Der Herbst des Patriarchen - Gabriel García Márquez - E-Book

Der Herbst des Patriarchen E-Book

Gabriel García Márquez

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Beschreibung

Erst als die Geier schon über dem Präsidentenpalast kreisen, wagen die Bewohner eines Karibikstaates ins Zentrum der Macht einzudringen. Sie finden dort den toten Diktator, gestorben im Alter zwischen 107 und 232 Jahren, von Flechten überzogen und mit Tiefseetieren bedeckt. Vom grausigen Ende des vom Volk gehaßten und zugleich als charismatische Gestalt verehrten Patriarchen ausgehend, bewegt sich der Roman kreisend durch die Zeit, erzählt vom Aufstieg und Fall eines Diktators und von der Einsamkeit der Macht.

Voll beißenden Spotts, real und zugleich phantastisch – dieser Roman schafft eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Ein Leben in der Einsamkeit der Macht Terror und usurpatorische Willkür sind das Thema dieses phantastischen Romans über einen lateinamerikanischen Gewaltherrscher. Garcia Marquez vereint in der Figur des Patriarchen die machtbesessenen Herrscher Südamerikas der letzten 150 Jahre.

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Seitenzahl: 419

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Gabriel García Márquez

Der Herbst des Patriarchen

Roman

Aus dem Spanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Curt Meyer-Clason

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Nachwort
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Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben die Drahtmaschen der Fenster und rührten mit ihren Flügeln die innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. Erst dann wagten wir einzutreten, ohne weder die zerbröckelnden Festungsmauern zu rammen, wie die Beherztesten unter uns forderten, noch das Hauptportal mit Ochsengespannen aus den Angeln zu reißen, wie andere vorschlugen, denn es brauchte einer nur dagegenzustoßen, damit die mächtigen gepanzerten Türflügel nachgaben, die William Dampiers Bombarden[1] in des Bauwerks heldenmütigen Zeiten widerstanden hatten. Es war, als traumwandle man durch den Bereich einer anderen Zeit, denn die Luft war dünner in den Trümmergruben der weiten Höhle der Macht, und die Stille war älter, und die Dinge wurden nur mühsam sichtbar in dem altersschwachen Licht. In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, die in den Waffenschränken zurückgelassenen Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens, wir sahen den dämmrigen Schuppenbau, in dem die Verwaltungskanzleien untergebracht waren, die farbigen Schwämme und bleichen Lilien zwischen den unerledigten Eingabeschriften, deren üblicher Instanzenweg langwieriger gewesen war als die dürrsten Lebensläufe, wir sahen in der Mitte des Innenhofs das Taufbecken, über dem mehr als fünf Generationen mit martialischen Sakramenten christianisiert worden waren, wir sahen im Hintergrund den in eine Remise umgewandelten uralten Marstall der Vizekönige, und wir sahen zwischen Kamelien und Schmetterlingen die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen, den Leichenwagen des Fortschritts innerhalb der Ordnung, die schlafwandelnde Limousine des ersten Jahrhunderts des Friedens, alle in gutem Zustand unter staubbedeckten Spinnweben und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge. Im angrenzenden Innenhof hinter einem Eisengitter standen die vom Mondstaub beschneiten Rosenbüsche, in deren düsterem Schatten die Aussätzigen während der großen Zeiten des Hauses schlafen gegangen waren und die sich in ihrer Verlorenheit dermaßen vermehrt hatten, daß kaum eine geruchlose Ritze in diesem mit Pesthauch vermischten Rosenarom übrig war, der uns aus der Tiefe des Parks mit seinem Hühnerstallgestank entgegenwehte, mit dem gärenden Duftgemenge aus Dung sowie Vieh- und Soldatenurin aus der Basilika der Kolonialzeit, die in einen Melkstall umgebaut worden war. Uns durch das atemberaubende Pflanzengewirr einen Weg bahnend, sahen wir die Arkadengalerie mit Nelkentöpfen und Bromeliengesträuch und Stiefmütterchen, in der die Quartiere der Konkubinen lagen, und die Verschiedenartigkeit häuslicher Abfälle und die Menge der Nähmaschinen ließen darauf schließen, daß dort wohl über tausend Frauen mit ihren Scharen von Siebenmonatskindern gehaust hatten, wir sahen die Schlachtfelder der Küchen, die rund um die Waschbecken vermodernde Wäsche, die Gemeinschaftsabortgrube für Konkubinen und Soldaten, im Hintergrund sahen wir die babylonischen Weidenbäume, die in riesenhaften seetüchtigen Gewächshäusern aus Kleinasien herbeigeschafft worden waren mit ihrem eigenen Erdboden, ihrem Saft und ihrem Rieselregen, und hinter den Weiden sahen wir das Regierungsgebäude, gewaltig und traurig, durch dessen zerschlissene Jalousien noch immer die Aasgeier eindrangen. Wir brauchten uns den Eintritt nicht zu erzwingen, wie wir vermutet hatten, denn das Mittelportal schien sich durch die bloße Stoßkraft der Stimme von selbst zu öffnen, und so stiegen wir zum Hauptstock auf einer steinernen Freitreppe hinauf, deren Opernteppichbelag von den Hufen der Kühe zerstampft worden war, und vom ersten Vestibül bis zu den privaten Schlafgemächern sahen wir die zerfallenen Kanzleiräume und Empfangssalons, in denen die dreisten Kühe sich tummelten und die Samtvorhänge fraßen und an den Sesselquasten knabberten, wir sahen die Heldengemälde von Heiligen und Militärs auf dem Fußboden zwischen zerbrochenen Möbelstücken und frischen Kuhfladen, wir sahen einen von den Kühen verspeisten Speisesaal, sahen den von Kuhdung geschändeten Musiksalon, die zertrümmerten Dominotischchen und den von den Kühen zerfetzten Filzbelag der Billardtische, wir sahen die in einem Winkel vergessene Windmaschine, die jede Wettererscheinung der vier Himmelsrichtungen des Kompasses täuschend nachahmte, damit das Hauspersonal die Sehnsucht nach dem entschwundenen Meer ertrüge, wir sahen allerwärts Vogelkäfige hängen, noch zugedeckt mit den an irgendeinem Abend der vergangenen Woche übergeworfenen Schlafbehängen, und wir sahen durch die zahlreichen Fenster das weitausgestreckte schlafende Tier, die Stadt, noch immer schuldlos an dem historischen Montag, den sie zu erleben begann, und jenseits der Stadt bis zum Horizont sahen wir die toten Krater aus spröder Mondasche jener endlosen Ebene, auf der das Meer gewogt hatte. In jenem verbotenen Gebiet, das zu kennen das Vorrecht sehr weniger gewesen war, rochen wir zum erstenmal den Geruch des Aasgeiergemetzels, wir fühlten ihr tausendjähriges Asthma, ihren ahnungsvollen Instinkt, und geführt vom Fäulniswind ihrer Flügelschläge, fanden wir im Audienzsaal die wurmzerwühlten Gerippe der Kühe, ihre weiblichen Hinterbacken, in Lebensgröße in den wandhohen Spiegeln vervielfältigt, und nun stießen wir eine Seitentür auf, die auf einen von der Wand getarnten Amtsraum ging, und dort sahen wir ihn in seiner Drillichuniform ohne Abzeichen, mit seinen Gamaschen, dem goldenen Sporn am linken Hacken, älter als alle alten Menschen und alle alten Tiere der Erde und des Wassers, er lag auf dem Boden, mit dem Mund nach unten, den rechten Arm unter dem Kopf zum Kissen angewinkelt, wie er Nacht auf Nacht, während aller Nächte seines endlosen langen einsamen Despotenlebens geschlafen hatte. Erst als wir ihn umdrehten, um sein Gesicht zu sehen, begriffen wir, daß es unmöglich war, ihn zu erkennen, auch wenn er nicht von den Aasgeiern zerhackt worden wäre, denn keiner von uns hatte ihn jemals zu Gesicht bekommen, und wenn auch sein Profil auf beiden Seiten der Münzen prangte, auf den Briefmarken, auf den Etiketten der Blutreinigungsmittel, auf Bruchbändern und Skapulieren, und wenn auch seine Lithographie mit den Landesfarben auf der Brust und dem Drachen des Vaterlands zu allen Stunden in allen Landesteilen ausgestellt war, wußten wir, daß dies Kopien von Bildkopien waren, die bereits zur Zeit des Kometen als unzuverlässig galten, als unsere eigenen Eltern wußten, wer er war, weil sie es aus dem Munde ihrer eigenen Eltern, wie diese von den ihren, gehört hatten, und von Kindesbeinen an hatten sie sich daran gewöhnt zu glauben, daß er im Hause der Macht am Leben war, weil irgend jemand in einer Festnacht die Lampions hatte aufleuchten sehen, irgend jemand erzählt hatte, ich habe die traurigen Augen gesehen, die bleichen Lippen, die nachdenkliche Hand, die ein Niemandslebewohl durch das Meßornament der Präsidentenkutsche winkte, denn eines Sonntags vor vielen Jahren hatte man den blinden Eckensteher zu ihm gebracht, der für fünf Centavos die Verse des vergessenen Dichters Rubén Darío aufsagte und der glückselig mit einem echten Goldstück zurückkehrte, mit dem man einen Rezitationsabend bezahlt hatte, der nur für ihn veranstaltet worden war, auch wenn er ihn natürlich nicht gesehen hatte, nicht weil er blind war, sondern weil kein Sterblicher ihn seit den Zeiten des Gelbfiebers gesehen hatte, und doch wußten wir, daß er da war, wir wußten es, weil die Welt weiterging, das Leben weiterging, die Post weiter ankam, die Stadtkapelle ihr Abendprogramm törichter Samstagswalzer unter den staubigen Palmen und trüben Straßenlampen des Hauptplatzes spielte und andere alte Musikanten an die Stelle der toten Musiker der Kapelle traten. In den letzten Jahren, als im Innern der Gebäude nie wieder menschliche Laute noch Vogelgesang vernommen worden waren und die Panzerportale sich für immer schlossen, wußten wir, daß jemand im Regierungspalast war, weil nachts Lichter zu sehen waren, die in den dem Meer zugewandten Fenstern Schiffslaternen glichen, und wer näher heranzugehen wagte, hörte Hufestampfen und Keuchen großer Tiere hinter den befestigten Mauern, und eines Abends im Januar sahen wir eine Kuh, welche die Abenddämmerung vom Präsidentenbalkon aus betrachtete, man stelle sich vor, eine Kuh auf dem Balkon des Vaterlands, welch schändliche Sache, welch ein Scheißland, doch es wurden so viele Mutmaßungen angestellt, wie es möglich war, daß eine Kuh auf den Balkon gelangen konnte, da alle Welt doch wußte, daß Kühe keine Treppen steigen, vor allem keine Steintreppen und schon gar keine mit Läufern belegten, daß wir schließlich nicht wußten, ob wir sie wirklich gesehen oder eines Abends, über den Hauptplatz schlendernd, im Gehen geträumt hatten, wir hätten eine Kuh auf dem Präsidentenbalkon gesehen, wo nichts gesehen worden war und viele Jahre danach nichts zu sehen sein würde bis zu dem Morgengrauen des vergangenen Freitags, als die ersten Aasgeier kamen und sich von dem Ort erhoben, wo sie immer geschlafen hatten, auf dem Gesims des Armenkrankenhauses, doch einige kamen auch von weiter her, vom Inland, sie kamen in aufeinanderfolgenden Wellen vom Horizont des Staubmeeres, wo einst das Meer gewesen war, den ganzen Tag flogen sie in langsamen Kreisen über dem Hause der Macht, bis ein König mit bräutlichen Federn und einer roten Halskrause einen stillschweigenden Befehl erließ und jenes Scheibensplittern begann, jener gewaltige Todeswind, jenes Ein- und Ausfliegen der Geier durch die Fenster, wie es nur in einem Haus ohne Herrschergewalt denkbar war, so daß auch wir hineinzugehen wagten und im verlassenen Heiligtum die Trümmer der Größe fanden, den zerstochenen Leib, die glatten Jungfrauenhände mit dem Ring der Macht am Knochen des Ringfingers, und auf seinem ganzen Leib gediehen winzige Flechten und Schmarotzertiere der Tiefsee, vor allem in den Achselhöhlen und den Weichen, und er trug ein Bruchband aus Sackleinen um den bruchleidenden Hoden, das einzige, was die Aasgeier übersehen hatten, obgleich jener so groß war wie eine Rinderniere, doch auch jetzt wagten wir nicht an seinen Tod zu glauben, weil es das zweite Mal war, daß wir ihn in seinem Amtszimmer fanden, allein und angekleidet und anscheinend im Schlaf eines natürlichen Todes gestorben, wie es seit vielen Jahren im prophetischen Beckenwasser der Wahrsagerinnen verkündet worden war. Das erste Mal, als er gefunden wurde, war zu Beginn seines Herbstes gewesen, noch war die Nation lebendig genug, daß er sich sogar in seiner Schlafzimmereinsamkeit tödlich bedroht fühlte, und trotzdem regierte er, als wisse er sich dafür vorausbestimmt, nie zu sterben, denn dies hier glich damals nicht einem Präsidentenpalast, sondern einem Markt, auf dem man sich einen Weg bahnen mußte zwischen barfüßigen Ordonnanzen, die in den Gängen Gemüsekörbe und Hühnerställe von Maultieren abluden und dabei über Bettelweiber mit ihren verhungerten Patenkindern hinwegstiegen, welche zusammengekauert auf den Treppen schliefen, um auf das Wunder der offiziellen Mildtätigkeit zu warten, es galt den Strömen schmutzigen Wassers der vorlauten Konkubinen auszuweichen, welche die nächtlichen Blumen in den Blumenvasen mit frischen Blumen vertauschten und den Fußboden schrubbten und zum Takt der dürren Äste, mit denen sie Teppiche auf den Balkonen klopften, Lieder trügerischer Liebe sangen, und all das inmitten der Empörung der auf Lebenszeit ernannten Beamten, die Hühner fanden, welche in Schreibtischschubladen Eier legten, inmitten des Verkehrs zwischen Huren und Soldaten in den Aborten und des Jubelgezwitschers der Vögel und der Zeterkämpfe von Straßenkötern inmitten von Audienzen, denn niemand wußte, wer wer war, noch wer wem unterstand in jenem Palast offener Türen, in dessen ungewöhnlicher Unordnung sich unmöglich feststellen ließ, wo die Regierung tatsächlich tagte. Der Herr des Hauses nahm an dem Jahrmarktskrawall nicht nur teil, vielmehr hatte er ihn ins Leben gerufen und befehligte ihn, denn sobald die Lichter in seinem Schlafzimmer angingen, noch bevor die Hähne zu krähen begannen, übermittelte der Weckruf der Präsidentenwache der nahe gelegenen Grafen-Kaserne den neuen Tag, und diese wiederholte ihn für die Militärbasis von Sankt Hieronymus, diese für die Hafenfestung, und diese wiederum wiederholte ihn für die sechs nachfolgenden Weckrufe, die zunächst die Stadt weckten und danach das ganze Land, während er auf seinem tragbaren Nachtstuhl meditierte und dabei mit den Händen das Summen in seinen Ohren zu ersticken suchte, das sich damals bemerkbar machte, und indessen die Lichter der Schiffe auf dem unbeständigen Topasmeer vorübergleiten sah, das in jenen Zeiten des Ruhms noch vor seinem Fenster wogte. Jeden Tag seit der Besitznahme des Hauses hatte er das Melken in den Ställen überwacht, um eigenhändig die Milchmengen zu messen, die in den drei Präsidentenkarren in die Stadtkasernen befördert werden mußten, in der Küche trank er eine Tasse schwarzen Kaffee und aß etwas Kassava, ohne allzu genau zu wissen, wohin ihn die Wedelwinde des neuen Tages ziehen würden, ganz Ohr für das Geschwätz der Dienstboten des Hauses, deren Sprache er sprach, deren ernsthafte Schmeicheleien er am meisten schätzte und deren Herzen er am sichersten entzifferte, und kurz vor neun nahm er ein gemächliches Bad mit gekochten Kräutern in der im Schatten der Mandelbäume seines Privatinnenhofs erbauten Granitzisterne, und erst nach elf Uhr gelang es ihm, die Morgenschläfrigkeit zu überwinden, und dann stellte er sich den Zufallsschlägen der Wirklichkeit. Früher, während der Besetzung durch die Marineinfanterie, schloß er sich in seinem Amtszimmer ein, um die Geschicke des Vaterlands gemeinsam mit dem Befehlshaber der Landungstruppen zu entscheiden, und unterzeichnete alle Arten von Gesetzen und Verordnungen mit seinem Daumenabdruck, denn damals konnte er weder lesen noch schreiben, doch als man ihn von neuem mit seinem Vaterland und seiner Macht allein ließ, vergiftete er nicht noch einmal sein Blut mit der Saumseligkeit des geschriebenen Gesetzes, sondern regierte mit tönender Stimme und leiblicher Gegenwart zu jeder Stunde und allerorten sowie mit einer ruppigen Knickrigkeit, aber auch mit einer für sein Alter unvorstellbaren Schnelligkeit, belagert, wie er war, von einer Riesenschar von Aussätzigen, Blinden und Lahmen, die von seinen Händen das Salz der Gesundheit erflehten, und von literarisch gebildeten Politikern und dreisten Lobhudlern, die ihn zum Schirmherrn der Erdbeben, der Sonnenfinsternisse, der Schaltjahre und anderer Irrtümer Gottes ernannten, während er seine großen tappenden Elefantenfüße im Schnee durch das Haus schleppte, dabei Staatsgeschäfte und häusliche Angelegenheiten ebenso einfach erledigte, wie er befahl, nehmt mir die Tür hier weg und stellt sie dorthin, und sie nahmen sie weg, stellt sie mir wieder hin, und sie stellten sie wieder hin, und die Turmuhr soll um zwölf nicht um zwölf, sondern um zwei schlagen, damit das Leben länger schien, man gehorchte ohne einen Augenblick des Zögerns, ohne eine Pause, ausgenommen zur tödlichen Stunde der Mittagsruhe, während der er in den Halbschatten der Konkubinen flüchtete, eine von ihnen durch Bespringen erwählte, ohne sie oder sich selber auszuziehen, ohne die Tür abzuschließen, und nun hörte man im Umkreis des Hauses sein herzloses Keuchen eines hastigen Ehemanns, das begehrliche Geklimper seines goldenen Sporns, sein Hundegewinsel, die Verdutztheit des Weibes, das seine Liebeszeit mißbrauchte, um sich den schmutzigen Blicken der Siebenmonatskinder zu entziehen, sein Geschrei, schert euch hier weg, geht und spielt im Hof, so was dürfen Kinder nicht sehen, und es war, als durchquere ein Engel den Himmel des Vaterlands, die Stimmen erloschen, das Leben stand still, alle Welt erstarrte, den Zeigefinger auf den Lippen, ohne zu atmen, still, der General vögelt, doch wer ihn besser kannte, vertraute nicht einmal auf die Waffenruhe jenes geheiligten Augenblicks, denn er schien sich stets zu vervielfältigen, so daß man ihn um sieben Uhr abends Domino spielen sah, während andere behaupteten, er habe zur gleichen Zeit den Kuhmist in Brand gesteckt, um die Mücken im Audienzsaal zu verscheuchen, auch gab sich niemand Selbsttäuschungen hin, wenn nicht die Lichter der letzten Fenster erloschen waren und man das Getöse der drei Schließhaken vernahm, der drei Schubriegel, der drei Sperrklinken des Präsidentenschlafzimmers, und dann hörte man den Aufprall des Körpers, wenn er vor Erschöpfung auf den Steinboden plumpste, und den Atem des altersschwachen Kindes, der desto tiefer klang, je höher die Flut stieg, bis die nächtlichen Harfen des Windes die Zikaden in seinen Gehörgängen zum Schweigen brachten und eine mächtig schäumende Sturzsee die Straßen der uralten Stadt der Vizekönige und der Bukaniere überflutete und durch alle Fenster des Regierungsgebäudes wie ein fürchterlicher Augustsamstag einbrach, die Entenmuscheln aus den Spiegeln wachsen ließ und den Audienzsaal dem Fiebertaumel der Haie überließ und höher schäumte als die höchste Höhe prähistorischer Weltmeere und über das Antlitz der Erde trat, über den Raum und die Zeit, und nur er mit dem Mund nach unten schwamm im Mondwasser seiner Träume eines einsamen Ertrunkenen, mit seiner Drillichuniform des Gemeinen, seinen Gamaschen, seinem goldenen Sporn und seinem unter dem Kopf als Kissen angewinkelten rechten Arm. Dieses gleichzeitige Allerortssein während der steinigen Jahre, die seinem ersten Tod vorangingen, jenes Aufsteigen, während er abstieg, jene Ekstase auf dem Meer, während er Todesqualen schlimmer Liebe litt, waren kein Vorrecht seiner Natur, wie es seine Lobhudler verkündeten, auch keine Massenhalluzination, wie seine Kritiker behaupteten, sondern es war das Glück, mit den uneingeschränkten Diensten und der Hundetreue des Patricio Aragonés, seines vollkommenen Doppelgängers, rechnen zu können, der sich plötzlich eingefunden hatte, ohne von irgendwem gesucht worden zu sein, als man ihm mit der Nachricht kam, Herr General, eine falsche Präsidenten-Karosse fährt durch Indiodörfer und gibt sich auf einträgliche Weise für die echte aus, man habe die schweigsamen Augen in totenkammergleichem Halbdunkel gesehen, man habe die bleichen Lippen gesehen, die Hand einer empfindsamen Braut in einem Atlashandschuh, der den in den Straßen knienden Kranken Hände voll Salz zuwarf, und hinter der Karosse folgten zwei falsche Offiziere zu Pferd und kassierten in harter Münze die Gunst der Gesundheit, stellen Sie sich das vor, Herr General, welche Gotteslästerung, doch er gab keinerlei Befehl, gegen den betrügerischen Ersatzmann vorzugehen, sondern bat, man möge ihn insgeheim in den Präsidentenpalast bringen, doch den Kopf in einen Rupfensack wickeln, damit man ihn nicht mit ihm verwechseln könne, und dann erlitt er die Demütigung, sich selbst in einem derartigen Ausmaß an Gleichheit zu sehen, zum Teufel, wenn dieser Mann ich bin, sagte er, denn in Wirklichkeit war es, als sei es so, sofern man von der Autorität seiner Stimme absah, die der andere nie und nimmer nachzuahmen vermochte, auch angesichts der Deutlichkeit der Handlinien, bei denen die Lebenslinie sich ohne Zaudern rings um die Wurzel des Daumens zog, und wenn er ihn nicht auf der Stelle erschießen ließ, so nicht etwa wegen des Interesses, ihn als offiziellen Ersatzmann zu behalten, denn das fiel ihm erst später ein, sondern weil ihn die Illusion beunruhigte, daß die Ziffern seines eigenen Schicksals in der Hand des Betrügers geschrieben standen. Als er sich von der Vergeblichkeit jenes Traums überzeugte, hatte Patricio Aragonés bereits gleichmütig sechs Attentate überlebt, er hatte die Gewohnheit angenommen, die mit einem Holzhammer platt geschlagenen Füße nachzuschleppen, es summte ihm in den Ohren, und sein Hodenbruch sang ihm in den winterlichen Morgenfrühen, auch hatte er gelernt, den goldenen Sporn ab- und anzuschnallen, als umgürteten die Riemen ihn nur, um während der Audienzen Zeit zu gewinnen, wenn er brummte, zum Teufel mit den Schnallen, die flandrische Schmiede herstellten, die taugen zu rein gar nichts, und aus einem Spaßvogel und Zungenschläger, der er gewesen war, als er im Brennofen seines Vaters Flaschen geblasen hatte, wurde er nachdenklich und düster und hörte nicht auf das, was man zu ihm sagte, sondern spähte in das Halbdunkel ihrer Augen, um zu erraten, was sie nicht sagten, und nie beantwortete er eine Frage, ohne vorher seinerseits zu fragen, und Sie, was meinen Sie, und aus dem Faulenzer und Genießer, der er als Wunderverkäufer gewesen war, wurde er fleißig bis zur Selbstquälerei und ein unerbittlicher Fußgänger, er wurde knauserig und raffgierig, er gab sich damit zufrieden, die Liebe durch Bespringen zu praktizieren und auf dem Fußboden zu schlafen, angekleidet, mit dem Mund nach unten und ohne Kissen, und gab seinen frühreifen Anspruch auf eigene Identität auf und jede erbliche Berufung der goldenen Neigung, einfach zu blasen und Flaschen herzustellen, und er stellte sich den furchterregendsten Gefahren der Macht, indem er Grundsteine legte, wo nie ein zweiter gesetzt werden würde, Einweihungsbänder in Feindesland durchschnitt und so viele in Wasser gelöste Träume und so viele über unmöglichen Illusionen zurückgedrängte Seufzer ertrug, während er so zahllose und so flüchtige und unerreichbare Schönheitsköniginnen krönte, ohne sie überhaupt zu berühren, denn er hatte sich für immer mit dem seichten Schicksal abgefunden, ein Schicksal zu leben, das nicht das seine war, auch wenn er es weder aus Begehrlichkeit noch aus Überzeugung tat, sondern weil er sein Leben gegen die Lebensstellung eines offiziellen Betrügers ausgetauscht hatte zum nominellen Sold von fünfzig Pesos im Monat und dem Vorteil, wie ein König zu leben, ohne den Nachteil, einer sein zu müssen, was willst du mehr. Dieses Gewirr von Identitäten erreichte seinen Höhepunkt in einer Nacht mit großen Winden, in der er Patricio Aragonés inmitten von zarten Jasmindüften dem Meer entgegenseufzen sah und ihn in verständlicher Unruhe fragte, ob man ihm nicht Eisenhut ins Essen gemischt habe, weil er, wie von bösen Winden durchschossen, ins Abseits glitt, und Patricio Aragonés erwiderte, nein, Herr General, das Pech ist größer, am Samstag habe er nämlich eine Karnevalskönigin gekrönt und mit ihr den ersten Walzer getanzt, und nun finde er nicht mehr die Tür, um jener Erinnerung zu entfliehen, weil es die schönste Frau von der Welt gewesen war, eine von denen, die nicht für einen gemacht sind, Herr General, wenn Sie die sähen, aber er entgegnete mit einem Seufzer der Erleichterung, das, zum Teufel, sind Pechsträhnen, die einem Mann zustoßen, wenn er sich mit Frauen einläßt, er schlug vor, sie zu entführen, wie er es mit so vielen verführerischen Frauen getan hatte, die dann seine Konkubinen geworden waren, ich schaffe sie dir mit vier Soldaten, die sie an Händen und Füßen festhalten, ins Bett, während du sie mit dem Suppenlöffel abrahmst, zum Teufel, du vernaschst sie rundherum, sagte er zu ihm, sogar die Borniertesten wälzen sich zunächst wütend herum und flehen dich gleich darauf an, lassen Sie mich, mein General, nicht liegen wie eine traurige Jambuse mit verstreuten Saatkernen, aber Patricio Aragonés wollte nicht so viel, vielmehr wollte er mehr, er wollte geliebt werden, denn diese da ist eine von denen, die wissen, wo der Ton herkommt, Herr General, Sie werden schon sehen, wenn Sie sie zu Gesicht bekommen, und so wies er ihm als tröstliche Erleichterung den nächtlichen Pfad zu seinen Konkubinenkammern und ermächtigte ihn, sie zu benutzen, als sei er es selbst, durch Bespringen, eilends und angezogen, und Patricio Aragonés sank gutgläubig in jenen Morast geliehener Liebe in der Annahme, mit ihnen könne er seinen Begierden einen Maulkorb vorbinden, doch sein Begehren war so groß, daß er manchmal die Leihbedingungen vergaß, zerstreut seinen Hosenschlitz aufknöpfte, sich bei Kleinigkeiten aufhielt, aus Sorglosigkeit über verborgene Steine der schäbigsten Frauen stolperte, ihnen die tiefsten Seufzer entlockte und sie im Dunkeln vor Überraschung zum Lachen brachte, welch alter Gauner, Herr General, sagten sie zu ihm, Sie werden auf Ihre alten Tage noch heißhungrig, und seitdem wußte keiner von beiden und keine von den Frauen, welches von den Kindern Kind von wem oder mit wem war, denn auch Patricio Aragonés’ Kinder wurden wie die seinen als Siebenmonatskinder geboren. So kam es, daß Patricio Aragonés zum wesentlichen Mann der Macht wurde, der geliebteste und vielleicht auch der gefürchtetste, und er verfügte über mehr Zeit, um sich mit den Streitkräften ebenso aufmerksam zu beschäftigen wie anfangs mit seinem Mandat, nicht weil die Streitkräfte seine Macht stützten, wie wir alle glaubten, sondern im Gegenteil, weil sie sein natürlicher gefürchtetster Feind waren, und so wiegte er einige Offiziere in dem Glauben, sie würden von anderen überwacht, er brachte ihre Aufgaben durcheinander, um zu verhindern, daß sie miteinander konspirierten, jede Kaserne erhielt auf zehn echte Patronen acht Platzpatronen, ihr Pulver wurde mit Meeressand vermischt, während er die gute Munition in Reichweite in einem Depot des Präsidentenpalastes verwahrte, dessen Schlüssel hängte er an einen Bund anderer Schlüssel ohne Zweitschlüssel für andere Türen, die niemand anderes öffnen konnte, beschützt vom stillen Schatten meines lebenslänglichen Gevatters, des Generals Rodrigo de Aguilar, eines Artilleristen von der Kriegsschule, der überdies sein Kriegsminister war und zugleich Kommandeur der Präsidentengarde, Direktor des Staatssicherheitsdienstes und einer der wenigen Sterblichen, die befugt waren, eine Partie Domino gegen ihn zu gewinnen, weil er den rechten Arm verloren hatte, als er eine Dynamitladung zu entschärfen suchte, Minuten bevor die Präsidentenberline am Attentatsort vorbeifuhr. Unter General Rodrigo de Aguilars Schutz und mit Patricio Aragonés’ Beistand fühlte er sich so sicher, daß er in der Sorge um seine Selbsterhaltung nachzulassen begann und immer sichtbarer hervortrat, mit einem einzigen Adjutanten wagte er es, in einem Kutschkasten ohne Abzeichen durch die Stadt zu fahren, und betrachtete durch die Gucklöcher den hoffärtigen Dom aus vergoldetem Stein, den er durch Gesetzeserlaß zum schönsten der Welt erklärt hatte, er erspähte die uralten steinernen Herrenhäuser mit Portalen aus entschlafenen Zeiten und meerzugewandten Sonnenblumen, die Kopfsteinpflasterstraßen, die nach den Dochten des Viertels der Vizekönige rochen, die bleichen Señoritas, die zwischen Nelkentöpfen und Stiefmütterchensträußchen im Balkonlicht mit unüberwindlichem Anstand Spitzen klöppelten, das Schachbrettkloster der biskayischen Schwestern bei der stets gleichen Cembalo-Etüde um drei Uhr nachmittags, mit der sie das erste Erscheinen des Kometen gefeiert hatten, er fuhr durch das babelhafte Labyrinth des Einkaufsviertels mit seiner tödlichen Musik, dem Labarum[2] der Losverkäufer, den Handkarren mit Zuckerrohrsaft, den Schnüren mit Leguaneiern, den Türken[3] mit ihrem sonnenverblichenen Plunder, dem fürchterlichen Gemälde der aus Ungehorsam gegen ihre Eltern in einen Skorpion verwandelten Frau, der Elendsgasse der männerlosen Frauen, die gegen Abend nackt auf die Straße traten, um blaue Rabenfische und rosafarbene Goldbrassen zu kaufen und mit den Gemüseverkäuferinnen ihre entsprechenden Mütter zu beschimpfen, während ihre Wäsche auf den geschnitzten Holzbalkonen trocknete, er atmete den nach verfaulten Krebsen riechenden Wind ein, sah das tägliche Licht der Pelikane an der Straßenecke, das Farbengewirr der Negerbaracken auf den Felsvorsprüngen der Bucht, und plötzlich ist er da, der Hafen, ach, der Hafen, der Kai mit seinen schwammigen Planken, der alte Kreuzer der Marineinfanterie, langgestreckter und düsterer als die Wahrheit, die schwarze Stauerin, die zu spät zur Seite sprang, um dem entsetzlichen kleinen Wagen Platz zu machen, und sich vom Anblick des Dämmergreises tödlich berührt fühlte, der den Hafen mit dem traurigsten Blick von der Welt betrachtete, er ist’s, rief sie erschrocken, es lebe das Mannsbild, schrie sie, er lebe hoch, schrien die Männer, die Frauen, die Kinder, die aus den Kantinen und Kneipen der Chinesen gelaufen kamen, er lebe hoch, schrien sie, die, welche die Pferdebeine zum Stehen und die Kutsche zum Halten brachten, um die Hand der Macht zu schütteln, ein so geschicktes und unvorhergesehenes Manöver, daß er kaum Zeit fand, den bewaffneten Arm des Adjutanten wegzuschieben und ihn mit schroffer Stimme zurechtzuweisen, seien Sie kein Hosenscheißer,

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Leutnant, lassen Sie die Leute mich lieben, so hingerissen war er von diesem Liebesausbruch und anderen ähnlichen Ausbrüchen der folgenden Tage, daß der General Rodrigo de Aguilar alle Mühe hatte, ihm die Idee auszureden, in einer offenen Staatskutsche auszufahren, damit die Treuen des Vaterlands mich in Lebensgröße sehen können, zum Teufel, denn er hätte nie geahnt, daß der Ansturm im Hafen spontan gewesen, die folgenden aber von seinem eigenen Staatssicherheitsdienst veranstaltet worden waren, um ihm gefahrlos zu Gefallen zu sein, so erpicht war er auf die Liebeslüfte an den Vorabenden seines Herbstes, daß er nach vielen Jahren die Stadt zu verlassen wagte, den alten, mit den Landesfarben bemalten Eisenbahnzug wieder in Bewegung setzen ließ, der auf der Küstenstraße seines weiten alptraumhaften Reiches katzenhaft entlangkletterte und sich durch Orchideengezweig und amazonische Balsaminen einen Weg bahnte, Seidenäffchen, Paradiesvögel, auf den Schienen schlummernde Leoparden aufscheuchte, bis die eiskalten einödigen Dörfer seines dürren Heimathochlands, an deren Bahnstationen sie auf ihn mit düster anstimmenden Musikkapellen warteten, ihm mit Todesglocken entgegenläuteten, ihm Willkommensplakatspruchbänder entgegenschwenkten mit der Aufschrift: Dem namenlosen Landsmann, der zur Rechten der Allerheiligsten Dreifaltigkeit sitzt, sie musterten Indios aus dem Hinterlandbusch an, die herabgewandert kamen, um die im todesdüsteren Halbdunkel des Präsidentenwagens verborgene Macht kennenzulernen, und die, denen es gelang, näher zu kommen, sahen nicht mehr als die sprachlosen Augen hinter dem staubigen Wagenfenster, sahen die zitternden Lippen, die Fläche einer Hand ohne Herkunft, die aus der Vorhölle des Ruhms grüßte, während einer aus seiner Eskorte ihn vom Fenster wegzudrängen suchte, Vorsicht, Herr General, das Vaterland braucht Sie, aber er erwiderte zwischen Schlafen und Träumen, keine Sorge, Oberst, diese Leute haben mich gern, und im Hochlandzug war es genauso wie auf dem hölzernen Flußraddampfer, der eine Pianolawalzerspur zurückließ zwischen süßem Gardenienduft und vermoderten Salamandern der äquatorialen Nebenflüsse, der prähistorischen Drachengerippen auswich, vorbestimmten Inseln, auf denen sich Sirenen zur Niederkunft niederlegten, unheilvolle Abenddämmerungen gewaltiger verschwundener Städte, bis hin zu den brennenden verödeten Häusergewirren, deren Einwohner ans Flußufer eilten, um das mit den Farben des Vaterlands bemalte Holzschiff zu sehen, aber nichts zu unterscheiden vermochten als eine Niemandshand im Atlashandschuh, der aus der Luke der Präsidentenkabine winkte, aber er sah die am Ufer zusammengelaufenen Scharen, die mangels Fahnen Malangablätter schwenkten, er sah die, welche sich mit einem lebenden Tapir an der Hand ins Wasser stürzten, einem riesenhaften Yam, groß wie ein Elefantenfuß, einem Käfig voller Waldhühner für den Sancocho[4] des Präsidenten, und er seufzte bewegt im ekklesiastischen Halbschatten der Kabine, sehen Sie doch, wie sie daherkommen, Kapitän, sehen Sie doch, wie sie mich lieben. Im Dezember, wenn die Welt der Karibik gläsern wurde, fuhr er in seinem Kutschkasten die felsige Küstenstraße bis zu dem auf dem Klippenkamm ragenden Haus hinauf, verbrachte dort seine Nachmittage beim Dominospiel mit den alten Diktatoren anderer Länder des Kontinents, den entthronten Vätern anderer Vaterländer, denen er im Laufe vieler Jahre Asyl gewährt hatte und die jetzt im Dämmerschein seiner Barmherzigkeit alterten, in den Sesseln der Terrassen vom schimärischen Schiff einer zweiten Gelegenheit träumend, allein vor sich hin redend, tot vor sich hin sterbend in dem Erholungsheim, das er für sie auf dem Balkon des Meeres hatte erbauen lassen, nachdem er alle empfangen hatte, als seien sie ein einziger Mensch, denn alle waren im Morgengrauen in ihrer Paradeuniform erschienen, die sie verkehrt über ihren Pyjama gezogen hatten, mit einer aus dem Staatsschatz gestohlenen Geldtruhe sowie einem Köfferchen mit einem Ordensfutteral, mit in alte Rechnungsbücher geklebten Zeitungsausschnitten und einem Album mit Porträts, das sie ihm bei der ersten Audienz zeigten, als seien dies ihre Beglaubigungsschreiben, schauen Sie, Herr General, sagten sie, das bin ich als Leutnant, das hier ist der Tag der Machtübernahme, dies hier war am sechzehnten Jahrestag der großen Ereignisse, hier, sehen Sie, Herr General, er aber gewährte ihnen politisches Asyl, ohne ihnen weder sonderliche Aufmerksamkeit zu schenken noch ihre Beglaubigungsschreiben zu überprüfen, weil der einzige Personalausweis eines geschlagenen Präsidenten sein Totenschein sein muß, sagte er, und so hörte er mit der gleichen Verachtung die illusorische kleine Rede an, daß ich für kurze Zeit Ihre Gastfreundschaft annehme, bis die Rechtsprechung des Volkes den Usurpator zur Rechenschaft zieht, die obligate knabenhafte Feierlichkeitsformel, die er kurz darauf vom Usurpator hörte und dann vom Usurpator des Usurpators, als wüßten diese notorischen Hosenscheißer nicht, daß in diesem Menschengeschäft der, welcher fällt, fällt, und allen gewährte er einige Monate im Präsidentenpalast Gastfreundschaft, zwang sie, Domino zu spielen, bis er ihnen ihren letzten Centavo abgeknöpft hatte, und dann führte er mich am Arm zum Fenster am Meer und half mir, über dieses scheißverdammte Leben zu klagen, das nur in eine Richtung marschiert, er tröstete mich mit der Illusion, ich solle mich dort hinauf begeben, schauen Sie, dort, in jenes riesige Haus, das einem oben auf der Klippe gestrandeten Überseedampfer gleicht, wo ich für Sie ein Zimmer mit gutem Licht und guter Kost habe und mit viel Zeit, um in Gesellschaft anderer Schicksalsgefährten Ihr Unglück zu vergessen, und mit einer Meerterrasse, auf die er sich an Dezemberabenden gern setzte, nicht so sehr wegen des Vergnügens, Domino zu spielen mit jener Karawane von Hühnerhofhähnen, als um das kleinliche Glück zu genießen, nicht einer von ihnen zu sein, um sich im Lehrspiegel ihres Elends zu sonnen, während er im großen Sumpf seines Glücks patschte, einsam träumend, auf Zehen wie ein böser Gedanke die gefügigen Mulattinnen verfolgend, die das Regierungsgebäude im Dämmerlicht des Tagesanbruchs fegten, er beschnupperte ihre nach Nachtasyl und Butikenbrillantine riechenden Spuren, er lauerte auf eine Gelegenheit, eine allein anzutreffen, um sie hinter einer Kanzleitür wie ein Hahn zu bespringen, während sie im Halbdunkel vor Lachen herausplatzten, was für ein Loser Sie sind, Herr General, so groß und noch so naschhaft, doch er war nach der Liebe traurig und begann zu singen, um sich da zu trösten, wo niemand ihn hörte, schimmernder Januarmond, sang er, schau, wie trostlos ich auf dem Schafott deines Fensters stehe, sang er, der Liebe seines Volkes in jenen Oktobermonaten ohne böse Vorzeichen so gewiß, daß er eine Hängematte im Innenhof der Vorstadtvilla aufhängte, in der seine Mutter Bendición Alvarado wohnte, und im Schatten der Tamarinden ohne Eskorte seinen Mittagsschlaf hielt, von Wanderfischen träumend, die durch schlafzimmerfarbene Gewässer segelten, das Vaterland ist das beste, was je erfunden wurde, Mutter, seufzte er, doch er wartete nie auf die Antwort des einzigen Menschen auf der Welt, der ihn wegen des ranzigen Zwiebelgeruchs in seinen Achseln zurechtzuweisen wagte, sondern er kehrte durch das Hauptportal in den Präsidentenpalast zurück, entzückt über die wundersame Jahreszeit des karibischen Januars, jene Versöhnung mit der Welt am Ende des Alters, jene malvenfarbenen Abende, in denen er mit dem Apostolischen Nuntius Frieden geschlossen hatte und dieser ihn ohne Audienz besuchte, um ihn tunlichst zum Glauben an Christus zu bekehren, während sie Schokolade tranken und Kekse knabberten, er aber, sich halbtot lachend, führte ins Feld, daß, wenn Gott solch ein Mordskerl ist, wie Sie sagen, dann sagen Sie ihm, er solle mir diesen Kakerlak rausholen, der mir in den Ohren summt, sagte er zu ihm, und knöpfte sich die neun Knöpfe seines Hosenschlitzes auf und zeigte ihm seinen ungeheuren Hodenbruch, sagen Sie ihm, er soll mir dieses Geschöpf zum Abschwellen bringen, sagte er zu ihm, doch der Nuntius hielt ihm in stoischer Haltung eine lange mahnende Predigt und versuchte ihn davon zu überzeugen, daß alles, was Wahrheit ist, er möge sagen, was er wolle, vom Heiligen Geist herrühre, und er begleitete ihn bis zur Tür mit den ersten Lampen, halbtot vor Lachen, wie man ihn selten gesehen hatte, verschießen Sie Ihr Pulver nicht auf Aasgeier, Vater, sagte er zu ihm, wozu wollen Sie mich bekehren, wo ich ohnehin tue, was Ihr Pfaffen wollt, zum Teufel. Dieses Stauwasser der Stille zerrann plötzlich auf dem Hahnenkampfplatz eines fernen Hochlands, als ein blutrünstiger Hahn seinem Gegner den Kopf abriß und ihn mit Schnabelhieben vor einem bluttrunkenen Publikum und einer Horde von Saufbrüdern fraß, die das Schreckensgelage mit Festmusik feierten, denn er war der einzige, der das böse Vorzeichen wahrnahm und es so deutlich und drohend spürte, daß er seiner Eskorte insgeheim befahl, einen der Musiker zu verhaften, ja den, der die Baßtuba bläst, und tatsächlich fand man bei ihm einen abgesägten Flintenlauf, und er gestand in der Folter, daß er im Durcheinander des Weggehens auf ihn zu schießen gedachte, versteht sich, das war mehr als klar, erklärte er, denn ich schaute auf alle Welt, und alle Welt schaute auf mich, aber der einzige, der kein einziges Mal auf mich zu schauen wagte, war der Schweinehund von Tubabläser, armes Haus, und doch wußte er, daß das nicht der tiefere Grund seiner Ängstlichkeit war, denn sie quälte ihn weiterhin jede Nacht im Regierungspalast, auch wenn sein Staatssicherheitsdienst ihm bewies, Sie haben keinen Grund zur Unruhe, Herr General, alles ist in Ordnung, er aber klammerte sich an Patricio Aragonés, als sei jener er, seit er das Vorzeichen des Hahnenkampfplatzes erduldet hatte, er gab ihm von seinem eigenen Essen, er gab ihm von seinem eigenen Bienenhonig mit demselben Löffel zu trinken, um wenigstens mit dem Trost zu sterben, daß sie beide gemeinsam sterben würden, wenn das Zeug vergiftet war, und sie irrten wie Flüchtlinge durch die vergessenen Gemächer, wanderten auf den Teppichen, damit niemand ihre großen verstohlenen Schritte von siamesischen Elefanten hörte, gemeinsam segelten sie in dem immer wiederkehrenden Scheinwerfer des Leuchtturms, der durch die Fenster glitt und alle dreißig Sekunden die Räume des Hauses grün überflutete, durch Kuhdungdunst hindurch und das todestraurige Lebewohl der nächtlichen Schiffe auf den entschlummerten Meeren, ganze Nachmittage lang betrachteten sie den Regen und zählten Schwalben wie vergreiste Liebespaare an den schmachtenden Septemberabenden, so entrückt von der Welt, daß es ihm nicht in den Kopf wollte, daß sein wütender Kampf um eine doppelte Existenz den gegenseitigen Zweifel nährte, daß er immer weniger existierte, daß er in Lethargie dahinsiechte, daß die Wache verdoppelt worden war und niemand mehr im Präsidentenpalast weder ein- noch ausgehen durfte, und dennoch hatte jemand die strenge Sperrkette überlistet und hatte die verstummten Vögel in ihren Käfigen gesehen, die Kühe, die am Taufbecken zur Tränke gingen, die Aussätzigen und Lahmen, die unter den Rosenbüschen schliefen, und alle Welt wartete gleichsam um die Mittagszeit darauf, daß der Tag anbreche, denn er war im Schlaf eines natürlichen Todes gestorben, wie in den prophetischen Becken verkündet worden war, doch die höchsten Stellen zögerten die Bekanntmachung hinaus, während sie ihre verjährten Machtkämpfe in blutigen Ratsversammlungen zu lösen suchten. Auch wenn er nichts von diesen Gerüchten wußte, war ihm bewußt, daß in seinem Leben ein Ereignis unmittelbar bevorstand, er unterbrach die gemütlichen Dominopartien, um den General Rodrigo de Aguilar zu fragen, wie steht’s mit unseren Pechsträhnen, alles unter Kontrolle, Herr General, im Vaterland herrscht Ruhe, er lauerte auf warnende Vorzeichen auf den Scheiterhaufen aus Kuhdung, die in den Gängen brannten, und in den Brunnen mit ihrem uralten Wasser, ohne auch nur die leiseste Antwort auf seine Ängste zu finden, er besuchte seine Mutter Bendición Alvarado in ihrer Vorstadtvilla, wenn die Hitze nachließ, sie setzten sich in die Abendkühle unter die Tamarindenbäume, sie in ihren mütterlichen Schaukelstuhl, altersschwach, doch mit unversehrter Seele, während sie den Hühnern und Königspfauen, die im Innenhof pickten, Hände voll Mais hinwarf, und er in den weißgestrichenen Korbsessel, wobei er sich mit dem Hut befächelte und mit alten Hungeraugen den hochgewachsenen Mulattinnen nachschaute, die ihm frische farbige Fruchtsäfte brachten, für den Hitzedurst, Herr General, und dabei dachte, meine Mutter Bendición Alvarado, wenn du wüßtest, wie satt ich die Welt habe, wie gern ich fortginge, nur wohin, weiß ich nicht, weit fort von all dem Krampf, doch nicht einmal seiner Mutter offenbarte er das Innere seiner Seufzer, sondern kehrte beim Aufflammen der ersten Nachtlichter in den Präsidentenpalast heim, steckte den Kopf in die Tür des Bedienstetentraktes und hörte beim Durchschreiten der Gänge das Hackenknallen der Wachposten, die ihn grüßten, nichts Neues, Herr General, alles in Ordnung, doch er wußte, daß das nicht zutraf, daß sie ihn aus Gewohnheit hinters Licht führten, daß sie ihn aus Angst belogen, daß nichts wahr war in jener Krise der Unsicherheit, die ihm seinen Ruhm bitter machte und ihm sogar seit jenem verhängnisvollen Hahnenkampfabend die alte Lust zum Befehlen raubte, bis spät blieb er mit dem Mund nach unten schlaflos auf dem Fußboden liegen, hörte durchs offene Meerfenster die fernen Trommeln und trostlosen Dudelsackpfeifen, die eine Armenhochzeit mit dem gleichen Jubel feierten, mit dem sie seinen Tod gefeiert hätten, er hörte das Lebewohl eines verkommenen Schiffs, das um zwei ohne Erlaubnis des Kapitäns auslief, er hörte das Papierrascheln der Rosen, die sich im Morgengrauen öffneten, er schwitzte Eis, seufzte, ohne es zu wollen, ohne einen Augenblick der Ruhe, und ahnte mit seinem Wäldlerinstinkt die Bedrohnis eines Abends, an dem er aus der Vorstadtvilla heimkehren und von einer Menschenmenge auf der Straße überrascht werden würde, Fenster würden auf- und zugehen, eine Schwalbenpanik würde aufflammen im durchsichtigen Dezemberhimmel, und er würde den Vorhang der Staatskutsche einen Spalt aufziehen, um zu sehen, was los war, und würde sich sagen, das ist’s, Mutter, das ist’s, sagte er mit einem entsetzlichen Gefühl der Erleichterung, als er die bunten Ballons am Himmel sah, die roten und grünen Ballons, die gelben Ballons wie große blaue Orangen, die zahllosen irrenden Ballons, die sich ihre Flugbahn bahnten mitten durchs Entsetzen der Schwalben und einen Augenblick im kristallklaren Vieruhrlicht schwebten und plötzlich in stillschweigend einstimmiger Explosion zerstoben und Tausende und aber Tausende von Papierschnitzeln über der Stadt abwarfen, ein Wirbelwind aus fliegenden Flugblättern, die der Kutscher nutzte, um aus dem Aufruhr des öffentlichen Marktes zu entkommen, ohne daß jemand die Kutsche der Staatsmacht erkannt hätte, denn alle Welt balgte sich um die Papierfetzen der Luftballons, Herr General, die Leute schrien den Wortlaut auf den Balkonen heraus, wiederholten ihn aus dem Gedächtnis, nieder mit der Unterdrückung, schrien, Tod dem Tyrannen, und sogar die Wachposten des Präsidentenpalais’ lasen in den Gängen laut von der Vereinigung aller ohne Klassenunterschied gegen den Despotismus von Jahrhunderten, die vaterländische Versöhnung gegen die Korruption und die Anmaßung der Militärs, kein Blut mehr, schrien sie, kein Plündern mehr, das ganze Land erwachte aus seinem tausendjährigen Tiefschlaf in dem Augenblick, als er durch die Remisentür eintrat und die fürchterliche Nachricht hörte, Herr General, daß Patricio Aragonés mit einem vergifteten Pfeil tödlich verwundet worden sei. Jahre zuvor, in einer übelgelaunten Nacht, hatte er Patricio Aragonés vorgeschlagen, sie sollten um ihr Leben spielen, Zahl oder Gesicht, kommt das Gesicht, stirbst du, kommt die Zahl, sterbe ich, aber Patricio Aragonés wies ihn darauf hin, sie würden unentschieden sterben, denn auf beiden Seiten aller Münzen sei das Gesicht beider, daher schlug er ihm vor, sie sollten auf dem Dominotisch um ihr Leben spielen, zwanzig Partien, wer die meisten gewinnt, hat gewonnen, und Patricio Aragonés schlug ein, hoch erfreut, sehr geehrt, Herr General, sofern Sie mir das Vorrecht zugestehen, gegen Sie zu gewinnen, und er schlug ein, einverstanden, und so spielten sie eine Partie, sie spielten zwei, spielten zwanzig, stets gewann Patricio Aragonés, denn sonst hatte nur er gewonnen, weil es verboten war, gegen ihn zu gewinnen, sie lieferten sich einen langen erbitterten Kampf und gelangten zu der letzten Partie, ohne daß er eine einzige gewonnen hätte, und Patricio Aragonés trocknete sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß ab und seufzte, tut mir in der Seele leid, Herr General, aber ich will nicht sterben, und nun sammelte er die Dominosteine ein und legte sie ordentlich in das Holzkästchen, während er im Ton eines Schulmeisters, der eine Lektion herunterleiert, sagte, auch er habe keinerlei Grund, am Dominotisch zu sterben, sondern zu seiner Stunde und an seinem Ort eines natürlichen Todes, während des Schlafs, wie es ihm seit Anbeginn seiner Zeiten die Wasserbecken der Wahrsagerinnen vorausgesagt hätten, und nicht einmal so, wenn er es genau bedachte, denn Bendición Alvarado hat mich nicht geboren, damit ich auf die Becken achte, sondern damit ich befehle, schließlich und endlich bin ich der, der ich bin, und nicht du, so daß du Gott danken magst, daß dies nicht mehr war als ein Spiel, sagte er lachend zu ihm, ohne daß ihm weder damals noch irgendwann später einfiel, daß der schreckliche Scherz Wahrheit werden würde in der Nacht, da er in Patricio Aragonés’ Kammer eintreten und ihn im Handgemenge mit dem Tod sehen würde, ohne Heilmittel, ohne jede Hoffnung, das Gift zu überleben, und er grüßte ihn von der Tür aus mit ausgestreckter Hand, Gott schütze dich, Mannsbild, es ist eine große Ehre, fürs Vaterland zu sterben. Er leistete ihm in seinem mühseligen Todeskampf Gesellschaft, beide allein im Zimmer, reichte ihm mit seiner Hand Löffel um Löffel eines schmerzstillenden Mittels, und Patricio Aragonés nahm sie ohne Dankbarkeit entgegen und sagte zwischen jedem Löffeltrunk, nun verlasse ich Sie für kurze Zeit in Ihrer Scheißwelt, Herr General, denn mein Herz sagt mir, daß wir uns sehr bald in den Höllentiefen wiedersehen, ich verkrümmter als ein Seeaal wegen dieses Gifts und Sie mit dem Kopf in der Hand auf der Suche nach einem Platz zum Ablegen, das sei ohne jeden Respekt gesagt, Herr General, denn nun kann ich Ihnen sagen, daß ich Sie nie gemocht habe, wie Sie sich einbilden, sondern daß ich seit den fernen Zeiten der Filibuster, in denen ich das scheußliche Unglück hatte, Ihnen in die Hände zu fallen, darum bitte, man möge Sie totschlagen, wenn auch auf anständige Weise, damit Sie mir für dieses Waisenleben zahlen, das Sie mir zugedacht haben, zuerst, indem Sie mir die Füße mit einem Holzhammer platt geschlagen haben, damit sie schlafwandelnde Leisetreter werden wie die Ihren, dann, indem Sie mir die Hoden mit einer Schusterahle durchbohrten, damit ich einen Bruch bekäme, endlich, indem Sie mich Terpentin zu trinken zwangen, damit ich vergäße zu lesen und zu schreiben, was mir ebensoviel Mühe gemacht hat wie meiner Mutter, mir beides beizubringen, und indem Sie mich immer zwangen, für Sie in der Öffentlichkeit aufzutreten, wozu Sie keinen Mut hatten, und nicht etwa, weil das Vaterland Sie lebend braucht, wie Sie sagen, sondern weil dem härtesten Kerl der Arsch auf Grundeis geht, wenn er eine Schönheitshure krönen soll, ohne zu wissen, woher der Tod ihm entgegendonnern wird, das ohne jeden Respekt gesagt, Herr General, doch ihm war Patricio Aragonés’ Unverschämtheit gleichgültiger als dessen Undank, dem ich das Leben eines Königs geschenkt und dir das gewährt habe, was ich niemandem auf dieser Welt gewährt, und dir sogar meine eigenen Weiber geliehen habe, auch wenn wir davon lieber nicht reden, Herr General, denn es ist besser, mit einer Keule kastriert zu werden, als Mütter aufs Kreuz zu legen, als ginge es darum, Jungkälber zu märken, mit dem Unterschied, daß diese armen herzlosen Bastardinnen weder das glühende Eisen spüren noch stoßen, noch strampeln, noch klagen wie die Jungkälber, noch aus den Flanken rauchen, noch nach versengtem Fleisch riechen, was das wenigste ist, was man von einem guten Weib verlangen kann, sondern daß sie ihre Leiber wie tote Kühe stellen, damit einer seine Pflicht erfüllen kann, während jene weiter Kartoffeln schälen und den anderen zuschreien, sei so gut und wirf ein Auge auf meine Küche, während ich hier untätig bin, damit mir der Reis nicht anbrennt, nur Ihnen kann einfallen, daß solch ein Pech Liebe ist, Herr General, denn das ist das einzige, was Sie kennen, das ohne jeden Respekt gesagt, und dann schrie er los, Mund halten, zum Teufel, Mund halten, oder das kommt dich teuer zu stehen, aber Patricio Aragonés sprach weiter, ohne die geringste Absicht zu scherzen, warum soll ich den Mund halten, da Sie mich höchstens noch umbringen können und Sie ja bereits dabei sind, aber nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, Herr General, damit Sie wissen, daß Ihnen niemand je gesagt hat, was er wirklich denkt, sondern daß alle Ihnen das sagen, was Sie nach deren Überzeugung hören wollen, während sie vor Ihnen katzbuckeln und hinter Ihnen die Pistole schwingen, seien Sie wenigstens dem Zufall dankbar, daß ich der Mann bin, der das meiste Mitleid mit Ihnen hat auf dieser Welt, denn ich bin der einzige, der Ihnen ähnelt, der einzige, der den Anstand besitzt, Ihnen zu hinterbringen, was alle Welt sagt, daß Sie nämlich der Präsident von niemand sind und nicht dank Ihrer Kanonen auf dem Thron sitzen, sondern weil die Engländer Sie darauf gesetzt haben und die Gringos[5] Sie darauf festhalten mit dem Paar Hoden Ihres Schlachtkreuzers, denn ich habe Sie vor lauter Angst hin und her und her und hin hasten sehen, ohne zu wissen, wo Sie vor lauter Angst anfangen sollen zu befehlen, als die Gringos Ihnen zuschrien, jetzt lassen wir dich mit deinem Niggerhurenhaus allein und werden uns mal anschauen, wie du zurechtkommst ohne uns, und wenn Sie seither nicht von Ihrem Sitz heruntergepurzelt sind und auch nie heruntergepurzelt wurden, so nicht deshalb, weil Sie es etwa nicht wollen, sondern weil Sie es nicht können, erkennen Sie das einmal, denn Sie wissen genau, daß, sobald man Sie auf der Straße im Anzug eines gewöhnlichen Sterblichen sähe, die Leute wie Hunde über Sie herfallen würden, um Sie für das Massaker von Sankt Maria vom Altar zahlen zu lassen und auch für die Gefangenen, die man in die Gräben der Hafenfestung geworfen hat, damit die Kaimane sie lebend fressen, und für die, denen man lebend die Haut abgezogen und deren Haut man anschließend den Familien als Denkzettel zugeschickt hat, sagte er, indem er aus dem abgrundlosen Brunnen seines verjährten Grolls die lange Litanei der höllischen Hilfsmittel seines Schandregimes heraufholte, bis er nichts mehr zu sagen wußte, weil ein Feuerrechen in seinen Eingeweiden kratzte, sein Herz sich erweichte und er ohne die Absicht einer Kränkung, vielmehr fast mit einem Flehen endete, ich sag’s im Ernst, Herr General, nutzen Sie die Stunde, da ich sterbe, um mit mir zu sterben, niemand hat mehr Recht, Ihnen das zu sagen, denn ich habe nie den Anspruch erhoben, irgend jemandem zu gleichen, und viel weniger, ein Held des Vaterlands zu sein, sondern nur ein trauriger Glasbläser, Flaschen zu machen wie mein Vater, wagen Sie’s, Herr General, es tut nicht so weh, wie es scheint, und er sprach die Worte im Tonfall von solch ruhiger Wahrheit, daß seine Wut nicht ausreichte, um ihm antworten zu können, vielmehr tat er alles, um ihn auf seinem Stuhl festzuhalten, als er sah, daß er sich zu krümmen und sich an seine Kuddeln zu klammern begann und schluchzte, Tränen vor Schmerz und Scham vergießend, wie schade, Herr General, aber ich scheiße mir in die Hose, und er glaubte, er meine das im übertragenen Sinn und wolle damit sagen, er sterbe vor Angst, aber Patricio Aragonés erwiderte, nein, ich will damit sagen, ich scheiße, ich scheiße, Herr General, und der konnte ihn nur noch anflehen, halte an dich, Patricio Aragonés, halte an dich, als Generäle des Vaterlands müssen wir wie Menschen sterben, auch wenn’s das Leben kostet, aber er sagte es zu spät, denn Patricio Aragonés fiel aufs Gesicht und fiel auf ihn, strampelnd vor Angst und mit Scheiße und Tränen besudelt. In dem neben dem Audienzsaal liegenden Amtsraum mußte er sich den Körper mit einem Scheuerlappen und Seife schrubben, um den üblen Todesgeruch loszuwerden, er zog ihm die Kleider an, die er am Körper trug, streifte ihm das leinene Bruchband über, die Gamaschen, den goldenen Sporn vom linken Hacken, und während er das tat, kam er sich langsam vor wie der einsamste Mensch von der Welt, schließlich verwischte er jede Spur der Farce und achtete auf die winzigsten Einzelheiten, die er mit eigenen Augen im warnenden Wasser der Becken gesehen hatte, damit die Putzfrauen beim Morgengrauen des kommenden Tages den Leib so vorfinden würden, wie sie ihn, Mund nach unten, auf dem Fußboden des Amtszimmers gefunden hatten, tot, zum ersten Mal eines falschen natürlichen Todes gestorben, während des Schlafs in seiner Drillichuniform ohne Abzeichen, in Gamaschen, mit goldenem Sporn, den rechten Arm unter dem Kopf zum Kopfkissen angewinkelt. Auch diesmal wurde die Nachricht nicht sofort bekanntgegeben, anders, als er erwartet hatte, vielmehr verstrichen viele Stunden der Vorsicht, der stillschweigenden Nachforschungen, geheimen Besprechungen unter den Erben des Regimes, die Zeit zu gewinnen suchten, indem sie das Gerücht des Todes mit