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Lauf! Wenn im Bewerbungsgespräch das Wort 'Familie' fällt. Alicia dachte, sie hätte ihren Traumjob gefunden. Doch schon am ersten Tag wird klar: Ihr neuer Chef sucht keine Fachkompetenz, sondern Zuneigung, blinde Loyalität und grenzenlose Bewunderung. Wer ihm diese verweigert, lernt seine wahre Seite kennen: öffentliche Erniedrigungen, Kündigungswut und die feste Überzeugung, Freundschaft sei Teil des Arbeitsvertrags. Alicia könnte kündigen und wieder weglaufen. Aber nicht diesmal. Sie bleibt, um ihre Auszubildende zu schützen und für sich selbst einzustehen. Also dreht sie den Spieß um. Doch wer sich mit einem König anlegt, braucht mehr als nur Mut. Denn im Kampf um die Krone aus Psychospielchen verliert man sich schneller, als man denkt. Bitterkomisch, treffsicher und gnadenlos nah an der Realität: eine Satire über Machtmissbrauch, Manipulation und Mut. Wer je einen toxischen Chef hatte, wird dieses Buch feiern.
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dieser Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Alle darin vorkommenden Figuren und Charaktere sind jedoch frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Namen, Orte und Einzelheiten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verändert.
TRIGGERWARNUNG: Dieses Buch enthält Szenen von psychischer Gewalt, Machtmissbrauch, Manipulation und unangemessenen Annäherungsversuchen in einem toxischen Arbeitsumfeld.
Bitte lass diesen qualvollen Moment endlich vorübergehen, flehte ich stumm. Die sanfte Klaviermusik im Hintergrund verstärkte die unangebrachte Romantik, die von meinem Gegenüber ausging. Dann geschah es: Unsere Blicke trafen sich. Das Kerzenlicht flackerte in seinen dunkelbraunen Augen wie das Feuer der Hölle und verursachte bei mir Schüttelfrost statt Herzklopfen.
»Ist das dein Freund?« Mein Chef, von mir scherzhaft ‚Herzkönig‘ genannt, zeigte mit seinem wurstigen Zeigefinger auf mein Handy. Auf dem Sperrbildschirm prangte ein Bild von Zac Efron. Obwohl die Situation keinen Anlass zur Freude bot, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen.
»Ja, sieht er nicht gut aus?«
Der Herzkönig rümpfte die Nase. Statt eine Antwort zu geben, trank er einen großen Schluck Champagner.
Ich hätte wie die anderen abhauen sollen.
Eben waren wir noch zu viert, zogen gut gelaunt durch die Stadt und hielten an jeder Bude an, die Bier oder Pommes verkaufte. Ich hinterfragte diese Onboarding- Zeremonie nicht weiter. In diesem Unternehmen war einfach alles anders.
Gegen 20.30 Uhr waren Gordon, der Leiter der IT-Abteilung, und ein weiterer neuer Kollege namens Philipp so betrunken, dass sie lallend den Heimweg antraten. Für mich war das Programm damit beendet. Doch mein Chef hatte andere Pläne.
Komm, Alicia, wir lassen den Abend in meinem Hotel ausklingen. Die haben eine ausgezeichnete Bar. Da können wir Champagner trinken, hörte ich ihn noch immer in meinem Kopf sagen.
Nach allem, was man so hörte, lehnte man die Einladung des Chefs nicht ab. Zumindest nicht, wenn man Karriere machen wollte. Also sagte ich zu und hasste mich sofort dafür. Um ehrlich zu sein, war ich so überrumpelt, dass mir keine vernünftige Ausrede einfiel.
»Was bringt dir gutes Aussehen? Mit mir kannst du kostenlos um die Welt fliegen. Ich bin Millionär«, lallte der Herzkönig, nachdem er das komplette Glas geleert hatte.
Als ‚Finanzleiterin‘, die sich um all seine privaten Finanzgeschäfte kümmerte, war mir sein Kontostand durchaus bekannt. Die Millionen hatte ich wohl übersehen. Gekonnt wich ich dem Thema aus: »Die Beleuchtung hier ist atemberaubend. Ich muss unbedingt herausfinden, woher sie die Leuchtmittel beziehen.«
Er ließ sich nicht ablenken und sah mich immer noch an, wie einst seinen Schwarm aus der Schulzeit.
Wo bleibt der Kellner? Erkennt er denn nicht meinen Hilferuf?
Mittlerweile lag die halbe Serviette wie eine Signalflagge um meinen Stuhl auf dem Boden. Ich schielte zu meinem Chef, in der Hoffnung, dass er seinen Blick von mir abgewandt hatte. Doch das Gegenteil war der Fall. Inzwischen hatte er seinen Kopf in beide Hände gestützt und ihn verträumt zur Seite geneigt. Eine leichte Übelkeit stieg in mir auf. Ungeduldig rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her und suchte mit panischem Blick nach dem Servicepersonal. In diesem Moment wäre mir alles recht gewesen, um zu entkommen: ein Feueralarm, ein Überfall, eine plötzliche Lawine. Alles! Nur nicht weiter mit ihm reden. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt. Er sprach weiter.
»Alicia, willst du Silvester mit mir auf Sardinien verbringen?«
Vor Schock war ich nicht mehr in der Lage, meine Gesichtszüge zu kontrollieren. Panik, Ekel und Ratlosigkeit wechselten sich im Sekundentakt ab. Doch auch das schien ihn nicht zu irritieren. Ich fühlte mich wie betäubt. Mein Mund öffnete sich, aber kein Laut kam über meine Lippen. Dann schloss ich ihn wieder. Unauffällig kniff ich mir in den Unterarm, doch leider erwachte ich nicht aus diesem schrecklichen Albtraum. Ich fragte mich, ob das die Alicia war, die ich sein wollte. Hatte ich mir dafür die Haare abrasiert? Um jetzt wie ein kleines Mädchen dazusitzen und nicht zu wissen, was ich tun sollte?
»Nein!«
Zahlreiche Augen waren nun auf mich gerichtet. Offensichtlich entfuhr mir die Antwort lauter als geplant. Mit gedämpfter Stimme fügte ich hinzu: »Silvester ist nach dem Valentinstag mein Lieblingstag. Den verbringe ich ausschließlich mit meinen Freunden. Nimm doch deine Tochter Johanna mit.«
Die Augen des Herzkönigs wurden plötzlich klar. Von dem glasigen Blick, den der Alkohol verursacht hatte, war nichts mehr zu sehen.
»Bisher war es für meine Angestellten immer ein Vorteil, zu meinem inneren Kreis zu gehören. Aber du bist noch nicht lange genug dabei. Das wirst du noch merken.«
In diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Alles ergab jetzt einen Sinn. Die hohe Fluktuation, das schräge Vorstellungsgespräch, die übertriebenen Versprechungen. Der Herzkönig suchte keine Finanzleiterin, er suchte viel mehr.
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Sicherlich fragst du dich, wie ich in diese absurde Szene geraten bin.
Alles begann am Valentinstag. Trotz meines Single-Daseins liebte ich diesen Tag heiß und innig, denn ich verbrachte ihn jedes Jahr mit meiner besten Freundin Sofia und einem Berg Sushi. Das machten wir zwar öfter, aber der 14. Februar war irgendwie besonders. Wahrscheinlich, weil die Konsumindustrie mir das lange genug eingetrichtert hatte. Also eilte ich voller Vorfreude und mit wehenden Locken zu meinem Schreibtisch. Motiviert schwang ich mich auf den Bürostuhl, griff in meine Tasche und zog ein Schokoherz hervor, das ich meiner Kollegin Regina schenken wollte. Eine kleine Geste, um auch ihr einen guten Tag zu bescheren. Doch was als harmloser Morgen begonnen hatte, verwandelte sich in den Beginn einer unvorstellbaren Odyssee.
Ich arbeitete seit zwei Monaten für die Versicherung und teilte mir seitdem ein Büro mit ihr. Ich hatte es oft versucht, aber sie schien mich nicht zu mögen. Wie immer antwortete sie nur mit einem genervten Grummeln. Zusätzlich würdigte sie mich keines Blickes. Ihr dünnes, glattes Haar hing wie ein Vorhang vor ihrem Gesicht und ihre Augen waren starr auf den Bildschirm gerichtet. Enttäuscht ließ ich das Schokoherz zurück in meine Tasche fallen.
Dann eben nicht, du blöde Kuh.
Wie vor einem Kampf krempelte ich die Ärmel meines grauen Blazers hoch und startete den Computer. Es war schwierig, Regina meinen Freunden zu beschreiben. Niemand konnte sich vorstellen, dass eine Frau, die ebenfalls Mitte dreißig war, so unheimlich sein konnte. Sie war nicht der klassische Bürodrache. Regina strahlte eine Kälte aus, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Selbst die härtesten Büro-Machos hielten Abstand zu ihr, und das sollte etwas heißen.
Ich öffnete mein Mail-Postfach. Als ich sah, was da auf mich wartete, hätte ich mich am liebsten direkt wieder ins Bett zurückteleportiert. Zwischen diversen Kalkulationsanfragen zu Versicherungsfällen blitzten mehrere Mails von Regina mit der Markierung wichtig auf. Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen, bevor ich die erste Nachricht mit einem kräftigen Mausklick öffnete.
Du benutzt immer noch diesen Collegeblock? Da kann man die Seiten doch einfach rausreißen und dann sind all deine Infos weg. Benutz endlich den Notizblock mit dem Firmenlogo!
Ungläubig starrte ich auf den Monitor. Mein Herz begann zu rasen. Regina hatte es auf mich abgesehen und sie würde nicht aufhören, bis sie mich vernichtet hatte. Ganze dreimal las ich die Nachricht, weil ich kaum glauben konnte, womit sie sich beschäftigte. Vorsichtig schaute ich in ihre Richtung. Sie tat so, als wäre sie in ihre Arbeit vertieft, aber ich kannte sie besser. Sie war eine giftige Schlange, die auf den richtigen Moment wartete, um zuzubeißen.
Ich überprüfte unauffällig meine Notizen. Glücklicherweise schienen die Blätter auf den ersten Blick vollständig zu sein. Ich ließ mir meine Nervosität nicht anmerken und öffnete den Kalender. Wenn Regina ein Spiel spielen wollte, spielte ich mit. Dann sah ich den Termin mit ihr. »Oh nein«, entfuhr es mir leise, aber ich blieb im Spiel. Noch. Ich räusperte mich und fragte: »Wir haben gleich ein Meeting. Soll ich einen Besprechungsraum reservieren?« Kaum war die Frage raus, verfluchte ich meine zittrige Stimme. So würde ich nicht gewinnen.
In ihrem gewohnt aggressiven Tonfall antwortete sie: »Ich habe keine Zeit. Hast du meine Mails nicht gelesen?« Eine kurze Pause folgte. Dann schoss sie wie ein Pfeil hinterher: »Zum Glück gibt es die Probezeit.«
Ein Schmerz durchfuhr mein zartes Herz. Ich stellte mir vor, wie Regina in den letzten zwölf Jahren Hunderte von Seelen verschlungen hatte, wie ein Monster, das nie satt wurde. Jetzt war ich an der Reihe.
Ich betrachtete meine Kollegin. Obwohl sie in der Blüte ihres Lebens stand, wirkte sie wie eine verbitterte alte Frau. Ihre Zornesfalte und die schmalen Lippen, die sie ständig zusammengepresst hielt, zeugten von ihrer dauernden Unzufriedenheit. Es war offensichtlich, dass sich ihr Hass auf sich selbst und die Welt tief in ihre Züge eingegraben hatte. Ich konnte ihre negative Ausstrahlung nicht mehr ertragen. In der Hoffnung, dass niemand meine Tränen sah, rannte ich zur Toilette. In meinem Kopf hämmerte immer wieder diese eine Frage: Warum habe ich meinen alten Job gekündigt? Um einen besseren Titel und ein größeres Unternehmen in meinem Lebenslauf vorweisen zu können?
Alles um mich herum verschwamm und ich erkannte nur noch schemenhaft mein Abbild im Spiegel. Meine grünen Augen waren von den Tränen rot unterlaufen und meine blonden, schulterlangen Locken umrahmten schlaff mein schmales, blasses Gesicht. Mit vierunddreißig war ich im selben Alter wie Regina, doch optisch trennten uns Jahrzehnte. Mein Spiegelbild sah aus wie das eines kleinen Schulmädchens, das gerade seine erste Sechs kassiert hatte. Sie dagegen sah aus wie eine alte Frau, die noch nie in ihrem Leben gelacht hatte.
Die Tür öffnete sich und Jessica, eine weitere Kollegin aus der Finanzabteilung, steckte ihren Kopf durch den Spalt. »Hey, wie geht's? Kann ich reinkommen?«
Jetzt brachen bei mir alle Dämme und ich schluchzte laut auf: »Warum habe ich diesen Job angenommen? Ich kann doch nicht nach zwei Monaten wechseln, wie sieht das denn im Lebenslauf aus?« Ich presste die Hände auf die Augen und heulte wie ein Baby.
Jessica nahm mich tröstend in den Arm. »Du tust uns allen so leid. Regina ist unbeschreiblich schwierig. Deine Stelle sollte eigentlich intern besetzt werden, aber alle fünfundzwanzig Teammitglieder haben dankend abgelehnt. Kein Geld der Welt wäre diese Tortur wert.«
Habe ich das gerade richtig gehört? Diese Schweine haben mich absichtlich in diese Hölle geschickt! Nach dem Motto: Intern ist niemand dumm genug, also opfern wir eine unschuldige Seele?
Ich hörte auf zu weinen und löste mich aus der Umarmung. »Danke, Jessica, diese Information war sehr hilfreich.« Ich versuchte zu lächeln.
»Lass dich nicht von ihr einschüchtern. Sie braucht jemanden, der ihr die Meinung sagt. Ich hoffe, dass du diese Person bist. Gib nicht auf.«
Ich nickte und Jessica verließ den Raum.
In mir brodelte es. Selbst nicht den Arsch in der Hose haben, um ihr die Stirn zu bieten und jetzt erwarten, dass ich die Dumme bin? Was denken die hier alle? Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, um die Spuren meiner Tränen zu beseitigen. Dann straffte ich die Schultern und betrachtete mich im Spiegel. Meine verweinten Augen waren plötzlich zweitrangig. Auf meiner Stirn zeichnete sich eine Zornesfalte ab, die mich für immer mit Regina verbinden würde.
Jetzt haben sie eine Grenze überschritten.
Stampfend marschierte ich zurück und erledigte meine Arbeit, ohne weitere Versuche, mich mit der Hexe zu arrangieren.
~***~
Kurz vor Feierabend riss mich ein markerschütternder Schrei aus dem Arbeitsfluss. Während jeder andere vom Stuhl gefallen wäre, zuckte ich nur kurz zusammen. Regina schrie wieder einmal einen Kollegen an. Der Grund: Es war 16.31 Uhr.
»WO BIST DU? ICH HABE HALB FÜNF GESAGT!«, schrie sie in den Telefonhörer, obwohl er bereits neben ihr stand.
Ich dachte an Jessicas Worte und sah aus dem Fenster. Der tiefe Winter schenkte dem Himmel einen Sonnenuntergang, der sich majestätisch über die Stadt erstreckte. Das Spiel der Farben und die weichen Formen der Wolken schufen ein Bild, das wie ein Tor zu einer besseren Welt wirkte.
Wie gern würde ich da jetzt hindurchmarschieren, so wie Alice, als sie durch das Kaninchenloch fiel und im Wunderland landete. Dann müsste ich nicht mehr arbeiten und könnte den ganzen Tag Sushi essen. Und mein Spirit Animal wäre ein rosa Fisch.
Der Knall der Bürotür und die Stille danach rissen mich aus meiner Fantasie. Der Kollege war im Büro unserer Chefin verschwunden und Regina stand nun ohne Ziel für ihren Hass da. Ich versuchte, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Wie damals in der Schule, wenn der Lehrer durch die Reihen ging und man nicht aufgerufen werden wollte. Ihre Schritte stampften über den Boden, zuerst in meine Richtung, dann blieben sie abrupt stehen. Ich schloss ängstlich die Augen und betete: Lieber Gott, bitte lass sie ihren Hass nicht an mir auslassen. Es schien zu funktionieren. Zu meiner Erleichterung ging sie weiter zu ihrem Arbeitsplatz.
Ich verspürte das dringende Bedürfnis, durch meine Social-Media-Profile zu scrollen und an all die wunderbaren Momente zu denken, die auf den vielen Bildern und Videos festgehalten waren. Auf einem Foto strahlte ich besonders. Ich saß in einem Golfcart vor dem Kolosseum in Rom. Jetzt war mir klar: Kein Geld der Welt war es wert, diesen täglichen Horror zu erleben. Wie ferngesteuert griff ich zum Telefon und wählte die Nummer der Personalabteilung.
Eine Viertelstunde später saß ich meinem HR-Business-Partner, Herrn Wielig, gegenüber.
»Was kann ich für dich tun, Alicia? Ich hoffe, du hast dich gut eingelebt. Läuft das Onboarding nach Plan?«
Mit einem kühlen Lächeln schob ich dem Falschspieler, der mir das großartige Betriebsklima versprochen hatte, meine Kündigung über den Tisch. Während er sich das Schreiben durchlas, stand ich auf und verließ wortlos das Büro.
»Alicia, warte. So geht das nicht!«, hörte ich ihn noch rufen, aber meine Beine waren schneller als meine Zweifel. Ich rannte los, um diesem Vorort der Hölle so schnell wie möglich zu entkommen. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen und mein Atem war kurz. Ich hatte das Gefühl, tatsächlich durch das Wolkentor zu rennen.
Die engen Gänge des Bürogebäudes zogen an mir vorbei und ich konnte kaum glauben, dass ich endlich den Mut gefunden hatte, diesem grauen Alltag zu entfliehen.
Vor der Tür schlug mir die kalte Februarluft ins Gesicht. Normalerweise hätte ich geflucht, doch heute atmete ich sie dankbar ein, so tief wie seit Wochen nicht mehr. Ich lachte. Laut. Irgendwo zwischen Erleichterung und Wahnsinn. Dann sprang ich ins Auto und fuhr zum ersten Mal ohne Tränen in den Augen davon.
~***~
Zuhause riss ich mir das spießige Versicherungsoutfit vom Leib, pfefferte die Pumps in die Ecke und aß Reginas Schokoherz. In Unterwäsche stolzierte ich zum Kühlschrank und zog eine Flasche Weißwein heraus. Mit einem befreienden Plätschern ergoss sich die goldene Flüssigkeit in das übergroße Glas. Die fruchtigen Aromen stiegen mir in die Nase und der erste Schluck schmeckte wie ein Sechser im Lotto. Doch schon beim zweiten holten mich die Zweifel ein, vor denen ich gerade noch davongelaufen war. Schließlich wurde auch mir seit Jahrzehnten eingetrichtert: Arbeit muss keinen Spaß machen. Hauptsache, du zahlst in die Rente ein. Das wollte ich nicht mehr glauben. Von nun an würde ich für mich selbst einstehen und nicht mehr auf die falschen Versprechungen von Sicherheit und Stabilität in einem Job hören, der mich unglücklich machte. Ich leerte das Glas in einem Zug, bevor ich meine Eltern anrief, um ihnen die ‘freudige‘ Nachricht mitzuteilen.
»Du hast WAS?«
»Ich habe gekündigt, Mama. So lasse ich mich nicht behandeln.«
»Was du immer erwartest. Das Leben ist nicht Sommer, Sonne, Sonnenschein.«
Da war es wieder. Die deutsche Arbeitermentalität. Ich unterdrückte eine Antwort und trank einen Schluck Wein, diesmal aus der Flasche.
»Nicht, dass du jetzt in der Stadt abrutschst. Komm doch wieder aufs Dorf. Hier findest du endlich einen anständigen Jungen, der viel Land besitzt. Ich habe gehört, der Sohn von Bauer Heinz ist wieder Single. Soll ich mal nachfragen? Dann kannst du Kinder bekommen und dein Leben als Hausfrau genießen. Immer allein ist doch nichts. Du brauchst einen Mann. Dann hättest du die ganzen Probleme nicht.«
Ich zögerte und fragte mich, wie mir ein Partner im Kampf gegen Regina hätte helfen können. Sie würde selbst Hulk zum Frühstück verspeisen. Dann fiel mir ein, dass ich in der Welt meiner Mutter Hausfrau auf einem Bauernhof wäre. Statt Regina zu ertragen, müsste ich morgens um vier Uhr die Kuh melken.
Ist das besser?
»Ich denke darüber nach, danke.« Damit war das Telefonat beendet. Dafür, dass meine Mutter sich erst einmal mit der Tatsache auseinandersetzen musste, dass ihre einzige Tochter arbeitslos war, verlief das Gespräch überraschend gut. Irgendeinen Knick im Lebenslauf brauchte jeder. Das wirkte authentisch. Zumindest hatte ich das irgendwo gelesen.
Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer blieb ich im Flur an meinem Spiegelbild hängen. Dieses Mal war es nicht die Zornesfalte, die mich irritierte, sondern die Wahl meiner Unterwäsche. Ich trug einen grauen Still-BH und einen rosafarbenen Schlüppi mit verwaschenen Herzen oder Punkten. Es war nicht zu erkennen. Den BH hatte ich, weil ich den Stoff bequem fand, nicht, weil ich die Klappfunktion brauchte. Schließlich war ich eher im Team Me-Time als im Team Windeln wechseln. Aber ich erkannte: Mit diesem Outfit war die Partnersuche zum Scheitern verurteilt. Und der Gedanke, dass der Partner arbeitete und sich mit den Reginas dieser Welt herumschlug, war keine schlechte Idee.
Ja, ich weiß: Selbst ist die Frau, aber in meinem Wunderland arbeite ich nicht mehr. Und wenn ich mich bewusst dafür entscheide, einem Mann auf der Tasche zu liegen, dann ist das doch irgendwie selbstbestimmt, oder?
Entschlossen warf ich mich auf die Couch und öffnete meine Dating-App. Vielleicht ließ mich der bevorstehende soziale Abstieg weniger kritisch werden. Mit den Füßen auf dem Tisch wischte ich durch die Profile.
»Der ist niemals 1,80 Meter! Wie hoch ist denn die Türklinke? Ist das ein Haus für Riesen?«, meckerte ich und lehnte einen nach dem anderen ab.
Keine neuen Leute in deiner Umgebung.
»Na toll!« Genervt bestellte ich neue Unterwäsche und warf danach das Handy in die Ecke der Couch. Kaum war das hypnotische Blaulicht des Displays verschwunden, spürte ich meine Blase. Mit schweren Beinen schleppte ich mich ins Badezimmer. Trotz der toten Glühbirne über dem Spiegel sah ich deutlich die Zornesfalte. So konnte ich nicht weiterleben. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff ich nach dem Rasierer meines Ex-Freundes und setzte ihn an.
Blonde Locken tragen kleine Mädchen.
Kaum fielen die ersten Haare ins Waschbecken, überkam mich ein Gefühl von Befreiung. Ich rasierte weiter, bis die komplette rechte Seite kurz war.
»Wow. Vielen Dank, Tracy.« Ich betrachtete mich im Spiegel. Meine Schultern richteten sich auf und in meinen Augen funkelte eine neue Entschlossenheit. »Wer hätte gedacht, dass mir ein Pixie Cut steht?«
»Ich. Seit Jahren sage ich dir, dass diese langen Locken wegmüssen.«
»Stimmt. Das nächste Mal höre ich direkt auf dich. Jetzt bereue ich nur noch, dass ich den Sushi-Abend mit Sofia versäumt habe. Aber wer konnte ahnen, dass ich kündigen und mir betrunken die Haare rasieren würde?« Ich kicherte verlegen und wechselte das Thema, um von meinem Ausrutscher abzulenken: »Was bekommst du für diese Rettungsaktion?«
»Neunundfünfzig Euro.«
Das löste einen Alarm in meinem Kopf aus: Das Leben kostet Geld. Mit einem flauen Gefühl im Magen reichte ich Tracy die EC-Karte. Das beruhigende Piepen des Kartenlesers war wie ein Startschuss. Ich verließ den Salon, denn ich brauchte neue Bewerbungsfotos.
Vor der Tür empfing mich ein starker Wind, aber das störte mich nicht. Klar, es war kalt, aber dieses prickelnde Gefühl im Nacken war irgendwie … erfrischend. Ich blickte in das nächste Schaufenster, um meine neue Frisur noch einmal zu bewundern. Während ich mir selbstverliebt zuzwinkerte, fiel mir eine ungewöhnliche Lampe auf, deren Ständer die Form eines rosa Fisches hatte. Das kann kein Zufall sein. Nimmst du mich mit ins Wunderland? Soll ich dich kaufen und keine Fotos machen? Was willst du mir sagen?
»Alicia?«, ertönte eine zögerliche Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah meine Ex-Kollegin Jessica.
»Kündigen und mit neuer Frisur shoppen gehen. Du bist mir eine! Deine Haare sehen klasse aus.«
Ich warf einen Blick auf die Fischlampe. Das war nicht das Zeichen, auf das ich gehofft hatte. Ich setzte ein künstliches Lächeln auf und wandte mich wieder Jessica zu.
»Danke. Hast du auch gekündigt? Oder warum treffe ich dich hier an einem Dienstagmorgen?«
»Nein, ich hatte einen Termin beim Steuerberater und bin auf dem Weg zurück ins Parkhaus. Wenn du wüsstest, was auf der Arbeit nach deinem Abgang los war! Diesen Knall hat es echt gebraucht.«
Mein Lächeln verwandelte sich in ein ehrliches, das einen gewissen Stolz nicht verbergen konnte.
»Wieso, was ist passiert?«
»Deine Kündigung hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Regina wurde ins Personalbüro zitiert und arbeitet ab heute in dem kleinen Raum hinten im Lager, sodass sie niemanden mehr terrorisieren kann. Du kannst dich also wieder bewerben.«
Obwohl ich keinen Job hatte, fühlte ich mich verdammt gut. Wie eine Spielmacherin mit noch einem Trumpf im Ärmel.
»Danke, Jessica. Diese Information hat meinen Tag mehr als versüßt.«
»Was willst du jetzt beruflich machen?«
Ich schaute wieder zu der Lampe. »Keine Ahnung. Ich folge meinem rosa Fisch«, antwortete ich lachend und lief hopsend davon.
In der Ferne hörte ich noch, wie Jessica verwundert meinen Namen rief, doch ich blieb nicht stehen. Auf mich wartete mein persönliches Wunderland.
~✿✿~
Zu Hause setzte ich mich sofort an den Schreibtisch und suchte nach halbwegs erträglichen Stellenangeboten. Doch je länger ich durch die Anzeigen scrollte, desto klarer wurde mir: Für jemanden, der das Büroleben satt hatte, aber keine anderen Qualifikationen vorweisen konnte, war das gar nicht so einfach.
Frustriert klickte ich mich stattdessen in meine Dating-App. Ich wollte meiner Mutter zeigen, dass ich ihren Rat ernst nahm. Also suchte ich nach einem Mann, der bereit war, meine Probleme zu lösen.
Keine zehn Minuten später hatte ich sieben Matches und drei Nachrichten. Meine neue Frisur schien nicht nur mir zu gefallen. Jonas stach sofort heraus. Seine Profilbeschreibung war kurz und sympathisch: Leben und leben lassen. Das klang weder nach einem verzweifelten Typen, der am liebsten sofort heiraten wollte, noch nach einem, der unter Bindungsängsten oder unverarbeiteten Kindheitstraumata litt. Auf seinen drei Fotos war sein Gesicht gut zu erkennen, ohne Sonnenbrille und von vorn. Allein dafür hätte er einen Preis verdient. Seine Zähne waren weiß und gerade, sein schwarzes Haar voll, und zu klein schien er auch nicht zu sein, wenn ich die Umgebung richtig einschätzte. Mehr konnte ich nicht erwarten. Also schrieb ich: Lass uns gern in einer halben Stunde vorm Latte Laughs treffen.
Seine Antwort folgte prompt: Klingt gut, aber ich bin auf der Arbeit. Wie sieht es mit heute Abend aus?
Ich starrte auf das Display. Natürlich arbeitete er. Wahrscheinlich arbeiteten sie alle. Nur ich nicht. Ich schnaubte und dachte nach. Heute Abend würde ich keine Lust mehr haben. Deshalb antwortete ich: Schade, da muss ich leider arbeiten.
Ja, das war gelogen. Aber ich wollte nicht die Einzige sein, die nichts zu tun hatte. Zur Erinnerung an mein neues Ich fuhr ich mir mit der Hand durch die kurzen Haare. Egal, was meine Mutter sagte. Ich brauchte keinen Mann. Schon der Versuch zu daten zog mich runter. So etwas konnte ich in meinem Wunderland nicht gebrauchen. Also löschte ich die App. Fokus war alles. Das hatte ich von einem Social-Media-Guru aufgeschnappt. Sobald das Symbol vom Display verschwunden war, atmete ich durch. Vielleicht war jetzt der richtige Moment, um wieder nach Jobs zu suchen. Aber vorher wollte ich den Lieferstatus meiner neuen Unterwäsche checken.
In der App sah ich eine Nachricht mit dem Betreff: Lieferung storniert. Ich ahnte Böses.
»Blabla, Systemfehler. Blabla, ausverkauft. Keine Unterwäsche für mich«, las ich laut vor. Dann blinkte am Rand die Werbung einer Stellenanzeige auf.
Wenn das kein Wink des Schicksals war. Oder einfach nur ein verdammt guter Algorithmus. Ich prüfte die Stellenbeschreibung. Das Logo war auf jeden Fall überzeugend. Ein rosa Fisch, der mich aus einer Fritteuse anblinzelte. War das die offizielle Einladung ins Wunderland? Auch der Rest passte. Es schien, als wäre dieser Job speziell für mich geschaffen worden. Zur Sicherheit prüfte ich die Mitarbeiterstimmen auf diversen Bewertungsplattformen und kam aus dem Begeisterungstaumel nicht mehr heraus. Überall fast fünf goldene Sterne. Ohne zu zögern, nahm ich meinen Laptop zur Hand, passte mein Bewerbungsschreiben für die Stelle der Junior-Finanzleiterin an und schickte es ab. Nachdem ein grüner Haken den erfolgreichen Versand bestätigt hatte, sprang ich auf und tanzte vor Glück durch das Wohnzimmer. Ich drehte mich im Kreis und sang irgendeinen Unsinn, bis ich kichernd vor dem Kühlschrank stand und mir eine Flasche Wein öffnete. Mit einem viel zu vollen Glas in der Hand tanzte ich zurück und entdeckte eine ungelesene Nachricht in meinem Posteingang. Mein Herz setzte kurz aus. Mit zitternden Händen stellte ich das Weinglas ab und klickte auf das Icon.
Der Geschäftsführer hatte mir persönlich geantwortet. Ich fühlte mich wichtig und zugleich neugierig. Ich wollte wissen, wer Waldemar Herzmann war, und googelte ihn.
Doch viel war über ihn nicht zu finden. Das Internet spuckte lediglich ein einziges Foto aus. Ein Schwarz- Weiß-Porträt, das ihn nur bis zur Schulter zeigte. Er hatte eine Glatze, dunkle Augen und ein zu breites Grinsen, bei dem sein Gebiss seltsam verloren wirkte. Es sah aus, als hätte jemand ein zu kleines Zahnmodell in einen zu großen Mund gesetzt. Genau dieses Bild fand sich überall: auf seiner Webseite, in Presseartikeln und auf seinen vernachlässigten Netzwerkprofilen. Irgendetwas an seinem Ausdruck wirkte freundlich. Vielleicht ein bisschen zu bemüht, aber nicht unsympathisch. Ich konnte es nicht ganz greifen, was mich nur noch neugieriger machte. Also tippte ich meine Zusage. Morgen um 10.00 Uhr würde ich herausfinden, wer Waldemar Herzmann wirklich war.
Ich leerte mein Weinglas in einem Zug und ließ es achtlos auf dem Couchtisch stehen. Ohne Zähne zu putzen oder mein Gesicht zu waschen, schlurfte ich ins Bett, kuschelte mich in die Kissen und schlief sofort ein. Für ein paar Sekunden. Dann wälzte ich mich stundenlang hin und her und wiederholte immer wieder mögliche Fragen für das Vorstellungsgespräch in meinem Kopf. Mit jeder Gedankenrunde wurde es realer.
Waldemar reichte mir mit einem zu breiten Lächeln den Vertrag.
»Unterschreib hier«, flüsterte er und tippte mit seinem Stift auf eine winzige Stelle am Rand.
Ich griff zu und zuckte direkt zusammen. Der Stift war eiskalt.
»Alles in Ordnung?«, fragte er und schaute mich mit seinen dunkelbraunen Augen eindringlich an.
Ich nickte langsam. Obwohl sich alles in mir sträubte, unterschrieb ich. Die Feder hinterließ eine tiefrote Spur. Dann klingelte der Wecker.
»Hallo, Alicia. Komm rein! Wir freuen uns auf dich. Fahr bitte mit dem Aufzug in den fünfzehnten Stock, ich werde dich dort in Empfang nehmen«, ertönte eine freundliche Frauenstimme aus der Gegensprechanlage.
Dann folgte ein schrilles Summen, das mir den Eintritt erlaubte.
Ich atmete tief durch. Die sympathische Begrüßung nahm mir die Nervosität, aber das beklemmende Gefühl aus meinem Traum steckte mir noch in den Knochen.
Mit einem großen Schritt betrat ich die Empfangshalle. Der polierte Marmorboden reflektierte das kühle Licht der Deckenleuchten. Hohe, gepflegte Grünpflanzen in schweren Töpfen säumten die sonst kahlen Wände. Das Surren der Fahrstühle und ihr dezentes Klingeln bei der Ankunft unterstrichen die elegante Atmosphäre. So hatte ich mir den Sitz einer Fritteusenfabrik nicht vorgestellt.
Der Aufzug mit der Nummer vier öffnete sich. Niemand war drin. Es wirkte fast so, als hätte er auf mich gewartet.
Bitte bring mich ins Wunderland. Ich umklammerte meine Daumen mit den restlichen Fingern, stieg ein und drückte auf die Taste für die oberste Etage. Mit einem Ruck setzte sich die Kabine in Bewegung. Ich fokussierte die digitalen Zahlen, die langsam aufstiegen. Dreizehn. Vierzehn. Fünfzehn.
Mit einem Pling öffnete sich die Tür und eine junge Frau lächelte mich an.
»Willkommen in Waldemars Welt. Ich bin Meike.« Es war dieselbe Stimme, die mich gerade hereingelassen hatte. Sie trug eine ausgewaschene Jeans und einen schwarzen Strickpullover, der einen starken Kontrast zu ihren hellroten Haaren bildete.
Ich schaute mich um. Zu meiner Verwunderung befand ich mich nicht in einem Empfangsbereich. Stattdessen erstreckte sich vor mir ein schmaler Flur mit denselben Fliesen wie im Foyer. Es war ein unscheinbarer Vorraum, der sich für mich anfühlte wie das Schlüsselloch ins Wunderland.
»Hallo, Meike. Freut mich, dich kennenzulernen. Und danke für die Einladung.«
Jetzt presste sie die Lippen zusammen und schaute mich eindringlich an. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Trotzdem trat ich mutig aus dem Fahrstuhl. Was ich dann sah, raubte mir den Atem.
Zu meiner Linken lag das Büro. Genauer gesagt sah ich durch die gläserne Tür nur die Aussicht.
»Ist das eine Dachterrasse?«
»Nein. Nur unser riesiger Korridor mit Panoramablick, der den fehlenden Empfang ersetzen soll. Waldemar hat sich bei der Gestaltung des Büros viele Gedanken gemacht. Aber trotzdem das Wichtigste vergessen. Komm mit. Ich zeige dir alles.«
Ich schwieg und folgte ihr durch die Tür. Die gesamte Außenwand bestand komplett aus Glas. Es war noch viel beeindruckender als erwartet. Entlang der Fensterfront reihten sich Sessel mit weichen, samtigen Bezügen, die förmlich dazu einluden, sich hineinzukuscheln. An der hohen Decke prangte eine riesige Uhr mit laut tickenden Zeigern. Ich fühlte mich wie in der Premium Lounge eines exklusiven Flughafens.
»Möchtest du etwas trinken?«, fragte sie gezwungen freundlich, während ich ihr in den Aufenthaltsraum folgte.
Ich wunderte mich noch über ihre veränderte Tonlage, da schob sich schon eine tiefe Männerstimme dazwischen.
»Ich nehme sie direkt mit in mein Büro.«
Erschrocken fuhr ich herum.
»Hallo, Alicia, wir haben gestern geschrieben. Ich bin Waldemar, der Inhaber der Fritteusenfabrik.«
Seine dunkelbraunen Augen fixierten mich wie in meinem Traum. Doch der Rest wirkte nicht so bedrohlich. Er war durchschnittlich groß und unterhalb seiner Schultern sehr breit gebaut. Nun verstand ich, warum es nur dieses eine Foto von ihm gab.
Mit einem entschuldigenden Blick suchte ich Meike, aber sie war spurlos verschwunden. Ich bemerkte die zahlreichen Türen, die von allen Seiten des Aufenthaltsraums abgingen. Sie erinnerten mich an etwas, ich wusste nur nicht woran. Und Waldemar wartete sicher auf eine Antwort.
»H-hallo, vielen Dank für die Einladung.«
Er nickte und führte mich durch eine der vielen Türen.
Plötzlich fiel mir ein, woran mich der Raum erinnerte: an den Kaninchenbau. Es ist wirklich mein Wunderland. »Eine ungewöhnliche Raumaufteilung für ein Büro«, bemerkte ich.
Waldemar lächelte stolz. »Ich habe die Anordnung selbst entworfen. Ursprünglich sollte dieses Gebäude eine Privatklinik werden. Die Investoren merkten jedoch schnell, dass sich ein so schmales Hochhaus dafür eher weniger eignet. Deshalb wurden die letzten fünf Etagen nicht ausgebaut und ich hatte bei der Gestaltung freie Hand. Hier oben ist die Verwaltung untergebracht. Die Produktion ist unten über das Erdgeschoss erreichbar. Dort gibt es eine unscheinbare Tür, die in eine angrenzende Halle führt. Für mich war diese Lösung perfekt. Ich bin sehr lärmempfindlich und wollte daher weit weg von der Produktion sein.«
»Das klingt einleuchtend.« Ich wusste nicht, warum ich das sagte. Es klang verrückt, aber so sollte es im Wunderland sein.
»Bitte setz dich.« Er deutete mit seiner großen Hand auf einen braunen Ledersessel.
Ich nahm Platz und schaute mich um. Überall standen Buddhafiguren in verschiedenen Größen und zwischen uns thronte ein imposanter Holzschreibtisch.
Waldemar schien meinen Blick bemerkt zu haben.
»Schöner Schreibtisch, nicht wahr?«
Ich stimmte unsicher zu. Für mich sah er eher nach einem großen Ego aus, aber die Geschmäcker waren ja bekanntlich verschieden.
