23,90 €
Die Corona-Pandemie als Brennglas: Darunter sehen wir den instabilen Zustand unseres Zusammenlebens noch deutlicher. Doch warum waren wir unvorbereitet, trotz langjähriger Warnungen? Für Jean-Pierre Wils ist der Virus-Notstand vor allem ein Klima-Notstand: Wils bietet eine genaue und vielschichtige Analyse der Welt in Zeiten von Corona und liefert konkrete Vorschläge zur Richtungsänderung. So zum Beispiel für eine »Kultur der Provisorien« – einer Kultur der Nachdenklichkeit, der Selbstprüfung und der Wegberichtigung, der Verlangsamung und der Orientierung an sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jean-Pierre Wils
Der Große Riss
Wie die Gesellschaft auseinandertriftet und was wir dagegen tun müssen
Ein Essay
Anstelle eines Vorworts
Die Ungeheure Unterbrechung
Eine Philosophie des Schritthaltens
Teil I – Rückblick auf die Geburt unserer Gegenwart
Auf der Überholspur
Spaltungsindizien
Zur Sozialgenese einer zerrissenen Gesellschaft
Teil II – Im Auseinanderdriften
Das kränkende Virus
Verstrickt in Metaphern
Der Ausnahmezustand als Alltag
Ein Unglück in Echtzeit
Konkurrierende Wahrheiten und Gewissheitswünsche
Demokratiemüdigkeit
Teil III – Lob der Provisorien
Umwege gehen
Resilienz als Lebensstilpolitik
Die Rückeroberung der öffentlichen Güter
Autarkiefähige Räume
Eine Ökonomie des Maßhaltens, eine Politik der Freundschaft
Nachwort: Gruß an die Barbaren
Bibliografie
»Ich hatte ihre Reden gehört und war einverstanden mit ihnen. Sie sagten, die Vergangenheit sei uns im Wege und das Pflegen der Tradition – also die Reproduktion einer Gesellschaft von Generation zu Generation – hat uns in die Katastrophe geführt. Gehen wir vorwärts, seien wir Menschen unseres Jahrhunderts. Aber ich hatte nicht vorhergesehen, welche Konsequenzen sie daraus ziehen würden.«
Cécile Wajsbrot[1]
»Martin sagte: ›Leben wir in einer provisorischen Wirklichkeit? Habe ich das schon gesagt? In einer Zukunft, die noch gar keine Gestalt annehmen sollte?‹«
Don DeLillo[2]
»Eine genaue Erforschung der Geschichte des Zerfalls politischer Gebilde zeigt, dass die Kunst des Überlebens eine Kunst ständiger Improvisation ist.«
Ivan Krastev[3]
»Haben wir denn wirklich nicht genug an dem, was unsere eigene Umgebung bietet?«
Geert Mak[4]
»Irgendetwas ist grundfalsch an der Art und Weise, wie wir heutzutage leben.«
Tony Judt[5]
Vor zehn Jahren erschien ein eindrückliches Buch über eine heimtückische Krankheit, die vor allem alte Menschen trifft – Alzheimer. Der österreichische Autor Arno Geiger erzählte in »Der alte König in seinem Exil« von der Erkrankung seines Vaters. Es begann mit ersten Anzeichen der Vergesslichkeit und der Desorientierung, dann aber nahm die Krankheit ihren unerbittlichen Lauf und äußerte sich vor allem in der Empfindung des Vaters, kein Zuhause mehr zu besitzen. Das Voranschreiten der Vergesslichkeit löste in der Familie anfangs vor allem Irritationen aus, nötigte alsbald zu zunehmend schwierigen Arrangements und zu aufwendigen praktischen Hilfestellungen. Die Angehörigen mussten sich der unaufhaltsamen Verschlimmerung der Krankheit anpassen. Es ist vor allem der Wunsch des Vaters, nicht heimatlos zu werden, der Arno Geiger dazu bringt, über die Bedeutung des Zuhauseseins nachzudenken.
Es schmerzt den alten Herrn, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt sein eigenes Haus nicht mehr wiedererkennt. Nicht einmal die Hausnummer, die er in seinem löchrigen Gedächtnis noch behalten hat, vermag den Vater davon zu überzeugen, vor der eigenen Haustüre zu stehen. Als die Schwester des Autors ihn fragt, was diese Hausnummer zu bedeuten habe, antwortet ihr Vater, dass wohl jemand das Schild gestohlen und es an dieser Stelle neu angeschraubt habe. Die Welt des Erkrankten ist rissig geworden, und irgendwann beschleicht Geiger der Gedanke, die Alzheimererkrankung könne – über die Situation des Vaters hinaus – womöglich auch etwas über den Zustand unserer Welt aussagen:
»Alzheimer ist eine Krankheit, die, wie jeder bedeutende Gegenstand, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.
Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes. Uns Gesunden öffnet die Alzheimererkrankung die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.
Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte.«[6]
Man braucht das Wort Alzheimer nur durch Corona zu ersetzen, um ein neues Sinnbild zu erhalten. Und dieses weicht in seiner Aussagekraft kaum von seinem Vorgänger ab. Auch die Corona-Pandemie hat uns mit menschlichen Eigenschaften und gesellschaftlichen Befindlichkeiten konfrontiert, die zu überraschen vermochten. Wir wurden zu Zeugen einer bereits verschüttet geglaubten Hilfsbereitschaft und sahen Beispiele dafür, wie Menschen sich bis zur Selbstaufgabe für Verwandte und Fremde einsetzten. Aber es zeigten sich ebenso die harsche Weigerung, sich in das Schicksal anderer auch nur elementar einzufühlen, und die bequeme Haltung, sich zu verschanzen in einer alternativen Wirklichkeit, in der das Virus zu einem Phantom umdefiniert wurde. Die Dauererregung, in der wir uns normalerweise befinden, war plötzlich abgebremst worden, die zur Gewohnheit gewordene Hast all unserer Verrichtungen jäh zum Stehen gebracht. Was den einen eine willkommene Reflexionszeit war, erschien den anderen als ein Affront gegen ihre Lebensweise, auf die sie ein Anrecht zu haben meinten. Insgesamt zeigte sich wie unter einem Vergrößerungsglas, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft geworden war. Wir gewannen den Eindruck, dass am fahrenden Schiff auf stürmischer See erhebliche Reparaturen angebracht werden sollten.
Das Virus hatte den prekären Zustand unseres Zusammenlebens aufgezeigt. An der Oberfläche lief bis kurz zuvor noch manches in einigermaßen geordneten Bahnen. Politische und ökonomische Routinen prägten unser Alltagsbewusstsein. Es war uns irgendwie gelungen, die wohl allergrößte aller Krisen – die Klimakrise – auszulagern und diese mental zu kaschieren. Die Stabilität, die wir uns vorgaukelten, war aber bereits trügerisch geworden. Plötzlich zeigte sich, wie unter jener Oberfläche bereits das Chaos tobte. Vielleicht hatten wir uns bisher tatsächlich in einer Fiktion des Verstandes aufgehalten, in einem verkrampften Bemühen, Normalität zu spielen, während die Zukunft uns bereits längst eingeholt hatte und ihre Botschaft, dass es keine Welt mehr geben wird, wie wir sie kannten (Claus Leggewie/Harald Welzer), im Grunde kaum mehr zu überhören gewesen war.
Auch wenn wir manche Pfeiler, die Geigers Vater abhandengekommen waren, nicht mehr vermissen, ist die Lage der Dinge dennoch vergleichbar. Unter dem Vergrößerungsglas der Pandemie zeigt sich auch uns ein Trümmerfeld der Stützen. Im Nu waren die für unsere Art des Wirtschaftens so elementaren Lieferketten unterbrochen, und es zeigte sich, dass auf eine regional einigermaßen robuste Versorgung keinerlei Verlass mehr war. Angst nötigte viele Menschen zu teils absurden Hamsterkäufen, so als müssten sie ihre Haut retten, bevor andere das auch versuchten. In den Institutionen des Gesundheitswesens brachen Paniken aus. Es war kaum zu übersehen, welcher Leichtsinn am Werk gewesen war, als die Pandemievorsorge überall in der Welt, trotz deutlicher Warnungen, vernachlässigt worden war. Die psychosozialen Folgen der Krise sind im Einzelnen noch nicht genau abzuschätzen, aber es wird Heerscharen von Verlierern geben. Konflikte und Zerwürfnisse sind überall zu beobachten. Ökonomische Verwerfungen in großem Ausmaß zeichnen sich ab. Von Orientierungsproblemen und Zukunftsängsten muss tatsächlich die Rede sein.
In Arno Geigers Buch über den Vater gibt es aber auch Trostreiches, wozu die folgenden zwei Sätze gehören: »Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.« Es gibt auch für uns keinen Grund zu resignieren, aber genauso wenig einen Grund zu zögern. Der von der Pandemie ausgelöste Krisenzustand ist nämlich lediglich das Vorspiel einer viel größeren Krise, die sich bereits überall abzeichnet – das Vorspiel zur Klimakrise. Die Überschwemmungen im Jahre 2021 könnten zu einem Kippmoment werden, der die Realität der klimatischen Katastrophe endgültig bis vor die Haustüre gekehrt hat. Wir sind jedenfalls dabei zu straucheln und auf der mühsamen Suche nach einigermaßen zukunftsfesten Auswegen. Es wird enorme Anstrengungen brauchen, für unsere Gesellschaften neue Stützen zu finden, und das Trümmerfeld aufzuräumen. Aber wie hieß es bei Geigers Vater: »Ein guter Stolperer fällt nicht.« Ob diese Frohbotschaft zutreffen wird, wissen wir allerdings nicht.
Die Covid-19-Pandemie, die sich im Frühjahr 2020 in Europa auszubreiten begann, war und bleibt ein Jahrhundertereignis. Man kommt nicht umhin, sie mit der Spanischen Grippe zu vergleichen, die nahezu exakt 100 Jahre früher die Welt verheert hatte und das Leben von vermutlich 50 Millionen Menschen forderte, damals etwa 2,5 bis fünf Prozent der Weltbevölkerung. Auch wenn wir nur ahnen, welche Katastrophen vergleichbaren Ausmaßes in den nächsten Jahrzehnten noch auf uns zukommen werden, wird das Jahr des Ausbruchs der Corona-Pandemie im späteren Rückblick der Historiografen ein symbolisches Datum bleiben. Globaler, plötzlicher, schneller und einschneidender in seiner Art war vermutlich kein Ereignis der jüngeren Geschichte. In dieser Prädikatenreihung fehlt jedoch die Kennzeichnung unerwartet. Sie fehlt zu Recht, denn die Pandemie war erwartet worden. Zwar hatte man keine Einzelheiten wissen können. Zeit und Ort ihres Ausbruchs, die genaue Virusart und deren medizinische Komplikationen waren unvorhersehbar. Aber dass eine Pandemie uns in nicht ferner Zeit heimsuchen würde, war mehrfach warnend vorhergesagt worden. Wir wollten davon nichts wissen.
Wir haben die Alarmsignale tatsächlich gern überhört. Immer anderweitig unterwegs, im Kokon unserer Geschäftigkeit und unserer privaten Lebenserfüllungsstrategien eingezwängt, und angesichts der bereits vorhandenen Anzeichen lernunwillig und kurzsichtig geblieben, schlug die Pandemie wie ein Meteor in unsere Umgebung ein. Wir konnten anfangs kaum glauben, was da mit uns passierte, und gingen davon aus, die Angelegenheit würde sich in wenigen Wochen erledigen. Wir freuten uns allzu bereit auf den baldigen Rückblick auf das Geschehen. Der niederländische Historiker Geert Mak hat diese Haltung trefflich beschrieben:
»Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, plötzlich waren wir an der Reihe. Wir, die sonnenverwöhnten Generationen der zurückliegenden Jahrzehnte, wurden im Frühjahr 2020 unsanft aus unserem Rausch geweckt und kosteten vorsichtig das vergessene Wort ›Schicksal‹. Waren wir denn nicht unsterblich? Galt in unserem selbstbewussten Teil der Welt nicht das Gesetz, dass wir sicher waren und jedes Problem in den Griff bekamen?« [7]
Wie gesagt, die Zeichen an der Viruswand waren im Grunde kaum zu übersehen gewesen. SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) war bereits im Winter 2003 in China ausgebrochen und einer Zoonose zugeschrieben worden. Eine Zoonose ist eine Virusübertragung von Tieren – in der Regel von Wildtieren – auf Menschen. Sie geschieht infolge eines gefährlichen Näherrückens der Populationen, ausgelöst durch unsere Spezies. Weitere traurige Beispiele sind leicht zu finden: HIV, Ebola, H5N1 und MERS waren allesamt durch solche Zoonosen ausgelöst worden. Diese Ausbrüche besitzen eine zivilisatorische Signatur. Sie sind das Ergebnis menschlichen Fehlverhaltens, die Folge des gefräßigen Konsums unserer natürlichen Umgebung, provoziert durch unsere Essgewohnheiten und unser Reiseverhalten, durch die progressive Kolonisierung bisher noch verschonter Gebiete. In den vergangenen Jahrzehnten war die Natur wohl bereits endgültig in die Falle unseres Verwertungsinteresses geraten, aber eine Weile konnte dieser Sachverhalt noch verdrängt werden. Die Effekte dieser epochalen Unterwerfung zeigen sich mittlerweile jedoch überall. Natur und Zivilisation sind in eine Frontalstellung geraten. Das kriegsähnliche Verhalten gegenüber der Natur hat Wunden gerissen, die inzwischen auf beiden Seiten der Linie zu besichtigen sind, also auch auf unserer Seite.
Die Pandemie gehört, wie gesagt, zu den Indizien einer viel umfassenderen Erschütterung, der man den harmlos klingenden Namen Klimakrise gegeben hat. Aber was sagt uns diese Pandemie? Das Covid-19-Geschehen trägt das Merkmal des Unentrinnbaren. Wir sollten genau dies als die Signatur aller künftigen Großereignisse ökozivilisatorischen Charakters betrachten. Es sind uns keine Rückzugsgebiete mehr geblieben, bestenfalls vorläufige Miniaturreservate individuellen Entkommens, die sich aber nach nur kurzer Dauer als Zonen von uns kultivierter Illusionen erweisen werden. Das gewalttätige Potenzial des Globalisierungsprojekts verblieb für die Unaufmerksamen unter uns noch eine Weile latent, unterhalb des Schirms unserer Aufmerksamkeit. Zu viele von uns waren in der Lage gewesen, auf dessen Vorzügen zu surfen – auf den Wellen einer umfassenden Mobilisierung und einer begierigen Reichweitenvergrößerung unserer Weltbeherrschung.
Als hinnehmbarer Kollateralschaden eines ökonomischen Fortschritts wurde die progressive Naturzerstörung verharmlost, weil diese ein Mehr an Wohlstand für alle versprach. Und durch vermehrte Technisierung und mittels einer Umstellung auf »grünes Wachstum«, so lautete die beruhigende Botschaft, könne jene Zerstörung zwar nicht ungeschehen gemacht werden, aber immerhin erheblich abgefedert. Die Zeiten, in denen eine solche Zurechtlegung der Dinge noch gelang, sind jedoch endgültig vorbei. Wir sollten die Pandemie als einen Offenbarungseid betrachten, der uns schonungslos vor Augen führt, in welche Sackgasse wir uns verlaufen haben. Der Historiker Heinrich August Winkler war sich am Ende seines in der Beginnphase der Epidemie fertiggestellten großen Essays »Wie wir wurden, was wir sind« noch sicher, die Corona-Krise sei »zu einer ›Stunde null‹ (…) nicht geworden«[8]. Ob diese starke Metapher dennoch verwendet werden sollte, lässt sich nur beantworten, wenn wir uns fragen, worauf sich die Rede von einer Stunde null womöglich zu Recht bezieht.
Es fällt leicht, das augenfälligste Merkmal dieser Krise zu identifizieren – der abrupte Stillstand unserer Gesellschaft, die Ungeheure Unterbrechung, zu der wir genötigt wurden. Diese widersprach allem, was uns geläufig war – einer den ganzen Globus umfassenden permanenten Beweglichkeit und einer scheinbar unaufhaltsamen Beschleunigung aller Prozesse und Kommunikationen in unseren modernen Leben. Größer hätte der Kontrast nicht sein können. Bereits in der Anfangsphase der Pandemie – im Mai des Jahres 2020 – hatte der Journalist Bernd Ulrich in einem wegweisenden Artikel in der »Zeit« auf das Besondere dieser Situation aufmerksam gemacht. Die Corona-Krise sei, so mutmaßte er, »vielleicht die aufklärerischste Krise, weil sie die Welt so verlangsamt hat, dass man ihre Bewegungsgesetze besser sehen kann«.
In der Tat, wie unter einer Lupe zeigten sich schonungslos die Charakterzüge des Systems, in dem wir leben – seine Zukunftsblindheit und Perspektivlosigkeit, seine ökologische Ignoranz und soziale Indifferenz, seine rastlose Getriebenheit und das Delirium seiner Kommunikationsformen. Ulrich war der Meinung, dass die Corona-Krise und die drei großen anderen Krisen der jüngsten Vergangenheit – die Finanzkrise 2008, die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 und die Klimakrise – etwas zutiefst Beunruhigendes verbinde, nämlich, »dass sie sich scheinbar jedweder Prävention entzogen, um sich dann sehr rasch, teils exponentiell zu entfalten«. Der Nachdruck liegt auf »scheinbar«, denn in Wahrheit sind jene Krisen keineswegs systemexterne Ereignisse, sondern die Folgen systemimmanenter Entwicklungen und Entscheidungen, weshalb sie prinzipiell vorhersehbar gewesen sind.
Solange diese Prozesse nicht identifiziert, analysiert und gegebenenfalls entsprechend radikal korrigiert werden, werden Pseudo-Erklärungen und Als-ob-Lösungen im Umlauf sein. Weil die politischen und ökonomischen Gründe der Krise im Ungefähren waren und blieben, gingen Bürger auf die Suche nach Ersatz, meistens nach schlechtem Ersatz. Nun brach die Stunde der Propheten der höheren Vernunft, der Hinter-die-Kulissen-Schauenden und der Verschwörungstheoretiker an. Zu diesem Zwecke wurde zu allem eine Absicht hinzuerfunden und somit eine personalisierte Ursache konstruiert, die ein genaues Hinschauen auf Strukturen, Institutionen und Lebensgewohnheiten überflüssig machte. Manche Menschen schalteten unmittelbar in einen Weltanschauungsmodus fantastisch-spiritueller Natur um, so dass die realen Krisenfaktoren unerwähnt bleiben durften. Zu einer Rückkehr zur Realität müsste in erster Instanz die Bereitschaft gezählt werden, die Lage schonungslos anzuvisieren und an ihrer Verschönerung nicht länger mitzuwirken. An dieser Stelle sei Bernd Ulrich ausführlich zitiert, weil man eine pointiertere und zutreffendere Diagnose kaum finden wird:
»Einzelne erleben ihre Krankheiten oftmals als Schicksal. Für eine Gesellschaft gilt das nicht. Wie vorerkrankt und damit viral verletzlich sie ist, hängt von politischen Vorentscheidungen ab. Wird schlechte Ernährung subventioniert, ja oder nein? Wird Adipositas befördert, ja oder nein? Wird die pandemiefreundliche Massentierhaltung begünstigt oder nicht? Ist das billige Kotelett wert, dass die Bevölkerung unter antibiotikaresistenten Keimen leidet? Nimmt man die hohe Zahl von Asthmatikern in Kauf, damit die Feinstaub produzierende Mobilität ungehemmt weiterlaufen kann? Ist es akzeptabel, wenn ein Drittel der Gesellschaft zehn Jahre früher stirbt, ergo erheblicher kränker lebt als der Rest? In Zukunft eher nicht. Wer die Ärmsten gefährdet, der gefährdet die Gesamtheit; einer viralen Gemeinschaft bleibt vielleicht gar nichts anderes übrig, als auch eine soziale Gemeinschaft zu sein. (…) Diese Gesellschaft kann es sich schlicht nicht mehr leisten, so unsozial, so fossil, so gestresst, so hypermobil, so krank zu sein. Das ist jetzt nicht mehr nur eine Frage von Gerechtigkeit und von Nachhaltigkeit, sondern zugleich eine von Freiheit und ökonomischer Vernunft. (…). Das Zeitalter der Schonung hat – hoffentlich – begonnen.«[9]
Wenn dieses Zeitalter der Schonung beginnen sollte, dann muss die Zeit des Stillstands genutzt werden, auch wenn sie inzwischen vorbei zu sein scheint. Die Ungeheure Unterbrechung – das signifikanteste Kennzeichen der Krise – darf somit nicht als bloßes Stillstehen in Erwartung der baldmöglichsten Wiederaufnahme der Normalität, wie wir sie kannten, gedeutet werden. Darüber hinaus müssen wir uns davor hüten, die Ungeheure Unterbrechung mit bloßer Unbeweglichkeit und mit einem Stillstand in allen Angelegenheiten zu verwechseln. Manches hat sich in den vergangenen Monaten geradezu beschleunigt. Vor allem die sozialen Asymmetrien sind ständig gewachsen. Die Schwachen wurden schwächer, viele der Starken noch viel stärker.
Unterhalb der Oberfläche vermehrten sich die Kämpfe ums Überleben, in vielen Teilen der Welt im buchstäblichen Sinne. In den Gesellschaften des Wohlstands, die auch selbst Kollektive grassierender Armut sind, haben in zahlreichen Bereichen des Lebens tiefe Verwerfungen stattgefunden – auf den unteren Stufen der Sozialleiter, in den zahllosen prekären Beschäftigungsverhältnissen, in den Bereichen von Kunst und Kultur. Die Risse sind nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Längst nicht alles ist zum Erliegen gekommen.
Mit Paul Virilio lässt sich deshalb von einem »rasenden Stillstand« sprechen. Der französische Philosoph und Architekt bezeichnete damit einen Zustand, in dem eine ungeheure Schnellheit und Beweglichkeit vorhanden ist, aber sich das befremdliche Befinden ausbreitet, ohne Ziel unterwegs zu sein und im gewissen Sinne stillzustehen. »Mitgerissen von der ungeheuren Gewalt der Geschwindigkeit, bewegen wir uns nirgendwohin.«[10] Das Nirgendwohin dieses rasenden Stillstands fand in den verschiedenen Lockdowns gleichsam im Modus eines wirklichen Stillstands statt. Nun zeigte sich tatsächlich, dass wir ohne Ziel unterwegs gewesen waren, bloß noch hoffend auf die blanke Kontinuität dessen, was wir bereits kannten und wussten. Je länger die Krise dauerte, umso mehr fing es allerdings zu brodeln an. Wir befanden uns in einem »brodelnden Stillstand«. Wie gesagt – die Risse sind tiefer geworden, die Zentrifugalkräfte stärker, die Sicht auf die Zukunft opaker. Vielleicht bietet die Pandemiekrise eine der letzten Chancen auf eine wirklich nachhaltige Korrektur unseres Lebens – auf die Korrektur der Leben der Individuen und auf die damit unlösbar zusammenhängende Korrektur unserer Gesellschaft im Ganzen.
»Wir stellen die Epidemie der Abstammung gegenüber, die Ansteckung der Vererbung, die Bevölkerung durch Ansteckung der geschlechtlichen Fortpflanzung und der sexuellen Produktion. Menschliche und tierische Banden vermehren sich durch Ansteckungen, Epidemien, Schlachtfelder, Katastrophen.«
Gilles Deleuze/Félix Guattari[11]
Als im Frühsommer 2020 der Verlag mit dem Vorschlag an mich herantrat, einen philosophischen Essay über die Corona-Krise zu schreiben, einigten wir uns alsbald auf einen vorläufigen Titel, der da hieß: »Die Corona-Erbschaft. Eine Inventur«. Selbstverständlich handelte es sich dabei um nichts weiter als einen Arbeitstitel, aber in ihm drückte sich doch eine Intuition hinsichtlich der vermutlichen Dauer der Pandemie aus. Die Zeitstrecke bis zum Ende der Epidemie sei zwar ungewiss, aber die Zeit, die bis zu ihrer vermutlichen Kontrolle zu durchlaufen wäre, ließe sich abschätzen. Der Titel suggerierte nämlich, es wäre bereits in absehbarer Zeit möglich, auf die Epidemie gleichsam zurückzublicken und ihre Folgewirkungen eben zu inventarisieren. Diese Intuition erwies sich als gänzlich falsch, die Suggestion als voreilig und somit der Titel als bereits veraltet, bevor mit der Niederschrift angefangen werden konnte. Von einem Rückblick musste der Autor dieser Abhandlung demnach schnell Abschied nehmen. Stattdessen zeigte sich, dass es – jedenfalls zwischenzeitlich – viel angemessener war, von einem Ausblick ohne Lichtblick zu sprechen. Nachdem der Impfstoff zum Einsatz gekommen war, durfte man jedoch vorsichtig von einem Ausblick mit Lichtblick sprechen.
Von einem Rückblick konnte aber keine Rede sein. Verlangt war eine andere Einstellung, eine andere Positionierung des Autors. Er musste sich zum Zeitgenossen komplexer Sachlagen, teils disparater Einschätzungen und Prognosen, vor allem aber wechselnder Tempi der Infektionsausdehnung und ihrer Eindämmung machen. Die mit der Entwicklung verbundenen Gefühlslagen wechselten immer wieder. Aus einem bequemen philosophischen Außerhalb, also aus der Position eines geduldig reflektierenden Beobachters in seinem akademischen hortus conclusus, war eine Annäherung an die Pandemie und ihre Folgen völlig unmöglich. Das Nachdenken vollzog sich streckenweise in Echtzeit, also inmitten der Turbulenzen des Geschehens und der Wechselbäder der Gefühle. Ein Gefühl der Unsicherheit begleitete das ganze Vorhaben. Es gab, wie die Abhandlung von Andreas Brenner über Corona-Ethik und der Essay von Nikil Mukerji und Adriano Mannino »Covid-19: Was in der Krise zählt« zeigten, durchaus gelungene ad-hoc-philosophische Kommentare zur Pandemie. Diese bezogen sich jedoch vor allem auf aktuelle Entscheidungs- und Handlungsprobleme ethischer Art.
»Über die Epidemie schreiben heißt, mit Bedacht Schritt zu halten« – so sollte jedenfalls die wichtigste Maxime eines Autors lauten, der über die Corona-Epidemie einen Text verfassen will, der weder zu spät noch zu früh kommen sollte. Das Risiko, wahlweise in die Vergangenheits- oder in die Zukunftsfalle zu treten, darf nicht unterschätzt werden. Die Beobachtungen der Krise sind dem Tempo ihres Verlaufs unterworfen. Schlussfolgerungen, erst recht mögliche Empfehlungen, sind das aber nicht. Die mäandernde Entwicklung der Epidemie macht es allerdings schwer, keine voreiligen Behauptungen aufzustellen. Ihre vielen Gesichter verlangen dem Kommentierenden flexible Kurswechsel ab. Seine Interpretationen könnten einen viel höheren Alterungswert haben, als ihm lieb sein kann. In Echtzeit über diese Pandemie Gültiges zu schreiben, ist zwar nicht vermessen, aber doch schwer, wenn eine tiefere Einbettung dieser Krise beabsichtigt wird. Genau dies ist aber der Fall.
Es braucht jedenfalls einen langen Atem. Die Sachverhalte sind komplex. Die Entwicklung bleibt unübersichtlich. Die Situation zieht sich. Im Griff der Epidemie – so allgemein muss wohl eine Lagebeschreibung klingen, die sich nicht überheben will und nicht bereits übermorgen veraltet sein möchte. Die Position des Kommentators hat sich an diese Maßgabe zu halten. Langsamkeit angesichts des Tempos der Geschehnisse ist angesagt. Diese Maxime einzuhalten, ist gar nicht leicht. Sie widerspricht der Schnelllebigkeit des Publikationsbetriebs. Große Teile des Publikums wollen zu allererst bei Laune gehalten werden. Viele Kommentatoren wollen die Gelegenheit nicht verpassen, wortgewaltig einzugreifen.
Fast schneller, als Covid-19 streuen konnte, meldeten sich bereits in den letzten Wochen des März 2020, also kurz nach der geschwinden Ausbreitung des Virus, Diagnostiker, Ratgeber, Lebenssinndeuter, Sozialtherapeuten fürs Ganze und Besserwisser verschiedener Couleur zu Wort. In Windeseile verbreiteten sich die unterschiedlichsten Deutungen, mehr oder eher weniger theoriefest und realitätsnah. Als könnte man es kaum abwarten, bereits in den Anfängen des Geschehens letztgültige, rück- und vorausblickende Sätze über die Pandemie zu verfassen, ergoss sich eine Flut von Interpretationen und Zukunftsszenarien[12] über die Bürger, die gerade erst damit begonnen hatten, ihren Alltag in den gegebenen Umständen mühsam zu organisieren. Es fand ein veritabler Wettlauf um die Deutungshoheit über die Pandemie statt.
Unter den Athleten in der sprintprognostischen Corona-Disziplin war Matthias Horx zweifellos Weltrekordinhaber. Das Virus war noch nicht richtig angekommen, da hatte Horx es bereits wort- und gestenreich verabschiedet. Vor der Pandemie war bei ihm im Grunde schon nach der Pandemie. Den Halbzeitwert seiner Prognosen sah man allerdings alsbald in einem Sturzflug der Verkürzung implodieren. Bis zur Kenntlichkeit entstellt, zeigte sich das Gesicht der sogenannten Trend- und Zukunftsforschung. Bereits am 15. März 2020 wusste Horx, wie der Herbst sich anfühlen würde – notabene der Post-Corona-Herbst. Es seien an dieser Stelle nur einige Verse aus dem wundergläubigen Corona-Evangelium nach Matthias zitiert:
»Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führen.«
»Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser), stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching.«
»Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten.«
»Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie ›Zusammenbruch‹ tatsächlich eintrat.«
»Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen nicht mehr die entscheidende Rolle.«
Aber nicht genug, denn ohne einen ermutigenden Segen werden wir nicht entlassen: »Die Welt wirkt wieder jung und frisch, und wir sind plötzlich voller Tatendrang. (…) Genau das ist, oder war, das Corona-Gefühl.«[13] Die quasireligiöse Inbrunst des Autors scheut vor keiner Hyperbel zurück, keine Übertreibung ist ihm zu gewagt. Noch kurz vor Ausbruch der Pandemie hatte Horx seine »15 ½ Regeln für die Zukunft an die Menschheit« gerichtet. Dort versprach er nichts weniger als eine »Anleitung zum visionären Leben«. Aber was war von dieser Prophezeiung geblieben? Wohin hatte sich das visionäre Leben verzogen? Welche Wunder hatten sich denn eigentlich ereignet – wohlgemerkt im Post-Corona-Herbst des Jahres 2020? Sie sind samt und sonst ausgeblieben.
Diese Passage meiner Abhandlung ist im Februar 2021 geschrieben. Menschen gingen damals unter der sozialen Isolierung gebückt, die mit Unterbrechungen seit Monaten anhielt. Die soziopsychischen Schäden waren bereits unübersehbar. Die Digitalisierung unseres Alltags hatte Erschöpfungszustände und grassierende Burn-outs hinterlassen. Kinder, Jugendliche und Studierende litten unter der Immobilität, der Kontaktlosigkeit und der fehlenden sinnlichen Nähe, die uns diese Medien nolens volens aufzwangen. Wirksame Medikamente waren auch ein halbes Jahr nach dem Horx-Herbst kaum in Sicht. Das Ausmaß der sich abzeichnenden ökonomischen Verwerfungen bereitete große Sorge. Die Börsenwerte explodierten und selten waren Immobilien so begehrt wie in jenem Moment, aber noch nie verloren in den letzten Jahrzehnten Menschen so viel Zuversicht und Lebensfreude in so kurzer Zeit.
Wir haben uns gewundert über die soziale lgnoranz des Propheten Horx. Wir haben uns gewundert über den obszönen Charakter des Horx’schen Trostzuspruchs. Wir haben uns gewundert über die fehlende Scham eines Hellsehers während seiner Angstausbeute. Wir haben uns gewundert über die Geschwindigkeit, mit der ein privates Evangelium zum Dysangelium für die vielen mutierte. Es gilt noch immer, dass der Kapitalismus sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, ein Unglück im Eiltempo in ein Konsumgut verwandeln zu können. Sind wir also vorsichtig.
Einer ehrwürdigen Tradition der Philosophie zufolge fängt diese mit dem Staunen an – mit dem Staunen über die Beschaffenheit der Welt. Als Philosoph habe ich momentan eher den Eindruck, meine Disziplin, die Philosophie, findet ihren Anfang in einer gehörigen Portion Ratlosigkeit. Das einstige Staunen der Philosophie hing nicht zuletzt mit dem Gefügtsein der Welt zusammen, mit deren bestaunter Ordnung, Vernunft und auch Schönheit. Heute dagegen scheint unsere Welt aus den Fugen geraten. Sie zeigt uns ihre Fratze. Es sind die Selbstverständlichkeiten wie Seifenblasen zerplatzt, die lieb gewonnenen Gewohnheiten zu dünnen Rinnsalen geronnen. Es hat den Anschein, als drifteten wir auseinander ohne Richtung und Maß. Die sogenannte Corona-Krise wurde jedenfalls zu einem Katalysator, der die bereits vorhandenen Unstimmigkeiten, Konflikte und Dissense vertieft und radikalisiert hat.
Die Versuchung ist nicht gering, schnelle Diagnosen zu erstellen und zu Rezepturen mit erheblichen Eingriffstiefen zu greifen. Sobald die geschwinde Arbeit an der Erregung erfolgt ist, legt man das rhetorische Besteck dann aus den Händen und wartet auf die nächste Gelegenheit. Solchermaßen wird die Philosophie zu einem Krisenparasiten, der sich darüber freut, dass ein neuer Wirt bereits in Sichtweite ist. Genau das sollte in dieser Abhandlung vermieden werden. Es soll nicht aus der philosophischen Hüfte geschossen werden. Es existiert keine privilegierte Perspektive der Philosophie, die sie über andere Disziplinen erhebt. Sie hütet nicht ein höheres Wissen und sie verfügt nicht selbstverständlich über ein Schatzkämmerlein besserer Einsichten als jene, die im mühsamen Dialog mit den vielen anderen erworben werden müssen.
Angesichts der bereits vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die durch die Corona-Krise ins Rampenlicht gerückt wurden und zum Teil auch verschärft, tut ein Zögern gut. Zwischenzeitliche Verlangsamung ist das Gebot der Stunde. Zögern und die Drosselung des Tempos sind nicht die schlechtesten Kennzeichen dessen, was Reflexion heißt. Und wir müssen die Krise einbetten. Sie gehört in eine Analyse hinein, die sich mit der Vorgeschichte, der Gegenwart und mit den Aussichten auf das schwierige Danach befasst. Aber was geschah seit Ausbruch der Pandemie?
Die psychodynamische Reaktion auf die Pandemie vollzog sich – schematisch vereinfacht – in vorläufig sieben Schritten. Während der allerersten Wochen konnte man so etwas wie eine Euphorie des Stillstands konstatieren. Die plötzliche und radikale Bremsung nahezu aller Lebensvorgänge vermittelte in dieser ersten Phase das Gefühl, dem Hamsterrad des rasanten Verlaufs, in dem sich unser Leben vollzieht, entkommen zu sein. Gegen die allseitige und scheinbar unentrinnbare Beschleunigung zeichnete sich die unerwartete Möglichkeit der Verlangsamung ab und mit ihr ein überraschender Qualitätsgewinn des Alltags. Wir genossen die Ungeheure Unterbrechung.
Allerdings muss bereits an dieser Stelle die Frage aufgeworfen werden, wer wohl dieses »wir« ist und war. Es war ein überaus privilegiertes Kollektiv, das sich seiner Daseinsverlangsamung erfreuen durfte. Der Autor dieser Abhandlung gehört dazu, manche seiner unmittelbaren Nachbarn im Wohnviertel bereits nicht mehr. Je nach sozialer Position fiel die Euphorie unterschiedlich stark aus. Für kaum jemanden war sie von Dauer.
Alsbald mehrten sich die Irritationen – die zweite Phase hatte begonnen. Der brave Konsens des Anfangs bekam erste Risse. Das Beklatschen der neuen Helden der Hilfeleistung – des medizinischen und pflegerischen Personals – wurde von diesen zunehmend und zu Recht als ein zu einfaches und vor allem als ein zu billiges Dankeschön empfunden. Von freundlichem Applaus kann man sich nichts kaufen. Vielleicht nährt er kurzfristig das Selbstwertgefühl, aber umso hungriger lässt er zurück, wenn der Berufsalltag sich nicht substanziell, das heißt nicht finanziell und sozial ändert. Die bloß moralische Würdigung erwies sich als eine schlaue Art, sich dankbar zu zeigen, ohne dies auch nachhaltig zu sein.
In nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung stießen die Corona-Regeln, die auch nach dem Lockdown in Kraft blieben, zunehmend auf Unverständnis. Die Maskenpflicht wurde von einigen als unzumutbare Einschränkung ihrer Bürgerfreiheit hochstilisiert, die teilweise Reduzierung der Reisefreiheit als Angriff auf rechtlich verbürgte Lebensziele. Das Maßnahmenbündel, das die Politik beschlossen hatte, mutete zunehmend vielen Bürgern als übertrieben, unausgegoren oder gar als perfide Erfindung von Instanzen an, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Die Hochzeit der Verschwörungstheorien war angebrochen.
In deren Spur verwandelten sich die Irritationen zunehmend in Aggressionen. Die dritte Phase hatte begonnen. Die Aggressionen entluden sich in kleinen Scharmützeln während des Einkaufens oder in Gaststätten, aber auch in Zusammenstößen gravierender Art wie während der seltsamen Demonstrationen gegen das Corona-Regelwerk, in denen »Reichsbürger« und Neonazis (geschmückt mit Reichskriegsfahnen) tolerante Bündnisse mit Alternativbewegten verschiedenster Färbung (also mit Regenbogenfärbung) eingingen. Der versuchte Sturm auf das Bundestagsgebäude im Frühsommer 2020 bildete den überaus traurigen Höhepunkt dieses politischen Tiefpunkts. Die während dieser Zeit erheblich gesunkenen Infektionszahlen schienen denen recht zu geben, die schon immer gewusst hatten, dass das Coronavirus der Normalität viraler Erkrankungen entsprach und die Reaktionen eher einer Hysterie als einer gut begründeten Maßnahme glichen. Man war mit seiner Geduld am Ende. Die Revolte gegen das Corona-Paket spülte Unschönes bis Hässliches an die Oberfläche. Demokratieverächter und Wissenschaftsleugner, Bionazis und Hellseher, Unheilspropheten, »Heilpraktiker und Sieg-Heilpraktiker« (Oliver Welke) marschierten in negativer Einmütigkeit, also vereint in purer Ablehnung, durch Berlin, Leipzig und anderswo. Viel stiller wurde es um jene Menschen, die sich in zunehmende Resignation hüllten und mit ihrer Trauer angesichts erlittener Verluste allein gelassen wurden.
Als im Spätsommer 2020 sich eine zweite Welle ankündigte, wurde der Widerstand alltäglicher – mittels der schlichten Ignoranz der Regeln im Alltag, der stillen, aber beharrlichen Ablehnung der Vorsichtsmaßnahmen. Dennoch rückte das Virus wiederum näher an den Einzelnen heran, weshalb die Proteste zunächst an Vehemenz und Lautstarke verloren. Spätestens, als im Oktober 2020 die Infektionszahlen in die Höhe schnellten und alsbald das Vorjahresniveau deutlich übertrafen, war eine vierte Phase angebrochen – eine Mischung aus Resignation und Eskalation.
Eine unfreiwillige Komik war sogar in dieser Situation nicht immer zu vermeiden. Aufgrund der Reisebeschränkungen und der Infektionsangst war der Flugverkehr während der Pandemie so gut wie zusammengebrochen. Grotesk mutete deshalb im Herbst die Eröffnung des Berliners Flughafens an, acht Jahre nach seiner anvisierten Eröffnung. Von dem Journalisten Willie Winkler stammt das zutreffende Bild, dieser gewaltige Flughafen stelle »eine Art Endmoräne des Globalisierungsgigantismus«[14] dar. Ob das tatsächlich zutrifft, wird sich erst in den nächsten Jahren erweisen, aber als Menetekel kann die befremdliche bis peinliche Flughafeneröffnung sehr wohl betrachtet werden. Gegen die Dominanz des Corona-Themas kam sie allerdings kaum an und vielleicht entsprach dies sogar dem heimlichen Wunsch der Verantwortlichen.
Die sommerlichen Proteste brachen zunächst in sich zusammen, nicht zuletzt deshalb, weil größere öffentliche Veranstaltungen nicht stattfinden durften. Aber es gab auch andere Gründe. Hatte man am Anfang der zweiten Welle noch vermutet, nun seien es vor allem die Jüngeren, die sich infizieren würden, nahmen die Fälle schwerer Erkrankungen bald erneut zu, weil die Älteren erneut zunehmend betroffen waren. Während im späten Frühjahr und im Sommer die fallenden Infektionskurven den Widerstand gegen die Einschränkungen im Alltag noch befeuert hatten, ließen im Herbst die steil ansteigenden Zahlen die vollmundigen Proteste rapide abnehmen. Aber dies dauerte nicht lange. Alsbald formierte sich eine laute und fanatische Minorität – ihrer Meinung nach »Querdenker« –, die man als eine Art ausrastende Avantgarde esoterischer Weltflucht charakterisieren müsste.
Die fünfte Phase begann im Spätherbst, als die sogenannte zweite Welle mit Vehemenz zuschlug. Der gesellschaftliche Stillstand ging jetzt in eine Verlängerung von Monaten, mit ungewisser Perspektive. Es brach ein Durcheinander an, in der jeder ein Wort mitreden wollte. Die Spannungen nahmen kontinuierlich zu. Und auch die Enttäuschungen mehrten sich: Die europäische und nationale Politik servierte uns eine völlig misslungene Startphase der Impfungen. Der Impftunnel, an dessen Ende im Dezember 2020 bereits das Licht erblickt worden war, erwies sich als immer länger und jenes Licht blieb zunächst noch in weiter Ferne. Ebenso grandios misslang die Testpolitik. Es entstand ein Flickenteppich von Maßnahmen und Rücknahmen solcher Maßnahmen. Die Prognosen der Virologen waren wenig hoffnungsvoll. Der Unmut der Wirtschaft nahm kontinuierlich zu. Aber auch die Erschöpfung der Bevölkerung nahm ein bedrohliches Ausmaß an: das Heer der Abgestumpften wuchs. Man hatte dabei zunehmend das Gefühl, dass der Politik die Kontrolle der Lage langsam, aber sicher entglitten war.
In der sechsten Phase, die im Frühjahr 2021 begann, zeigte die Impfkampagne erste und später durchaus anhaltende Erfolge. Die Infektionszahlen gingen zurück, die bis zum Anschlag mit Corona-Erkrankten belasteten Intensivstationen leerten sich und schafften Raum für andere Patienten. Ein gewisses Maß an Normalität schien sich abzuzeichnen. Vorsichtig nahm das öffentliche Leben wieder eine ungewisse Fahrt auf. Eher unvorsichtig gestaltete sich das private Leben vieler. Als wäre man auf misslungenen Entzug gewesen, stürzten sich die Menschen in Flieger mit riskantem Urlaubsziel. Eine weitaus große Zahl von Bürgern und Bürgerinnen zeigte sich stabil-resistent gegen den guten Rat, sich aus Eigen- und Fremdinteresse impfen zu lassen. Im Spätsommer zogen die Infektionszahlen erheblich an. »Querdenker« dachten querer als je zuvor. Im politischen Rechtsextremismus fand der Corona-Widerstand – notabene der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen – ein Auffanglager. Restriktionen für Impfunwillige wurden von Letzteren mit immer größerer Aggression quittiert. Am liebsten mochte man die vergangenen Monate der Unterbrechung als ein bloßes Intermezzo abschütteln. Die Rückkehr zum Status quo ante, also zum Zustand vor der Krise, konnte nicht geschwinde genug stattfinden.
Der Preis für diese (nachvollziehbare) Sehnsucht nach Normalität war allerdings hoch: Im Herbst 2021 schnellten die Infektionszahlen auf ein Allzeithoch, Intensivstationen füllten sich mit hauptsächlich Nichtgeimpften, deren Bereitschaft, eine Immunisierung vornehmen zu lassen, sich seit Monaten stabil auf niedrigstem Niveau eingependelt hatte. In dieser siebten Phase zeigte sich eine Hampelstrategie der Politik, die aus einem Fleckenteppich unterschiedlichster Maßnahmen und aus einer manifesten Unentschlossenheit hinsichtlich einer stabilen Strategie für die kommenden Monate bestand. In der Bevölkerung breitete sich eine gewisse Indolenz in Bezug auf die Schicksale anderer aus. Es zerbrachen vielerorts die mühsam eingeübten Solidaritäten, die Umgangsformen waren von einer wachsenden Nervosität und einer manifesten Aggressionsbereitschaft gesteuert, die nicht selten in handfeste Bedrohungen Dritter ausarteten. Gewalttätige Demonstrationen waren keine Seltenheit.
Mittlerweile stolpern wir in die Normalität zurück, aber spätestens nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 sind wir schlecht beraten, diese Richtung wieder einzuschlagen. Man braucht nicht zu liebäugeln mit Weltuntergängen, »Endzeittümelei« (Hans Blumenberg)[15] ist fehl am Platz, aber der Ruf nach einem der Situation angemessenen Realismus darf nicht kleinlaut ausfallen. Zu Recht spricht Carolin Emcke angesichts der Klimakatastrophe von dem »Ende einer Lebensweise«. Dieses »Ende« hätte die Pandemie uns ebenfalls lehren sollen: »Wir können nicht weiterleben wie bisher, in diesem blinden, autodestruktiven Modus, der die eigene Verletzlichkeit leugnet. Wir können nicht weiterleben und unser Bewusstsein sedieren, bei jedem einzelnen Ereignis, das sich an jedes nächste einzelne Ereignis reiht, um nur ja nicht die Struktur anzuerkennen zu müssen, die sie miteinander verknüpft. Wir können nicht in immer kürzeren Abständen absichtsvoll vergessen, was uns belastet und versehrt.«[16] Eine Verweigerung von Zeitgenossenschaft dürfen wir uns nicht länger leisten. Das hätte fatale Konsequenzen.
Offenbar vermag eine Bedrohung, solange sie uns nah genug an den eigenen Leib rückt, zunächst zu disziplinieren. Die Angst, von ihr erfasst zu werden, macht Menschen geneigt, sich den Einschränkungen und Modifikationen ihres Tuns zu fügen. Die Restriktionen werden als wirklicher Schutz wahrgenommen. Allerdings währt dieses Gefühl nicht lange. Nach bereits kurzer Zeit werden Schutzhüllen eigener Fabrikation entworfen: Menschen verbarrikadieren sich dann im Kokon ihrer weltanschaulichen Überzeugungen oder bloß privat konstruierten Weltdeutungen, deren Filter nur noch das durchlassen, was der Einstellung der betreffenden Person ohnehin entspricht. Die Komplexität der Situation will reduziert werden – auf das erträgliche Maß der individuellen Befindlichkeit. Als ob es ein Menschenrecht auf Komplexitätsverweigerung gäbe, wird die Welt so stilisiert, dass sie ihr vertrautes Gesicht nicht verliert. Es triumphierte eine Haltung, die man in der Psychologie Furchtkontrolle nennt: Man verzichtet auf die Gefahrenkontrolle, die darin bestünde, einer realen Gefahrenlage durch Regeln und Verhaltensmodifikationen zu begegnen und wählt eine Bearbeitung der eigenen Furcht – mittels Verleugnung der Sachlage, mittels Vermeidungsstrategien und Widerstand gegen den Einbruch der Wirklichkeit in das private Gehäuse der Selbstberuhigung. Anstelle der realen Gefahr werden nun imaginäre Feinde beschworen, das simple Narrativ diverser Verschwörungstheorien übernimmt die Interpretationsarbeit. Flucht vor der Realität und ein diffuses Verlangen nach Wiederherstellung der vorherigen Wirklichkeiten werden zu einer Grundhaltung.
Dabei war die alte Realität längst zusammengebrochen. Wir waren gezwungen – für eine beachtliche Weile, die immer länger dauerte –, in einer Art Ausnahmezustand zu leben. Wer käme da nicht auf die Idee, das berüchtigte Diktum von Carl Schmitt zu variieren, welches in dieser Situation lauten würde: »Souverän ist, wer über die Virusfolgen entscheidet.« Wie gesagt, zunächst zwar irritiert und fasziniert zugleich, aber alsbald erschrocken angesichts der Dramatik der Lage, hielten wir in der Anfangsphase noch zusammen. Es kam zu eindrucksvollen Akten der Solidarität und der Hilfe, zu anrührenden Trostversuchen wie dem allabendlichen Balkonsingen und -musizieren. Es schien sich die Zivilgesellschaft auf ihr Bestes zu besinnen, auf ihr menschliches Notfallpotenzial. Eine Elementarmoral der Gegenseitigkeit, die im Getriebe unseres Alltags und angesichts der von uns verlangten Höchstleistungen in allen Bereichen unseres Lebens verschüttet worden war, feierte eine kurze Rückkehr.
In dieser seltsamen Situation, so hatte man den Eindruck, sei unsere Aufmerksamkeit nicht länger geplündert worden, weshalb wir in der Lage waren, uns auf unsere Nächsten einzulassen. Aber alsbald fransten nicht nur in den Randbezirken der Gesellschaft die elementaren Solidarhaltungen aus und schossen die ersten Verschwörungsmythen ins Kraut. Langsam, aber stetig, später immer schneller und mit zunehmender Vehemenz wurden die Spannungen, Verwerfungen und Konflikte sichtbar, die das Zusammenleben schon seit länger kennzeichneten. Aus ihrer Latenz heraus wechselten sie in das Register des Manifesten, so als hätte das Virus jene Risse während der Ausnahmezeit lediglich vitalisiert. Nun offenbarte sich das zerklüftete Profil unserer Gesellschaft.
Das Virus mutierte zur eigenwilligen Aufklärungsinstanz: Covid-19 zeigte wie unter einer Lupe auf den instabilen Zustand unseres Zusammenlebens. Vieles hatten wir leichtsinnig und gern übersehen, anderes schlichtweg verdrängt. Das Virus konfrontierte uns mit jenen Seiten unserer Lebensweise, die wir gewöhnlich lieber im Schatten lassen. Wer hätte gedacht, dass unser Leben so prekär sein könnte? Wie fragil und störungsanfällig zeigten sich weite Bereiche des Alltags, wie wenig robust viele Institutionen. Wie tragfähig war das Gesundheitswesen eigentlich und wie krisenanfällig die Medikamentenversorgung? In welchen Verhältnissen sind viele Menschen gezwungen zu wohnen? In welcher Verfassung befindet sich unser Bildungswesen? In welchem Maße sind wir noch in der Lage, unsere Elementarbedürfnisse in eigener Regie zu erfüllen? Wie asymmetrisch hat sich das Sozialgefüge unserer Gesellschaft entwickelt? Hatte das anfangs noch verheißungsvolle Projekt der Globalisierung viele Institutionen nicht stetig ausgehöhlt? Warum erwischte uns das Geschehen so völlig auf dem falschen Fuß, unvorbereitet trotz langjähriger Warnungen? Waren wir taub geworden angesichts der Rufe, die unermüdlich auf unseren zerbrechlichen Zusammenhalt hingewiesen und dringende Korrekturen eingefordert hatten, damit unsere Polis nicht fragmentiert? Hatten wir uns in unseren kleinen Gegenwarten gleichsam verbarrikadiert, ohne Gedächtnis für die Spuren, die wir bereits hinterlassen haben und erst recht für jene, die wir noch hinterlassen werden? Wie konnten wir so unempfindsam angesichts der vielfältigen Entbehrungen und Leiden in unserer Nachbarschaft und Umgebungen werden?
Vor unseren zunehmend bangen Augen zeigte sich das Gesicht einer Gesellschaft in innerem und äußerem Aufruhr. War die Angst, die pure Lebensangst, zunächst noch in der Lage, die verbliebenen Bindungen und Rücksichtnahmen zu stärken, war rasch die Tendenz unübersehbar, das Regelwerk zur Eindämmung der Krise zu missachten, bei einigen sogar die Tendenz, gedanklich und dann auch in Gesten und Aktionen zur nächsten Grenzüberschreitung aufzubrechen oder im Proteststechschritt zu marschieren. Gleichwohl sind die Ressourcen zivilen Verhaltens keineswegs verschwunden. Im Gegenteil – wie geweckt aus einem erzwungenen Schlaf ließen Menschen sehen, zu welch eindrucksvollen Haltungen und zu welch außerordentlichen Taten sie fähig sind. Moralisches Heldentum war nicht länger ein kitschanfälliges, pathosbeladenes Wort.
Aber was ist uns an Erkenntnissen geblieben? Werden wir einen anderen, tragfähigeren Lebensstil entwickeln? Werden wir uns an die Corona-Krise als an eine Art »Sattelzeit« (Reinhard Koselleck) erinnern, als an eine Epochenschwelle, welche die bisherigen Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten erschüttert hat? Und welche Erkenntnisse werden das sein? Sind wir noch in der Lage, folgenreiche Revisionen an unserer Existenzweise vorzunehmen? Denn die Corona-Krise sollten wir als das Muster einer viel größeren Krise betrachten, der längst eingetretenen Klimakatastrophe. Und ihre Bewältigung sollten wir als Vorübung für die viel gewaltigeren Anstrengungen betrachten, die Letztere abverlangen wird. Überall kursiert das Zauberwort »Resilienz«, aber was bedeutet es wirklich, was verlangt dieses Ansinnen wirklich ab?
Ich wiederhole: Die durch das Virus ausgelöste Krise ist nur das Vorspiel zu einem viel umfassenderen Notstand, den die Klimaproblematik – untätig wie wir sind – verursachen wird. Ihre Anzeichen sind längst Teil unserer Gegenwart. Der Klimawandel hat längst angefangen, aber bis zur Flutkatastrophe des Sommers 2021 gelang es uns leider immer noch, ihn weitgehend zu externalisieren. Das taten wir buchstäblich, indem wir unseren Zivilisationsschrott exportierten und die Folgen unseres Lebensstils anderen aufoktroyierten. Das gelang uns vorerst auch mental, indem wir uns in unserer Wohlfahrtsnische verschanzten, umgeben von obsessiven Bildern glücklich erscheinender Lebensentwürfe.
»Neben uns die Sintflut« lautet der treffliche Titel eines Buches von Stephan Lessenich, das unsere Realitätsverleugnung in ökologischen Angelegenheiten analysiert. Diese Verweigerung von Zeitgenossenschaft ließ sich auch in der Pandemie beobachten, eben in der beharrlichen Weigerung, sich mit den Fakten zu konfrontieren, in der Auslagerung der Verantwortlichkeiten, in der Mobilisierung fantastischer Verschwörungsnarrative. Schuldig sind immer die anderen. Die Pandemie war für viele Bürger zu einer »Pandämonie« geworden.
In Wirklichkeit ist die Viruskrise ein substanzieller Bestandteil der sich bereits vollziehenden globalen Naturkrise. Der Virusnotstand sollte deshalb als Klimanotstand gelesen werden, als die unmittelbare Gegenwart der totalen Krise unserer Überlebensbedingungen. Diesmal dürfte die Externalisierung uns nicht mehr recht gelingen. Die Naturkrise außerhalb zeigt sich nämlich mit hässlicher Fratze als Naturkrise in uns. Die Umwelt ist endgültig zur Innenwelt geworden. Wir erfahren am eigenen Leib, dass die brutale Kollision mit der Natur, die wir spätestens seit der Industrialisierung und seitdem in einem atemberaubenden Tempo betreiben, nun auch uns selbst erfasst hat.
Die Corona-Pandemie stellt die naturkatastrophische Gegenwart eines Missverhältnisses dar, welches wir atemlos und ungeniert fortzusetzen gedachten. Wir zeigten und zeigen uns als Virtuosen der Plünderung. Das Virus führte uns vor Augen, dass diese Haltung längst zur Selbstausbeutung im strikten Sinne des Wortes geworden ist: Wir sind zur Beute unserer selbst mutiert. Die verletzte Natur ist bis in die innersten und kleinsten Bezirke unserer Existenz vorgedrungen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins war vermutlich seit dem letzten Weltkrieg noch nie so groß gewesen.
Der gewaltige Stillstand unseres Lebens in den verschiedenen Lockdowns, die radikale Verlangsamung unserer Gewohnheiten, die Aufkündigung unserer Routinen und die erzwungenen Selbstbeschränkungen in nahezu allen Gefilden des Alltags – sie alle kulminierten in einem tiefen Unbehagen, bei einigen in einer fast traumatischen Erfahrung des Verlusts ihrer Gewohnheiten, bei anderen in einer großen Realitätsverweigerung. Wir alle wurden jedenfalls aus unserem kulturellen Habitus katapultiert. Diesen Kontinent hatten wir bisher noch nicht bereist. Er lag wie unerforscht dar und wir wussten nicht, ob wir ihn attraktiv oder zum Fürchten finden sollten.
