Der grausame Komet - Andreas Bähr - E-Book

Der grausame Komet E-Book

Andreas Bähr

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Beschreibung

Wenn Gott den Menschen den Krieg erklärt. Als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gilt heute der Prager Fenstersturz im Mai 1618. Für die Zeitgenossen jedoch war ein anderes Ereignis ausschlaggebend. Als im Dezember desselben Jahres ein heller «Winterkomet» mit einem rutenförmigen Schweif am Himmel erschien, sahen sie in ihm die Prophezeiung eines schrecklichen Krieges, eine Botschaft Gottes, die nichts Gutes verhieß. Andreas Bähr verfolgt die vielstimmige Auseinandersetzung mit dem Kometen durch die Kriegszeit von 1618 bis 1648 hindurch und zeigt, wie stark die frühneuzeitliche Deutung von Welt durch den religiösen Glauben geprägt war. Die Zeichen göttlichen Zorns oder göttlicher Milde hatten Auswirkungen auf die irdischen Geschehnisse, Erscheinungen am Himmelszelt avancierten zu wichtigen Indikatoren für die Bewertung des Kriegsverlaufs. Dieses Buch wirft Schlaglichter auf den Dreißigjährigen Krieg aus der Perspektive derer, die angesichts der Gewalt und Unübersichtlichkeit ihrer Zeit im Winterkometen einen Orientierungspunkt fanden. Akteure ganz unterschiedlicher sozialer und konfessioneller Zugehörigkeit geraten in den Blick: Wir begegnen René Descartes beim «Ulmer Kometenstreit», der die frühneuzeitliche Verschränkung von Wissenschaft und Religion bezeugt, wir erleben in der Autobiographie Augustin Güntzers, wie der Schweifstern in den Alltag eines Kannengießers eingeht, erhalten Einblick in das Leben des Schuhmachers Hans Heberle, den der Anblick des Kometen zum Verfasser einer Kriegschronik werden ließ, und beobachten den berühmten Universalgelehrten Athanasius Kircher bei einer nächtlichen Vision – ein brillanter Brückenschlag zwischen Ereignis- und Mentalitätsgeschichte.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Andreas Bähr

Der grausame Komet

Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg

 

 

 

Über dieses Buch

Wenn Gott den Menschen den Krieg erklärt.

Als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gilt heute der Prager Fenstersturz im Mai 1618. Für die Zeitgenossen jedoch war ein anderes Ereignis ausschlaggebend. Als im Dezember desselben Jahres ein heller «Winterkomet» mit einem rutenförmigen Schweif am Himmel erschien, sahen sie in ihm die Prophezeiung eines schrecklichen Krieges, eine Botschaft Gottes, die nichts Gutes verhieß.

Andreas Bähr verfolgt die vielstimmige Auseinandersetzung mit dem Kometen durch die Kriegszeit von 1618 bis 1648 hindurch und zeigt, wie stark die frühneuzeitliche Deutung von Welt durch den religiösen Glauben geprägt war. Die Zeichen göttlichen Zorns oder göttlicher Milde hatten Auswirkungen auf die irdischen Geschehnisse, Erscheinungen am Himmelszelt avancierten zu wichtigen Indikatoren für die Bewertung des Kriegsverlaufs.

Dieses Buch wirft Schlaglichter auf den Dreißigjährigen Krieg aus der Perspektive derer, die angesichts der Gewalt und Unübersichtlichkeit ihrer Zeit im Winterkometen einen Orientierungspunkt fanden. Akteure ganz unterschiedlicher sozialer und konfessioneller Zugehörigkeit geraten in den Blick: Wir begegnen René Descartes beim «Ulmer Kometenstreit», der die frühneuzeitliche Verschränkung von Wissenschaft und Religion bezeugt, wir erleben in der Autobiographie Augustin Güntzers, wie der Schweifstern in den Alltag eines Kannengießers eingeht, erhalten Einblick in das Leben des Schuhmachers Hans Heberle, den der Anblick des Kometen zum Verfasser einer Kriegschronik werden ließ, und beobachten den berühmten Universalgelehrten Athanasius Kircher bei einer nächtlichen Vision – ein brillanter Brückenschlag zwischen Ereignis- und Mentalitätsgeschichte.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Lektorat Stephan Speicher

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Umschlagabbildung: Bilder-Atlas der Sternenwelt. Eine Astronomie für jedermann, bearbeitet von Dr. Edmund Weiß. Eßlingen 1888

ISBN 978-3-644-00037-7

 

Die Seitenangaben im Anhang entsprechen den Seitenzahlen der Printausgabe.

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhalt

1. Kometen!

Der Winterkomet wird entdeckt – Naturereignis oder göttliches Vorzeichen? – Wann beginnt der Dreißigjährige Krieg? – Der Komet als Leitstern – Chronisten des Krieges und weitere ominöse Zeichen – Kriegserinnerung – Religion und Gewalt – Erkennen, Wissen und Handeln im Horizont der Vorsehung Gottes

 

2. Kontroversen

In Ingolstadt beobachtet Johann Baptist Cysat den Kometen und hält sich mit Zukunftsaussagen zurück – In Linz beobachtet ihn Johannes Kepler und prognostiziert Hunger, Epidemien und Krieg – In Ulm wird Johannes Faulhaber zu Apokalypse, Prophetie und göttlicher Inspiration befragt – René Descartes wohnt bei den Faulhabers und verfolgt den Streit mit Interesse – Faulhaber flieht, kehrt zurück und hört endlich auf, von den Schlachten der Endzeit zu reden

 

3. Kriegsberichte

Nicht bei seinen Leisten geblieben: Ein Ulmer Schuhmacher liest Conrad Dieterichs Kometenpredigt und beginnt, den Krieg aufzuschreiben – Hans Heberles Fluchten, mehr als dreißig – Nach Art eines Wirtschaftsverwalters: Volkmar Happe erblickt den Kometen, geht an den schwarzburg-sondershäusischen Hof und protokolliert die Kriegsläufte in Thüringen

 

4. Lebensentscheidungen

Ein calvinistischer Zinngießer in Italien: Augustin Güntzer versucht, sich gegen den Katholizismus zu wappnen – Die Rückkehr ins Elsass: Warnungen des Kometen und eines nächtlichen Traums – Noch keine Zeit für die Ehe: Erneuter Aufbruch, in den Norden und Westen Europas – Neue Gefahren, neue Überlebensstrategien – Erneute Rückkehr, doch die Hochzeit muss immer noch warten – Am Ende: Güntzer heiratet und zieht nicht in den Krieg

 

5. Feldschlachten

1630: Sebastian Bürster sieht ein Nordlicht über Kloster Salem und fürchtet, dass der Krieg jetzt auch an den Bodensee kommt – Hans Heberle sieht es über Ulm und hofft auf Gustav Adolf von Schweden – 1631: Magdeburg brennt – Vorzeichen der Zerstörung: Eine Predigt, eine Wundergeburt und eine beschädigte Jungfrau am Dom (und noch einiges mehr) – Freunde schlimmer als die Feinde: Heberle im «schwedischen Krieg» – Zisterziensische Marienwunder und die Gespenster des Krieges

 

6. Visionen

1631: Athanasius Kircher prophezeit die Eroberung Würzburgs – 1632: Gustav Adolf stirbt in der Nähe von Lützen – 1634/35: Belagerungswinter in Augsburg – Johann Andreas Happe stirbt in Ebeleben an der Furcht – Das Erdbeben in Kalabrien 1638: Ein Venezianer prophezeit es, Kircher besichtigt es, und Heberle liest davon – Noch immer kein Frieden und noch mehr Wunderzeichen in Ulm – 1647: Kircher befragt in Rom ein Wunderkind, ahnt nichts Gutes für die Zukunft und erkennt im Winterkometen noch immer kein Vorzeichen des Dreißigjährigen Krieges

 

7. Frieden

1648: Agnes Güntzer wird vom Colmarer Garnisonskommandanten bedrängt – Wann ist der Krieg für Augustin Güntzer zu Ende? – Retrospektive Prophetie: Erinnerungen an dreißig Jahre Krieg und einen dreißigtägigen Winterkometen – Wie lange dauerte eigentlich der Dreißigjährige Krieg?

 

8. Nachleben

1730: Ein Methusalem in der Niederlausitz – 1798: Friedrich Schillers Wallensteins Lager – 1913: Ricarda Huchs Der große Krieg – Der «Kriegskomet» von 1914 – Straftheologisches, alt und neu – Faszinierender Komet, faszinierender Krieg: Franz Marc, Lorenz Treplin und Friedrich Kurt Benndorf – Und auch Thomas Mann: Für Volk und Vaterland und die Läuterung Europas

 

Chronisten des Krieges

Zeittafel

Kometen – aus heutiger Sicht

Anhang

Anmerkungen

Literatur

Personenregister

Bildnachweis

Dank

1. Kometen!

Seit mehr als einer Woche hatte über Ingolstadt nur graues Winterwetter gelegen, Regen, Nebel und steifer Westwind. Dann endlich, am 1. Dezember 1618, riss die Wolkendecke auf. Johann Baptist Cysat, Mathematiker und Astronom im ortsansässigen Jesuitenkolleg, war früh auf den Beinen, vermutlich um sein Morgengebet zu verrichten, und so wurde er Zeuge eines eindrucksvollen Schauspiels der Natur. Es war kurz vor fünf, als er am Himmel einen großen, hellen Kometen erblickte, dessen langer Schweif ohne optische Hilfsmittel zu sehen war. Cysat dürfte glücklich gewesen sein, dass er zu den ersten in der Stadt zählte, denen diese Entdeckung zu machen vergönnt war. Denn dieser Jesuit war Wissenschaftler, einer, der sich nicht nur des Verstandes, sondern auch des Auges bediente. Eine erste Positionsbestimmung des Kometen ließ dann auch keine Stunde auf sich warten. Cysat konnte ihn zwischen Arktur im Sternbild Bärenhüter und Spica im Bild der Jungfrau verorten.[1]

Doch auch wenn Cysat zeitig aufgestanden war: Mit seiner Entdeckung rangierte er keineswegs an vorderster Stelle. Andere hatten mehr Glück mit dem Wetter gehabt. Nicht nur in Indien und in China, wo der Komet schon am 24. und 25. des Vormonats gesichtet worden war,[2] sondern auch in Europa datieren die ersten Dokumentationen einige Tage früher, beim Mathematiker Benjamin Ursinus zum Beispiel, der «diesem unverhofften spectackel» im brandenburgischen Joachimsthal bereits am 28. November mit «anmutigkeit … beygewohnet»: mit Gespanntheit und Begierde.[3] Und auch Cysats berühmtester Kollege, Johannes Kepler, war ihm immerhin um zwei Tage zuvorgekommen, in Linz, wo er als Landschaftsmathematiker arbeitete.[*] Als Kepler am frühen Morgen des 29. November das Dach seines Wohnhauses in der Hofgasse bestieg, um dort einen Blick durch sein Fernrohr zu werfen, da hatte er bereits seit Monaten die Spur jener beiden kleineren Kometen verfolgt, die, als Vorhut des großen, von Ende August bis Ende September und von Mitte November bis Anfang Dezember zu beobachten waren: 1618 I und 1618 III.[4] An sich war das Linzer Wetter in diesen Tagen auch nicht besser als das ingolstädtische, doch um halb sieben klarte es zwischenzeitlich kurz auf. Kepler wollte diese Gelegenheit nutzen, um den Schweif der jüngsten Erscheinung noch einmal genauer zu studieren, doch was dann unversehens zwischen den Wolken hervortrat, war ein «gelbe[r]/etwas rötliche[r]» Komet von besonderer Strahlkraft, ein Cometa clarissimus, wie er ihn nicht ohne Staunen nannte,[5] der dritte des Jahres (der, dessen ungeachtet, üblicherweise als 1618 II bezeichnet wurde; die Astronomie unserer Tage führt ihn als C/1618 W1). Dieser «Haarstern» (griechisch kométes, von kóme, das Haar) hatte es nicht eilig. Mit bloßem Auge konnte man ihn in den deutschen Territorien bis ins neue Jahr hinein sehen, und mit dem Teleskop war es sogar noch bis zum 22. Januar möglich. Cysat, aus dessen Feder die letzte überlieferte Aufzeichnung stammt, ist Zeuge dafür.[6]

Für die Astronomen stand mit dieser Erscheinung Arbeit ins Haus. Eine Flut von einschlägigen Druckschriften ergoss sich bald über das Heilige Römische Reich; Keplers De cometis von 1619 war nur die bekannteste von ihnen.[7] Darauf wird zurückzukommen sein. Da das Phänomen jedoch nicht nur von den Experten gesehen werden konnte, waren sie auch nicht die Einzigen, die davon berichteten. Zahlreiche Chroniken und Autobiographien erwähnen den «Winterkometen»[8]ebenfalls – und zwar nicht nur gedruckte wie das von Matthäus Merian begründete Theatrum Europaeum (Abb. S. 11),[9] sondern vor allem auch unpublizierte.

Der Winterkomet über Heidelberg im Theatrum Europaeum.

Deren Verfasser zeigen sich allerdings weniger begeistert als die Astronomen, denn für sie hatte der Schweifstern eine besondere Bedeutung. «Den 3. November 1618 ist ein schrecklicher Compet am Himmel erschienen, der etzliche Monath und gar bis in das folgende Jahr gesehen war», notierte Volkmar Happe, gräflicher Hofrat und Wirtschaftsverwalter im Schwarzburg-Sondershäusischen, in seiner thüringischen Chronik.[10] Happe, der seine Aufzeichnungen noch bis 1642 fortführte, übertreibt ein wenig bei der Dauer der Kometenerscheinung, und dies hängt nicht nur mit seiner irregehenden Datierung der Erstbeobachtung zusammen (die ebenfalls noch zu diskutieren sein wird). Es scheint vor allem daraus zu folgen, dass dieser Himmelskörper die Gemüter erregte: Für Happe war dies ein schrecklicher Komet. Warum?

Der Chronist erklärt: «denn darauf in aller Welt Krieg, Aufruhr, Blutvergießen, Pestilentz und theure Zeit und unaussprechlich Unglück erfolget.» Jeder wusste schließlich: «Kein schrecklichen Comet man spürt, der nicht groß Unglück mit sich führt.»[11] Die Sentenz vergisst die griechische Etymologie des Kometen und erfindet eine lateinische, um sie auf eine historische Erfahrung zu gründen. Aus dem «Haarstern» (κομήτης) wird ein «Begleiter und Gefährte verhängnisvoller Dinge»: ein comes et socius rerum fatalium, um den böhmischen Propheten Wilhelm Neuheuser zu zitieren.[12] Damit überträgt Happe, auch wenn er das nicht sagt, einen Vers des spätantiken Dichters Claudian, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts bereits sprichwörtlich geworden war: Et numquam coelo spectatum impune cometen.[13] Doch er übersetzt nicht wörtlich. «Nie», muss es eigentlich heißen, «wurde ein Komet am Himmel ungestraft erblickt.»

Diese Auskunft wirft Fragen auf. Ein Komet sollte Unglück bringen? Seine Betrachtung zog Strafe nach sich? Hören wir nochmals den Chronisten: «In diesem Jahre ist der Böhmische Krieg angangen und starck continuiret worden.» Und weiter: «Was auf diesen Cometen vor [für] schreckliche Aufruhr, Krieg, Mord, Theurung, Pestilentz, Verenderung, Fürstenthümer und Herrschaften erfolget, die evangelische Religion verfolget, an vielen Orthen ausgetilget und dargegen der päbstische Greuel wiederumb eingeführet worden, das ist aus folgenden beschriebenen actitatis zu vernehmen» – aus den Geschehnissen also, die sich bis 1642 in Thüringen ereigneten.[14]

Mit dem Winterkometen von 1618, heißt das, begann für den bekennenden Lutheraner Happe der Dreißigjährige Krieg. Das ist bemerkenswert. Denn gelernt haben wir ja etwas anderes. Kaum ein Geschichtsbuch, das nicht den (zweiten) Fenstersturz zu Prag am 23. Mai des Jahres als Auslöser anführt. Doch weniger bekannt ist vielleicht: Darauf haben sich erst die Historiker geeinigt – jene also, die zurückblickten, allerdings nicht erst in nachfolgenden Jahrhunderten, sondern bereits in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges selbst. Der immer weiter ausgreifende Konflikt und die zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen, deren Schauplatz das Reich in den darauffolgenden Jahrzehnten werden sollte, hatten keinen klar identifizierbaren Anfang; denn sie gingen nicht auf eine formale Kriegserklärung zurück. Nicht nur dass die einschlägige Rechtsanforderung zu dieser Zeit gerade an Verbindlichkeit einbüßte (bis ins 19. Jahrhundert hinein): Was im Mai 1618 begann, war im kriegsrechtlichen Sinne gar kein Krieg; es war eine religiös grundierte Erhebung der Stände. Hier wurde daher kein Ankündigungsschreiben verfasst, sondern lediglich eine begleitende Apologie, eine Rechtfertigungsschrift.[15] (Und natürlich wurden auch keine Mobilmachungsbefehle plakatiert, keine Extrablätter gedruckt und keine Glocken geläutet, um die Rekruten, wie es dreihundert Jahre später geschah, zum Sterben zu rufen.[16]) Als die böhmischen Ständevertreter die beiden kaiserlichen Statthalter Wilhelm von Slawata und Jaroslaw von Martinitz zusammen mit dem Sekretär Philip Fabricius aus einem Fenster des Hradschin stürzten, warfen sie ihrem verhassten Lehnsherrn, dem frisch gewählten König Ferdinand, den Fehdehandschuh vor die Füße, um sich gegen dessen kompromisslose Rekatholisierungspolitik zu wehren. Dass diese regionale Auseinandersetzung, nachdem Ferdinand im nächsten Jahr auch noch Kaiser geworden war, reichs- und europaweiten Dimensionen zutreiben würde, hatte zu diesem Zeitpunkt niemand im Sinn und hielten nur die allerwenigsten für denkbar.[17] Dessen ungeachtet begriffen bereits die Zeitgenossen die verstreuten Kampfhandlungen nach der Prager Defenestration als einen Geschehenszusammenhang. Aber sie benötigten dafür ein Kriterium außerhalb der politischen und militärischen Aktionen. Und das fanden sie am Himmel. Ihre Datierung, das macht sie doppelt bemerkenswert, stützte sich nicht auf ein irdisches Ereignis.

Volkmar Happe ist ein guter Zeuge. Er selbst erwähnt, einige Manuskriptseiten zuvor, den Prager Fenstersturz als Auftakt des «blutige[n] Böhmische[n] Krieg[es]», «der viel Jahr continue aneinander gewehret, fast die gantz Welt durchkrochen und alle Lande verderbet». «Dieser Tag», unterstreicht die Randnotiz eines Nachtragschreibers noch einmal in gelehrtem Latein, «war der Beginn des grausamsten Krieges, er brachte Zerstörung und Untergang für ganz Böhmen und Deutschland.»[18] Daran bestand also kein Zweifel; doch waren es nicht die Ereignisse selbst, die Happe diese Klarheit verschafften. Es war der Winterkomet des Jahres 1618.

Der Darmstädter Superintendent Johannes Vietor konnte das genauer erklären.[19] Kometen verkündeten nicht nur Krieg, sondern auch politische «Verenderung» (um nochmals Happe zu zitieren),[20] und damit war vorzugsweise der Tod von Herrschern gemeint. Den wiederum sah der Winter 1618/19 in besorgniserregender Häufung: Am 15. Dezember starb Kaiserin Anna und wenig später, am 20. März, Kaiser Matthias. (Und den Erzherzog von Österreich, Maximilian III., rechnete Vietor auch noch mit ein, obwohl der nicht nach, sondern kurz vor dieser Kometenerscheinung verschieden war: am 2. November.) Aus diesen Ereignissen, so Vietor in seiner Autobiographie, bezog der böhmische Konflikt neue «Kräfte» (vires). Erst mit dem horridus cometa, lautet daher sein Befund, ging «das Feuer gefährlichen Kriegswesens recht an». Erst mit ihm zog es über Böhmen hinaus bis an den «Rheinstrom» nach Darmstadt – und nicht mit den Prager Ereignissen, die Vietor unmittelbar zuvor als Auslöser des «Böhmischen Krieges» notiert.[21]

Freilich wussten Happe und Vietor all dies erst im Nachhinein, vielleicht sogar erst, als sie ihre Berichte zum Abschluss brachten (das war bei Vietor 1626 der Fall, zwei Jahre vor seinem Tod). Und hätten sie den Konflikt bis zu seinem Ende verfolgen können, bis hin zum Westfälischen Frieden, dann hätten sie es auch noch genauer gewusst: nämlich, dass dieser Krieg als ein «Dreißigjähriger» bezeichnet werden konnte. Dann hätten sie sich womöglich auch daran erinnert, den Kometen nicht «etzliche Monath»,[22] sondern genau «30 Tage am Himmel» gesehen zu haben:[23] einen Tag für ein Jahr Krieg. So jedenfalls tat es Joachim Rese, Bürgermeister im anhaltinisch-dessauischen Jeßnitz, und so tat es auch der Wiedenbrücker Ratsherr Andreas Kothe.[24] Sicher ist: In Happes und Vietors Rückblick markierte der Komet den Beginn eines jahrelangen Krieges, und damit konnte der Prager Fenstersturz zu dessen Auslöser werden. Das Geschehen am Himmel machte das irdische verständlich.

All das setzte eines voraus: Autoren wie Happe und Vietor sahen in Komet 1618 II kein bloß natürliches Ereignis, sondern ein göttliches Zeichen. Und das bedurfte der Deutung. Mit diesem Kometen hatte Gott den Krieg angekündigt, der als Strafe kam für die Sünden der Menschen, im Vorgriff auf die Apokalypse.[25] Der Schweifstern war Warnung und Mahnung zur Buße, eine Ankündigung dessen, was all jene ereilte, die die Zeichen missachten. Viel Phantasie brauchte es ja nicht: Glichen die «stralen und striemen» am Himmel nicht einer «feüerig[en]» Rute?[26] Musste sein «Schwanz» nicht jeden an einen «Besen aus Feuerfunken» erinnern?[27] Für unsere Chronisten und Autobiographen war das evident. Jakob Wagner, Kaufmann in Augsburg, und Joachim Rese sind nur zwei Beispiele dafür. Dieses Zeichen verkündete die Zukunft und führte sie selbst mit herbei. Wer es erblickte, so hatte es bereits Claudian formuliert, der erlitt die Strafe, die es verhieß.

Die Gefahr war Anlass genug, vom Krieg zu erzählen: von dem Kometen und der Gewalt, mit der er drohte. Happe sagt das in seiner Chronik ausdrücklich, und andere taten es auch. Für sie bedeutete Komet 1618 II nicht nur den Anfang des Dreißigjährigen Krieges, sondern auch den Anfang seiner Beschreibung (ungeachtet dessen, dass Happes Chronik bereits 1601 einsetzt; denn was sich in ihr bis 1618 ereignet, ist nicht mehr als ein Vorspann). Ihre Geschichten berichten von dem Unheil, das der Komet am Anfang des Krieges verkündet hatte, und damit wurden sie zum Beweis für seine «schreckliche» Bedeutung. Diese Historiographen dachten in heilsgeschichtlichen Kategorien. Im Winterkometen von 1618 erkannten sie einen Leitstern für ihr Schreiben, weil sie das Geschehen, das sie beschrieben, ohne ihn nicht verstanden, ja mehr noch: weil es für sie dieses Geschehen ohne ihn gar nicht gab.

Der Dreißigjährige Krieg – für so viele im Reich (wenn auch keineswegs für alle) war dies eine Zeit von «fewer/pest/vnd todt der hertz vnd geist durchfehret».[28] Das schrieb Andreas Gryphius, einer der bedeutendsten Lyriker und Dramatiker des deutschen Barock. Er tat dies 1636, da jährte sich der Kriegsbeginn zum achtzehnten Mal: «Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt, || Von so viel leichen schwer/sich langsam fortgedrungen.»[29] Dieser Krieg, klagte auch der schlesische Dichter Martin Opitz, verkehrte die Welt. In ihm kämpften die «abgeleibten Seelen», der Hölle entstiegen, einen gespenstischen Kampf:

Was niemand hören mag

Ohn Abschew/Furcht vnd Grauß/ist kommen an den Tag/

Hat sichtbarlich bey vns vnd vnter vns gejrret/

Die Ordnung der Natur ist worden gantz verwirret:

Die Waffen haben selbst auß heimlicher Gewalt/

Von niemand angerührt/geklungen vnd erschallt:

Das Wasser ward verkehrt/die vnbefleckten Brunnen/

Jhr reines Silberquell ist blutig fürgeronnen.[30]

Der Dreißigjährige Krieg – obwohl oder gerade weil er nicht nur von Geistern geführt wurde – war mehr als nur ein Krieg. Gryphius, der mit ihm groß geworden war (er wurde 1616 geboren), erkannte in ihm auch eine Metapher menschlichen Daseins. In der conditio belli fand er die conditio humana: «WAs sind wir menschen doch? ein wohnhaus grimmer schmertzen.|| Ein baall des falschen glücks/ein irrlicht dieser zeit». «Ein schawplatz herber angst/vnd widerwertikeit», das war nicht nur dieser Krieg, nein, das war für den Dichter auch der Mensch: «Ein bald verschmeltzter schnee vnd abgebrante kertzen.»[31]

Woraus Thomas Hobbes politik- und gesellschaftstheoretische Funken schlagen sollte, insbesondere in seinem Leviathan, darin entdeckte Andreas Gryphius die Eitelkeit und Vergänglichkeit der Welt. Das tat auch Martin Opitz. Und der wusste noch etwas: All dieses Unheil hatte der Komet von 1618 prophezeit – der «Fewerschwantz», der von Furchterregendem kündete: der sich so «grausam außgestrecket», dass er «die Sternen selbst erschrecket/|| Daß sie verblasset sind».[32]

Dieser Komet sprach eine Drohung aus, das war auch für Opitz unmissverständlich. Zugleich jedoch fand der Autor in ihm seinen Trost. Der Komet schreckte all jene, die ihn als «Wunderzeichen» erkannten, als ein Vorzeichen (Prodigium), mit dem Gott sagte, der Krieg «komme nicht ohn jhn».[33] Doch wer sich schrecken ließ, wer hier den gerechten Zorn Gottes erblickte, der konnte auch hoffen, von der angedrohten Strafe verschont zu werden. Der Komet, heißt das, verkündete bevorstehendes Unheil, um Gelegenheit zu geben, es noch einmal abzuwenden.[34] Er bezeichnete, was erleiden würde, wer das Zeichen mit Nichtachtung strafte. Der Komet, diese «Comœdi am Himmel» (wie David Herlitz, abermals pseudoetymologisch, seinen Namen übersetzte),[35] wies, paradox genug, den Ausgang aus der Tragödie auf Erden, dem «Theater der Welt» (mundi theatrum).

Jedoch: Sehen konnte den Kometen zwar jeder, aber seine straftheologische Exegese, folgt man ihrer historischen Logik, fand bis 1648 nicht hinreichend Gehör. Denn wenn allein die Buße den Krieg zu verhindern vermochte, erbrachte dessen Dauer den Beweis für unbußfertige Verstocktheit. Für die Ursache von drei Jahrzehnten Gewalt wird dies heute kaum jemand mehr halten (ebenso wenig wie den Umstand, dass einige mit dem Kometen sogar zum Kampf aufriefen; denn das waren nur wenige, und sie wurden, wie wir sehen werden, nach Kräften an den Rand der Debatte gedrängt). Dennoch steht eine Frage im Raum: Was erfahren wir über den Dreißigjährigen Krieg, wie lässt sich seine Geschichte erzählen, wenn wir mehr als das politische, militärische und ökonomische Geschehen verfolgen? Wenn wir bedenken, dass in diesen Konflikt nicht nur die geschichtliche Welt verwickelt war, sondern auch die Welt der Geister und die der Natur, und das heißt: das Handeln Gottes? Wenn wir berücksichtigen, dass das Buch des Himmels aufschlagen konnte, wer begreifen wollte, was um ihn herum – und mit ihm – auf Erden geschah: wer einen Weg suchte zwischen Angst und Hoffnung und Unglück und Glück, wer nach dem Spielmacher fragte, um nicht Spielball zu sein, in einem Leben der Täuschung und der Uneigentlichkeit? Und das heißt schließlich auch: Wenn wir die Kategorie der Zeit, die sich zwischen Vergangenheit und Zukunft aufspannt, nicht nur als Bedingung, sondern auch als Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis betrachten?

Die Kapitel, die folgen, wählen den Großen Kometen zu ihrem Leitfaden. Damit bieten sie keine weitere Gesamtdarstellung des Dreißigjährigen Krieges.[36] Vielmehr werfen sie Schlaglichter auf diesen Konflikt aus der Perspektive derer, die ihn mit Blick auf das Himmelsereignis vom Winter 1618/19 beschrieben.[37] Sie lassen jene zu Wort kommen, die sich anhand dieses Vorzeichens göttlichen Zorns in der Gewalt ihrer Zeit orientierten. Und sie erklären, wie und mit welchem Erfolg dies geschah.

Dabei werden recht unterschiedliche Akteure ins Blickfeld geraten, was ihre soziale Herkunft und Entwicklung, aber auch ihre konfessionelle Zugehörigkeit betrifft. Wie könnte es auch anders sein: Wer gegeneinander ins Feld zu ziehen bereit war, vertrat auch mit Blick auf den Kriegskometen nicht immer ein und dieselbe Meinung.

Zudem wird das Augenmerk auf weitere Zukunftszeichen gerichtet, die die Zeitgenossen ebenfalls mit dem Krieg in Zusammenhang brachten. Dies ist zunächst das Nordlicht von 1630, in dem die Chronisten eine «veldschlacht» am Himmel erkannten und das der Salemer Zisterziensermönch Sebastian Bürster als Beginn einer neuen Kriegsphase verzeichnet;[38] und es ist eine «monströse» Geburt, die neben manch anderem bösen Omen die Zerstörung der Stadt Magdeburg 1631 vorhersagt (Kapitel 5). Es ist aber auch jene nächtliche Erscheinung, die Athanasius Kircher, Jesuitenpater und Universalgelehrter in spe, im selben Jahr in Würzburg gehabt haben will: eine Vision vom Einmarsch des schwedischen Königs Gustav Adolf, die ihm und seinen Mitbrüdern Gelegenheit gab, rechtzeitig das Ordenskolleg zu verlassen. Doch die Warnung, wie wir sehen werden, wurde in den Wind geschlagen; und auch das konnte nicht ungestraft bleiben (Kapitel 6).[39]

Bis dahin ist aber noch etwas Zeit. Zunächst werden wir zu den Astronomen zurückkehren. Denn die Sicht der Apokalyptiker konnten sie in der Regel nicht teilen. Am Anfang des Dreißigjährigen Krieges stand nicht nur ein Komet, sondern auch eine scharfe Kontroverse über seine Bedeutung. Astronomen stritten mit Theologen und orthodoxe Lutheraner mit «Schwärmern» und «falschen Propheten»: War der Komet nichts weiter als ein faszinierendes Naturereignis, oder war er Vorzeichen für dreißig Jahre Krieg – wenn nicht gar für das unmittelbar bevorstehende Ende der Welt?

Besonders die Reichsstadt Ulm sollte hier nachhaltige Berühmtheit erlangen als Schauplatz eines Geschehens, das als «Ulmer Kometenstreit» in die Geschichte eingegangen ist und seinerzeit sogar das lebhafte Interesse des jungen René Descartes zu wecken vermochte. Was mit einem gelehrten Kolloquium im Herbst 1619 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, begann mit einer Kanzelrede des umtriebigen lutherischen Theologen Conrad Dieterich im Ulmer Münster am 2. Adventssonntag des Jahres 1618. Die Predigt war ein Aufruf zu Buße und Besserung, mit dem der Pfarrer zwischen den Extrempositionen zur Kometendeutung einen Mittelweg einzuschlagen bemüht war (Kapitel 2).[40]

Nun mag man aus Predigten schließen, dass das, was sie predigen, nicht beachtet wurde (denn warum wurde es sonst gepredigt?). Doch so ist es natürlich nicht. So mancher nahm sich zu Herzen, was Dieterich von der Kanzel herabrief. Der Ulmer Schuhmacher Hans Heberle etwa. Wie Volkmar Happe nahm er den Winterkometen zum Anlass, zur Feder zu greifen. Er verfasste ein umfangreiches Zeytregister, das die Jahre bis 1672 umspannt, von seinen mehr als dreißig Fluchten erzählt und dabei nicht nur das Polarlicht von 1630 ausführlich bespricht, sondern zudem zahlreiche weitere himmlische Prodigien protokolliert – und mit all dem seinerseits zu religiöser Umkehr ermahnt. Der Komet ließ Menschen zu Kriegschronisten werden (Kapitel 3).[41]

Ähnliches gilt für den elsässischen Zinngießer Augustin Güntzer. In dessen Autobiographie (die für einen Handwerker ebenso ungewöhnlich ist wie Heberles Chronik) wird die Zeit des Dreißigjährigen Krieges vom Kometen von 1618 gerahmt: Der Schreiber erwähnt ihn bei seinem Erscheinen und kommt 1648 auf ihn zurück.[42] Doch für Güntzer gilt auch noch etwas anderes. Wenn er als junger Mann, nachdem er bald ganz Europa bereist hatte, dem väterlichen Heiratswunsch mit dem Hinweis ausgewichen sei, der gegenwärtige Krieg werde «20 oder 30 Jahr wehren» (dies will er 1622 gesagt haben), dann konnte er das, folgt man der Logik seiner Darstellung, allenfalls deswegen ahnen, weil er auf den Schweifstern von 1618 zurückblickte, der besonders großes Unheil verhieß. (Und genauer wissen konnte er es, wie alle anderen auch, erst 1648. Und hätte er es doch früher gewusst, dann hätte er seine Dinge, wie Andreas Kothe, womöglich noch ganz «anders disponiret»;[43] vielleicht hätte er sich dann nicht bewegen lassen, im darauffolgenden Jahr doch noch vor den Traualtar zu treten.)[44] Und das heißt: Güntzer schrieb sein Wissen um die Dauer des Krieges und seine Überzeugung, dass dieser Konflikt mit einem Kometen begann, zur Rechtfertigung seines Handelns in die autobiographische Erinnerung ein. Dieser Komet mahnte ihn nicht nur zur Buße, sondern gab ihm auch Orientierung in den Entscheidungen seines Alltags. Er versprach ein Stück Zukunftsgewissheit – für den, der erkannte, dass erst die Zukunft diese Gewissheit wirklich verschaffte (Kapitel 4).

Und so schlug auch Güntzer am Ende den Bogen zum Kometen von 1618 zurück: nach Abschluss der Pax Westfalica und nach einem langen Weg zum allgemeinen und persönlichen Frieden (Kapitel 7). Damit gehörte er zu den Ersten, die den zu Ende gegangenen Krieg als einen «dreißigjährigen» in das kollektive Gedächtnis einspeisten, einen Krieg, den protestantische Historiker, im Anschluss an Friedrich Schiller, zur Urkatastrophe der deutschen Geschichte erklären sollten, zum Tiefpunkt und ersten Schritt auf dem unaufhaltsamen Weg zur Bildung einer preußisch-kleindeutschen Nation.[45] Die Durchsetzung dieser Sicht in den konfessionellen und politischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts ist mit dafür verantwortlich, dass die Zeit zwischen Prager Fenstersturz und Westfälischem Frieden das historische Bewusstsein der Deutschen bis in den Ersten Weltkrieg hinein dominierte. Erst bei Verdun und an der Somme begann der «Teutsche Krieg» Memorialkonkurrenz zu erhalten.[46]

Dies betraf nicht nur die neuen Dimensionen des Grauens. Über dem, was 1914 bis 1918 auf den Schlacht-Feldern geschah, verblasste nicht allein die Gewalt des Konfessionskrieges. Es trat auch ein neues Zeichen an den Himmel. Ja, tatsächlich: Selbst der «Große Krieg» gehörte noch zu denen, die für viele mit einem Kometen begannen – als letzter in der europäischen Geschichte. Dieser Komet hatte nicht nur astronomisch eine neue Gestalt. Es gehört zur Geschichte intellektueller Verirrung, dass ihn die Gebildeten unter den deutschen Kriegsapologeten in all seiner Schönheit beschrieben. Warum, wird im letzten Kapitel zu lesen sein. Schon jetzt jedoch sei gesagt: Die Erinnerung an den Schweifstern von 1618 war trotzdem noch immer lebendig.

Diese Erinnerung ist es, die uns hier beschäftigen soll. Daher hält sich das Buch von den Katastrophenvergleichen der Nachgeborenen fern und wendet sich den Einschätzungen der Kriegsbeteiligten zu. Der Dreißigjährige Krieg war ein europäischer Konflikt, was seine Akteure, aber ein «teutscher», was die Hauptschauplätze seiner Kampfhandlungen betrifft. Von den Zeitgenossen wurde seine Gewalt schon bald als eine bis dato ganz ungekannte beschrieben. Dabei hatten die Territorien des Römischen Reiches keineswegs überall, zu jeder Zeit und in gleicher Weise unter den Kriegshandlungen zu leiden. Das eigentlich Verstörende war: Wenn Soldaten jenseits der großen Schlachten in die Dörfer eindrangen, hielt sich ihre Gewalt kaum noch an konfessionelle und politische Grenzen. Denn es galt: Der Krieg ernährt den Krieg. Dass das Prinzip schon Livius bekannt war, dürfte dabei allenfalls die Humanisten interessiert haben.[47] Dieser Krieg hatte sich selbst zu ernähren, weil die Schatullen der Fürsten es schon bald nicht mehr konnten. Zur Versorgung ihrer Heere sahen sich die Feldherren gezwungen, auf die Gebiete zurückzugreifen, die sie gerade durchzogen, gleichgültig, zu welcher Partei sie gehörten. Städten und Gemeinden pressten sie Kontributionen und Einquartierungen ab, und wo auch das nicht genügte, bedienten sich die Soldaten kurzerhand selbst. Verstreute Reitertrupps, deren Identität niemand kannte, hinterließen nicht selten (wenn auch kaum systematisch) verbrannte Erde. Wer ihre Gewalt erlitt (und überlebte), beschrieb sie als exemplarisch; denn in ihr, so schien es, geriet die tradierte gesellschaftliche und religiöse Ordnung ins Wanken.

Das Ausmaß der Verheerung quantitativ zu bestimmen ist kaum möglich. Zwar ist in der Forschung von einer «Zerstörungsdiagonalen» zu lesen, die sich vom Südwesten in den Nordosten des Reiches erstreckte und in der nicht zufälligerweise auch die Protagonisten dieses Buches zu Hause waren; und es ist von durchschnittlichen Bevölkerungsverlusten von einem Drittel in den Städten und vierzig Prozent auf dem Lande die Rede.[48] Doch daran bleibt vieles spekulativ. Zudem sagen diese Raten über ihre Genese kaum etwas aus: Kamen sie durch Waffengewalt, Seuchen oder Migration zustande? Und von der Realität des Krieges erzählen sie schon gar nichts.

Mutmaßungen über die Brutalität und Folgen des bellum tricennale tragen daher zu seinem Verständnis wenig bei. Ob er «der schlimmste Krieg der Weltgeschichte» war?[49] Die Jahrzehnte zwischen 1914 und 1945 haben dieser Frage neue Nahrung gegeben, doch sie haben sie auch ad absurdum geführt.

Interessanter ist daher, wie die Zeugen des Krieges das, was sie erlebten, beschrieben. Es unterschied sich in den Einzelheiten, wie wir sehen werden, aber in einem waren alle sich einig: Die Gewalt der Soldaten ging zuletzt auf die Gewalt ihres Schöpfers im Himmel zurück. Dies ließ sich in verschiedene Richtungen auslegen. Wer Gewalt erlitt, schlug das Buch Hiob oder die Apokalypse auf, um sich sein Leiden als Strafe oder Prüfung zu erklären und so zu überwinden. Und wer Gewalt verübte, fand in der Bibel die nötigen Argumente zu ihrer Begründung und Legitimation. Im Rückgriff auf Religion, heißt das, ließ sich Gewalt wahlweise lindern oder rechtfertigen. Konfessionell waren die Gewichte hier zunächst unterschiedlich verteilt. Evangelische Theologen suchten in ihrer Religion vornehmlich Trost und weniger einen Grund für Kriegstreiberei. Katholische Geistliche und Feldherren dagegen riefen gern die Jungfrau Maria als Schlachtenhelferin an. Aufs Ganze gesehen jedoch ist die eine wie die andere Seite der Medaille in beiden Konfessionen zu finden. Die katholische Seelsorge ist dafür ebenso ein Beleg wie jene Phase gesteigerter Endzeiterwartung in der Mitte des Krieges, als Gustav Adolf den Protestanten die rettende Hand bot.[50]

In diesem Sinne darf der Dreißigjährige Krieg ein Religionskrieg genannt werden.[51] Zwar wurde in den deutschen Territorien nicht lediglich um Bekenntnisse und die Auslegung des Augsburger Religionsfriedens von 1555 gestritten. Es ging stets auch um die Reichsverfassung und das Verhältnis von monarchischer und ständischer Gewalt. Dieser Streit war jedoch mit dem Konflikt zwischen den Konfessionen unlösbar verquickt (ohne freilich, das machte die Angelegenheit so vertrackt, mit ihm zur Deckung zu kommen). Und auch als später politische Interessen und Mächte ins Spiel kamen, die sich um konfessionelle Belange nicht mehr scherten, kam Politik ohne Religion noch keineswegs aus. Der Kriegseintritt Frankreichs 1635 ist nur das bekannteste Beispiel dafür. Dass Louis XIII. und Kardinal Richelieu sich gegen Habsburg mit protestantischen Herrschern verbündeten, um in Europa eine führende Rolle zu spielen, ist kein Beweis gegen die religiösen Dimensionen des Unternehmens, im Gegenteil. Die Entscheidung war aus Louis’ Selbstverständnis als dem «Allerchristlichsten König» geboren und aus Richelieus Vertrauen darauf, dass der Himmel den universalistischen Kampf gegen Spanien für eine europäische Friedensordnung unterstützt und in der gegebenen Notlage auch einen Pakt mit Ketzern gutheißt.[52]

In diesem Sinne also ein Religionskrieg. Und in welchem Sinne nicht? Gewalt konnte mit Religion gerechtfertigt werden, Religion neigte (und neigt) aber nicht per se zu Gewalt. Schließlich wurde mit ihr immer wieder auch zu Frieden und Gewaltverzicht aufgerufen. Der Nachweis gegenteiliger Behauptungen scheitert an einem doppelten Apriori: einem psychologischen und einem religionskritischen. Wer die Gewalt der Zeit allzu bereitwillig aus religiösen Überzeugungen motiviert sieht, meint Menschen in ihre Köpfe und Herzen schauen zu können, durch den Schleier ihrer Texte hindurch. Doch wer wollte dort viel mehr erkennen als das, was er immer schon glaubte zu wissen? Die kausallogische Verschwisterung von Religion und Gewalt ist zunächst einmal kein reales, sondern ein diskursives Faktum. Sie ist ein Instrument der effektiven Verunglimpfung des Gegners, das in der europäischen Geschichte eine beachtliche Hartnäckigkeit aufweist.[53] Bevor die Historiographie danach fragen kann, ob Religion Gewalt gebiert, sollte sie untersuchen, wer von wem und aus welchen Gründen behauptet, dass sich seine Gewalt religiösen Motiven verdankt. Tut sie dies nicht, geht sie ihren Quellen auf den Leim: den historischen Texten.

So beschränken wir uns – weil strukturgeschichtliche Ursachenforschung hier auch nicht die Aufgabe ist –[54] auf die Analyse historischer Deutungen. Wenn dabei die von Gewalt Betroffenen in den Mittelpunkt rücken (ohne dass jene, die sie ausübten, ganz ausgeblendet würden), so dient das nicht der Authentizitätssteigerung und mikroskopischen Annäherung an einen weit entfernten Krieg. Nein, wenn hier die Brille der Vorzeichendeuter aufgesetzt wird, dann um ihre Zugänge zur Welt aufzuspüren: keine subjektiven Erlebnisse, kein individuelles Leiden und seine ‹Bewältigung› (denn auch das ist eine moderne psychologische Kategorie), sondern die Logiken und Mechanismen des Erkennens im 17. Jahrhundert.

All jene, die hier zu Wort kommen werden, haben die Gewalt, die sie beschreiben, überlebt, nicht wenige von ihnen sogar den ganzen Krieg. Manche überlebten, weil sie im Ernstfall ihre Konfession unter dem Mantel von Verstellung und Täuschung verbargen. Diese kreative Überschreitung der Bekenntnisgrenzen gaben sie allerdings nicht gern zu. Lieber betonten sie (wie alle anderen auch): Dass sie Leid und Gefahr überstanden hatten, war ihrer Glaubenstreue geschuldet. Oder um genauer zu sein: Es war einer göttlichen Vorsehung zu danken, die diese Standhaftigkeit zugleich ermöglichte und mit dies- und jenseitigem Heil honorierte.

Dass Schreiben Überleben voraussetzte, ist insofern keine triviale Erkenntnis. Dieses Schreiben erbrachte den Nachweis, dass es einen Gott gab, der den Schreiber mit gnädigen Augen ansah. In diesem Sinne setzte es das Überleben nicht nur voraus, sondern stellte es als gottesfürchtige Handlung auch weiterhin sicher. Und aus diesem Grund verschafft es uns weder einen privilegierten Zugang zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges noch belegt es dessen katastrophischen Charakter. Autoren und Autorinnen, die die Störung religiöser und sozialer Ordnung beschrieben, stellten diese Ordnung in ihrem Schreiben wieder her.

Ihren Willen (oder: die Zukunft) artikulierte die göttliche Vorsehung durch unterschiedliche Zeichen: durch Kometen, Polarlichter oder Visionen. Ihr Wirken konnte prospektiv geglaubt und retrospektiv erkannt werden. Die historische Erfahrung überführte anfängliche Ungewissheit in schlussendliche Gewissheit und erlaubte so die Verschriftlichung der Zeichen und ihrer Bedeutung. Diese Logik, die wechselseitige Abhängigkeit von Rück- und Vorausschau, sicherte providenzielles Denken für Jahrhunderte gegen seine Widerlegung. Bewahrheitete sich eine Prophezeiung nicht, tat sie es später – oder war eben keine Prophezeiung im unterstellten Sinne gewesen.

Was ist ein Komet, und was zieht er nach sich? Autoren, die diese Fragen zu beantworten suchten, kamen von ihrer Deutung des Phänomens zur naturphilosophischen Beobachtung und historischen Tatsachenfeststellung – und nicht umgekehrt. Genauer: Sie wären nicht auf den Gedanken gekommen, das eine vom anderen zu trennen. Dieses Prinzip ist kein Zeichen intellektueller Rückständigkeit. Die Aufklärung begann sich daran zu stören, seit dem späten 18. Jahrhundert vor allem, aber grundsätzlich ändern sollte sie es nicht. Denn es wirft am Ende die Frage auf: Inwieweit können wir Dinge erkennen, ohne sie zu interpretieren? Wie ermöglicht und begrenzt gegebenes Vorwissen den Erwerb neuen Wissens und damit die Orientierung im Handeln? Die Beurteilung von Sachverhalten setzt Vor-Urteile voraus, im erkenntnistheoretischen, nicht im moralischen Sinne, vergangene Urteile, die für den Augenblick unbezweifelbar scheinen. Sie basiert auf (historischen) Aprioris, die wir durch unsere Beobachtungen zunächst nicht hinterfragen, sondern bestätigen: die die Möglichkeiten von Erkenntnis begrenzen. Es braucht seine Zeit, bis sich die Abhängigkeiten verschieben: bis nicht länger das Apriori die Beobachtung formt, sondern die Beobachtung das Apriori: bis sie es in Frage stellt – und ein neues kreiert. Providenzielle Vorstellungen von Zeit, Vergangenheit und Zukunft sind uns heute in aller Regel sehr fremd.[55] Die Probleme, die in ihnen sichtbar werden, sind es nicht.

Zur Sprache der Quellen

Die Protagonisten dieses Buches kommen nach Möglichkeit in ihrer eigenen Sprache, dem Frühneuhochdeutschen, zu Wort. Orthographisch sind daran heute vor allem vier Eigentümlichkeiten gewöhnungsbedürftig geworden: Für ein u kann ein v gesetzt sein, insbesondere zu Beginn eines Wortes (wie in vnd oder Vnglück), nach a oder e steht statt u zuweilen ein w (wie in Fewer oder Jungfraw), statt i ist nicht selten ein j zu finden (wie in jnwendig oder jhnen), und Konsonanten werden vielfach verdoppelt (wie in Straffe oder vnnd). Im Einzelfall werden allzu schwer verständliche Wörter im Text in Klammern erklärt.

2. Kontroversen

Johann Baptist Cysat war ein guter Beobachter. Bereits im März 1611 hatte er zusammen mit Christoph Scheiner, seinem akademischen Lehrer, vom Turm der Heilig-Kreuz-Kirche in Ingolstadt mit Hilfe eines Fernrohrs die Sonnenflecken entdeckt. Da nun ein Astronom, der etwas sieht, es gern als Erster gesehen haben möchte (und das galt natürlich schon im 17. Jahrhundert), geriet man im darauffolgenden Jahr in einen heftigen Prioritätsstreit mit Galileo Galilei, der in der fraglichen Zeit ebenfalls den Himmel mit dem Teleskop abzusuchen begann und die solare Erstbeobachtung für sich reklamierte. Dabei wussten die Kontrahenten nicht einmal, dass ein Dritter, der Astronom Johann Fabricius, seine eigene Erkundung der Sonnenflecken bereits 1611 publiziert hatte.[1] Und weil Auseinandersetzungen wie diese schon immer unerfreulich waren, wollen wir sie hier nicht weiter verfolgen und uns wieder dem Jahr 1618 zuwenden, jener Zeit, in der Cysat die Nachfolge Scheiners als Professor für Mathematik und Hebräisch an der Jesuitenuniversität Ingolstadt antrat (aus ihr ging die heutige Universität München hervor) und zeitgleich mit Kepler das Fernrohr auch in das Kometenstudium einführte.

Zwei Teleskope standen Cysat zu Beginn des Winters zur Verfügung, das größere von beiden maß stolze 9 bis 10 Fuß.[2] Und so konnte der Jesuit sehr genau hinsehen – genauer, wie es scheint, als alle anderen. Denn er bestimmte nicht lediglich die Bahn des Kometen und die bemerkenswerte Länge seines Schweifs, die er mit 55 bis 70 Grad angab.[*] Darüber hinaus lieferte er eine präzise Beschreibung der himmlischen Erscheinung. Deren Visualisierung fehlt in keinem Kometen-Buch, denn sie ist historisch einzigartig: In ihr hat der Schweifstern keinen Schweif (Abb. S. 33). Und das macht eines sogleich und mit bloßem Auge erkennbar: Cysat nahm den Kometen nicht als Einheit, sondern unterschied zwischen Kopf und Cauda. Im Kern des Haarsterns sah er ein grundsätzlich stabiles, wenn auch im Einzelnen veränderliches Konglomerat mehrerer kleiner Himmelskörper, die selbst nicht zu leuchten vermögen (also keinen Stern im engeren Sinne darstellen), sondern ihre Leuchtkraft durch Streuung, Brechung und Reflexion des Sonnenlichts entfalten.[3]

Der Kern des Kometen. Kupferstichillustration zu Johann Baptist Cysat: Mathemata Astronomica, 1619.

Das hatte Konsequenzen. Cysat gehörte einem Orden an, dessen Leitfaden für die höheren Studien, die Ratio studiorum, in Fragen der Naturphilosophie nur eine legitime Referenzgröße kannte: Aristoteles. Und der hatte etwas ganz anderes gelehrt. Seiner Meinung nach waren Kometen keine Himmelskörper, sondern sublunarische meteorologische Erscheinungen: ephemere Wetterphänomene in der Himmelssphäre unterhalb des Mondes. Sie gingen, heißt das, wie sie kamen; waren sie nicht mehr zu sehen, hatten sie auch aufgehört zu existieren. Anders dagegen Johann Baptist Cysat. Der lokalisierte den Schweifstern von 1618 weit jenseits des Mondes und gab ihm zudem noch eine beständige Bahn. Damit durchbrach der Komet, im buchstäblichen wie übertragenen Sinne, die kristallinen Schalen, auf denen sich für bekennende Geozentriker die Planeten um die Erde bewegten.[4] Mit anderen Worten: Wurden Kometen als Himmelskörper erkannt, zersplitterte das gesamte aristotelische System.

In seinem kosmologischen Gegenentwurf folgte Cysat dem dänischen Astronomen Tycho Brahe, dem 1601 in Prag verstorbenen Hofmathematiker Kaiser Rudolfs II. und Vorgänger Johannes Keplers in diesem Amt. Brahe hatte auf die heliozentrische Herausforderung reagiert, jedoch, um es nicht zu übertreiben, einen Vorschlag zur Güte gemacht. Die Planeten, da widersprach Brahe den Kopernikanern nicht, kreisen um die Sonne, aber der ganze Komplex aus Sonne und Planeten kreist nach wie vor um die Erde. In diesem System zogen auch die Kometen ihre zyklische Bahn (Abb. S. 35). Der Kompromiss mag uns heute als ein fauler erscheinen, doch im 17. Jahrhundert war er das keineswegs: Vor 1728, vor James Bradleys Nachweis der jährlichen stellaren Aberration[*], war die «große kosmologische Kontroverse» zwischen Kopernikanern und Anhängern Brahes auf empirischem Wege nicht zu entscheiden.[5]

Kometen im Weltbild Tycho Brahes. Kupferstichillustration zu Johann Baptist Cysat: Mathemata Astronomica, 1619.

Wer hier in die Einzelheiten gehen will, muss astronomisch gut präpariert sein. Daher kehren wir besser zu Cysat zurück. Entscheidend an dieser Stelle ist: Mit dem Bekenntnis zu Brahe setzte sich Cysat souverän über die Studienordnung der Societas Jesu hinweg. Einerseits. Andererseits hatte dies für ihn keinerlei negative Folgen. Denn obwohl dieser Orden in vielem Gehorsam verlangte wie kein zweiter, war Aristoteles in der astronomischen Forschung der Jesuiten schon seit geraumer Zeit keine gänzlich unhinterfragte Größe mehr (das wird sich auch bei Athanasius Kircher noch zeigen); und so passierte Cysats Werk ungehindert die ordensinterne Zensur.

Freilich durfte es auch ein angesehener Gelehrter nicht allzu weit treiben. Über kopernikanische Neigungen seines Lehrers Scheiner ist spekuliert worden, aber öffentlich geäußert, wenn er sie denn jemals verspürt haben sollte, hat er sie nicht.[6] Und auch Cysat blieb mit der Geozentrik des tychonischen Systems auf dem Boden der kirchlichen Lehre. Das war mehr als nur strategisches Kalkül. Wer die jesuitischen Gelübde abgelegt hatte, konnte zu dieser Zeit noch nicht meinen, dass die Sonne im Zentrum des Universums stehe und nicht die Erde.[7]

Dies zeigt sich auch in den Details. Cysat, in Anlehnung an Scheiner, setzte die Materie der Kometen mit der der Sonnenflecken gleich.[8] Wie ist das zu verstehen? Die Flecken der Sonne sollten aus Materie bestehen? Wie bereits Galilei vermutete (das war es unter anderem, was ihn vor die Inquisition brachte), stellen die solaren macula lediglich eine Veränderung der Sonnenoberfläche dar. Cysat dagegen hielt sie für Himmelskörper, die ihren Stern mondgleich umkreisen.[9] Und warum das? Um die Reinheit der Sonne nicht zu beflecken. Interessant wurde es also (um nochmals auf den Anfang zurückzukommen), wo nicht um Prioritäten gestritten wurde, sondern um Positionen. Denn da waren sie wieder: die Lehre des Aristoteles und das Dogma der Kirche des Papstes.

Die Sonne erscheint damit bei Cysat als ein Stern mit göttlichen Qualitäten. Gleiches gilt, bei Licht besehen, auch für die Kometen. Knapp achtzig Seiten lang analysiert der Autor die natürlichen Ursachen und Wirkungen von C/1618 W1, um, glaubt man der einschlägigen Forschung, mit einer knappen Absage an dessen apokalyptische Auslegung zu enden.[10] Doch ist hier Vorsicht geboten. Cysats Schlussreflexion schließt eine ominöse Bedeutung des Schweifsterns keineswegs aus. Probabile est, heißt es dort, Cometam magna Orbi & Mortalibus mala portendere. «Wahrscheinlich ist es, dass der Komet der Welt und den Menschen großes Unheil prophezeit.»[11] Jeder Sterbliche musste damit rechnen, dass hier die göttliche Vorsehung ihr Zorneszeichen abgebrannt hatte. Einschränkungen betrafen vor allem die Geographie. Vornehmlich betroffen, so der Autor, war die Äquatorialzone, denn dort war der Komet der Erde am nächsten gekommen, und besonders betroffen war auch das Heilige Römische Reich, wo der Schweifstern am längsten und hellsten am Himmel erschien. Die exegetische Skepsis, wie Cysat sie dann vorbringt, richtet sich allein auf die Möglichkeit sicherer und konkreter Vorhersagen. Wer sie proklamiere, so Cysat, folge seiner Eitelkeit und dem Prinzip des Zufalls. Denn was die Erscheinung tatsächlich bedeute, könne nur wissen, wer mit göttlicher Inspiration begnadet war (und das, wie wir bald sehen werden, sollte heißen: niemand). Alle anderen mussten langwierige Beobachtungen anstellen – und warten: auf eine einschlägige, die Hypothese verifizierende «Erfahrung» (experientia), anders gesagt: auf den Ausgang der Dinge.[12]

Daher (und nur daher) verzichtet der Autor am Ende auf weitergehende Divination und überantwortet die abschließende Deutung des Zukunftszeichens der Zukunft.[13]Cysat sah den Winterkometen mit eigenen Augen, durch die Linsen des Teleskops. Gleichwohl war aus den Bildern, die das Instrument ihm bot, die alte Bildlichkeit des Schweifsterns keineswegs verbannt. Der Komet als Vorzeichen: diese Möglichkeit, war auch Cysat überzeugt, durfte niemand vergessen.

Wie wenig überraschend das ist, zeigt niemand besser als Johannes Kepler. Der interessierte sich für Kometen, seit er sechs Jahre alt war und seine Mutter Katharina, geborene Guldenmann, ihm in Leonberg den Schweifstern von 1577 gezeigt hatte.[14]