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Zsigmond Móricz (1879–1942) hat sein ganzes schriftstellerisches Werk der Beschreibung der ungarischen Landbevölkerung gewidmet. Mit dem Protagonisten György Jo. schuf er in »Der glückliche Mensch« einen Prototyp des unverwüstlichen, Tag für Tag im Dienst bei größeren Landbesitzern seinen Lebensunterhalt erwirtschaftenden Kätners. Dieser erinnert sich an die Freuden seines Aufwachsens, zwischen Amselnestern, Ackerkrume und Apfelernte, geprägt von Gelegenheitsarbeiten und alltäglichem Maisbrot mit Speck. Obwohl die sozialen Verhältnisse im Dorf immer weiter auseinanderklaffen, die Reicheren sich den verbliebenen Besitz der ärmeren auch mit unlauteren Mitteln unter den Nagel reißen und György und seine Mutter sich zunehmend beschränken müssen, findet dieser mit nie versiegendem Humor auch im arbeitsamen Alltag und beim abendlichen Tanzvergnügen mit den Mädchen aus der Nachbarschaft das Glück des einfachen, aber wahren Daseins. Der schlichten Schönheit der mündlichen Erzählung Györgys kann man sich beim Lesen nicht entziehen. Man fiebert mit, wünscht sich, dass die Bemühungen um ein wenig Wohlstand erfolgreich sein m.gen, und bangt bei seinen Abenteuern ums Gelingen. Timea Tankó bleibt in ihrer kraftvollen Übersetzung ganz nah am unverstellten Erzählton von Móricz und verleiht der Geschichte damit eine vor Erlebnislust und Bauernschläue nur so strotzende Lebendigkeit. Eines wird bei allen Rückschlägen dabei niemals verloren: die Hoffnung auf den nächsten Sonnenaufgang und einen weiteren Tag voller Möglichkeiten auf neues Glück. Erscheinungstermin März 2023
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Seitenzahl: 638
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Zsigmond Móricz
Aus dem Ungarischen und mit einem Nachwort von Timea Tankó
Ich saß in der Redaktion und arbeitete. Meine Arbeit besteht darin, die eingehenden Manuskripte zu lesen. Jährlich werden uns an die tausend Romane und Erzählungen zugesendet. Wie viele Menschen es gibt, die es als wichtig, notwendig, ja unerlässlich empfinden, ihr Leben zu erzählen! Wie wunderbar der Mitteilungsdrang des Menschen doch ist.
Es klopfte an der offenen Tür, und herein trat ein Mann mit langen Beinen. Er sagte nichts, lächelte nur, und ich erkannte in ihm meinen Landsmann György Joó, einen Kleinbauern aus der Gegend Tiszahát.
»Schönen guten Tag, Vetter Zsigmond«, grüßte er höflich.
»Grüß Gott. Was führt dich denn zu mir?«, fragte ich.
Er lächelte immer noch, etwas verstohlen, und suchte sichtlich nach Worten.
»Ich komme in wichtiger Angelegenheit«, sagte er schließlich.
»Setz dich und erzähle.«
Er nickte, setzte sich, nickte noch einmal. Er sah nicht aus wie jemand, der um etwas bitten wollte, vielmehr so, als führte er etwas ganz Bestimmtes im Schilde. Er streckte die langen Beine breit aus, als säße er auf einer Ofenbank, kreiste mit den bestiefelten Füßen, blickte zum Boden und schwieg voller Vertrauen.
»Nun zünd dir eine Zigarette an und erzähl, was du mir mitgebracht hast«, sagte ich.
Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel, rollte sie fachmännisch zwischen den Fingern und zündete sie an, dann wandte er mir den Blick zu, die schwarzen Augen glänzten, das Gesicht leuchtete.
»Ich sage Ihnen, warum ich gekommen bin. Vetter Zsigmond, ich bin gekommen, um mein Leben zu erzählen, damit Sie daraus einen schönen Roman schreiben.«
Gütiger Gott, nun bringen mir die Leute nicht mehr nur ihre Texte, sondern gleich ihr ganzes Leben.
Ich betrachtete ihn. Das schmale, knochige Gesicht wirkte freundlich. Wie gut es ihm gehen musste, wenn er es sich leisten konnte, aus dem hintersten Winkel des Komitats Szatmár nach Budapest zu reisen und in der Redaktion eines alten Landsmanns vorbeizuschauen, nur um ihm sein Leben zu erzählen … Was für ein Mensch mag er wohl sein, welches Schicksal wird er haben, und wie ist er überhaupt auf diesen sonderbaren Gedanken gekommen?
Um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, fragte ich:
»Wie steht’s um den Weizen?«
Es war nämlich kurz vor Ostern, also die Zeit, in der die Gedanken eines Bauern um nichts anderes kreisen als um seinen Weizen.
Seine Stirn bewölkte sich leicht, und er winkte nur ab.
»Darüber brauchen wir gar nicht zu sprechen«, sagte er. »Der Weizen hat uns reingelegt. Wissen Sie, den Weizen, den … gibt es gar nicht … er wächst nicht und lässt sich auch nicht verkaufen. Über das Leben von heute lohnt es sich nicht zu sprechen. Heute kommt man nicht mehr über die Runden. Ich habe mir gedacht, ich gehe nach Budapest, um ein bisschen Geld zu verdienen, aber das ist auch nicht mehr möglich. Hier gibt es keine Arbeit mehr … Und früher? Wissen Sie, wie es war, wenn ich früher nach Budapest gekommen bin? Schon als ich am Keleti-Bahnhof ausgestiegen bin und die Rákóczi út entlangging, hat mich ein Vorarbeiter angehalten und gefragt: Junger Mann, wollen Sie arbeiten?‹ Natürlich wollte ich. ›Na, dann kommen Sie mit‹, sagte er, und ich gesellte mich zu den anderen in die Reihe, heute noch weiß ich, dass wir ein großes Haus in der Kinizsi utca gebaut haben. Da war ich bis Weihnachten beschäftigt … Damals konnte man sich vor Arbeit kaum retten. Und jetzt? Die dritte Woche bin ich schon hier und hab davon nur eine arbeiten können. Bei allen alten Bekannten bin ich gewesen. Die großen Firmen, bei denen ich sonst gearbeitet habe, gibt es alle nicht mehr. Ich war sogar schon beim hochgeborenen Herrn Abgeordneten, der kann mir aber auch nicht helfen … Es gibt keine Arbeit, da dachte ich mir, ich gehe zu Vetter Zsigmond und erzähle ihm wenigstens mein Leben.«
»Wie viel Land hast du?«, fragte ich.
»In Liget habe ich drei Joch und in Uszka fünf. Dann noch meinen Garten, der ist neunhundert Quadratklafter groß, und dann habe ich noch tausendzweihundert Quadratklafter unbrauchbares Land.«
»Von über acht Joch Land kannst du nicht leben? Und musst nach Budapest kommen, um dir Arbeit zu suchen?«
»Leider ist es so. Es gedeiht ja nichts mehr.«
»Ihr versteht nur nicht zu wirtschaften.«
Er schüttelte den Kopf.
»Das Wirtschaften ist nicht das Problem«, erwiderte er, »sondern das Wetter. Wir machen es genauso wie die Alten von früher, aber das nützt ja nichts, wenn die Erde keinen Ertrag mehr bringt … Bei uns regnet es nicht mehr. Ganze Sommer vergehen ohne Regen, von Frühling bis Herbst fällt kein einziger Tropfen. Als ich Kind war, da gab es all das Wasser. Jeden Frühling hat der Batár die Wiesen überschwemmt. Es gab Tau jeden Morgen, und reichlich Schilf gab es auch. Der Mais wuchs so hoch, dass sich die Rossdiebe drin verstecken konnten. Dabei gedeiht Mais nur, wenn der Frosch in der Ackerfurche quakt. Frösche gibt es nicht mehr, und Wasser auch nicht. Die Herren haben es umgeleitet. Nun gibt’s kein Schilf mehr, keine Binsen und auch keine Wasservögel. Sogar der Batár trocknet langsam aus, in den heißen Sommern wird sein Bett ganz rissig … Aber wir haben auch schon gehört, dass es den Fluss bald gar nicht mehr geben wird, die Tschechen wollen ihn umleiten, schon weiter oben in die Theiß münden lassen, noch auf tschechischem Gebiet, und dann bleiben wir ganz ohne Wasser.«
Ich betrachtete ihn wieder. Er ließ seinen zerzausten Kuruzenkopf hängen. Die Hakennase ragte aus dem schmalen Gesicht, und vom hängenden Schnauzbart tropfte der Kummer. Ein Wasservogel auf der Flucht, weil sein Sumpf austrocknet. Er hatte sich emporgeschwungen und war in die Ferne geflogen. Nun zog er seine Kreise über fremden Gegenden des Landes, wollte sein Nest woanders bauen. Floh weiter, immer weiter.
»Und die Steuern haben sie so hoch geschraubt, dass es nicht auszuhalten ist«, fuhr er fort. »Jetzt musste ich auch nach Budapest kommen, weil man mir eine Kuh und zwei junge Ochsen als Steuer weggenommen hat, aber nach einer Woche hat der Gerichtsvollzieher sie zurückgetrieben, weil er sie nicht verkaufen konnte. Nicht einmal für wenig Geld. Und nun muss ich sie so lange versorgen, bis man sie verkauft bekommt. Aber ich selbst darf sie nicht verkaufen, erschlagen auch nicht, muss sie füttern. Das Heu ist alle, und das Gras wächst ja gerade erst. Die Familie ist groß. Ich habe fünf Kinder, mit meiner lieben Frau sind wir zu siebt, Brot haben wir keins, auch keine Kartoffeln. Deshalb habe ich gedacht, ich komme nach Budapest, verdiene ein bisschen Geld, aber jetzt kann ich nicht einmal mehr heimfahren, dabei will ich nicht, dass es mir so ergeht wie dem Jóska Telegdi, der vierhundert Kilometer zu Fuß gehen musste.«
In den Zügen des Mannes gab es etwas, das mich überraschte und berührte. Über all diese bitteren Umstände sprach er, ohne aufzubegehren, ohne Wut. Er griff dabei niemanden an. Es war, als spräche er über die unumgänglichen Gegebenheiten des Schicksals. Wie der Bauer über das Wetter oder Naturkatastrophen spricht. Über etwas, das man nicht ändern kann, weshalb man sich am besten damit abfindet. Er strahlte die Urruhe des armen, mit der Erde arbeitenden Mannes von Tiszahát aus. Die Ergebenheit gegenüber Gottes Willen.
Es wäre in der Tat gut, schön und sinnvoll, endlich einmal ein genaueres Bild vom Leben eines solchen Menschen zu bekommen, dachte ich.
Plötzlich verblassten all die dem Spiel der Fantasie und zumeist unfruchtbaren Träumereien entsprungenen Werke. Hier stand ein Stück Leben vor mir.
Ich fühlte den Drang, es kennenzulernen, zu verstehen und niederzuschreiben, dieses Leben, das ja seit tausend Jahren die eigentliche Grundlage der gesamten ungarischen Welt war: das Leben eines Bauern.
»Und wann könntest du mir dein Leben erzählen?«, fragte ich.
Er lächelte verschmitzt. Jetzt sah er wirklich ganz und gar wie ein echter Kuruze aus. Seine winzigen schwarzen Augen wurden zu glänzenden Käfern, die zerzausten Haare fielen ihm wild in die weiße Stirn. Sein Blick heiterte sich auf, sein Humor, der ihm auch bisher schon in den Mundwinkeln gesessen hatte, zeigte sich nun deutlich, zugleich wurde aber auch seine tiefe Ruhe spürbar. Freundlich und ernst sah er mich an.
»Wenn Sie wollen, kann ich es gleich machen«, antwortete er.
»Jetzt gleich?«
»Ja.«
»Hast du alles so genau überdacht, dir deine Erzählung bereitgelegt?«
»Das habe ich.«
»Und warum willst du es erzählen?«
Er neigte den Kopf nach vorn und lächelte kindlich scheu.
»Ich kann nichts anderes sagen, als dass ich als Kind und als junger Mann glücklich war, so glücklich, dass man sich das gar nicht vorstellen kann. Aber damals waren auch andere glücklich. Das war eine glückliche Welt … Jetzt sind alle unglücklich. Alle unter dem Himmel. Dieses Land ist kaputt, alles hier, weit und breit. Wie kommt das? Wie ist es kaputtgegangen? Vielleicht erwacht die Menschheit ja und sagt, so ist es nicht gut, lasst es uns anders machen. Heute müsste es auch so sein, dass die György Joós und alle anderen zu Haus in ihren kleinen Dörfern glücklich sind. Dann wären auch die glücklich, die höhere Leben führen … Na ja, ich weiß gar nicht, ich würde einfach nur sehr gerne von meinem glücklichen Leben erzählen.«
Ein Schriftsteller. Dieser Mann war ein Schriftsteller, der keine Möglichkeit, keine Fähigkeit hatte, zu schreiben, also wollte er erzählen.
»Du willst also übers Glück sprechen«, stellte ich fest.
»So ist es.«
In seinen Worten lagen so viel Vertrauen und Begeisterung, dass sich auch in mir allmählich eine Spannung aufbaute, es war, wie wenn man ein Buch in die Hand nimmt, von dem man schon viel Gutes gehört hat, und in der Vorfreude auf die bevorstehende Schönheit ins Glühen gerät.
»Nun, dann wollen wir es mal angehen«, sagte ich. »Schließ die Tür … so … und jetzt, lass hören. Aber ich warne dich, erzähl nur die Wahrheit, mich interessiert ausschließlich die Wahrheit. Ich habe noch nie irgendeine Lüge niedergeschrieben, wenn du anfangen solltest zu flunkern, hören wir auf.«
»Ich kann gar nichts anderes sagen als die Wahrheit. Meine Wangen haben sich mein Lebtag noch nie gerötet. Nie hat mich jemand bei einer Lüge ertappt, ich denke nämlich, dass nur der, der die Wahrheit sagt, egal, ob diese gut, schlecht, schön oder hässlich ist, einen ruhigen Schlaf hat, und ich schlafe nachts nun mal gern. Alles andere ist Sache des lieben Gottes.«
»Nun, dann sprich.«
in dem György Joó in Kürze sein ganzes Leben erzählt
Ich kann behaupten, dass ich in meinem ganzen Leben glücklich war, nie ging es mir schlecht. Neun Jahre war ich alt, ging auf das zehnte zu, als mein Vater starb. Da wurde ich schon zum Jungbauern, mein älterer Bruder Gedeon fand nämlich keinen Gefallen an der Wirtschaft und überließ alles mir, er fühlte sich nur bei den Maschinen wohl. Hacken war ihm ein Gräuel, Mähen auch, ja, alle Feldarbeit, aber wenn die Ernte kam, sah er jeden Tag aus wie ein ölverschmierter Schlosserlehrling, war immer bei den Maschinen.
Ich war die Stütze meiner Mutter. Schon als ich noch ein Schuljunge war, hat die Arme alles mit mir besprochen, wie wir was angehen sollten, sogar den Prozess, denn nach dem Tod meines Vaters haben uns die Neider überfallen und uns das kleine Stück Wald wegprozessiert, das wir noch hatten.
Ich war also eine Halbwaise, und mit dreizehn Jahren nahm mich der hochgeborene Arvéd Salánky als Jungknecht in seine Dienste.
Da gab es viele Knechte, einer schalt mich mehr als der andere. Zum Schlafen ging ich abends immer heim. Bis der erste Schnee fiel, hielt ich es aus, dann ließ man mich gehen, ich sagte mir, Gott sei Dank, und wollte mich nie wieder als Jungknecht verdingen.
Im Winter blieb ich zu Hause, doch als der Frühling kam, sagte ein Kamerad, Gyuri Füles, der zusammen mit mir Jungknecht gewesen war, aber in diesem Jahr von Arvéd Salánky nicht wieder eingestellt wurde: »Lass uns doch nach Beregszász gehen, dort kann man gutes Geld verdienen.« Das erzählte ich meiner Mutter.
»Ach, mein Junge«, sagte sie, »zieh nicht in die Welt hinaus, hier hast du genug zum Leben.«
Ich ging trotzdem, heimlich, ohne Mutter etwas davon zu sagen, erst am Samstag, als ich aus Beregszász zurückkehrte, hörte sie wieder von mir, hörte die drei Forint und sechzig Kreuzer, die in meiner Tasche klimperten. Nun hatte auch sie nichts mehr dagegen, und ich arbeitete das gesamte Frühjahr über in Beregszász.
In einem anderen Jahr wollte mich einer der kleineren Bauern als Fuhrknecht, sein Pachtland sollte ich ihm pflügen. Irgendwann wurde ich es aber leid, ohne Lohn zu arbeiten, und da sagte ich mir, ich werde doch nicht immer für andere pflügen, ich suche mir lieber eine Stelle als Lehrling.
Also schrieb ich meinem Bruder Gedeon nach Budapest, der sprach mit seinem Meister, und dieser wollte mich aufnehmen, Gedeon sollte seine Lehre sowieso bald abgeschlossen haben. Der Meister schickte mir das Laufgeld, doch Mutter weinte und jammerte, acht Kinder habe sie zur Welt gebracht, und am Ende werde keiner da sein, um ihr auch nur ein Schluck Wasser zu geben. Da tat sie mir leid, und ich blieb daheim.
Zu Hause im Dorf hatte ich ein schönes Leben, ich stieg Mädchen nach, liebte viele, manche verließen mich, manche verließ ich, von einer prügelte man mich fort, von der anderen wurde ich betrogen; das Landgut nahmen sie uns weg, ich wurde ganz mittellos, prozessierte und verlor, da dachte ich mir, nun versuche ich mein Glück doch in Budapest. Im Herbst 1907, mit neunzehn Jahren, kam ich also hierher. Da hat man mir gleich einen ansehnlichen Lohn gezahlt, in einer Woche verdiente ich ein Kalb. Damals hat man bei uns daheim einem Mähder einen Forint zwanzig bezahlt, als gemeinen Tageslohn neunzig Kreuzer, und hier bekam ich einen Forint sechzig, achtzig, und das mit nur zehn Stunden Arbeit am Tag.
So lässt es sich leben, dachte ich und bin von da an jeden Herbst nach Budapest gekommen, um hier zu arbeiten. Aber für die Ernte blieb ich daheim, da war ich sogar Vorschnitter, ich habe mit einer Gruppe von Arbeitern die Erntearbeit eines großen Gutes übernommen, stand an der Spitze der Gruppe.
Irgendwann war es an der Zeit, ans Heiraten zu denken. Die anderen sagten, ich solle mit ihnen nach Bökény zum Tanz gehen. Dort habe ich ein Mädchen liebgewonnen, dreimal in der Woche habe ich sie besucht. Es war nicht weit, von uns nur eine Viertelstunde entfernt.
Doch gab es bei uns einen Maurer, der hieß sogar József Kőmíves, also Maurer. Der hatte eine Tochter, Erzsi, und diese Erzsi hatte einen Geliebten, meinen Freund Mihály Csereklye. Die beiden waren etwas vorschnell, so dass die Erzsi ein Mädchen bekam, aber Mihálys Mutter war gegen die Heirat und ließ ihren Sohn lieber zur Armee einziehen. Als der wieder heimkam, sagte er seiner Mutter, dass er Erzsi Kőmíves heiraten wolle. Es hatte sogar eine Verhandlung gegeben, die hatte er verloren, und dem Kind wurde ein Joch Land zugesprochen.
»Du solltest dich lieber erhängen als die zu heiraten«, sagte die Mutter.
Da ging er in den Stall und erhängte sich. Als man ihn fand, war er schon kalt. In dem Herbst war ich wieder in Budapest, zu Weihnachten bin ich heimgefahren. Nun drängte es mich schon sehr nach der Heirat, durch einen Bekannten war mir eine Arbeit bei der Schlafwagengesellschaft in Aussicht gestellt worden, und daraufhin sollte geheiratet werden.
Eines Tages ging ich die Straße entlang, da sagt die Frau von Ignác Péter zu mir:
»Warum heiratest du nicht endlich?«
»Das eilt nicht«, antwortete ich.
»Heirate, am Ende stirbt deine Mutter, und niemand ist bei ihr, du bist ja nie da. Du willst nur nicht heiraten, weil Piroska Váradi dich nicht will.«
Da ging ich zum Tanz, es gab gerade ein Fest, und ließ Piroska Váradi ausrichten, sie solle auch kommen.
Und die ließ mir ausrichten, in einem Jahr würde sie kommen.
Es fuchste mich sehr, als ich hörte, dass sie mich noch um ein Jahr vertrösten wollte. Ich wusste, auf wen sie wartete, auf den Sohn einer großen Familie, der war damals Soldat.
Na warte, dachte ich, ich werde schon eine finden, die mit mir tanzt. Ich ging zu den Komíves’ und sagte zu Erzsi, sie solle mit mir zum Tanz kommen.
»Ich gehe nicht«, sagte sie, »da gibt’s niemanden, wegen dem ich gehen würde.«
»Das lasse ich nicht gelten«, antwortete ich, »ich frage dich, ob du mit mir kommst, also gibt es doch jemanden.«
Und so kam sie mit.
Am Neujahrsabend hielt ich um ihre Hand an.
Da öffnete sich mir das Paradies auf Erden. Noch im selben Jahr bekam ich eine Tochter, die war wie eine kleine Lerche. Sie weinte nicht, sie sang. Ein Kind der Liebe eben.
Doch dann brach der Krieg aus.
Bis dahin hatte ich ein schönes Leben. Das war alles, was ich gelebt habe. Vom Rest braucht man gar nicht mehr zu sprechen.
György Joó hielt inne und sah mich an. Mit ruhigem Blick, wie jemand, der seiner Pflicht nachgekommen ist, sein Leben erzählt hat und nun auch ruhig sterben könnte.
»War das dein Leben?«, fragte ich.
»Ja.«
»Jetzt, da du es mir erzählt hast, werde ich langsam neugierig.«
In seiner Geschichte gab es einige frische, bemerkenswerte Details, die erahnen ließen, wie schön er alles erzählen könnte, wenn er etwas weiter ausholte und auf alle Einzelheiten einginge.
»Wie alt bist du?«, fragte ich.
»Ich wurde im Jahr 1888 geboren. Dann bin ich wohl vierundvierzig. Also heute, 1932. Wenn ich diese Kraft und Gesundheit behalten könnte, das wäre gut. Doch irgendwann wird der Mensch wackelig und lendenlahm.«
»Sag, wie lebst du jetzt? Wie viele Einnahmen hast du im Jahr und wie viele Ausgaben?«
»Wer weiß das schon, Gott vielleicht.«
»Versuchen wir, es zusammenzurechnen.«
Ich nahm ein Blatt Papier und einen Bleistift, und wir rechneten, damit sich sein Leben ein wenig vor mir entfaltete.
»Wie viel zahlst du an Steuern?«, fragte ich.
»In Liget achtundfünfzig Pengő, in Uszka zweiundsiebzig«, erwiderte er.
»In Uszka? Was machst du in Uszka?«
»Die sieben Joch Land habe ich von einem Bauern aus Uszka gekauft, ein Teil meines Landes ist dort.«
»Was musst du sonst noch zahlen?«
»Weidepacht fürs Treibvieh, jeweils neunzehn Pengő, nach vier Tieren macht das insgesamt sechsundsiebzig Pengő. Der Schäferlohn sind fünf Achtel Leben, das sind, sagen wir, sechs Pengő, dazu achtzig Fillér Bundschuhgeld und ein Viertel Kilo Speck, in Geld ist das nach vier Tieren ein Pengő sechzig, dazu noch zwei Liter dicke Suppe und nach der Sau einen Pengő. Eberhaltung drei fünfzig. Für drei Joch beanspruchtes Nutzland muss ich hundertdreißig Pengő zahlen, habe ich aber noch nicht … der Priesterlohn ist ein Zentner Weizen und vierzehn Kilo Mais.«
Ein solch armes Leben verschwimmt vor unseren Augen. So fern ist es von unseren Lebensmöglichkeiten. Wörter, die selbst im Märchen unverständlich wären: Weidepacht, Treibvieh, fünf Achtel Leben, Bundschuhgeld, Eberhaltung, beanspruchtes Nutzland, Priesterlohn, in fünf Zeilen sieben Begriffe, die erklärt werden wollen. Deshalb ist es auch in der Politik so schwierig, sich mit dem Leben des kleinen Mannes zu beschäftigen, weil die Politik von Männern gemacht wird, die das Leben der Massen kaum kennen. Es gibt nur eines, anhand dessen sich der Kulturmensch orientieren kann: Zahlen.
Ich addierte die Posten, heraus kamen dreihundertdreiundvierzig Pengő und vierzig Fillér.
»Und wie hoch sind deine Schulden?«, fragte ich.
»Bei der Sonkader Bank fünfhundert Pengő, bei der Nyíridházer Bank tausendzweihunderteinundachtzig Pengő. Zinsen zahle ich nach Sonkád siebzig Pengő, nach Nyíridháza hundertachtundachtzig. Der Kirche von Kispalád schulde ich vier Zentner Weizen, da sind die Zinsen fünfzig Kilo. Unserer Kirche sieben Zentner und siebzig Kilo Zinsen. In Geld ist das vierzehn Pengő vierzig.«
»Deine jährliche Zinslast ist also zweihundertzweiundsiebzig Pengő. Alle Schulden und Zinslasten sind in einem Jahr insgesamt sechshundertfünfzehn Pengő und vierzig Fillér«, stellte ich fest.
Das bedeutete für ihn monatlich fünfzig Pengő an Bargeldlasten, Sommer wie Winter.
So aufgedröselt konnte man schon etwas damit anfangen. Bei den heutigen Verhältnissen ist es selbst für einen Stadtmenschen nicht einfach, monatlich fünfzig Pengő in barem Geld zu bezahlen. Der Lohn eines Kleinbeamten bewegt sich zwischen hundert und zweihundert Pengő – davon fünfzig Pengő für Betriebskosten, Steuern und Zinsen abzugeben, würde das Leben sehr belasten.
»Und wie hoch sind deine Einnahmen? In einem Jahr? Von deinem Land?«
»Das kann ich nicht sagen.«
»Wie viele seid ihr?«
»Ich habe fünf Kinder. Meine Frau und ich, also sind wir zu siebt.«
»Wie viel braucht ihr für ein Jahr? Von wie viel Geld lebt ihr in einem Monat?«
»In einem Monat? … In einem Monat brauchen wir drei Zentner Weizen. Aber davon gehen noch einundzwanzig Kilo für den Zoll ab und fünfzig Kilo Kleie. Es bleiben hundertneunundzwanzig Kilo Mehl. Aber nur, wenn ich vier Zentner mahlen lasse. Für das Mahlen muss ich zwei Pengő in Geld bezahlen.«
»Das ist nur das Mehl. Brot und Teigwaren. Was braucht ihr noch?«
»Salz. Jede Woche ein Kilo. Petroleum und Zündhölzer. Alles andere wächst schon. Kartoffeln – nur im letzten Jahr gab es keine. Letzten Winter haben wir nur drei Zentner Kartoffeln gegessen, weil es nicht mehr gab … Bohnen gibt es genug. So viel, dass wir sie kaum aufessen können, obwohl es bei uns immer nur Bohnen mit Bohnen gibt. Kohl hatten wir so viel, wie wir brauchten. Sonst haben wir nichts. Kein Futter fürs Vieh.«
»Wie sieht es mit der Kleidung aus?«
»Dafür reicht’s nicht. Mehr als vierzig bis fünfzig Pengő war es nicht, was meine Frau im ganzen Jahr dafür ausgegeben hat. Im Herbst sieben Paar Schuhe, aber davon waren nur drei Paar neu, der Rest Reparaturen, trotzdem hat alles zusammen achtzig Pengő gekostet. Und ein Kopftuch hat sich die Arme gekauft, für fünf sechzig.«
»Ihr selbst verbraucht also«, sagte ich, »im ganzen Jahr nicht mehr als fünf- bis sechshundert Pengő.«
»Wir essen ja auch nur den letzten Rest von dem, was der Boden hergibt«, antwortete er. »Alles andere geht für Steuern und Zinsen weg. Bezahlen können wir sie trotzdem nicht.«
Er zahlte sechshundert Pengő an Steuern und an Zinsen für den Kredit, den er aufgenommen hatte, um Land zu kaufen. Die Summe, die seine siebenköpfige Familie im Jahr verbrauchte, belief sich ebenfalls ungefähr auf sechshundert Pengő. Er sprach die Wahrheit, wenn er sagte, dass er selbst nur den letzten Rest von seinem eigenen Ertrag aß. Dessen besten und größten Teil musste er verkaufen, damit er die Zahlungen leisten konnte. Auch wenn wir uns nicht wirklich in sein Leben hineinversetzen können, ist es doch deutlich spürbar, wie schwer sein Schicksal ist. In einem Jahr hatte seine Frau nichts als ein Kopftuch für fünf Pengő sechzig bekommen, außerdem durfte sie sich noch die Schuhe reparieren lassen. Eine Frau, die von früh bis spät, vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl arbeitete, bekam im ganzen Jahr nichts als ein Kopftuch, ein Kopftuch für fünf Pengő, wobei sie sechshundertfünfzehn in bar bezahlen musste. Diese Umrechnungen halfen, mich dem Leben dieser Menschen zu nähern. Tagein, tagaus Bohneneintopf, sogar Kartoffeln sind fast unerreichbar: drei Zentner Kartoffeln für sieben Personen für einen ganzen Winter.
Aber vielleicht hatte er ja nicht alles erzählt?
»Was bekommst du für das Vieh?«, fragte ich ihn.
»Nichts«, erwiderte er. »Ein hundertfünfundachzig Kilo schweres Schwein habe ich für hundertfünfundzwanzig Pengő verkauft. Das Kleinere haben wir für uns geschlachtet. Als ich von daheim losgefahren bin, war noch ein bisschen vom Fleisch übrig. Seit ich hier bin, hatte ich eine Woche Arbeit, habe meiner Frau fünfzehn Pengő geschickt und ihr geschrieben, sie solle zwei Ferkel kaufen, wenn irgend möglich.«
Er überlegte.
»Deshalb wollte ich mein Leben erzählen«, sagte er schließlich. »Schreiben Sie bitte in der Zeitung darüber. Oder in einem Roman. Sollen die Herren ruhig sehen, wie ungerecht es zugeht. Früher war das Leben besser. Ich habe mein ganzes Leben erzählt, weil man daraus sehen kann, dass ich früher glücklich war.«
»Dein Leben? Glaubst du, du hast dein ganzes Leben erzählt?«
»Ergänzen Sie, wo noch was fehlt.«
»Nein, György Joó, ich werde nichts ergänzen, sondern du gehst jetzt, und wenn du wiederkommst, erzählst du mir Stück für Stück dein Leben. Aber mit allen Einzelheiten, so wie es sich zugetragen hat.«
»Wort für Wort?«, fragte er.
»Genau. Überleg dir bis zum nächsten Mal, wie deine Zeit als Jungknecht war. Du musst mir die kleinste Kleinigkeit erzählen, alles, was dir nur einfällt.«
»Einverstanden. Wann soll ich kommen?«
»Morgen.«
»Ob ich morgen kommen kann, weiß ich noch nicht, man hat mir eine kleine Arbeit in Aussicht gestellt.«
»Komm nur her, wenn du dich bei mir als Erzähler verdingst, verspreche ich dir einen höheren Tageslohn.«
Er schüttelte den Kopf und sagte:
»Wenn ich die Arbeit bekomme, darf ich sie nicht verschmähen. Reden können wir auch am Sonntag. Und bei der Arbeit kann ich schon mal darüber nachdenken, wie alles war.«
»In Ordnung«, sagte ich.
Das war unser erstes Gespräch über György Joós Leben.
darüber, wie glücklich das Leben einer kleinen Halbwaise sein kann
Da mein Vater, der Ärmste, so früh gestorben ist, hat mich niemand mehr geschlagen, nur der Lehrer. Der hat mich ein paarmal verprügelt.
Das war der zweite Lehrer, der erste, der alte Lehrer Kallós, der hat sich nicht um uns geschert. Er hat immer gesagt, ein Bauer sollte nicht so viel wissen, dass ihm davon der Schädel brummt.
Ich bin sechs Jahre zur Schule gegangen, habe aber nur die dritte Klasse abgeschlossen. Jede davon musste ich wiederholen. War kein besonders guter Schüler. Lesen und schreiben konnte ich sehr gut, aber rechnen mochte ich nicht. Ich war so ein verspieltes Kind, habe gerne still dagesessen und den Großen zugehört, das hat mich interessiert, und ob es in den Bäumen Amselnester gab.
Ich war die Stütze meiner Mutter, sie hat immer mit mir besprochen, was zu tun ist. Auch das Dach habe ich decken lassen, als ich zwölf war, weil Vater es uns so hinterlassen hat, dass es überall hineinregnete. Unser Haus hatte ein großes Strohdach, aber das Stroh war schon verwittert, und einen Teil hatte Vater verfüttert. Ja, als es im Frühjahr kein Viehfutter mehr gab, verfütterte er das Stroh vom Dach an die Kühe. An die drei Rinder, die uns der Gerichtsvollzieher zurückgebracht hat, muss meine Frau jetzt auch das Stalldach verfüttern. Nach der Ernte werde ich den Stall schon irgendwie wieder decken können.
Als ich also merkte, dass mir im Haus der Regen auf die Nase tropft, habe ich Mutter so lange nicht in Frieden gelassen, bis sie das Dach schließlich hat decken lassen. Unser Haus hat eine gute Lage, mitten im Dorf, nur war es ein bisschen in die Erde gesunken. Es war nämlich nicht unterkellert, und als die Sohlenbalken morsch wurden, drückte das Dach die Pfeiler in die Erde. Man musste immer wieder Erde aus dem Zimmer hinausschaffen, und das Haus konnte man nur betreten, wenn man sich bückte, nur so kam man in die kleine Küche.
Aber wir haben das Häuschen schön in Ordnung gehalten. Wir haben jeden Tag gefegt, zumindest die Mitte des Zimmers. Manchmal, wenn wir keine Zeit hatten, habe ich nur alles rasch unters Bett gefegt, aber am Sonntag haben wir immer allen Müll hinausgebracht. Meist habe ich gefegt, schon damals hatte ich es gern, wenn es um mich herum sauber war. Wie wir uns gewaschen haben? Wir hatten keinen Brunnen, haben das Wasser vom Nachbarn geholt, aber wenigstens die Augen habe ich mir jeden Morgen gewaschen, ich mag es nicht, wenn sie verklebt sind. Im Sommer haben wir dann gebadet, sind im Wasser herumgesprungen.
So habe ich gelebt, solange ich in die Schule ging. Niemand hat mir irgendwas befohlen, niemand hat sich um mich gekümmert, meine Mutter hat mich geliebt, nie gerügt, sich nur um mich gesorgt. Mein Bruder Gedeon ist bald von zu Haus fortgegangen, weil er die Landarbeit nicht leiden konnte, wenn der Acker gehackt oder das Feld gemäht werden musste, hatte er immer Kopf- oder Bauchschmerzen, aber sobald die Ernte kam, war er sofort bei den Maschinen und von dort nicht wegzubekommen, den ganzen Sommer über, wie ein Heizer. Er hat mich auch nie gescholten oder geschlagen, wir hatten einander sehr gern.
Der zweite Lehrer war Márton Piri. Der hat sich schon mehr um mich gekümmert, dem durfte ich das Rind füttern, morgens und abends, er hatte mich gern, hat mich aber auch einige Male verprügelt.
Ja, er hatte nämlich zwei Töchter, Márta Piri und Éva Piri. Márta, die größere, mochte ich sehr. Ich habe gerne mit ihr gespielt, und wir waren oft zusammen, denn nachdem die Kinder aus der Schule nach Hause gegangen sind, bin ich ja dageblieben und habe mich um das Rind gekümmert, da haben wir beide eben viel gespielt. Wir sind auf den Heuboden gegangen, um Eier zu suchen, balgten uns und tobten im Heu herum. Dort hat sie mir das Küssen beigebracht. Das habe ich schneller gelernt als das Einmaleins. Viel mehr habe ich in der Schule nicht gelernt.
»Na, Kinder«, hat der Lehrer kurz vor Ostern gesagt, »wenn ihr Erdbeerblätter mitbringt, macht Márta schöne Ostereier für euch.«
Da sind wir aufs Feld gegangen, zu den Erdbeeren, die schon Blätter hatten, und haben dem Lehrer einen Korb Eier mitgebracht. Márta hat es dann auch gemacht, sie war wirklich geschickt. Sie klebte die Erdbeerblätter mit Eiweiß auf die Schale und legte die Eier in die Rotholzbrühe. So etwas haben wir zuvor nie gesehen, bei uns bemalte man die Eier sonst nur. Sogar unsere Namen standen auf den Eiern, und Márta gab mir das schönste, weshalb ich dann auch versprach, ihr dafür ein Wildentenei zu bringen.
Damals war der Batár breit, führte viel Wasser, und es gab viel Schilf, in dem die Enten gerne nisteten. Statt zur Schule gingen wir dorthin und holten die Eier aus den Nestern. Wenn jemand welche fand, riefen wir: »Gib mir auch eins, gib mir auch eins«, aber zum Schluss zerbrachen sie meist.
Einmal ging ich Karfreitag zum Batár. Ich fand zwei Entennester, in dem einen war ein Ei, in dem anderen waren drei Eier. Da hatte ich also schon vier. Und woanders sah ich die Wildente auffliegen, ich ging hin, da waren fünf Eier, aber die Ente hatte sie, als sie losgeflogen war, alle fünf eingedrückt. Trotzdem brachte ich an dem Tag an die siebzehn Eier mit.
Fünf Stück, die schönsten, gab ich Márta. Sie freute sich sehr, und da geschah es zum ersten Mal, dass der Lehrer mich wegen ihr schlug.
Márta hatte noch eine jüngere Schwester, Éva, aber die mochte ich nicht, denn sie war neidisch. Sie gönnte mir Márta nicht. Als wir uns über die Eier anfreundeten, bekam ich wieder einige Küsse von ihr, und Éva ertappte uns, sagte, sie würde es ihrem Vater sagen, und da zog ich sie am Ohr.
Sie sagte es dem Vater, und der Herr Lehrer erteilte mir dann auch gleich eine Lektion und verprügelte mich kräftig. Mir machte es aber nichts aus, ich sagte zu Márta, es gibt da eine Ulme im Wald, auf der wohnt irgendein Vogel, ich werde hingehen und ihr ein Ei holen.
Ich gehe hin und sehe, es ist ein großer, knorriger Baum, mit drei großen Löchern. Als ich hinaufklettere, fliegt ein großer grauer Vogel weg. Vor Schreck ergreife ich ihn, will ihm den Hals umdrehen, aber der ist so stark, dass ich nicht mit ihm fertig werde. Im Nest liegen zwölf Eier, die will ich holen, aber der Vogel schlägt mit den Flügeln um sich, und dann kommen noch vier weitere, die mich verscheuchen wollen.
Ich konnte mich kaum in Sicherheit bringen, so wild waren die, sie hätten mir fast die Augen ausgeschlagen. Ich weiß nicht, was das war, nie wieder habe ich einen solchen Vogel gesehen, es muss wohl ein Seeadler oder so gewesen sein.
Ich brachte die Eier zu Márta, konnte sie ihr aber nur heimlich geben, wir durften uns ja nicht treffen. Bei dem hinteren Heuboden gab es ein Loch in der Wand, dort kletterte ich hinauf, und als ich oben war, tat ich, als wäre ich ein Steinkauz: Kuwitt, kuwitt … Da wusste sie, dass ich es war, kam hinauf, und ihr Vater und ihre Schwester hätten im Traum nicht gedacht, wie gut wir uns da oben im Heu mit den Eiern die Zeit vertrieben.
Du lieber Gott, was für ein schönes Leben das war.
Einmal wollte ich Márta Sauerkirschen bringen. Es gab am Batár-Ufer einen großen Obstgarten. Ich kletterte auf den Baum und pflückte die Kirschen. Die brachte ich ihr dann. Natürlich freute sie sich, aber wir konnten nicht zusammenbleiben, weil ihre Mutter kam, ich rannte weg, zurück zum Batár, um zu baden. Da waren schon an die fünf Jungs, Gyuri Orbán, Jóska Krajczár, István Bátor und ich weiß nicht, wer noch. Und dann stahl uns ein alter Mann die Hemden.
»Haben Sie vielleicht unsre Hemden gesehen?«, haben wir ihn gefragt.
»Sagt mir erst, wer die Kirschen gepflückt hat«, antwortete er.
»Das wissen wir nicht.«
»Dann gibt’s auch keine Hemden, ihr könnt ruhig nackt heimgehen.«
Wir sprangen zurück ins Wasser. Da sah ich, dass unsere Hemden auf einem Baum hingen. Ich schlich mich hin, zog meins herunter, streifte es über, und fort war ich. Die anderen mir hinterher.
Der Alte krakeelte, dass er uns dem Lehrer verraten würde, da bewarfen wir ihn mit Erdklumpen.
Er hat es ihm dann auch erzählt, und der Lehrer ließ uns zu sich kommen und verprügelte uns wieder. Márta musste zusehen, als er mich versohlte, denn es kam heraus, dass sie die Kirschen gegessen hatte.
Zu Pfingsten verließ ich die Schule, aber Márta vergaß ich bis zum Herbst nicht. Im Herbst brachte ich ihr Walnüsse, wir hatten ein paar Säckchen voll unter den Bäumen der anderen gesammelt. Als wir gerade so schön dabei waren, hörte ich, wie eine Alte über Gyuri Füles herfiel. Ich sah sie an und merkte, dass es Rezsus war, die Schwägerin meiner Patin.
»Du wirst schon sehen, ich zeig dich beim Lehrer an«, sagte sie nun zu mir.
»Der Lehrer hat mir nicht mehr zu befehlen«, antwortete ich.
Die Nüsse brachte ich heimlich zu Márta in die Scheune und kauzte ihr zu. Sie kam dann auch, und ich gab ihr die Nüsse, aber ihre Schwester Éva nahm die Leiter weg, und da erwischte uns der Vater. Wieder verprügelte er mich.
»Teufel auch!«, dachte ich, »Das ist aber nun doch ein bisschen zu viel.«
Das war gerade die Zeit der Maisernte, Mutter und ich gingen auch aufs Feld. Aber ich hatte keine Lust zu arbeiten, weil mir alle Knochen wehtaten. Ich wollte mich nur mit den anderen Kindern ins Maisfeld legen.
»Kommt raus, ihr Bengel, wo steckt ihr denn?«, rief man uns.
Ich prügelte mich gerade mit István Bátor, einem Kameraden. Wir schlugen mit Stöcken aufeinander ein.
Da ging ich zurück zu Mutter.
»Mutter, ich gehe baden«, sagte ich zu ihr.
»Geh nicht, sonst seid ihr bis zum Abend verschwunden«, sagte sie.
Es war warm.
»Mutter, ich gehe baden, der Batár steht nicht hoch.«
Das habe ich gesagt, weil das Wasser im Fluss gerade anstieg. Sie sollte sich keine Sorgen machen.
Ich ging zum Feld des Lehrers, hoffte, Márta zu sehen. Vielleicht musste sie ja auch auf dem Feld arbeiten. Da am Batár-Ufer gab es einen großen Wildbirnbaum, ich kletterte hinauf, pflückte ein paar Birnen und schaute mich um, ob ich sie irgendwo sah.
Da kam eine Frau vorbei, Ágnes hieß sie, sie wohnte neben der Kirche.
»Ach, mein Junge, der Batár ist gestiegen, komm und zieh mir den Hanf aus dem Wasser«, sagte sie.
Ich ging mit ihr, doch der Batár stand schon arg hoch.
»Das mache ich nicht, das Wasser spült mich fort«, sagte ich.
Ihr Hanf war noch an den Pfählen befestigt, schwamm aber schon an der Wasseroberfläche.
»Wir binden ein Seil dran«, sagte sie.
Sie holte einen Bootshaken, mit dem ich dann versuchte, den Hanf zu fassen, was mir auch gelang. Bloß dass das Seil, das die Bündel untereinander und mit den Pfählen verband, riss, und sich der Hanf löste. Da mussten wir uns aber abmühen, dass wir all den Hanf herausfischen und bis zum Abend doch noch ans Land bekommen konnten.
»Ach, mein Junge«, sagte sie zu mir, »weißt du, ein apfelbutzengroßer Junge ist mehr wert als ein ganzer Wagen voller Frauen.«
Es war schon Abend, als ich heimkam.
»Wo warst du?«, fragte mich Mutter.
»Ich habe der guten Ágnes geholfen, ihren Hanf aus dem Fluss zu ziehen.«
Das besänftigte sie, und sie schlug mich nicht.
Am nächsten oder einem der darauffolgenden Tage sagte eine andere Frau, Martella Kis, zu mir, sie bräuchte jemanden, der für sie nach Feketeardó ginge, um Äpfel zu holen.
Ich war damals noch nie außerhalb des Dorfs gewesen, nur beim Markt in Újlak. Ich freute mich sehr, nun in die Welt hinauszuziehen. Feketeardó liegt in einem anderen Komitat, vier Dörfer von unserem entfernt. Das ist schon das Komitat Ugocsa. Martella Kis erklärte mir, dass ich in Feketeardó einen bestimmten Berghirten suchen müsse, der würde mir einen Sack Äpfel geben. Ich vereinbarte mit einem Freund, Ferkó Vastag, dass wir gemeinsam gehen würden, wir sollten jeweils einen Sack mitnehmen, so würde jeder von uns zehn bis zwölf Kilo tragen können.
Mutter sagte ich nichts, sie hätte mich nicht fortgelassen, sondern wir sind ganz früh am Morgen losgegangen und waren zu Mittag dann auch schon in Feketeardó.
Wir stiegen auf den Berg und sahen in der Ferne Walachen, die in großen Töpfen etwas kochten. Was machen die wohl, fragten wir uns und wollten der Sache auf den Grund gehen.
Zwischen ihnen und uns lagen drei Weingüter, die überquerten wir, und schon waren wir da.
Zuerst sagten die Walachen kein Wort. Irgendwann meinte der eine:
»Was wollt ihr?«
»Wir wollten sehen, was Sie machen.«
Darauf sagten sie wieder nichts, aber wir sahen, dass es Pflaumenmus war, was sie kochten. Das war für uns ungewohnt, weil man bei uns das Pflaumenmus nicht in Töpfen, sondern in Kesseln einkocht, die man über eine in die Erde gegrabene Kuhle hängt, in der das Feuer brennt. Aber die hier haben es in Tontöpfen, nur mit Holzfeuer, gekocht. Wie kann es sein, dachte ich, dass die Menschen so unterschiedliche Gewohnheiten haben.
Plötzlich kam der Waldhüter auf uns zu.
»Was fällt euch ein, einfach durch den Wein zu gehen? Ich bringe euch nach Feketeardó auf die Wache.«
Da erschraken wir gewaltig.
»Tun Sie uns bitte nichts, wir kennen uns hier nicht aus, wir kommen aus Magosliget.«
Eine Weile spielte er noch mit unserem Schrecken, dann sagte er:
»Na, macht, dass ihr fortkommt, aber fasst ja nichts an.«
Wir gingen weg und suchten den Berghirten, von dem Martella Kis gesprochen hatte. Er war nicht zu Haus, wir warteten und warteten, es war Mittagszeit, aber keiner bot uns etwas zu Essen an, dabei hatte seine Frau gekocht. Martella Kis hatte gesagt, wir würden dort zu essen bekommen, aber der Frau Hirtin kam es gar nicht in den Sinn. Da pflückten wir Zwetschgen, standen herum, sahen uns um. Das Wetter war schön, der Berg war schön, bei uns gibt es keine Berge, nur Flachland, es gibt auch keinen einzigen Weinstock, nur beim Herrn Pfarrer gibt es eine weinberankte Laube. Wir lauschten dem Quinkelieren der Vögel, und ich schnitzte aus einer Nuss für Márta ein schönes rasselndes Spielzeug. Wir waren wie Lämmer, weideten im Gras.
Da kommt der Waldhüter, erblickt uns und ruft:
»Was sucht ihr denn immer noch hier?«
Das war also der Berghirte, zu dem wir gekommen waren.
Wir erzählten ihm, dass Martella Kis uns zu ihm geschickt hatte, um Äpfel zu holen.
Daraufhin sagte er:
»Jetzt kann ich euch keine geben, ich lasse es ihr ausrichten, wenn es welche gibt.«
Na, das war was. Dafür haben wir die Reise durchs halbe Land gemacht.
Dann fragte der Waldhüter:
»Und wo wollt ihr schlafen?«
Schlafen sollten wir dort also auch noch? Wir brachen lieber auf. Aber es war schon spät, gleich würde es Abend werden, und Magosliget lag weit weg. Aber wir wollten nicht bleiben, sind mit den leeren Säcken weggerannt.
Wir stiegen den Berg hinab, immer zwischen den Bäumen, denn es gab keinen Weg, man musste ihn sich im Gras zwischen den Obstbäumen suchen, und da kamen wir an einem Apfelbaum vorbei. Er trug wirklich schöne Äpfel. Ferkó ist gleich hinaufgeklettert und hat ihn geschüttelt.
Also gingen wir doch nicht mit leeren Händen nach Hause. Wir befüllten die Säcke, wie wir nur konnten.
Später fanden wir auch noch schöne Birnen, die wir pflücken wollten. Da tauchte ein Mann auf. Wir bekamen einen tüchtigen Schreck, rannten los und ließen alle Birnen liegen, die wir vom Baum geschüttelt hatten. Dann sahen wir aber, dass der Mann gar nicht dorthin ging, wo wir gewesen waren, und dass er gar nicht uns suchte.
Wir entdeckten ein Weinfeld mit schwarzen Trauben. Das wollten wir uns mal näher ansehen.
Wir kosteten eine Traube, doch war sie noch sehr sauer. Also gingen wir weiter.
Da sahen wir, wie in einem Haus gerade die Herrschaften vesperten. Es war ein schönes Haus mitten im Wein, wir gingen unter den Bäumen entlang, von hier hatte man einen guten Blick ins Haus, wir blieben stehen und sahen ihnen lange zu. Es waren an die fünfzehn Leute, Herren und Fräulein, und wir sahen sie immerzu nur an. Solche hatten wir noch nie zuvor gesehen, denn unser Gutsherr, Arvéd Salánky, wohnte nicht im Dorf, er hatte sich da kein Schloss bauen lassen, nur mit seinen großen Grundstücken war das Dorf voll und mit den kleinen alten Gesindehäusern. Das Dorf war früher nämlich nicht dort, wo es jetzt ist, sondern am anderen Flussufer, neben dem Herrenhof, und man ist nur wegen der Hochwasser umgezogen, weil der Herrenhof in letzter Zeit so oft vom Hochwasser heimgesucht wird, dass selbst ein vier Kubik hohes Land nicht trocken bleibt, aber bis ins Dorf kommt kein Tropfen Wasser hinauf. Das Salánky-Schloss sollte ursprünglich auf dem Kirchengrundstück erbaut werden, doch kam es nie dazu, nur für die Kirche zweigte man ein bisschen von dem Land ab. Die Alten erzählen, dass der Glockenstuhl noch lange auf der anderen Seite des Flusses war, solange es das alte Schloss noch gab. So kam es, dass wir nie einen Gutsherrn hatten, der bei uns wohnte und uns hätte zeigen können, wie die Herren leben. Arvéd Salánky hatte zwar einen Bruder, Sámuel Salánky, aber der war lahm und hatte auch nur fünfzig Joch Land. Man sprach ihn als wohlgeboren an, aber die Wohlgeborenheit merkte man ihm nicht an, sein Dach war so löchrig, dass die Katze zwischen den Schindeln ein- und ausspazieren konnte.
Es gefiel uns gut, wie die Herren lebten. Sie bewegten sich so schön unter den schönen Bäumen. Man merkte, dass sie noch nie in ihrem ganzen Leben gearbeitet hatten, sich nur immer recht hübsch kleiden und auf sich achten mussten. Gut essen, trinken, mit schönen Frauen schön zusammen sein, das habe ich zum ersten Mal gesehen und bestaunte es auch ordentlich. Márta war ja auch eine junge Dame, als sie von uns wegging, studierte sie, und jetzt ist sie irgendwo Lehrerin. Doch ich dachte mir, von diesen jungen Damen würde wohl keine mit mir auf den Heuboden gehen.
Es gab da einen wunderschönen Apfelbaum, voller roter Äpfel, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Von dem pflückten wir auch noch ein paar, und dann gingen wir weiter, weil es schon recht auf den Abend zuging. Als wir Feketeardó durchquerten, sahen wir Walachinnen fischen. Wie Frauen mit Zugnetzen fischen, haben wir auch noch nie gesehen, sie trugen nur kurze Leinenröcke, so standen sie da im Wasser.
Wir sammelten ein paar kleine Erdklumpen und bewarfen sie damit. Sie riefen, das werdet ihr uns noch büßen, gemeine Bengel.
Ich lachte nur über sie, dass sie so schlampige Elendsweiber waren, die selbst fischen gingen. Also ein Herr wäre ich jederzeit gern geworden, aber niemals eine Walachin.
Auf einmal ging die Sonne unter, wir erschraken gewaltig und rannten los. Wir rannten, bis wir aus der Puste waren, dann gingen wir die Sache langsamer an. Es wird wohl schon abends um zehn oder gar Mitternacht gewesen sein, als ich zu Hause ankam. Mutter stand draußen am Gartentor, sie konnte nicht schlafen, so besorgt war sie.
»Wo warst du, mein Junge?«, fragte sie.
»Martella Kis hat mich nach Feketeardó geschickt, um Äpfel zu holen.«
Sie war tüchtig erschrocken, dass wir so weit gegangen waren, nie hätte sie das gedacht, sagte sie, es sei gut, dass sie es nicht gewusst habe, sonst wäre sie vor Sorge umgekommen.
Am Tag darauf kam Martella Kis wegen den Äpfeln. Wir sagten ihr, dass der Waldhüter uns nichts gegeben, ja, uns fortgejagt habe und dass das, was wir mitgebracht hatten, unser eigener ehrlicher Verdienst sei, das hätten wir für uns selbst geklaut und würden ihr davon keinen einzigen abgeben.
Sie wurde sehr wütend auf den Waldhüter.
»Soll der mich bloß noch mal nach Holz fragen«, sagte sie.
Denn sie hatte ein altes Weinfeld in Feketeardó, aber Wein wuchs darauf keiner mehr, nur ein paar alte Obstbäume. Da hatte es einen abgestorbenen Apfelbaum gegeben, den der Waldhüter ihr abgeschwatzt hatte, mit dem Versprechen, ihr im Herbst im Tausch einen Sack Äpfel zu geben. Diesen hätten wir nun abholen sollen.
Ihre Äpfel hatten wir nicht schleppen müssen, aber das war uns ganz recht, sie hätte uns sowieso nur zwei oder drei davon abgegeben. Wir hatten uns selbst welche besorgt, aber als sie uns später wieder zu dem Waldhüter schicken wollte, gingen wir nicht.
Und was habe ich wohl mit den Äpfeln gemacht?
Ich brachte den ganzen Sack zum Scheunenboden des Lehrers und versteckte ihn im Heu. Aber als ich kuwitt, kuwitt rief, kam nicht Márta, sondern ihr Vater die Leiter herauf.
»Was suchst du hier?«, fragte er und versohlte mich unsäglich.
»Du glaubst wohl, dass meine Tochter zu dir passt? Ich nehme dich gleich und werfe dich hinunter, dass es dir Arme und Beine herausreißt, so dass du für den Rest deiner Tage als Bettler leben musst.«
Der Arme tat mir wirklich leid, er war vor Wut ganz grün und blau. Er warf mich nicht, ich kletterte rasch selbst hinunter und rannte weg.
Als es dämmerte, stieg ich wieder hinauf, doch blieb ich diesmal still und wartete, bis ich Márta auf dem Hof entdeckte. Ich warf ihr einen Apfel hinunter. Sie blickte hinauf, dachte sich gleich, dass ich es war, und kam bald zu mir. Da aßen wir den Apfel gemeinsam auf. Nach diesem Tag verstellte ich mich nie wieder als Steinkauz, nur noch als Katze und auch das nur, wenn Márta auf dem Hof war.
So ein schönes Leben hatte ich als Schuljunge. Wie schön die Welt damals war, und wie viele Kinder es gab. In jedem Haus gab es fünf oder sechs, manche hatten sogar neun, auch zwölf kam schon mal vor.
Das gibt es jetzt nicht. Auch wenn die jungen Leute heiraten, Kinder haben sie keine. Alle sagen sie: Wozu auch? In dieser elenden Welt?
Ich habe noch fünf Kinder, denn als ich geheiratet habe, war ich stolz darauf, ein Ungar zu sein, und wusste nicht, was für harte Zeiten kommen würden.
Und na ja, ein bisschen faul war ich wohl auch.
darüber, wie wunderschön und interessant das Leben eines Jungknechts ist
Eine Zeit lang war ich draußen auf der Puszta als Jungknecht, zusammen mit Gábor Krajczár und Gyuri Orbán. Gábor Krajczár kam später nach Budapest, wurde Zeitungsjunge und fiel im Krieg. Gyuri Orbán lebt immer noch, hat das Amt seines Vaters übernommen, ist Gemeindediener geworden. Der hat sehr viele Kinder, sieben oder gar acht, und weiß nie, wie sie heißen.
Eines Tages gab es ein gewaltiges Unwetter.
Es hagelte richtige Eisbrocken, die den Boden bald knöchelhoch bedeckten. Wir steckten die Köpfe in die Spreu, um nicht erschlagen zu werden. Gábor und Gyuri sahen nach den Ochsen, ich kümmerte mich um die Pferde. Nach dem Pflügen hatte man uns zu den Pferden geschickt. Hundertachtzig Pferde waren uns anvertraut, an einem Tag war ich bei ihnen, an einem anderen ein anderer, aber es gab keinen Pferdehirten oder sonst wen, nur uns Kinder. Wir mussten die Herde beisammenhalten.
An dem Tag waren wir in Győrtelek, das war damals noch kein Ackerland, sondern mehr als zur Hälfte Weide. Der Wolkenbruch kam so plötzlich, dass es kein Entkommen gab. Ich stellte mich vor die Pferde, aber das Wetter trieb sie aufs Feld vom Nachbarn Bornemissza, sie waren nicht aufzuhalten. Dort richteten sie einigen Schaden an, aber als das Wetter sich beruhigt hatte, trieb ich sie schleunigst fort, und keiner bemerkte, dass es die Pferde gewesen waren.
Dann kamen Gyuri Orbán und ich wieder zusammen, beide tropfnass. Wir zogen uns aus und hängten unsere Sachen an den Schlehdornbusch zum Trocknen.
Da kam der Flurschütz, der alte Illyés.
»Wie geht’s euch, Kinder?«, fragte er.
»Gut, wir haben nichts abbekommen.«
»Und was ist mit euren Sachen?«
»Die trocknen.«
Zu der Zeit reiften die Melonen, aber der Flurschütz wollte uns nie mehr als eine halbe geben. Wir baten ihn trotzdem, er gab uns eine, die er vorher teilte.
»Da, lasst’s euch schmecken.«
So bekam jeder von uns wieder nur eine Hälfte.
Als wir sie aufgegessen hatten und Illyés gegangen war, sagte Gyuri Orbán:
»Komm, wir holen uns ein paar Melonen.«
Das Melonenfeld lag gleich hinter dem Schafstall, wir mussten kaum zwanzig Schritte gehen, und schon waren wir da. Wir schleppten bestimmt zehn Stück in den Stall und aßen sie schön gemächlich auf.
Es merkte keiner.
Das war die Zeit, als ich langsam zum erwachsenen Menschen wurde und mitbekam, wie andere leben, davor war ich ja nur so ein Kind gewesen, das auf nichts achtet, nur vor sich hinlebt wie ein Welpe auf dem Hof.
Ich war nämlich aus eigenem Entschluss Jungknecht geworden. Mein Bruder, Gedeon, war nach Budapest gegangen, als Lehrling. Wir hatten einen Onkel in Budapest, Onkel Bálint, der hat ihm eine Lehrstelle besorgt. Als Gedeon noch zu Hause war, kam eines Morgens der Vogt von Salánky zu uns und sagte, Gedeon solle sich bei ihm als Jungknecht verdingen. Der sagte, das mache er nicht, denn er werde Lehrling in Budapest. Da steckte ich den Kopf aus den Federn und rief, dass ich gehen wolle.
Er stellte mich ein, musste aber tüchtig lachen, ich war ja dünn wie ein Schilfrohr, und er fragte dann auch, ob ich mich nicht fürchte, vom Wind weggeblasen zu werden.
»Der bläst mich schon nicht weg«, sagte ich.
Wir vereinbarten, dass ich bis zum Andreastag bei ihm arbeiten würde, und wenn der Schnee schon eher fallen würde, dann bis zum ersten Schnee.
Manchmal kam der alte lahme Wohlgeborene, Sámuel Salánky, aufs Feld. Arvéd Salánky, den Hochgeborenen, stellten wir uns so vor wie Gott, den man nie sieht. Er war Obergespan in Nagyszőlős, wohnte auch da, bei uns erteilten nur seine Leute die Befehle in seinem Namen. Aber der lahme Hochgeborene, der zeigte sich.
Er hatte eine alte blinde Mähre, die er selbst zu den anderen Pferden brachte.
»Junge«, sagte er zu mir, »hüte das Pferd, und du bekommst Aprikosen von mir.«
Das sagte er jedes Mal, brachte aber nie etwas mit. Und ich hütete sein Pferd. Einmal kam er und sagte wieder:
»Junge, hüte das Pferd, und du bekommst Aprikosen von mir.«
Und ging. Nun war ich aber mächtig wütend auf ihn, dass er mir immer Aprikosen versprach und nie welche brachte, und als er sich schon ein gutes Stückchen entfernt hatte, gab ich der blinden Mähre mit meinem Stock einen tüchtigen Hieb auf den Kopf. Da brach sie zusammen. Ich erschrak, aber es war nichts passiert, es hatte sie nur der Schwindel gepackt. Ich half ihr auf die Beine, sie sah mich mit ihren blinden Augen an, so traurig, dass sie mir sehr leidtat. Nie wieder schlug ich sie. Der alter Salánky, diese Schäbe, hätte einen Schlag auf den Kopf verdient, aber einem Pferd habe ich seitdem nie wieder etwas zuleide getan. Ich kann es nicht und will es auch nicht, es tut mir leid, dass es so schwere Lasten durch den Schlamm ziehen muss.
Doch als hätte der Wohlgeborene gespürt, dass mit seiner Mähre etwas nicht in Ordnung war, kam er zurück und sah, wie ich meine Mühe hatte, sie wieder zum Stehen zu bringen. Er wusste nicht, was passiert war, und sagte:
»Ach, Junge, sei vorsichtig, das Pferd ist sehr empfindlich.«
Das glaubte ich ihm aufs Wort, meinen knorrigen Stock hatte es auf jeden Fall gleich gespürt. Es war ein großer Hartriegelstock, den hat man mir im Stall gegeben, mit dem sollte ich die Pferde treiben, er war der eigentliche Pferdehirt. Eine Peitsche trug ich auch um den Hals, doch diente mir nur der Stock.
Da fragte mich der Wohlgeborene:
»Wie heißt du, Junge?«
Ich bedauerte sehr, dass er zurückgekommen war, und fürchtete, dass er den Schädel der Mähre befühlt und den Schlag bemerkt.
»György Joó«, sagte ich, »zu Ihren Diensten.«
»György Joó«, antwortete er, »doch nicht der Sohn des János Joó, der vor ein paar Jahren gestorben ist? Weißt du denn, wer Mátyás Joó, dein Großvater, war? Einer, der ein schönes Stück Land besaß. Du wirst es noch erleben, dass die Adelswelt zurückkehrt und der, der von der Arbeit seiner beiden Hände lebt, nicht einmal mehr die Tagesration Brot verdient.«
Und, ist es nicht so gekommen? Die Herren haben wieder alles in der Hand. Der Arbeiter hat nicht einmal mehr eine Tagesration Brot, denn als die Arbeiter im Winter zur Notstandsarbeit hinausgetrieben wurden, hatten viele nicht einmal ein Stück Brot im Beutel. Dabei war es drei Tage lang so kalt, tagsüber minus zwanzig Grad und nachts gar dreißig. Die Komitatsleitung ließ aus dem Komitat Szabolcs Kartoffeln bringen, drei Wagenladungen, die verteilten sie dann für sechs Fillér das Kilo. Und die Mütter gingen zum Pfarrer, zum Lehrer, um sich dreißig Fillér zu leihen, damit sie ihrer Familie fünf Kilo Kartoffeln kaufen konnten.
»Weißt du, Junge«, sagte Sámuel Salánky, »dass dein Großvater sechs Ochsen hatte und vier Pferde? Weißt du, dass er und dein Vater, als dieser noch ein junger Bursche war, sich im Herbst auf die Tenne stellten und sie bis zum Frühjahr gar nicht mehr verließen? Da verdienten sie auch jeden Tag drei bis vier Scheffel Korn, sie bezahlten Gabler und Säer, und das blieb ihnen noch darüber hinaus.«
»Wohlgeborener Herr«, antwortete ich ihm, »als ich ein kleiner Junge war, noch nicht einmal in die erste Klasse ging, gab es hinten in unserem Garten eine Grube. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal in diese Grube gefallen bin. Im Frühling, wenn die Frösche anfangen zu quaken. Wir gingen in den Garten, bewarfen uns mit Fröschen, und da fiel ich in die Grube, und die anderen hatten Mühe, mich hinauszuziehen. Ich traute mich nicht heim und versteckte mich im Schober, bis ich trocken war. Mir geschah nichts, aber Mutter steckte mich ins Bett, und da musste ich drei Tage bleiben. Da setzte sich Vater zu mir und erzählte mir, was der wohlgeborene Herr mir soeben erzählt hat. Als sie bei Herrn Farkas Salánky das Getreide ausritten, kam dieser zu ihnen und sagte: ›Binden Sie dem Pferd das Maul zu.‹ Sie ritten es mit vier Pferden aus, die einen Scheffel Weizen als Futter bekamen, die Arbeit erlaubte keine großen Pausen, also bekamen die Pferde nur ein bisschen Futter und mussten dann gleich weiterarbeiten. Da nahmen sich die Pferde gern ein Maulvoll von dem Weizen unter ihren Hufen, deshalb sagte Herr Farkas Salánky zu meinem Vater, er solle dem Pferd das Maul zubinden. Da trieb mein Vater die Pferde sofort von der Tenne und machte sich auf den Heimweg.
Herr Farkas Salánky rief ihm hinterher:
›Wo gehen Sie hin?‹
›Hat der gnädige Herr denn schon einmal erlebt, dass dem Arbeiter das Essen verweigert wird?‹, fragte Vater.
›Habe ich nicht.‹
›Nun, das Pferd braucht auch etwas zu fressen.‹
Da rief Herr Salánky ihn zurück, denn damals gab es noch keine Maschine, ja, Pferde gab es vielerorts auch nicht, man hatte nur Ochsen. So habe ich es von meinem Vater gehört.«
Da sagte der alte Sámuel Salánky:
»Du hast ja ein loses Mundwerk. Aber ich sage dir, deinem Vater ist alles Land, was er von seinem Vater geerbt hat, durch die Finger gerieselt. Wenn er sein eigenes Maul zugebunden hätte, hätte er sein Land nicht verloren. Hat er aber nicht, und so ist ihm sein ganzes schönes Land die Kehle hinuntergeflossen.«
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, aber am Abend, daheim, erzählte ich Mutter davon. Die sagte:
»Oh, mein Junge, nicht die Kehle deines Vaters hat das Land verschluckt, sondern die sechs Jahre, in denen er Soldat war, weil ihn Herr Farkas Salánky in die Armee einziehen ließ; in der Zeit ist euer Großvater gestorben, und aus der Hand der Frauen ist das Land so schnell hinausgerutscht wie geschmolzenes Eis. Eis schmilzt, weil die Sonne drauf scheint, und das Land hat Pereszlényi billig aufgekauft. Der Pereszlényi, den die Salánkys unter ihre Fittiche genommen hatten, der größte Teil von seinen achtzig Joch Land stammt aus dem ehemaligen Besitz deines Vaters. Aber er ist noch hungrig, immer noch nicht satt. Auch jetzt sinnt er nur danach, das Waldstück von einem Viertel Joch, das mir von deinem Vater noch geblieben ist, an sich zu reißen.«
Das war die Zeit, als gegen meine Mutter der Prozess um das Vermögen lief.
So kam es, dass der wohlgeborene Sámuel Salánky mir auch später keine Aprikosen brachte, aber die hätte ich gar nicht mehr gewollt. Obst gab es ja genug. Auf dem Weg, auf dem ich die Pferde treiben musste, gab es einen Birnbaum, auf den wir oft hinaufkletterten. Er trug gute Birnen.
Mir packte Mutter jeden Tag einen Proviantbeutel. Ich hatte Brot und Zwiebeln dabei. Manchmal Speck oder Gekochtes im Henkeltopf.
Einmal aß ich Speck mit Brot, da kam ein Mann zu mir, ein Knecht vom Gut, Mihály Gógán hieß er. Er setzte sich neben mich und sah mir zu.
Dann sagte er:
»Mein Junge, gib mir ein kleines Stück Brot.«
Ich sagte ihm, das Ganze sei ja nicht mehr als ein kleines Stück.
»Mag sein, aber denk dir nur: Auf vierzig Jahre habe ich es gebracht und nun habe ich seit drei Wochen kein Brot mehr gegessen.«
Ich wollte ihm aber nichts geben, weil Mutter mir gesagt hatte, ich solle auf das Brot aufpassen und es mit niemandem teilen.
Der Mann erwiderte:
»Ich will es ja auch gar nicht für mich, sondern für meine Tochter Juliska. Das arme Kind tut mir leid, es bekommt auch gar kein Brot mehr zwischen die Zähne.«
Dann legte er sich die Finger an die Kehle und begann darauf zu trommeln. Er schlug den Takt so gekonnt, dass ich nicht schlecht staunte.
Daraufhin gab ich ihm das Brot, das ich noch hatte, er steckte es in seinen Beutel und sagte:
»Besuch uns mal, wir wohnen im unteren Gesindehaus, bei der Mistgrube.«
Ich besuchte sie dann auch, sie wohnten wirklich dort. Er hatte viele Kinder, und Juliska war die Älteste. Sie war ein sehr schönes Mädchen. Sie fragte mich:
»Hast du mir das Brot geschickt?«
»Ja. Aber ich habe es nicht geschickt, denn ich wusste gar nicht, dass es dich gibt. Dein Vater hat mich darum gebeten.«
Juliska gewann mich sehr lieb. Sie hütete auf einem grasigen Flecken hinterm Hof Gänse, da spielten wir. Wenn es nur irgend ging, versuchte ich, die Pferde so anzutreiben, dass sie dort vorbeikamen, dann setzte ich mich neben Juliska zu den Gänsen, und da lagen und tollten wir gemeinsam im Gras.
In der Zeit lebten solche Gesindsleute noch sehr ärmlich. Sie hatten nichts außer das bisschen Lohn, glücklich konnte sich nennen, wer schon zwei oder drei Söhne hatte, die arbeiteten, die haben dann ja auch Lohn bekommen, aber wer noch kleine Kinder hatte, der hungerte viel, weil der Lohn so gering war, dass von dem, was man am ersten des Monats bekam, zwei Wochen später nichts mehr übrig war. Einmal sah ich, wie Juliskas Mutter Brot buk und Kürbis unter den Teig mischte. Gekochten Kürbis. Ich fragte sie, warum sie das tat. Sie sagte, für den Geschmack, die Kinder mögen es mehr, wenn es süß ist. Dabei nutzte sie es als Ersatz fürs Mehl, von dem es zu wenig gab.
In einem Zimmer wohnten jeweils zwei Familien. Zwei
