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Ausgehend vom philosophischen Selbstmord des 19. Jahrhunderts und vom politischen Massenmord des 20. Jahrhunderts steht der postmoderne Mensch am Scheideweg, auf der Suche nach sich selbst. Entweder er kehrt zur Religion zurück oder er verneint sie vollständig, allerdings auf Kosten der Kunst und Philosophie. Im Grunde weiß er aber, dass ihn keiner dieser Wege an einen Ort führt, an dem er sein will: Er will frei sein. Und weil er nur noch vor die Wahl zwischen Club oder Kloster gestellt wird, kann er nicht anders, als sich seinen eigenen Weg zu bahnen, durch die Friss oder-stirb-Dualismen seiner selbstverschuldeten Sinnlosigkeit.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2014
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der
freigeist
Hannes Schumacher
I - V I
© 2014 Freigeist Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
freigeist-verlag.net
Lektorat: Janek Amann
Cover: Katerina Giannopoulou
ISBNebook:978-3-9816351-1-9
ISBN Hardcover:978-3-9816351-0-2
Man wird geboren, man lebt, man stirbt. Nichts weiter. Welche Einsicht wäre bedrückender? welche Erkenntnis furchtbarer als diese, dass unserem Dasein kein höheres Ziel, kein tieferer Sinn zugrunde liegt? Und doch – und doch hat sich die Menschheit in jüngster Zeit regelrecht dazuentschieden, sie als eineWahrheitzu akzeptieren. Man nimmt es hin, dass man lebt, dass man stirbt; man nimmt es hin, dass man geboren wird, und dass esallesist, alles war. Wer möchte so sterben? den Tod im Angesicht, auf ein sinnloses Leben zurückblickend? Wer möchte so leben? das Leben noch feurig und frisch, doch den Tod schon im Dunkel erspähend? Wer will so noch geboren worden sein? hinein in eine sinnlose Welt, hinaus in die ewige Kälte der schwärzesten Nacht?
Keinen Menschen gibt es, der diese Frage nie gedacht, keinen gibt es, der diese tiefste Schwärze nie gefühlt, nie von Herzen gefühlt, von der ich sprach. Noch der größte Mensch wird seine stillste Stunde finden, in der er Zweifel um Zweifel spinnt. Noch der kleinste Mensch wird sich seines höchsten Trostes sehnen, der ihm alle Erden-Mühsal mit nur einer Himmels-Hoffnung entschuldige. Und doch – und doch hat man sichgegendiese eine Antwort auf alle Fragen entschieden.
Nun mag mir mit Recht einer einwenden, dass wir doch nach wie vor gläubige Menschen seien. Doch was hat dieser Rückfall des Geistes in die Geistlichkeit denn mehr zu bedeuten als die bloße Furcht, dieser Wahrheit, die man sich fand, ins Auge zu blicken? Was ist andererseits diese gefühlslose Hinnahme des Allerfurchtbarsten mehr als ein weg-Sehen? als ein müdes Treiben auf der Oberfläche?
Wer aber die Tiefe liebt und alles Seichte verschmäht, der wird in den folgenden Aphorismen seinen Ozean finden. Dabei wird es mir weit weniger darum gehen, den Leser mit Argumenten zu überzeugen – Argumente sind im Wesentlichen unwesentlich; sondern viel mehr darum, ihneinzutauchen, in diese finstere, uns noch fremde Welt, die wir uns schufen.›Der Freigeist‹wird dabei auch niemals endgültige Ergebnisse darstellen – denn sie sind ihm sein größter Widerspruch; sondern allein die geistigeEntwicklungeines Menschen hin zur höchstmöglichen Freiheit.
Heidelberg, im Frühjahr 2013
1
Einmal alles verwerfen, verschleudern, verzetteln, verfluchen, wie eine Flamme verzehren, was ich jemals geglaubt habe! Und vom tiefsten Punkte der Verzweiflung aus ein Neubeginn, ein frischer Morgen der Unschuld, ein Aufsteigen, Hinaufsteigen, in höchste Frühlingslüfte, hoch hinaus, in Sommer-Frieden und Sommer-Kriege, tief ins Herz der mich fressenden Sonne! Ich blicke nach unten, tief, so tief hinab, und kann es nicht glauben: Von dort kam ich her undhierbinichjetzt.
2
Nur was bleibt bestehen, wenn ich mich mit allen Mitteln gegen die Welt aufbäume? wenn ich mich dem Löwen gleich über allen Wert der Welt erhebe und nur noch hinabblicken, niemals mehr zum Höheren mich wenden darf? Was bleibt mir noch, wenn aller Wert der Welt verloschen? wenn aller Lebenssinn in einem letzten Schrei des Schreckens verhallt sein wird?
3
Und dennoch: Aus einer unangenehmen Konsequenz eines Gedankens auf seine Falschheit zu schließen, wäre wie vonÜbermorgen auf das Hier und Jetzt zu schließen: und es zuleugnen.
4
Dass der Mensch schon von Natur aus ein gutes Gespür für die Wahrheit habe – dergleichen Aussagen erscheinen mir fast lächerlich: Was dasErfindenvon Wahrheiten betrifft, beweist er Geschick und Ideenreichtum.
5
Wir bilden Hierarchien in unseren Köpfen, nach denen entschieden wird, welche Wahrheiten wir als die letzten, allerletzten oder gar niemals bezweifeln würden. Aber legen diese ›höchsten‹, ›allerhöchsten‹ Wahrheiten nicht umgekehrt denGrundaller kleineren? Müssten wir sie darum nicht als dieerstenanzweifeln? ebenweilsie unergründlich, ebenweilsie selbst grundlos sind?
6
Es sind immer die›Selbstverständlichkeiten‹, die uns am Vorankommen hindern. Undihrsprecht nur bei Rassisten von Vorurteilen.
7
Im Grunde kann man nicht wissen, welcher ein geeigneter Ausgangspunkt für eine Philosophie wäre. Am Anfang gibt es nur die Leere, das erst- und letztgültigeOm. Die erste Bewegung, der erste Laut, der dies tiefste Schweigen zerbricht: der ist schon Willkür, der ist schon ein Schaffender!Wer könnte da noch von ›reiner Erkenntnis‹ sprechen?
8
Die meisten Philosophen haben sich damit zufriedengegeben, diesen ersten, schwersten Schritt zu übergehen, ihn schlichtwegvorauszusetzen. Ihnen genügt es offenbar, ihre Meinungen nur als Wahrheiten zuverkaufenund dem brüchigen Grund, auf dem sie stehen, keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. So rennen sie, springen sie ihre Himmelstreppe empor, bis diese mit einem Mal – zerbricht, bis sie einstürzt, und der Philosoph an seinem Grund zerschellt.
9
Besinnen wir uns, öffnen wir die Augen! Die Wahrheit wird sich schwerlich in ein finsteres Kämmerlein verirren. Lasst uns nach draußen gehen, wo die Welt auf uns wartet! Doch wassehenwir? washörenwir? Voll prächtigster Farben, voll schönster Töne ist sie, doch sie spricht nicht, die Welt spricht nicht; schweigsam ist sie und schweigsam wird sie bleiben.
10
Natürlich meinen wir, in ihr gewisse Gesetzmäßigkeiten zu finden. Abersehenwir diese Gesetze? Oder müssten wir sie nicht auch, gleich aller Metaphysik, als bloße Erfindungen des Menschen auffassen? Haben wirgesehen, dass alle Dinge fallen? Einige habe ich wohl fallen sehen, das will ich nicht bestreiten, aber gleichalle?Die Physik stellt sich über sich selbst, sie hat das Schweigen längst gebrochen.
11
Wahrhafterklärenkönnen die Naturwissenschaften immer nur das, was sie bereits geschaffen haben. Drum lasst uns ihnen einen neuen Namen geben: Die Naturwissenschafften,dennsie sind die, die das Naturwissen schafften. –»Wie? und die Natur schafften sie auch?«– Wie wollten sie wohl wahres Wissen von einem Werk haben, das nicht aus eigener Feder floss, und es zuletzt erklären? Nurinterpretierenkönnen wir eines Fremden Werk.Erklärenkönnen wir nur das unsere.
12
Wir kommen nicht umher, die Welt in Theorien zu fassen. Diese gelten uns immer nur solange als wahr, bis die Zeit sie wieder mit in ihren Strom reißt. Bestenfalls nähern wir uns der Wahrheit bloß an; schlechtestenfalls haben wir von vornherein die falsche Richtung eingeschlagen.
13
In einer Religion meine Zuflucht suchen? Der Sinn unseres Daseins fordert eine Tiefe, die über die Wissenschaftlichkeit unserer Zeit längst erhaben ist. Aber wie könnte ichgläubigsein? Wie könnte ich mich hingeben an ein ungewisses? an ein weit entferntes, finsteres?
14
Religion ist Sinn-gebend. Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, Religion sei die einzige Instanz, die überhaupt in der Lage wäre, dem Menschen einen Sinn des Lebens zu vermitteln. Das rein Rationale ist uns immer nur ein Können, höchstens ein Wissen, niemals ein Sollen, niemals ein Sinn, niemals ein Lebensweg.»Mein Wille sei der Welt Gesetz!«, hört man die Großen rufen; doch dieser Wille ist nur einirdischer, der mir mein Glück verspricht. Das Sittengesetz: Das ist nur der Willeanderer, die sich mir aufdrängen. Und mir selbst ein solches auferlegen? Wie könnte ich mich denn selbst in Ketten legen, ohne dabei laut auflachen zu müssen – jetzt mal im Ernst? Nur der Glaube – oder wie man mich bei Zeiten reden hört –, die schamloseste Dogmatik ist es, die uns zum Sollen führt, zum ›ewigen Sinn unseres Daseins!‹
15
Mitleid ist das sich Ergötzen am Leid anderer.
16
Zufall und Schicksal stellen dasselbe Phänomen aus anderem Blickwinkel dar: sie sind Eins.
17
Das Leben ist ein Spiel. Die große Idee der Religionsstifter war es, dieses Spiel ganz einfach nicht mehr mitzuspielen. Ihr Ernst besteht aber wie sich herausstellte nur darin, möglichst ernst zu sein. Dabei handelt es sich also doch nur um ein Spiel, bei dem der Ernsteste gewinnt.
18
Manche Religionen sind einfachattraktiverals andere: schöne Gebäude, schöne Geschichten, schöne Lieder, schöne Gebete, schöne Gewänder, schöne Frauen, schönes Jenseits …
19
Einst gab es Völker guter Dinge, mit Werten fest verwoben. Man lebte zusammen mit Recht und Ordnung, die Guten wurden gelobt, die Schlechten bestraft: Gerechtigkeit ließ man walten und lehrte den Glauben und die Sitte und die Tugend in der einzig wahren Form. So gab es sich, dasseinVolk guter Dinge auf einandresguter Dinge traf. Zwar waren sie beide gut und recht und tugendhaft, doch siehe da, und was geschah? Etwa ein Kampf? gar ein Krieg? Wie es wohl dazu kam, wo doch beide Völker sich so ähnlich sahen? wo doch beide Völker wussten, was falsch, was recht? Geh und frag sie selbst:»Wir, die Guten, wir sahen nach drüben, erschraken unseres Blickes gar; solch Gräuel mussten wir sehen im anderen Volke, solch Bosheit, solch Untat, solch Ketzerei! Wirkonntennicht anders, wirmusstenbestrafen, wo wir als Gute den Schlechten schon beiunsverbannen. Doch nun zu sehen, ein ganzes Volk voller Unholde, Raubtiere, Gottloser, die den Guten noch ins finsterste Verlies einsperren? Daskönnennur unsere Feinde sein!«
20
Wer frei sein will, muss mehr und mehr Abstand zu seiner eigenen Kultur, zu seiner Heimat, ja, selbst zu seiner Familie gewinnen. Wie könnte ich denn wissen, ob man mir nicht Lügen erzählt hat, als ich ein Kind war? Wie könnte ich wissen, ob sich nicht mein Denken bis zum heutigen Tage hin auf diesen Lügen hochstapelt? Zumindest was die Begriffe von ›gut‹ und ›böse‹, ›richtig‹ und ›falsch‹ betrifft, kann ich versichern: dass ich meine Auffassung nur von zuhause habenkann –weil es hier draußengar keine echte gibt.
21
Dass alle großen Religionen Nächstenliebe hervorgebracht haben, ist kein gutes Argument für die Nächstenliebe. Möglicherweise haben deren Völker nur durch sie bis heute überleben können. Überhaupt ist es immer nur derNutzen, der unsere Tugenden vor anderen ausgezeichnet hat, der unsere Wahrheiten vor anderen auszeichnet.
22
Unsere Tradition ist im Wesentlichen das neumodische Ritual; das Ritual geht aus den tierischen Instinkten hervor und diese aus dem Urprinzip von Aktion-Reaktion. Schon immer hat es uns sehr gefallen, immer und immer wieder dasselbe zu tun, dasselbe zu wollen, dasselbe nachzuplappern. Doch wie entkamen wir über die Jahrmillionen hinweg nun diesem Zieh-auf-Männchen-tum? Durchdenken; oder lest besser auf Griechisch: σκέψις (skepsis)
23
Mit unserer Vergangenheit beschäftigen wir uns nur, umfür heutedaraus zu lernen – und zum Spaß. Das waren wohlalleGründe füralleHandlungen.
24
Warum denn nach Prinzipien leben? Kann ich denn nicht einfach – nach meinemWillenleben?
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Das Problem jeder normativen Moralphilosophie besteht darin, dass sie zuerst Voraussetzungen machen muss, um uns dann unsere Handlungen zu verbieten oder aufzuzwingen. Die Welt schweigt aber; und die Voraussetzungen sind nur menschliche Interpretationen dieses Schweigens. Es gibt also nur selbst auferlegte Moralgesetze. Dazu erstens: Aus welchenanderenGründen sollte ich mir solch ein Gesetz denn auferlegen, wenn doch die Welt schweigt? Es müsste auch hierzu wieder eine moralische Verpflichtung geben, die aber selbst wieder einer solchen bedarf,ad infinitum. Und zweitens: Warum um alles in der Welt sollte ich mich dann ernsthaft daran halten? Ich kann doch auch wollen und denken, lieben und fühlen, wie der Wind mich treibt; ich kann doch auch –an meinem Leben zugrunde gehen!
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Aber mein Gefühl sagt mir, dass der Sinn unseres Daseins nur in einem objektiven Sollen liegenkann. Es müsste einen Herrn geben, oder irgendeine absolute Instanz, die uns dies Sollen auferlegt, die uns diesen Sinnvermittelt.Es kann ihn geben, diesen Herrn und diesen Sinn:möglichist es. Aber was dann, wenn uns dieser Sinn verborgen bleibt, wenn er uns nicht zugänglich wird –was dann?
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Wie können wir so sehr auf unsere eigenen Vorstellungen fixiert sein, wenn sich die Menschheit doch immer mehr eingestehen muss, dass sie in Sachen›Wahrheit‹nach wie vor im Dunkeln tappt? Gehen wir einen Schritt zurück, nehmen wir Abstand von diesem ewigen Streit der Meinungen. Wird uns nichtjederStreit als lächerlich erscheinen, wenn wir ihn erst vonaußenbetrachten? wenn wir uns nichteinmischenin diesen ewigen Strudel?
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Wahrheit – im Sinne der Philosophen – kann es nur innerhalb eines bestimmten Systems geben. Damit wird sie nie mehr sein als eine Menschenwahrheit. Die Wahrheit des Lebenswillgerade eine Menschenwahrheit sein. Undsiegibt es überall.
29
Leben als Selbstzweck? Nun, wenn ich glücklich bin, ist es ein Selbstzweck. Aber wenn ich traurig bin, wenn ich am Abgrund stehe, ist es gerade dasFehleneines Zweckes. Gewappnet für dasLebenbin ich nur, wenn ich auch zur Sommerszeit noch jeden Zweckleugne. Hart, hart und leicht muss man sein, dann kann man das Feuer in sich tragen und doch noch das Fliegen lernen.
30
Allzu gerne wüsste ich, dass ich nichts weiß. Dann wüsste ich wenigstensetwas.
31
Ich bin im Kreis!
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Die Gesetze der Logik sind viel mehr die Gesetze meines Denkens als die Gesetze der Welt. Anhand der logischen Wahrheiten zeigt mir mein Geist nur seine Grenzen, den Rahmen alles Denkbaren. Aber kann die Welt damit nicht den Gesetzenwidersprechen?Kann sie nichtabsurdsein und selbstdarübernoch gleichgültig?
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Zugeständnis an den Solipsismus: Es ist nach wie vor möglich, dass ich träume; dass du träumst …
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Hätte die Welt wohl ein Aussehen, wenn ich blind wäre? Und angenommen, ich hätte gar keine Sinne: Gäbe es Stoff für meine Gedanken? Hätte ichüberhauptGedanken? Schließlich, wenn ich nichts dächte: Gäbe es dann überhaupt – die Weltals Welt?
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Keine Angst: Das Meer bleibt blau; selbst wenn wir seine atomare und molekulare Zusammensetzung bestimmen, auf die Reflexion und Absorbtion des Lichtes hinweisen, sprachwissenschaftliche Beweise dafür aufführen, dass die Kategorie ›blau‹ keine klaren Grenzen habe, selbst wenn wir jede Farbe als sekundäre Qualität abtun und zuletzt noch alle Räumlichkeit leugnen: Das Meer bleibt blau; und tief.
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Ich meine keinen Schritt zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, dass die sogenannte›Welt‹sich aus nichts als den verschiedenen Interpretationen unserer Sinnesreize zusammensetzt. Darum habe ich michauchfür die Philosophie entschieden: Hier kann ichWelten schaffen!
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Aber wo steckt der Sinn in all dem? Wie könnte ich einen Sinn finden in einer Welt, die ich selbst geschaffen habe? Er muss von einem Höheren, einem Göttlichen stammen, welches sich über mich erhebt. Doch wo ist dieses Göttliche? Wo kann ich es finden, wenn es sich mir verweigert? Wollen wir umhertreiben, Sinn-suchend, Sinn-schwelgend, wenn uns Gott verlassen hat in dieser selbstgeschaffenen Welt? Gottlos ist sie und gottlos sind wir, verdammt in diesem gottlosen Leben! Oder wollen wir dies Lebenselbstzum Göttlichen erheben? und es lobenindemwir es leben?
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Im Grunde ist alles Kunst. Warum? Weil alles sinnlos ist. Ethik, Ästhetik, Moral – wo liegt jetzt noch derUnterschied? Wir können wieder alles als Kunst bezeichnen: Baukunst, Heilkunst, Kognitionswissenschaftskunst, wenn ihr wollt. –»Aber, aber: diese Wissensgebiete sorgen doch für ein besseres Leben der Menschen«, also sprach der Humanist. Aber macht das, wasihrKunst nennt, das etwa nicht? Im Grunde ist alles Kunst: weil wir alle Schaffende sind.
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Mein ganzes Leben wird wohl daraus bestehen, das einzige große Kunstwerk zu bestaunen. Aber wer ist der Künstler? Habt ihr schon verstanden?
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Das perfekteste Kunstwerk wäre kein Kunstwerk, es wäre nichts, es wäre die Leere, der Tod. DennPerfektiondrückt nur aus, dass man keine Fehler macht.Genialitätdagegen ist das schaffende Moment: die Willkür, die macht, dass da überhaupt etwas ist, die macht, dass wir noch leben wollen.
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Ob die Saiten der Welt gestimmt werden können? Ich denke wir können sie stimmen, indem wir ihre Stimmung als konsonant betrachten. Man muss den Tritonus nur lange genug hören undgenauhinhören, um zu merken, dass er schöner ist als Dur.
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Teuflisch ist die Schönheit, teuflisch die nackte Wahrheit; teuflisch sind sie beide: abernacktundschön!
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Ich liebe die Kunst, die das Gute wie das Böse leugnet, die gleichsam jenseits von allem Menschlichen, jenseits von aller Menschlichkeit sich noch über das Leben erheben will, die dich mit einem Mal anspringt, dich kreuzigt, dich auf glühenden Kohlen tanzen lässt, die dich noch auslacht, dich vor dir bloßstellt, dich vor dir nackt und einsam der Welt gegenüberstellt:Ich liebe die Kunst des Absurden!
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Wir müssen uns darauf vorbereiten, mehr und mehr einem gewissen Wahnsinn ausgesetzt zu sein, eine bewusste, vielleicht gewollte Form der Verrücktheit immer mehr in unserem Körper aufblühen zu sehen. – Jetzt bin ich mir sicher:Ich will diesen Wahnsinn!
45
Hast du schon einmal in den Spiegel gesehen und dich als Teufel, als Dämon erkannt? Deine Augen, aufgerissen, schreien dich lüstern an, dein Gesicht eine Fratze voll Feuer und Blut, dein bebender Körper kampfbereit:»
