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■ Französischer Geist und europäische Kultur ■ Der Klang der Sprache ■ Bildnis eines Ritters ■ Wandlungen der Tugend ■ Tapferkeit ■ Stolzes altes Frankreich ■ Douceur ■ Gentillesse und Noblesse ■ Courtoisie ■ Politesse ■ Galanterie und Honnêteté ■ Was ist Esprit? ■ Geist und Geschmack ■ Feinheit ■ Klarheit ■ Enzyklopädisches Stichwort: Sprache als Zeugnis des Geistes ■ Literaturhinweise ■ Personen- und Wortregister
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Mario Wandruszka
Der Geist der französischen Sprache
Ihr Verlagsname
■ Französischer Geist und europäische Kultur
■ Der Klang der Sprache
■ Bildnis eines Ritters
■ Wandlungen der Tugend
■ Tapferkeit
■ Stolzes altes Frankreich
■ Douceur
■ Gentillesse und Noblesse
■ Courtoisie
■ Politesse
■ Galanterie und Honnêteté
■ Was ist Esprit?
■ Geist und Geschmack
■ Feinheit
■ Klarheit
■ Enzyklopädisches Stichwort: Sprache als Zeugnis des Geistes
■ Literaturhinweise
■ Personen- und Wortregister
Mario Wandruszka (1911–2004) war ein österreichischer Romanist und Sprachwissenschaftler.
Es gab einmal in Europa eine Zeit, in der die vornehme und gebildete Welt selbstverständlich französisch sprach und schrieb. Die französische Sprache hat dreihundert Jahre lang zu jeder gesellschaftlichen Erziehung gehört. Sie ist aus der deutschen Bildungsgeschichte nicht wegzudenken, sowenig wie aus der italienischen, spanischen, portugiesischen, iberoamerikanischen, angelsächsischen, niederländischen, skandinavischen, baltischen, polnischen oder russischen. Dabei handelt es sich gewiß nicht um die ganze französische Sprache in allen ihren Breiten und Tiefen. Es geht hier nicht um die Sprache, die das einfache Volk sich geschaffen hat, die Bauern, die Fischer, die Handwerker, die Arbeiter, die kleinen Leute. Der französischen Sprache der europäischen Salons fehlt der Geruch der Erde und des Meeres. Es haftet nicht der saure Schweiß des Volkes an ihr, sondern das Parfum einer aristokratischen Elite in gepuderten Perücken. La cour et la ville, der höfische Adel und das gebildete Bürgertum, haben sie geschaffen.
Diese Sprache der europäischen Aristokratie hat in Frankreich selbst ein merkwürdiges Schicksal gehabt. Sie hat keineswegs ihren Geist auf dem Schafott der Revolution ausgehaucht. Die neue Zeit hat die Bildungssprache des Ancien Régime nicht hinweggefegt, sondern sich angeeignet und umgestaltet. ‹Und die Perücke brüllte, und war Mähne›, behauptete VICTOR HUGO in einem kühnen Bild:
‹Et la perruque alors rugit, et fut crinière›
(Réponse à un acte d’accusation, 1854)
Er rühmte sich gewaltig, dem französischen Wörterbuch die rote Phrygiermütze aufgesetzt zu haben. Aber diese Sprache der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit läßt sich von der der alten Gesellschaft nicht trennen, aus der sie hervorgegangen ist. Bis 1789 sprachen die meisten Franzosen einander mehr oder weniger unverständliche Mundarten und fremde Sprachen, denen die Revolution als den gefährlichsten Widerstandsnestern des Obskurantismus und Separatismus den Kampf ansagte. Ihre Waffe in diesem Kampf war die französische Bildungsspräche: aus der Sprache der Elite machte die Republik die Sprache der Nation. Seither ist für Millionen bis dahin anderssprachiger Franzosen in Nord und Süd, und rings an den Grenzen für Elsässer, Lothringer, Vlamen, Bretonen, Basken, Katalanen, Korsen, diese Sprache Sinnbild und Werkzeug der französischen Kulturnation geworden.
So bietet Frankreich im 19. Jahrhundert das Schauspiel einer demokratischen Nation, die sich als solche in einer aristokratischen Sprache erkennt. Denn was der demokratische Schulmeister bis ins letzte Dorf trägt, ist ja eine Sprache, die in ihren Wörtern und Wendungen und erst recht in den spielerischen Spitzfindigkeiten ihres Regelwerks die aristokratische Abkunft nicht verleugnet. Die Feinheiten dieser Sprache zu besitzen und zu genießen, bedeutet nun auch für das aufstrebende Kleinbürgertum, teilzuhaben am köstlichsten Gut der Nation. Entzückt vernimmt nun der Ausländer aus dem Mund einfacher Leute die subtilen und delikaten Formeln einer mit offenkundigem Genuß ausgekosteten schönen Sprache. Frankreich scheint ihm das Land der höflichen, anmutigen, geistvollen Redensarten zu sein – jener französischen Redensarten, die in seiner Heimat das Vorrecht der feinen Gesellschaft sind und die er hier über den Ladentisch hören kann. Etwa um 1900 zweifelt niemand daran, daß die Freude an einer gepflegten Sprache in Frankreich viel breitere Schichten der Bevölkerung erfaßt hat als anderswo. Diese Sprache ist gewissermaßen eine aristokratische Legitimation der französischen Demokratie.
Die Schule ist dabei nicht die einzige Vermittlerin. Das wird nirgends anschaulicher als in den Erinnerungen eines heute siebzigjährigen Schriftstellers, MARCEL JOUHANDEAU (‹Le langage de la tribu›, 1955). Sein Großvater war Schloßgärtner, sein Vater Metzger in einem kleinen Städtchen im Herzen Frankreichs. Von ihm erzählt der Sohn:
‹Ein ganz einfacher kleiner Gewerbetreibender in der Provinz, verfügte er über einen Wortschatz weit über seinem Stand. Zweifellos verdankte er ihn den Dienstherren seiner Eltern, ländlichen Grandseigneurs, die ihn in ihre Gesellschaft zogen und sich vor ihm in einer prächtigen Sprache voll Saft und doch voll Zucht ausdrückten, die ihm sein ganzes Leben als Vorbild diente. Unter dem gleichen Einfluß hatten schon mein Großvater und meine Großmutter das gleiche Bemühen um eine gepflegte Sprache angenommen, ohne jede Schulmeisterei, nur aus dem Verlangen, sich anzupassen, – wenn man auch aus manchen etwas gewagten, fast gezierten, wenn nicht gar verstiegenen Wendungen das ganze Vergnügen heraushören konnte, das ihnen diese Art Gesuchtheit bereitete.›
Ist Frankreich auch heute noch dieses Land des wählerisch genießenden Sprechens? So, wie es das Land einer weltberühmten Küchen- und Kellerkultur ist, auch das einer ähnlich verfeinerten Sprachkultur?
Man weist gern darauf hin, daß die Erörterung sprachlicher Schwierigkeiten und Feinheiten in Frankreich keineswegs als Schulmeisterei gilt und daß gerade in den letzten Jahrzehnten die führenden Zeitungen eigene Rubriken dafür eingerichtet haben: sie tragen Titel wie ‹La défense de la langue française›, ‹Querelles de langage›, ‹Façons de parler› und bieten Raum für oft sehr scharfsinnige grammatikalische und stilistische Diskussionen, an denen eine gewisse Leserschicht lebhaften Anteil nimmt. Aber gerade diese eleganten Florettgefechte zeigen die ganze Problematik der Pflege einer aristokratischen Sprache in einer demokratischen Gesellschaft. Wer diese Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten aufmerksam verfolgt hat, kann sich des Gefühls des Niedergangs einer edlen Kunst nicht erwehren. Immer bekümmerter, immer verzweifelter sprechen in dieser Zeit die Sprachmeister von la crise du français. Ihre Klagerufe klingen manchmal, als liege die schöne französische Sprache wahrhaftig schon in den letzten Zügen. Sie wird bedroht durch den technischen Jargon unseres Massenzeitalters, das auch in Frankreich vom Film und vom Jazz bis zum Atom ein seltsames, amerikanoides Kauderwelsch hervorgebracht hat. Sie ist noch mehr gefährdet durch das unaufhaltsame Vordringen des Argot.
Argot bedeutet zuerst Rotwelsch, die Geheimsprache der Vagabunden und Verbrecher, der Dirnen und Zuhälter, dann auch die Sondersprachen anderer Gruppen. Heute meint man damit allgemein die Sprache der Internate, der Kasernen, der Fabriken, der Vorstädte, der Vergnügungsviertel, schließlich überhaupt jede vulgäre Sprache. Heute gehört es in Frankreich vielfach zum guten Ton, sich einer genießerisch unflätigen Sprache zu bedienen. Es gibt eine Pariser Modeliteratur, die den Ehrgeiz hat, uns kein noch so schmutziges Wort zu ersparen. Wir können uns kaum mehr vorstellen, daß dieses Land einmal die Hochburg der convenances und bienséances war und damit einer verbalen Prüderie und Preziosität, die manches rechtschaffene, anschauliche und handgreifliche Wort als zu bäurisch, zu handwerklich, zu niedrig und gemein aus der Konversation verbannte, die sogar la face verpönte, weil man doch la face du Grand Turc sagte und daher vielleicht an la fesse hätte erinnert werden können!
Argot ist die derbe Antwort auf den aristokratischen Kult der schönen, edlen, reinen französischen Sprache. In ähnlicher Weise bedeutet ja auch der angelsächsische Slang die Befreiung von viktorianischer Sprachzucht. Jede überzüchtete Vornehmheit kennt den Kitzel, in ihr Gegenteil auszubrechen. Die Aristokraten des Ancien Régime suchten zuweilen die Vergnügungen und die Ausdrucksweise der Kanaille. Heute gedeihen gerade in den berühmten Großen Schulen, in denen Frankreichs intellektuelle Elite gezüchtet wird, die unaussprechlichsten Argots. Heute erregt ein besonders gepflegtes Sprechen leicht ein spöttisches Lächeln. Man will hemdärmelig reden, derb, spaßig, anstößig. Man flieht vor der Preziosität in die Vulgarität. Manchmal ist es eine Art Schamhaftigkeit, die vor den schön klingenden, falsch klingenden Worten zurückweicht und lieber zum gemeinsten Argot Zuflucht nimmt. Das heutige Umsichgreifen des Argot ist ein sprachliches Symptom der großen Pubertätskrise, die unsere Massengesellschaft durchmacht.
Auch im Bereich der Sprache geht heute ein Zeitalter europäischer Kultur zu Ende. In diesem Zeitalter hat die französische Sprache eine einzigartige Rolle gespielt. Der Augenblick ist gekommen, nach der Bedeutung zu fragen, die der Geist, der diese Sprache geprägt hat, heute für uns besitzt und die er morgen in einer von Grund auf umgestalteten Welt für uns besitzen kann.
Aber was ist überhaupt französischer Geist?
Was die Taten und Werke eines Volkes, seine Sternstunden und sein Alltag, seine großen Menschen und seine durchschnittliche Menschheit uns sagen, dieses unaufhörliche Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander unzähliger Stimmen, wie läßt es sich als die Stimme eines einzigen Geistes, des Geistes dieses Volkes begreifen? Wir alle wissen aus oft wiederholter Erfahrung, daß schon die erste flüchtige Bekanntschaft mit einem fremden Volk uns diese Frage aufdrängt, wir wissen, wie unwiderstehlich die Verlockung, wie unabweisbar das Verlangen ist, die einzelne Beobachtung in den sinngebenden Zusammenhang eines kollektiven Charakters einzuordnen. Die Nation ist dabei keineswegs der einzige Charakter, auf den wir uns beziehen. In der räumlichen Größenordnung der menschlichen Gemeinschaftsprägungen hat sie ihren Platz zwischen der Provinz und dem Kontinent. Bald scheint uns von einer besonderen Landschaft, bald von einem ganzen Erdteil die eigentlich prägende Kraft auszugehen. Aber in den letzten vierhundert Jahren hat Europa immer mehr in Nationen gedacht, und so hat die Frage nach den Unterschieden und Gegensätzen im Charakter seiner Nationen die Geister am lebhaftesten beschäftigt und die Gemüter am stärksten erregt.
Welche Wirklichkeit besitzt der Geist einer Nation? Spricht denn aus allem, was Franzosen im Laufe der Geschichte zur europäischen Kultur beigetragen haben, ein verwandter Geist, ein französischer Geist›, deutlich unterscheidbar von einem durch die Jahrhunderte sich ebenso treu bleibenden deutschen oder italienischen oder englischen oder spanischen Geist? Werfen wir nur einen kurzen Blick zurück in die Geschichte. Den burgundischen Benediktinern von Cluny und Citeaux verdankt das Abendland den gewaltigen Aufschwung der mittelalterlichen Klosterkultur. Von Frankreich aus brechen die ersten Kreuzzugsheere mit dem Ruf ‹Gott will es!› nach dem Heiligen Land auf. Französische Baumeister, Bildhauer, Glasmaler schaffen die ersten Wunderwerke der Gotik. Auf französischem Boden erblühen zuerst das höfische Ritterwesen, der höfische Minnesang. Die Universität von Paris, die hohe Schule mittelalterlicher Theologie und Philosophie, zieht Professoren und Studenten aller Herren Länder an. Renaissance und Reformation: zwei Welten, RABELAIS und CALVIN. Dann das ‹Große Jahrhundert›, die Begründer, RICHELIEU, DESCARTES, CORNEILLE, und die Vollender, LUDWIG XIV., RACINE, MOLIÈRE, BOSSUET. Das Jahrhundert des freien Geistes mit MONTESQUIEU und VOLTAIRE, mit DIDEROT und der Enzyklopädie, und schließlich die Revolution: ihr ‹Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!› hat den Gesellschaftsbau der Alten Welt zertrümmert und ein neues Zeitalter der Menschheit heraufgeführt. Im Namen des Vaterlandes der Revolution richten VICTOR HUGO und EMILE ZOLA und ROMAIN ROLLAND das Wort an die gesamte Menschheit. Von verwirrendem Reichtum ist in dieser Zeit der französische Beitrag zur europäischen Kunst, von BALZAC bis PROUST, von BAUDELAIRE bis VALÉRY, von DELACROIX bis MATISSE, von BERLIOZ bis RAVEL. Je näher an unserer Gegenwart, desto größer die Zahl der Namen, die wirklich bedeutungsvollen noch ungeschieden von den allzu vielen, die heute in aller Munde sind und morgen schon wieder vergessen sein werden. Wie läßt sich diese ungeheure Fülle widerspruchsvollsten Lebens einer tausendjährigen Geschichte als geistige Einheit sehen? Gibt es eine französische Verwandtschaft des Geistes, die MONTAIGNE und PASCAL mit VOLTAIRE und ROUSSEAU, mit DANTON und ROBESPIERRE, mit TAINE und RENAN, mit CLEMENCEAU und BRIAND, mit GIDE und CLAUDEL verbindet?
Gewiß lassen sich die verschiedenen Linien der französischen Kulturtradition durch die Jahrhunderte verfolgen. Aber was verdankt ein DESCARTES oder ein PASCAL dem französischen, was einem viel größeren Erbe? Ohne Athen und Rom, ohne Antike und Christentum gäbe es keine französische Kultur. Seit dem 16. Jahrhundert ist die italienische Kultur, seit dem 17. die spanische, seit dem 18. die englische, seit dem 19. die deutsche unauflöslich in sie hineingewoben. Seit tausend Jahren ist die europäische Kultur undenkbar ohne ihre französische Komponente. Die französische Kultur aber setzt sich ihrerseits aus sehr verschiedenen europäischen Komponenten zusammen. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, etwa ihre griechische, ihre römische, ihre keltische, ihre germanische Komponente zu bestimmen, ja, sie aus diesen Komponenten abzuleiten. Der unerschöpfliche Reichtum der geschichtlichen Wirklichkeit aber läßt sich nicht ohne gewaltsame Vereinfachungen auf eine solche Formel bringen.
Es gibt eine Formel, die sich von selbst anzubieten scheint, wenn von französischem Geist die Rede ist. Diese Formel heißt Verstandesklarheit und Vernunftgläubigkeit. Haben nicht die Franzosen selbst in den letzten dreihundert Jahren unentwegt die raison angerufen? Hat nicht die Revolution der Göttin Vernunft Altäre errichtet? Hat nicht selbst in unserem Jahrhundert Frankreich eigentlich zwei Nationalheilige, JEANNE D’ARC und La Raison? Der Spanier SALVADOR DE MADARIAGA hat daraus wohl die extremste Konsequenz gezogen. In einem anregenden Buch, ‹Anglais, Français, Espagnols› (1930), setzt er die drei ihm am besten bekannten europäischen Nationen kurzerhand mit drei menschlichen Grundvermögen gleich, dem Willen, der Vernunft, der Leidenschaft. Der Engländer ist für ihn actio, der Franzose ratio, der Spanier passio, und aus diesen drei Dominanten, diesen facultés maîtresses, wie HIPPOLYTE TAINE gesagt haben würde, leitet er alle Unterschiede zwischen englischen, französischen und spanischen Verhaltensweisen und Lebensauffassungen ab. Das ist ungemein fesselnd, aber schließlich doch nicht mehr als ein höchst einfallsreiches Puppenspiel, dem man gern Beifall klatscht, ein unterhaltsames Stegreifspiel dreier Masken, des im Business oder Sport rastlos tätigen Engländers, des in die Vernunft vernarrten Franzosen, des untätigen, unvernünftigen, leidenschaftlichen Spaniers. Man wird an CARLO GOLDONIS entzückende Komödie ‹La vedova scaltra, o le quattro nazioni› (1748) erinnert, an die ‹schlaue Witwe›, eine junge Venezianerin, die von einem Engländer, einem Franzosen, einem Spanier umworben wird und am Ende doch einen Italiener heiratet. Milord Runebif ist ebenso freigebig wie wortkarg, schroff und unverblümt, Monsieur Le Blau quecksilbrig, geistreich, schmeichlerisch, geziert, eitel, trägt stets Kamm, Bürste, Puderquaste und Spiegelchen mit sich herum und läßt seine elegante Taille bewundern, Don Alvaro de Castiglia ist ein Standbild gravitätischer Grandezza: Nationalcharaktere, wie man sie damals wohl in dem kosmopolitischen Karnevalstreiben Venedigs kennenlernen mochte, wobei freilich statt actio – ratio – passio ganz andere Dominanten hervorgetreten zu sein scheinen!
Auf MADARLAGA beruft sich der deutsche Kunsthistoriker A.E. BRINCKMANN in seinem Buch ‹Geist der Nationen: Italiener – Franzosen – Deutsche› (1938). In der italienischen, der französischen, der deutschen Kunst findet er durch die Jahrhunderte drei Konstanten (die spanische und die englische Kunst opfert er bedenkenlos dieser Dreiheit). Italien: ‹Sinnliches Erfassen der künstlerischen Gestaltung›, Frankreich: ‹Rationale Überlegung und Reflexion in der künstlerischen Gestaltung›, Deutschland: ‹Wille zum vergeistigten Ausdruck durch künstlerische Gestaltung›. Will man diese drei Konstanten durch ein Jahrtausend europäischer Baukunst, Bildhauerei und Malerei nachweisen, so geht das auch wieder nicht ohne Gewaltsamkeit, vor allem, wenn man die ‹italienische Sinnlichkeit› aus dem vorwiegend lateinischen, die französische Vernünftigkeit› aus dem vorwiegend keltischen, die ‹deutsche Vergeistigung› aus dem vorwiegend germanischen Erbe dieser Völker erklären möchte! Sind nicht gerade ratio und ordo ein Erbe Roms? Spricht man nicht umgekehrt seit langem von einem besonders ausgeprägten Hang der keltischen Volksseele zum Irrationalen, dem Europa so viele seiner schönsten und geheimsten Sagen und Märchen verdankt, so viele Traumwälder, Zauberschlösser, Wunderbrunnen, so viele Feen – dem wir sogar das deutsche Wort ‹Fee› verdanken?
Der Geist eines Volkes ist ein im Raum und in der Zeit sich unablässig erneuerndes Werden, ein unendlich reizvolles Spiel immer wieder neuer Varianten, ein abwechselndes Hervortreten verschiedenartigster Dominanten.
Seit die europäischen Völker sich als Völker gegenseitig etwas näher kennenlernen, seit sie beginnen, sich so etwas wie einen Nationalcharakter zuzuschreiben, gilt der Franzose als lebhaft, hitzig, stürmisch, ungestüm. Furia francese sagen die Italiener bald lobend, bald tadelnd. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts betont BALDASSARE CASTIGLIONE in seinem ‹Cortegiano›, dem Buch vom vollkommenen Hofmann, daß den Italienern die gravità riposata, die ruhige Würde der Spanier gemäßer sei als die pronta vivacità, die stürmische Lebhaftigkeit der Franzosen. Hundert Jahre später bestätigt ein reisender Engländer, SIR ROBERT DALLINGTON: ‹der Franzose ist unruhig, unehrerbietig, unbeständig, unüberlegt – der Italiener beständig, gesetzt, achtungsvoll, würdig, besonnen›. Und wieder hundert Jahre später drückt JOSEPH ADDISON nach mehreren Reisen durch Frankreich und Italien sein Erstaunen über den Unterschied im Benehmen der beiden Nachbarvölker aus: ‹die Franzosen sind immer offen, leutselig und gesprächig, die Italiener dagegen steif, förmlich und zurückhaltend. In Frankreich bemüht sich jedermann um Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit des Betragens und bildet sich etwas darauf ein, frisch und munter zu sein. Die Italiener, trotz des natürlichen Feuers ihres Temperaments, strengen sich immer an, maßvoll und gesetzt zu erscheinen.› Die gesellschaftlichen Auffassungen haben sich im Laufe des 17. Jahrhunderts gewandelt: um 1600 gibt DALLINGTON der ruhigen Würde den Vorzug, um 1700ADDISON der lebhaften Heiterkeit.
Die Franzosen selbst aber beginnen im 18. Jahrhundert die vivacité und pétulance, die doch ihr Erbteil zu sein scheinen, bei den Italienern zu entdecken. Noch STENDHAL findet sie zuerst, verglichen mit seinen lebhaften und heiteren Landsleuten, ernst, schwermütig, zurückhaltend. Aber nach dem Sturz NAPOLEONS scheinen ihm die Franzosen immer kälter, vernünftiger, langweiliger zu werden, die Menschen nördlich der Loire sich immer mehr in Engländer zu verwandeln. Diesem trübsinnigen Nebelgrau hält er nun mit Lust die strahlende italienische Heiterkeit voll Schwung und Einfallsreichtum entgegen, ‹cette gaieté italienne, pleine de brio et dʹimprévu› (‹La Chartreuse de Parme›, I, 2)[*]. Franzosen und Italiener scheinen ihre Rollen vertauscht zu haben!
Jahrhundertelang hat man die Lebhaftigkeit und Erregbarkeit, den ungestümen Angriffsschwung, die Unruhe, Ungeduld und Unbeständigkeit dem Franzosen zugeschrieben, Gleichmut, Beharrlichkeit, Langsamkeit, Schwerfälligkeit dem Deutschen. RICHELIEU und CLAUSEWITZ sind sich in diesem Urteil einig. Ausdrücke wie élan und verve gelten im 19. Jahrhundert geradezu als Schlüsselwörter zum Verständnis des französischen Wesens. Lange Zeit sind die Franzosen nicht nur politisch und militärisch die Unruhe Europas.
Aber dann schiebt sich allmählich ein anderes Bild davor, das des französischen Kleinbürgers und Rentners, des friedlichen Sonntagsanglers an sanft dahinfließenden Gewässern, der nur mehr aus konservativer Tradition gelegentlich seine revolutionäre Marseillaise singt. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts scheint Frankreich ein Land sparsamer, mißtrauischer und schwungloser alter Leute geworden zu sein, die sich verzweifelt gegen den Ansturm der neuen Zeit wehren. Nun sind die Deutschen die Unruhe Europas. Das konservative alte Frankreich und das revolutionäre junge Deutschland, das endgültige französische Sein, das ewige deutsche Werden, der wesenhaft statische französische Geist, der wesenhaft dynamische deutsche, so heißt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich. Und nach jedem deutschen Zusammenbruch werden die urdeutsche Maßlosigkeit für alles Unheil in der Welt verantwortlich gemacht und der angeborene französische Sinn für das Maß gepriesen, le sens de la mesure, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Aber erinnert nicht das, was man jetzt über das geschichtliche Unglück des deutschen Charakters zu hören bekommt, an die Worte, die GOETHE1829 über die Franzosen sprach? ‹Die französische Nation›, sagte er zu dem polnischen Grafen A.E. KOZMIAN, ‹ist die Nation der Extreme, sie kennt in nichts Maß. Mit gewaltiger moralischer und physischer Kraft ausgestattet, könnte das französische Volk die Welt heben, wenn es den Zentralpunkt zu finden vermöchte; es scheint aber nicht zu wissen, daß, wenn man große Lasten heben will, man ihre Mitte finden muß. Es ist dies das einzige Volk auf Erden, in dessen Geschichte wir die Bartholomäusnacht und die Feier der, Vernunftʹ, den Despotismus LUDWIGSXIV. und die Orgien der Sansculotten, beinahe in demselben Jahre die Einnahme von Moskau und die Kapitulation von Paris finden. Somit muß man fürchten, daß auch in der Literatur nach dem Despotismus eines BOILEAU Zügellosigkeit und Verwerfung aller Gesetze eintrete› (‹Goethe-Jahrbuch› VII, 1886, S. 226).
Welche Gegensätze zwischen dem deutschen und dem französischen Charakter hat man nicht im Verhältnis des Individuums zur Autorität zu erkennen geglaubt! Bis zur Revolution von 1789 verbinden die protestantischen Pamphletisten die französische Geselligkeit und Gesellschaftshörigkeit mit der Abdankung des Individuums vor der religiösen und politischen Autorität einer katholischen Monarchie, während die nur dem eigenen Gewissen verantwortliche Freiheit in den germanischen Wäldern wohne. Seit der Revolution haben sich dann die Franzosen daran gewöhnt, jede Barrikade der Geistesfreiheit und Menschenwürde irgendwo in der Welt als ihr ureigenstes Werk anzusehen und den Deutschen ihre Unterwürfigkeit vorzuhalten, ihre Neigung zum Obrigkeitsstaat, wobei auch das protestantische Landeskirchentum seinen Teil abbekommt. Im 17. Jahrhundert tadelt man den Franzosen als Aufrührer, als frondeur, im 18. als Herdenwesen, nennt ihn un être grégaire, moutonnier. Im Widerspruch gegen die deutsche Disziplin schildert man ihn später als eingefleischten Individualisten. Mit anderen Worten, Individualitäts- und Autoritätskult sind Kategorien, die sich weniger auf Konstanten des französischen oder deutschen Geistes als auf soziologische Dominanten bestimmter Epochen beziehen. ‹Un Roi, une loi, une foi› rief man in Frankreich unter LUDWIGXIV. und jagte die Hugenotten aus dem Land, ‹Ein Volk, ein Reich, ein Führer› hieß es zweihundertfünfzig Jahre später in Deutschland.
Die Revolution von 1789 stellte die Welt auch vor ein national-psychologisches Problem: wie sollte man dieses unerhörte Geschehen in Einklang bringen mit dem Bild, das man sich gerade in diesem Jahrhundert von dem geselligen, höflichen, heiteren, liebenswürdigen, leichtsinnigen Volk der Franzosen gemacht hatte?
KANT hat es versucht – wobei dieser gewaltige Geist eine rührende Unbeholfenheit in den Dingen der ‹Großen Welt› erkennen läßt, was schließlich zu der verlegenen Aufforderung an den geneigten Leser führt, die ‹unzusammenhängend hingeworfenen Bruchstücke› selbst zu einem vernünftigen Ganzen zusammenzufügen.
‹Die französische Nation charakterisiert sich unter allen anderen durch den Konversationsgeschmack, in Ansehung dessen sie das Muster aller übrigen ist. Sie ist höflich, vornehmlich gegen den Fremden, der sie besucht, wenn es gleich jetzt außer der Mode ist höfisch zu sein. Der Franzose ist es nicht aus Interesse, sondern aus unmittelbarem Geschmacksbedürfnis, sich mitzuteilen. Da dieser Geschmack vorzüglich den Umgang mit der weiblichen großen Welt angeht, so ist die Damensprache zur allgemeinen Sprache der letzteren geworden, und es ist überhaupt nicht zu streiten, daß eine Neigung solcher Art auch auf Willfährigkeit in Dienstleistungen, hilfreiches Wohlwollen und allmählich auf allgemeine Menschenliebe nach Grundsätzen Einfluß haben und ein solches Volk im Ganzen liebenswürdig machen müsse.
Die Kehrseite der Münze ist die nicht genugsam durch überlegte Grundsätze gezügelte Lebhaftigkeit und bei hellsehender Vernunft ein Leichtsinn, gewisse Formen, bloß weil sie alt oder auch nur übermäßig gepriesen worden, wenn man sich gleich dabei wohl befunden hat, nicht lange bestehen zu lassen, und ein ansteckender Freiheitsgeist, der auch wohl die Vernunft selbst in sein Spiel zieht und in Beziehung des Volks auf den Staat einen alles erschütternden Enthusiasmus bewirkt, der noch über das Äußerste hinausgeht. – Die Eigenheiten dieses Volks, in schwarzer Kunst, doch nach dem Leben gezeichnet, lassen sich ohne weitere Beschreibung, bloß durch unzusammenhängend hingeworfene Bruchstücke, als Materialien zur Charakteristik, leicht in ein Ganzes vorstellig machen.
Die Wörter: Esprit (statt bon sens), frivolité, galanterie, petit maître, coquette, étourderie, point d’honneur, bon ton, bureau d’ esprit, bon mot, lettre de cachet – u. dgl. lassen sich nicht leicht in andere Sprachen übersetzen; weil sie mehr die Eigentümlichkeit der Sinnesart der Nation, die sie spricht, als den Gegenstand bezeichnen, der dem Denkenden vorschwebt.› (‹Anthropologie›, 18002, II § 104).
Liebenswürdige Willfährigkeit und rauschhafter Freiheitsgeist, hellsehende Vernunft und blinder Leichtsinn, solche und ähnliche französische Polaritäten haben den Zeitgenossen viel zu schaffen gemacht. Über den Enthusiasmus ist man sich keineswegs einig. Frau VON STAËL vermißt ihn bei den Franzosen, er ist für sie im Gegenteil geradezu ‹la qualité vraiment distinctive de la nation allemande›! (‹De lʹAllemagne›,1810, IV, XI).
Das menschliche Wort ist ein Symbol für das, was es besagt, es ist gleichzeitig ein Symptom im Rückblick auf den, der es sich geschaffen hat, im Hinblick auf den, der es bevorzugt gebraucht. Für seine nationale Charakteristik nimmt KANT eine Reihe schwer übersetzbarer und schon dadurch, wie ihm scheint, besonders symptomatischer französischer Wörter zu Hilfe.
Das ist das entscheidende Argument, das man zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Sprache entnommen hat: Eigentümlichkeiten einer Sprache sind Eigentümlichkeiten eines Volksgeistes, sprachliche Unübersetzbarkeit ist das sicherste Kennzeichen wesenhafter Eigentümlichkeit.
Wir dürfen dieses Argument nicht ungeprüft hinnehmen.
Selbstverständlich versagt sich KANT nicht den Hinweis auf das Wörtchen coquette – man hat auch sonst oft genug ein schlechthin französisches Laster daraus ableiten wollen, obwohl die freudige Übernahme dieses auch lautlich besonders glücklichen Wortfundes und seine eifrige allgemein menschliche Verwendung hätten nachdenklich machen müssen.
Sehen wir uns doch das Wort etwas näher an. Wer weiß heute noch, daß eigentlich der Hahn seinen Namen dazu hergegeben hat? In Nachahmung des Lautes, den er beim Herumstolzieren auf dem Hühnerhof ausstößt, heißt er ja im Französischen le coq, entsprechend unserem Gockel. Davon hat man im späteren Mittelalter allerlei spöttische Eigenschaftswörter abgeleitet, coquart, cocardeau, coquet, für den, der sich so benimmt wie ein prahlerischer, eitler, aufgeplusterter, hühnernärrischer Gockel. Auch la cocarde ist ursprünglich ein an Hahnenkamm oder Hahnenschwanz erinnernder Kopfputz. Später kam das Zeitwort coqueter dazu, ‹sich aufspielen wie der Hahn vor den Hennen›. Aber dann vergißt man die Herkunft des Wortes und gebraucht alle diese Bildungen für das weibliche so gut wie für das männliche Geschlecht, wenn es gilt, dem anderen Geschlecht zu gefallen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts nimmt die feine Gesellschaft das volkstümliche Wort auf, um damit das gesellschaftliche Verhalten eines ganz bestimmten weiblichen Charakters zu kennzeichnen: la coquette, das putzsüchtige, gefallsüchtige, spielerisch tändelnde Weibchen, la coquetterie, eine nunmehr vor allem weibliche Eigenschaft. Die scharfsinnige Definition und Interpretation menschlicher Charaktere wird ja in dieser Zeit das beliebteste Gesellschaftsspiel der vornehmen Welt. Im Mittelpunkt dieser Gesellschaft steht die Frau, es ist daher kein Wunder, daß man gerade auf dem Gebiet der weiblichen Psychologie neue Begriffe prägt. Gleichzeitig mit la coquette erscheint la précieuse: pretiosus ‹kostbar, köstlich› wird schon im späten Mittelalter auf ein weibliches Wesen angewandt, das sich über Gebühr ziert und spreizt, faire la précieuse heißt, die feine, heikle, zimperliche Dame spielen. Les précieuses nennt man nun die Herrscherinnen der Pariser Salons, deren schöngeistige Verstiegenheiten von den lächerlichen Provinzgänsen nachgeahmt werden. Zur gleichen Zeit gibt man auch der prude femme, der achtbaren, ehrenwerten Frau des prud’homme, einen neuen Sinn: la prude wird von nun an durch das äußere, übertriebene oder geheuchelte Gehaben der Sittsamkeit und Wohlanständigkeit gekennzeichnet, la pruderie ist die Tugendhaftigkeit als Gesellschaftslüge.
La coquette, la précieuse, la prude muß man also gemeinsam als Schöpfungen der französischen Salonkultur des 17. Jahrhunderts werten. Die Einbürgerung von coquette
