Verlag: Friedrich Reinhardt Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Der Gesang des Todes - Anne Gold

Kommissär Francesco Ferrari langweilt sich unsäglich an einer Benefizveranstaltung im Theater Basel, dösend lässt er die Wagner-Oper über sich ergehen. Beim anschliessenden Galadinner in der Kunsthalle läuft er hingegen rasch zur Hochform auf – zum Leidwesen seiner Partnerin Monika sowie seiner Kollegin Nadine Kupfer. Der feuchtfröhliche Abend nimmt eine abrupte Wendung, als die weltberühmte Sopranistin, die nach langer Zeit erstmals wieder in ihrer Heimatstadt Basel aufgetreten ist, tot in ihrer Garderobe aufgefunden wird. Wer bringt eine Operndiva um, die nur für ihre Tochter und ihre Musik lebt? Handelt es sich um ein Beziehungsdelikt? Oder geht es einmal mehr um Geld und Macht? Ferrari und Nadine tauchen in eine unbekannte, geheimnisvolle Welt ab. Werden sie auch ihren 13. Fall in bewährter Manier lösen oder steht dieser Fall unter einem schlechten Stern?

Meinungen über das E-Book Der Gesang des Todes - Anne Gold

E-Book-Leseprobe Der Gesang des Todes - Anne Gold

Anne Gold

Der

GESANG

der Todes

Friedrich Reinhardt Verlag

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Lektorat: Claudia Leuppi

Gestaltung: Bernadette Leus

Illustration: Tarek Moussalli

eISBN 978-3-7245-2308-6

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2295-9

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird

vom Bundesamt für Kultur mit

einem Strukturbeitrag für die Jahre

2016–2020 unterstützt.

www.reinhardt.ch

www.annegold.ch

Liebe ist die beständigste Macht der Welt.

Martin Luther King

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

1. Kapitel

Von Weitem drangen Stimmen ans Ohr von Kommissär Francesco Ferrari. War das nicht der Schrei einer Frau? Doch ganz bestimmt. Eine tiefe Männerstimme schmetterte ihr entgegen. Sie wird bedrängt, sie ist in Not! Ich muss ihr helfen.

«Wach sofort auf!», Monika schlug ihrem Lebenspartner den Ellbogen in die Rippen. «Du bist so was von peinlich. Fehlt nur noch, dass du schnarchst.»

«Au! Was … wie? Ich … ich habe gar nicht geschlafen.»

Die Zuschauer applaudierten, Ferrari klatschte höflich mit. Warum schleppt sie mich auch immer wieder an irgendwelche langweiligen Anlässe? Und erst noch zu einer Wagner-Marathonaufführung, das ist eine reine Qual. Puh! Ja, Olivia Vischer, die Erbin des milliardenschweren Pharmakonzerns, hat die Elite von Basel eingeladen. Aber jetzt mal ehrlich, die Leute kommen einzig und allein an diese Benefizveranstaltungen, um mit Olivia gesehen und fotografiert zu werden und mit etwas Glück an ihrer Seite in den sozialen Medien zu erscheinen. Ah, was sehe ich da?! Mein verehrter Schulfreund Yvo Liechti, seines Zeichens Stararchitekt und Lover meiner Kollegin Nadine Kupfer, versucht das Gähnen zu unterdrücken. Er ist bestimmt auch eingeschlafen. Die Zuschauer erhoben sich zu Standing Ovations. Auch das noch.

«Na, was ist, Schlafmütze? Aufstehen! Diese Inszenierung war wirklich sensationell.»

Mürrisch erhob sich der Kommissär und versuchte, in den Klatschrhythmus der frenetisch applaudierenden Zuschauer einzustimmen.

«Bravo! Bravo!»

So, das reicht jetzt langsam. Draussen im Foyer gibts bestimmt Champagner, vielleicht sogar noch einige Häppchen. Ferrari schaute sich ungeduldig um, doch das Publikum war nicht mehr zu bremsen. Die Zuschauer trampelten wild mit den Füssen auf den Boden. Jetzt übertreiben sie es aber endgültig, meine sind eingeschlafen und mein Hinterteil auch.

«Wag es nicht, dich hinzusetzen!», zischte Monika.

«Schon gut. Ich klatsche ja wie verrückt.»

Ferrari schielte zu Yvo, der vor Begeisterung raste.

«Heuchler!», flüsterte er ihm zu.

Yvo Liechti lächelte verschmitzt, konnte aber nur mit Mühe das Gähnen unterdrücken. Langsam brachen die Bravo-Rufe ab und die ersten Zuschauer drängten nach draussen. Geschafft! Endlich ist der Mist vorbei. Ferrari streckte sich ausgiebig, was ihm diesmal einen Handkantenschlag von Nadine eintrug.

«Spinnst du?!»

Nicht genug, dass ich mir dieses Gekrächze anhören muss, jetzt werde ich auch noch von allen Seiten malträtiert. Hoffentlich ist wenigstens der Champagner gut. He, was ist denn das? Keine Häppchen? Kein Champagner?

«Hier!», Monika drückte ihm die Garderobennummer in die Hand. «Wenn du mich schon während der Oper zur Lachnummer machst, dann spiel wenigstens jetzt den Kavalier und hol mir meinen Mantel, Schatz!»

«Lass das. Ich mag es nicht, wenn du mich ins Ohr kneifst.»

«Und ich hasse es, wenn du mich im Theater vor allen blossstellst», fauchte sie.

Schon gut. Es wird wohl besser sein, wenn ich mich in die Reihe mit all diesen aufgeblasenen Typen stelle, die hochtrabend über die Aufführung diskutierten. Sensationell. Grossartig. Einmalig. Ein Meilenstein in der Operngeschichte. Eine sehr moderne Wagner-Inszenierung. Klassik und Moderne miteinander vereint. Und erst die Hauptdarsteller, diese Stimmen. Sie gehen einem durch Mark und Bein. Dass ich nicht lache. Mürrisch nahm Ferrari den Mantel in Empfang.

«Und, wie hat es dir gefallen, Francesco?», erkundigte sich Olivia beim Verlassen des Theaters.

«Na ja, es war etwas lang.»

«Das sind Wagner-Opern immer.»

«Viel hast du ja nicht mitbekommen.»

«Ich muss schon bitten, Nadine. Wenn jemand für eine Sekunde die Augen schliesst, heisst es noch lange nicht, dass er eingeschlafen ist. Was gibts denn da zu lachen, Yvo? Du siehst auch etwas müde aus.»

«Nice try, aber es gelingt dir nicht, Yvo den Schwarzen Peter zuzuschieben. DU warst kurz davor, vom Stuhl zu rasseln.»

«Nun hört aber auf. Lasst Francesco in Ruhe. Mir war es ehrlich gesagt auch zu lang, Wagner hin oder her. Diese Maria Racco hat wirklich eine sensationelle Stimme.»

«Nur brauchte sie drei Stunden, um endlich mit einem Schrei in die ewigen Jagdgründe einzugehen. Dieser Lohengrin hätte das verkürzen und schon nach eineinhalb Stunden auf seinem Schwan davonreiten können. Elsa tot, aus das Drama», kommentierte der Kommissär und wunderte sich, dass ihn die drei Damen wie den Leibhaftigen in Person anschauten. «Was ist denn jetzt schon wieder?»

«Da bietet uns Olivia ein einmaliges Schauspiel …»

«Ha! Einmalig ist die richtige Bezeichnung, denn ein zweites Mal kriegt ihr mich nicht dazu.»

«… und zum Dank ziehst du alles ins Lächerliche.»

«Moment mal! Yvo hat auch …»

«Steh wenigstens dazu, du Kulturbanause, und schieb ja nichts auf Yvo.»

«Also bitte, Monika. Ich bin doch hier nicht der Depp vom Dienst. Ich hocke mir auf diesen verdammt unbequemen Stühlen meinen Allerwertesten platt – sicher irgendwelche Designerstücke von einem ach so weltbekannten Idioten, der sich jedes Mal vor Freude in die Hose macht, wenn er sich daran erinnert, dass er uns für eine oder zwei Millionen diese Stühle angedreht hat – höre mir stundenlang das Gejaule einer Operndiva an, die drei Stunden braucht, um zu sterben, allein dafür müsste man sie abmurksen, bin mit Yvo einer Meinung und über wen prasselt der ganze Frust runter?»

«Frust?»

«Schaut euch doch an. Ihr seht nicht mehr taufrisch aus, meine Damen! Die drei, nein mit euren heuchlerischen Bravo-Rufen und dem peinlichen Gestampfe dreieinhalb Stunden haben euch den Rest gegeben.»

«So, so!», kam es einstimmig vom Emanzenchor zurück.

«Ja, genau. Und am Ende springt ihr hoch und schreit ‹Da capo›. Wahrscheinlich auch nur, weil ihr es auf den Sitzen nicht mehr ausgehalten habt, und jetzt gibt es nicht einmal Champagner.»

Olivia Vischer hängte sich schmunzelnd bei Ferrari ein.

«Ein treffendes Schlusswort. Bevor die nicht mehr taufrischen Teufelinnen dich massakrieren, eine Frage: Möchtest du ein Glas Moët & Chandon, Schätzchen?»

Der Kommissär versuchte sich loszueisen.

«Oh, wir sind eingeschnappt … Du solltest den Abend geniessen. Maria Racco ist für diese einmalige Vorstellung extra von Mailand nach Basel geflogen.»

«Ich weiss», brummte Ferrari. «Eine deiner beliebten Benefizveranstaltungen. Wäre sie doch in Mailand geblieben. Oh, mein Rücken schmerzt.»

«Und alles, was Rang und Namen hat, ist gekommen.»

«Das mussten die ja wohl oder übel, wenn du einlädst.»

«Wir sind heute aber besonders charmant. Kultur ohne Champagner und Häppchen. Oje, oje, das geht gar nicht.»

«Schon gut. Provoziert mich nur. Und du, hör gefälligst mit deinem blöden Grinsen auf, Yvo. Sonst vergess ich mich.»

«Jetzt werden wir auch noch aggressiv. Wunderbar. Ich sehe morgen schon die Schlagzeilen ‹Nach der Wagneroper, einer fantastischen Aufführung mit Maria Racco, schlug der stadtbekannte Kommissär Francesco Ferrari den Stararchitekten Yvo Liechti im Foyer des Stadttheaters bewusstlos›. Das wird meinen Freundinnen endlich die Augen öffnen.»

«Hm!»

«Gut. Zusammenfassend kann man sagen, deine Beine sind eingeschlafen, dein Rücken schmerzt und auch dein …», Olivia klatsche auf seinen Hintern.

«Lass das!»

«… Knackarsch leidet. Würde es dir besser gehen, wenn wir jetzt in die Kunsthalle dislozieren und dort bei Champagner und feinem Essen den Abend ausklingen liessen?»

«In der Kunsthalle?»

«Bei Moët & Chandon, Wolfsbarsch, Crème catalan oder was auch immer dein Herz begehrt, Schätzchen.»

Ferrari schnappte sich Olivia, drückte sie durch die Drehtür und sass im Nu im hinteren, für die geschlossene Gesellschaft reservierten Teil der Kunsthalle. Na also, hier kann man den Abend ganz nach meinem Geschmack ausklingen lassen. Vergessen war der lange Leidensweg.

Nach dem ersten Glas Champagner war die üble Laune des Kommissärs wie weggewischt.

«Wo sind eigentlich deine Schwestern, Olivia?»

«In, sagen wir zehn Minuten, werden sie uns Gesellschaft leisten. Wagner ist nicht ihr Ding, Champagner und Wolfsbarsch schon eher. Nicht zu vergessen das Dessertbuffet.»

«Das kann ich ihnen gut nachfühlen. Super, dieser Moët & Chandon. Da nehme ich doch gleich noch ein weiteres Gläschen.»

«Aber danach ist Schluss», raunte Monika. «Es gibt ja noch Weiss- und Rotwein.»

Ja, ja! Red du nur auf mich ein. Es ist jetzt zehn durch, Zeit für einen Schlummertrunk. Seit der Einführung um fünf Uhr durch Olivia zeige ich guten Willen. Eigentlich hätte ich da schon misstrauisch werden müssen. Wer geht schon am Nachmittag ins Theater? Immerhin ist das Ganze für einen guten Zweck.

«Behalt die Krawatte gefälligst an! »

«Das Hemd kratzt.»

Ferrari öffnete den obersten Knopf und lockerte die Krawatte leicht. Wie ich diese steifen Anlässe hasse. Viel Schein, wenig Sein.

«Juhu, Francescoooooo!»

Agnes und Sabrina, die beiden Schwestern von Olivia, rauschten herein und stürzten sich freudig auf den Kommissär. Jetzt wirds so richtig gemütlich. Frohlockend sah er zu den anderen hinüber.

«Da haben sich welche gefunden.»

«Meine Schwestern lieben deinen Mann, Monika. Tapsige Bären sind ihre Spezialität.»

Der Kommissär bestellte ganz gentlemanlike Champagner für beide.

«Unser Schickimicki-Männchen blüht auf», stellte Nadine lächelnd fest.

«Über drei Stunden des Leidens waren genug, lassen wir ihm den Spass. Ich könnte mich übrigens verfluchen, dass ich eine Wagneroper ausgesucht habe. Das war sogar mir viel zu lang», gestand Olivia.

«Sag das nur nicht Francesco. Sonst kriegt er Oberwasser.»

«Schlimmer als jetzt kanns auch nicht mehr werden. Deine anderen Gäste sind nicht begeistert.»

Agnes, die ältere der beiden Schwestern, hatte Ferrari die Krawatte ausgezogen und sie kreischend hinter sich geworfen.

«Halb so schlimm. Sie kennen meine Schwestern … und deinen Francesco, den Hecht im Karpfenteich.»

«Das kann ja gemütlich werden. Am besten, ich setze mich mit dem Rücken zu meinem Göttergatten, dann sehe ich die Peinlichkeiten nicht.»

Der Abend entwickelte sich ganz nach dem Geschmack des Kommissärs. So liess es sich leben. Einfach wunderbar. Auf Champagner und Rohschinken mit Melone folgte nun der Fisch. Agnes hielt ihm die Weinkarte hin.

«Du musst aussuchen, Francesco. Wir verstehen nichts von Wein.»

Nichts lieber als das. Ferrari blätterte konzentriert die Weinkarte durch. Unglaublich, diese Preise!

«Und, was trinken wir?»

«So einen Chablis habe ich noch nie getrunken, aber der Preis …»

Agnes winkte den Kellner zu sich.

«Wir nehmen den da, am besten gleich zwei Flaschen. Keine Sorge, Olivia bezahlt.»

Sensationell, dieser Wein. Die kritischen Blicke von Monika und Nadine übersah Ferrari geflissentlich. Einfach wegschauen und geniessen. Ich lasse mir von euch nicht den Spass verderben, meine Damen.

«Bleiben wir beim Weisswein oder wechseln wir zum Roten?», erkundigte sich Agnes.

«Zum Fisch müssten wir eigentlich Weisswein trinken, doch mir wäre ein Rotwein lieber.»

«Dann trinken wir Rotwein. Du suchst ihn aus», befahl Agnes schon leicht angeheitert, während Sabrina still genoss.

«Willst du nichts dagegen tun, Olivia?», erkundigte sich Monika.

«Vergiss es. Wenn meine Schwestern einmal losgelassen sind, hält sie nichts und niemand auf. Sie freuten sich schon die ganze Woche, mit Francesco abhängen zu können. ‹Zu der Scheissgala kommen wir nicht. Aber in der Kunsthalle lassen wir dann mit Francesco die Sau raus›, Zitat von Sabrina.»

«Was den Tatsachen entspricht.»

«Tja, sie sind ganz vernarrt in deinen Chef, Nadine. Gönnen wir ihnen den Spass. Der Wolfsbarsch ist ausgezeichnet.»

«Ja, hervorragend, genau wie deine Anlässe.»

«Danke, Yvo. Heute bin ich allerdings an meine Grenzen gestossen. Das Engagement von Maria Racco ist sehr teuer, doch ich wollte sie unbedingt. Etwa vor einem Jahr hörte ich sie zum ersten Mal an der Met Opera. Eine unglaubliche Stimme. Wir gingen im Anschluss zusammen essen, sie ist eine faszinierende Frau.»

«Ein Weltstar aus Basel.»

«Und ganz ohne Allüren. Wie so viele, musste auch sie zuerst ins Ausland, um in Basel berühmt zu werden.»

«Stimmt. Das scheint unser Schicksal zu sein. Erst wenn du deine Sporen im Ausland abverdient hast, nehmen dich deine Landsleute zur Kenntnis.»

«Das gilt aber nicht für deine Branche, Yvo.»

«Vielleicht sind wir Architekten aus der Art geschlagen. Nein, Spass beiseite, einige erhielten erst grössere Aufträge in der Schweiz, nachdem sie ihr Talent im Ausland bewiesen hatten. Ich gehöre wohl zur Ausnahme. Meine Karriere begann in heimatlichen Gefilden, vielleicht bin ich deshalb nicht so eine grosse Nummer wie Jacques und Pierre.»

«Nur keine falsche Bescheidenheit! Du bist ein Superstar.» Nadine küsste ihn zärtlich. «Mein Superstar!»

Der Stararchitekt errötete. Im Hintergrund grölten die drei Schluckspechte und prosteten sich zu.

«Das ist unerträglich. Ich werde ihm jetzt sagen, dass er sofort damit aufhören soll.»

«Lass dich nicht provozieren, Monika.»

«Das kriegt er zurück. Hundertmal, was sage ich, tausendfach.»

Ein Kellner trat an den Tisch und überreichte Olivia ein Couvert.

«Es ist von Maria. Sie lässt sich entschuldigen, sie fliegt umgehend mit meinem Jet zurück nach Mailand und kann daher nicht mehr mit uns essen. Schade. Oh! Maria verzichtet auf ihre Gage. Es habe ihr Spass gemacht, vor heimischem Publikum aufzutreten, und sie möchte meinen neuen Kindercampus unterstützen. Das ist ja grossartig, ich muss mich bei ihr bedanken.» Olivia stand auf und telefonierte kurz mit Maria Racco. «Sie lässt euch grüssen und …», Olivia lachte, «… sie entschuldigt sich.»

«Weil sie nicht kommen kann?»

«Nein. Sie entschuldigt sich bei dem unbekannten Mann, der neben Yvo sass und sich offenbar so langweilte, dass er einschlief.»

Monika warf wutentbrannt ihre Serviette auf den Tisch, jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

«Vergib ihm, denn er weiss nicht, was er tut», versuchte Nadine ihre Freundin zu beruhigen.

«Das weiss er sehr wohl, nur kümmert ihn das nicht. Der Herr Kommissär blamiert mich überall. Es gibt keinen Anlass, bei dem er sich nicht bekleckert, sich die Lampe füllt oder einschläft. Selbst dort, wo eigentlich nichts schiefgehen kann, gelingt es ihm. Könnt ihr euch noch an den Sponsorenlauf erinnern?»

«Das war aber harmlos.»

«Harmlos? Der Herr läuft in viel zu kurzen Hosen und in einem T-Shirt ein, das nicht einmal seinen Bauchnabel bedeckt. Und das findest du harmlos?»

«Es war zumindest lustig», kicherte Yvo.

«Nicht für mich. Darf ich ans Les Trois Rois erinnern? Da ist er mit deinen Schwestern beinahe im Suff über das Geländer gefallen und anschliessend schnarchten die drei im Akkord während dem Tattoo. Und immer vor dem ganzen Basler Daig.»

Monika zuckte zusammen, Ferrari liess zur Freude der Vischer-Schwestern einen Korken knallen.

«Jetzt ists genug!»

«Ich übernehme das, Monika. Meine Schwestern sind etwas von der Rolle.»

«Nicht nur deine Schwestern.»

«Entschuldigen Sie, Frau Vischer…», Olivias Chauffeur stand verlegen am Tisch.

«Sebastian! Bist du schon vom Flughafen zurück?»

«Ich warte noch immer auf Frau Racco. Ich befürchte, wir werden nicht mehr starten können.»

Olivia versuchte, sie auf dem Handy zu erreichen.

«Sie nimmt nicht ab. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.»

Nadine legte die Serviette vor sich auf den Tisch.

«Wir schauen nach … Francesco!»

«Was gibts?», brummte der Kommissär.

«Ich brauche dich kurz.»

Beim zweiten Versuch, die beiden Vischer-Schwestern abzuschütteln, die wie Kletten an ihm hingen, kam er schwankend auf die Beine.

«Ich bin gleich wieder zurück. Lauft mir nicht davon.»

Sie kicherten.

«Was ist passiert?»

«Nichts Besonderes. Mein Mann ist wieder einmal voll wie eine Strandhaubitze.»

«Also bitte! Ich kann noch immer gerade auf einem Bein stehen», sprachs und landete in den Armen der Kollegin.

«Fantastisches Gleichgewichtsgefühl! Bist du überhaupt in der Lage, mit mir ins Theater zu gehen?»

«Ins Stadttheater? Hast du deinen Mantel vergessen?»

«Maria Racco sollte auf dem Weg zum Flugplatz sein, aber Olivias Chauffeur wartet noch immer auf sie.»

«Wer ist Maria Racco?»

Nadine verdrehte die Augen.

«Die Sopranistin.»

Der Kommissär sah sie verständnislos an.

«Die Wagner-Sängerin.»

«Ach die!»

«Kommst du jetzt mit oder soll ich Ersatz suchen?»

«Schon gut. Ich begleite dich. Au! Spinnst du?»

Monika lächelte unschuldig, dieser Tritt ans Schienbein tat gut. Und wie!

Nadine klopfte an die Drehtür des Theaters und zeigte ihren Ausweis durch die Scheibe. Eine junge Frau des Reinigungsteams öffnete.

«Wir suchen Maria Racco.»

«Es ist niemand mehr da. Die sind alle drüben in der Kunsthalle.»

«Können Sie uns die Garderobe von Frau Racco zeigen?»

«Ja, natürlich. Folgen Sie mir bitte.»

Ferrari keuchte schwankend hinter den beiden Frauen her. Ich bin besoffen. Elender Mist. Ein Kaffee wäre jetzt das Richtige.

«Hier. Aber sie ist sicher nicht mehr drin.»

Nadine öffnete die Garderobentür und blieb wie angewurzelt stehen.

«Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.»

«Ich weiss nicht, was du meinst.»

«Die Aufführung scheint noch jemandem nicht gefallen zu haben.»

Ferrari quetschte sich an Nadine vorbei. Was er sah, liess ihn erstarren. Maria Racco lag tot auf dem Boden, in ihrer Brust steckte ein Messer.

«Du bleibst hier», befahl Nadine. «Ich informiere die anderen und rufe Peter an. Das Fest ist zu Ende. Ist wohl auch besser so, wenn ich dich betrachte. Kann ich dich überhaupt allein lassen?»

«Sicher … Bringst du mir einen Kaffee mit?»

«Eine ganze Kanne voll.»

Die Spurensicherung untersuchte den Tatort, während sich Polizeiarzt Peter Strub der Toten widmete.

«Maria Racco war die Lieblingssängerin meiner Frau. Sie besitzt alle ihre Alben, wir fuhren sogar nach Salzburg an ein Konzert. Da wird Elsi traurig sein.»

«Wohl nicht nur Elsi», raunte der Kommissär.

«Sieht bleich aus, dein Chef. Und seine Laune hat auch schon bessere Tage gesehen», wandte sich Strub an Nadine.

«Wir waren drüben in der Kunsthalle. Francesco sass neben Agnes und Sabrina Vischer.»

«Alles klar, das Les Trois Rois lässt grüssen. Ich erinnere mich blendend an das Foto in der Zeitung. Francesco lehnte sich etwas weit über die Brüstung der Terrasse hinaus.»

«Olle Kamellen.»

«Bei Georg hängt das Bild noch immer. Sieht aus, als wolltest du in den Rhein kotzen.»

«Provozier ihn nicht. Er ist nicht in Stimmung für alte Geschichten.»

Strub unterhielt sich mit einem seiner Mitarbeiter.

«Maria Racco hat eine Beule am Hinterkopf. Durch den vermutlich tödlichen Stich ist sie sehr wahrscheinlich umgekippt, aber nach der Obduktion weiss ich mehr.»

«Sonstige Hinweise?»

«Wir brauchen mindestens noch eine Stunde, bis wir alles im Kasten haben.»

«Und auf dem Messer?»

«Da sind einige Fingerabdrücke drauf, bestimmt auch die von Maria Racco.»

«Nehmt morgen noch die Fingerabdrücke von allen Personen, die heute Abend im Catering gearbeitet haben.»

«Wow! Danke, Francesco. Da wäre ich nie draufgekommen …», Strub rollte mit den Augen. «Selbstverständlich kümmern wir uns darum, das gehört nämlich zu unserem Job und den erledigen wir perfekt.»

Der Kommissär hörte den letzten Satz bereits nicht mehr, denn er hatte hinten in der Garderobe einen Plüschsessel entdeckt und setzte sich seufzend hin.

«Ich vermute, dass der Mörder oder die Mörderin grösser ist als Maria Racco.»

«Wie kommst du darauf?»

«Stell dich vor mich, du bist grösser als ich. Tu so, als ob du mit einem Messer auf mich einstechen würdest. Siehst du, du holst aus uns stichst von oben zu.»

«Das machen alle.»

«Richtig. Aber wenn du kleiner wärst, würdest du das Herz weiter unten treffen. Das Messer, das mit grosser Wucht geführt wurde, hat das Herz erwischt. Warten wir die Autopsie ab, obwohl ich sehr sicher bin. Die Todeszeit liegt auch auf der Hand – zwischen halb elf und elf.»

«Suchen wir einen Mann?»

«Nicht unbedingt, Nadine. Hey, wo ist eigentlich unser Superstar?»

Die Antwort kam schnarchend vom Plüschfauteuil.

«Aufwachen, Chef! Es ist Zeit fürs Bett.»

2. Kapitel

Der Kommissär sass in der Küche vor einem Glas Alka-Seltzer.

«Hallo, Paps.»

«Ciao, Nikki. Ist Mami schon wach?»

«Ja, aber schlecht gelaunt.»

«Das ist meine Schuld … Guten Morgen, Monika.»

«Wegen Paps?», Nikki sah ihre Mutter fragend an.

«Er soll es dir selber sagen.»

«Hm.»

«Dann halt nicht – wir waren zusammen im Theater.»

«Das habe ich gelesen.»

Ferrari suchte nach der Zeitung. Wie wild blätterte er den Regionalteil durch.

«Online», präzisierte Nikki. «Was war denn so schlimm im Theater? Ausser dieser Mord an der Sängerin.»

«Das steht auch schon drin?»

«Sicher.»

Puma, ihre schwarze Katze, brachte sich vorsichtshalber unter dem Tisch in Sicherheit.

«Eigentlich nichts Besonderes. Dein Vater ist bloss während der Oper eingeschlafen und lief dann, schön ausgeruht, in der Kunsthalle zur Hochform auf, wo er sich volllaufen liess. Mit Agnes und Sabrina Vischer. Die weltbekannte Sängerin Maria Racco schickte sogar eine Karte in die Kunsthalle und entschuldigte sich dafür, dass sich Francesco langweilte. Ist das nicht nett?»

«Cool!»

«Und zum Schluss brachten ihn seine Kollegen lallend nach Hause. Aber sonst ist nichts passiert.»

«Schrei doch nicht so.»

«Ich schreie, wann und wo ich will. Du nimmst schliesslich auch keine Rücksicht auf mich.»

Monika griff nach ihrer Handtasche und schlug die Küchentür hinter sich zu.

«Oh, oh! Das kostet dich mindestens ein Essen im Schloss Binningen und einen riesigen Blumenstrauss.»

«Hm!»

Im Büro blätterte der Kommissär gedankenversunken in den Akten. Ja, gut. Es war ein Glas zu viel … Ich muss endlich mit dieser Sauferei aufhören. Monika ist zu Recht sauer auf mich, hoffentlich verzeiht sie mir. Vielleicht würde sie ein romantisches Wochenende zu zweit auf andere Gedanken bringen. Ein Wellness-Wochenende im schönen Schwarzwald oder gemütliches Wandern und feines Essen im Jura.

«Guten Morgen, Chef. Schon wach und munter?»

«Wach schon, von munter weit entfernt.»

«Tja, der Alk fordert seine Opfer.»

«Nie mehr Champagner, ich versprechs hoch und heilig.»

«Bis zum nächsten Treffen mit Agnes und Sabrina.»

«Erwähn sie nicht. War es wirklich so schlimm? Ich habe einen Filmriss.»

«Also für die Kunsthalle wart ihr ein Segen. Ihr habt ihnen den Jahresumsatz gerettet.»

«Blödsinn!»

«Olivia wird dir oder wohl eher ihren Schwestern sicher gern die Rechnung präsentieren. Sie meinte nur, ihr hättet einen Teil der Benefizeinnahmen versoffen.»

«Oje …»

«Mach dir keine Gedanken. Das war es den beiden Schwestern sicher wert. Ich befürchte nur, Monika wird auch noch das eine oder andere Wort an dich richten.»

«Wenn sie überhaupt noch mit mir spricht.»

«Einen schönen guten Morgen, Herrschaften.»

«Sie haben mir gerade noch gefehlt, Herr Staatsanwalt.»

«Oh! Noch leicht beschwipst nach der Orgie in der Kunsthalle?»

«Sie wissen es auch schon?»

«Ganz Basel weiss es. Hier, bitte!»

Staatsanwalt Jakob Borer zeigte auf einen Zeitungsartikel der «Basler Zeitung». Missmutig las der Kommissär die Zeilen. Der Journalist lobte die Benefizveranstaltung in den höchsten Tönen und pries die hervorragende Stimme von Maria Racco. Untermalt wurde der Text von einer Doppelseite mit Promibildern. Mitten drin war ein Foto mit den Vischer-Schwestern und dem Kommissär, der eine Champagnerflasche in der Hand hielt. In der Legende stand: «Agnes und Sabrina Vischer vergnügten sich am Benefizanlass ihrer Schwester Olivia mit dem Basler Kommissär Francesco Ferrari.»

«Was heisst hier denn vergnügten sich? Das klingt beinahe so, als ob wir einen Dreier geschoben hätten.»

«Sie hinterlassen keinen besonders traurigen Eindruck auf dem Foto», antwortete Borer. «Vergnügt ist wohl sogar untertrieben. Wir würden Sie das bezeichnen, Frau Kupfer?»

«Wenn sie einmal von der Angel gelassen werden, dann krachen die Korken.»

«Echt peinlich. Wenn ich mir vorstelle, dass einer meiner Parteifreunde mich so sehen würde …»

«Ja, ja, schon gut.»

«Andererseits ist Ihre Begleitung nicht zu verachten. Es sind immerhin Agnes und Sabrina Vischer. Mit ihnen …»

«Könnten wir bitte das Thema wechseln?! Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen und wir müssen einen Mord aufklären.»

«Allerdings. Immerhin sind Sie wach. Das ist eine erhebliche Steigerung.»

«Was heisst das denn nun wieder?»

«Es wird Ihnen entgangen sein, dass Sie gestern Ihren Einsatz im wahrsten Sinn des Wortes verpennt haben. In der Garderobe der Toten sassen Sie schnarchend auf einem Stuhl, wie mir berichtet wurde. Und anschliessend liessen Sie sich noch auf Staatskosten nach Hause kutschieren.»

«Das war meine Idee», gestand Nadine.

«Nicht weiter tragisch, Frau Kupfer. Schliesslich sind die uniformierten Kollegen da, um betrunkene Kommissäre mit dem Streifenwagen nach Hause zu fahren. So werden unsere Steuergelder sinnvoll eingesetzt.»

«Ist ja gut, ich habe es kapiert. Ich möchte nicht wissen, wie viele Spesen Sie im Laufe eines Jahres bei diesen unzähligen Banketten machen. Die werden auch von den Steuerzahlern berappt und wahrscheinlich müssen wir tief in die Tasche greifen, um das alles zu finanzieren.»

«Das ist doch eine …»

«Frechheit? Wie viel verdient ein Regierungsrat?»

«Das weiss ich doch nicht. Ich vermute etwa zweihunderttausend Franken.»

«Hier stehts schwarz auf weiss», Ferrari wedelte mit der Zeitung. «Mindestens dreihunderttausend. Dafür arbeiten Nadine und ich mehr als zwei Jahre.»

«Arbeiten ist gut. Sie verkriechen sich hinter Ihrem Schreibtisch und lösen ab und zu mit der gütigen Hilfe Ihrer Kollegin und mit sehr viel Glück einen Fall, während ein Regierungsrat von Termin zu Termin jagt, über keinerlei Freizeit verfügt und immer zum Wohl der Bevölkerung handelt.»

«Zum Wohl der Bevölkerung! Da lachen ja die Hühner. Die stopfen sich doch bei jedem Anlass nur den Ranzen voll und plappern irgendwelchen Mist, um zu gefallen. Und dafür kriegen sie dreihunderttausend Franken. Wahnsinn. Was verdienen Sie eigentlich?»

«Ich? Das geht Sie überhaupt nichts an.»

«Können wir diese fruchtbare Diskussion beenden, meine Herren?»

«Er hat angefangen», der Staatsanwalt zeigte auf den Kommissär. «Sie sitzen ganz schön auf dem hohen Ross, Ferrari. Beleidigen unsere Regierung und mich dazu. Sie glauben wohl, dass Sie sich alles leisten können, nur weil Ihnen die beiden Vischer-Schwestern den Rücken stärken.»

«Olivia auch.»

«Ganz recht, Frau Kupfer.»

«Und Ines Weller.»

«Stimmt. Ich weiss gar nicht, weshalb die alle einen Narren an Ihnen gefressen haben.» Borer blickte zu Nadine. «Moment mal! Ihr Gesichtsausdruck spricht Bände. Sie ziehen das Ganze ins Lächerliche.»

«Ich bitte Sie, Herr Staatsanwalt. Ich wollte nur die Damen der Gesellschaft aufzählen, die Francesco lieben.»

«Soso. Beenden wir diese sinnlose Diskussion. Hier sind die gewünschten Ordner, Frau Kupfer.»

«Vielen Dank.»

«Und gehen Sie vorsichtig damit um. Am besten, Sie halten diese Unterlagen von Ihrem werten Chef fern. Der ist imstande und leert einen Becher Kaffee darüber.»

«Ich werde ihm nur Fotokopien zeigen, versprochen.»

«Ihr Gesichtsausdruck beruhigt mich überhaupt nicht.» Er lehnte sich über den Schreibtisch. «Da steckt jahrelange Arbeit drin. Ist das klar?»

«Sicher», der Kommissär rückte mit seinem Stuhl etwas zurück.

«Ich will die Ordner unversehrt zurück. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?»

Borer drückte sich an Nadine vorbei zur Tür. «Und wir sprechen uns noch, Ferrari. Glauben Sie ja nicht, dass Sie sich als Beamter solche Sprüche ungestraft leisten können. Vischers und Wellers hin oder her. Herrschaften, man sieht sich.»

«Der spinnt doch! Was zum Teufel hat es mit diesen Ordnern auf sich? Was ist da drin?»

«Zeitungsartikel über Maria Racco.»

«Ziemlich umfangreich. Wie konntet ihr eine solche Sammlung in dieser kurzen Zeit auftreiben?»

«Big Georg gab mir den Tipp, sie stammt von Marias grösstem Fan.»

«Ist nicht wahr! »

Ferrari vertiefte sich in die beiden Ordner. Beeindruckend, vermutlich hat Jakob Borer jeden Zeitungsartikel, den es je über die Sängerin gab, ausgeschnitten und säuberlich auf ein Blatt Papier geklebt. Irgendwie rührend und antiquiert zugleich. Achtundvierzig ist sie geworden, das ist viel zu jung, um zu sterben. Eine verrückte Welt. Ihren ersten Auftritt hatte sie in ihrer Heimatstadt Basel im Hans Huber-Saal zusammen mit Montserrat Caballé. Immer, wenn der Kommissär den Namen Caballé las oder hörte, dachte er an den unvergesslichen Freddie Mercury und ganz speziell an den Song «Barcelona». Das waren noch Zeiten … Nach diesem ersten grossen Auftritt stockte die Karriere der jungen Racco und so versuchte sie ihr Glück im Ausland. Berlin, Dresden, Wien und Mailand hiessen die Stationen. Dann endlich, an der Seite von Placido Domingo folgte an der Met Opera in New York der ersehnte Durchbruch. Und siehe da, plötzlich wurde man in ihrer Heimatstadt auf sie aufmerksam. Ferrari blätterte weiter. Hochzeitsfeier im Basler Münster … den kenn ich doch. Das ist dieser Basler Schauspieler Martin Hoffmann. Interessant. Ich wusste gar nicht, dass sie mit dem verheiratet war. Wann habe ich Hoffmann zum letzten Mal gesehen? Ach ja, in dieser Schweizer Tragödie aus den Bergen. Er spielte in einer Nebenrolle, was offenbar sein Schicksal ist. Denn wirklich erfolgreich war er nie. Ah, sie haben zusammen eine Tochter. Tamara ist jetzt … Ferrari rechnete kurz nach … zwölf Jahre alt. Die Ehe hielt gerade mal drei Jahre, sofern man diesen Zeilen glauben kann. Sinnigerweise wurde wiederum das Hochzeitsfoto abgebildet, nur dieses Mal auseinandergeschnitten. Was folgte, war eine einzige Schlacht um das Sorgerecht. Hoffmann warf Racco vor, keine Zeit für die Erziehung der Kleinen zu haben. Sie sei immer unterwegs, die Kleine würde dabei auf der Strecke bleiben. Maria konterte, ihr Ex-Mann sei ein schlechter Vater mit Hang zum Alkohol und Affären. Stimmt, da war doch was … Genau, Hoffmann wurde eine Affäre mit einem Topmodel nachgesagt. Das ging damals durch die Presse. Maria Racco gewann den Rosenkrieg, Tamara wurde ihr zugesprochen. Vermutlich die bessere Entscheidung. Ferrari legte den ersten Ordner zur Seite. Unser Staatsanwalt, ein heimlicher Verehrer der Operndiva. Wer hätte das gedacht. Auch nicht gerade fair von unserem Chef der Fahndung, dass er Borers Leidenschaft ausplaudert. Aber uns kommt es zugute. Im zweiten Ordner reihten sich die Grosserfolge aneinander. Maria Racco pendelte zwischen Mailand, Wien und New York hin und her. Irgendwie ist die vollkommen an mir vorbeigegangen. Gut, ich bin kein Opernfan, aber trotzdem. Hm. Zwischendurch trat Racco immer wieder an Benefizveranstaltungen auf, meistens zugunsten eines Kinderhilfswerkes. UNICEF-Botschafterin war sie auch. Ein Foto zeigte sie gemeinsam mit ihrer Tochter in einem Flüchtlingslager in Nigeria. Über ihr Privatleben gaben die Zeitungsartikel wenig her. Anscheinend lebt Tamara hauptsächlich bei ihrer Grossmutter auf dem Bruderholz. Da, ein Bericht über den Kauf einer Liegenschaft. Ziemlich feudal! In der Bildlegende stand: «Diese Villa ist ein Geschenk von Maria Racco an ihre Mutter.» Wow. Dazu ein bissiges Interview mit Martin Hoffmann, der über die Basler Gerichte lästerte, die es zuliessen, dass seine Tochter von der Ex-Schwiegermutter erzogen würde. Nach einem Versuch, in die Villa der Familie Racco einzudringen, wurde ihm verboten, sich dem Haus auch nur auf hundert Meter zu nähern. Drastische Massnahme, aber das Gericht wird seine Gründe haben.

«Nun, sind wir klüger?»

«Maria Racco war ziemlich erfolgreich. Ein Weltstar. Ich kannte sie überhaupt nicht.»

«Opern sind ja auch nicht dein Metier. Wenn sie Fussballerin wäre, würdest du sie mit Sicherheit kennen.»

«Vielleicht. Leider wird Frauenfussball weit unter seinem Wert verkauft. Die Medien springen nicht wirklich an und auch die Sponsoren machen sich rar. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Denn …»

«Eine beeindruckende Karriere.»

«Ja, sie trat in allen grossen Häusern der Welt auf. Sogar in Basel.»

«Doch nicht mehr oft. Nur noch zu Sonderaufführungen wie gestern.»

«Vielleicht war sie auch etwas eingeschnappt.»

«Irgendwie kann ich das verstehen. Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land.»

«Nichts ohne Ausnahme. Da gibt es einen Artikel in der NZZ von Teddy Stalder, einem Professor an der Uni Basel, den ich vor Jahren kennenlernte, er schrieb, dass Maria ein Jahrhunderttalent sei.»

«Ein Experte?»

«Ja, ich denke schon. Er ist Musikwissenschaftler und Hobbydirigent, aber anscheinend ziemlich gut.»

«Offenbar wurde er hier in Basel nicht gehört.»

«Hier ist der Artikel, ich lese dir kurz die Stelle vor. ‹Maria Racco wird ihren Weg machen. Vermutlich führt dieser über die Bühnen der Welt und nicht über die unserer Stadt, weil die Kleingeister unseres Kulturwesens wahre Talente nicht erkennen oder nicht erkennen wollen. Sie sind dem Mittelmass verpflichtet. Sobald nämlich eine überragende Basler Persönlichkeit in Erscheinung tritt, fürchten sie um ihren Einfluss. Leider wird dadurch die Schere zwischen Einfluss und Geld auf der einen und Besucherzahlen und Qualität auf der anderen Seite immer weiter auseinanderklaffen.›»

«Ziemlich heftig, was er da sagt. Wann war das?»

«Vor zehn Jahren.»

«Das trifft aber heute nicht mehr zu. In der letzten Saison betrug die Auslastung fast siebzig Prozent.»

«Das wundert mich.»