Spiel mit dem Tod - Anne Gold - E-Book
Beschreibung

"Eine Hand wäscht die andere." Damit Kommissär Ferrari nach einer durchzechten Nacht nicht zum Gespött der gesamten Basler Polizei wird, nimmt er seiner konspirativen Kollegin eine ältere Dame ab, die sich um ihren selbstmordgefährdeten Ehemann sorgt. Ferrari will eigentlich nur zwei Dinge: die Dame möglichst schnell loswerden und seine Ruhe haben. Und als ob er es geahnt hätte, scheint alles bloss reine Hysterie zu sein. Denn in der Befragung des potenziellen Selbstmörders stellt sich heraus, dass der Mann gar nicht die Absicht hat, sich umzubringen. War alles nur ein grosses Missverständnis? Kurze Zeit später ist der Mann tot. Ferrari ist schockiert. Hat er seine sonst so untrügliche Menschenkenntnis verloren oder etwas übersehen? Vorsichtig beginnt der Kommissär mit seiner Assistentin Nadine Kupfer zu ermitteln und plötzlich ist dieser Fall ein einziger Krimi.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:259

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Anne Gold

Spiel mit dem Tod

Alle Rechte vorbehalten

© 2007 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

© eBook 2013 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Lektorat: Claudia Leuppi

Gestaltung: Bernadette Leus, www.leusgrafikbox.ch

ISBN 978-3-7245-1947-8

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-1762-7

Ungekürzte Taschenbuchausgabe 2011

www.reinhardt.ch

Für meine Mutter

1. Kapitel

Katerstimmung am Tag danach. Pochende Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelanfälle. Kommissär Francesco Ferrari griff sich vorsichtig an die Stirn. Aber der Abend mit Daniel Stettler war schön gewesen. Es gab Grund zum Feiern, und wie. Denn Daniel, einer seiner wenigen Freunde, war zum CEO der Hightech-Unternehmung ONLINE befördert worden. Schreckliche Bezeichnung für einen Generaldirektor! Was solls, die Amerikanisierung war wohl kaum mehr aufzuhalten. Den frischgebackenen CEO hatten sie im kleinen Kreis ausgiebig gefeiert. Zuerst standesgemäss mit zwei Flaschen Champagner im Büro des Chief Executive Officers, danach mit einer nicht enden wollenden Pintentour durch die Altstadt, die gediegen und ganz harmlos mit einem wunderbaren Essen im «Les Trois Rois» ihren Anfang genommen hatte. Dann, tja dann … wer war bloss auf die Idee gekommen? «Honky Tonk», «Moulin Rouge», «White Horse», «Fischerstube» und «Hirscheneck», wo sie altersmässig ziemlich aufgefallen waren. Ferrari sah die hämisch grinsenden Twens noch vor seinem geistigen Auge. Hingegen versuchte er sich vergeblich daran zu erinnern, was alles und vor allem wie viel er getrunken hatte. Champagner, Wein, Bier, dann wieder Champagner. Oder war es Prosecco gewesen? Und noch einen Schnaps dazu und … Der Magen rebellierte sofort wieder beim Gedanken an die vergangene Nacht. Mein Gott, wieso hatte er sich nur dazu verleiten lassen, alle Beizen im Kleinbasel abzuklappern. Zu guter Letzt wurden sie vor dem «Roten Kater» von einer Polizeistreife aufgegriffen und nach Hause verfrachtet. Immerhin blieb ihm die Ausnüchterungszelle erspart.

Obwohl er jeglichen Lärm zu vermeiden versucht hatte, stolperte er zum sichtlichen Vergnügen der uniformierten Polizisten, die ihn bis an die Haustür begleiteten, über die Schwelle und klatschte mit dem Kopf voll gegen die Klingel. Damit nicht genug. Das verfluchte Ding rastete ein und seine Freundin Monika aus. Wie aus dem Nichts stand sie plötzlich mit furchterregendem Blick an der Tür und stellte die verrückt spielende Glocke ab. Der Rest war schnell erzählt. Monika zerrte ihn wie einen nassen Sack durch den Korridor in die Küche und hielt ihm eine Standpredigt. Er glaubte, etwas wie «Du bist ein schönes Vorbild!», «Was müssen deine Leute von dir halten?», «Morgen bist du die Lachnummer im Kommissariat», «Wenn Nicole dich so sehen würde» und Ähnliches verstanden zu haben. Weshalb weiss der Mensch eigentlich nicht, wann er genug getrunken hat, dachte Ferrari. Jedes Tier hört auf, wenn Hunger und Durst gestillt sind. Nun ja, nicht jedes Tier, tröstete er sich. Es gibt Ausnahmen wie den Labrador eines Kollegen. Der lässt nichts aus, keinen Krümel, keinen ausgespuckten Kaugummi, kein gebrauchtes Taschentuch. Ferrari, der Labrador! Feiner Vergleich. Immerhin hatte das Schicksal dann doch ein Einsehen. Der Kommissär schlief sanft am Küchentisch ein und bekam so nicht mehr allzu viel von Monikas Standpauke mit.

Am Morgen schlich Ferrari mit stechenden Kopfschmerzen aus dem Haus, um einer weiteren Konfrontation zu entgehen. Die Folge war, dass er viel zu früh und ganz gegen seine Gewohnheit bereits um 7 Uhr im Kriminalkommissariat auftauchte. Ein Kollege starrte ihn im Korridor mit offenem Mund an.

«Bist du aus dem Bett gefallen, Francesco?»

«Habe viel zu tun», brummte Ferrari misslaunig und stiess ihn unsanft zur Seite. Wie es schien, hatten seine nächtlichen Eskapaden noch nicht die Runde gemacht. Wenigstens etwas.

Unterwegs hatte er sich trotz des Umwegs bei der Notfallapotheke am Petersgraben noch vorsichtshalber eine Packung Alka-Seltzer besorgt. Zu einem Horrorpreis. Die Halsabschneider nahmen ihm 12.95 Nachtzuschlag ab. Die endlose Diskussion, in die er sich verzettelte, brachte überhaupt nichts. «Nein, mein Herr, es ist halt so. Nachtzuschlag», «Ja, ich verstehe Sie schon, mein Herr, aber ich kann nichts daran ändern.» Ferrari zog alle Register seines Könnens, versprühte seinen ganzen Charme, vergeblich. Die Verkäuferin blieb stur und die Kopfschmerzen verstärkten sich. Jetzt sass er, den Kopf in die Hände gestützt, vor einem Glas Wasser mit zwei sich auflösenden Tabletten und schaute fasziniert den Luftblasen zu. Der Champagner im «Roten Kater» war zu viel des Guten gewesen. Eindeutig.

«Vielleicht sollte ich die ganze Packung Alka-Seltzer schlucken», stöhnte Ferrari und nippte am Glas. Die Kopfschmerzen waren unerträglich und sein Selbstmitleid wuchs exponentiell.

«Wääh! Wieso schmeckt das Zeug nur so bitter?» Er leerte das Glas in einem Zug.

Unbemerkt hatte sich die Tür geöffnet und Marianne Traber, die langjährige Assistentin von Staatsanwalt Jakob Borer, schaute herein.

«Störe ich?»

«Keineswegs, Marianne. Komm rein. Setz dich.»

«Hattest du einen schönen Abend, Francesco?»

«Wie meinst du das?», tastete sich Ferrari sachte vor.

«Ach, man munkelt so einiges.»

«Und was, bitte sehr?»

«Du seist mit Daniel Stettler singend im Kleinbasel wegen Ruhestörung verhaftet worden.»

«Was! Aber das ist doch …», ein stechender Schmerz in seinem Hinterkopf hinderte ihn daran, weiter zu poltern.

«Verdammt noch mal, gehen die Kopfschmerzen denn gar nicht weg? Wer behauptet das, Marianne?»

«Du bist das Gesprächsthema Nummer eins bei den Kollegen vom Claraposten.»

«Na bravo! Und woher weisst du das?»

«Arnaldo, der Kreischef, ist ein guter Freund von mir.»

Ferrari erinnerte sich daran, dass die beiden beim letzten Weihnachtsfest wie zwei Turteltauben aneinandergeklebt waren.

«War es sehr schlimm?»

«Du kannst dich nicht einmal mehr daran erinnern, Francesco?»

«Doch, doch. Das heisst … nicht wirklich. Mit Sicherheit weiss ich, dass mich ein Streifenwagen nach Hause fuhr. Tja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.»

«Du siehst ziemlich blass aus. Willst du dich nicht ein wenig hinlegen?»

«Blödsinn! Wer saufen kann, kann auch arbeiten. Am meisten ärgert mich, dass ich zum Gespött der Kollegen werde. Wundert mich, dass Stephan keine Anspielung gemacht hat.»

«Stephan?»

«Ich habe ihn im Korridor getroffen.»

«Weil ich es verhindert habe, dass du dich zum Narren machst, mein Lieber.»

«Wie das?»

«Arnaldo führt sein Revier ziemlich diktatorisch. Und er frisst mir ordentlich aus der Hand», was Ferrari an seinen Vergleich mit den Turteltauben erinnerte. «Ich bat ihn, das Ganze sehr diskret zu behandeln.»

Wobei die Bitte, so wie Ferrari Marianne kannte, eher einem Befehl gleich kam.

«Dafür bin ich dir dankbar, Marianne. Du hast was bei mir gut.»

«Das kannst du gleich einlösen.»

Marianne setzte sich lächelnd auf einen Stuhl neben Ferrari, der sie fragend ansah.

«Soll ich dir zuerst noch ein Alka-Seltzer auflösen oder bist du aufnahmefähig?»

«Die Geister, die ich gestern Nacht rief, werde ich langsam wieder los.»

«Du bist ein richtiger Poet. Gut, ich mach es kurz. Tust du mir einen kleinen Gefallen, Francesco?»

«Mit einer einfachen Frage beginnt es, und meistens wird daraus ein komplizierter Fall.»

«Nun sei nicht so, Francesco. Du stehst in meiner Schuld, schon vergessen?»

Kommissär Ferrari stiess einen tiefen Seufzer aus.

«Also, was kann ich für dich tun?»

«Seit Tagen ruft eine Frau bei mir an. Sie erzählt mir immer die gleiche Geschichte. Nämlich, dass ihr Mann Selbstmord begehen wolle. Und sie wisse nicht, wie sie ihn davon abhalten könne.»

Ferrari wunderte sich keine Sekunde, dass diese Frau ausgerechnet bei Marianne gelandet war. Sie half jedem und war das scheinbare Problem auch noch so klein. Im Kommissariat nannten sie deshalb alle «Mutter Teresa».

«Suizidgefährdete sind die Angelegenheit eines Psychiaters und nicht die eines Kommissärs, Marianne. Schick sie oder besser ihn zu einem Psychiater.»

«Komm schon, Francesco. Die gibt keine Ruhe. Irgendwie ist sie total hysterisch. Sie überfordert mich. Und sie tut mir sehr leid. Kannst du nicht einmal kurz mit ihr reden?»

«Was bringt das? Wenn jemand wirklich Selbstmord machen will, dann kann ihn nichts auf der Welt davon abbringen. Die meisten reden sowieso nur davon, um sich in den Mittelpunkt zu rücken. Soll ich ihrem Mann meinen Ausweis unter die Nase halten und ihm verbieten, sich umzubringen?»

«Sei nicht so zynisch. Die Frau steht unter echtem Stress. Was ist jetzt, sprichst du mit ihr oder soll ich ein Rundschreiben rausgeben, in dem ich alle Details über die gestrige Nacht erwähne?»

«Auf Erpressung stehen mindestens vier Jahre. Hm. Na gut, ich ruf sie an. Gib mir ihre Telefonnummer.»

«Danke, Francesco. Du bist ein Schatz. Aber das ist nicht notwendig», und bevor er wusste, wie ihm geschah, winkte sie den Korridor hinunter. «Kommen Sie, Frau Rost, der Herr Kommissär hat Zeit für Sie!»

Das habe ich nun von meiner Gutmütigkeit, dachte Ferrari. Obwohl, wahrscheinlich ist es die gerechte Strafe für meine Sauftour. Er beobachtete, wie Christina Rost von Marianne an seinen kleinen Klubtisch geführt wurde, den er aus eigener Tasche bezahlt hatte. Versteht sich. Und gekauft hatte er diesen Designklassiker auf Monikas Schwärmen und Drängen hin. Warum er sich dazu hatte überreden lasssen? Das wusste er beim besten Willen nicht mehr. Denn für ihn war ein Tisch ein Tisch, nicht mehr und nicht weniger und musste nur eines, praktisch sein.

Christina Rost war etwa im Alter von Marianne, um die sechzig. Eher der Typ Hausmütterchen, mit Hornbrille, was sie auch nicht gerade attraktiver machte. Sehr gepflegt mit äusserst feingliedrigen Fingern. Schwarzes Haar, Ferrari fragte sich, ob es getönt war, was ihn sogleich daran erinnerte, dass bei ihm eine Tönung nichts bringen würde, da sich immer mehr kahle Stellen abzeichneten. Marianne brachte zwei Tassen starken Kaffee.

«Beinahe hätte ich es vergessen, Francesco, mein Chef möchte dich sprechen, wenn du Zeit hast.»

Staatsanwalt Borer hatte bestimmt nicht so höflich um ein Treffen gebeten, sondern vielmehr klar und deutlich befohlen. Aber Marianne war eben eine Frau mit Taktgefühl.

«Ich melde mich heute Nachmittag bei ihm.»

Marianne Traber nickte und zog sich diskret zurück.

«Sie sind sich darüber im Klaren, Frau Rost, dass Sie bei mir eigentlich an der falschen Stelle sind. Ich ermittle in Tötungsdelikten. Und so viel ich weiss, entschuldigen Sie bitte die Pietätlosigkeit, lebt Ihr Mann noch.»

«Das weiss ich, Herr Ferrari. Aber vielleicht können Sie mir dennoch helfen. Ich bin ziemlich verzweifelt.»

Diesen Eindruck hatte das geschulte Auge von Ferrari auch ohne, dass sie es ausgesprochen hätte.

«Sie haben Marianne, ich meine Frau Traber, erzählt, dass Ihr Mann sich umbringen will.»

«So ist es.»

«Wie kommen Sie darauf? Lassen Sie sich mit Ihrer Erzählung bitte genügend Zeit. Schildern Sie mir detailliert, weshalb Sie das vermuten.»

Christina Rost blickte ihn dankbar an.

«Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Wissen Sie, Hans ist seit einiger Zeit sehr depressiv. Nein, das ist falsch», korrigierte sie sich sofort, «er ist nicht immer depressiv. Er ist sehr starken Schwankungen unterworfen. Manchmal himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Das geht jetzt schon seit einigen Jahren so.»

«Seit wie vielen Jahren?»

«Seit vielleicht zwei, drei.»

«Wie alt ist Ihr Mann?»

«Er wird im Oktober sechzig.»

«Entschuldigen Sie bitte die Frage, darf ich wissen, wie alt Sie sind?»

«Achtundfünfzig.»

«Vielleicht hat Ihr Mann nur eine Midlife-Crisis?»

«Das wäre wohl reichlich spät, oder?», schmunzelte Christina Rost. «Und selbst wenn, das würde doch nicht so lange dauern.»

Ferrari musste sich eingestehen, dass er überfragt war. Er hatte von Studien gelesen, die genau das Gegenteil besagten. So stellte sich nämlich die Midlife-Crisis immer früher ein. Bei Frauen begann sie im Schnitt bereits Mitte dreissig, bei Männern Ende dreissig. Aber er hatte noch nie davon gehört, dass Männer im Alter von sechzig Jahren in eine vergleichbare Situation gerieten. Hier wäre wirklich eine Fachperson vonnöten. Genau! Die Polizeipsychologin musste her. Und das wäre zugleich die beste Möglichkeit, Christina Rost galant und schnell los zu werden. Das ist es. Nein, sie ist im Urlaub. So ein Pech! Ferrari wollte sich eigentlich nicht mehr länger mit der Frau unterhalten. Sie war echt besorgt, das sah er ihr an. Aber wahrscheinlich handelte es sich bei ihrem Ehemann um einen unzufriedenen Endfünfziger, der langsam realisierte, dass sein bisheriges Leben noch nicht alles gewesen sein konnte. Ein Mann, der mit dem Schicksal haderte und versuchte, nochmals in seinem Leben die Ketten zu sprengen und etwas Neues zu wagen. Das war menschlich, nur hatte es nichts mit ihm zu tun. Und noch weniger mit seinen Kopfschmerzen.

«Wissen Sie, Herr Ferrari, dass er eine Krise hat, beunruhigt mich nicht. Wenn es so weiterginge, dieses ewige Auf und Ab, das wäre mir egal. Obwohl das schon recht an die Substanz geht. Aber das ist es nicht», unterbrach Christina Rost die Stille.

«Sondern?»

«Seit einigen Monaten ordnet er systematisch seine Unterlagen.»

«Das verstehe ich nicht.»

«Er ist mit mir zu einem Notar gegangen, um ein Testament abzufassen. Er hat alle Versicherungen neu geregelt. Und er hat mich zum ersten Mal in unserer dreissigjährigen Ehe gebeten, die Einzahlungen zu machen.»

«Was ist daran so sonderbar? Ein Testament ist eine gute Sache. Man weiss ja nie, ob man nicht vom nächsten Tram überfahren wird. Und es ist doch auch gut, wenn Sie wissen, wie Sie finanziell dastehen.»

«Wenn Sie Hans kennen würden, wüssten Sie, dass das etwas Besonderes ist. Sein grösster Albtraum ist, dass wir uns finanziell übernehmen. Unter normalen Umständen würde er nie die Zahlungen aus der Hand geben. Es ist für mich ein ganz eindeutiger Beweis. Er führt mich in alles ein, und wenn er sicher ist, dass ich es packe, wird er sich umbringen.»

Jetzt war es um Christina Rost geschehen, sie wurde von einem kurzen heftigen Weinkrampf geschüttelt. Und Francesco Ferrari konnte einer weinenden Frau nichts abschlagen. Er verfluchte sich und Marianne dazu, die ihm das eingebrockt hatte. Worauf lasse ich mich hier eigentlich ein?

«Gibt es noch weitere, nun sagen wir, Anzeichen, die auf einen Selbstmord hindeuten?», fragte Ferrari nach einer Weile.

«Ach, es sind alles nur Kleinigkeiten», seufzte sie. «Ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich fühle es. Wenn man so lange mit einem Menschen zusammenlebt, dann spürt man, wenn etwas nicht stimmt.»

«Entschuldigen Sie die Frage, ist Ihre Ehe glücklich?»

Sie blickte ihn irritiert an und überlegte lange, bevor sie antwortete.

«Glücklich? Ja, ich glaube, sagen zu dürfen, dass wir eine harmonische Ehe führen. Wir haben keine Geheimnisse voreinander. Wir lieben uns noch immer. Auch nach dieser langen Zeit. Sind Sie verheiratet, Herr Kommissär?»

«Nein. Ich lebe mit jemandem zusammen.»

«Und sind Sie glücklich?»

«Ja, ich bin zufrieden.»

«Sie haben mich aber gefragt, ob ich mit meinem Mann glücklich bin.»

«Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen, Frau Rost.»

«Glück ist ein momentaner Zustand. Eigentlich ein kurzer aussergewöhnlicher Augenblick, der, kaum ist er da, wieder verschwunden ist. Diese Momente sind wunderschön und verbinden zwei Menschen miteinander. Wenn Sie mich fragen, ob ich glücklich bin, dann antworte ich Ihnen genau das Gleiche wie Sie eben. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Sehr zufrieden sogar. Wir führen eine wirklich gute Ehe. Und manchmal bin ich sehr, sehr glücklich.» Sie schmunzelte und fuhr dann fort: «Sie wollen wissen, ob eine andere Frau im Spiel ist, nicht wahr?»

Ferrari musste lachen.

«Sie haben mich durchschaut.»

«Diese Frage beantworte ich Ihnen mit einem klaren Nein. Das ist keine Vermutung, da bin ich mir total sicher.»

Ferrari sass Christina Rost schweigend gegenüber. Irgendwie beeindruckte ihn diese Frau. Er fasste einen Entschluss.

«Soll ich einmal mit Ihrem Mann sprechen?», hörte er sich sagen.

«Das wäre wunderbar, Herr Ferrari. Ich danke Ihnen von Herzen.»

Der Kommissär notierte sich die Privat- und die Geschäftsadresse und schob dann Christina Rost mit sanfter Gewalt aus seinem Büro. Die Kopfschmerzen liessen nur langsam nach. Ferrari schaute vom Fenster seines Büros in den Innenhof hinunter. Es begann zu regnen. Aus einzelnen Regentropfen wurde ein prasselndes Gewitter. Entspricht ganz meinem physischen Zustand. Bloss in meinem Kopf stürmt es bereits, dachte er. Wie sich wohl der neue CEO zurzeit fühlt?

Ferrari machte sich über einige Akten her, die sich auf seinem Schreibtisch türmten und geduldig auf die Ablage warteten.

«Mist, verfluchter! Ich will endlich eine Sekretärin, die mir den Bürokram vom Leibe hält. Was solls, das wird sowieso nicht bewilligt», brummte er missmutig und schrieb als Gedankenstütze auf einen gelben Postit-Zettel «Borer aufsuchen!».

2. Kapitel

Gegen 11 Uhr, nachdem sich der Kommissär durch einige Akten gewühlt hatte, fiel sein Blick auf den Zettel mit der Geschäftsadresse von Hans Rost. Er arbeitete als Zollinspektor im Zollgebäude beim Bahnhof SBB. Ferrari entschloss sich, unangemeldet bei Rost aufzutauchen, froh, für einen Moment an die frische Luft zu kommen. Staatsanwalt Borer konnte warten. Er nahm den Weg über den Bahnhof. Der umgebaute Platz gefiel Ferrari, eine gewisse Grosszügigkeit, ja etwas Mondänes ging von ihm aus. Sein Blick fiel auf einige Arbeiter, die damit beschäftigt waren, die Countdown Clock für die EURO 2008 aufzustellen. Sie würde exakt am 7. Juni 2007, um 18 Uhr, mit dem Countdown beginnen, ein Jahr vor dem Eröffnungsspiel der Fussball-Europameisterschaft im St. Jakob-Park. Was für ein Ereignis. Ferrari freute sich wie ein kleiner Junge. Im Moment wurde zwar überall über Geld- und Abfallprobleme gesprochen, man sah bereits die Stadt Basel im Müll versinken. Dabei war die Euro eine echte Chance, die Schweiz in Europa zu präsentieren. Aber darüber war in den Zeitungen natürlich nichts zu lesen. Gedankenversunken schüttelte der Kommissär den Kopf und bahnte sich einen Weg durch die Menschen, die kamen und gingen. Der Bahnhof schluckte die Massen unermüdlich, um sie im selben Moment wieder auszuspucken. Menschen über Menschen und ein jeder mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Was trieb sie an? Was bewegte sie? Ferrari liebte es, sich mögliche Schicksale auszudenken. Schöne und traurige, die unterschiedlicher nicht sein konnten.

Am Eingang zum Bahnhof nahm der Kommissär eine Gratiszeitung aus dem Kasten und starrte auf die Titelschlagzeile. «Messerstecherei unter Kosovoalbanern nimmt drastisches Ausmass an!» So ein Mist. Muss denn immer gleich übertrieben werden?, ärgerte sich Ferrari. Gut, die Kriminalität nahm wirklich zu, die Hemmschwelle für Gewalt sank ständig, aber nicht nur bei der ausländischen Bevölkerung. Und über die Integrationspolitik konnte man sich streiten. Viele sprachen inzwischen vom Versagen der Politik angesichts der drohenden Gettoisierung in einzelnen Quartieren, wo der Ausländeranteil bald vierzig Prozent betrug. Mit zunehmender Tendenz. Die einzelnen Kulturen blieben unter sich, von der geplanten Integration weit und breit keine Spur. Und die Politiker schauten wie gelähmt zu, die Linken genauso wie die Rechten. Eine gewisse Resignation hüben und drüben, doch die brachte die Stadt keinen Schritt weiter. Währenddessen wuchs der Missmut in der Bevölkerung, denn allen war klar, so konnte und durfte es nicht mehr weitergehen. Man musste in der Migrationspolitik neue Wege beschreiten. Auch und nicht zuletzt, um einen weiteren Rechtsrutsch in der Schweiz zu verhindern. Basisarbeit war angesagt.

Ferrari stand vor dem beeindruckenden Zollgebäude. Nachdem sich der Kommissär angemeldet hatte, erschien ein strahlender, gutaussehender Mann, dem man seine knapp sechzig bei weitem nicht ansah. Wenn ich in vierzehn Jahren noch so gut aussehe, kann ich zufrieden sein, dachte Ferrari.

«Ja, bitte?»

«Ferrari, Francesco Ferrari», stellte sich der Kommissär holprig vor.

«Freut mich, Herr Ferrari. Was kann ich für Sie tun?»

«Nun, ehrlich gesagt, ich weiss es nicht genau.»

Hans Rost lachte.

«Grundlos suchen Sie mich bestimmt nicht auf, oder?»

«Können wir hier irgendwo ungestört einen Kaffee trinken? Ich bin in einer privaten Angelegenheit hier. Es ist dringend.»

«Eine private und dringende Angelegenheit? Sie machen mich neugierig. Auf der Bahnhofsarkade ist ein Restaurant. Doris, ich bin für eine halbe Stunde weg», rief er seiner Kollegin zu.

Der Kaffee war gut und stark. Obwohl Ferrari normalerweise den Kaffee ohne Zucker trank, schüttete er langsam zwei Beutelchen rein. Alles, um Zeit zu gewinnen.

«Ich bin von der Basler Polizei, Herr Rost. Es geht, tja es geht um Ihre Frau.»

Rost wurde innert Sekunden aschfahl.

«Um Himmels willen, ist ihr etwas passiert?»

«Wie? Nein, beruhigen Sie sich, bitte, sie ist wohlauf.»

«Mein Gott, jetzt haben Sie mir aber einen gehörigen Schrecken eingejagt, Herr Ferrari.»

«Es ist wohl besser, wenn ich jetzt zur Sache komme.»

Ferrari berichtete über das Gespräch am frühen Morgen, betonte, dass Christina Rost verzweifelt wirkte und die Befürchtung äusserte, ihr Mann könnte sich etwas antun. Rost sass ruhig da und nickte nur.

«Eigentlich geht mich ja die Sache nichts an, es ist eher ein …», er führte den Satz nicht zu Ende.

«… ein Fall für den Psychiater, das meinten Sie doch.»

«Wenn es überhaupt ein Fall ist.»

«Nun mal ehrlich, halten Sie mich für verrückt?»

«Nein! Ganz und gar nicht. Aber ich habe schon oft Fälle erlebt, in denen sich ein psychisch Kranker enorm gut verstellen konnte.»

«Also bin ich doch gestört?»

Ferrari musste nun lachen.

«Nein, ich habe Sie ein wenig beobachtet, bevor Sie wussten, um was es geht. Sie sind bestimmt so normal wie ich.»

«Das beruhigt mich ungemein. Sie müssen wissen, Christina ist wahnsinnig besorgt um mich. Und ich habe ihr auch Grund dafür gegeben.»

«Und der wäre?»

«Edith, unsere Tochter. Sie ist vor drei Jahren mit fünfundzwanzig ausgezogen. Nicht im Streit, wohlverstanden. Ein ganz normaler Vorgang. Sie lernte einen jungen Mann kennen und zog mit ihm zusammen. Edith ist mein Ein und Alles. Ich habe mich nicht damit abfinden können, dass sie jetzt einem anderen gehört. Ich weiss, ich schwafle dummes Zeug. Haben Sie Kinder, Herr Ferrari?»

«Nein, das heisst, meine Freundin hat eine Tochter, die ich sehr liebe.»

«Und wie alt ist sie?»

«Sie wird in diesem Jahr zwölf.»

«Dann steht Ihnen der gleiche Abnablungsprozess in einigen Jahren noch bevor. Edith ist mein einziges Kind. Ich liebe sie abgöttisch. Plötzlich taucht aus dem Nichts irgendeiner auf und macht sie mir streitig. Damit konnte ich mich nicht abfinden. Ich wollte sie mit diesem …, diesem Rivalen nicht teilen.»

Ferrari schmunzelte. Er wachte bereits jetzt mit Argusaugen über Nicole. Auf dem gemeinsamen Weg zur Schule versuchte er sie immer auszuhorchen, wer denn im Augenblick der erklärte Favorit sei.

«In dieser Zeit war ich absolut unausstehlich. Meine Gefühlswelt ging mal rauf, mal runter. Dabei schaut sie regelmässig bei uns rein. Wir gehen mindestens zwei Mal pro Woche mittags essen. Und ihr Freund ist ein prima Typ. Trotzdem kam ich mit der Situation nicht zurecht. Ich war sehr labil. Das hat Christina wohl beunruhigt.»

«Da verstehen Sie etwas falsch, Herr Rost. Ihre Frau ist nicht besorgt, weil Sie mit dem Ablösungsprozess Mühe hatten, sondern weil Sie, wie sagte sie doch gleich, weil Sie systematisch Ihre Unterlagen ordnen. Es geht um das Testament und darum, dass Sie alle Versicherungen neu geregelt und Ihre Frau gebeten haben, die Einzahlungen zu erledigen.»

Hans Rost schlug sich gegen die Stirn.

«Das Testament! Ja, natürlich. Und die Einzahlungen! Jetzt wird mir einiges klar.»

«Sie können zu meiner Klärung beitragen, indem Sie mir sagen, wie Sie das Ganze sehen.»

«Ich steckte eine Zeit lang in einer tiefen Krise. Im Beruf müsste ich eigentlich in die Oberzolldirektion wechseln, um noch weiter vorwärts zu kommen. Aber das will ich nicht.»

«Und weshalb nicht?»

«Mein oberster Chef sieht mich schon längst in der Direktion. Aber da bin ich nicht mehr an der Front. Ein reiner Bürojob. Das halt ich nie und nimmer aus. Ich brauche den direkten Kundenkontakt. Und das heisst Verzicht auf eine Beförderung. Damit habe ich mich längst abgefunden. Nein, das stimmt nicht. Nicht abgefunden, aus freien Stücken gewählt.»

Ferrari nickte. Das gleiche Gespräch hatte er vor einigen Monaten mit Regierungsrat Schneider geführt, der ihn zu sich in den Spiegelhof holen wollte. Der Kommissär hatte sich sehr intensiv mit dieser Beförderung auseinandergesetzt. Nach mehreren Gesprächen mit dem derzeitigen Amtsinhaber, der kurz vor der Pensionierung stand, wurde ihm klar, dass er der Verlockung eines besseren Postens und eines überaus vorzüglichen Gehalts nicht nachgeben würde. Er war nicht dafür geschaffen, den ganzen Tag am Bürotisch zu verbringen oder sich mit Politikern bei Diskussionen in der Öffentlichkeit oder bei gemeinsamen Mittagessen herumzuschlagen. Ferrari musste am Puls des Geschehens sein, immer wie ein Jagdhund mit der Nase im Wind des Verbrechens. Da war er wieder, der Vergleich mit dem Hund. Am Schreibtisch würde er wie eine Primel eingehen.

«Und trotzdem befinden Sie sich in einer Krise», stellte Ferrari sachlich fest.

«Befand», korrigierte Hans Rost. «Inzwischen habe ich meinen Weg gefunden. Das klingt irgendwie pathetisch. Aber es ist genauso gemeint, wie ich es sage.»

«Das sieht Ihre Frau anders.»

«Wegen dem Testament und den Finanzen?»

«Ja. Und wegen Ihren Gemütsschwankungen, die Sie seit längerem haben.»

Rost bestellte sich noch einen Kaffee.

«Das hat einen vollkommen anderen Grund. Wie gesagt, mir wurde so richtig bewusst, dass ich dort angelangt bin, wo ich immer hinwollte. Ich habe einen guten, sicheren Job und ein schönes Privatleben. Dann ist etwas passiert.»

Ferrari wartete gespannt auf die Erklärung.

«Am 17. Januar letzten Jahres ist mein Stellvertreter mit achtunddreissig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Wir haben zwei Tage zuvor noch unseren gemeinsamen Urlaub geplant. An jenem Tag ging er mit seiner Frau zu seinem in der Nähe gelegenen Schrebergarten, griff sich ans Herz und fiel tot um. Ohne irgendwelche Krankheiten oder frühere Anzeichen für einen Infarkt. Stellen Sie sich vor, er ist ganz einfach auf dem Trottoir zusammengebrochen und an Ort und Stelle gestorben. Vor seiner Frau.»

Ferrari rührte in seiner Kaffeetasse herum, um seine Bedrücktheit zu überwinden.

Nach einer Weile fuhr Rost fort.

«Das gab mir zu denken. Nein, es hat mich zutiefst schockiert. Es warf mich vollkommen aus der Bahn. Ich dachte ununterbrochen darüber nach, was für Folgen es hätte, wenn mir das Gleiche passiert. Christina wäre hoffnungslos überfordert, zumal ich bis zu diesem Zeitpunkt alle Fäden in der Hand hatte. Der Erstbeste, der das bemerkt, würde sie über den Tisch ziehen. Deshalb bringe ich ihr jetzt alles bei. Ich ordne sämtliche Unterlagen, halte sie über die Finanzen auf dem Laufenden und verlange von ihr, dass sie unser Geld verwaltet.»

Das leuchtete Ferrari ein.

«Weiss Ihre Frau, wie sehr Sie der Tod Ihres Stellvertreters mitgenommen hat?»

«Sicher weiss sie das. Zumindest glaube ich es.»

«Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten, Herr Rost. Sprechen Sie mit Ihrer Frau. Sie ist wirklich besorgt. Und wenn Sie die Gründe Ihres Handelns erfährt, wird sie sehr erleichtert sein.»

«Sie haben Recht, das hätte ich schön längst tun müssen. Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, wie sehr sich Christina über diese Veränderungen Sorgen gemacht haben muss. Ich gebe ja nur ungern etwas aus der Hand, Herr Ferrari, und das Geld ist für mich von entscheidender Bedeutung. Das hängt mit meiner Jugendzeit zusammen. Ich wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Jeden Franken mussten wir zweimal umdrehen, bevor wir ihn ausgeben konnten. Das hat mich geprägt. Damals schwor ich, dass meine Familie nie zu kurz kommen soll. Nie.»

Rost erhob sich und schüttelte Ferrari lange die Hand.

«Ich weiss nicht, wie ich Ihnen danken kann, Herr Ferrari. Ich spreche noch heute mit Christina.»

Auf dem Weg zurück ins Kommissariat dachte Ferrari über seine eigene Situation nach. Sicher, es wäre mehr als sinnvoll, mit Monika über die Vermögensverhältnisse zu sprechen und das Ganze zu regeln. Vor allem, weil sie ja nicht verheiratet waren. Ein Konkubinatsvertrag vielleicht? Ferrari spürte, wie ihm kalt und heiss zugleich wurde. Er rang nach Luft. Alles in ihm sträubte sich bei diesem Gedanken. Nein, lieber nicht. Er konnte es nicht erklären, aber seit jeher mied er Verträge und Formulare aller Art. Es hatte etwas mit Einengung zu tun. Mit Festlegung sagten andere. Wie auch immer, Monika war finanziell überhaupt nicht auf ihn angewiesen, sie konnte problemlos für sich und ihre Tochter Nikki sorgen. Denn ihre Apotheke war eine Goldgrube, wie sie ihm unlängst verraten hatte. Es bestand also kein Grund zur Besorgnis. Was war aber mit der Vorsorgekasse? Würde Monika bei seinem Tod als Begünstigte berücksichtigt und umgekehrt? Er nahm sich vor, bei Gelegenheit in der Personalabteilung nachzufragen und mit Monika in einem ruhigen Moment darüber zu sprechen.

Von seinem Büro aus rief Ferrari den Personalchef der Eidgenössischen Zollverwaltung in Bern an, ein misstrauischer Mann, der ihm zuerst keine Auskünfte geben wollte. Er notierte sich Ferraris Durchwahl und rief ihn nach einigen Minuten zurück. Nach der anfänglichen Zurückhaltung sprudelte es aus dem Personalchef nur so heraus. Er bestätigte, wie sehr Hans Rost unter dem Verlust seines Freundes gelitten hatte. Das ging so weit, dass er um eine Auszeit gebeten und sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht hatte, sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen. Für einmal war Ferrari voll und ganz mit sich zufrieden. Damit war seine Schuld gegenüber Marianne beglichen. Marianne, Borer! Er hatte den Staatsanwalt vollkommen vergessen.

Marianne war anscheinend schon in die Mittagspause gegangen. Borer schien jedoch noch im Büro zu sein. Ferrari klopfte und trat ein.

«Störe ich?»

«Ah, Ferrari, schön, dass Sie noch kommen konnten.»

Vorsicht, Francesco, hier stimmt etwas nicht! Der äusserst gut gelaunte Staatsanwalt bugsierte den verdutzten Kommissär zum Schreibtisch und drückte ihn auf einen Stuhl.

«Nun, wie gehts, wie stehts mit der Verbrecherjagd?»

«Bestens, Herr Staatsanwalt. Sie fühlen sich wohl, oder?»

«Aber ja doch, Ferrari. Es geht mir gut. Heute sprach ich mit Regierungsrat Schneider über Sie, Ferrari. Er war voll des Lobes.»

Er will mich loswerden! Ich soll in den Spiegelhof abgeschoben werden. Ins Elend befördert. In Ferraris Kopf klingelten die Alarmglocken.

«Das … das freut mich, dass Sie und die Regierung mit meiner Arbeit zufrieden sind.»

«Nicht so bescheiden, Ferrari. Nicht nur wir sind zufrieden. Olivia war übrigens auch dabei.»

«Frau Vischer?»

Seit der Ermordung ihres Mannes und der diskreten Art der Ermittlungen, die Ferrari damals führte, hatte sich zwischen Monika und Olivia Vischer eine echte Freundschaft entwickelt. Allerdings fühlte sich Ferrari in der Gegenwart von Olivia nie wirklich wohl. Wahrscheinlich, weil sie zu den Mächtigen und Reichen von Basel gehörte, während er aus dem Arbeitermilieu stammte. Monika und Olivia zogen ihn laufend wegen seiner Ressentiments auf, wie sie es nannten.

«Ja, Olivia hat Sie als einen sehr guten Freund der Familie bezeichnet, Ferrari. Darauf dürfen Sie mächtig stolz sein.»

«Danke. Es ist schon einige Zeit her, seit wir uns gesehen haben.»

«Nicht flunkern, Herr Kommissär. Sie waren doch letzten Freitag zusammen im Theater.»

Eins zu null für dich, dachte Ferrari.

«Aber kommen wir zur Sache, Ferrari. Sie haben doch vor einiger Zeit eine Sekretärin beantragt.»

«Ja. Und Sie haben abgelehnt.»

«Aus Kostengründen, Ferrari, das war nicht persönlich gemeint. Reine Sache des Budgets. Nun, ich habe nochmals alles durchgerechnet und bin zum Schluss gelangt, dass wir uns vorübergehend eine weitere Mitarbeiterin leisten können.»

«Wow! Das hätte ich nicht für möglich gehalten … Moment mal, was heisst vorübergehend?»

«Vorerst für zwei Jahre. Danach wird sich sicher eine Lösung finden.»

«Zwei Jahre? Und dann eine Lösung finden?»

«Hören Sie, Ferrari. Was soll das Misstrauen. Da reiss ich mir den Arsch auf, um es einmal salopp zu formulieren, ziehe alle Register meiner Überredungskunst beim Ersten Staatsanwalt und was ist der Dank? Sie fragen mich, was nach zwei Jahren sein wird. Wir müssen das Ganze sachte angehen. Ich hätte Ihnen für zwei Jahre eine ausgezeichnete Kraft. Danach schauen wir weiter. Sie können Ja oder Nein sagen.»

«Schon gut. Ich sage natürlich Ja.»

«Na also. Dann sind wir uns einig. Nadine Kupfer wird sich morgen früh bei Ihnen melden.»

«Nadine Kupfer?»

«Ja, so heisst Ihre neue Mitarbeiterin. Sie werden begeistert sein. Jung, intelligent, gutaussehend. Die Kollegen werden Sie beneiden.»