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So bewegend wie "Die Asche meiner Mutter": Der schwedische Bestseller "Der Geschichtenmacher" von Kjell Johansson jetzt als eBook bei dotbooks. "Geschichten kann man zu vielem gebrauchen. Man kann eine ganz eigene Wahrheit zusammenfabulieren, eine, an die man selbst glaubt. So schien es zumindest. Aber ich hatte Zweifel daran." Dieser eine Moment, in dem alles richtig zu sein scheint – es ist der Augenblick, als der kleine Kjell zum ersten Mal seinen Vater sieht, der zu seiner Familie nach Stockholm zurückkehrt: Die Mutter läuft ihm leichtfüßig entgegen, die Kinder werden fest in den Arm genommen. Alles könnte federleicht sein wie in einem Traum … doch so ist es nicht. Die Johanssons leben in einem armseligen Haus an der Flutwiese des Vororts Midsommarkransen. Der Vater säuft, um seinen Dämonen zu entkommen, das Geld ist knapp. Und trotzdem hüten die Johanssons einen Schatz: Die Gabe, sich ganz und gar in einem Buch zu verlieren und selbst Geschichten zu erfinden, die das Herz bewegen und die Fantasie beflügeln … Zwischen grauer Realität und magischem Empfinden: Ein autobiographischer Roman von großer erzählerischer Kraft – voller kleiner, zarter Momente, die lange in Erinnerung bleiben werden. Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Der Geschichtenmacher" von Kjell Johansson. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Über dieses Buch:
Dieser eine Moment, in dem alles richtig zu sein scheint – es ist der Augenblick, als der kleine Kjell zum ersten Mal seinen Vater sieht, der zu seiner Familie nach Stockholm zurückkehrt: Die Mutter läuft ihm leichtfüßig entgegen, die Kinder werden fest in den Arm genommen. Alles könnte federleicht sein wie in einem Traum … doch so ist es nicht.
Die Johanssons leben in einem armseligen Haus an der Flutwiese des Vororts Midsommarkransen. Der Vater säuft, um seinen Dämonen zu entkommen, das Geld ist knapp. Und trotzdem hüten die Johanssons einen Schatz: Die Gabe, sich ganz und gar in einem Buch zu verlieren und selbst Geschichten zu erfinden, die das Herz bewegen und die Fantasie beflügeln …
Zwischen grauer Realität und magischem Empfinden: Ein autobiographischer Roman von großer erzählerischer Kraft – voller kleiner, zarter Momente, die lange in Erinnerung bleiben werden.
Über den Autor:
Kjell Johansson, geboren 1941, gilt als einer der wichtigsten schwedischen Autoren der Gegenwart. Nach dem Studium der Philosophie veröffentlichte er 1973 seinen ersten Roman, dem viele weitere – häufig preisgekrönte – folgen sollten.
Bei dotbooks erschienen Der Geschichtenmacher, Die Traumseglerin und Eine Räuberpistole.
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eBook-Neuausgabe Juni 2017
Die Originalausgabe dieses Buchs erschien 1997 unter dem Titel Huset vid Flon im Verlag Norstedts Förlag, Stockholm
Copyright © 1997 Kjell Johansson
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1999 Claassen Verlag GmbH in der Verlagshaus Goethestraße GmbH & Co. KG, München.
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Amy Johansson und shutterstock/estermm
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96148-024-1
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Kjell Johansson
Der Geschichtenmacher
Roman
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
dotbooks.
Er ist es, der Mann dort hinten auf der Wiese, mein Vater Johan Johansson, und dies ist meine erste Erinnerung an ihn, wie er an jenem frühen Morgen vor vielen Jahren aus dem Nebel am Myrding-See tritt. Hinter ihm, oben auf dem Hägerstensväg, läutet die Straßenbahn zur Abfahrt, um dann weiter in Richtung Aspudden zu rumpeln.
Seit drei Tagen regnet es, und über der überschwemmten Wiese liegt der Geruch von Morast und Fäulnis. Der Untergrund ist matschig und glitschig, und Vater, der eine Seekiste auf dem Rücken hat, bleibt bei jedem Schritt stecken und muß den Fuß wieder aus dem Schlamm ziehen. Kurz vor unserem Grundstück, beim Lustgarten, wo jeden Frühsommer das Halleluja-Zelt aufgeschlagen wird, hält er inne, verschnauft ein wenig und lauscht den Lobgesängen, die man immer noch wie ein schwaches Säuseln im Wind von irgendwoher vernehmen oder erahnen kann. Noch ein paar Schritte, dann ist er auf dem Hof. Erschöpft und elend sieht er aus. Die Elster krächzt dem Fremden entgegen.
Da steht er, der mir alles Unerklärliche erklären und alles mögliche erzählen wird, von sich und seinen Erlebnissen und dem vielen, was es noch zu erleben gibt. »Hab Geduld, wenn Papa nach Hause kommt, wird er alles erzählen«, hatte Mama gesagt.
Jetzt war er zu Hause.
Da kommt Mama. Gerade stand sie noch neben Eva und mir am Fenster, jetzt eilt sie dem dunklen Mann entgegen, sie macht ihn stark und mächtig, und ich höre eine Glocke läuten, höre sie verkünden, daß jetzt das Leben beginnt. Lebe, Menschlein, lebe …
Vater hat die Seekiste vom Rücken geschwungen. Er fängt Mama im Laufen auf und wirft sie hoch in die Luft. Wie ein Kind auf dem Karussell saust sie herum und jauchzt vor Vergnügen. Da lacht der Mann aus vollem Halse, und ich höre Eva lachen und lache auch, denn als hätte ich kein eigenes Leben, ahme ich meine Schwester in fast allem nach.
Ich jage Eva hinterher, durch die Diele in den kühlen Eingang, hinaus auf die Veranda. Unterdessen hat Vater die Seekiste auf den Kopf gestellt und hochgehoben – plötzlich liegt sie, als wäre sie ohne Gewicht, wieder auf seinem Rücken.
Großmutter und Großvater haben ihr Fenster im oberen Stock geöffnet und gucken hinaus. Zwei alte Augenpaare schauen, blicken angestrengt und wollen wissen, was geschieht und noch geschehen wird.
Vater steht im Eingang, die Kiste ist neben dem Eisschrank abgestellt, jetzt kann er uns fest und lang umarmen. Auf dem halben Weg die Treppe hinunter zögern Großmutter und Großvater. Sie betrachten uns schweigend, zwingen sich aber schließlich weiter, und bevor sie wieder hinaufgehen, haben sie Vaters ausgestreckte Hand ergriffen. Es lag noch etwas anderes in ihren Blicken, nicht nur »Johansson ist heute nach Hause gekommen, Anna braucht ihren Mann, die Kinder brauchen ihren Vater«, wie Großmutter in ihren Kalender schrieb.
Die kleine Glocke, die ich hatte spielen hören, hängte Vater an einen Nagel über die Eingangstür, zwischen die Kreuzspinnen, die in Panik flohen. Ein solches Glöckchen, eine Tjuka, dürfe man nicht ins Haus nehmen, denn dann bäte man den Tod hinein, sagte er, aber draußen oder im Eingang aufgehängt, bringe sie allen Glück und Freude.
Die Kiste wartete in der Küche. Vater öffnete das Schloß, deutete auf die Malereien auf dem Deckel, neun Bilder, die ineinander übergingen, ohne wirklich zusammenzugehören. Eine Reihe menschlicher Gesichter, manche fröhlich, manche traurig, lief wie ein Fries um das Gemalte. Einige Bilder konnte man auf der tiefdunklen Farbe des Holzes kaum ausmachen, wie das Schmerzenskind in der Dunkelheit, während andere deutlicher waren, zum Beispiel die indische Tempeltänzerin und die Pferde am Waldrand. Auf jedem Bild waren Menschen und Tiere zu sehen, nur auf dem mittleren nicht, das eine Lichtung im Wald mit hohem schönen Gras und vielen gelben Blumen zeigte: eine kleine Wiese, die im wunderbaren Licht der Sonne lag.
Die Kiste war voller Gold- und Silbermünzen, glänzende Armreife und goldene Ringe mit Diamanten waren da, und andere glitzernde Träume. Auch Schuhe und Kleider lagen in der Kiste, ein weißes Hemd, ein dunkler Anzug und ein glatter Seidenschal, und Laken, die Vater feierlich Mutter überreichte. Wir besaßen nur einen Satz Laken, das Geld war für andere Dinge draufgegangen. Am Abend machte Mama die Betten mit den neuen Laken, aber am nächsten Tag waren sie wieder verschwunden, tief unten in der Kiste verborgen, wo sie dann viele Jahre lagen.
»Die Kiste habe ich in Kalkutta einem Schlangenbeschwörer abgekauft. Er war ein Zwerg und hat darin gewohnt«, sagte Vater.
Wie wir anderen hatte er schwarze Haare und braune Augen, ja, seine Augen waren fast noch dunkler als unsere. Er schloß sie, als der Kaffee aufgetragen wurde, und pries dann mit bebenden Nasenflügeln das üppige Bouquet, das ihm hart und fest wie ein Brecheisen entgegenschlug und gleichzeitig so weich und zart war wie die Unterlippe einer Frau. Das war echte Ware und kein Kram.
»Es ist lange her«, sagte Vater und sah Mama in die Augen. Dann holte er noch ein Geschenk hervor, fünf rote Rosen, eine für Mama, eine für Eva und eine für mich. Eine widmete er der Liebe, aber für wen oder was die fünfte Rose bestimmt war, sagte niemand.
Es war ungewohnt, diesen Mann am Küchentisch zu haben. Noch kannten wir ihn nicht, aber Eva sprang mit einem Satz ins Glück und auf seine Knie, sie lachte, weil es sie piekste, wenn er seine Wange an ihre drückte. Vater entschuldigte sich dafür, daß er so unrasiert war. Der Tag sei so von Freiheit erfüllt gewesen, daß er nicht dazu gekommen sei, die Rasierklinge hervorzuholen. Mama beugte sich vor, um zu fühlen, und am Ende auch ich, und da umschloß er uns alle mit einer liebevollen Umarmung, so daß auf der Kiste das Bild vom Schmerzenskind in der Dunkelheit verschwamm und wie in einem Spiegel ein paar glückliche Menschen hervortraten, die vom hellen Schein des Lebens umgeben waren.
Nun konnte ich in aller Ruhe Vaters Blick durch die Küche folgen. Die Bank zum Ausziehen aus Holz, in der Eva und ich schliefen, der Tisch vor uns mit dem goldgelben Wachstuch, der Herd und daneben der Wassereimer auf der Holzkiste, dann weiter zu dem anderen Eimer auf dem Spültisch am Fenster, der Schrank in der Ecke weiter hinten. Vater löste sich vorsichtig von uns, ging zum Spülstein und schaute in das Becken. Einen Abfluß gab es dort, aber keine Wasserleitung.
Die Küche war groß und ging über die ganze kurze Seite des Hauses. Das Zimmer, in das Vater als nächstes schaute, war kleiner. Betrat man es von der Küche aus, war zur Linken der Wäscheschrank, auf dem hinter Glas gerahmte Fotografien standen. Auf der anderen Seite der Tür stand ein Regal, vollgestopft mit Büchern, die Mama im Antiquariat gekauft hatte, anstatt neue Laken anzuschaffen. Wir hatten wenig Geld, aber in dieser Hinsicht unterschieden wir uns kaum von den meisten anderen, die in den ausgehenden vierziger Jahren in dieser Gegend wohnten.
»Ich werde wohl noch ein Bücherregal tischlern müssen«, sagte Vater.
An der hinteren Wand des Zimmers stand das Schlafsofa und davor ein runder Tisch mit einem Sessel. Ein weiterer Sessel stand beim Kachelofen neben dem zweiten Eingang des Zimmers. Das war Mamas Lesesessel, zu ihm gehörte ein kleiner Ablagetisch. Hinter dem Sessel eine Stehlampe mit gelbem Stoffschirm. Ein Teppich auf dem Boden, Gardinen, braune Tapeten und eine Deckenlampe.
Es gab noch einen dritten Raum in der Wohnung. Er hatte einen Eingang von der Diele aus und wurde möbliert vermietet. Ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, dazu ein Schrank neben dem Kachelofen, das war alles, abgesehen von den persönlichen Dingen des Herrn Ivarsson.
Unser Untermieter, Herr Ivarsson, war zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt, ein dünner Mann mit unglaublich langen Beinen, dessen Füße jedoch sehr klein waren, als hätten sie so weit unten nicht wachsen können. Die Kleider hingen völlig unverbindlich an seinem Körper, mal nach oben, mal nach unten, mal zur Seite verrutscht. Herr Ivarsson nickte und lächelte oft, aber sein Blick war dabei auf den Fußboden gerichtet, und er achtete darauf, seinen Rücken gerade zu halten. Die meiste Zeit verbrachte er in seinem Zimmer, ohne jemals Besuch zu bekommen. Er arbeitete beim Elektrizitätswerk und bezahlte seine Miete pünktlich, aber die Tür zu seinem Zimmer hielt er verschlossen, auch wenn er nur kurz aus dem Haus ging. Mama empfand das als Beleidigung; von den Alten – Großmutter und Großvater –, die auf dem Lande aufgewachsen waren, hatte sie ihren Widerwillen gegen verschlossene Türen geerbt. Ich hingegen fand es unangenehm, daß unsere eigenen immer offen standen und jeder hineinkommen konnte, während wir schliefen. Am meisten fürchtete ich mich vor den Myrdingern, die auf der Wiese unter der Erde und im unendlich tiefen Myrding-See lebten, der eigentlich eher ein großer Teich als ein See war. Nachts hörte man die Gesänge der Myrdinger. Sie sangen von fürchterlichen Untaten, und in der Dunkelheit schlichen sie auf den Hof, dunkle Schatten um unser Haus. Am Morgen konnte man ihr Zischeln noch in den Büschen erahnen und ihren Wunsch vernehmen, hereinzukommen und zu erzählen.
Aber dann kam das Licht.
»Wir könnten ein Schlafzimmer gebrauchen«, sagte Vater und schielte auf Herrn Ivarssons Tür.
»Aber das Geld brauchen wir auch.«
Das würde jetzt anders werden, Mama sollte nicht mehr putzen gehen müssen, sondern wie jede gewöhnliche Frau zu Hause bleiben, nun, da Vater zurückgekommen war.
Eva und ich folgten Vater auf Schritt und Tritt, sahen mit seinen Augen, was wir früher nicht bemerkt hatten: die morschen Bretter auf der Veranda, die abgeblätterte Farbe an den Hausecken und der Holzverschalung, die Fensterscheiben, die neu verkittet werden mußten – auf der Südseite des Hauses wurden sie nur noch von ein paar rostigen Stiften an ihrem Platz gehalten. Herr Welin, der Besitzer des Hauses, war seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen, aber Vater war bereit, die Reparaturen selbst durchzuführen, wenn er das Material bezahlt bekam. Es gab viel zu tun, das sahen wir, doch keiner von uns wollte wahrhaben, daß das Haus, am äußersten Ende der Siedlung gelegen, eine solche Bruchbude war.
In jedem Ort, jeder Stadt, gibt es dort, wo sich die gewöhnlichen, soll heißen prächtigen und ehrenwerten Menschen zusammengefunden haben, eine solche Bruchbude. Nicht selten liegt sie ein wenig abseits von den übrigen Häusern, wie unser Haus hier unten. Die Bruchbude ist genau so weit von den anderen Häusern weg, daß niemand sich als Nachbar fühlen muß, aber doch nicht so weit, daß man sie nicht sähe, denn ihre vornehmste Aufgabe besteht darin, ihren Verfall zu zeigen, damit die Gewöhnlichen wissen, wie eine solche Bruchbude aussieht, in der jeder landen kann, der sich nicht vorsieht. Ja, die Bruchbude und die Menschen darin sind der lebende Beweis dafür, wie prächtig und ehrenwert die Gewöhnlichen sind. Und sollte es einmal vorkommen, daß die Bruchbude nicht das am meisten verfallene Haus in der Gegend ist, kann man statt dessen einen Blick auf ihre Bewohner werfen – und dann werden einem schließlich die Augen geöffnet werden, und man wird einsehen, daß es Leute gibt, die einfach schlechter sind.
Die Armenhilfe oder das Sozialamt oder der Zufall bringen in einer solchen Bruchbude Leute unter, die sich nicht so benehmen wie andere, die zum Beispiel saufen. Und wenn sie nicht mehr saufen als andere, dann huren sie herum, und wenn sie nicht herumhuren, dann leben sie verdammt noch mal trotzdem irgendwie anders. Und wenn sie sich doch nicht wie der letzte Dreck benehmen, wenn sie Arbeit haben und sich vorsehen und gewöhnlich und sauber aussehen, dann ist das nur ein besonders hinterhältiger Trick, um die Gewöhnlichen reinzulegen, denn wie man es auch dreht und wendet, sind sie doch anders als gewöhnliche Leute, irgendwie dunkler, außen wie innen, schmutziger, dreckiger und ärmer.
Ohne uns wärendie Gewöhnlichen nichts!
Manchmal geschieht es, daß wir das Mitleid der Gewöhnlichen erregen. Prächtige und ehrenwerte Hausfrauen verlassen dann die Wege der Gewöhnlichen und kommen mit Geschenken an. Aber sie sind nur neugierig, getrieben von dem Wunsch, einen Blick in die Armenbruchbude zu werfen. Zu uns begaben sich einmal Frau Björk und die alte Larsson mit Kleidern, können Sie die vielleicht gebrauchen?
Sie mußten wieder verschwinden mit ihrem bigotten Lächeln und ihren alten Lumpen, schmutzig waren die Sachen und gestunken haben sie auch. Wenn es wenigstens nicht der Weihnachtsabend gewesen wäre!
Undankbar sind sie auch noch in einer solchen Bruchbude, unzuverlässig und verschlagen, geschwätzig oder stumm, starren einem frech ins Gesicht oder auf den Boden, wie es ihnen gerade paßt. Es sind schlechtere Menschen, und sie sind nicht viel wert. Wie das Haus, so die Leute!
Davon verstehendie nichts. Die verstehen nichts von uns!
Die Elster lachte. Vater schaute zu dem Reisighaufen hinauf, der das Nest der Elster in der Krone des größten Apfelbaumes bildete, jenem Baum, der niemals Früchte trug, aber groß und schön war – hoch, eigentlich aber doch zu niedrig für ein Elsternest, und außerdem war das Nest zu nah am Haus. Vater erklärte uns, das bedeute, die Elstern wüßten, daß hier gute Menschen lebten. Diese Worte versetzten uns in so fröhliche Stimmung, daß wir gern beweisen wollten, wie sehr das stimmte, aber erst mußten wir Großvater guten Tag sagen, der auf dem Weg zur Pinkelecke hinter dem Schuppen war. Guten Tag!
Großvater konnte schlecht sehen und noch schlechter hören. Hinzu kam noch, daß seine Ohren ganz mit Haaren zugewachsen waren.
»Großvater!«
»Guten Tag, Ekblad!«, rief Vater.
»Ach ja, ach ja, Johansson ist wieder da.«
Großvater war auch schon sehr vergeßlich.
Wir gingen zum Schuppen, einem alten Kuhstall. Links vom Eingang lagen eine kleine Waschküche mit Ofen und ein noch kleinerer Raum, in dem eine Werkbank stand. Da gab es Hämmer, Zangen, Schraubenzieher, Engländer und noch viel mehr Werkzeug, Nägel und Schrauben in kleinen Dosen, einen Kanister Petroleum und, eingeschlossen in einen Schrank, einige Flaschen. Der Schlüssel lag oben auf dem Schrank.
Von draußen hörte man Großvaters Gebrabbel.
An der hinteren Wand des Schuppens standen Kaninchenställe, aber die Kaninchen mußte man sich ebenso wie alle anderen Tiere denken. Über den Ställen hing ein altes Joch, das keiner mehr benutzte, die Wassereimer wurden mit den Händen getragen. Ein Bündel Jutesäcke lag dort und ein alter Futtersack. Und ein Haken, ein Fuchsschwanz und eine Schubkarre, Geräte, die Vater benutzt hatte, als er als junger Mann im Wald gearbeitet hatte. Einen Estrich gab es im Schuppen nicht, vieles war morsch und roch nach Schimmel. Staubig war es dort, schmutzig und dunkel. Unzählige Mäuse wohnten da und Ratten, so groß wie kleine Hunde. Die schlichen sich auch ins Wohnhaus und gingen manchmal in die Rattenfalle ganz hinten im Küchenschrank, lagen dann tot da und starrten vor sich hin.
Es wimmelte von Spinnen im Schuppen, wenngleich sie nicht so zahlreich und groß waren wie die Kreuzspinnen auf unserer Veranda. Hummeln, Wespen und Nachtfalter wohnten in Ritzen und Löchern. Es gibt noch schlimmere Untiere, sagt Eva, aber sie hat ihnen allen befohlen, sich still zu verhalten und sich nicht blicken zu lassen.
In der kleinen Heumiete lag Stroh, mit dem die Alten ihre Matratzen stopften. Sie hatten von jeher auf Strohmatratzen gelegen und wollten nichts anderes haben.
Wir gingen hinaus. Vater starrte der Straßenbahn hinterher, die auf dem hohen Bahnwall über dem Schlehengestrüpp vorbeiratterte. Er hatte sich noch nicht daran gewöhnt. Es war die Linie 17, die direkt bei uns vorbeifuhr, weiter nach Tellusborg.
Großvater war unterwegs zur Langen Treppe auf seiner täglichen Runde. Er konnte nur schlecht laufen, aber es reichte für einen Spaziergang am Tag, einmal um Kransen herum, um nach Zigarettenkippen oder einem Holzstück zu suchen, mit dem er den Ofen anzünden konnte. Manchmal stahl er auch ein Scheit von einem der Holzstapel, die überall entlang der Hauswände aufgeschichtet waren. Er war ein vierschrötiger Alter mit O-Beinen, einem grauen Bart und trippelndem Gang, ein Alter, wie dafür gemacht, um ausgelacht zu werden. Er hatte es gern, wenn Eva und ich ihm Gesellschaft leisteten, und lobte unsere Adleraugen, wenn wir eine Kippe oder ein Stückchen Holz entdeckten. Sobald wir nach Hause kamen, setzte er sich auf den Hauklotz und stopfte seine Pfeife mit dem Zigarettentabak, zündete sie an, paffte und nahm einen kräftigen Zug. Sagte nichts, saß nur da und fluchte vor sich hin: über die Bruchbude, in der er lebte und all den anderen Mist. Es war leicht, ihn bei Laune zu halten, man mußte nur von irgend etwas oder jemandem schlecht reden. Dann strahlte er und stimmte von ganzem Herzen zu, gebrauchte irgendeinen Höllenschwur und verfluchte zum Beispiel das Scheißloch Kransen, wohin Großmutter und er von Huddinge aus hatten ziehen müssen, wo er bei der Bahn gewesen war, Arbeiter und nicht Bahnhofsvorsteher, wie er behauptete. In die Wohnblöcke am Tegelbruksväg waren sie gezogen, in eine Wohnung nach Norden, ohne Sonne. Zehn Jahre lang hatten sie in dem Scheißloch gewohnt.
Das stimmte nicht. Großvater hatte Großmutter verlassen, als Mama und ihr Bruder Erik noch klein gewesen waren. Die Kinder waren zu entfernten Verwandten nach Västergötland geschickt worden, weil Großmutter Geld verdienen mußte. Mama war zu netten Menschen gekommen, aber Onkel Erik hatte schon mit zehn Jahren als Knecht arbeiten müssen. Er bekam Unterkunft und Verpflegung, durfte aber erst nach den anderen Familienmitgliedern essen. Später haute er ab und arbeitete eine Zeitlang in einer Spinnerei, wo er zusammen mit den anderen Jungen in einer Baracke wohnte, bis Großmutter ihn und Mama nach Hause holen konnte. Viele Jahre später war auch Großvater zurückgekommen. Das sei jetzt alles vergessen, behauptete Großmutter.
Großvater hatte es auch vergessen, erinnerte sich aber doch daran, daß Erik, sein Sohn, mit nur siebzehn Jahren nach Amerika gegangen war und es dort gut getroffen hatte. Er hatte einen Brief nach Hause geschickt und geschrieben: Auf Amerikas Land und Acker das Korn wächst groß und wacker, Hühner und Enten regnen herab, und wenn man auf Gänse Hunger hat, sie kommen geflogen, man muß nur drum bitten, gebraten, mit Messer und Gabel im Rücken.
So hatte Erik aus seinem Schicksal ein Lied gemacht, und Großvater – werry wäll – stimmte gern mit ein, mal zufrieden und mal fluchend. Großvater hatte viel vergessen.
Vater stand an der Wasserpumpe. Er bat mich zu pumpen und formte mit seinen Händen eine Schale, zu der er sich niederbeugte, um daraus zu trinken. Verdammt, er hatte ganz vergessen, was für köstliches Wasser wir hatten. Dann fuhr er sich mit den nassen Fingern durch das schwarze Haar, sah sich um und peilte seine Position im Universum: der Eiskeller, der Robbenstein, der Kalte Weg, der Graben zum Lustgarten und zur Wiese, die wir den Myrdingen nannten, und wo der Morgen nun verweht war, der Myrding-See, die Kurze Treppe zum Hägerstensväg, die Lange Treppe und dann der Weg nach Hause. Er war zu Hause, bei seinen Kindern und seiner geliebten Frau.
»Kinder, wollt ihr eine Schaukel haben? Ich mache sie im Apfelbaum fest, die Elstern haben nichts dagegen.«
Und noch ein Geschenk verehrte Vater der Familie: Er würde eine Leitung legen, so daß wir Wasser im Haus hätten.
Mama griff nach seinem Arm, und dann umarmte er sie, und sie gingen weg, ohne sich umzudrehen, die Treppe zur Veranda hinauf, wo sich eine Hand sofort auf ihre Hüfte legte und ein Mund etwas flüsterte, das sie ihr Vergnügen in einem lauten Lachen herausschleudern ließ. Eva und mich sahen sie nicht, nur einander, und darüber empfanden wir Kinder Freude. Niemand sagte uns, daß wir draußen bleiben sollten, aber wir blieben, wo wir waren, setzten uns auf den großen Stein, der seine Urzeitglatze wie einen riesigen Robbenkopf aus einem grünen Ozean streckte. Vorsichtig strichen wir über das weiche Moos.
Eine Kohlmeise beobachtete uns vom Schlehenbusch aus, lachend begegnete sie unseren Blicken. Das war etwas, was sie verstand. Eine kurze Weile betrachtete sie uns, dann verschwand sie im Dickicht, das von der wuchernden Sorte war und gute Verstecke bot. Die Vögel hatten es gut hier, die anderen Tiere auch, die großen wie die kleinen, auch Mücken und Fliegen, wenn die Zeit kam. Das Gras hatte es gut hier, die Erde, die Steine und die Büsche, auch die hatten es gut bei uns.
»Laß uns zu Großmutter hinaufgehen«, sagte Eva.
Wwwas wwwar die schwwedischee Arrbeiterrkkklassee …
Großmutter hatte Eva und mir das Lesen beigebracht. Sie fing damit an, als wir fünf Jahre alt waren, aber ich weiß nicht mehr, ob es das Buch über Hjalmar Branting war, was sie als erstes hervorholte. Jedenfalls war es unser Übungsbuch.
»Was war die schwedische Arbeiterklasse zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts? Nichts. Schwach und verachtet, unterdrückt und verfolgt, nicht nur politisch und sozial ohne Rechte, sondern auch geistig versklavt …«
Großmutter schlurfte in einem Paar alter Schlappen zum Küchenschrank, holte den Schlehensaft und eine Dose mit selbstgebackenem Zwieback hervor und setzte sich uns direkt gegenüber an den Küchentisch, damit sie gut zuschauen konnte, wie wir aßen und tranken. Und wir aßen und tranken von dem wunderbar guten Saft, den das kleine Schlehenmütterchen gekocht hatte, das vor uns saß. Ein häßliches altes Weib, dachten wahrscheinlich alle, die sie nicht zur Großmutter hatten. Mit ihrer braunfleckigen Haut und ihrem langen grauen Haar sah sie ein wenig aus wie eine Hexe oder ein Trollweib.
Großmutter war klein, aber ihr Kopf war groß, ebenso wie ihre Hände, aus denen sich die Adern, scheinbar kurz vor dem Platzen, unter der glatten Haut erhoben. Sie hatte zahllose Warzen, und aus einer wuchs ein kräftiges Haar, das sie Eva nun ausreißen ließ; ein paar Tage später würde es wieder nachgewachsen sein.
»Jetzt wird gelesen!«
»Was war aus dieser Arbeiterklasse geworden, als Hjalmar Branting nach seiner mehr als vierzigjährigen Tätigkeit als ihr Vorredner seine Augen schloß? Das Ideal – das wäre zuviel gesagt, aber auf dem besten Weg, es zu werden: stark und gefürchtet, politisch mündig, geistig befreit, bereit, die Geschicke des Staates in die eigenen Hände zu nehmen.«
»Wer sind die Sozialisten? Eva!«
»Die Sozialisten sind Sozialdemokraten und Kommunisten und Syndikalisten und manchmal auch Anarchisten.«
»Richtig! Obwohl es tatsächlich auch Liberale und Rechte gibt, die Sozialisten sind. Nur daß sie es nicht wissen. Alle guten Menschen sind Sozialisten, deshalb sollt auch ihr welche werden, meine Kinder«, sagte Großmutter, und das war kein Wunsch, sondern ein Befehl.
Jetzt zeigte Großmutter auf mich, ich war dran mit Lesen.
»Und es ist wahr, daß er Zeit seines Lebens den Kontakt zu den Kulturträgern des bürgerlichen Radikalismus nicht verlor und in ihnen Bundesgenossen des Sozialismus suchte. Aber seine Größe und seine Bedeutung liegen gerade darin, daß er um soviel weitsichtiger war und früh erkannte, daß kein noch so radikaler Kampf gegen die bestehenden Eigentumsverhältnisse und die Verteilung der Produktionsmittel jene Gesellschaftsordnung würde schaffen können, die allen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichte. Deshalb wurde er Sozialist, nicht zufällig, sondern aus innerer Überzeugung, deshalb nahm er ohne Vorbehalte den Kampf der Arbeiterklasse auf und sah in ihrem Sieg die vornehmste Garantie für einen kulturellen Aufschwung des ganzen Volkes.«
»Der Sozialismus ist verwirklicht, wenn die Arbeiterklasse alles bestimmt«, sagte Großmutter und schüttete noch einmal Saft nach. »Aber wir haben mächtige Feinde, auch in den eigenen Reihen, die Leute, die nicht arbeiten, das Lumpenproletariat …«
Das war ein schreckliches Wort, verknüpft mit der Vorstellung von einer Schar magerer, dunkler Menschen, häßlich und heimtückisch, die gierig jedes Almosen in sich hineinschaufelten. Ihre Kleider waren schmutzig, aus Lumpen und alten Lappen genäht, aus Wischlappen und Scheuertüchern, grau und dreckig, säuerlich stinkend.
»Hoffen wir, daß Johansson sich um Arbeit bemüht …«
Es war nicht immer einfach zu verstehen, was Großmutter meinte, übrigens war nichts einfach, nicht einmal die Wirklichkeit, zu der konkrete Dinge wie Tisch und Stühle, Haus und Menschen gehörten. Es gab genug Rätselhaftes, das einen dazu zwang, sich zu fragen, wie die Welt eigentlich beschaffen war. Eine Reihe von Zeichen deutete darauf hin, daß noch etwas existierte. Diese Zeichen waren Gedanken und Blicke, die sich schnell zwischen dem bewegten, was war, gewesen war und sein sollte. Wie war das möglich? Das sollte mein Vater, der Fremdling, beantworten.
Wo ist er? Ist Vater wieder verschwunden?
»Beruhige dich, er ist nur oben an der Telefonzelle und telefoniert wegen einer Stelle. Er wird gleich zurück sein«, sagte Mama und schaute von ihrem Strickzeug auf.
Schon ist er wieder da und hat gute Laune, obwohl er die Stelle nicht bekommen hat, und so neigt sich dieser erste Tag seinem Ende zu.
Und sieh einmal an, da haben wir Herrn Ivarsson, der gerade aus dem Elektrizitätswerk nach Hause kommt. Er lächelt mit gesenktem Blick und nickt wie eine pickende Taube, während er Vater die Hand schüttelt, dann geht er zum Herd, um sein Essen aufzuwärmen. Jeden Sonntagabend brät er in einer großen Pfanne Kartoffeln, Speck und Eier, die er anschließend in einer Schüssel auf seinem Bord im Küchenschrank, niemals im Eisschrank, verwahrt, eine gehörige Portion, die bis zum Freitag reicht. Dann ist das Essen zwar längst schwarz und unerfreulich hart geworden, doch Herr Ivarsson ist daran gewöhnt und wird niemals magenkrank, nicht einmal im Hochsommer. Samstags und sonntags gönnt er sich »Bullens Wienerwürstchen«, ohne Kartoffeln, aber dafür mit vielen Brötchen, die er mit Schweizerkäse belegt.
Unser Abendessen ist Eisbein mit Rübenkraut, Vaters Lieblingsgericht, erinnerst du dich, Johan?
Und ob er sich erinnert! Damals! Aus dem Kochtopf hatte sich der gute Duft aus der Küche geschlichen, durch das halb geöffnete Fenster, ein Aroma, ein Aroma von so saftiger Schwere und Feuchtigkeit, daß es nicht höher steigen konnte als anderthalb Meter, aber von solch einer Wirkung, daß es noch ein paar hundert Meter weiter seine ganze Kraft besaß. Und da kam Johan Johansson, armselig und traurig, dürstend und hungernd, damals des Weges gewankt, Gott weiß woher und wohin – ihn traf das Aroma, und wie in Trance folgte er ihm zu seiner Quelle, und immer noch in Trance steckte er seine Nase dort durch das Fenster im Erdgeschoß. Öffnete die Augen und erblickte nicht nur das kochende Kraut und die Eisbeine, triefend vor Fett und eingerieben mit Senf, sondern auch die schönste Frau der Welt. Und im nächsten Moment saß Johan an Annas Tisch und aß sich rund und dick, und es dauerte nicht lange, bis die zwei eins waren. So wurde es erzählt.
Natürlich erinnert er sich, und während wir darauf warten, daß die Schüssel mit Rübenkraut jetzt auf den Tisch gestellt wird, durchlebt er noch einmal diesen herrlichen Moment und erzählt noch einmal von jener wundersamen Begebenheit, ungefähr so, wie ich es wiedergegeben habe, und ganz ähnlich im Ton jedenfalls.
Nach Abendessen und Abwasch pflegte sich die schönste Frau der Welt eine Weile mit einem Buch, das sie im Antiquariat gekauft oder in der Bibliothek in Aspudden ausgeliehen hatte, in den Lesesessel zu setzen. Romane lieh sie aus, aus England, Deutschland oder Rußland, vor allem aber schwedische. Dickens und Thackeray, Mann und Hesse, Dostojewski und Gorki waren darunter, August Strindberg, Selma Lagerlöf und Hjalmar Bergman, und die moderneren: Eyvind Johnson, Ivar Lo Johansson, Harry Martinson und Moa Martinson. Um die letzten beiden tobte ein langjähriger Kampf, weil Großmutter Mama zwingen wollte, zuzugeben, daß Moa, wie Großmutter sie vertraulich nannte, eine größere Autorin war als Harry Martinson. Mama war der entgegengesetzten Ansicht, wenngleich sie damit einverstanden war, daß auch die Bücher von Moa Martinson in die Ewigkeit gehörten – die Mama als Die Himmlische Bibliothek bezeichnete, in der die Werke der großen Autoren ihren Platz hatten.
Vater, der Mama lange nicht hat lesen sehen, freut sich darüber, wie sie sich in ihr Buch vertieft. Sie nimmt stets Anteil am Schicksal der Romanpersonen, so als handele es sich bei dem, was da beschrieben wird, um das Leben wirklicher Menschen. Nicht nur den Hauptpersonen folgt sie mit großer Anteilnahme, auch den weniger wichtigen. Als wären sie ihre besten Freunde, lacht und weint sie gemeinsam mit ihnen. Manchmal werden sie ermahnt: »Jetzt mußt du dich darein fügen!« ruft sie dann, nimmt ihre Stimme im Raum wahr und schaut sich beschämt um, ehe sie wieder im Buch versinkt. Ab und an tadelt sie auch die Autoren. »Liebster August, die Familie soll die Quelle aller sozialen Laster, die Versorgungsanstalt aller faulen Frauen und eine Hölle für die Kinder sein? Nein, das siehst du verkehrt!« Aber meist kann sie gutheißen, was sich die Autoren für ihre lieben Freunde ausgedacht haben, sogar die traurigsten Ereignisse. »So etwas kommt vor«, murmelt sie dann mit Tränen in den Augen. »Und daraus können wir etwas lernen, lernen, was es heißt, Mensch zu sein, und vergeßt nie, meine Kinder, daß …«
An diesem Abend hören wir kaum auf Mamas Ermahnungen. Wir bleiben auf dem Sofa bei Vater, der immer mehr Papa wird, wir klammern uns an seine Beine, und plötzlich stehen wir Kopf, schlagen einen Purzelbaum und landen hoch oben auf seiner Brust, ganz nah an seinem lachenden Gesicht.
Und nach nur einer Viertelstunde hört Mama auf zu lesen. Sie nimmt ihr Lesezeichen – ein roter fester Karton, um dessen Rand eine Blumengirlande läuft und in dessen Mitte ihre Initialen ein kunstvolles Monogramm bilden – und legt es an seinen Platz, aber ehe sie das Buch zuschlagen und ehe Vater seinen Plan vorstellen kann, drängen ein paar Sätze aus ihr hervor: Es heißt, daß diejenigen, die jetzt oben sind, zwangsläufig dort hinkamen und unter allen Umständen dort bleiben sollen. Gut, laß uns den Wettlauf noch einmal beginnen, aber komm zu mir und stelle dich hierhin, wo ich stehe …
Der Kachelofen brummt zustimmend.
Jetzt darf Vater erzählen, jetzt ist er an der Reihe.
»Ich mußte lange warten, ehe ich telefonieren konnte. Die Dicke hatte die Zelle besetzt.«
»Lily Klarin vom Vattenlednigsväg 23?«
»Ja, wie auch immer, ich konnte nicht umhin mitzubekommen, was sie sagte, und das war so einiges, aber was der, mit dem sie sprach, sagte, konnte ich natürlich nicht verstehen. Das mußte ich mir zusammenreimen, aber Teufel noch mal, das wurde richtig spannend. Hinterher, nachdem ich den traurigen Bescheid erhalten hatte, daß ich für die Stelle nicht in Frage komme, hatte ich eine Idee. Wollt ihr sie hören?«
Mama schaut zufrieden zu Eva und mir, hier ist er, ihr Mann und unser Vater – Papa.
»Also, jemand, am besten eine Frau von ungewöhnlicher Schönheit, stellt sich in die Telefonzelle – du, zum Beispiel, Anna, nur mußt du dich genau vergewissern, daß auch jemand draußen steht und zuhört. Was du genau sagen sollst, können wir uns ja später noch überlegen, aber es muß mit Liebe oder mit Geld zu tun haben. Überhaupt: Warum nicht mit beidem? Also: Du tust so, als würdest du mit einem Bewunderer sprechen, einem Grafen und Millionär … ›Ich dich auch‹, sagst du. Sag das mal, damit ich weiß, wie sich das anhört«, fordert Papa Mama auf, und die tut ihm lachend den Gefallen. Ich dich auch.
»Bravo! ›Ich dich auch, Geliebter‹, sagst du, ›aber wir müssen aufpassen, es darf nicht herauskommen, sonst sind wir verloren.‹ Was meint ihr, da werden die Leute doch die Ohren spitzen. Und dann sagst du laut und deutlich, daß du morgen zu einer bestimmten Zeit wieder anrufen wirst. Todsicher versammelt sich am nächsten Tag ein Haufen Leute vor der Telefonzelle, und sie werden die Ohren spitzen, damit sie nur ja kein Wort verpassen … Oje, was werden sich diese kleinen Durchschnittsleutchen ihre Rosinenhirne zermartern, wenn sie zu deuten und verstehen versuchen, was du sagst! Hast du sie erstmal in deinen Bann geschlagen, kannst du erzählen, was du willst, aber baue auf jeden Fall die feinen Salons mit ein, das macht sich immer gut. Oder Paris. Paris, ja Paris!
›Nach Paris‹, wird eines der langen Gesichter draußen dann sagen, ›habt ihr gehört, sie will nach Paris.‹ Mein Gott, kaum auszudenken«, sagt Papa.
»Aber was soll das bringen?«
»Bringen?« echot Papa, als ob er darüber noch gar nicht nachgedacht hätte. »Bringen?« sagt er mit gewichtiger Miene. »Hört auf einen weitgereisten Mann. Jede Wirklichkeit trägt in sich die Möglichkeit, daß etwas, was nicht ist, werden kann, und dieser Traum, ja, laßt es mich einen Traum nennen, ist das, was jeder Mensch braucht. Wir vollbringen also eine gute Tat und machen außerdem noch Geld damit. Meine Idee ist, daß wir an der Telefonzelle Kaffee und Limonade, Frikadellen und Kuchen verkaufen. Und Süßigkeiten, nicht wahr, Eva? Bonbons und Kaugummi, alle möglichen Leckereien. Das ist doch mal was Besonderes, sich so etwas in den kleinen Hals zu stopfen, während man der Liebesgeschichte des Jahrhunderts lauscht.«
»Eis«, sagt Eva.
»Heiße Würstchen.«
»Brause.«
»Das Unternehmen expandiert, ja, gewiß brauche ich alle Mitarbeiter, die ich nur kriegen kann«, sagt Papa und betrachtet Eva und mich zwinkernd durch den Zigarettenrauch. »Außerdem laßt Euch gesagt sein, daß es gar nicht so sehr darauf ankommt, was man verkauft, sondern wie man es nennt, wie man feilbietet, was man verkaufen will, und welche Worte man findet, um etwas, das gar nicht so großartig ist, um so großartiger erscheinen zu lassen. Aber wenn wir unsere Pfründe gut verwalten, dann wird Familie Johansson in nicht allzu ferner Zukunft ein Vermögen beisammen haben.«
»Wieviel?«
»Hier geht es nicht um Kleingeld, das ist ja wohl klar.«
»Nach Paris«, überlegt Mama, »wer glaubt denn, daß ich dorthin eingeladen werde, noch dazu von einem adligen Millionär, so war’s doch, oder?«
»Das ist nur der Schluß«, sagt Papa, »den die anderen ziehen werden, und weil sie selbst es sich ausgedacht haben, werden sie auch daran glauben.«
Voller Bewunderung schaue ich Papa an, für seine Wortwahl, für seinen Erfindungsreichtum und für seine ansteckende Überzeugung, daß alles möglich ist. Und vor unseren Augen malt er nun alles weitere aus, die Früchte seiner Idee. Er versammelt die neugierigen Leute vom Kransen vor der Telefonzelle, läßt sie stehen und darüber grübeln, mit wem Mama wohl telefonieren mag, gespannt wie ein Flitzebogen. Nach Paris. Nach Paris! Wann sie wohl fahren werden?
»Auf die Nacht folgt der Tag«, sagt Papa, »und es wird wieder Abend, und wieder versammeln sich die Neugierigen, Abend für Abend, und aus den Worten, die sie hören, spinnen sie sich eine schöne Geschichte über Liebe und Reichtum und noch ganz andere Dinge zusammen. Aus wenigen Sätzen schaffen sie etwas Großes und Bedeutsames … Denn so steht es geschrieben: Die Liebe ist so wunderbar, so wunderbar, ist man ein Paar.«
Dann singt Papa es: »Die Liebe ist so wunderbar, so wunderbar, ist man ein Paar«.
Er hat eine kräftige und schöne Stimme.
»Und dann, Papa?«
»Ein solcher Traum dringt tief in die Menschen ein, rührt an Gedanken und Gefühle, von denen sie nicht einmal wußten, daß sie sie haben … Und das Geld fließt in Strömen in unsere Kasse. ›Wann fahren wir?‹ sagst du als nächstes, Anna. ›So bald schon! Hunderttausend, ist das möglich? Eine Million! Eine Million … Ja, ja, ich dich auch!‹«
»Halt, Johan, das geht nicht. Ich weigere mich, dir untreu zu sein.«
Papa sieht nachdenklich aus, dann lacht er plötzlich. »Ich hab’s!« ruft er und verschwindet, um einen Moment später die Bühne in weißem Hemd, Anzug und mit einem über die Schulter geworfenen Seidenschal wieder zu betreten. Er nimmt die Dose mit Kartoffelmehl, einen Backpinsel und seinen Rasierspiegel, und während er uns ab und zu einen verstohlenen Blick zuwirft, pudert er sein Gesicht weiß.
»Die Lösung des Problems, meine liebe Frau, ist natürlich, daß die Stimme am anderen Ende der Leitung meine ist. Du sollst mir niemals untreu sein müssen, denn ich bin der reiche Graf, dein Geliebter.«
Er macht ein paar trippelnde Schritte durchs Zimmer und wedelt mit dem Schal. Wir lachen, was ihn ermuntert, das Trippeln und Wedeln fortzusetzen, wir tun es ihm nach und stellen uns vor, daß ein Graf auftritt, Johan von Johansson, Graf von Midsommarkransen.
»Ja, ihr Lieben, schon bald haben wir eine Million beisammen, und dann verschwinden wir wirklich nach Paris, die Seine entlang spazieren und all das. Ich bin es, mit dem du nach Paris fahren wirst, Anna, ich und kein anderer. Nicht die allerkleinste Notlüge, der Traum hat uns die Wirklichkeit geschenkt.«
Er lehnt sich über den Tisch, auf dem in einer Vase die fünf Rosen stehen.
»Es kommt nur darauf an, daß man die Träume der Menschen richtig zu deuten versteht«, sagt er, jetzt wieder ernster. »Daß man weiß, was sich dort, tief unten in der menschlichen Seele, verbirgt.«
Die schweeedischee Arrbeiterrklassee … Und: Alles wird anders werden. Oder: Es gibt ein Gesetz, das besagt, daß alles nach oben strebt. Es heißt Annas Gesetz, nach seiner Entdeckerin. Oder einfach: Hier ist er.
Wieder zu Hause, und die schwarzen Augen von Johan Johansson leuchten genauso strahlend wie seine Idee, die große Chance. Ja, sie ist groß, sehr groß. Und er ist groß, sehr groß, findet Mama, denn mit diesem Mann verhält es sich wie mit ihren Autoren. Vielleicht sind sie gar nicht klüger als wir, aber sie haben die Gabe, das Leben so zu gestalten, daß Wissen daraus gewonnen wird, und Wissen ist etwas, das Mama hoch, sehr hoch schätzt. Es ist leicht zu tragen, hat aber viel Gewicht, und wer es besitzt, der kann hoch, sehr hoch aufsteigen.
Geschichten kann man zu vielem gebrauchen.
Großmutter erzählte wahre Begebenheiten aus vergangenen Zeiten, aber auch Geschichten von grausamen Burgherren und vom Aufstand der Unterdrückten. Wie lehrreich diese Geschichten waren, habe ich erst viel später begriffen; es waren die klassischen Schriften des Sozialismus, aus denen sie spannende Erzählungen schuf. Und Mama erzählte Märchen und Sagen und von Filmen, die sie gesehen hatte, jedoch nur selten von Büchern, denn die konnte man ja selbst lesen. Und doch schlichen sich aus ihren Romanen Geschichten heraus und erfüllten unsere Welt. Überall gab es Geschichten, im Volkslied, das Großmutter sang, in Mamas Schlagern und sogar in den Klageliedern von Großvater, und es kamen täglich neue dazu.
In dieser Welt voller Geschichten wurde meine Vorstellung von Vaters magischem Erzählen geboren, einem Erzählen, an dem er mich teilhaben ließe, sobald er nach Hause käme, und das alles übertreffen würde, was ich bis dahin gehört hatte, ja, weit mehr als das. Gott hatte die Welt aus Leere und Stille erschaffen, indem er von ihr erzählte, Vater würde mit seinem Erzählen, das all meine Fragen beantworten würde, die Welt nicht nur verwandeln, sondern sie in Ordnung bringen würde, so daß auch Menschen wie uns, die in einer solchen Bruchbude wie dem Haus am Myrdingen lebten, ihr rechtmäßiger Platz zuerkannt würde.
Aber eben diese Erzählung bekam ich nicht zu hören.
Konnte er nicht wenigstens von seinen Reisen auf den sieben Weltmeeren berichten? Er tat es nicht, nichts von alledem wollte er erzählen, von überhaupt nichts, nicht einmal davon, wie es war, als er klein war. Erzähl doch, bat ich. Erzähl, bat Eva. Aber er weigerte sich. Das gehöre dem Schweigen, sagte er.
Mehr nicht.
Nein.
Und mit scharfer Stimme: Das gehört dem Schweigen! Das ist nicht weiter schlimm, Vater, sagte ich nicht.
Das war nicht weiter schlimm, wollte ich zu Eva sagen, als wir uns abends hingelegt hatten, sie ans Fenster und ich neben ihr auf das Ausziehsofa.
»Jetzt ist er wieder zu Hause«, sagte ich. »Jetzt haben wir einen Papa.«
»Nein«, sagte Eva.
Es machte ihr Spaß, mich zu verunsichern, auch mit solchen Dingen, deren Bedeutung sie selbst nicht begriff.
Vater war nach Hause gekommen, der Verlust sollte wieder gutgemacht und die Sehnsucht wie weggewischt sein. Ich lag wach und lauschte in das Zimmer hinein, dessen Tür an diesem Abend geschlossen war, aber was sie dort an dem Tisch mit den Rosen sprachen, war unmöglich zu verstehen. Lange lag ich wach und lauschte.
»Meinst du, daß Herr Ivarsson ausziehen wird?«
Aber Eva schlief und konnte keine meiner Fragen beantworten. Wie hatte Vater wissen können, daß wir Bettwäsche brauchten? Wer war er, abgesehen davon, daß er mein Vater war? Warum wollte er nicht erzählen? Ich hatte über viele Fragen nachzugrübeln. Plötzlich kam mir der Gedanke, daß ich eines Tages vergessen haben würde, daß ich in meinem Bett neben Eva gelegen und über diese Dinge nachgedacht hatte, und das machte mich aus irgendeinem Grunde sehr traurig.
Doch ich vergaß es nie.
Die fünfte Rose, die nicht für Mama, Eva, mich oder die Liebe war, vielleicht stand sie für das Schweigen. Vater hatte, entgegen Mamas Versprechen, nicht alles erzählt, als er nach Hause kam. Er hatte Freude, Lachen und viele Worte bei sich gehabt, aber auch ein großes Schweigen, und eine Weile erwog ich, auch dieses erschreckende Schweigen den groß geschriebenen Denkwürdigkeiten – Mamas Ewigkeit, Die Himmlische Bibliothek – hinzuzufügen, aber ich tat es nicht, denn ich wollte ihm nicht eine solche Macht verleihen.
Doch, ein wenig hatte er erzählt, daß er die Kiste einem Zwerg in Kalkutta abgekauft hatte, von einer guten Idee, wie wir Millionäre werden würden, und ein wenig darüber, wie Mama und er sich kennengelernt hatten, aber nichts von dem, was wirklich wichtig war. Auch nichts über sein Leben, wie er aufgewachsen war oder seine Eltern wollte er erzählen. Das machte mir angst, denn ich fürchtete, daß meine Erwartungen vielleicht nicht eingelöst würden. Das wird nie erzählt werden, das gehört für alle Zeit dem Schweigen, könnte er sagen.
Doch auch aus dem Schweigen können Worte und Sätze sich hörbar machen: Da gab es diese Geburt in einer Sauna, tief in den Dörfern der Finnen Värmlands, und einen begabten Jüngling voller Lebenslust, der von zu Hause weg und zur See gegangen war. Das hatte etwas mit Flucht und einer Suche zu tun, in seiner Kajüte hatte er wie ein Mönch in einer Klosterzelle allerlei Fächer, wie Religion, Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften studiert. Sein Wissen und seine Begabung hatten ihn davor bewahrt, während seiner vielen gefährlichen Abenteuer zu Schaden zu kommen …
Aber ich war nicht sicher, inwieweit das mit Vater zu tun hatte.
Und dann das, über Papas Vater: »Dieser Teufel war aus dem hohen Norden gekommen, er war Schlachter und Pferdehändler, ein Gauner, der alle Kniffe kannte und sich nicht scheute, sie anzuwenden. Pries die Klepper mächtig an, vor allem die, bei denen man ihn selbst reingelegt hatte. Ja, auch er konnte übers Ohr gehauen werden. Und, das muß man sagen, ein Pferd hatte manchmal ein Gebrechen, das man unmöglich sehen konnte. Oder ein Pferd konnte sich weigern auch nur einen Millimeter weiter zu ziehen, wenn die Last sich nicht sofort bewegte; so etwas merkte man nicht sofort. Manchmal kaufte er auch ein Pferd mit einem Fehler, weil er den Preis angemessen fand und sicher war, es mit gutem Gewinn weiterverkaufen zu können. Die Zähne feilte er ein wenig, und dann gab er dem Pferd Arsenik und erschreckte es, so daß es Angst bekam und lebendig wirkte und statt der achtzehn Jahre, die es auf dem Buckel hatte, für zehn durchging. Pferde, die nicht ziehen wollten, Pferde, die durchgingen, alte Gäule jeder Sorte verkaufte er mit Tricks und gutem Gewinn.
Ein paar Kniffe waren unter Pferdehändlern akzeptiert, vor allem wenn man selbst übers Ohr gehauen wurde, aber es gab ungeschriebene Gesetze, über die sich nur die ganz gewissenlosen hinwegsetzten. Manchmal wurde ihm ein altes Pferd zum Schlachten anvertraut, eines, das lange gedient hatte und einige Jahre nur für leichtere Arbeiten eingespannt worden war, jetzt aber ein Alter erreicht hatte, das ihm das Recht zum Sterben gab. Wenn dann der Eigentümer nicht seinen Namen in die Hufe gebrannt hatte und diese nach dem Schlachten zurückverlangte, verkaufte Papas Vater auch solche alten Mähren – so ein Teufel war er.
Aron war der Bruder von Moses, aber auch ein Pferd hieß so, ein stattlicher Finne, braun, fast rot in der Färbung. Was dieser Teufel mit Aron machte …«
Das war noch nicht aus dem Schweigen hervorgedrungen. In der Nacht träumte ich, daß Vater im Garten grub.
Am Morgen, noch dunkel. Jemand schlich sich in die Küche. Es war nicht Vater, sondern Mutter, die Holz in den Ofen legte. Sie machte in der Küche nie Licht, um Eva und mich nicht zu wecken, und in der dunklen Jahreszeit zündete sie nur die Lampe in der Diele an. Ich lag still und hielt die Augen geschlossen. Mama nahm die Schöpfkelle vom Wassereimer und trank, ging dann wieder ins Zimmer. Ich lag lange wach und lauschte.
Am Morgen, jetzt etwas heller. Es regnete, ohne Zweifel war das Wetter deshalb so schlecht, damit ich im Haus blieb, aber ich zog mich an und ging hinaus. Da hörte es auf zu regnen, nur noch die Tropfen fielen von den Bäumen herab. Der Tau schimmerte im morgendlichen Gras, die Sonne zögerte noch, aber die Dämmerung war da. Über dem Myrdingen trieben die Nebelschwaden auseinander, und ich sah, wie das fremde Vogelpärchen angeflogen kam. Es sollte den ganzen Tag und über Nacht bleiben, dann zog es wieder fort, auf dem Weg irgendwohin.
Ich grub mit den Händen in der Eisgrube, nahm dann allen Mut zusammen und grub in der Erde. War es hier, wo Vater in meinem Traum gegraben hatte? Die Erde war noch feucht und schwarz, aber unter der oberen Schicht trocken, grau und hart. Ich hielt inne, als ich spürte, daß der Boden sich bewegte, er lebte. Aber ich hörte keine Stimmen, und es seufzte niemand.
Die feuchte Erde roch gut.
Dann kam die Sonne, jetzt kam die Sonne.
Vater stand auf der Veranda und fragte, ob ich so schreien würde. Ich war es, der jubelte, denn ich hatte die Schaukel entdeckt, die im Apfelbaum hing. Vater lachte über mich, nahm seine Kappe ab und hängte sie an einen Sonnenhaken, aus Solidarität mit mir und meiner Freude, und um zu zeigen, daß alles möglich ist.
Es wurde Sonntag. Der Sonntag ist der Tag, an dem sich die Leute in Midsommarkransen fein anziehen und ausgehen, wie es heißt, um einen Kaffee zu trinken oder um sich zu einem ausgedehnten Frühstück einladen zu lassen, meist bei Verwandten, sofern diese nicht im fernen Boden wohnen. Aber manche laden auch selbst ein, so wie Mama es heute tun wird; alle im Haus sind herzlich willkommen.
Vor dem Essen unternimmt man seinen Sonntagsspaziergang, und die verwinkelten Straßen von Kransen sind voller Menschen, die in Feiertagsstimmung, Paar um Paar eingehakt, umherschlendern. Ein Warmluftgebiet vom Atlantik über den Britischen Inseln wird sich bis zum Svandammsväg vorgearbeitet haben, und die Sonne scheint auf Damen und Herren, die nach Eau de Cologne und Aqua Vera duften. Und die Herren lüpfen die Hüte, und die Damen nicken den guten Bekannten zu, und es gibt immer irgend jemanden, den man so gut kennt, daß man stehenbleiben und eine kleine Gruppe bilden kann, so wie Herr und Frau Larsson, die da stehen und gemeinsam mit Herrn und Frau Blommelin lachen. Die kleine Frau Blommelin ist schlank und adrett in ihrem enganliegenden Korsett, und auf dem Kopf trägt sie einen neuen Frühlingshut von bemerkenswertem Format und Schnitt. Da kann man sich fragen, was der wohl gekostet hat.
Erlauben Sie mir, während das Gespräch weitergeht, einen kleinen Abstecher zu einer Frage, die zu stellen immer als unfein angesehen wird. Was kostet er? Was kostet der neue Hut von Frau Blommelin? Es ist unfein, diese Frage zu stellen, aber so schrecklich schwer, es bleiben zu lassen. Also, der Hut sieht teuer aus. Herr Kalle Blommelin arbeitet bei Beckers, so besonders dicke können sie es demnach nicht haben. Was meinst du, was er verdient? Darüber kann man eine Weile diskutieren, ehe man sich wieder dem Hut der Blommelin zuwendet. Ob sie geerbt haben?
Nun wird die Familiengeschichte der Blommelins, so weit man sie zurückverfolgen kann, genau betrachtet, ohne daß jemand richtig Reiches zum Vorschein kommt. Könnte da ein zweifelhaftes Geschäft im Spiel sein? Wohl kaum, aber man kann Blommelin ruhig ein wenig unter die Lupe nehmen. Die einfache Frage nach dem Preis des Hutes der Blommelin gäbe also Anlaß zu einer ganzen Reihe von Fragen, und es entwickelt sich daraus eine eingehende Diskussion über die Moral und von der Moral zu Fragen geistiger, um nicht zu sagen metaphysischer Natur.
Würde man auf einen Schlag den Preis des Hutes erfahren, dann wäre diese erbauliche Diskussion womöglich niemals entstanden, was schon einmal ein guter Grund war, Frau Blommelin diese Frage nicht zu stellen, und Herrn Blommelin schon gar nicht. Was sollte er auch antworten? Vielleicht war es ja ein schlechtes Geschäft, und dem, der sich bei Geschäften übers Ohr hauen läßt, wird keine Gnade zuteil. Solche Dummköpfe sind jahrelang schadenfrohen Kommentaren ausgesetzt, und das haben sie auch verdient, wo sie doch etwas Besonderes aus sich machen wollten, indem sie eine solche Schabracke von Hut kauften. Hinter der Schadenfreude wartet die Angst, man erkennt sich selbst wieder und weiß, wie ein leichtsinniger Kauf sich rächen kann.
Was kostet der Hut? Billige Sachen werden zwiespältig aufgenommen, denn man soll zwar billig einkaufen, aber man darf sich keinen Ramsch einhandeln, sondern nur gute Sachen. Manchmal, allzu oft, hält das Sonderangebot einer näheren Betrachtung oder längeren Nutzung nicht stand. Niemandem ist die alte Wahrheit, daß Qualität ihren Preis hat, bewußter als denen, die aus Not billig kaufen müssen.
Was kostet nun der Kopfputz? Auch wenn die Frage gestellt und beantwortet würde, gäbe es ein Problem, denn wer weiß, ob die Blommelins die Wahrheit sagen? Sie könnten einen niedrigeren Preis angeben. Aber das ist riskant, denn sie könnten als Angeber dastehen, die sich damit brüsten wollen, besonders geschickt beim Einkaufen zu sein. Würden sie allerdings einen höheren Preis angeben, liefen sie Gefahr, für Idioten gehalten zu werden oder für Leute, die nicht auf den Pfennig schauen müssen, und dann wären sie wieder Angeber.
Es kommt also darauf an, den richtigen Preis zu nennen, der nicht unbedingt auch der sein muß, den die Ware gekostet hat. Um zu zeigen, daß man etwas Besonderes ist, ohne daß die anderen es gleich merken, muß man sie davon überzeugen, daß der Hut billig war, aber nicht zu billig, daß er teuer war, aber nicht zu teuer. Das haben nicht alle raus, nicht einmal alle Hutverkäufer, aber die Geschäftsleute, die eine Nase für so etwas haben, machen guten Gewinn, die verkaufen sogar Haferbrei in Dosen. Wer das kaufen will? Viele, wenn nur der Preis stimmt …
Was kostet der Hut? Die Frage wird nie gestellt werden. Herr und Frau Blommelin verabschieden sich von Herrn und Frau Larsson, und Herr Blommelin lüftet seinen Hut, den er, wie auch Herr Larsson und die übrigen Herren, bis weit in den Frühling hinein trägt. Es ist das alte Stück, das schon viele Jahre lang seinen Dienst getan hat, und das auch noch viele Jahre gut sein wird. Was der Hut gekostet hat? Nein, jetzt hören wir auf! Wir müssen die Leute ihren Spaziergang durch den alten Vorort fortsetzen lassen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand Midsommarkransen aus dem Gedanken heraus, daß man besondere Arbeitervorstädte bauen sollte. Aber Stockholm hatte sich schon im 19. Jahrhundert nach Süden ausgeweitet, und mit dem Bahnhof und dem Hafen am Liljeholm kam auch die Industrie: Galvanisierfabrik, Knochenmehlfabrik, Alkoholfabrik, Kabelfabrik, Farbenfabrik, Ammoniakfabrik und Sprengstoffabrik. Hier gab es einen Kalk- und Ziegelsteinbruch, das Sägewerk und die Holzhandlung. Und mit der Industrie kamen die Menschen, die Armenviertel wuchsen, hier war der größte Teil der Arbeitskraftreserven Stockholms vereint, die chronisch Halb- und Dreiviertelarbeitslosen.
Midsommarkransen liegt in einem Gebiet, wo es vorher nur ein paar Kleingärten sowie einige Schlachthöfe und die Sommervillen der Großhändler gegeben hatte. Private Grundeigentümer gründeten die Südliche Vorstadtbahn AG und richteten den Straßenbahnverkehr ein. Von Södermalm, dem alten Arbeiterviertel, zogen die Leute hinaus in die neue Vorstadt, um dort »die Bequemlichkeiten der Großstadt mit den Annehmlichkeiten des Landlebens zu vereinen«.
Hier bummelt man und schaut. Im Parterre und im Kellergeschoß der Häuser gibt es Läden, Geschäfte und kleine Werkstätten, Brot- und Milchhändler, Fisch, Fleisch und Delikatessen, Bäckerei und Konditorei, Kaffeegeschäft, Eisenwarenladen und Schrotthandel, Holz, Koks & Kohle. Mitten auf einer Straße wächst ein Baum, hinter einer Straßenbiegung taucht plötzlich ein kleiner Park auf, zwischen den Häusern gibt es kleine Flecken Waldes, kleine und große Häuser wechseln sich ab, breite und schmale. So viele Wohnungen wie möglich – das war die Devise, als man das Gelände erschloß, und deshalb gibt es hier überwiegend Ein- und Zweizimmerwohnungen. Und überall Kinder, der Vorort ist einer der kinderreichsten Stockholms.
Viele von ihnen stehen schon in der Schlange zur Vormittagsvorstellung im »Saba«, dem »Schwan« oder dem »Tellus«, andere Gören wurden gezwungen, ihre Eltern auf dem Spaziergang zu begleiten; inzwischen ist man am Svandammsplan angekommen, wo früher eine Ziegelei lag, heute aber ein Planschbecken, das Schuhhaus Oscaria und das Bekleidungsgeschäft Falk Platz finden. Noch ein Stück in Richtung Bäckväg und Vallfartsväg, und man ist unten in Aspudden, geht den breiten Hägerstensväg entlang, die Antwort des Vororts auf die Pariser Boulevards, bis zum Kiosk am Kilaberg, wo man ein Aftonbladet kauft und liest, daß das Kalbfleisch seit Kriegsende um vierzehn Prozent teurer geworden ist.
Dann wieder hinauf nach Kransen, über die Kurze Treppe und den Kiesweg zur Langen Treppe, und man ist nicht mehr weit entfernt vom Haus am Myrdingen, wo Frau Johansson in der Küche steht und summt, daß die Liebe so wunderbar, so wunderbar ist, während sie den Braten in den Ofen schiebt. Aber zuviel darf sie nicht summen, wenn sie das Essen rechtzeitig fertigbekommen will, denn Papa stimmt ein und springt auf, und mit dem freudigen Aufstrich der Geige walzt er mit Mama herum und singt ihr ins Ohr: so wunderbar, ist man ein Paar.
Und schon ruft er die Kleinen unter dem Tisch hervor auf die Tanzfläche, und wir stolpern gemeinsam in einer Art Kreistanz herum, der Mann mit der kräftigen und schönen Stimme, die schönste Frau der Welt und die besten Kinder der Welt, zusammen die glücklichste Familie der Welt. Und die reichste, sagt Papa, denn wir haben ja uns.
Etwas mehr richtiges Geld hätte allerdings nicht geschadet, denn dann wäre der Braten ein paar Nummern größer gewesen. Aber Mama weiß sich, wie Großmutter und alle Hausfrauen der Nachkriegszeit, zu helfen. Der Braten wird fein geschnitten, die dünnen Scheiben ausgebreitet, so daß sie mit einem Teelöffel Phantasie gewürzt, bis Mittsommer reichen könnten. Und sie nimmt eine nicht zu große Schale für die Preiselbeeren und legt einen nicht zu großen Löffel zu den Erbsen und Möhren, und die Butter bekommt ein kleines, schmales Messer. Aber die Kartoffelschüssel ist groß und gut gefüllt, und der Brotkorb ebenso.
Die warmen Winde vom Atlantik über den Britischen Inseln sorgten dafür, daß wir auf der Veranda essen konnten, und da saßen wir nun, stumm vor Bewunderung über den wohlkomponierten, farbenfrohen Tisch: die grünen Erbsen, die roten Preiselbeeren, die weißen Kartoffeln, der braune Braten und wir selbst in allen möglichen Farben. Doch in allen großen Kunstwerken wird die Harmonie gebrochen, in diesem Fall durch die Trinkgläser, die mal niedrig und mal hoch, und überhaupt sehr unterschiedlich geformt waren.
So viel Gutes auf dem Tisch! Das Wasser lief einem im Mund zusammen, die Mägen knurrten, die Augen tränten. So viel Gutes!
»Guten Appetit, ich hoffe, es schmeckt, es ist wenig, aber gut gemeint.«
Mama schielte unruhig zu Großmutter hinüber, während wir aßen, und als Großmutter sagte, es würde schmecken, wurde Mama rot. Großmutter wußte, wovon sie sprach, denn in den zwei Jahren, in denen sie Mutter und Erik nach Västergötland geben mußte, hatte sie als Köchin auf verschiedenen Schiffen gearbeitet. Seit dieser Zeit haßte Großmutter Bauern aus Västergötland, ja, Bauern überhaupt, manchmal sogar noch mehr als die richtigen Kapitalisten.
Aber jetzt wollen wir nicht von Politik reden, sondern es schön haben, also muß Großmutter auch von der Soße nehmen und sie loben, woraufhin Mama noch mehr errötet, denn es zeichnet die geschickte Köchin aus, eine gute Soße zubereiten zu können.
Mama schaute mit einem Auge auf Eva und mich, damit wir auch ordentlich aßen, vor allem Brot und Kartoffeln, denn wir waren viel zu dünn und mußten etwas Speck auf die Rippen bekommen, damit wir etwas zuzusetzen hätten, wenn es wieder Krieg gäbe.
Mama liebte es, Eva und mich essen zu sehen, sie liebte es, uns alle kauen und schmatzen zu sehen. Sie liebte diesen Anblick so sehr, daß sie gleichsam aus sich heraussprang und eine Weile über dem Tisch schwebte, um sich einen Überblick zu verschaffen. Von dort oben sah sie deutlich, daß wir das von ihr Angerichtete ehrten, indem wir uns die Mägen proppenvoll stopften, und dann hörte sie uns vor Wohlbehagen stöhnen und satt und selig das phantastische Essen preisen. Und erst als Herr Ivarsson sagte, die Mahlzeit sei superb, woraufhin Papas Miene sich verfinsterte und er etwas von einem stinkenden Eintopf murmelte, nahm Mama ihren Platz am Tisch wieder ein.
Wie leicht man seine Meinung über einen Menschen ändern kann! Wir hatten in Herrn Ivarsson einen freundlichen, stillen und zurückhaltenden Mann gesehen, der seine Miete immer pünktlich zahlte. Da mußte erst Papa nach Hause kommen, damit wir in Herrn Ivarssons Zurückhaltung einen gewissen Hochmut entdeckten. Und durch seine Schweigsamkeit wirkten in der Tat die Stimmen anderer unpassend laut. Er nickte und lächelte so wie immer, schüttelte aber den Kopf, als Papa ihm einen Kurzen anbot. Großvater nahm »ein paar Tropfen« an, was so viel hieß wie ein volles Glas.
»Na denn, Prost«, sagte Papa, »auf Anna und dieses, ja, superbe Essen.«
Großvater machten die Tropfen gesprächig, die Stimmung stieg, und nach ein paar weiteren Kurzen wurde Herrn Ivarsson auf die Schulter geklopft. Eva und ich verhielten uns wohlerzogen, hörten aber genau auf die Reden, Witze und Scherze, die alle lachen ließen, lauter und länger als der Witz es eigentlich hergab, denn alle hegten denselben Wunsch nach einer fröhlichen und gemütlichen Gemeinschaft. Die Köpfe wurden in schallendem Gelächter in den Nacken geworfen, so weit, daß man den Himmel dort oben sehen und wenigstens ein paar fliegende Untertassen entdecken konnte.
Großmutters Lachen war am besten, es begann wie eine Explosion, hohohote dann eine ganze Weile geräuschvoll auf und ab, um schließlich Knall auf Fall in einem mürrischen Keuchen zu ersterben. Jedesmal wenn sie lachte, flog ihre Hand zum Mund. Sie schämte sich für ihre Zähne. Die meisten waren ihr ausgefallen, und die wenigen, die sie noch hatte, waren schmutziggelb wie altes Elfenbein. Ihr Dilemma war, daß sie sich ebenfalls für ihre roten und aufgesprungenen, aber vor allem riesig großen Hände schämte. Aber sie konnte nicht aufhören zu lachen, und so mußte sie entweder ihre beiden Pranken zeigen oder die ärmlichen Zahnstummel. Großvater scherte sich nicht im geringsten um so etwas, sondern lachte mit weit aufgerissenem Mund, obwohl seine Zähne noch kümmerlicher und viel häßlicher waren als die von Großmutter. Herr Ivarsson nickte und lächelte.
Die Mahlzeit wurde mit einem Dessert, wie der Nachtisch sonntags genannt wurde, abgeschlossen. Dann Kaffee. Wohlwollen und gute Laune, Gemütlichkeit und Wärme.
