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Verena Schmid, die bekannteste Hebamme Italiens, erklärt, welche physiologisch und psychologisch wichtigen Funktionen der Schmerz für die werdende Mutter und ihr Kind hat und wie der Geburtsschmerz mit natürlichen Mitteln wirksam gelindert werden kann. Dieses Buch zeigt, wie die Auseinandersetzung mit dem Schmerz in den Geburtsvorbereitungskurs integriert werden kann. Es liefert viele überzeugende Argumente für eine natürliche Geburt und will einen Beitrag dazu liefern, den aktuellen Trend zum Wunschkaiserschnitt zu bremsen. Aus dem Inhalt: Kulturelle Einflüsse auf das Erleben des Geburtsschmerzes Physiologische Grundlagen und Funktionen des Geburtsschmerzes Vor- und Nachteile einer medikamentösen Schmerzbekämpfung Natürliche Methoden der Schmerzlinderung Geburtsschmerz als Thema im Geburtsvorbereitungskurs
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2013
Der Geburtsschmerz
Bedeutung und natürliche Methoden der Schmerzlinderung
Verena Schmid
Übersetzt und bearbeitet von Monika Schmid 15 Abbildungen
2. Auflage
In einer Zeit, in der das Thema Wunschkaiserschnitt von werdenden Eltern, Medizinern und Hebammen heiß diskutiert wird, ist es besonders wichtig, sich mit den archaischen Themen Schmerz und Geburt intensiver zu befassen. Verena Schmid, die bekannteste Hebamme Italiens, hat dies in ihrem Buch über den Geburtsschmerz umfassend, wissenschaftlich und leidenschaftlich getan.
Die Frauen können nur einfordern, was sie wissen. Wieder einmal sind wir Hebammen gefordert, die werdenden Eltern korrekt und realistisch aufzuklären. Oft werden Versprechen gegeben, die nicht einzuhalten sind, denn auch eine Geburt mit Periduralanästhesie oder eine Sectio ist für die Mutter nicht schmerzlos! Schmerzen können durch Wehen vor der PDA auftreten, durch frühzeitige Wehen vor der geplanten Wunschsectio oder durch den operationsbedingten Wundschmerz nach dem Kaiserschnitt.
Es bedarf dringend der Klarstellung, dass eine für das Kind sanfte Geburt, eine für die Mutter schmerzhafte, aber leistbare Geburt voraussetzt. Bei einer natürlichen, interventionslosen Geburt erhält das ungeborene Kind die Endorphine der Mutter und kann die Geburt dadurch ohne Distress erleben. Nur wenn die Mutter stress- und angstbedingt dauerhaft Adrenaline produziert, ist die Geburt auch für das Kind schmerzhaft.
In diesem Zusammenhang muss auch dringend über den Einsatz der üblichen Schmerz- und Wehenmittel nachgedacht werden, deren Wirkung ebenfalls nicht immer hält, was versprochen wird, und die außerdem nie frei von Nebenwirkungen sind. Die Gabe künstlicher Oxytocine hemmt die Produktion der körpereigenen Endorphine, was den Schmerz für die Frau erst unerträglich werden lässt. Außerdem nimmt es ihr die Chance auf eine selbst erlebte, selbst bestimmte Geburt mit ihrem Trancezustand der Befriedigung und mit dem wunderbaren Glücksgefühl am Ende, welches eine wichtige Grundlage für die Entstehung der lebenslangen Mutter-Kind-Bindung ist. Dieses Glücksgefühl fördert auch den Wunsch, das Erlebnis „natürliche Geburt“ zu wiederholen.
Die Statistiken der außerklinischen Geburtshilfe zeigen durch ihre guten Ergebnisse deutlich, dass natürliche, interventionsarme Geburtsverläufe mit selbst gewählten Gebärhaltungen – das wirkliche Gebären – zu einem äußerst positiven „Fetal outcome“ führen. Nicht zu vergessen ist hierbei natürlich auch die Umgebung bei der Geburt, die Entspannungstechniken und die angewandten Methoden aus der Komplementärmedizin.
Nachdem ich die Geburt dieser Übersetzung aus dem Italienischen miterleben konnte, freut es mich ganz besonders, dass dieses Buch jetzt auch in deutscher Sprache zu lesen ist. Ich wünsche, dass es dazu beiträgt, die natürliche Geburt eines Menschen wieder zu einem Vorgang zu machen, dem Achtung und Ehrfurcht entgegengebracht wird, bei dem alle Beteiligten bedenken, dass Gebären umso besser funktioniert, je weniger es gestört wird.
Mit Hilfe dieses Buches können wir die schwangeren Frauen ermutigen, die Geburt wieder selbst in die Hand zu nehmen und ihnen vermitteln, dass sie dabei nicht nur die Hauptdarstellerin sind, sondern auch die Drehbuchautorin und die Regisseurin des Ablaufs. Denn nur so wird die Gebärende sich den natürlichen Abläufen hingeben können, ohne verletzt und gedemütigt zu werden. Wenn sie versteht, dass das Ungeborene durch die Wehen die natürlichen Zyklen und Rhythmen des Lebens bereits in den Stunden der Geburt erfährt, dann wird sie auch verstehen, dass dieses intensive körperliche Erlebnis Geburt auch ihre Chance ist. Denn es wird nicht nur das Kind durch die Mutter geboren, sondern auch die Mutter durch das Kind.
Dieses Buch liefert die fachlichen Grundlagen für die Beratung der schwangeren Frauen durch Hebammen und Ärzte vor jeder Entscheidung für oder gegen Schmerzmittel, PDA und Wunschsectio. Nur auf der Grundlage einer wertfreien und umfassenden Aufklärung hat die Frau wirklich eine Chance, selbst zu bestimmen, zu tönen und zu gebären, wie es für sie gut ist.
Ingeborg Stadelmann
„Es wird der modernen Frau nicht mehr erlaubt, bewusste Erfahrungen ihrer körperlichen Empfindungen und deren emotionalem Echo zu machen;man beraubt sie somit auch der Belohnung, die ihr durch das bewusste Erleben der Kraft ihrer Geburt zuteil würde. Die Herren Wissenschaftler kennen diese Faktoren nicht, weil sie sie selbst nie erleben oder mit den Frauen teilen können.“Grantley Dick Read (1933)
Dieses Buch möchte umfassend über den Geburtsschmerz und die Möglichkeiten, mit ihm umzugehen, informieren. Es soll zu einer echten Wahl befähigen, indem die persönlichen Werte und Bedürfnisse in die Waagschale gelegt und das Für und Wider aller Möglichkeiten abgewogen werden.
Wir leben in einer Zeit, die von einem rasanten kulturellen Wandel geprägt ist. Dies bedeutet immer auch einen Anpassungskonflikt, einen bestimmten Grad an innerer Desorientierung und eine Ambivalenz zwischen Altem und Neuem. Eine solche Zeit erfordert insbesondere Informationen, Diskussionen und verschiedene Möglichkeiten, sich mit der Geburt auseinander zu setzen. Von großer Bedeutung ist auch eine echte Wahlfreiheit durch die Befähigung, selbst entscheiden zu können, was gut für einen selber ist – ohne moralische Vorhaltungen und Urteile. Sie erfordert aber auch neue Instrumente und neue Interpretationen für die archaischen Muster.
Wenn wir uns von alten Modellen lösen möchten, müssen wir uns zuerst auf unsere Wurzeln besinnen, verstehen, woher wir kommen und unseren derzeitigen Standort bestimmen. Danach können wir dann entscheiden, was wir zurücklassen, was wir vom alten in ein neues Lebensmodell mitnehmen und wie wir die Bedeutung des Erlebten interpretieren möchten. Die Beschäftigung mit dem Schmerz wird bei dieser Suche sinnbildlich, weil ihn zu verstehen und zu akzeptieren das Berühren von tiefgehenden, existenziellen Themen bedeutet. Ihn auszuschließen bedeutet dagegen, sich selbst weniger zu spüren und weniger über sich selbst zu erfahren.
Autorinnen wie Adrienne Rich, Suzanne Arms, Sheila Kitzinger, Doris Haire, Margaret Mead, Ina May Gaskin und viele andere unterstreichen die Wichtigkeit, die Geburt in vollem Umfang zu erleben, da sie unlösbar mit dem Leben als Frau und mit der weiblichen Sexualität verbunden ist und deren Qualität in hohem Maße beeinflusst. Es geht dabei um die Macht der Frau, um ihr persönliches Können, ihre Kraft sowie ihre persönliche und soziale Kreativität.
Die Definition der Geburt als psychosexuelles Ereignis, die schmerzbedingte Hormonausschüttung und die steigende sexuelle Spannung im Geburtsverlauf versprechen eine Wiederannäherung von Mutterschaft und Sexualität, wodurch viele alten Wunden der Frauen geheilt werden könnten. Die Wiederentdeckung dieser Dimensionen hat verschiedene und oftmals anstrengende Konsequenzen. Kompromisse, Anpassung, aber auch emotionale Enttäuschung, Opfer in Form von Leiden und persönlichen sowie sozialen Einschränkungen scheinen unvermeidliche Etappen auf diesem langen Weg zu sein. Wir setzen uns also nicht mit einem Idealbild von Geburt auseinander, sondern mit einer komplexen und historischen Realität, die wir aber etwas besser verstehen wollen.
Die Geburt natürlich zu erleben bedeutet auch, sich mit Arterhaltung zu beschäftigen, sowohl von Tieren und Pflanzen als auch von uns Menschen. Wenn der Prozess von Fortpflanzung und Wachstum nur mehr von Technologie abhängt und damit die primäre Beziehung zur Mutter und damit auch zur Mutter Erde gestört wird, dann sind die Arten bedroht und fangen an auszusterben. Denn sie haben das Wissen vom Leben und vom Überleben verloren.
Verena Schmid
1 Kulturelle Einflüsse auf das Erleben des Geburtsschmerzes
Kulturabhängige Interpretationen
Das falsche Versprechen von der schmerzfreien Geburt
Die Angst vor dem Schmerz, Angst als Mittel der Unterdrückung
Das Annehmen des Schmerzes, die Akzeptanz als Mittel der Befreiung
Die Zwickmühle
2 Physiologische Grundlagen und Funktionen des Geburtsschmerzes
Die Funktion von Schmerz in physiologischen Abläufen
Das Wesen des Geburtsschmerzes
Die Schmerzreize
Die Schmerzbahnen
Die Neurotransmitter des Geburtsschmerzes
Die Dimensionen des Schmerzes
Bewegung und Ausdruck als Reaktion auf den Geburtsschmerz
Die spezifische Bedeutung von Schmerz im natürlichen Geburtsverlauf
Die Risiken einer erzwungenen Bewegungseinschränkung während der Geburtsarbeit
Der Zusammenhang zwischen Schmerz und Sexualität bei der Geburt
Die umfassende psychische, emotionale und spirituelle Bedeutung des Schmerzes im Geburtsverlauf
Der Einfluss der Wehen auf das zu gebärende Kind
3 Medikamentöse Schmerzbekämpfung
Die Epidural- oder Peridualanästhesie (PDA)
Beruhigungs- und Betäubungsmittel
Inhalationsnarkosen (Lachgas)
Schlussfolgerungen
4 Physiologische Methoden der Schmerzlinderung
Methoden der sensorischen Schmerzkontrolle
Zentrale (psychologische) Schmerzkontrolle
Geburtsvorbereitung: historische Entwicklung und Konzepte
„Suggestion“
Veränderter Bewusstseinszustand während der Geburt
„Didaktik“
„Gymnastik“ (Körperarbeit)
Kontinuierliche Begleitung und Unterstützung
Die Rolle der Hebamme bei der physiologischen Schmerzlinderung
Die Bedeutung des Umfeldes
Auswirkungen von chronischem Stress in der Schwangerschaft
Auswirkungen von chronischem Stress während der Geburt
5 Die Rolle des Partners beim Umgang mit dem Geburtsschmerz
6 Geburtsschmerz als Thema im Geburtsvorbereitungskurs
Die Wertigkeit des Schmerzes verändern
Als wirksam erlebte Schmerzmittel
Die Frage der Freiheit
Beispiel für einen individuellen Geburtsplan
Das Konzept der informierten Wahl
„Empowerment“
Entscheidungshilfe für die Wahl des Geburtsortes
Schmerzlinderung mit Hilfe der Elemente
Polaritätsbehandlung
7 Die Öffnung zum Kind
8 Wunschsectio – die vermeintlich einfachere Alternative
Wie kommt es zu diesem Wunsch?
Was heißt „sich öffnen?“
Das „technologische“ Geburtsmodell
Die „zerstückelte“ Frau
Was wählen die Frauen wirklich?
Kurz- und langfristige Nebenwirkungen eines Kaiserschnitts
Was erlebt ein durch Kaiserschnitt geborenes Kind?
Der Einfluss eines geplanten Kaiserschnittes auf den biologischen Rhythmus des Mutterwerdens
Ist eine Wunschsectio ethisch vertretbar?
Was heißt überhaupt „wählen“?
Betreuung von Frauen mit Sectiowunsch
Literatur
Sachregister
Die Autorin
Der Schmerz ist zweifelsohne der vorherrschende Aspekt des Gebärens; der Aspekt, von dem sich ein Teil der Frauen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden bis heute angezogen und fasziniert fühlt, wobei ein anderer Teil mit Angst, wenn nicht gar mit Entsetzen daran denkt. Der Schmerz bleibt ihnen bis an ihr Lebensende im Gedächtnis haften, es ist dieser Aspekt, mit dem ihre Erfahrung des „Leben-Schenkens“ verankert ist.
In den verschiedenen Kulturkreisen gibt es sehr große Unterschiede in der Interpretation des Schmerzes und damit auch in der Übermittlung seiner Bedeutung. Der Geburtsschmerz darf hierbei nicht isoliert betrachtet werden, er steht immer in engem Zusammenhang mit der vorherrschenden Lebensphilosophie einer Gesellschaft und ist abhängig davon, welchen Stellenwert negativen Gefühlen im Allgemeinen zugeordnet und wie damit umgegangen wird.
Außerdem sind Schwangerschaft und Geburt in vielen Kulturen gefürchtete gesellschaftliche Ereignisse, die sowohl wegen ihrer Kraft als auch wegen der Verletzlichkeit von Mutter und Kind als unrein betrachtet werden. Gleichzeitig können sie vom Bösen angegriffen werden oder auch selber eine Quelle des Bösen sein, gleichsam als Verkörperung von Schuld (Adrienne Rich – 1983). Es werden in diese Ereignisse also weitreichende Bedeutungen projiziert, sie sollen z. B. Gefahr für die Ernte oder für die Männer darstellen, schlechte Geister oder den bösen Blick anziehen können. Sie können sowohl Ursprung von Qualen sein als auch von heilenden Kräften, ein Beweis von sexueller Macht und vieles andere mehr.
Margaret Mead spricht davon, dass die Geburt je nach Kultur als ein schmerzhaftes und gefährliches Ereignis betrachtet wird oder als ein interessantes und bereicherndes, als ein von Unabhängigkeit geprägtes oder ein von einer übernatürlichen Kraft abhängiges Ereignis. In einigen Kulturen wird der Ausdruck des Schmerzes nach außen toleriert, in anderen wird sogar dazu angespornt, in wieder anderen Kulturen wird der Ausdruck des Schmerzes vom Mann nachgeahmt, in einigen wird er gar nicht akzeptiert. Hier spiegelt sich wider, welche Ausdrucksformen im allgemeinen von einer Gesellschaft toleriert werden.
Es gibt aber nur wenige anthropologische Untersuchungen über die Geburt, da die meist männlichen Forscher weit vom Geburtsgeschehen entfernt gehalten wurden. Sie wissen zwar etwas über schwierige Verläufe, aber wenig über normale Geburten. Sicherlich wird eine soziale Gruppe, die in Einklang mit der Natur lebt und Leiden als unvermeidlichen und immer wiederkehrenden Bestandteil des Lebens empfindet, ein größeres Verständnis und mehr Akzeptanz gegenüber dem Geburtsschmerz und dem Schmerz im Allgemeinen haben. Durch das Leben in Einklang mit den Zyklen und Rhythmen der Natur können reichhaltige Erfahrungen gesammelt werden, z. B. dass kein Zustand statisch oder von ewiger Dauer ist, weder das Leiden noch das Glück. Dass sie sich ständig abwechseln und dass das eine immer die Voraussetzung für die Existenz des anderen ist. So wissen diese Menschen (und somit auch die Gebärenden) mit diesen Veränderungen umzugehen und sie zu akzeptieren. Manchmal suchen die Männer sogar absichtlich den Schmerz, um ihre persönliche Kraft in Zeiten des Wachsens zu vergrößern oder angesichts neuer Aufgaben und Verantwortung, die sie übernehmen sollen.
Während in der biologischen Natur der Frauen jeder Beginn von Veränderung, Wachstum und Stärkung von einem körperlichen oder seelischen Unbehagen begleitet wird (erste Menstruation, Entjungferung, Geburt, manchmal auch das Stillen, Wechseljahre), hat sich der Mann in Ermangelung dieser natürlichen Übergänge zahlreiche Initiationsriten geschaffen (in der Pubertät, zur Hochzeit, für die Vaterschaft, vor einem Krieg, einer Jagd oder anderen wichtigen Ereignissen), bei denen er sich freiwillig dem Unbehagen und körperlichen und psychischen Leiden aussetzt und sich sogar selbst Verletzungen zufügt. Beweggrund dafür ist das Wissen um die Stärkung der eigenen Kraft durch die Auseinandersetzung mit und die Überwindung von körperlichen und seelischen Leiden.
Bei männlichen Unternehmungen wie Kriegen, Eroberungen, Abenteuer oder Forschungsreisen wird der Schmerz und auch die Auseinandersetzung mit dem Tod selbstverständlich akzeptiert. Auf ein Abenteuer bereitet sich der Mann entsprechend vor, besorgt sich die nötige Ausrüstung. Er stellt sich auf die Probe mit dem Ziel, aus ihr siegreich und triumphierend hervorzugehen, stärker und weiser als zuvor. Er denkt nicht in erster Linie an den Schmerz oder an das mögliche Scheitern, sondern konzentriert sich auf das zu erreichende Ziel.
Die Geburt wird in verschiedenen Kulturen auch „der Krieg der Frauen“ genannt; bewaffnet wie Kriegerinnen, das feste Ziel vor Augen, nehmen die Frauen die Geburtsarbeit in Angriff. Bei den Naturvölkern wird es einer Frau zugetraut, dass sie diese Probe meistert und es wird erwartet, dass sie gestärkt und erfahrener daraus hervorgeht. Die Geburt ist ihre persönliche Angelegenheit, für die sie sich oft von der Gemeinschaft entfernt, um die Prüfung alleine und aus eigener Kraft zu bestehen.
Bei anderen Völkern wird die Geburt als eine ekstatische und transzendentale Erfahrung erlebt, bei der sich die Fähigkeit zur Hingabe, das Über-sich-selbst-Hinauswachsen und die Umwandlung der Prüfung in Befriedigung in einem gemeinschaftlichen, oft weiblichen Ritual ausdrückt.
Will dagegen eine Gesellschaft wie die unsere, die den Frauen die Erfahrung des Geburtsschmerzes, des Stillens, der Wechseljahrsbeschwerden und der emotionalen Schmerzen versagt, schwache Frauen haben?
Und sind nicht in einer solchen Gesellschaft auch die Männer schwächer, weil sie keine echten Herausforderungen mehr annehmen oder gar suchen? Fehlt es in einer solchen Gesellschaft nicht an emotionalen Höhepunkten?
Die Industriegesellschaften geben einen konzentrierten Lebensrhythmus vor, der auf Produktion ausgerichtet ist. Darin ist kein Raum vorgesehen für die irrationalen Aspekte des Lebens, für einen individuellen Rhythmus in Einklang mit den Zyklen der Natur. Zeit hat einen wirtschaftlichen Wert und ist somit zielgerichtet. Alle Lebensprozesse sollen linear verlaufen und haben ein einziges Ziel: ständiges Wohlbefinden, ohne Höhepunkte und ohne Tiefpunkte. Es gibt in diesem Lebenskonzept weder Raum noch Verständnis für Schmerz. Die einzig anerkannten Anstrengungen sind wirtschaftlicher Art.
Die Möglichkeit des Todes erschreckt und wird mit falschen Versprechungen von falschen Sicherheiten verdrängt. So wird auch der Schmerz linienförmig, verliert seinen Rhythmus und wird chronisch. Das Verständnis für das Leiden, für seine polarisierende Funktion im Rhythmus des Lebens geht verloren, genauso wie die Möglichkeit, den Schmerz auszudrücken und zu durchleben. Durch das Verneinen des Todes und der ihm eigenen Vitalität verliert auch das Leben an Tiefe. In diesen Gesellschaften herrscht das technologische, lineare Modell der Geburt vor.
In unseren westlichen Gesellschaften scheint die Prägung durch die biblische Verdammnis unauslöschlich zu sein, sie wird noch immer bei den Gründen zur Schmerzbekämpfung zitiert und fördert die gesellschaftliche Opferrolle der Frauen als Mütter. Frauen sind gezwungen, sich zu entscheiden zwischen Mutterschaft und Berufstätigkeit, Mutterschaft und Kreativität, Muttersein und Freiheit, dem Dasein als Mutter oder als Geliebte, Heilige oder Hure usw.
Die heutige Frau steht dieser Idee von Verdammnis natürlich ablehnend gegenüber: Die Geburt eines Kindes als Strafe für die Sünden, insbesondere die sexuellen, zu sehen, wird nicht mehr akzeptiert. Sie versucht sich auf irgendeine Weise dem historisch vorgegebenen weiblichen Rollenmodell des passiven Leidens zu entziehen, das sie für überholt hält. Wer nicht mehr bereit ist, die althergebrachten, traditionellen Prägungen passiv zu ertragen, spürt in sich das Verlangen nach Befreiung, das sich oft im Wunsch nach einer „schmerzfreien Geburt“ mit Hilfe der Periduralanästhesie ausdrückt.
Diese „Lösung“ bedeutet jedoch eine passive Haltung einem kreativen Ereignis gegenüber sowie die Trennung zwischen Mutterschaft und Sexualität, da alle sexuellen Aspekte der Geburt zusammen mit dem Schmerz ausgeschaltet werden. Die alte Prägung bleibt also unverändert. Eine andere Interpretation der Geschichte der biblischen Eva kann vielleicht helfen, diese Prägung aufzulösen und damit die Wertschätzung des Geburtserlebnisses zu verändern.
In der entwicklungsgeschichtlichen Deutung der Schöpfungsgeschichte verkörpert das Paradies die spirituelle, neutrale Welt, in der Einheit, Harmonie und Frieden herrschen. Es fehlt dort aber die Möglichkeit, die Erfahrung von Dualität (Gut und Böse) und Bewusstwerdung zu machen. Die Schlange repräsentiert die Intuition, die Eva mit dem Apfel das Wissen und das Bewusstsein anbietet. Die Vertreibung aus dem Paradies verkörpert den Übergang in die physische Welt, das Eintreten in die Welt der Kontraste, in der die spirituelle Welt verborgen bleibt, und in der die menschliche Lebenserfahrung, die Bewusstwerdung und die Entwicklung durch Gegensätze und wiederkehrende Rhythmik erfolgen. Beim Mann hauptsächlich durch die Arbeit, das Wirken in der physischen Welt und der Sicherung der materiellen Lebensgrundlagen, bei der Frau durch das Gebären mit Schmerzen als Mittel zu Bewusstsein, Transzendenz und Entwicklung.
Es handelt sich also nicht um eine Verdammnis, sondern vielmehr um eine Gabe, ein Privileg, eine Chance. So deuten auch die indianischen Ureinwohner Amerikas (z.B. die Cherokee) den Schmerz. Sie nennen die Wehen ein „Geschenk“ für die Frau, weil ihr jede Kontraktion der Gebärmutter hilft, neues Leben zu schenken und sie ihrem größten Wunsch näher bringt: ihrem Kind. Wehen sind auch ein „Geschenk“ für das Kind, weil ihm die Wehen den Rhythmus des Lebens lehren und es auf sein Leben in dieser Welt vorbereiten.
Bei den Naturvölkern kann der Geburtsschmerz gerade durch das gesteigerte Bewusstsein in Euphorie umgewandelt werden. „Eine Frau, die Erfahrungen mit dem Üben spirituellen Praktiken hat, die verbunden sind mit dem Aufgeben des Egos und dem Erreichen höherer Bewusstseinszustände, sowie der Einheit mit dem Universum, wird die Geburt meistern können, indem sie sich von den Kontraktionen ohne jeden Widerstand und damit ohne Schmerz zur Geburt ihres Kindes leiten lässt und dieses in einem ekstatischen Zustand empfangen kann.“ (Jeannine Parvati Baker, 1986)
Rituale und Zeremonien vor und während der Geburt dienen dazu, die Öffnung zum Kind hin zu erleichtern und somit den Geburtsprozess zu unterstützen. Wir finden hier Gesang, Flötenspiel und bestimmte rhythmische Instrumente, die einen hypnotischen Zustand begünstigen. Auch das Lesen von Gedichten, die Anregung der Sinne durch Düfte, Bilder und Klänge fördern die Öffnung, da sie die rechte Gehirnhälfte stimulieren, jenen Teil des Gehirns, der die Geburt steuert und dem unsere Kreativität entspringt.
Wenn wir von der Spontangeburt sprechen oder davon, wie das Gebären in einer Gesellschaft organisiert wird, kommen wir nicht umhin, auch die Lebensweise der Frau und ihrer Familie zu berücksichtigen, die sich in der Art des Gebärens ausdrückt. Darüber hinaus spiegeln sich in der Art, wie eine Geburt geplant wird, auch die allgemeinen Werte einer Gesellschaft wider. Wer eine lineare Lebensweise hat und in einer technologisch orientierten Gesellschaft lebt, wird auch eine lineare Geburt nach industriellen und technologischen Maßstäben wählen. Wer sich eher mit der Natur verbunden fühlt, wird sich eine natürliche Geburt wünschen und versuchen, sich dem Fluss des Geschehens zu überlassen. Wer einen Lebensstil von höherer Qualität anstrebt und das Wechselspiel des Lebens mit seinen zyklischen Abläufen akzeptiert, wird eine möglichst bewusst erlebte Geburt wählen.
Das Erlebnis der Geburt stellt ohne Zweifel einen absoluten Höhepunkt im Leben eines jeden Menschen dar. Es hat eine enorme Bedeutung für sein zukünftiges Leben, da es eine tiefgreifende Prägung bewirkt, der der Mensch nicht entkommen kann.
Wenn wir weiterhin bedenken, dass dieses Ereignis mit jahrhundertealten Prägungen belastet ist und es aufgrund der geringen Kinderzahl nur noch wenige Möglichkeiten gibt, diese Erfahrung zu durchleben, dann lohnt es sich vielleicht, über das allgemein bekannte Wissen hinauszugehen und über einige Dinge vor der Geburt nachzudenken, anstatt den Dingen passiv ihren Lauf zu lassen.
Eine lineare Lebensweise schließt negative Gefühle immer aus und es stellt jedes Mal eine Überraschung dar, wenn einem der Rhythmus des Lebens sein Wechselspiel auferlegt. Die Frau in ihrem linear geplanten Leben steht solchen bedeutenden Einbrüchen oder realen Erfahrungen unvorbereitet gegenüber. Sie fühlt sich gespalten zwischen ihrem inneren Modell von Geburt und den von der Gesellschaft vorgegebenen Normen. Dadurch ergibt sich ein Konflikt zwischen zwei tiefen Bedürfnissen: den eigenen Instinkten zu folgen und einer Gruppe anzugehören. Da in diesem Fall die biologischen den kulturellen Bedürfnissen entgegengesetzt sind, ist die Frau frustriert und fühlt sich unzulänglich in ihrem Dasein als Frau und Mutter. Sie ist verwirrt und sucht deshalb Hilfe bei Fachleuten.
Nehmen wir nun das Beispiel einer technologischen Geburt mit Periduralanästhesie.
Das Versprechen einer schmerzlosen Geburt kann in Wirklichkeit nicht gehalten werden. Nicht nur, weil die PDA nicht zu jeder Zeit für alle Frauen zur Verfügung steht, sondern auch, weil sie erst nach Beginn der aktiven Geburtsphase angewandt werden kann.
Das bedeutet, dass die Frau sich im ersten Teil der Geburt durchaus mit dem Schmerz auseinandersetzen muss. Sie ist nicht darauf vorbereitet, wehrt sich gegen den Schmerz und leidet dadurch um so mehr. Des weiteren erfährt sie nach der Geburt nicht die intensive Befriedigung durch die Endorphine, wie dies nach einem natürlichen Geburtsverlauf der Fall wäre. Das Fehlen dieser Befriedigung verringert oder verhindert den Wunsch, die Erfahrung zu wiederholen und weitere Kinder zu gebären.
Brigitte Jordan zeigt in ihrer Studie „Birth in 4 cultures“ (1978), dass diejenige Frau bei der Geburt am meisten leidet, der man fälschlicherweise versprochen hat, dass sie mit Hilfe der PDA eine so genannte „schmerzlose Geburt“ haben könne. Sie ist dem Anfangsschmerz der Geburt unvorbereitet und unmotiviert ausgesetzt, der zudem oft stärker empfunden wird als im weiteren Geburtsverlauf, da sich die Kompensationsmechanismen erst in der aktiven Geburtsphase richtig einspielen. Am wenigsten leiden dagegen die Frauen, die motiviert und auf den Schmerz vorbereitet sind und somit bereit sind, ihn hinzunehmen. Insbesondere gilt das, wenn auch ihr gesellschaftliches Umfeld diese Ansicht teilt und den Schmerz akzeptiert.
Tatsächlich nimmt der Schmerz erheblich zu, wenn man versucht, ihn zu unterdrücken und verringert sich, wenn man ihn ohne Widerstand annimmt.
Analog dazu werden oft Pathologien erzeugt, wenn den Geburtshelfern, die häufig als Sicherheits-Garanten angesehen werden, die Vollmacht über die Geburt erteilt wird. Es entstehen Risiken durch medizinische Eingriffe und das passive Verhalten der Gebärenden, die Probleme weit über die Geburt hinaus verursachen können (z. B. Sensibilitätsverluste, Dauerschäden am ZNS, Rückenschmerzen). Durch diese technologische Geburtsleitung nehmen also Risiken und Probleme zu, anstatt dass sie wie versprochen reduziert werden. De facto leiden also die Frauen in den Wohlstandsgesellschaften mehr.
In Wirklichkeit lassen sich die Mühen auf dem Weg zur Mutterschaft nicht vermeiden. Versucht man, die Geburt selbst zu „vereinfachen“, in dem man die Schmerzen und damit die hormonellen Abläufe unterdrückt, so fehlen im Wochenbett genau die Hormone, die die Mutter-Kind-Beziehung fördern und die Erholung und Rückbildung erleichtern.
In unserer Gesellschaft, in der die Geburt vielleicht als letzter bewusster Lebensübergang übrig geblieben ist, kann es hilfreich sein, positive Rituale schon in der Schwangerschaft wiedereinzuführen. Diese können die Mütter stärken und auf dieses mittlerweile zwar weit von unserem Lebensalltag entfernte Ereignis vorbereiten, das aber dennoch im Innersten jeder Frau präsent ist.
Wir müssen den Rhythmus wiedererlernen, die tiefe Motivation und das Mitfließen mit den Empfindungen, sowie die Aufmerksamkeit auf das Kind in uns, das uns eine wertvolle Hilfe sein kann. Gebären ist für die meisten Frauen nicht mehr selbstverständlich, sondern muss wiedererlangt und wiederentdeckt werden. Das dadurch Wieder-Erlernte ist nicht nur nützlich für die Geburt, sondern auch für das Leben mit Kindern, die ja anfangs noch sehr im Einklang mit den Elementen der Natur sind.
Die Angst ist ohne Zweifel da! Ihre Ursache liegt zum Teil im Unbekannten, zum Teil in den Erfahrungen und Negativberichten anderer Frauen, zum Teil auch in den gesellschaftlichen Prägungen. Sie setzt sich aus verschiedenen Ängsten zusammen, z. B. Angst, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, Angst vor der Stärke der eigenen Gefühle, Angst, sich zu entblößen, Angst vor Unzulänglichkeit und Schwäche, Angst zu sterben oder sich zu verlieren.
Viele Formen der Angst sind ontogenetisch, das heißt spezifisch für eine bestimmte Gesellschaftszugehörigkeit. Andere Ängste hingegen sind philogenetisch, das heißt, es sind Urängste, sie liegen im Geburtsakt selbst begründet und sind bei allen Frauen ähnlich.
Angst ist eine physiologische Reaktion auf eine Gefahr, sie steigert die Aufmerksamkeit und die Reaktionsfähigkeit und ist die emotionale Antwort auf die Anspannung durch den Geburtsschmerz.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf die Angst zu reagieren: Man kann sie unterdrücken, dann verwandelt sie sich in Beklemmung oder körperliche Krankheiten. Man kann sie passiv ertragen, dann wird sie zu Niedergeschlagenheit, man kann ihr Ausdruck verleihen, dann wirkt sie zwar ansteckend auf andere, aber es schützt einen selbst vor inneren Schäden. Man kann ihr ins Gesicht sehen, kann sie identifizieren, so dass sie sich auflösen kann.
Auch die Menschen, die Schwangere begleiten, sind ähnlichen Dynamiken unterworfen: sie können die Angst der Frau und ihre eigenen Ängste auf Abstand halten und sie mit Hilfe der Technik kontrollieren. Sie können sich anstecken lassen und die Folge davon ist häufig, dass sie ihre persönliche Macht missbrauchen, um die Frau zu dominieren oder sie können die Angst gemeinsam mit der Schwangeren erkennen und passende Mittel benutzen, um sie aufzulösen.
Simone Weil beschreibt 1950 den Unterschied zwischen Leiden und Niedergeschlagenheit treffend: „Das durch den Schmerz charakterisierte Leiden führt zu einem Reifeprozess und zur Erkenntnis, während die Folge von verhindertem Schmerz die Depression ist: ein Zustand von Unterdrückung und Sklaverei, vergleichbar den Opfern eines Konzentrationslagers, die gezwungen wurden, sinnlos schwere Lasten hin- und herzutragen“. Sie stellt die Niedergeschlagenheit auf dieselbe Stufe wie Ohnmacht, Zögern, Zerschlagenheit und Tatenlosigkeit. Sie sagt, dass man den Schmerz zwar nicht zu suchen braucht, aber da, wo er unumgänglich ist, kann er verwandelt werden „in etwas Nützliches, das uns unsere bisherigen Grenzen überschreiten lässt und uns die Essenz unseres Lebens und unsere Möglichkeiten viel besser kennen lernen lässt“ (zitiert nach A. Rich – 1983). Die Autorin ist also der Meinung, dass der Mensch durch einen aktiven Umgang mit Angst und Schmerzen Depressionen vermeiden kann.
In verschiedenen Kulturen wurde die Angst der Frauen benutzt und gefördert, um die Herrschaft der Mächtigen, der Wunderheiler, Ärzte, Priester und anderen über die Frauen zu festigen. Indem man Frauen in ihrer Angst gefangen gehalten und ihre Reaktionsfähigkeit unterdrückt hat, waren sie – und sind es zum Teil heute noch – zu verschiedensten Zwecken (wirtschaftlich, gesellschaftlich, religiös oder persönlich) manipulier- und kontrollierbar.
Das aktive Annehmen des Schmerzes bedeutet Arbeit, Suche und einen Lernprozess. Es braucht dazu Aufmerksamkeit, Zeit und geeignete Mittel. Es macht nur Sinn, wenn für die Physiologie des Schmerzes während der Geburt die entsprechenden Voraussetzungen bestehen – vor allem die Freiheit, sich zu bewegen und auszudrücken. In seltenen Fällen ist diese Akzeptanz noch auf spontane Weise vorhanden, meist dann, wenn eine Frau selbst auf ruhige Art und Weise geboren worden ist und von ihrer Mutter eine positive Prägung erhalten hat.
Suzanne Arms schreibt 1975 in „Immaculate deception“: „…nach Jahrhunderten der Angst, der Vorhersage des Schmerzes und des Gehorsams unter männlicher Herrschaft kann eine Mutter nicht nach ein paar Stunden Geburtsvorbereitung oder einer massiven Dosis Feminismus die Geburt als völlig neue Frau anpacken.“
Zur Geburt können wir nur das mitbringen, was wir heute als Frauen sind, das bedeutet eine Mischung aus Alt und Neu. Das Annehmen des Geburtsschmerzes als die Möglichkeit, eine bewusste Erfahrung zu machen, wird begleitet vom Bedürfnis der Frau, Hauptdarstellerin dieser Erfahrung und frei in ihren Ausdrucksformen zu sein. Diese Bedürfnisse drücken sich im Begriff der „aktiven Geburt
