Der Gast im Garten - Takashi Hiraide - E-Book

Der Gast im Garten E-Book

Takashi Hiraide

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7,99 €

Beschreibung

Ein junges Paar, erschöpft vom Lärm der Großstadt, bezieht ein Gartenhaus außerhalb Tokyos. Als eines Tages ein kleines Kätzchen auftaucht, unterbricht es die beschauliche Stille des weitläufigen Gartens, es räkelt sich verspielt inmitten der Blumenbeete im Schatten der Bäume, tollt mit Schmetterlingen und Libellen herum und streift durch das Unterholz. Mehr und mehr öffnen sich die beiden dem unverhofften Gast und bemerken dabei kaum, was die Katze tatsächlich für ihr Leben bedeutet – bis sie eines Tages verschwindet.
Ein Haus und ein Garten von anmutiger verblichener Schönheit. Ein Paar, das einen neuen Anfang sucht. Eine scheue Katze, die die Freiheit liebt. Ein verzaubernder, zutiefst ergreifender Roman über die Liebe und die Zerbrechlichkeit des Lebens.

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Seitenzahl: 113

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Ein junges Paar, erschöpft vom Lärmen der Großstadt, bezieht ein Gartenhaus außerhalb Tokios. Als eines Tages eine kleine Katze auftaucht, unterbricht sie die beschauliche Stille des weitläufigen Gartens. Es dauert nicht lange, bis das Ehepaar sie dabei beobachtet, wie sie sich inmitten der Blumenbeete im Schatten der Bäume räkelt, mit Schmetterlingen und Libellen herumtollt und durch das Unterholz streift. Mehr und mehr öffnen sich die beiden dem unverhofften Gast und bemerken dabei kaum, was die Katze tatsächlich für ihr Leben bedeutet – bis sie eines Tages verschwindet.

Takashi Hiraide, 1950 in Japan geboren, arbeitete als Verlagslektor, bevor er sich dem Schreiben widmete. Er hat zahlreiche Gedichtbände und Essays veröffentlicht und unterrichtet an der Kunsthochschule Tama. Der Gast im Garten ist sein erster Roman, er wurde in acht Sprachen übersetzt und war in den USA und Frankreich ein Bestseller.

Quint Buchholz, geboren 1957 in Stolberg, gehört zu den renommiertesten deutschen Buchillustratoren, u. ‌a. illustrierte er Bücher von Elke Heidenreich, Jostein Gaarder, David Grossman und Amos Oz, aber auch zahlreiche eigene Texte. Quint Buchholz' Bilder wurden bislang in über siebzig Einzelausstellungen gezeigt. Er lebt in München.

Ursula Gräfe

Takashi HiraideDer Gast im Garten

Roman

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

eBook Insel Verlag Berlin 2015

Hinweise zur Textgrundlage:

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2015

© 2011 Takashi Hiraide

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Der Verlag weist darauf hin, dass dieses Buch farbige Abbildungen enthält, deren Lesbarkeit auf Geräten, die keine Farbwiedergabe erlauben, eingeschränkt ist.

Illustrationen: © Quint Buchholz, Mänchen

Umschlaggestaltung: Hißmann, Heilmann, Hamburg

1

Zuerst sah es aus wie Wolkenfetzen, die auf der Stelle schwebten. Dann schien der Wind sie bald nach rechts, bald nach links zu wehen.

Das kleine Küchenfenster lag so dicht an dem hohen Bretterzaun, dass niemand durch den Zwischenraum passte, und das Milchglas wirkte von innen wie eine von hinten beleuchtete Kinoleinwand. Der Zaun hatte ein kleines Astloch, das das Grün der Hecke auf der anderen Seite der etwa drei Meter breiten Gasse hinter dem Zaun darauf projizierte.

Ging jemand durch die Gasse, füllte sein Bild das gesamte Fenster aus. Es war das gleiche Prinzip wie bei einer Camera obscura – wenn man aus der dunklen Küche auf das Milchglas schaute, sah man die Menschen draußen vorübergehen, nur verkehrt herum. Und nicht nur das, ihre Schatten bewegten sich auch entgegen ihrer eigentlichen Laufrichtung. War der Passant direkt vor dem Astloch, wurde seine Gestalt plötzlich riesengroß, um sich dann – kaum war er vorbei – zu verflüchtigen wie eine Luftspiegelung.

Doch das Wolkenbild an jenem Tag machte keinerlei Anstalten vorbeizuziehen. Und auch als es direkt in der Flucht des Astlochs stand, vergrößerte sich sein Umfang nicht wesentlich. An dem Punkt, an dem es seine größte Ausdehnung hätte haben müssen, blieb das Bild im oberen Teil des Fensters nur handtellergroß. Das Wolkenknäuel waberte zögernd auf der Stelle, und ein leises Maunzen ertönte.

Um zu unserem Haus zu gelangen, fuhr man von Shinjuku mit einem Vorortzug ungefähr zwanzig Minuten in Richtung Südwesten bis zu einem kleinen Bahnhof, an dem keine Expresszüge hielten. Nach etwa zehn Minuten Fußweg erreichte man eine leichte Steigung, die einen Hügel hinaufführte. Nachdem man die einzige – in westöstlicher Richtung verlaufende – Hauptverkehrsstraße überquert hatte, ging es einen breiten sanften Hang hinunter. Nach etwa siebzig Metern erschien auf der linken Seite ein Anwesen mit einem altmodischen Tor und einer Lehmmauer, deren unterer Teil mit Bambuslatten verkleidet war und die zur Linken in den einfachen Bretterzaun überging, an dem die Gasse verlief.

Das Haus, das wir gemietet hatten, war eigentlich der Garten- und Teepavillon des ausgedehnten, von Lehmmauer und Zaun umgebenen Anwesens. Etwa in der Mitte des Zauns befand sich eine kleine Holzpforte, die der alten Dame, der das Haus gehörte, und uns als Seiteneingang diente. Gleich neben diesem Törchen spähte das Astloch aus dem Zaun hervor wie ein unbemerktes Auge.

Wer, nicht ahnend, wie deutlich er auf unser Fenster hinter dem Zaun projiziert wurde, daran vorbeiging, gelangte an eine von links in die Gasse ragende Backsteinmauer, hinter der sie eine scharfe Biegung nach rechts vollzog und unversehens auf ein vom dichten Blattwerk eines riesigen Keyakibaums beschirmtes Haus stieß. Hier bog die Gasse wieder scharf nach links ab. Wir nannten dieses gezackte Wegstück Blitzgasse, weil es uns an die gängige bildliche Darstellung von Blitzen erinnerte.

Der Keyaki, der seinen Schatten auf die Gasse warf, war uralt, und der Magistrat hatte ihn gewiss längst unter Schutz gestellt. Er musste schon dort gestanden haben, als das Haus der Nachbarn gebaut wurde, denn man hatte seine Einfriedung für ihn miteingeplant.

Seine gewaltige Krone spendete ihren segensreichen Schatten auch dem östlichen Teil des Gartens unserer Vermieter und damit unserem Gartenhaus. Im Herbst lag dort alles voller Blätter, sodass die alte Dame gar nicht aus dem Seufzen herauskam.

Ein paar Tage nachdem die streunende Katze sich in die Blitzgasse verirrt hatte, beschloss der fünfjährige Junge aus dem Haus mit dem Keyakibaum, sie zu adoptieren.

Seine Eltern waren zwar unsere direkten Nachbarn im Osten, aber die Windungen der Blitzgasse verhinderten, dass wir einander begegneten. Zudem hatte ihr Haus, wo es an unseren Garten grenzte, nur ein kleines Abzugsfenster. Vielleicht betrachteten sie uns nicht einmal als vollwertige Nachbarn, weil wir nur das Gartenhaus gemietet hatten.

Die helle Kinderstimme des Jungen tönte häufig zu mir herüber. Aber da ich bis spät in die Nacht am Schreibtisch saß, war unser Tagesablauf sehr verschieden, und ich sah ihn fast nie.

Eines Morgens jedoch – ich nahm gerade ein spätes Frühstück ein – kam er an den Zaun. »Ich behalte jetzt die Katze«, rief er laut und deutlich zu mir herüber.

2

Offenbar hatte die alte Dame aus dem Haupthaus die selbstbewusste Ankündigung des kleinen Jungen auch vernommen, denn am selben Abend hörten wir, wie sie mit der Nachbarin sprach.

»Sie haben also jetzt eine Katze?«, fragte sie vorwurfsvoll mit scharfer, klarer Stimme. »Das ist wirklich zu viel für mich.« Dann folgte eine eintönige Klage, wie die Katzen, die sich überall auf ihrem Grundstück herumtrieben, den Garten verwüsteten, Getöse auf dem Dach veranstalteten und mitunter sogar schmutzige Tapser auf den Tatami hinterließen. Die junge Frau von nebenan hörte sich die Vorhaltungen der Achtzigjährigen geduldig an und antwortete leise und höflich, ließ sich aber nicht einschüchtern. Der kleine Junge stand vermutlich aufgeregt hinter ihr und hoffte, seine Katze behalten zu dürfen. Am Ende musste sich die alte Dame geschlagen geben.

Mir fiel ein, dass der Mietvertrag für das Gartenhaus, den wir zwei Jahre zuvor unterschrieben hatten, eine Klausel enthielt, nach der Kinder und Haustiere untersagt waren.

Wir hatten zwar schon die Mitte dreißig überschritten, wünschten uns aber kein Kind. Auch an einem Haustier hatten wir kein Interesse. Wir waren beide berufstätig und hatten nie auch nur darüber gesprochen, uns einen Hund oder eine Katze anzuschaffen. Nach den Kriterien der alten Dame waren wir vermutlich die idealen Mieter.

Zu unserem engeren Freundeskreis gehörten einige passionierte Katzenliebhaber, die uns mit ihrer zur Schau gestellten Zuneigung oft befremdeten. Mitunter überschütteten sie die Tiere mit hingebungsvoller Zärtlichkeit, ohne sich der Peinlichkeit ihres Verhaltens bewusst zu sein. Wohlgemerkt, ich hatte keine Abneigung gegen Katzen, nur Vorbehalte gegenüber sogenannten Katzenliebhabern. Allerdings hatte es bisher in meinem Umfeld nie eine Katze gegeben.

Als Kind hatte ich einmal einen Hund. Meine Beziehung zu ihm war unkompliziert und natürlich, und ich hatte die Hierarchie, die sich über die Leine zwischen dem, der führte und dem, der gehorchte, übertrug, als befreiend empfunden.

Ich war damals ungefähr im gleichen Alter wie der Nachbarsjunge, und wir wohnten in einem winzigen Holzhaus in einer Siedlung für städtische Angestellte. Doch kaum hatte ich den Welpen bekommen, wurde er mir auch schon wieder gestohlen. Ich glaube, es war an einem Samstag- oder Sonntagnachmittag. Als Erster bemerkte mein Vater, dass der im Flur angebundene Spitz verschwunden war.

»Hundediebe«, flüsterte er sofort und rannte mit mir aus dem Haus. Wir suchten überall, aber weder von dem Hund noch von einem Dieb war etwas zu sehen. Ich spürte damals, dass ich meinen Vater lieber nicht nach dem Wort »Hundediebe« fragen sollte, das ihm entschlüpft war. An dieses Gefühl erinnerte ich mich noch ganz deutlich. Meiner älteren Schwester zufolge hatte ich die ganze Nacht geweint, aber das wusste ich nicht mehr.

Wir hatten zwar keine besondere Vorliebe für Katzen, aber dennoch kannte meine Frau sich erstaunlich gut mit ihnen aus, wie überhaupt mit allen Tieren.

Schon als Kind hatte sie mit ihrem älteren Bruder Flusskrebse und Salamander gefangen und in einem Terrarium gehalten. Sie hatten sogar alle möglichen Schmetterlingsarten in ihrem Zimmer schlüpfen und umherflattern lassen, Prachtfinken und Kanarienvögel gehabt, Küken und aus dem Nest gefallene Spatzenjungen aufgezogen und verletzte Fledermäuse gesund gepflegt.

Bei jeder Tiersendung, die wir im Fernsehen sahen, konnte meine Frau die ausgefallensten Arten in den fernsten Ländern beim Namen nennen. Wenn ich also sage, keiner von uns hätte eine besondere Vorliebe für Katzen, so war das bei mir, ihrem Mann, doch etwas ganz anderes.

Als die Nachbarn die kleine Katze zu sich nahmen, bekam sie ein zinnoberrotes Halsband mit einem Glöckchen und tauchte nun des Öfteren auch in unserem Garten auf.

Der Garten des Haupthauses und unserer waren ursprünglich eins gewesen und jetzt nur durch einen einfachen Bretterzaun getrennt. Der große Garten mit seinen Bäumen, dem künstlichen Hügel, dem Teich und den Blumenbeeten schien der Katze sehr zu gefallen. Und nachdem sie zuerst den kleinen Garten um unser Haus erforscht hatte, durchstreifte sie nun die Weiten des großen.

Stand unsere Tür offen, warf sie auf ihrem Hin- oder Rückweg stets einen Blick in unser Haus. Sie war nicht scheu, aber von Natur aus sehr vorsichtig. Sie schaute mit aufgestelltem Schwanz ruhig ins Haus, kam aber nie

3

Die Katze hieß Chibi, »Kleine«. Wir hörten, wie der Junge mit seiner hohen Stimme nach ihr rief – »Chiiiibiiii!«, und auch das Trappeln seiner Füße und das leise Klingeln von Chibis Glöckchen.

Chibi war ein kleines Juwel. Ihr weißes Fell hatte, wie man es häufig bei japanischen Katzen sieht, runde rußschwarze und hellbraune Flecken, als hätte man sie mit Tusche besprenkelt. Sie war schmal und sehr klein.

Dieses Zierliche war ihre Besonderheit. Außerdem hatte sie sehr hübsche spitze Öhrchen, die ständig in Bewegung waren. Uns fiel auf, dass sie sich nie an unseren Beinen rieb, wie Katzen es eigentlich gern tun. Anfangs glaubte ich, es liege daran, dass ich nicht an den Umgang mit ihnen gewöhnt war, aber das war es wohl nicht. Ein Mädchen, das immer durch die Blitzgasse kam, ging manchmal vor ihr in die Hocke, um sie anzuschauen. Chibi ließ es geschehen, ohne die Flucht zu ergreifen, doch sobald die Kleine sie berühren wollte, schoss sie davon wie ein kalter, fahler Blitz.

Chibi miaute so gut wie nie. Bei ihrem ersten Auftauchen in der Gasse hatte sie leise gemaunzt, aber danach nie mehr. Wir mussten uns wohl damit abfinden, dass sie uns ihre Stimme nicht hören lassen würde.

Sie war eigentümlich sprunghaft, und das nicht nur als ganz junge Katze. Vielleicht reagierte sie so lebhaft auf Insekten und Reptilien, weil sie immer allein in dem großen Garten spielte. Ansonsten konnte ich mir nur vorstellen, dass sie auf unsichtbare Veränderungen des Lichts und des Windes reagierte. Zwar haben die meisten Katzen eine Neigung zum Unsteten, doch Chibis Bewegungen erschienen besonders abrupt und blitzartig.

»Sie macht der Blitzgasse alle Ehre«, sagte meine Frau bewundernd, sooft Chibi vorbeisauste.

Der Nachbarsjunge brachte der kleinen Katze bei, mit einem Ball zu spielen, und sie erwies sich bald als wahre Meisterin. Der Gummiball hatte genau die richtige Größe für ihre Pfote. Sein fröhliches Aufprallen schallte so einladend durch die Gasse, dass ich selbst Lust bekam, in unserem kleinen Garten mit Chibi zu spielen. Nach einigem Zögern holte ich eines Tages einen Tischtennisball aus einer Schublade hervor.