen Beistand, auf den hundertprozentig Verlass ist.
Mehr als üblich beschäftigte ich mich mit einer Gruppe junger Männer, die in unserer Nähe bei ihren Koffern stehend oder sitzend auf ihren Abflug warteten. Wenn ich von jungen Männern spreche, dann meine ich schlanke sportliche Typen, die in ihrer Gesamtheit bei mir den Eindruck eines militärischen Sonderkommandos in Zivil hervorriefen. Das sind die profanen Auswirkungen des andauernden Geredes über einen bevorstehenden Krieg der U.S.A. mit dem Irak, schalt ich mich. Aber was soll’s: Jeder von diesen Jungs mit der gebräunten Hautfarbe und dem kurzen Kraushaar schien der Prototyp dessen zu sein, was in den Massenmedien über die Mitglieder von Bin Ladens Terrortruppe El Kaida propagiert wurde! Irgendjemand hatte mir anonym eine e-mail geschickt, die ich wegen ihrer überzogenen Eindringlichkeit interessierten Zeitgenossen nicht vorenthalten möchte:
Warnung an alle Mitarbeiter!
In unserem Unternehmen konnten bereits einige Terroristen identifiziert und gefasst werden. Es handelt sich dabei um die harmlosen Mitläufer Bin Da, Bin Spät, Bin Müde, Bin Kaffeetrinken, Bin Rauchen und Bin Essen. Die Mitarbeiter Bin Pinkeln und Bin Im Lager konnten ebenfalls ermittelt werden. Sie werden als harmlos eingestuft und sind unter Quarantäne gestellt worden. Auch die äußerst gefährliche Terroristin Bin Schwanger konnte dingfest gemacht werden. Nur der Topterrorist Bin Arbeiten konnte bis jetzt trotz intensiver Suche in unserer Firma nicht gefunden werden. Bin Andersherum wird noch observiert …
ACHTUNG: Bin Arbeiten verbreitet äußerst Gefahr bringendes Gedankengut! Er versucht sogar die Terroristengruppe Bin Faul zu unterwandern und zur Umkehr von ihrem Fundamentalglauben zu bewegen. Gehen Sie ihm aus dem Weg und meiden Sie jeden Kontakt. Nach Rücksprache mit unserer Geschäftsleitung besteht aber kein Grund zur Panik. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass sich Bin Arbeiten ausgerechnet in unserer Abteilung aufhält. Es gibt in unserem Verein absolut niemanden, auf den diese Beschreibung auch nur im Entferntesten zutrifft. Ebenfalls konnte der als Bin Im Meeting bekannte Topterrorist bis heute nicht ausgemacht werden. Es wird vermutet, dass er sich auch als Bin Wichtig, Bin Boss oder Bin Chef ausgibt. Bin Beim Kunden gilt auch als nicht fassbar. Niemand hat ihn bis jetzt gesehen.
ALSO VORSICHT! In unserer Abteilung wird auch intensiv nach Bin Nicht Zuständig gefahndet. Es wurden schon mehrere Verdächtige vernommen, aber niemand wurde bisher verhaftet. Zum Schluss aber noch eine große Erfolgsmeldung des BKA: Das BKA konnte ca. 4 Mio. Sympathisanten des Oberterroristen Bin Arbeitslos (er benutzt auch den Decknamen Bin Walter Riester) ermitteln.
Ihr Sicherheitsbeauftragter Bin Wachsam
Und jetzt lümmelte sich ganz in meiner Nähe auffallend gelangweilt jene Gruppe Passagiere, die allesamt aussahen wie Bin Superman in einer unwillkommenen Ruhephase …
Doris blickte auf die Uhr. Da sie mittlerweile über eine gewisse Reiseerfahrung verfügt, ordnete sie den gemeinsamen Toilettengang an. Die Rechnung war denkbar einfach: Wenn sie mich jetzt mit Erfolg katheterisierte – immer klappte es aus vielerlei Gründen nicht auf Anhieb - dann würde meine Blase etwa fünf Stunden Ruhe geben. Dieses Limit erfordert bei etwa zehn Stunden Flug nur eine Wiederholung, was unter den misslichen Umständen an Bord von großer Wichtigkeit ist. Abgesehen von der Enge zwischen den Sitzreihen, wirken die oftmals aufdringlichen Blicke der nahebei Sitzenden auch nach über 25 Jahren Querschnittlähmung noch etwas peinlich.
Während Kerstin in den nächsten Minuten auf unsere Utensilien Acht gab, sauste meine Frau mit mir zur nächsten Behindertentoilette. Mittlerweile beurteilen wir Flughäfen national und international nach deren Beschaffenheit. Ich erinnere mich an einen ebensolchen Toilettengang vor dem Rückflug Kapstadt via Windhuk nach München. Der International Airport Cape Town, etwa dreißig Autominuten vor der Metropole gelegen, war unlängst von Skandinaviern errichtet worden. Freudig hatten wir eine große weiß lackierte Tür aufgeschoben – mein Schreck war groß: Der Innenraum war in kurzer Zeit derart ramponiert und beklaut worden, dass er eher einem Feldflugplatz zur Ehre gereicht hätte: Schief hängendes Becken, entwendete Ventile und der Papierrollenhalter war verschwunden. Was wider Erwarten noch immer perfekt aussah, das waren der Kondom-Automat und der Container für die Entsorgung von Spritzbestecken. Salopp gesprochen: Drogensüchtige und die vielen Aids-Kranken im Lande wären ja geradezu blöd, würden sie sich den Ast absägen, auf dem sie sitzen mussten!
Als wir guter Dinge wieder unseren Platz in der Wartehalle bei Kerstin eingenommen hatten, traten sie auf uns zu: Eine Frau und ein Mann. Das Transportkommando. Beide angetan mit den gleichen Anoraks und ausgerüstet mit ihren unübersehbaren Sprechfunkgeräten. Ich stieß abwertend Atemluft durch die Nase. Zum einen hatte ich kein weibliches Wesen in diesem Job erwartet – nun gut, die junge Frau sah auffallend kräftig aus. Nein, meine Abwehr bezog sich auf ihren Begleiter – scheinbar der kleinere Bruder. Solche Typen pflege ich als Spargel-Tarzan zu titulieren. Es war einer von denen, die im Sonnenlicht zweimal hin und her springen müssen, um überhaupt einen Schatten zu werfen. Im Geiste sah ich schon das Hängen und Würgen über die Sitzlehne und Plätze hinweg zum Fensterplatz. Doris blickte ebenso skeptisch drein wie ich. Allein Kerstin schien die Gefahr nicht zu ahnen. Bis jetzt waren wir ja auch verwöhnt worden durch zwei kräftige Kerle vom DRK, die mich in Berlin-Tegel akkurat an Bord gebracht und auf meinen Sitz gehievt hatten.
Auf Kommando nahmen beide Frauen unser Gepäck auf. Mir wurde eine große Reisetasche auf die Knie gestellt, dann begaben wir uns mit anderen Passagieren zur Abfertigung. Entweder waren unsere Begleiter neu in ihrem Job oder es war ihnen egal, wie sich der Ablauf gestaltete. Es kam wie es kommen musste: Den unsinnigen Weg ins Obergeschoss vom Jumbo-Jet konnte ich gerade noch abwiegeln – aber dann bildeten wir, nachdem unsere Reihe erreicht war, jenen bereits beschriebenen Pfropfen in der Schlange ungeduldig Platz suchender Mitflieger. Deren unüberhörbares Murren blieb nicht aus. Der Mensch an sich ist wunderlich: Zum einen sind normalerweise Überbuchungen ausgeschlossen, zum anderen hebt das Flugzeug erst ab, wenn jeder seine Sachen verstaut und sich angeschnallt hat! Nichtsdestoweniger drängen die Passagiere sich auf dem schmalen Gang, als würde ihnen womöglich etwas vorenthalten oder sie müssten gar im Stehen ihren mehrstündigen Flug absolvieren ...
Zornesrot im Gesicht beobachtete Doris unsere Transportbegleiter. Es war genau so wie befürchtet: Meine 85 Kilo erwiesen sich als zu schwer, so dass ich nicht über die Hindernisse gehoben sondern gezogen wurde. Als eine besonders gefährliche Attacke erwiesen sich die Sicherheitsgurte, deren scharfe Verschlüsse sich besonders tief am Allerwertesten eingruben. Die Haut ist quasi die Achillesferse eines hochgradig Querschnittgelähmten - möglicherweise reizt jemand dieser etwas komisch anmutende Vergleich zum Lachen – meine Frau war eher dem Weinen und ich einem Wutausbruch nahe.
Irgendwann hockte ich also mehr schlecht als recht am Fenster und die Wartenden im Gang hatten endlich auch ihren Sitzplatz gefunden. Während die Stewardess nochmals das verstaute Gepäck auf deren sichere Lagerung überprüfte, beobachtete ich verstohlenen Blickes meine nähere Umgebung. Nicht dass der Schreck mir durch die Glieder gefahren wäre – Tetraplegiker spüren ohnehin derartiges kaum – wir waren von den eingangs beschriebenen arabischen Krausköpfen geradezu umzingelt! Und meine verfluchte Schriftsteller-Phantasie flutete auch gleich Stories von Selbstmordattentätern in mein Hirn. Früher war ja noch Verlass auf eherne Gesetze: So wie ich unterstelle, dass die Crew keine Schlampereien vor und während des Fluges dulden würde, wollten doch alle wieder unbeschadet zu ihren Lieben in die Heimat – ebenso waren Attentäter in vergangenen Zeiten stets am Boden verblieben. Holzauge! – einst wollten diese Feiglinge ja keinesfalls sterben! Von Selbstmordkandidaten junger Araber in Form einer Gruppe hatte man bislang international allerdings noch nichts vernommen – aber immer und überall gab es das gute oder böse erste Mal! Eingedenk des Attentäters, den die Mitfliegenden überwältigt hatten, als er an seinen Schuhen manipulierte, um einen Sprengsatz zu zünden – ich beschloss allen Ernstes, meine Augen jederzeit offen zu halten. Typisch für ein Opfer der U.S. amerikanischen Terror-Hysterie.
Im Abstand eines Jahres denke ich, dass dabei eine Art Koketterie mit der latenten Gefahr im Spiele war. Möglicherweise wollte ich mir auf diese Weise die lange Zeit unseres Fluges via Amsterdam, Schottland, Kanada, an der U.S. Ostküste südwärts entlang über die Bahamas Richtung Florida, vertreiben. Als wir den kleinen U.S. Staat Maine passierten, dachte ich an meinen Kollegen Otto Emersleben, der seit dem Umbruch 1989 in Brunswick lebt. Man könnte meinen, er sei wegen der neuen ostdeutschen Verhältnisse, was unter anderem auch den Wegbruch heimischer Verlage bedeutete, sozusagen in die U.S.A. emigriert. Sein Grund, die Heimat zu verlassen, könnte auch Fluch der Einheit genannt werden: Kaum war nämlich die Mutter unter der Erde, da tauchte eine ehemals republikflüchtige Schwester auf und verlangte ihren Anteil am Einfamilienhaus und sonstigen Erbe. Das Ende des traurigen Liedes war, alles musste in Eile verscherbelt werden, um jener rigiden Forderung zu genügen. Otto stand mit seiner persönlichen Habe plötzlich ohne Haus und Hof da; seit Jahren lebt er als Schriftsteller im beschaulichen Norden der U.S.A. und nutzt als begeisterter Segler die unmittelbare Nähe des Atlantiks zu ausgiebigen Segel-Törns. Seine Frau Helen ist Germanistik-Professorin und lehrt am ortsansässigen College. Vor Jahren hatten wir ihn in Begleitung des zweitältesten Sohnes Jan im Indian Summer besucht. Es war eine schöne Zeit mit euch – farewell, Otto und Helen.
Die Filme des Bordkinos interessierten mich einen feuchten Kehricht. Meine ganze Aufmerksamkeit widmete ich dagegen den ständig aktualisierten Meldungen aller Flugdaten auf dem Monitor. Stundenlang überwachte ich unsere Route per Bildschirm und stellte Berechnungen an wegen der wechselnden Geschwindigkeiten. Ob 850km/h oder 925km/h – es musste Rückenwind herrschen, seitdem wir vor Kanadas Küste nach Süden abgedreht waren. Bei allen Abschweifungen hielt ich aber immer ein Auge auf das Dutzend Hadschis
