Plumpsack geht um - Hans-Ulrich Lüdemann - E-Book
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Plumpsack geht um E-Book

Hans-Ulrich Lüdemann

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Beschreibung

Der 14-jährige Lutz Grieben versucht, die Lebensgeschichte seines Vaters zu ergründen. Ist etwas dran an den üblen Verdächtigungen, dieser habe mit den Nazis zusammengearbeitet? Was sagen die Zeitzeugen? Werden diese alten Genossen überhaupt mit ihm reden? Es heißt, dass in einer Diktatur die Zensur bei Büchern sich der Ideologie bedient, während in einer Demokratie die Zensur ebenso gnadenlos durch den Markt ausgeübt wird. Im Jahr 1977 verunfallt der 33-jährige Schriftsteller Hans-Ulrich Lüdemann während seines Wehrpflichtdienstes durch die Schuld eines Offiziers, in der Folge bleibt er für den Rest des Lebens hochgradig querschnittgelähmt. Nach zehn Monaten im Lazarett erhält er vom Verlag den Andruck seines Manuskriptes Plumpsack geht um. Noch immer gezeichnet von schweren körperlichen und seelischen Einbußen beginnt er die so genannte Autor-Korrektur zu lesen. Sein anfänglicher Groll über die ohne sein Wissen vorgenommenen Textänderungen schlägt geradezu in Wut um, als er begreift, dass immer dann, wenn seine Story kritische Details über die alltäglichen Zustände in der DDR enthält, diese Passagen gestrichen bzw. durch eine andere Lesart ersetzt worden sind. Hans-Ulrich Lüdemann mobilisiert die letzten ihm verbliebenen Kräfte und macht nun seinerseits fast alle willkürlichen Änderungen an seinem Manuskript mittels Tonband-Diktat wieder rückgängig. Schließlich handelt es sich zum Teil um authentische, also um in der eigenen Familie verbürgte Geschehnisse. Gleichzeitig beschwert er sich beim Verlagsleiter Fred Rodrian. Dieser, mit dem Autor freundschaftlich verbunden, zeigt viel Verständnis für dessen Zorn. Zwar weiß er nicht zu sagen, wer derjenige war, der jene Streichungen oder Zusätze vorgenommen hat; er verspricht, dass das Buch in der Fassung gedruckt wird, die der Autor nunmehr abliefern soll. So kann es geschehen, dass das DDR-Kultur-Ministerium ein im Sinne der Ideologie korrigiertes Manuskript mit dem 3. Preis für Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet (der erste Preis wird Gerhard Holtz-Baumert, der zweite Alfred Wellm zugesprochen), erscheinen wird aber das frei von Streichungen oder Zusätzen vorliegende Buch Plumpsack geht um. Als der oberste Zensor Genosse Müller diese Panne mitbekommt, droht er anfangs den Beteiligten mit einschneidenden Konsequenzen, unterlässt jedoch alle Restriktionen aus Furcht, wegen des Vorwurfs mangelnder Aufsicht selbst davon betroffen zu werden.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2013

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IMPRESSUM

Hans-Ulrich Lüdemann

Plumpsack geht um

ISBN 978-3-86394-890-0 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 1979 bei Der Kinderbuchverlag Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Fred Westphal

Für meinen Vater

© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

6 UHR 55

„Verdammtes Insektengeschmeiß!", murmle ich schlaftrunken. Mein rechter Arm fährt vor dem Gesicht hin und her wie ein Scheibenwischer. Aber das störende Geräusch bleibt. Ich riskiere ein Auge, schließe es wieder. Sekunden später springe ich mit einem Satz aus den Federn. Die Fliege war ein Irrtum.

„Der blöde Wecker macht noch das ganze Haus mobil!" Mit dem Daumen drücke ich den Kontaktstift herunter. Die eintretende Stille ist mir unheimlich. Mich fröstelt. Ich reibe kräftig die Oberarme und kämpfe gleichzeitig gegen den Wunsch an, unter die warme Steppdecke zu kriechen. Aber die Schule! Langsam greife ich nach den Hosen. Donnerwetter! Grete hat vier Knöpfe angenäht. Endlich passen die Hosenträger von Großvater selig. In der Klasse werden sie Stielaugen kriegen. Solche urigen Dinger hat noch keiner angeschnallt. Mindestens fünf Zentimeter breit sind die Gurte ...

Ich schrecke zusammen. Vor dem Haus knallt laut ein Auspuff. Mit wenigen Schritten bin ich am Fenster. Der Riegel klemmt etwas beim Öffnen.

„Grete, was meine Mutter ist, liebt frische Luft, Freunde!" Ich nicke meiner ausgestopften Eule Meta einen guten Morgen zu. „Besonders in meinem Zimmer. Von wegen Flohkiepen auslüften."

Ich lehne mich an die Schreibplatte. Blicke in die Runde. Klein, aber mein! Das Zimmer misst höchstens neun Quadratmeter. Zentral geheizt. Komfort ist heute selbstverständlich. Aber die Größe! Ich schniefe durch die Nase: Bis ich heiraten werde, ist das längst geklärt. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Ich betrachte mir meine Menagerie. Flohkiepen! Da muss man sich an den Kopf fassen. Warum legt Grete sich deswegen immer mit mir an. Sie weiß doch, auf meine Freunde lasse ich nichts kommen: Die Graugans Alma mit ihrem leicht gelichteten Gefieder. Der einäugige Fuchs, den ich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen Nulpes getauft hatte. Das Wiesel, dem der Blutrausch im Taubenschlag zum Verhängnis geworden war. Der Kolkrabe, den ich von einem betrunkenen Seemann geschenkt bekam ...

War gar nicht einfach gewesen, an Bücher ranzukommen, in denen beschrieben steht, wie Tiere präpariert werden. Die Schule, speziell Bio-Zachert, wollte oder konnte mir nicht helfen. Statt einen Mumien-Zoo anzulegen, war ich angehalten worden, mich erst einmal eingehend mit dem Unterrichtsstoff im Fach Biologie zu befassen ...

Nicht immer leicht, mit den Großen auszukommen. Wenn die eine Meinung haben, tun sie sich überhaupt keinen Zwang an! Mumien-Zoo! Ich hab's nicht gezeigt, aber Zachert hatte mich ziemlich angeschlagen. Dabei sammele ich Tiere und Fotos von Tieren, um ihre Verbreitung auf unserem blauen Planeten darzustellen.

Grete denkt wie Bio-Zachert. Und auch Grete denkt nicht nur so — sie tut es ebenso kund! Ich dagegen, ich muss trotz meiner vierzehn Jahre reiflich abwägen, ob ich beispielsweise den von Grete über alles geliebten Zimmerbrunnen als Kitsch abtun darf.

Egal! Alles muss seinen normalen Gang gehen! Ich stemme mich hoch. Mein Gesicht sieht bestimmt aus wie eine ungeschälte Kartoffel: Jeden Morgen waschen! Dass da noch nichts erfunden wurde. Ich zieh den Kopf ein, um nicht mit den Drähten ins Gehege zu kommen, die ich von den Tieren und Fotografien zu der an der Wand hängenden Weltkarte gespannt habe. Standortbestimmung ist das, habe ich bei passender Gelegenheit meinen Leuten zu Hause erklärt. Als Otto erbost Mutter rief, weil ein feines Drähtchen ihm das Ohrläppchen geritzt hatte. Sonst kann mein Stammvater eine Menge ab, aber wenn er Blut sieht! Und noch dazu sein eigenes. Jedenfalls, beide fingen an, auf mich einzureden. Ich blieb hart. Wich um keinen Draht von der globalen Kennzeichnung ab. Als Otto was von lebensgefährlicher Freileitung knurrte, erklärte ich mich doch bereit, den feinen Trafodraht gegen einen etwas stärkeren auszuwechseln. „Aber nimm gefälligst einen", stieg Otto sofort ein, „den man erkennen kann, bevor er einem Gesicht und Hals verziert."

Auf dem Weg zum Bad schaue ich in die Küche. Ich schüttele den Kopf. Da ist aufgetischt, als wäre ich eine neunköpfige Raupe! Mit dem entsprechenden Appetit! Grete glaubt wohl, wir haben in den zwei Tagen auf unserem Klassenausflug zur Kunstausstellung in Dresden nicht genug zu essen bekommen. Vertan die Zeit, am Frühstückstisch zu sitzen. Meine Devise lautet: Das Brot ist in die Faust zu nehmen! An der frischen Luft, auf dem Schulweg also, ist die Mahlzeit viel gesünder! Leider hält Grete von meiner Weisheit nicht sehr viel. Zumindest, was dieses Thema angeht.

Gerade als ich mich tiefer zum Spiegel beuge, um die dunklen Punkte - Ansätze eventueller Barthaare - auszumachen, da klingelt das Telefon. Ich lasse mir Zeit. Ein Bein vors andere, so balanciere ich in den Flur. Ist bestimmt die spleenige Sylvia. Fragt nach dem neuen Stundenplan. Aufdringlich in der letzten Zeit, das Mädchen. Ich werde ihr mal ein paar Takte sagen müssen. Endlich reiße ich den Hörer ans Ohr.

„An der Muschel?!"

„Wer ist dort?"

„Dein Sohn in höchsteigener Person, Frau Grete Grieben!" In diesem Moment könnte ich mich küssen vor Wohlbehagen. In der Morgenstunde ein Gag, verliert die Schule jeden Schreck. Oder so ähnlich ...

„Sei nicht albern, Lutz! Ich soll dir von Vater einen schönen Gruß bestellen ..."

Stille. Ich presse den Hörer fester ans Ohr und will schon rufen, ob die Post wieder eines ihrer Verwechsel-Das-Telefon-Spiele oder den Leitungsknoten drauf hat, als Grete wiederholt, dass Vater mir schöne Grüße bestellt! Ich antworte gelassen wie ein Königspudel nach der Schur: „Danke!"

Grete räuspert sich und redet weiter: „Vater ist schon heute morgen um sieben abgefahren. Seine Kur ist vorverlegt worden. Du hast gestern schon geschlafen, als wir nach Hause kamen. Hat dir die Klassenfahrt gefallen? Ist doch alles in Ordnung, Junge?"

Ich atme tief durch. Ich weiß jetzt Bescheid. Lasse Grete aber noch etwas zappeln. „Alles in Ordnung", sage ich dann. „War 'ne prima Sache in Dresden. Nur ziemlich müde war ich."

„Hab ich dich geweckt, Lutz?"

„Nein!" Mein Gähnen würde ein Rudel Löwen an Gewitter glauben lassen.

„Hört sich an, als wenn Kühe auf der Wiese stehen und aufs Melken warten", reagiert Grete prompt.

„Du kennst dich aus auf dem Land, Muttchen. Vielleicht krieg ich mal eine ausgestopfte Kuh für meine Sammlung."

„Was ich sagen wollte", lenkt Grete sofort ab, „du hättest deinen Vater sehen sollen! Wie aufgeregt er war. Das erste Mal in seinem Leben zur Kur. In dem Alter!"

„Lass ihn das bloß nicht hören", warne ich.

„Was?"

„Dass er fast zwanzig Jahre älter ist als du."

„Wer redet denn davon, Junge. Stell dir vor, der Betrieb war auf dem Bahnhof vertreten. Der Genosse Buttlich ..."

„Donnerwetter! Der Genosse Buttlich!" Wer um alles in der Welt ist dieser Genosse Buttlich, dass Grete beinahe ehrfürchtig von ihm spricht!

„Toll, was? Immerhin ist er Vaters Betriebsleiter!"

„Betriebsleiter?"

„Aber Lutz! Ich denke, du kennst ihn!"

„Wen?"

„Genossen Buttlich! Den Betriebsleiter vom Kraftverkehr!"

Gretes Stimme klingt ungeduldig. Trotzdem sage ich betont desinteressiert: „Ach, den!"

Grete seufzt. Ich griene. Stelle mir ihr verdutztes Gesicht vor. Kleine Revanche für — Flohkiepen auslüften. Gretes Schweigen dauert mir zu lange.

„Mein ulkiger Tag heute, Muttchen", sage ich einlenkend.

„Hoffentlich haben deine Lehrer was übrig für solchen Humor, Junge. Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht. Ich vergesse noch das Wichtigste: Vater ist in die Fahrdienstleitung delegiert worden! In Anbetracht der hervorragenden Leistungen, hat Genosse Buttlich gesagt. Und dass er extra zum Bahnhof gekommen ist, weil er der erste sein wollte, der die Nachricht überbringt, hat er noch hinzugefügt. Du weißt, ich habe Vater schon lange in den Ohren gelegen. Das Busfahren ist nichts mehr für ihn. Zuviel Autos auf den Straßen. Auch wenn die Ärzte sagen, er ist ein Ausbund an Gesundheit ... Lutz?! Bist du noch da?"

Ich schnaufe durch die Nase. Vorbei ist die gute Stimmung. Ich spür die Zunge auf meinen Lippen. Aber Grete schwätzt weiter: „Urlaubstage kriegt unser Vater auch mehr. Können wir uns endlich besser um den Garten kümmern!"

Meine Backenzähne mahlen. Da hat Otto sich was einfallen lassen. Besser konnte er mir nicht die Tour vermasseln. Nicht nur mir — auch sich selbst. Und Grete dazu ...

„Fein, was? Da nimm dir ein Beispiel, Junge. Na ja, kommt alles, wenn du die Erweiterte Oberschule hinter dir hast."

„Damit ist es jetzt Essig!", fauche ich. Tränen stehen mir in den Augen. Ein Glück, dass mich niemand sieht. Ich presse die Zähne aufeinander. Lust überkommt mich, den Hörer einfach hinzuwerfen. Oder die Schnur abzureißen. Ahnt Grete nicht, was diese Beförderung für mich bedeutet? Hat niemand an die Folgen gedacht?

„Du sagst ja gar nichts, Lutz?"

„Ich freu mich riesig! Für das Familienoberhaupt", sage ich grimmig. „Hat er es doch noch geschafft. Wenn auch nach der Rente!"

„Was heißt er?"

„Dein Mann", verbessere ich und grübele, wie ich Grete auf Touren bringen kann. Mir ist mächtig danach. Aber mein Kopf ist wie ein Luftballon. Nichts als Luft darin. Keine Spur eines rachsüchtigen Einfalls. Von wegen Beförderung und ich mich darüber freuen!?

„Was soll Vater geschafft haben?", fragt Grete harmlos.

Ich fühle meine Adern anschwellen und bewege die Lippen. Dann sage ich: „Was er geschafft hat? Den Sprung aus der Arbeiterklasse! Ist doch jetzt Angestellter! Da kann ich meinen Antrag für die EOS einpökeln!" Ich halte die Luft an. Spüre mein Herz bis zum Hals. Die Lippen zittern gegen meinen Willen.

„Du spinnst, Lutz!", ruft Grete. „Was hat Vater mit deiner Oberschule zu tun! Er will heute Abend anrufen. Sagen, wie er angekommen ist und so. Dass du pünktlich zu Hause bist, Lutz. Wir haben heute bis zwanzig Uhr geöffnet ... Aber was du dir manchmal in den Kopf setzt, Junge ..."

Ich lege auf. Im gleichen Augenblick tut es mir leid. Ich starre den graufarbenen Apparat an, ohne etwas zu sehen. Kann Grete was dafür, dass Otto sich für die Fahrdienstleitung qualifiziert hat? Wie viel mir an der Penne liegt, merke ich jetzt erst. Wieso eigentlich? War mir sonst nicht so wichtig. Grete und Otto wollten immer, dass ich zur Penne geh. Aber warum eigentlich? Die Arbeiterklasse ist doch die fortschrittlichste Klasse. Sie hat die Macht in unserem Staat! Arbeiter mit Abitur? Ich schüttele den Kopf. Irgendetwas stimmt da nicht. Aber was? Otto könnte es mir erklären. Heute Abend. Am Telefon. Aber ich glaube nicht, dass ich scharf bin auf seine Erklärung. Überhaupt nicht. Interessiert mich gar nicht mehr. Erledigt. Basta ...

Ich starre noch immer auf das Telefon. Wünsche, dass es wieder klingelt. Gleichzeitig spüre ich Angst vor dem hässlichen, schrillen Laut. Was soll ich Grete sagen? Dass mir kalt geworden war? Dass ich meine Hochwasserhosen geholt habe? Dass ich ...

Ich kaue auf den Lippen. Von der Hochwasserhose sollte ich nicht anfangen. Das zweite Mal habe ich die Jeans aus der Waschmaschine geangelt. Stehen vor Dreck, behauptet Grete. Man schämt sich direkt vor den Lehrern. Neue Hosen will ich aber nicht. Sehen so aufdringlich nach Laden aus. Piekfein. Ich mach mich doch nicht lächerlich! Wenn die aus der Klasse sich über den Mumien-Zoo scheckig gelacht haben — darauf ist was gepfiffen. Aber was die Jeans angeht...

Ich könnte sagen, dass mir der Hörer runtergefallen ist. An solche Ausreden ist Grete gewöhnt. Aber es klingelt kein zweites Mal. Sie ist bestimmt auf dem Weg zu ihrer Kaufhalle. Um den Platz hinter der Kasse pünktlich zu besetzen. Ich schleiche ins Bad zurück. Auf halbem Weg kehr ich um. Steige langsam in die von Grete übel beleumdete Röhrenhose. Auch das Knallen der uralten Trägergummis kann mich nicht aufmotzen.

„Das wird noch ein Tag", seufze ich ahnungsvoll und rubbele mit der flachen Hand über die Stirn. Woher kommt das bloß? Dass ich mich in der letzten Zeit oft nicht leiden kann?

9 UHR 30

Ich hab's geahnt! Dieser Tag ist einer von denen, da wäre ich besser erst gar nicht aus dem Bett gestiegen. Kaum trat ich aus dem Haus, traf ich Lissy. Die schwarze Lissy, hinter der nicht nur die Jungen der achten Klasse her sind. Einer vielleicht ausgenommen. Ich — Lutz Grieben. Das soll nicht heißen, dass ich mir nichts aus Mädchen mache. Nur — Lissy steht unerreichbar hoch. In meinen Augen. Und was auf eine solche Distanz von mir entfernt ist — da rühr ich kein Bein. Da schweigt mein Ehrgeiz. Ich mach mich doch nicht lächerlich! Klar, die lange Lissy mit den schwarzen Haaren — nein, Lutz Grieben ist kein Hampelmann. Geht mir auf den Docht, wenn sie von ihrer Westverwandtschaft quatscht. Geldscheine von drüben wie Heiligenbilder rumreicht. Ich bin auch mal mitgegangen in so einen Intershop. Lissy war ganz Dame. Einfach Klasse. Als wir wieder draußen standen, hab ich einen Kaugummi gekriegt. Dafür auch noch Dankeschön sagen?! Wo ich dieses Wort sowieso schwer über die Lippen bringe. Woher das rührt, ich weiß es nicht. Meine Leute zu Hause haben schon genug geforscht. Es gab Zeiten, da hat es Grete fast den Schlaf gekostet. Weil ihr die Verwandten im Traum erschienen sind. Onkel und Tante kapieren einfach nicht, dass ihr kleiner Lutz nicht ganz lieb danke sagen kann. Mittlerweile ist das Kapitel abgehandelt. Mit vierzehn Jahren bin ich immerhin Manns genug, an der Zigarre zu ziehen, die Onkel Benno mir hingehalten hat. Auf der Jugendweihe. Nicht im Theater bei der Feier. Hinterher. Kurz vor Mitternacht. War verdammt anstrengend, das Palaver der Alten anzuhören. Otto erzählt wenigstens keine Witze. Er erzählt überhaupt nicht viel. Von früher am allerwenigsten. Wenn Onkel Benno dabei ist, kriegt Otto die Zähne gar nicht auseinander. Können sich beide nicht besonders riechen. Passte Onkel Benno wohl nicht, dass seine Schwester Grete einen Mann nimmt, der schon mal verheiratet war, der ihr Vater hätte sein können. Egal, meine Jugendweihefeier kann man vergessen. Da wäre ich lieber zu Lissy gegangen. Aber die hätte wieder mit ihrer Westverwandtschaft geprotzt. Lieber zu Sylvia! Sie ist aus Langeweile schon vor Mitternacht in die Falle gegangen. Hat sie erzählt. Find ich eigentlich ganz gut, dass Sylvia neben mir sitzt. Da kann mich nichts ablenken. Bei Lissy wäre ich mir nicht so sicher. Wobei Zachert ein verdammt scharfer Hund sein kann. Wenn er mitkriegt, dass einer nicht bei der Sache ist ...

„Lutz Grieben!"

Ich reiße den Kopf hoch. Zachert hält seine Argusaugen starr auf mich gerichtet. Die Pupillen dunkel und punktartig. Ob sie sich in der Dunkelheit weiten, denke ich und schimpfe im gleichen Moment mit mir. Schließlich ist es wichtiger, darüber zu grübeln, was Bio-Zachert von mir will. Überhaupt — das ist mir noch nie passiert. Ich sehe auf dem Tisch vor mir das Russischbuch liegen. Also haben wir jetzt Russisch und nicht Bio? Ich seufze. Am ganzen Theater ist Otto schuld. Seine verdammte Versetzung in die Fahrdienstleitung ...

„Wo nichts ist, ist nichts", sagt Zachert, der auch Zachert-Iwan genannt wird, gelassen. Er stößt sich vom Fenster ab und geht zum Klassenbuch.

Unheil, nimm deinen Lauf. Da schwirr ich am besten ab nach Hause, ehe ich noch mehr Schicksalshiebe einfange. Erstaunlicherweise zückt Zachert-Iwan nicht den rotfarbenen Kugelschreiber. Seine kräftige Tatze fällt auf die Tischplatte nieder. „Blosseck!", knurrt Zachert.

Ich zucke zusammen. Keiner von uns weiß, was dieses Wort bedeutet. In den russisch-deutschen Wörterbüchern und umgekehrt ist es nicht zu finden. Wir haben uns bemüht. Das kann ich beschwören. Fakt ist, Zachert gebraucht es nur, wenn er jemanden am Boden zerschmettern möchte. Ausgerechnet heute scheint Lutz Grieben an der Reihe zu sein.

„Ich bin doppelt so alt wie ihr. Eure Eltern sind vielleicht doppelt so alt wie ich. Und selbst von denen, so scheint es mir, lasst ihr euch nicht mehr viel sagen. Aber ihr müsst doch langsam erkennen, dass man ohne Fremdsprachen im Leben nicht auskommt ..."

Ich lasse mich vorsichtig auf meinen Stuhl sinken. Zum Blitzableiter für die Klasse bin ich nicht stark genug. In Russisch.

„Lutz Grieben!"

Ich schraube mich langsam wieder hoch. Nichts als Missverständnisse an diesem Morgen. Zachert-Iwan sieht mich auffordernd an. Aber was soll ich sagen? Ihm etwa recht geben? „Französisch macht mir mehr Spaß, Herr Zachert."

Zachert legt den Kopf ein wenig schief. Er öffnet den Mund, aber dann winkt er ab. Geht zum Fenster, dreht sich wieder zu uns und schlägt das Buch auf: Zehnte Lektion. Wiederholung.

Aufatmend rutsche ich langsam auf den Stuhl zurück. Zu früh.

„Verflucht, Lutz Grieben! Muss ich dich etwa agitieren, was die Sprache des Sowjetlandes für uns bedeutet?! Von dir kam doch der Gedanke, dass die Klasse in die DSF eintritt. Geschlossen. Aber lasst euch sagen: Geschlossen in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft zu sein, ist eine Sache. Ansprechende Leistungen im Fach Russisch zu haben, keine zweite, sondern sie ist Voraussetzung. Der vorgenannten immanent. Wenn ihr das versteht."

„Nein, versteh ich nicht", sage ich respektlos und drücke das Kreuz gerade. Über Fremdwörter reden ist mir lieber, als im Fach Russisch abgekanzelt zu werden.

„Einen Duden wirst du wohl haben, Lutz? Oder den Liebknecht – ein Fremdwörterbuch." Zachert grinst bei seinen Worten. Er hat den Braten gerochen. Da bin ich felsenfest überzeugt.

„Wie ihr wisst, habe ich in der SU studiert. Es ist schade, dass euch eigene Eindrücke aus der Sowjetunion fehlen. Dann hättet ihr eine völlig andere Einstellung zu dieser Sprache. Mir sowieso rätselhaft, wie ihr Freundschaft mit der Großen Sojus halten wollt, wenn ihr zu faul seid, die Amtssprache dieser Völker zu lernen. Ich habe damals nebenbei in Baku aserbaidschanisch gelernt. Aus Höflichkeit meinen Gastgebern gegenüber ..."

„In der 7. Klasse ist Russisch ein halbes Jahr ausgefallen", sage ich leise.

Zachert-Iwan wirft seine Mähne mit gekonntem Schwung nach hinten. „Darauf werdet ihr euch noch am Ende eurer Tage berufen. Wie ich euch kenne!"