Der Fluch der Götter - Alexandra Fuchs - E-Book
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Der Fluch der Götter E-Book

Alexandra Fuchs

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Beschreibung

Tritt ein in eine mystische Welt voller Magie und Geheimnisse
Die spannende Romantasy für Fans der Gods of Ivy Hall-Reihe

Als Laurie wegen eines tragischen Schicksalsschlags aufs Internat verbannt wird, ist sie fest entschlossen, niemanden an sich heranzulassen. Doch in dieser Schule scheinen seltsame Dinge vor sich zu gehen – Laurie kann einen Jungen sehen, den niemand sonst sieht. Trotzdem beginnt sie sich Maris zu öffnen und schließt dank ihm sogar neue Freundschaften. Aber wer ist er wirklich und wohin verschwindet er immer wieder? Als Laurie herausfindet, dass Maris etwas innerhalb des Internats beschützt, das niemand entdecken darf, überschlagen sich die Ereignisse. Doch was ist Lauries Rolle in diesem gefährlichen Spiel? Und kann sie das Geheimnis um ihr Schicksal lüften, bevor es zu spät ist?

Erste Leserstimmen
„Griechische Mythologie trifft auf gefühlvolle Romantik – ich bin verzaubert!“
„Sowohl Lauries Trauer als auch die aufkeimende Liebe sind sehr berührend und einfühlsam beschrieben.“
„Wer wie ich auf Urban Fantasy steht ist hier genau richtig. Große Vorfreude auf weitere Teile!“
„Ich liebe das Highschool-Setting und wäre nach dem Lesen dieses fantastischen E-Books selbst gerne Schüler auf der Kingswood Castle Academy …“

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Seitenzahl: 418

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Über dieses E-Book

Als Laurie wegen eines tragischen Schicksalsschlags aufs Internat verbannt wird, ist sie fest entschlossen, niemanden an sich heranzulassen. Doch in dieser Schule scheinen seltsame Dinge vor sich zu gehen – Laurie kann einen Jungen sehen, den niemand sonst sieht. Trotzdem beginnt sie sich Maris zu öffnen und schließt dank ihm sogar neue Freundschaften. Aber wer ist er wirklich und wohin verschwindet er immer wieder? Als Laurie herausfindet, dass Maris etwas innerhalb des Internats beschützt, das niemand entdecken darf, überschlagen sich die Ereignisse. Doch was ist Lauries Rolle in diesem gefährlichen Spiel? Und kann sie das Geheimnis um ihr Schicksal lüften, bevor es zu spät ist?

Impressum

Erstausgabe August 2020

Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-095-4 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-201-9 Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-902-5

Covergestaltung: Vivien Summer unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Pongstorn Pixs, © jantima14, © Angelo DAmico, © in freedom we trust, © Archiwiz Lektorat: Janina Klinck

E-Book-Version 22.12.2023, 13:45:53.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Der Fluch der Götter

Für meine Stammtischmusen Lisa und Jenny.

Weil ihr wusstet, dass es episch wird, bevor es überhaupt existierte <3

Für dich.

Glaube immer an die Magie und greife selbst in den dunkelsten Tagen nach der Hoffnung.

Playlist

Dorian – Agnes Obel

Castles – Freya Ridings

Lonely Star – Oh Wonder

Let Me Down Slowly – Alec Benjamin

Put a Little Love On Me – Niall Horan

Myself – Post Malone

Lights Up – Harry Styles

Wildflower – 5 Seconds of Summer

everything i wanted – Billie Eilish

Mind is a Prison – Alec Benjamin

You Can’t Stop the Girl – Bebe Rexha

In the Dark – Solence

Handmade Heaven – MARINA

Freaking Me Out – Ava Max

Don’t Let It Break Your Heart – Louis Tomlinson

Prolog

Mitte des 14. Jahrhunderts

Schatten und Nebel umspielen die Ebene zwischen den Bäumen, während die Dunkelheit langsam über den Boden kriecht und den Tag ablöst. Mit schnellen Schritten bahne ich mir einen Weg über die Wiese und durch die Bäume zu dem kleinen Vorsprung. Die feinen Äste piksen mir in die Fußsohlen, aber ich spüre sie kaum, habe nichts anderes vor Augen als mein Ziel. Ich muss es sehen, herausfinden, ob das Schicksal sich bewahrheitet. Ob die Götter wirklich bereit sind, alles zu zerstören. Ihre Welt und die der Menschen.

Mein Blick schweift über das Tal, das unter mir liegt, und bleibt am Horizont hängen. Langsam sinkt die Sonne tiefer, bis lediglich ein feiner orangefarbener Streifen zurückbleibt, als letzter Beweis für ihre Anwesenheit. Ein Zeuge, der in absehbarer Zeit verschwunden sein wird, sobald die Dunkelheit über die Erde herrscht.

Nur noch wenige Sekunden, dann ist es soweit. Ich spüre, was geschehen wird, und halte den Atem an. Kurz bevor die Nacht den Tag ablöst, als beide in der Waage stehen, erscheint der blaue Schimmer. In Windeseile breitet er sich aus, schafft eine Brücke, die den Weg in die Götterwelt freigibt, und erschüttert damit das Gleichgewicht der Welten.

Eine Sekunde, die alles verändert. Ein Augenblick, der uns zerstören wird.

Erst nachdem das Schauspiel vorbei, der Himmel nicht länger vom göttlichen Feuer erleuchtet ist, atme ich wieder ein. Meine Knie geben nach und ich sinke zu Boden, niedergedrückt von der Unausweichlichkeit des Kommenden. Tränen bahnen sich einen Weg über meine Wangen hinab zu meinem Kinn.

Die Luft wird kälter, umspielt meine geschundene Seele und bringt Linderung. Zwar verschwindet der Schmerz nicht, doch ich kann einen klaren Gedanken fassen. Wütend balle ich die Hände zu Fäusten und erhebe mich. Es gibt keinen anderen Weg. Vor Jahren habe ich sie gewarnt. Meiner Bestimmung folgend habe ich vorausgesehen, was passieren wird. Allerdings hinderte ihre Arroganz die Götter daran, die Wahrheit zu erkennen. Nun haben sie keine andere Wahl, nun werde ich sie zwingen, sich dem Schicksal zu unterwerfen.

Koste es, was es wolle.

Kapitel 1

Willkommen im Irrenhaus

„Und da vorne ist der Mädchentrakt“, endet Mr Hendriks endlich. Seit mehreren Minuten habe ich ihm nicht mehr zugehört, sondern lediglich ab und an mit dem Kopf genickt. Ob er ‚das Refugium der weiblichen Schülerschaft’ wohl betreten wird? Seine Wortwahl, nicht meine, versteht sich. Nach dem Vortrag über die strikte Trennung der Geschlechter bin ich mir nicht so sicher.

Er stößt die kotzgrüne Flügeltür auf, und ich bin verblüfft, wie hell es im Inneren des Korridors ist, obwohl das alte Gemäuer aus dicken Steinwänden besteht. Die Fenstervorsprünge sind mindestens dreißig Zentimeter tief, doch helles Holz auf dem Boden und weiße Farbe an den Wänden verschönern diesen Teil der Schule und lassen ihn im Gegensatz zum Rest, den ich bisher gesehen habe, richtig heimelig wirken.

Mr Hendriks räuspert sich und ich blicke ihn an. Lächelnd deutet er ans Ende des Korridors. „Dein Zimmer befindet sich ganz hinten rechts.“

„Danke für die Führung“, brumme ich und mache mich endlich auf den Weg Richtung Bett. Ob Mr Hendriks den Flügel tatsächlich grundsätzlich nicht betritt oder spürt, in welcher schlechten Stimmung ich bin und mir meinen Freiraum lassen will, weiß ich nicht und es ist mir egal. Seit Stunden wünsche ich mir kaum etwas sehnlicher, als mich unter das Bettlaken zu verkriechen und den Tränen freien Lauf zu lassen.

Schnellen Schrittes gehe ich den Flur entlang. Links scheint die Sonne durch die Fenster, während rechts Türen in verschiedene Räume abgehen. Ich drücke die Schuluniform, die man mir ausgehändigt hat, an meine Brust. Beinahe so, als könnte sie mich vor allem Unheil schützen.

Kingswood Castle wird für die nächsten zwei Jahre mein Zuhause sein, ob ich will oder nicht. Und ich will nicht. Definitiv nicht. Aber mich fragt niemand. Weder meine Tante noch das Schicksal. Alle treffen munter Entscheidungen für mich, zu meinem Besten … schon klar.

Vor der letzten Tür bleibe ich stehen. Mein zukünftiges Zimmer. Ich atme tief durch und straffe die Schultern. Dann trete ich ein, ohne zu klopfen, schmeiße die Tür hinter mir ins Schloss und warte darauf, dass mich jemand für den Ausbruch rügt. Doch es bleibt still.

Gott sei Dank.

Ich bin alleine, endlich. Leider wird das wohl nicht lange so bleiben, denn es stehen zwei Betten im Zimmer.

Scheiße, ich habe es befürchtet.

Mein Koffer und die Tasche stehen rechts neben einem der Schreibtische. Meine wenigen Habseligkeiten hat ein Angestellter auf mein Zimmer gebracht, während Mr Hendriks mir das Internat gezeigt und die Hausregeln erklärt hat.

Frustriert schmeiße ich mich auf das Bett, dessen Laken unberührt sind. Aus dieser Perspektive ist meine Lage zwar kaum besser, dennoch fühle ich mich geborgener. Das Bett versteht mich, es tröstet mich. Mein bester Freund, der mich noch nie enttäuscht hat. Sanft fahre ich mit den Fingern über die weiße Decke, als würde sie meine Gefühle erspüren.

Okay, Laurie, jetzt drehst du durch.

In dem Moment fliegt die Tür auf, was mich vor einem hysterischen Lachanfall oder einer verzweifelten Heulattacke bewahrt. Die Chancen stehen jedes Mal fifty-fifty.

„Holy shit“, entfährt es der jungen Frau, die mir gegenübersteht. „Was ist denn mit dir los?“

Gute Frage, die ich lieber unbeantwortet lasse. „Ich bin Laurie“, sage ich stattdessen und richte mich mühsam auf. Der Tag war zu viel. Und das vor dem Nachmittagstee.

„Samira“, antwortet meine neue Zimmergenossin und schließt die Tür hinter sich. Ihr dunkles Haar fällt in leichten Wellen über ihre Schulter und blendet mich beinahe mit seinem Glanz. „Geht’s dir gut? Du siehst aus wie ein Zombie.“

Ihre Offenheit überrascht mich, trotzdem ist sie erfrischend und angenehm. An einer Schule, deren Schulgebühr das Jahresgehalt vieler Engländer übersteigt, habe ich mit mehr aufgesetzter Höflichkeit gerechnet.

„Das ist leider mein Gesicht, das sieht immer so aus“, antworte ich trocken.

„Ach du Kacke.“ Sofort schlägt sie sich die Hände vor den Mund. Dann lässt sie die Finger langsam sinken. „Wie unhöflich von mir. Das tut mir leid. Also nicht dein Gesicht, sondern die Tatsache, dass mein Mund schneller ist als mein Hirn.“

Ich pruste los und verschlucke mich beinahe an meinem eigenen Lachen. Das Geräusch klingt fremd in meinen Ohren und verwirrt halte ich inne.

„Ich mache es wohl nur schlimmer“, stellt sie fest und schaut mich reumütig an, ich schüttle lediglich den Kopf.

„Tut mir leid. Das war ein Scherz.“

„Oh, dann hab ich dich nicht beleidigt?“, fragt sie vorsichtig.

„Nein.“ Tatsächlich fühle ich mich zum ersten Mal seit … keine Ahnung wann frei und ausgelassen.

Samira setzt sich auf ihr Bett, das meinem direkt gegenüber steht. „Gut, ich neige leider dazu, alles auszusprechen, was mir durch den Kopf geht. Das kommt bei den meisten eher schlecht an.“

„Kann ich mir vorstellen.“ Die Wahrheit ist schwer zu verkraften. Keiner weiß das besser als ich.

Samira mustert mich und ich tue es ihr gleich. Sie trägt die grüne Schuluniform mit dem Wappentier, dem Hirsch, daher lässt mich ihre Erscheinung kaum Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit ziehen.

„Wenn du magst, zeige ich dir den Mädchenflügel“, sprudelt es auf einmal aus ihr hervor, und ich frage mich, ob sie Luft holt, während sie spricht.

Ich wäge einen Augenblick meine Möglichkeiten ab. Eigentlich habe ich keine Lust, mich länger zu unterhalten, und wäre lieber alleine. Doch ohne Samiras Hilfe werde ich mich hier sicher nie zurechtfinden und morgen beginnt bereits der Unterricht. Außerdem muss ich zwangsläufig mit ihr klarkommen, immerhin wohnen wir die nächste Zeit zusammen. Und das soll so unkompliziert wie möglich sein. Daher nicke ich. „Gern. Muss ich meine Uniform dafür anziehen?“ Der Internatsalltag ist mir fremd, ich habe zuvor eine öffentliche Schule in London besucht. Zumindest bis meine Tante genug von mir hatte und beschloss, dass sie zu jung sei, um ein Kind aufzuziehen. Dabei spielte es keine Rolle, dass ich fast erwachsen bin und gar keine Erziehung mehr brauche.

„Nein, ich wollte mich sowieso gerade umziehen.“ Samira springt förmlich auf und schüttelt sich den Blazer von den Schultern. Woher nimmt sie nur die Energie? Von ihrem Enthusiasmus angesteckt erhebe ich mich, streiche meinen schwarzen Rock glatt und ziehe den Hoodie, der nach oben gerutscht ist, zurecht. Ein kurzer Blick in den Spiegel an der Tür zeigt mir das ganze Ausmaß von Zombie-Laurie. Kein Wunder, dass Samira sich erschreckt hat. Der dunkelrote Lippenstift ist verschmiert und die Wimperntusche verwischt. Schnell krame ich in meinem Rucksack nach dem Kosmetiktäschchen und mache mich … Mist, wo ist das Badezimmer?

Samira scheint meine Verwirrung zu bemerken. „Dritte Tür links.“

„Auf dem Gang?“, entfährt es mir und mir wird mit einem Schlag das Ausmaß ihrer Worte bewusst.

Gemeinschaftsduschen. Gemeinschaftstoiletten.

Oh. Mein. Gott.

„Scheiße, du dachtest wir haben unser eigenes Bad“, umreißt Samira meine Gedanken, die mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben stehen. Ich nicke nur, unfähig das Gefühl, das mich komplett ausfüllt, zu beschreiben. Welcher Unmensch ist auf den Gedanken gekommen, Gemeinschaftsbäder zu erfinden? Privatsphäre schreibt man auf Kingswood Castle anscheinend groß.

„So schlimm ist es nicht, versprochen“, tröstet Samira mich.

Obwohl ich das bezweifle, verlasse ich unser Zimmer, habe schließlich gar keine Wahl. Zombie-Laurie muss verschwinden, bevor sie noch mehr Menschen erschreckt.

Wie ferngesteuert tragen mich meine Beine drei Türen weiter und ich male mir die schlimmsten Dinge aus: Wild kreischende Mädchen, die missbilligend die Körper der anderen begutachten.

Langsam drücke ich die Klinke hinunter und trete ein. Meine Angst, mir einen Waschraum mit all den Mädchen auf dem Stockwerk zu teilen, stellt sich als unbegründet heraus. Es gibt vier Waschbecken, die sich jeweils zwei Mädchen zu teilen scheinen, denn auf jedem stehen je zwei Zahnbürstenbecher und diverse verschiedene Fläschchen und Tiegelchen. Nur eine Seite des hintersten Waschbeckens rechts ist leer, das wird dann wohl mein Platz sein.

Ein Durchgang führt in einen etwas kleineren Raum, in dem zwei separate Duschkabinen untergebracht sind. Samira hatte recht, so schlimm ist es nicht. Zumindest wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten duschen. Und die Toiletten sind in einem eigenen Raum untergebracht, ein enormer Pluspunkt.

Ich sehe mich einen Moment um, überprüfe den Sauberkeitszustand (alles top, kein Schimmel) und stelle meine Kosmetiktasche dann auf das Waschbecken mit nur einer Zahnbürste. Sicher Samiras, doch eigentlich ist es egal. Ich kenne sie nicht besser als die anderen Mädchen, mit denen ich mir das Bad teile.

Kurz umklammere ich den kalten Beckenrand mit meinen Fingern und lasse den Kopf hängen. Ich atme durch und gönne mir den Moment des Alleinseins. Ich vermisse meine Eltern, meine Freunde und mein altes Leben.

Stopp, nicht zurückschauen, Laurie. Es geht nach vorne. Immer nur voraus, höre ich meine Mom im Geiste. Sie hasste es, wenn ich den Kopf in den Sand steckte, all die guten Dinge in meinem Leben vergaß und stattdessen der Dunkelheit die Oberhand ließ. Doch ehrlich gesagt fällt es mir gerade schwer, etwas Positives zu finden.

Ich drehe den Hahn auf, lasse Wasser in meine Hände laufen, die ich zu Schalen forme, und benetze dann die Augen damit. Die Kälte ist erholsam und hilft mir, meine Gedanken im Zaum zu halten. Das hier ist nicht das Ende, es ist ein neuer Anfang. Das muss es sein.

Während das Wasser von meinem Gesicht tropft, wird mir bewusst, dass ich gar kein Handtuch mitgenommen habe. Kurzerhand wische ich mir mit den Ärmeln meines schwarzen Lieblingshoodies über die Haut. Der Blick in den Spiegel offenbart mir, dass ich es damit allerdings nur schlimmer gemacht habe. Mein schwarzes Haar hängt verstrubbelt und glanzlos herunter und meine schmalen Augen mustern mich kritisch. Ich ziehe die Haarbürste hervor, doch leider hilft es nur wenig, die dicken Strähnen zu bändigen. Eindeutig die südländischen Gene meiner Mutter. Mithilfe eines Wattepads und Seife entferne ich die Reste des verbliebenen Make-ups, tusche mir dann die Wimpern und versuche die dunklen Ringe unter den Augen zu verstecken. Die letzten Nächte habe ich kaum geschlafen, aber das muss ja nicht gleich die ganze Schule wissen. Kurz überlege ich, ob ich den dunkelroten Lippenstift weglasse, dann entscheide ich mich, ihn aufzutragen. Ich fühle mich gut mit ihm, ansehnlich und normal. Wieso sollte ich darauf verzichten, nur weil hier die Uhren anscheinend noch auf Achtzehnhundert stehen? Zumindest was die strikte Trennung der Geschlechter anbelangt.

Halbwegs vorzeigbar verlasse ich das Badezimmer und gehe zurück zu Samira. Sie hat sich mittlerweile aus ihrer Uniform geschält und ist auf bequemere Klamotten umgestiegen. Ihr grauer Hoodie sitzt perfekt und ist im Gegensatz zu meinem keine zwei Nummern zu groß. Dazu hat sie eine schwarze Jeans kombiniert und ihr Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten.

„Besser“, kommentiert Samira mein Aussehen und beißt sich dann auf die Unterlippe.

Ich überprüfe derweil mein Outfit im Spiegel. Die dicken Wollsocken schauen aus meinen schwarzen Schnürstiefeln und ich ziehe sie zuerst ein Stück hoch, um sie dann zusammenzuraffen. Dabei fahre ich über eine Laufmasche in meiner dunklen Strumpfhose, aber sie stört mich nicht. Den Hoodie stecke ich vorne leicht in meinen schwarzen Jeansrock und schiebe die Ärmel bis zu den Ellbogen nach oben.

„Ich mag deinen Style“, kommentiert Samira und ihre Worte schmeicheln mir. Normalerweise bin ich nicht eitel, doch ich will einen guten Eindruck hinterlassen. Unter dem Radar der anderen fliegen und keinesfalls auffallen. Deswegen ist es mir wichtig, dass ich mich an meinem ersten Tag wohlfühle und der Nervosität die Stirn biete.

„Danke. Jetzt bin ich wieder vorzeigbar. Normalerweise lasse ich Zombie-Laurie nur selten raus.“

Samira überlegt einen Augenblick, dann kommt sie auf mich zu, hakt sich bei mir ein und dreht uns herum. „So schlimm fand ich dein Zombie-Ich gar nicht. Ich hab mir nur Sorgen gemacht, dass du auf mein Gehirn aus bist.“

„Gehirn gibt’s nur an Vollmond, ich kann dich also beruhigen, du kannst dich noch einige Tage an deiner Intelligenz erfreuen“, entgegne ich auf ihren Kommentar und lasse die Unbeschwertheit in mein Herz. Es sticht einen Moment, doch der Schmerz ist mir vertraut und ich heiße ihn willkommen. Seit dem Tod meiner Eltern beherrscht er mich und hält mich auf dem Boden der Tatsachen. Er ist zu einem Freund geworden, auf den ich mich bisher stets verlassen konnte.

„Los geht’s.“ Samira greift nach meinem Handgelenk und zieht mich mit sich. Wir gehen über den Korridor, am Badezimmer vorbei, fast bis zum Treppenhaus. Eine Tür vorher hält Samira inne, und jetzt breitet sich Unbehagen in mir aus. Zwar scheint meine Zimmergenossin nett zu sein, doch ob das auf die anderen Mädchen auch zutrifft? Eigentlich spielt es keine Rolle, denn ich bin hier, um meine A-Levels zu bestehen und nicht, um Freunde zu finden. Es würde die Sache allerdings wesentlich leichter machen, wenn wenigstens alle freundlich wären. Das Herz pocht mir bis in die Ohren und ich höre nur noch Rauschen. Veränderung ist mein Feind, war sie schon immer. Deswegen drücke ich die Fingernägel in meine Handinnenflächen und atme ruhig, bis sich mein rasender Puls beruhigt.

Als Samira sich zu mir dreht, begreife ich, dass sie etwas gesagt hat, das mir entgangen ist. „Wie bitte?“

Durch die Fenster hinter uns scheint die Sonne in den Flur und projiziert unsere Schatten an die Wand. Für September ist es ziemlich warm.

„Was bist du?“, wiederholt Samira, nur ergibt die Frage ohne Hintergrund keinen Sinn.

„Was ich bin?“

„Ja, reich oder intelligent?“

„Hä?“

„Na ja, wenn man Kingswood Castle besucht, ist man entweder überdurchschnittlich intelligent, sodass man ein Stipendium bekommt, oder man hat stinkreiche Eltern, die ein Vermögen für unsere Schulbildung ausgeben“, erklärt sie.

„Ich wünschte, ich könnte sagen, ich sei intelligent“, antworte ich und überlasse den Rest Samiras Fantasie. Wenn sie daraus schließt, dass ich reich bin, kann ich schließlich nichts dafür, oder? Denn ich bin keins von beidem. Stattdessen hatte ich nur Glück – oder Pech, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Für meine Tante, die mich endlich los ist, war es wohl der glücklichste Tag ihres Lebens. Für mich … nun ja, ich kann es nicht ändern.

„Mir gehts genauso“, meint Samira und stößt leicht mit ihrem Ellbogen gegen meine Rippen. „Dann gehörst du zu den Normalos, denn es gibt nur ein oder maximal zwei Stipendiaten im Jahrzehnt. Aber es könnte schlimmer sein, oder?“

„Ja“, bestätige ich mit einem aufgesetzten Lächeln und bin froh, dass sie das Thema fallen lässt.

„Also, bist du bereit?“

Ich nicke, aber die Nervosität ist mit einem Schlag zurück.

„Es sind sowieso fast alle rausgegangen, das schöne Wetter genießen, bevor morgen der Ernst des Lebens und der Unterricht beginnen. Aber ich hab ein paar Freundinnen erzählt, dass jemand Neues bei mir einzieht. Sie sind ganz gespannt.“

Na wundervoll. Allerdings verwirrt mich eine Kleinigkeit. „Wieso hattest du deine Uniform an, wenn noch kein Unterricht ist?“

„Ich war in der Kirche“, sagt sie.

Neugierig blicke ich sie an. „Glaubst du an Gott?“

„Du nicht?“

„Nein.“ Schon lange nicht mehr.

„Oh, das ist okay. Wir sind sehr offen. Du darfst an das glauben, was du magst. Keiner wird dich deswegen verurteilen.“

Verwirrt von ihrer Reaktion fahre ich mir durchs Haar.

Für meinen Geschmack viel zu bald darauf öffnet Samira die Tür zum Gemeinschaftsraum. Leise Stimmen dringen zu uns, doch Samira hatte recht, es sind kaum eine Handvoll Mädchen anwesend. An den Wänden stehen große Sofas, die wild zusammengewürfelt den Charme des Raumes ausmachen. Es ist hell und lichtdurchflutet, sogar wohnlich und nahezu gemütlich. Gardinen und frische Blumen verleihen dem Zimmer einen Hauch von Zuhause.

Das Gespräch verstummt und die Mädchen mustern mich. Aufgeregt stehen sie auf und kommen auf uns zu. Ihre Blicke sind mir unangenehm und ihre hochgezogenen Augenbrauen verraten mir ihren ersten Eindruck: Ich bin anders als erwartet. Vielleicht liegt es auch nur an meiner Lieblingsfarbe, in der nahezu all meine Klamotten sind – Schwarz.

„Leute, das ist Laurie, sie kommt … okay, eigentlich weiß ich noch gar nichts von dir“, wendet Samira sich an mich. „Vielleicht solltest du dich besser selbst vorstellen.“

„Hey, ich …“, stammle ich und atme tief ein. Beruhig dich, Laurie. Das sind nur Menschen. „Ich bin Laurie und komme aus London.“

Samira nickt zufrieden. Ich scheine die erste Hürde geschafft zu haben. War gar nicht so schwer. „Das sind Maren, Diana, Sarah und Aurora.“

„Wie …“

„Nein, sag’s nicht“, unterbricht mich Aurora, bevor ich den Satz beende. „Bitte, du siehst nett aus, doch wenn du jetzt Dornröschen ins Spiel bringst …“

Ich schlucke den Vergleich herunter. „Schwere Kindheit?“

„Lass uns das Thema wechseln.“ Aurora streicht sich eine blonde Strähne hinters Ohr und ich nicke.

„Sie übertreibt“, meint Maren lachend und reicht mir höflich die Hand.

Aurora schnaubt. „Du wirst ja auch nicht dauernd mit Dornröschen verglichen.“

„Das ist ein Kompliment, Aura“, entgegnet Sarah und geht zu ihrem Platz zurück. Die anderen Mädchen folgen ihr und Samira zieht mich mit. „Immerhin ist sie eine Prinzessin.“

„Und unglaublich hübsch“, pflichtet Maren ihrer Freundin bei.

Diana beugt sich nach vorne und mustert zuerst meine Doc Martens, dann die Socken und schließlich den kurzen Rock. Zuletzt bleibt ihr Blick an meinem roten Lippenstift hängen und ich setze ein Lächeln auf, halte ihrem Blick stand, als sie mich ertappt anschaut. „Erzähle uns was über dich, Laurie“, haucht sie nach der Schrecksekunde und verschränkt die Arme vor der Brust.

Klar, gern. Vor einem Jahr sind meine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich hätte ebenfalls im Auto sitzen sollen, doch das tat ich nicht. Während ich lebe, sind sie tot. Danach musste ich zu meiner Tante ziehen. Mein altes Zuhause und meine Freunde hinter mir lassen und mich neu orientieren. Zumindest bis ich meiner Tante zu viel wurde. Bis sie die Trauer und die Aussichtslosigkeit, die mich seit einem Jahr ausfüllen, nicht mehr ertragen konnte. Deswegen bin ich jetzt hier und ihr so?

Natürlich denke ich das nur und sage stattdessen: „Bis vor einem Jahr habe ich in London gelebt und bin dort zur Schule gegangen, dann musste ich leider aufs Land ziehen und schließlich bin ich in Kingswood Castle gelandet.“

„Wir verbringen die Winterferien immer in London und feiern mit der ganzen Familie Weihnachten. Ich liebe die Stadt. Die Weihnachtsbeleuchtung ist einmalig“, meint Maren verträumt.

„Ja, ich vermisse es sehr.“

„Das Leben auf Kingswood Castle wird dir gefallen“, verspricht Samira und ich erkenne die Ehrlichkeit in ihren Augen.

Wir unterhalten uns kurz über die Herkunft der anderen, dann wenden sich die Mädchen wieder dem Gespräch zu, bei dem wir sie unterbrochen haben. Da es um den Unterricht und die Lehrer Kingswood Castles’ geht, kann ich nicht viel dazu beitragen, außerdem bin ich mir unsicher, ob meine Meinung überhaupt erwünscht ist, deswegen lasse ich meine Gedanken schweifen.

Als Lachen den Raum durchbricht, schrecke ich zusammen. Die letzten Minuten hatte ich komplett abgeschaltet. Zum Glück ist es keinem aufgefallen.

„Wieso hast du die Schule gewechselt?“, fragt Sarah mich plötzlich. Die Frage kommt so überraschend, dass mir einen Moment die Worte fehlen.

„Ähm … ich … wollte nicht mit umziehen, zumindest nicht aus England weg, da haben wir uns für diesen Weg entschieden“, lüge ich und es geht mir leichter über die Lippen als gedacht.

Diana sieht mich skeptisch an und ich erkenne selbst die Lücken in der Lüge. „Wie meinst du das? Sind deine Eltern ohne dich weggezogen?“ Erleichtert atme ich auf. Immerhin hat meine Wortwahl dazu geführt, dass sie annimmt, meine Eltern wären lediglich umgezogen und nicht tot.

„Ja, nach Afrika“, nenne ich den ersten Kontinent, der mir einfällt und möglichst weit weg ist.

Doch Diana bohrt weiter. „Und was führt sie dorthin?“

„Ein Job“, kommt es mir fast zu schnell über die Lippen.

Samira, die neben mir sitzt, fährt mir über den Unterarm. „Krass, da hätte ich auch nach einem Ausweg gesucht.“

Wenigstens eine scheint auf meiner Seite zu stehen und ich lächle sie dankbar an. „Komm, ich zeig dir den Rest“, meint Samira dann. „Wir können uns später weiter unterhalten.“

Die mir dargebotenen Finger ergreifend lasse ich mich von Samira auf die Beine ziehen und folge ihr auf den Korridor.

Das ist besser gelaufen als erwartet. Dennoch spüre ich die Zurückhaltung und Skepsis der Mädchen. Was daran liegen könnte, dass ich sie die meiste Zeit angelogen habe. Nicht was mich direkt betrifft, aber die Geheimnisse meiner Vergangenheit will ich um jeden Preis schützen. Wahrscheinlich merken die Mädchen meine eigene Zurückhaltung und bleiben deswegen auf Abstand. Und genau das ist es, was ich möchte. Ich will keine lästigen Fragen beantworten, niemandem vorspielen, ich würde meine Eltern nicht vermissen und wäre total glücklich mit der Situation. Solange ich beim Essen und im Unterricht Gesellschaft habe, reicht mir das vollkommen.

„Hier ist das zweite Badezimmer der Etage, die Toiletten findest du immer rechts daneben. Und wenn es Bohnen zum Essen gibt, ist das auch definitiv besser so.“ Während Samira mich weiter durch den Flügel der Mädchen führt, flüstert sie mir immer wieder geheime Informationen wie diese zu, die mich zum Lachen bringen. Wir verlassen den Korridor und gehen ein Stockwerk nach unten.

Das Treppenhaus imposant zu nennen, wäre eine Beleidigung. An den Wänden hängen unglaublich große Gemälde, die verschiedene Motive zeigen. Von Portraits über Stillleben bis hin zu Landschaftsdarstellungen. Die Stufen sind mit Teppich überzogen, und ich halte mich am Geländer fest, da ich Angst habe zu stolpern. Unten angekommen sehe ich noch mal nach oben und lasse die Schönheit einen Augenblick auf mich wirken. Ich bilde mir ein, dass der Boden vibriert und das alte Gemäuer mit mir kommuniziert. Belustigt schüttle ich den Kopf.

„Hier geht’s zur Küche und in die Speisekammer. Der Gang ist absolut tabu“, fährt Samira fort, doch ich habe es aufgegeben, mir zu merken, was sie erzählt. Die ersten Tage werde ich mich gnadenlos verlaufen. Beinahe erinnert mich Kingswood Castle an Hogwarts. Ob sich die Treppen hier ebenfalls bewegen?

Samira beugt sich zu mir. „Wenn allerdings Alfredo Dienst hat, gibt es immer frische selbstgebackene Muffins. Manchmal lässt er abends die Tür unverschlossen und stellt Muffins für uns bereit. Wir schleichen dann nach der Sperrstunde nach unten“, flüstert sie mir eins ihrer Geheimnisse zu und ich glaube mich verhört zu haben.

„Sperrstunde?“

„Ja, um zweiundzwanzig Uhr geht das Licht aus und wir müssen alle auf unseren Zimmern sein. Am Wochenende sehen die Lehrer das etwas lockerer, da haben wir eine Stunde länger“, erklärt Samira gelassen.

„Dein Ernst?“

„Eigentlich ist das sogar ziemlich gut, so haben wir einen Rhythmus.“

Klar, einer, der vorgegeben ist und alles andere als selbstbestimmt. Mich zu ärgern bringt nichts. Da muss ich jetzt durch.

Wir lassen den verbotenen Korridor und meine Empörung über die Sperrstunde hinter uns, und ich bin mir sicher, dass der nächste Gang dem letzten exakt gleicht.

„War J. K. Rowling eigentlich mal hier?“, frage ich Samira scherzhaft und versuche mir zumindest den Weg zurück in den Mädchenflügel zu merken.

Verwirrt dreht sie sich zu mir um. „Was? Ich glaube nicht, wieso?“

„Ach, nur so“, murmle ich und lasse das Thema fallen, denn nach Samiras Reaktion habe ich Angst, dass sie mir offenbaren könnte, Harry Potter nicht zu kennen, und das würde meine Meinung von ihr unweigerlich beeinflussen.

Während es draußen immer dunkler wird, geht in den Gängen und Räumen das Licht an. Große Leuchter hängen von der Decke und verbreiten warmweiße Gemütlichkeit.

Vor einer Wendeltreppe bleibt Samira stehen. „Hier geht’s aufs Dach. Wir dürfen nur unter Aufsicht nach oben, deswegen ist die Tür abgeschlossen.“ Ihre Augenbrauen wandern in die Höhe. „Aber manchmal vergisst ein Lehrer abzuschließen, dann treffen wir uns dort. Und dann“, verschwörerisch bohrt sie mir ihren Ellbogen in die Rippen, „gibt es keine Regeln, Laurie.“ Leider verstehe ich nur Bahnhof. Ganz zu Samiras Missfallen. „Jungs und Mädchen kommen sich näher als zwanzig Zentimeter, wenn du verstehst.“

„Scheiße, Mr Hendriks meinte das ernst?“, entfährt es mir.

Samira nickt und öffnet die Flügeltüren zum nächsten Raum. Die Regel kann nur ein schlechter Scherz sein. Im Speisesaal wird mir allerdings klar, wie falsch ich liege. Mädchen und Jungen sitzen streng voneinander getrennt an verschiedenen Tischen. Nur eine Gruppe ist gemischt. Verblüfft lasse ich meinen Blick durch den großen Saal schweifen. Lange Holztische bieten mindestens mehreren hundert Schülern Platz. Links an der Wand befindet sich die Essensausgabe, an der sich eine kleine Schlange gebildet hat. Buffetähnlich sind verschiedene Speisen in großen Behältern aufgereiht, an denen sich jeder Schüler selbst bedient. Fleisch hingegen wird von einer Köchin ausgegeben. Genau gegenüber befindet sich die Getränkebar, die ebenfalls keinen Wunsch offenlässt. Ich erkenne Wasser, Säfte und Softdrinks. Aber auch eine Kaffeemaschine und Tee. Für einen Saal dieser Größe ist es angenehm ruhig und heimelig. Weiße Stoffbahnen, die in Wellen an der Decke befestigt sind, erhellen den Raum, der durch hohe Glasfenster und rohe Steinmauern ansonsten einen rustikalen Eindruck hinterlässt.

„Ah, da sind die Mädels. Komm.“ Ohne zu zögern, packt Samira mein Handgelenk und zieht mich zu einem Tisch am hinteren Ende des länglichen Saals. Gekonnt manövriert sie uns durch das Labyrinth an Schülern, die mit vollbeladenen Tabletts zu ihren Plätzen eilen. Einem Kartoffelbrei an Erbsen ausweichend bleibe ich an einer Tischkante hängen und strauchle. Samira greift nach meinem Handgelenk, doch es entgleitet ihr. Bevor ich das Gleichgewicht endgültig verliere, bietet mir im letzten Moment ein weiterer Arm Halt und hilft mir, meinen Stand wiederzufinden.

Eine plötzliche Hitze durchfährt mich und ich blicke auf die Finger, die meinen Oberarm umklammern. Sofort werden sie zurückgezogen und ich reibe mir über die Stelle, an der sie Sekunden zuvor noch gelegen haben.

„Sorry“, murmelt der Junge, der mir gegenübersteht, und senkt den Kopf. Sein blondes Haar fällt ihm ins Gesicht und verwehrt mir einen genauen Blick auf ihn.

„Wieso entschuldigst du dich denn?“, frage ich verblüfft, werde aber von Samira weitergezogen. „Danke“, rufe ich dem Jungen zu und stolpere hinter meiner Zimmergenossin her. Erst jetzt fällt mir auf, dass der halbe Speisesaal verstummt ist und mich mustert. Na wunderbar, mit meiner peinlichen Aktion habe ich direkt die Aufmerksamkeit aller auf mich gezogen.

Ich mustere den Boden, entgehe den Blicken und weiche ihrer Aufforderung aus, etwas über mich preiszugeben. Nur einige Sekunden später setzen die Gespräche wieder ein und ich hoffe, sie drehen sich um etwas anderes als um mich.

Aber selbst wenn ich nun Gesprächsthema Nummer eins bin, spielt es keine Rolle, denn es gibt vieles, das ich kontrollieren und ändern kann, doch die Meinung anderer gehört nicht dazu.

„Laurie“, flüstert Diana mir zu, nachdem wir uns zu den anderen Mädchen aus dem Gemeinschaftsraum gesetzt haben. Neben bekannten Gesichtern sind auch unbekannte dazugekommen und Samira stellt mich kurz vor, allerdings lässt Diana sie kaum zu Wort kommen. „Gleich am ersten Tag machst du solche Sachen.“

Ich zucke mit den Schultern. Kann schließlich jedem Mal passieren.

„Laurie lässt eben nichts anbrennen“, meint Samira grinsend und ich sehe verwirrt zu ihr.

„Wie bitte?“

Francesca, die ich gerade kennengelernt habe, ist es, die mich aufklärt. „Lucas ist einer der mysteriösesten Typen auf der Welt. Und ein Royal.“ Dunkle schwarze Locken fallen ihr ins Gesicht, die nur von dem großen Brillengestell davon abgehalten werden, ihre Augen zu verdecken. Mit dem Zeigefinger fährt sie sich über die Nase und ich warte auf eine weitere Erklärung, doch leider bleibt diese aus.

„Er ist adlig?“, frage ich und sehe mich gleichzeitig nach Lucas um. Er sitzt zwischen diversen Jugendlichen am Tisch und mir fällt sofort auf, was anders ist. Jungs und Mädchen. Das gleicht an dieser Schule nahezu einem Skandal. Ob es das ist, was alle so aus der Fassung bringt?

„Nein, er ist nicht wirklich adlig“, erklärt Samira. „Obwohl es mich kaum wundern würde, käme eines Tages heraus, dass er von der königlichen Familie abstammt. Wir nennen diejenigen so, weil sie einfach alles können. Sie sind intelligent, reich und privilegiert. Sie haben sogar andere Unterrichtseinheiten.“

„Sie?“

„Die Royals“, haucht Diana ehrfürchtig und Aurora seufzt. Irgendwas entgeht mir hier. Dennoch spüre ich eins deutlich: Die Zurückhaltung der Mädchen mir gegenüber ist verschwunden. Aus irgendeinem Grund behandeln sie mich plötzlich nicht länger wie einen Gast. Selbst Diana hat ihre Skepsis abgelegt. Sie spricht mit mir, als wäre ich eine ihrer Freundinnen. Offensichtlich gehöre ich jetzt dazu. Ob ich will oder nicht. Und ich will definitiv nicht. Enge Freundschaft bedeutet unweigerlich enttäuscht zu werden und dafür habe ich keinen Nerv.

Der Zusammenstoß mit Lucas hat mich zu einem Mitglied dieser Gruppe werden lassen, und ich begreife beim besten Willen nicht, wieso.

„Die Royals“, wiederhole ich und langsam geht mir ein Licht auf. Das sind die coolen Kids. Die, die keiner anspricht, weil alle Angst haben, mit Ignoranz gestraft zu werden. Früher habe ich ebenfalls zu ihnen gehört. Doch meine Arroganz schützte mich nicht vor all dem Leid. Und das ist der Punkt: Schmerz macht uns gleich, denn keiner kann ihn ignorieren, er fordert, gespürt zu werden. Egal ob reich, intelligent und schön oder arm, einfältig und mit krummer Nase.

Ich beuge mich nach vorne, mustere die Gruppe genauer. „Habt ihr ihnen den Namen gegeben oder woher kommt der?“

„Keine Ahnung“, meint Francesca. „Sie heißen schon immer so.“

Aurora beißt von einem Apfel ab, kaut kurz und spricht dann mit halbvollem Mund – so gar nicht Dornröschen-like. „Stimmt.“

Am Tisch in der Mitte des länglichen Raums sitzen neben Lucas zwei weitere Jungs und drei Mädchen. Sie unterhalten sich während des Essens, nur Lucas scheint eher der schweigsame Typ zu sein. Er hält sich weitestgehend aus der Unterhaltung raus, allerdings erkenne ich, dass er dennoch zuhört, da er manchmal nickt oder leicht den Kopf schüttelt.

„Ehrlich gesagt sehen sie für mich genauso aus wie alle anderen“, sage ich und ziehe damit den Unglauben der Mädels auf mich. „Bis auf die Tatsache, dass sie sich offensichtlich über die Regel hinwegsetzen, dass Jungs und Mädchen getrennt voneinander essen müssen.“

Diana räuspert sich. „Müssen wir eigentlich nicht.“

„Und wieso tut ihr es dann?“, frage ich überrascht.

„Weil wir kaum etwas mit den Jungs gemein haben. Außerdem trauen wir uns meistens nicht, mit ihnen zu sprechen“, erklärt Sarah und ich muss grinsen. Oje, wie süß. Das Konzept der Schule funktioniert offensichtlich. „Die Royals jedoch sind …“

„… unglaublich cool. Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel“, unterbricht Maren sie.

„Und wir haben etwas zum Schwärmen, denn die Jungs sind einfach unfassbar heiß. Diana ist in Manuel verliebt“, flüstert Samira mir lächelnd zu.

„Gar nicht wahr“, ereifert Diana sich. „Aber er ist einfach … na ja, schön eben.“

„Und Phil erst“, schwärmt Francesca.

Grinsend schweift mein Blick zurück zu den Royals. „Wer ist wer?“

„Der mit den blonden Locken ist Phil. Elena, seine Zwillingsschwester, sitzt links von ihm, sie haben beide das gleiche Haar, oder? Daneben siehst du Cassandra, sie ist unglaublich intelligent. Manchmal weiß sie mehr als die Lehrer“, erklärt Aurora. „Lucas kennst du bereits. Bleiben Manuel und Kira. Die beiden zoffen sich manchmal so richtig. Da fliegen die Fetzen, das sag ich dir.“

Lucas blättert in einer Zeitschrift und einer der anderen Jungs – Manuel – lehnt sich so weit zu ihm, dass er ebenfalls einen guten Blick darauf hat. Seine Lippen bewegen sich und Lucas lacht, stößt seinen Freund mit dem Ellbogen leicht an, als wolle er ihm zustimmen. Plötzlich nimmt Manuel eine seiner Pommes und wirft sie ohne Vorwarnung auf den Jungen ihm gegenüber, war es Phil? Entgegen meiner Erwartung dreht der sich zur Seite und fängt sie gekonnt mit dem Mund. Erleichtert atme ich auf. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich die Luft angehalten habe. Sie lachen, während Kira sich von Manuels Teller bedient. Und obwohl er sie mit einem bösen Blick straft, hindert er sie nicht daran. Nein, im Gegenteil, er schiebt ihr seine Reste sogar entgegen. Jetzt verstehe ich, was die Mädchen meinen, die Royals haben ihre ganze eigene Ausstrahlung. Sie funktionieren wie ein gut geöltes Uhrwerk und scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Ihre Dynamik ist unübersehbar und es passt kein Blatt zwischen die Freunde.

Mein Magen knurrt. „Lass uns zur Essensausgabe, ja?“

„So eine Erkundungstour macht hungrig, was?“, meint Samira und erhebt sich.

Ich folge ihr. „Und müde.“

Je näher wir den Speisen kommen, desto köstlicher riecht es. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Von frischem angebratenem Gemüse über Nudeln und Reis bis hin zu Quinoa und Couscous. Verschiedene Salate sowie Fisch und Fleisch.

Samira reicht mir einen Teller und wir gehen am Buffet entlang. Ich schlage ordentlich zu. Neben gebratenem Gemüse und eingelegter Aubergine landet ein Haufen Nudeln und Salat auf meinem Speiseplan.

„Das Hühnchen ist unglaublich kross“, erzählt Samira, aber ich schüttle den Kopf.

„Danke, ich esse kein Fleisch.“

„Oh, bist du Vegetarierin?“

„Ja, ich versuche, soweit es geht, auf tierische Produkte zu verzichten. Meine Mom war ein großer Verfechter von guter, tierfreier Ernährung.“

Scheiße. Ich bemerke meinen Fehler zu spät.

„Wow, ich glaube das könnte ich nicht“, meint Samira und ich atme erleichtert auf. Glücklicherweise hat sie überhört, dass ich in der Vergangenheitsform von Mom gesprochen habe.

Wir gehen zurück zu unserem Tisch. Während mein Teller gnadenlos überfüllt ist, hat sie sich lediglich etwas Fleisch und einige Blätter Salat genommen.

„Ich bin so aufgewachsen, daher war es für mich keine Umstellung.“

Als wir uns setzen, haben die anderen längst aufgegessen und der Saal leert sich bereits.

„Wird hier in Schichten gegessen?“, frage ich und koste das Gemüse. Verdammt lecker.

„Nein, allerdings gibt es nur innerhalb von anderthalb Stunden etwas an der Essensausgabe. Danach wird sie geschlossen“, klärt Diana mich auf.

„Und die Jüngeren? Wo essen die?“

„Die haben ihren eigenen Speisesaal zusammen mit dem Lehrpersonal. Sie müssen noch die Tischmanieren lernen.“

Ich verkneife mir einen Kommentar und widme mich weiter dem Essen. Die Aubergine ist köstlich und ich lasse sie mir auf der Zunge zergehen. Die Mädchen quasseln während des gesamten Essens, allerdings höre ich ihnen kaum zu. Ich vermisse mein Bett, mein Zuhause und meine Freunde. Auch wenn Tante Allory mich schon vor einem Jahr aus meinem Umfeld gerissen hat, fällt mir mit jeder Veränderung auf, wie sehr ich mein altes Leben vermisse. Und wie präsent der Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, immer noch ist. Wahrscheinlich wird er mich mein ganzes Leben begleiten.

Kauend blicke ich mich um und versuche meine Gedanken abzulenken. Verwirrt halte ich inne. Mir gegenüber an der Wand steht ein junger Mann, der mich unverhohlen mustert. Neugier steht ihm ins Gesicht geschrieben, und ich habe das Gefühl, dass unzählige ungestellte Fragen zwischen uns hängen. Seine hochgezogenen Augenbrauen sorgen für tiefe Falten auf seiner Stirn und lassen mich erschaudern. Ich lege meine Gabel ab, verschränke die Arme stattdessen vor der Brust, denn ich fühle mich plötzlich nackt. Als hätte er all die Lügen, die ich heute ausgesprochen habe, im Bruchteil einer Sekunde durchschaut. Das Atmen fällt mir schwer und Hitze durchdringt mich. Sein Blick brennt auf meiner Haut, verteilt sich über den ganzen Körper und steckt mich in Brand. Irgendetwas an ihm nimmt mich gefangen und …

Samira zieht an meinem Arm. „Laurie? Laurie!“

Ich blinzle, sehe weg und sofort ist mir kalt. Die Hitze ist verschwunden. „Was?“, würge ich hervor.

„Alles in Ordnung?“

„Ähm …“, beginne ich, verliere allerdings den Faden. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Sofort wandert mein Blick zurück zu dem Typen. Das Feuer ist wieder da und ich schlucke schwer. „Wer ist denn der Junge da drüben?“, flüstere ich, aus der absurden Angst, er könnte uns hören.

Das schwarze Haar zur Seite streichend funkelt der Kerl mich weiterhin an. Ich bilde mir ein, seine Augen leuchteten golden. Doch über die Entfernung kann ich das unmöglich erkennen.

„Wer?“, fragt Samira und schaut sich um. Ich deute mit dem Kopf zur Wand und der Junge erschrickt. Meine Zimmergenossin dreht sich erneut zu mir um. „Wo denn, Laurie?“

„Das Mädchen? Patricia Elcott“, meint Francesca, aber ich verneine.

„Genau uns gegenüber.“

„Meinst du Manuel?“ Samiras Tonfall verrät ihre Verwirrung.

Manuel habe ich nicht einmal wahrgenommen, dafür kann ich endlich wieder klarer denken. Denn der Blick des Jungens droht mich nicht länger zu verbrennen, ganz im Gegenteil, er wärmt mich angenehm von innen. „Nein, dahinter. Direkt an der Wand. Jetzt geht er Richtung Tür. Schwarzes Haar, dunkle Klamotten, Hände in der Jeansjacke und geschmeidiger Gang.“

Geschmeidiger Gang? Was sage ich da? Aber es stimmt, der Kerl hat etwas von einer Katze. Sein Blick war fordernd und nach Neuigkeiten gierend, trotzdem wirkte er bestimmt und überlegen. Gleichzeitig sanft, als wüsste er genau, wie ich mich fühle. Als hätte er meine Traurigkeit gespürt.

„Laurie, da ist niemand. Alle sitzen an ihren Tischen. Nur Manuel macht irgendeinen Blödsinn“, holt Samira mich auf den Boden der Tatsachen zurück. „Bei dem er verdammt heiß aussieht.“

Ich ignoriere Samiras Schwärmerei. „Was? Seht ihr ihn denn nicht? Da, fast am Ausgang.“ Mit jedem Wort werde ich lauter und mein Herz pocht wie wild in meiner Brust.

Maren steht auf und streckt sich. „Nein, da ist niemand.“

„Ich sehe auch keinen Jungen“, bestätigt Aurora und Diana nickt zustimmend.

„Was? Aber …“, stammle ich und versuche die Lüge in ihren Augen zu finden. Vergeblich.

Verwirrt presse ich die Lippen aufeinander und suche nach dem Jungen, der jetzt an der Tür angekommen ist. Ein letztes Mal dreht er sich zu mir und ein helles Licht legt sich in dünnen Fäden um ihn herum. Dann ist er weg. Verschwunden. Einfach so. Ich blinzle, schlucke die plötzlich staubtrockene Luft herunter und huste.

Was zur Hölle?

Ist das gerade wirklich passiert?

Unmöglich.

Doch ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen.

Fuck! Tante Allory hatte recht. Die Trauer verändert mich … sie macht mich wahnsinnig. Mir wird übel und ein Kloß drückt auf meine Luftröhre, macht das Atmen unmöglich. Ich wische mir die schweißnassen Hände am Jeansrock trocken und versuche mich zu beruhigen.

„Laurie?“ Samira schüttelt mich leicht am Arm. „Alles in Ordnung?“

Nein, nichts ist in Ordnung. Ich werde verrückt. Ich bilde mir Dinge ein, die unmöglich stattgefunden haben können.

Statt die Worte auszusprechen, nicke ich. Der Appetit ist mir vergangen, deswegen schiebe ich den Teller zur Seite und schließe die Augen einige Sekunden. Die Mädels verfallen zurück in ihr Gespräch, und ich bin froh, dass sie mich für einen Moment in Ruhe lassen.

Wieso sehe ich Menschen, die einfach verschwinden? Und warum ausgerechnet jetzt?

Das Licht blendet mich, nachdem ich die Lider öffne und den Raum nach ihm absuche.

Nichts.

Keine Spur, dass er je da gewesen wäre. Nicht die leiseste Andeutung. Trotzdem spüre ich immer noch seinen Blick, das Feuer in mir und es macht mich wahnsinnig. Verzweifelt vergrabe ich die Finger in meinem Haar und schlucke die Tränen runter.

Okay, Laurie, reiß dich zusammen. Du bist müde, du bist gestresst und du hast abermals dein Zuhause verloren. Da kann man sich schon mal Dinge einbilden. Das ist ganz normal. Es kommt einfach vom Stress. Genau!

„Laurie, bist du sicher, dass alles gut ist?“, fragt Francesca leise und ich nicke stumm. „Magst du dein Gemüse nicht mehr? Du hast fast die Hälfte liegen lassen.“

„Bin satt.“

„Okay, dann lasst uns gehen. Wir machen uns einen schönen Abend“, schlägt Francesca vor und erhebt sich. Ich tue es ihr gleich und hoffe, dass wir ohne Umschweife in den Mädchenflügel gehen, denn ich bin mir ziemlich sicher, den Weg bereits vergessen zu haben. Ich will in mein Bett und schlafen. Endlich alles hinter mir lassen, was heute passiert ist.

Langsam beruhigt sich mein aufgeregter Herzschlag und auch das Denken fällt mir leichter. Die Erkenntnis, dass ich mir etwas eingebildet habe, dies aber stressbedingt normal ist, lässt mich frei atmen. Trotzdem spüre ich das Rumoren in meinem Magen, der von der Theorie weniger überzeugt zu sein scheint.

Diana geht einen Schritt vor unserer Gruppe, dreht sich um und läuft rückwärts weiter. „Welchen Film wollen wir sehen?“

„Irgendwas von Disney“, beschließt Aurora.

„Wonder Woman“, ruft Francesca gleichzeitig.

Samira lacht. „Den schauen wir fast immer.“

„Weil er so gut ist“, verteidigt Francesca ihre Wahl und wendet sich mir zu. „Was ist dein Lieblingsfilm?“

Ich höre nur mit halbem Ohr zu, hänge immer noch bei der Szene im Speisesaal, auf der Suche, eine Lösung für dieses Rätsel zu finden.

„Laurie“, erinnert mich Francesca an ihre Frage und ich vertreibe die Gedanken, ignoriere die Erinnerungen und verbanne sie aus meinem Kopf.

„Es gibt viel zu viele“, murmle ich.

„Dann zähle ein paar auf, vielleicht mögen wir sie auch“, ermutigt Diana mich und ich bin fast gerührt, wie sich die Mädels um mich bemühen. Doch ich will mich nicht auf sie einlassen, hab die letzten Monate zu viel verloren und ertrage keinen Schmerz mehr, den Freundschaft unweigerlich erschafft. Denn nur Menschen, die einem etwas bedeuten, können verletzend werden.

Die Tür zum Mädchenflügel erscheint und ich atme auf. „Wisst ihr was? Ich bin unglaublich müde und muss noch auspacken, bevor morgen der Alltag losgeht“, entschuldige ich mich. „Deswegen würde ich lieber auf mein Zimmer gehen.“

„Wir können etwas anderes machen, ein Spiel spielen oder so“, meint Aurora schnell, aber ich winke ab und gehe in Richtung meines Zimmers, während sie vor dem Gemeinschaftsraum stehen bleiben.

„Nein, daran liegt es nicht. Heute war ein anstrengender Tag“, fasse ich zusammen und quäle ein Gähnen aus mir heraus. „Wir sehen uns morgen.“

Schnell drehe ich mich um und marschiere entschiedenen Schrittes den Korridor entlang. Ich höre das Flüstern hinter mir, dann verstummt es und eine Tür wird geschlossen. Erleichtert werde ich langsamer und kann es kaum erwarten, unter die Dusche … Shit, ich habe die Gemeinschaftsduschen vergessen. Dennoch zögere ich nicht, ziehe, im Zimmer angekommen, ein Handtuch aus meiner Tasche, schnappe mir den Kulturbeutel und renne beinahe zurück ins Bad. Hauptsache, ich begegne niemandem. Der Raum ist leer. Ich nutze die Chance, entledige mich in Windeseile meiner Klamotten und springe unter das heiße Wasser. Die Handflächen gegen die kühlen Fliesen gelegt warte ich auf die Erlösung, klare Gedanken und das Verschwinden der inneren Unruhe, die sich seit der Begegnung mit dem Unsichtbaren in mir ausbreitet. Vergebens.

Selbst nachdem ich eine Stunde später in meinem Bett liege, den Koffer und die Reisetasche ausgepackt und alle Kleider und Habseligkeiten verstaut habe, sehe ich ihn immer noch vor mir. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, brennt sich sein Bild in die Rückseite meiner Lider. Neben der Tatsache, dass ich ihn mir eingebildet habe, ist da noch etwas anderes, das mich gefangen hält und meinen Kopf komplett ausfüllt.

Traurig drücke ich mein I-Aah-Kuscheltier näher an mich und schlinge die Arme um uns beide. Seit dem Tod meiner Eltern ist es nachts mein ständiger Begleiter. Es spendet mir Trost, lässt das Gefühl der Einsamkeit verschwinden. Und dann verstehe ich es. Ich begreife, was den Schmerz in meiner Brust auslöst. Mit jeder Sekunde, die der Kerl mich länger angestarrt hat, hatte ich den Eindruck, dass meine Fassade ein Stückchen mehr fällt, als könne er dahinter blicken und mich sehen. Nicht das Konstrukt, das ich aufgebaut und allen präsentiert habe, sondern mich ganz allein, mit all meinen Macken und all der Trauer.

Und das ist schön und beängstigend zugleich.

Kapitel 2

Sobald du erwachsen bist, leben die Monster nicht länger im Schrank

Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne, die mein Gesicht kitzelt. Zuerst bin ich verwirrt, dann füllt sich mein Hirn mit den Geschehnissen der letzten Tage. Meinem Schicksal ergeben lausche ich in die Stille. Ich höre die gleichmäßigen Atemzüge meiner Mitbewohnerin und ziehe mir die Decke bis zum Kinn.

Fest drücke ich die Lider aufeinander, bin noch nicht bereit, die morgendliche Ruhe und den inneren Frieden gehen zu lassen. Doch mein Herzschlag beschleunigt sich und ich sehe den Schwarzhaarigen aus dem Speisesaal vor mir. Mit jeder Sekunde, die vergeht, erscheint mir die Begegnung unwirklicher. Trotzdem brennt sein Blick weiterhin auf meiner Haut, bedrängt mich mit tausend Fragen, die zwischen uns in der Luft hängen. Es hat sich echt wahnsinnig angefühlt …

Um mich abzulenken, schnappe ich mir mein Handy, das auf dem Nachttisch liegt, und öffne Instagram. Die Nachricht von meiner Tante klicke ich ungelesen weg. Sie schickt mir beinahe täglich Neuigkeiten, allerdings habe ich keine einzige geöffnet und gelesen, dazu ist es zu früh und meine Wut zu groß. Selbst wenn Allory wieder Frieden schließen wollen würde, bin ich dazu momentan nicht bereit.

Augenblicklich zittert meine Hand und Tränen verschleiern mir die Sicht. Heimweh macht sich breit und sitzt wie eine dicke Katze auf meiner Brust, nimmt mir die Luft zum Atmen. Dabei vermisse ich nicht Allorys kleine Wohnung, sondern unser großes Haus in der Londoner Vorstadt. Mom, Dad und den Hund, dessen Haare sich jetzt noch auf meinen Klamotten finden. Amy, Derek und Blake. Vor allem Blake, denn unsere Leben waren seit Kindertagen miteinander verwoben. Bis der Tod uns schied … im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach dem Unfall meiner Eltern habe ich ihn abgewiesen und den Kontakt abgebrochen. Dabei waren wir seit der Geburt, bei der sich unsere Mütter kennenlernten, befreundet. Bei Blake zu sein, verlieh mir ebenso das Gefühl, zu Hause zu sein, wie das Haus, in dem wir wohnten, die Grillpartys, die meine Eltern jeden Sommer veranstalteten, oder die Filmabende, die Tradition waren.

Wehmütig scrolle ich durch die Bilder meiner Freunde, die ich seit Monaten nicht mehr persönlich gesehen habe. Trotzdem geben mir die Fotos das Gefühl, weiterhin ein Teil ihres Lebens zu sein. Ich erkenne das Café, in dem Mackenzie und Emery sich nachmittags treffen. Weiß genau, über welchen Englischlehrer Mike sich auslässt, und fühle mit Jeremy, der Sport bei Mr Jeffreys hat und das für reine Folter hält. In meiner Brust kämpfen zwei Wesen: Traurigkeit und Hoffnung. Dieses Internat könnte eine neue Chance für mich sein. Hier weiß keiner etwas von meinem Schicksal. Niemand kennt mich. Ich kann einen Strich unter die Vergangenheit setzen und endlich in die Zukunft sehen.

Dann wirst du sie vergessen oder wieder jemanden verlieren, flüstert eine Stimme in meinem Inneren und alles verkrampft sich.

Niemals!, schreie ich zurück. Ich könnte sie niemals vergessen.

Das weißt du nicht, keift die Angst und ich bleibe an einem Bild von Blake hängen. Er wirbelt Amy lachend durch die Gegend, und plötzlich steigen mir Tränen in die Augen. Ich vermisse sie unglaublich und verfluche mich, für die Situation selbst verantwortlich zu sein. Aber ich habe ihr Mitleid keine Sekunde länger ertragen.

„Guten Morgen“, sagt Samira, reißt mich aus meinen Gedanken, und ich wische mir schnell die Tränen weg. „Wie hast du geschlafen? Meine Mom sagt immer, dass ein Traum, den man in der ersten Nacht in einem neuen Bett träumt, wahr wird.“