Patenjäger - Hans-Ulrich Lüdemann - E-Book
SONDERANGEBOT

Patenjäger E-Book

Hans-Ulrich Lüdemann

0,0
7,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Plötzlich ist da eine Textstelle, die aufhorchen lässt oder die zumindest beim ersten Erscheinen dieses Jugendbuches für Aufhorchen (und für Aufsehen) gesorgt haben dürfte. Ein Junge besucht einen alten Mann, um mit ihm zu erzählen. Er hat auch Bücher aus der Stadtbibliothek dabei, aber Großvater Kuddel, so heißt der 78-jährige Mann, will sie nicht lesen. „Was Neues?" „Die letzten, die ich noch nicht kenne“, sagt Lute. „Soll ich eins hierlassen?" Großvater Kuddel schüttelt den Kopf. Seit langem hat er kein Buch gelesen. Schuld daran sind vor allem die Augen. Aber nicht nur. Kurt Assmann fühlt sich nämlich von einigen Schreibern hintergangen. Großvater Kuddel wurde regelrecht zornig beim Lesen. Viel ausgedachtes Zeug war dabei. Niemals im Leben geht alles so glatt seinen Gang, wie es in diesen Büchern steht. Alle Menschen sind im Sozialismus Brüder, war da zwischen den Zeilen zu lesen. Keine Sorgen, keine Tränen, kein Leid. Aber da braucht Großvater Kuddel nur an Lene Wiebke zu denken. Eines Tages geht die Mutter auf und davon. Lässt die Familie im Stich. Wenn das kein Leid ist für die Betroffenen. Oder der Vater eines Jungen, der bei seinem Enkel Knut in die Neunte geht. Stirbt an Fischvergiftung. Hatte die Arbeitsschutzbestimmungen nicht genügend beachtet bei der Fischverarbeitung. Es war ihm vielleicht auch unangenehm, wegen einer kleinen eitrigen Fingerverletzung Doktor Sonntag zu behelligen. Nichts von alledem in den Büchern, die Großvater Kuddel in die Ecke gelegt hat. Weil in ihnen nur die Sonne scheint. Kein Regen, kein Gewitter, wie es normal ist im Leben. Früher wie heute. Einen Unterschied lässt Großvater Kuddel gelten: Heute gerät niemand mehr in Not und Elend, es gibt nicht mehr viele Menschen bei uns, die andere ins Unglück stürzen können. Keiner darf das. Aber es gibt doch Ängste, Leid und Niederlagen für Kinder oder für Erwachsene. Kuddel Assmann möchte in den Büchern was von dem wiederfinden, wofür er gelebt hat. Wofür er einiges hat ausstehen müssen. Und da Lute ihm viel von dem erzählt, was in den Kinderbüchern steht, so will dem Alten scheinen, dass die Kleinen besser dran sind als die Großen mit ihrer Literatur. Es gibt jedoch auch Bücher, die Großvater Kuddel gerne liest. Schriftsteller wie Anna Seghers, Gotsche, Strittmatter, Kant und einige andere schätzt er, denn sie erzählen von dem wahren Leben. Aber Lute, sein junger Besucher, hat eigentlich ein anderes wichtiges Anliegen: Er möchte ihn zum Pioniernachmittag einladen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2012

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



IMPRESSUM

Hans-Ulrich Lüdemann

Patenjäger

ISBN 978-3-86394-906-8 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1975 bei Der Kinderbuchverlag Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Ein kühler Landwind lässt die Wolken über der kleinen Stadt am Bodden nicht zur Ruhe kommen. Ab und zu lugt die Aprilsonne hervor, wirft ihre wärmenden Strahlen auf das Pflaster der Straßen, die in engen Windungen zum Hafen hinunterführen. Die Häuser in der Altstadt kleben wie Schwalbennester an den Hängen. Sind durch Treppen miteinander verbunden, die manchmal fünfhundert Stufen und mehr zählen. Würde am Ortseingang auf der rechten Seite das gelbe Schild fehlen, auf dem der Name Standnitz zu lesen ist, ein Fremder könnte vermuten, dass er sich in einem kleinen italienischen Städtchen irgendwo an der Adria befände. Spräche er die Alten an, die auf den Bänken sitzen und klöhnen, um vielleicht den Weg zu einer der vielen verwinkelten Gassen zu erfragen, er könnte erneut stutzen ob der seltsamen Sprache, die ihm kehlig entgegen klingt. Also nicht Italien, sondern England? Nein, nein - Standnitz gibt es nur einmal. Standnitz ist Rügen, und Rügen ist Standnitz, mannich? „Und nu giw mal Pass, lot de Wippken und Mafäuken", würden die Alten mit den verwitterten Gesichtern zu dem Bröllenkater sagen, der auf dem Gehsteig liegt. Für den Uneingeweihten heißt das, er soll aufpassen und die Flausen und Winkelzüge lassen. Dieses laut weinende Kind, der Bröllenkater, heißt Jens Schimmelpfennig und ist fünf Jahre alt. Seine Zwillingsschwester Jutta hat sich gerade den Lederball erkämpft. Sie stellte dem Bruder ein Bein. Natürlich ohne Absicht. In diesem Alter tut man so etwas noch nicht absichtlich. Der Dritte im Bunde, Martin, ein kräftiger Junge mit welligem Haar und braunen Augen, läuft zum brüllenden Jens und versucht ihn zu beruhigen. Dabei schaut Martin hoch zum dritten Stock des windschiefen Hauses, das sich nur noch zu halten scheint, weil die links und rechts nebenstehenden es stützen. Aber die Gardine von dem Fenster, das zur kleinen Wohnung der Lehrerin Schimmelpfennig gehört, bewegt sich nicht. Ist Martin Hagedorns Klassenleiterin so von der Qualität der Rechenarbeit beeindruckt, dass sie den Lärm, den Zwillings-Jens veranstaltet, nicht hört? Martin hofft das Beste. Für die Arbeit.

Der Junge unternimmt einen schwachen Versuch, Gerechtigkeit zu üben. Aber als er das runde Leder anfasst, verzieht Jutta das Gesicht. Der Elfjährige kapiert. Ein Bröllenkater reicht ihm. Er läuft zum schluchzenden Jens und bietet ihm einen Pferderitt an. Gratis selbstverständlich. Und Martins Hoffnung, dass dieses kostenlose Vergnügen keinen Anklang findet, erfüllt sich nicht. Auf allen Vieren trabend, zweifelt er die Wahrheit eines Rätsels an, welches er irgendwo gelesen hat und dessen Lösung lautet: Nach der Geburt bewegt sich der Mensch auf vier Beinen, in der Mitte des Lebens auf zwei und zum Ende hin auf drei, wenn man den Krückstock berücksichtigt, den aber nicht jeder braucht. Großvater Kuddel Assmann zum Beispiel geht trotz seiner achtundsiebzig Jahre ohne Stock und kerzengerade.

Das Orakel hat also gefragt: Wer geht am Morgen vierbeinig, zu Mittag zweibeinig und am Abend dreibeinig? Nun, Martin Hagedorn ist es im Augenblick, als fallen Morgen- und Mittagstunde zusammen. Und bei dieser Überlegung angelangt, riskiert er einen Blick auf die Armbanduhr. Martin seufzt erleichtert. In wenigen Minuten muss Lute aufkreuzen und ihn ablösen. Vor Freude bäumt das Pferd sich ein wenig. Aber sofort spürt er einen ärgerlichen Stoß in den Weichen. Kinderhacken können verflucht hart sein, resigniert Martin. Er denkt an Egbert, der es sich mit den Zwillingen leicht gemacht hat. Der dicke Egs, wie die Jungen und Mädchen ihren Mitschüler nennen, hat die Kleinen kurzerhand zu seinem Vater in die Arztpraxis mitgenommen und vorsorglich ihre Augen und Ohren getestet.

Ideen muss einer haben, schnauft Martin, während er den still lächelnden Jens die dritte Runde auf seinem Buckel reiten lässt. Ja, für eine Stunde ist Egs die beiden los gewesen. Eine Stunde hat ihr Interesse für alles in der Praxis von Dr. Sonntag vorgehalten.

Wer solche Möglichkeiten wie Egs hat, der kann schon auf die Idee kommen, dass die Klasse sich um die Kleinen von Frau Schimmelpfennig kümmern sollte. Solange Herr Schimmelpfennig Soldat bei der Nationalen Volksarmee ist. Als Martin seine fünfte Runde auf dem spärlichen Rasenflecken zwischen den eng gegenüberliegenden Häuserzeilen galoppiert und er einen Blick zu Jutta wirft, die damit beschäftigt ist, die Schnüre am Ball aufzuknoten, um ins Innere vom runden Leder sehen zu können, kommt der lang ersehnte Ludwig Bredow um die Ecke.

Temperamentvoll bäumt das Pferd auf der Hinterhand hoch, so dass der kleine Reiter in der Not Martins Hakennase packt, fest genug, um einen Sturz zu verhindern. Martin schießen Tränen in die Augen. Trotzdem setzt er Jens vorsichtig ab und fährt sich dann prüfend mit der Hand über den Nasenrücken. Alles ist heil. Die Knie werden auch wieder sauber. Spätestens nach dem Leichtathletiktraining, wenn er unter der Dusche steht.

.Alles klar?" Lute Bredow mustert grienend seinen Freund. Er muss etwas aufschauen, da er ein Kopf kleiner ist als Martin.

„Die können einen ganz schön fikatzen", stöhnt Martin. „Ehrlich.“

Lute lächelt noch stärker. Die Sommersprossen auf den Wangen wandern dabei um einen Zentimeter dem Haarschopf entgegen. Er weiß, dass Martin lieber einen Trainingstag zusätzlich einlegen würde, könnte er sich um diese Spielstunde drücken. Dass Martin Hagedorn sich dem Beschluss der Gruppe gebeugt hat, verlangt Anerkennung.

„Spuck dir man unter die Hacken, wenn du pünktlich zum Training sein willst", sagt Lute. „Knut ist schon da. Ich hab ihn unterwegs getroffen", fügt er hinzu.

Martins Gesicht verfinstert sich. Er knöpft betont ruhig den Hemdkragen zu. Die Freude auf den Übungsnachmittag ist plötzlich getrübt. Knut, einer aus der Neunten, hat ihn in der Staffel als zweiten Läufer eingesetzt. Martin war sonst immer am Schluss gelaufen. Und zwar deshalb, weil er ein sehr guter Sprinter ist, aber auch, weil Martin es verstanden hat, die anderen davon zu überzeugen, der Beste der Staffel müsste Schlussläufer sein. Und plötzlich erklärte Knut Assmann: Martin übernimmt bei der Kreis-Spartakiade den zweiten Wechsel! Weil diese Strecke die längste in einer Staffel über 4 x 100 m ist. Alle sehen das ein, nur Martin nicht. Dem zweiten Läufer jubelt keiner zu, wohl aber dem auf der Zielgeraden!

Mit Lute darüber zu sprechen lohnt nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass Lute keinen Leistungssport treibt. Nein, aber Ludwig Bredow schwört auf Knut Assmann. Und dies wiederum hat nichts damit zu tun, dass die vielen Urkunden und Auszeichnungen, die im Ehrenflur ihrer Schule hängen, auf den Namen Knut Assmann ausgestellt sind, sondern weil der aus der Neunten einen Großvater hat. Keinen gewöhnlichen Großvater, sondern einen, der viele interessante Geschichten zu erzählen weiß und der nicht nur bei den alten Standnitzern etwas gilt. Zu allem Unglück, so empfindet es jedenfalls Martin, wohnen die Assmanns und die Bredows in der Siedlung am Stadtrand nur einen Steinwurf auseinander. Wenn die Sprache auf Knut kommt, geraten sie manchmal in Streit. Martin beschleicht dann das Gefühl, Lute ist nicht sein Freund, sondern hält mehr zu Knut. Und das wurmt ihn mächtig. Aus diesem Grunde und wegen der Staffeleinteilung also hat Martin mit Knut Assmann nicht viel im Sinn.

Als Martin in Richtung Schulsportplatz jagt, findet Ludwig Bredow keine Zeit, dem Freund nachzuschauen. Ein Jubelruf von Jutta reißt ihn herum. Das Mädchen hält die Lederschnüre in der einen und den Blasennippel in der anderen Hand. Mit ihren kurzen Fingern ist sie dabei, das Band zu lösen, welches der Luft den Weg ins Freie verwehrt. Mit einem Satz ist Lute bei ihr und packt den Lederball. Wenn der seinen Geist aufgibt, durchfährt es Lute, kann er sich auf was gefasst machen. Der Ball gehört Knut. Die Lederkugel ist zwar schon sehr alt, aber ein Geschenk von Großvater Kuddel Assmann. Und insofern gilt dieses traurige Abbild von einem Fußball beinahe als heilig.

Nachdem das Mädchen den ersten Schreck überwunden hat, reißt es den Mund weit auf. Will krähend über den Raub protestieren. Jens, der interessiert zuschaut, wie ein Blindenführhund seinen Herrn die steile Treppe zur Rechten aufwärts geleitet, stupst Lute in die Seite.

„Guck mal, Lute: Ein Hund mit Hosenträgern!"

Ludwig Bredow ist für einige Sekunden sprachlos. Jutta ebenfalls. Sie klappt den Mund wieder zu, ohne die Stimmbänder überanstrengt zu haben. Lute nutzt die Gelegenheit, das Mädchen vom Ball abzulenken. Er geht vor zur Treppe. Aber der Mann mit dem Hund im Führgeschirr ist bereits hinter der Biegung verschwunden. Lute lässt sich auf einem Absatz nieder. Jens und Jutta tun es ihm nach. Lute stützt das Kinn in die Faust. Er schaut über die Häuser links und rechts vom Stufenweg, über den Hafen und die blaugrün leuchtende Wasserfläche bis zum Horizont. Ein Fangtrawler ist das einzige, was sich dort draußen bewegt. Ludwig denkt an Knuts Vater. Er wird erst in drei Monaten zurückerwartet. Herr Assmann der Jüngere ist Kapitän auf solch einem Fangschiff, und von Knut weiß Lute, dass dieser später ebenfalls Kapitän werden will.

Die plötzliche Stille beunruhigt den Jungen. Er schaut neben sich. Und lächelt. Links hockt Jutta auf der Treppe, rechts Jens. Und beide tun es ihm nach. Ihre kleinen Fäuste haben Mühe, den Kopf zu halten.

„Die Sonne snirrt schon ganz schön, was?" Lute hebt sein Gesicht dem Feuerball entgegen, der für längere Zeit die Wolken beiseite geschoben hat.

Jutta zupft den Jungen am Ärmel. „Lute, erzählst du uns wieder was?"

Ludwig Bredow öffnet die Augen. Und atmet auf. Jetzt weiß Lute, was er mit den beiden anfangen kann. Dass er nicht von selbst daraufgekommen ist. Jeder müsse seine Stärke beim Beaufsichtigen von Jens und Jutta ausspielen, hatte Egbert auf der Gruppenversammlung erklärt, damit Frau Schimmelpfennig in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen kann.

Und der Haushalt ist ja schließlich nicht ohne. Den Zusatz hatte Lene Wiebke getan. Sie will immer Mittelpunkt sein. Ob das damit zusammenhängt, dass ihr Vater als Maler und Grafiker eine stadtbekannte Persönlichkeit ist? Lute weiß es nicht. Aber dass die meisten Jungen und Mädchen auf Lene Wiebke hören, das hat Lute im Guten wie im Schlechten schon erlebt. Im Augenblick ist, soweit Ludwig Bredow das beurteilen kann, der dicke Egbert Sonntag Favorit. Seit Lene mitbekommen hat, dass Egs aus dem Handgelenk schnelle Autos, Schiffe oder Tiere aufs Papier kritzeln kann. Die Jolle von Doktor Sonntag sticht ihr wohl auch in die Augen, vermutet Lute. Wo es jetzt wieder warm wird und das Ansegeln stattfindet. Lene Wiebke hatte die quirligen Zwillinge zu ihrem Vater gebracht, wo Jens und Jutta mit Ölfarben auf einem kleinen Stück Leinewand nur so aasen durften.

„Lute!"

Jutta ist es, die ungeduldig mit dem Fuß gegen Lutes Schienbein getreten hat.

„Also wieder eine Geschichte, was?", fragt der Junge, um Zeit zu gewinnen. Er überlegt fieberhaft, womit er das Interesse der beiden wach halten kann. Sonst werden sie gnatzig, und dann ist mit ihnen schlecht umzugehen.

„Tscha", sagt Lute noch einmal gedehnt, er kratzt sich am Kinn, wo später einmal der Bart sprießen wird. Dass er mit kräftigem Bartwuchs rechnen muss, sieht Lute an seinem Vater, der einen Vollbart trägt. Zur Verwunderung der Leute im Allgemeinen und seiner Kollegen im Kfz-Instandsetzungsbetrieb im Besonderen, die ihren Meister und Parteisekretär noch nie ohne diesen Mannsschmuck gesehen haben.

„Eine Fledermaus kennt ihr bestimmt", fängt Lute an. „Einen Seetaucher und den Sanddorn auch."

„Der ist gelb, und man kann Sanddornsaft trinken", unterbricht Jutta altklug.

„Wisst ihr, warum die Fledermaus nur nachts fliegt, der Seetaucher taucht und der Sanddorn solche Pieker hat?"

Ludwig erwartet keine Antwort. Er lehnt sich nach hinten und stützt die Unterarme auf die höher gelegene Stufe. Lute spürt, wie die beiden ihn aufmerksam und erwartungsvoll anstarren. Sein Blick schweift erneut über die Häuserränge aufs Wasser. Der Trawler hat sich inzwischen so weit genähert, dass die Aufbauten gut zu erkennen sind.

„Also", Lute Bredow holt noch einmal tief Luft, „einst treffen sich die Fledermaus, der Dornstrauch und ein Seetaucher. Jeder ist auf seine Weise tüchtig. Die Fledermaus jagt Ungeziefer, der Dornstrauch hält mit seinen Wurzeln das Erdreich am Ufer zusammen, so dass die Wellen es nicht auswaschen können. Und der Seetaucher zeigt den Fischern, wo Fischschwärme zu finden sind. Nun, alle drei kommen überein, ein Geschäft zu gründen. Dazu brauchen sie natürlich Geld. Kapital nennt man das", setzt Lute hinzu.

Ohne sich zu rühren, schauen Jens und Jutta dem Großen auf den Mund.

„Die Fledermaus erklärt: Nichts leichter als das. Ich habe viele Freunde, die mir Geld borgen würden. Nun gut, sagt der Dornstrauch, dann will ich einen Stoffballen beisteuern, aus dem kann man schöne Kleider machen."

„Womit steuert dieser Stoffballen?", fragt Jens leise. Steuer bedeutet für ihn Schiff oder Auto, und er will dies genau geklärt wissen. Lutes Antwort enttäuscht ihn ein wenig.

„Das bedeutet, der Dornstrauch gibt einen Stoffballen für das Geschäft." Ludwig Bredow besinnt sich. Dann fährt er fort: „Wer handeln will, muss beweglich sein, spricht der Seetaucher. Also beschafft er für sich und seine Freunde ein Schiff. Damit, so glauben die drei, haben sie genug Vorbereitungen getroffen. Sie beladen den Kahn und legen ab. Aber nach dem dritten Tag kommt plötzlich Sturm auf. Das Schiff vom Seetaucher ist gut, aber die Freunde haben vergessen, dass auch das beste Schiff nicht ohne Steuermann auskommt. Ohne einen, der in der Seefahrt Bescheid weiß. Also, das Schiff geht unter. Mit Mühe und Not retten sich Fledermaus, Dornstrauch und Seetaucher an Land. Ohne Hab und Gut hocken sie da." Ludwig Bredow schaut prüfend auf seine Zuhörer. Mitleid mit den drei Schiffbrüchigen steht auf ihren Gesichtern zu lesen. Sie ruckeln ungeduldig hin und her, auf das Ende der Geschichte jieprig. „Und seit diesem Tage stößt der Seetaucher wieder und wieder in die Tiefe des Meeres, um das Schiff mit der wertvollen Ladung zu finden."

„Und der Sanddorn?", fragt Jutta wissbegierig.

„Er klammert sich an jeden Vorübergehenden, weil er prüfen will, ob für die Kleidung nicht zufällig sein Stoff verwendet wurde."

„Und die Fledermaus?", meldet sich Jens zögernd.

„Die Fledermaus zeigt sich nur, wenn es dunkel ist. Aus Scham, weil sie bis heute das geborgte Geld nicht zurückzahlen konnte", schließt Lute. Er sieht, wie es hinter den Stirnen arbeitet. Die Frage, die Jutta stellt, überrascht ihn.

„Warum haben sie denn keinen Steuermann mitgenommen, Lute?"

„Ja, warum nicht? Sie haben es wohl vergessen." Das wird es sein, denkt der Junge. Eine Sache, die nur halb durchdacht ist, geht unweigerlich schief. Das werden die beiden Kleinen noch früh genug mitbekommen. Wenn sie erst einmal zur Schule gehen.

„Noch eine", fordert Jutta.

Lute schüttelt den Kopf. Er steht auf. „Jetzt wird der Lederball repariert, und dann geht es ab nach oben. Vielleicht wartet eure Mutter schon mit dem Essen."

Lutes Stimme klingt befehlend, so dass Jutta es für günstiger hält, gehorsam nebenher zu trotten. Ob sie doch noch einen Blick ins Innere vom Ball werfen kann? Was mag da drin sein, dass diese Kugel unablässig auf und nieder springt? Ohne müde zu werden.

Als die drei vor dem Haus mit den schmalen Fenstern anlangen, steht Frau Schimmelpfennig in der Tür. Lute legt einen Schritt zu. Die Kleinen fangen an zu laufen. Jens und Jutta stürzen ihrer Mutter in die Arme. Frau Schimmelpfennig hebt das Zwillingspaar auf und dreht sich mit ihm im Kreise. Ihr Pferdeschwanz schwingt waagerecht hoch, wie eine Lunte gleißt das rotblonde Haar der Klassenlehrerin in der Sonne. Frau Schimmelpfennig ist beliebt bei ihren Schülern. Würden sie sonst auf ihre freie Zeit verzichten und Babysitter, wie Lene Wiebke gesagt hat, spielen, weil im Kindergarten plötzlich Ziegenpeter ausgebrochen ist und Frau Schimmelpfennig die Zwillinge zu Hause lassen muss?

Um die Kinder von Direktor Hallig würden wir uns auch kümmern, denkt Lute. Herr Hallig ist in Ordnung. Aber für Tamms Nachwuchs wohl kaum, entscheidet der Junge. Wobei dieser Fall nicht zu befürchten ist, da ihr Biologielehrer bislang als Junggeselle durch das Leben wandelt. Der ist streng. Deshalb kriegt er auch nie eine ab, ist Lene Wiebkes Meinung über ihn. Und Martin Hagedorn hatte einmal gesagt: Scharf wie ein Terrier ist Tamm. Und Martin kennt sich bei Hunden aus!

Frau Schimmelpfennig setzt die Kleinen auf die Erde ab und mustert den näher kommenden Ludwig Bredow. Er ist einer ihrer besten Schüler. Nicht nur, was das Lernen betrifft. Lute ist immer freundlich und hilfsbereit. Er ist ein Lieblingsschüler der Klassenleiterin. Wenn Frau Schimmelpfennig es auch nicht wahrhaben will oder darf: In ihrer Klasse gibt es eine ungeschriebene Rangfolge. Und es ist nicht unbedingt so, dass die Lerneifrigsten obenan stehen. Nein, ganz und gar nicht. Der Klassenleiterin tut es jedes Mal leid, wenn sie ihre Schützlinge nur nach Zensuren einteilen muss. Zahlen von eins bis fünf für Fleiß, Ordnung, Disziplin, Wissen. Was ist aber mit denen, die sich in jeder Situation zu helfen wissen? Die mit einem Messer die versehentlich zugeschlagene Wohnungstür vom Nachbarn öffnen können, ohne dass nun gleich wieder jemand Angst haben muss, dies wäre der geborene Einbrecher. Oder gibt es Zensuren dafür, wenn einer sich für die Mädchen seiner Klasse in die Bresche schlägt? Gegen die Größeren, die ihn aus dem Anzug heben können, wenn sie wollen, und die die Mädchen aus Langeweile triezen? Nein, eine echte Rangfolge, die ungeschriebene, in keinem Klassenbuch oder auf keinem Zeugnis erwähnt, kommt bei Frau Schimmelpfennig anders zustande.

„Ein Glas Milch für den Durst, Lute?"

Der Junge schüttelt den Kopf. Er hat es plötzlich eilig. Will noch kurz über die Sportplatzhecke schauen, um zu sehen, wie das Training bei Knut läuft und ob Martin Hagedorn noch immer gut in Schuss ist.

„Ich bin mit der Arbeit durch", sagt die Lehrerin. „Wir können zufrieden sein, Lute."

Der Junge lächelt. Er fühlt die grünlich blitzenden Augen seiner Klassenleiterin auf sich ruhen.

Wir, hat sie gesagt. Anerkennend klang das. Und, als ob es hätte gar nicht anders sein können. Lute weiß, woher diese Selbstsicherheit rührt. Frau Schimmelpfennig hatte die Schwachen in Mathematik während des Unterrichts zu einer Gruppe zusammengesetzt und ihnen Sonderaufgaben erteilt. Ihre Beaufsichtigung oblag Martin Hagedorn, dem anerkannten Mathe-As der Klasse. Und es soll keiner sagen, in der Mittelstufe gäbe es noch nichts Kniffliges zu rechnen.

„Dann werd ich mal", sagt Lutes Lehrerin und schaut ins Treppenhaus, aus dem die lebhafte Jutta nach der Mutter ruft. Von Jens ist nichts zu hören. Etwas beunruhigt fragt Frau Schimmelpfennig: „Ob der Jens nicht auf dem Posten ist? Habt ihr was gemerkt?"

Lute schüttelt den Kopf. Aber so genau kennt er sich bei den Kleinen nicht aus. Obwohl, es fällt auf, dass Jens viel ruhiger ist als die quicklebendige Zwillingsschwester.

Die Lehrerin reicht ihm zum Abschied die Hand.

„Ich danke euch, Lute."

Dem Jungen ist das unangenehm. Aber es muss wohl sein, dass man sich bedankt, denkt Lute. Er hat mittlerweile erfahren, dass die Erwachsenen untereinander großen Wert darauf legen. Auch wenn es Selbstverständlichkeiten sind. Sie bedanken sich und verlangen das gleiche natürlich auch von den Kindern. Wobei Lutes Vater bei seinem Sohn von klein auf eine Ausnahme gelten lässt: Ludwig Bredow hat keinen Diener machen müssen. Auch heute nicht, und in Zukunft wird es nicht anders sein. Herr Bredow ist der Meinung, dass man sich gegen überkommene Bräuche wehren muss. Und katzbuckeln oder den Diener für andere machen, das hält der gelernte Autoschlosser und Parteisekretär im VEB Kfz-Instandsetzung für so etwas.

Lute bleibt noch einen Augenblick auf den Treppen stehen. Der Trawler schaukelt im Hafenbecken am Kai. Die Fischkistenstapel verschwinden vom Deck in die großen Kühlhallen. Ein Förderband steht bereit, die Ladung aus dem Bauch des Schiffes in Empfang zu nehmen und der weiteren Verarbeitung zuzuführen. Ob auch er Kapitän werden soll? Lute fährt sich mit der Hand durch das dichte kurze Haar. Wie Knut? Dann würden sie die Flaggen dippen, wenn sie sich unterwegs auf Hoher See begegneten. Oder sich helfen, die besten Fischgründe ausfindig zu machen.

Ludwig Bredow wendet sich ab und geht die Treppe an. Zuerst auf einem Bein, die Stufenabsätze sind nicht hoch. Dann mit beiden gleichzeitig. Als ihm aber klar wird, dass er dadurch noch mehr Zeit verliert, verzichtet er darauf und setzt in langen Schritten, soweit es seine kurzen stämmigen Beine zulassen, den Weg nach oben fort. Kraft gehört dazu, drei Stufen auszulassen. Mut, es mit einer vierten aufzunehmen. Und Lute richtet es so ein, dass Mut und Kraft abwechselnd zu ihrem Recht kommen.

2. Kapitel

Fünf Minuten nach acht Uhr. Martin Hagedorn erhebt sich vorsichtig aus seiner Bankreihe und schleicht zur Tür. Über zwei Dutzend Augenpaare folgen ihm. Behutsam drückt der Junge die Klinke herunter. Seine Blicke spähen über den langen Korridor. Endlich dreht er sich zur Klasse und zuckt die Achseln.

Egbert Sonntag setzt sich daraufhin rittlings auf die Bank. Schaut suchend um sich, sagt triumphierend laut, dass es auch die letzten auf den hinteren Plätzen hören können: „Also noch immer keine Spur vom Talerpferd!"

Lute dreht sich um. Er ahnt, dass Egs nach irgendeiner Gelegenheit sucht, die unbeaufsichtigte Zeit zu nutzen. Auf seine Art. „Komm du lieber runter von deinem hohen Ross! Kannst ruhig Frau Schimmelpfennig sagen. Hast wohl schon alles vergessen, was?"

Egs verzieht das Gesicht, als ob er plötzlich Zahnschmerzen hat. Lute lächelt vielsagend. Er kennt seinen Mitschüler. Weiß, dass man rechtzeitig einen Klotz vorlegen muss bei Egs. Wie beim Auto. Lute hört das von seinem bärtigen Vater: Kurz vor einer Karambolage auf die Klötzer zu treten hat wenig Sinn, sagt Herr Bredow. Beim ersten Anzeichen leicht auf die Bremse tippen. Vorsichtig. Das schont die ganze Anlage. Beim Menschen ist das natürlich komplizierter. Auf jeden Fall kommt es auf das gleiche hinaus.

Als Egs seinen letzten Streich abzog, waren sie zu spät aufs Bremspedal getreten, Sie hatten gesehen, dass er mit einem fingerlangen Stück Kupferkabel hantierte. Es zu einem Hufeisen bog und mit seinem Taschenmesser die Enden abisolierte. Da war ihr Interesse erloschen. Nicht bei Egs. Er schlich durch das Schulhaus. Aktion Stromtod geht um, sagte er wichtigtuerisch und geheimnisvoll. Und es wurde ein kurzes Geheimnis, denn der Hausmeister hatte sich auf die Lauer gelegt, weil er in seiner fünfzehnjährigen Amtszeit nie soviel Kurzschlüsse erlebt hatte wie an diesem einen Tag. Der Hausmeister erwischte also den Missetäter. Viel fehlte nicht, und der erboste Mann hätte Egs stehenden Fußes eine Tracht Prügel verabreicht. Aber auch ein Hausmeister darf nicht schlagen. Nicht im Schulgebäude. Und schon gar keine fremden Kinder.

„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass Lene nicht da ist?" Martin stellt sich neben seinen Freund Lute. Der schaut sich im Raum um. Und schüttelt überrascht den Kopf. Jetzt weiß er plötzlich auch, warum es ruhig zugeht in der Klasse. Weil die vorlaute Lene Wiebke fehlt.

„Ob sie krank ist?"

Martin hebt die Schultern und lässt sie wieder fallen.

„Krank?", mischt Egs sich ein. „Wir sind gestern Nachmittag noch einen kleinen Schlag gesegelt. Lene und ich!" Die letzten drei Worte klingen stolz. Möchte Egs klarstellen, mit wem Lene Wiebke zu tun haben will und mit wem nicht? Denn wenn die Gedanken und Reden der Jungen sich mitunter um Mädchen drehen, dann sprechen sie von Lene Wiebke.

„Ihr werdet noch mal auf dem Wasser heiraten. Du und Lene!"

Martins Worte klingen spaßig. Aber ein grober Ton schwingt mit. Es wäre besser gewesen, er hätte Egs nicht gehört. Gegen seinen Willen muss er sich in Gedanken mit ihrer Segelei beschäftigen. Nur wegen der Jolle gibt Lene Wiebke sich mit diesem laschen Sack ab. Anders kann Martin seine sportliche Einschätzung über Egbert Sonntag nicht formulieren. Dick und schlapp. Dass der überhaupt ein Großsegel hochkriegt! Eine Menge Angabe muss bei dieser Segelei sein, denkt Martin. Und er beschließt, bei Gelegenheit der Sache nachzugehen. Obwohl er keine Ahnung vom Segeln hat. Aber wie einer sich dabei anstellt, das wird er beurteilen können. Ein guter Sportler kann das, bekommt einen Blick für Bewegungen.

„Aber gut möglich, dass Lene mit Peters Ziegen unter einer Decke liegt", gibt Egs zu bedenken. Er grinst über die verständnislosen Gesichter der Mitschüler.

„Mit wem?", entfährt es Martin ungewollt. Im gleichen Atemzug tippt er mit dem Zeigefinger an die Stirn.

„Du meinst, sie hat Ziegenpeter?", sagt Lute. „Dass du immer so blöd reden musst!"

Egbert zuckt die Achseln. Er ist es gewohnt, dass sie ihn nicht für voll nehmen. Aber verhindern können sie es nicht, dass er sie oftmals verblüfft. Weil sie ihm nicht viel zutrauen. Lene ist anders. Vor allem, wenn sie zusammen segeln. Wenn er sich nicht um das Boot kümmern würde, sein Vater hätte es schon längst vertrocknen lassen. Ist ein Sonntagssegler. Macht unserem Namen alle Ehre, denkt Egbert. Aber eine Jolle ist der Vater sich schuldig. Glaubt er. Als Bewohner am Wasser. Als Arzt in dieser kleinen Stadt.

Plötzlich wird die Klassenzimmertür aufgestoßen. Die Köpfe der Mädchen und Jungen rucken herum.

„Lene?", wundert sich Ludwig Bredow laut.

Lene Wiebke streicht mit der Hand durch das pechschwarze Haar. Lang ist es und wallt über die Schulter. Lute erinnert sich, auf dem Bildschirm eine Sängerin gesehen zu haben, die genauso langes Haar hatte. Lute findet diese Mähne unpraktisch. Das viele Kämmen! So eine Haarpracht zu pflegen, artet schon in Striegeln aus. Und außerdem, wer eine von den langen Strähnen packt, hat Lene im Griff. Auf dem Schulhof ist das mitunter zu sehen. Wobei Lene klug genug ist und nachgibt. Sie mag es, wenn die Jungen hinter ihr her sind und sie greifen wollen. Und da sie nicht gut zu Fuß ist, wie Martin höflich zu sagen pflegt, wird Lene immer eingeholt.

„Frau Schimmelpfennigs Zwillinge haben Ziegenpeter. Wie alle im Kindergarten", gibt Lene bekannt. „Und zu deinem Vater bin ich auch noch gerannt. Frau Schimmelpfennig hat mich darum gebeten."

Als ob die anderen nicht da sind, spricht Lene Wiebke nur mit Egs. Der strahlt. Lute schnaubt durch die Nase. Als ob es was Besonderes ist, dass sie zu Doktor Sonntag läuft. Muss sie ja. Kann gar nicht anders, weil Egberts Vater als einziger dafür zuständig ist. Aber Egs, dieser Pfannkuchen, strahlt! Lute muss an die Gruppenratssitzung denken. Als über Egbert verhandelt wurde. Wegen der Aktion Stromtod. Alle waren dafür, zu Direktor Hallig zu gehen und ein gutes Wort für Egs einzulegen. Dass sie fortan besser auf ihn achtgeben würden. Von seinem Vater kannte Lute das. Die Erwachsenen nennen es Bürgschaft. Frau Schimmelpfennig hatte den Vorschlag gutgeheißen. Am Ende alle. Bis auf Lene Wiebke. Sie weigerte sich, ihr Wort dafür zu geben. Einer, der solche Kurzschlüsse fabriziert, hat selbst einen im Oberstübchen, sagte sie. Aber das alles war vor dem Ansegeln, denkt Lute. Und Egs, dieser Mondmann, strahlt noch immer über die Freundlichkeit, mit der Lene ihn anguckt. Aus ihren mandelförmigen Augen. Aus denen Blitze schießen und Funken schlagen, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Die so gut wie geschlossen sind, wenn ihr die Tränen kommen. Und das passiert nicht selten. Einsen und Zweien sind rar bei Lene. Lute findet es gut, dass das Mädchen so reagiert. Bei einer Vier. Aber wer weiß, wie lange noch? Vielleicht gewöhnen die Schleusen sich daran und öffnen sich nur, wenn im Heft eine Zahl steht, die eindeutig mit den Fingern einer Hand umschrieben werden kann?

„Bei Herrn Hallig war ich auch. Tamm macht Vertretung!“ Vielsagend wendet Lene sich nun an alle. Und sie sieht sich bestätigt. Überall lange Gesichter.

„Scharf wie ein Terrier", kommentiert Martin. Die anderen nicken. Martin ist das As in Biologie. Der weiß mehr als im Lehrbuch steht. Und wenn der so was sagt, muss was dran sein. Also Terrier sind scharf. Da wird man sich vorsehen müssen bei Herrn Tamm.

„Apropos Terrier", meldet Egs sich zu Wort. Dabei schaut er zu Lene hinüber. Ihr Lächeln ermutigt ihn fortzufahren. Sein Gesicht ist ernst, keiner ahnt, was kommt. Das ist Egs' Stärke. Und zugleich seine Schwäche. Weil niemand zur rechten Zeit den bewussten Bremsklotz vorlegen kann. Ist Egs erst einmal in Fahrt, rollt er über jedes Hindernis hinweg. Verliert jede Hemmung. Und gegen seinen Willen muss Lute wieder an Lene Wiebkes Worte denken. Von wegen Kurzschluss oben.

„Herr Wiebke hat auf einem Landschaftsbild einen Fuchs so echt gemalt, dass der Terrier, den ein Besucher mitbrachte, das Bild immerzu anbellte. Als Lene mir davon erzählte, habe ich gesagt“, Egs holt tief Luft. Diese Kunstpause muss sein. „Das ist noch gar nichts, habe ich gesagt. Ich habe neulich eine Schneelandschaft gezeichnet. Die ist so natürlich, dass sie schmilzt, wenn ich sie an der Wand aufhängen würde. Über unsere Zentralheizung."

Lene lacht als Einzige. Lute und Martin grinsen. Es ist Egberts Tick, dass er seine Blödeleien immer so bringt, als wären sie tatsächliche Begebenheiten. Wobei er sich auch nicht geniert, unpassende Witze zu erzählen. Die er bei den Erwachsenen aufgeschnappt hat. Aber das tut Egs nur, wenn kein Mädchen zuhört. Und darum, so findet Lute, hat Lene Wiebke wohl doch nicht recht mit ihrer Bemerkung von dem defekten Oberstübchen.

„Für einen Tag halten wir es mit Tamm schon aus", sagt Lute plötzlich. Er geht zu seinem Platz.

„Einen Tag", erwidert Lene spitz. „Die Zwillinge von Frau Schimmelpfennig haben Ziegenpeter. Da sieht man wieder, wer keine Geschwister hat!" Lene lacht.

Ludwig Bredow fühlt sich angesprochen und dreht sich um. „Es ist bekannt, dass deine Eltern auch nur ein Kind haben", sagt er. Im gleichen Augenblick bereut er seine Worte. Weiß er doch, dass Lenes Mutter die Familie verlassen hat. Es heißt, mit einem Kollegen von Maler Wiebke. Wie die Stadt den Künstler nennt. Und Lute beeilt sich, diese Dummheit zu überspielen. Er fragt: „Und was haben Geschwister damit zu tun, Lenchen?"

Oha, das kommt an! Lene verjagt die gewollt heraufbeschworenen Wolken im Gesicht. Dass der so was sagen kann. Der Lute? Sonst kurz angebunden und nur die Schule und die Klasse im Sinn. Nicht dabei bei den Streichen. Der gerechte Ludwig Bredow. Dagegen ist Robin Hood höchstens Mittelmaß. Ein Halunke, der es gut meint mit den Armen. Und Lene ist überzeugt, dieser Robin Hood ist kein Vorbild für einen wie Ludwig Bredow.

„Frau Schimmelpfennig unterliegt bei Mumps ebenfalls der Quarantäne", sagt Egs. Das hat er zu Hause aufgeschnappt. Ein bisschen was fällt immer ab von den Gesprächen der Eltern. Auch wenn deren Arbeit ihn nicht sonderlich interessiert. Aber wenn der Vater Arzt ist und die Mutter ihm als Sprechstundenhilfe assistiert, da ist kein Mangel an Gesprächsstoff in der Familie. Ob beim Essen, beim Fernsehen oder beim Autofahren.

„Dat is Schiet." Lute verfällt ungewollt in die deftige plattdeutsche Sprechweise, wie sie es täglich von den Alten hören. Die Kinder verstehen noch Plattdeutsch, aber sprechen können es nur noch wenige. Und dabei haben die Leute im Norden früher nur so geredet. Auch die Hochwohlgeborenen! Lute gefällt die Sprache, und er ärgert sich manchmal, weil einige sich genieren, wenn die Eltern in die Schule kommen und plattdeutsch reden. Und auch darum hat Lute was übrig für Frau Schimmelpfennig, die den Unterricht würzt mit plattdeutschen Ausdrücken. Wer hat so was schon zu bieten? Im ganzen Land, denkt Lute. Und ihn überkommt das Gefühl von etwas Besonderem.

„Fällt der Pioniernachmittag eben eine Zeitlang aus", sagt Egs in Lutes Gedanken hinein.

„Find ich nicht gut", antwortet Martin. Heute ist Mittwoch. Sein Tag. Ihn hat Frau Schimmelpfennig gebeten, mit der Gruppe Sport zu treiben. Das Kommando zu übernehmen. Auch über mich, hatte Frau Schimmelpfennig lachend hinzugefügt, dass der Pferdeschwanz im Nacken tanzte.

„Frau Schimmelpfennig bleibt auch nichts erspart", sagt Lene altklug. „Erst muss der Mann zur Armee, dann kriegen die Zwillinge auch noch Ziegenpeter."

„Gerade deswegen machen wir unseren Pioniernachmittag", beharrt Lute.

„Heute klappt es", sagt Martin. „Aber nächste Woche? Und die Woche drauf? Und überhaupt?"

„Tamm macht's möglich", platzt Egs dazwischen. .

„Lieber reinige ich meinem Vater die Pinsel", schwört Lene.

„So lange kann die Quarantäne doch nicht dauern", zweifelt Martin.

„Hast du eine Ahnung!", ruft Egs.

Lute fühlt, dass er etwas sagen muss. Von ihm erwarten sie Vorschläge. Er ist der Gruppenratsvorsitzende. Dass ihm nicht sofort etwas einfällt, darüber ist er ärgerlich. Aber soll die Pionierarbeit zusammenbrechen, nur weil die Lehrerin nicht da sein kann? Lute erinnert sich, dass er in der Zeitung mal was von Bevormundung gelesen hat. Auch das Wort Gängelei stand drin. Dass die Kinder immer das machen müssten, was die Lehrer anordnen, und am Ende eigentlich Lehrer die Pioniere sind. Denn sie halten den Laden in Schwung.

Das mit dem Laden stand nicht im Artikel. Aber Großvater Assmann hatte immer erklärt, dass so eine Organisation wie die ihre von innen heraus durch die Mitglieder leben muss. Überall in der Welt ist das so. Der Laden läuft so gut oder schlecht, wie die Mitglieder ihn in Schwung halten. Das ist Kuddel Assmanns Meinung. Und die stimmt immer. Wie beim Vater.

„Also was ist?" Martin blickt seinen Freund fragend an.

Lute überlegt nicht mehr. Hauptsache, die anderen machen mit. Bei Martin ist er sicher. Bei Egs auch. Soviel hat Ludwig Bredow mitbekommen. Auf Egs hat er Einfluss. Woran das liegt, weiß er nicht. Aber es ist so. Mehr als auf ihn hört er höchstens bei Lene. Wenn überhaupt.

Ein zweites Mal wird die Tür aufgerissen. Die Kinder fahren hoch. Herr Tamm steht in der Tür. Das sorgfältig rasierte Gesicht leicht gerötet. Vielleicht hat der Direktor ihn von zu Hause holen lassen? Lehrer fangen nicht immer früh um acht Uhr mit ihrem Dienst an. Manche Kinder, und auch Erwachsene, beneiden sie darum.

Die wenigsten wissen von den vielen anderen Aufgaben, die Lehrer am Nachmittag und Abend noch zu erledigen haben.

„Steht ihr immer während des Unterrichts?", fragt Herr Tamm leise. Gemeint sind Egs, Lute, Martin und Lene. „Setzt euch auf die Plätze."

„Es bleibt bei heute Nachmittag", murmelt Lute zwischen den Zähnen.

„Hast du was zu sagen?", fragt Herr Tamm.

Lute schweigt und geht zu seinem Platz. Sekundenlang blicken beide sich an. Der Junge voller Aufmerksamkeit. Der Lehrer überlegt, ob er auf das Schweigen eingehen soll. Herr Tamm stellt die Tasche auf den Tisch. Seine Blicke schweifen prüfend über die Klasse: Disziplin ist. Ordnung ist, Sauberkeit ebenso, Haltung ist – allerdings nicht bei allen ganz korrekt. Herr Tamm bindet seine Armbanduhr ab und legt sie sorgfältig ausgerichtet neben die Tasche. Zwanzig Fehlminuten. Er wird eine Menge Hausaufgaben anordnen, um die Zeit, die verloren wurde, wettzumachen.

„Welches Fach?" Herrn Tamms Augen bleiben bei Lene hängen. Das Mädchen erhebt sich widerwillig.

„Deutsch, Herr Tamm."

Sie sehen, wie es hinter der Lehrerstirn arbeitet. Geistige Kataloge werden in Sekundenschnelle bereitgestellt, Register gezogen - ein leichtes Zusammenziehen der Augenbrauen ist die letzte Schaltstufe. Dann ist das Ergebnis bereit, sprechbereit. Eine Stunde beginnt, wie tausend andere auch. Und eben das ist es, was einige aus dem Fenster sehen lässt. Heimlich.

3. Kapitel

Martin Hagedorn schenkt ihnen nichts beim Sport. Er hetzt sie über den Schulhof, dass sie glauben müssen, es geht um ihr Leben. Egs denkt mehr als einmal daran, sich einfach in den Staub zu werfen. Aber Lene sitzt da, gegen einen Torpfosten gelehnt, und schaut interessiert zu. Sie hat ein großes Hühnerauge vorgezeigt und ist von Martin zum Gerätewart ernannt worden. Nein, der dicke unbeholfene Egbert Sonntag hält durch. Als sie zum Duschraum gehen, saust das Blut in seinen Ohren. Aber er drückt die Brust heraus. So gut es geht. Und Egs mustert heimlich Martin Hagedorn. Hat der ein Kreuz! Beim Gehen sieht man die Muskeln und Sehnen. Egbert versucht diese Haltung nachzuahmen. Ob es ihm gelingt, weiß er nicht.

Auch Lute schleicht wie ein müder Gaul unter die Dusche. Er hält es mehr mit der geistigen Kondition. Seine körperliche ist gut, aber weit von Martins entfernt. Im Gegensatz zu Egs freut sich Lute, dass Martin sie gefordert hat. Kommt selten vor. Im Sportunterricht. Manchmal hat Lute den Eindruck, dass die Anforderungen für Fußkranke oder beidseitige Linkshänder ausgedacht worden sind. Damit bloß keiner zurückbleibt. Aber vom Kopf, da wird eine Menge verlangt. Lute erinnert sich an Großvater Kuddels Ausspruch: Nur in einem gesunden Körper lebt ein gesunder Geist. Auf Latein soll diese Lebensweisheit viel genauer ausgedrückt werden können, hatte er noch hinzugefügt. Aber Großvater Kuddel hat nie im Leben eine höhere Schule besucht. Ob ich später auch einmal diese Sprache beherrschen werde? denkt Lute. Anstrengen dafür will er sich. Das ist beschlossen.

„Richtig warm heute!", ruft Martin durch den Wasserdampf.

Lute nickt. Aber das kann der Freund nicht sehen. „Könntest einen Esel abbrühen. So warm ist es!"

Martin stöhnt wohlig und zieht die Badehose aus, hängt sein Handtuch über das Wandregal. „So muss es auch sein", antwortet er.

„Was hast du gesagt?", fragt Egs den neben ihm stehenden Lute. Er fragt so laut, als würde Lute im Nebenraum duschen.

„Könntest einen Esel abbrühen", wiederholt Lute nichtsahnend.