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Schicksalsbegegnungen in den Highlands: Der bewegende Roman »Der Himmel über Schottland« von Bestsellerautorin Evita Wolff als eBook bei dotbooks. Sanft geschwungene grüne Hügel unter weitem Himmel: Eric Gustavson glaubt zu träumen, als er zum ersten Mal das schottische Gestüt Sunrise sieht. Hier soll er mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten als Pferdeflüsterer eine Stute heilen. Doch während er im nahen Dorf und im kleinen Bed & Breakfast der Hickmans herzlich aufgenommen wird und zum ersten Mal das Gefühl hat, im Leben endlich angekommen zu sein, gibt ihm die Arbeit auf dem Gutshof Rätsel auf. Im Dorf erzählt man von einer erbitterten Fehde zwischen der Fargus-Familie auf Sunrise und dem benachbarten Gestüt, die seit Jahren nur Unglück bringt. Gemeinsam mit der jungen Ärztin Elaine kommt Eric einem Geheimnis auf die Spur, das die Zukunft von Sunrise für immer verändern könnte – und Eric vor die schwerste Entscheidung seines Leben stellt … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Große Gefühle und traumhafte Landschaften in »Der Himmel über Schottland« von Bestsellerautorin Evita Wolff, auch bekannt unter dem Titel »Im Schatten des Pferdemonds«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 624
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über dieses Buch:
Sanft geschwungene grüne Hügel unter weitem Himmel: Eric Gustavson glaubt zu träumen, als er zum ersten Mal das schottische Gestüt Sunrise sieht. Hier soll er mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten als Pferdeflüsterer eine Stute heilen. Doch während er im nahen Dorf und im kleinen Bed & Breakfast der Hickmans herzlich aufgenommen wird und zum ersten Mal das Gefühl hat, im Leben endlich angekommen zu sein, gibt ihm die Arbeit auf dem Gutshof Rätsel auf. Im Dorf erzählt man von einer erbitterten Fehde zwischen der Fargus-Familie auf Sunrise und dem benachbarten Gestüt, die seit Jahren nur Unglück bringt. Gemeinsam mit der jungen Ärztin Elaine kommt Eric einem Geheimnis auf die Spur, das die Zukunft von Sunrise für immer verändern könnte – und Eric vor die schwerste Entscheidung seines Leben stellt…
Über die Autorin:
Evita Wolff, geboren 1963 in Celle/Niedersachsen, studierte Tier- und Humanmedizin sowie Erziehungswissenschaften. Nach einigen Jahren im Ausland und einem längeren Aufenthalt in Berlin lebt sie heute in Hannover.
Evita Wolff veröffentlichte bei dotbooks auch ihren Roman »Der Klang der Liebe«.
***
eBook-Lizenzausgabe 2022
Skoobe exklusiv
Skoobe GmbH, München
Dieses Buch erschien unter dem Titel »Im Schatten des Pferdemonds« bereits 1998 bei Eichborn und 2018 bei dotbooks.
Copyright © der Originalausgabe 1998 Eichborn Verlag GmbH & Co. KG, Frankfurt am Main
Copyright © der Neuausgabe 2018, 2022 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Helen Hotson, Neti.OneLove, lisima
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-96655-455-8
Evita Wolff
Der Himmel über Schottland
Roman
Skoobe exklusiv
This book is dedicated to John-Roger and Peter McWilliams:Thank you, guys, for writing »Do it!«
Der Renntag in Ascot war vorüber. Lionheart trug an seinem Halfter die Auszeichnung des Siegers. Mr. Williams, sein Besitzer, wollte gerade eine Decke auf den Rücken des Hengstes legen, als Eric auf sie zukam. »Meinen Glückwunsch, Junge. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, bevor Turner mich auf Sie aufmerksam machte. Ich hätte es nicht für möglich gehalten.«
Eric zeigte kein Lächeln, trat näher zu ihnen und strich über Lionhearts Hals. Mr. Williams beobachtete ihn.
»Na, wollen Sie noch einmal zu den Anfängen zurückkehren, ehe Sie sich von ihm verabschieden?«
Ihre Blicke trafen sich. Eric nickte und nahm Lionheart den Halfter ab. Als Eric sich auf seinen bloßen Rücken gezogen hatte, setzte er sich federnd in Bewegung. Er sog die feuchte Luft ein und warf freudig den Kopf auf. Mr. Williams wich zurück an den Rand der Rennbahn und ließ seinen Blick mit leiser Wehmut auf dem Paar ruhen, das einem Zentaur glich, so sehr schienen Mann und Pferd verschmolzen, als sie sich im leichten Rhythmus des Galopps wiegten.
Noch einmal zu den Anfängen zurückkehren ... Williams' Worte gingen Eric nicht aus dem Sinn. Ganz am Anfang, gleich nach dem Sturz, war Lionheart unfähig gewesen, sich zu bewegen. Obwohl Muskeln, Knochen, Sehnen intakt geblieben waren, blieb er flach in seiner Box liegen. Man hatte ihm gut zugeredet, versucht, ihn mit Leckereien auf die Beine zu locken. Schließlich hatten sie Besenstiele in seine Kruppe gestoßen, Peitschen geschwungen, an seinem Halfter gezerrt und auf ihn eingebrüllt.
Dann aber war da auf einmal einer unter all denen gewesen, der ein kleines Licht in diesem Dunkel entzündet hatte. Von ihm hatte er zum ersten Mal wieder Nahrung angenommen, mit jedem Tag hatte er der Berührung mehr getraut. Diese Hände und diese Stimme – sie wurden der Inbegriff von Verständnis und nie endender Geduld. Sie hatten ihn schließlich auf die Beine gebracht, hatten ihn aus der Box gelockt. Vor dem hellen Tageslicht war er zurückgewichen, nachdem er so lange Zeit im Dunkel gewesen war. Deshalb hatte Eric ihn zunächst nur nachts aus seiner Box gebracht. Er war mit ihm spazierengegangen, hinunter zum Fluß und hinauf zu den Hügeln, wo sich die Büsche und die hohen Halme der Gräser schwarz und seltsam starr vom Glitzern des sternenübersäten Himmels abhoben. Und schließlich war er mit ihm zur Rennbahn gegangen, hin zu dem Zaun, wo Lionheart gestürzt war. Immer häufiger wurde diese Stelle ihr Ziel, bis Lionheart sich nicht mehr schüttelte vor Entsetzen, sondern beinahe gleichmütig den Geruch der Holzbohlen einsog, an die Eric ihn heranführte.
Eines Nachts drängte er den Hengst dann gegen einen schmalen, niedrigen Stein, wie er für die Abgrenzung von Abreiteplätzen manchmal verwendet wird, stieg darauf und legte ihm behutsam die Hände auf den Rücken. Lionheart zitterte, aber er stand, beruhigt durch das warme Murmeln der Stimme. Eric lehnte sich gegen seinen Rumpf und ließ beide Arme leicht über seinen Rücken hängen. Lionhearts Körper spannte sich. Als die Spannung unerträglich wurde, entlud sie sich in einer heftigen Bewegung, die Eric von dem Stein abrutschen ließ. Sein Oberkörper wurde gegen Lionhearts Rumpf gedrückt – Lionheart spürte plötzlich das Gewicht des Mannes! Als Eric die Hand nach ihm ausstreckte, bekamen die mächtigen Kiefer die Hand zu packen, dann war der Geschmack von Metallauf Lionhearts Zunge. Er roch Blut. Kein Schrei, nur die leise Stimme und heftige Atemzüge.
»Ich schätze, es kann nicht mehr viel schlimmer kommen, außer, du willst mir sämtliche Knochen brechen und mich umbringen.«
In dieser Nacht hatte Eric Lionheart zum ersten Mal geritten, und der Hengst erinnerte sich an heiße, helle Tage, als sich seine Hufe in den glänzend-glatten Turf gegraben hatten. Sein Blut brannte, und das wiederentzündete Feuer warf ihn voran, der Weite entgegen, hinein in den geliebten Rausch, für den er geboren war. Sein Galopp wurde wieder geschmeidiger, seine Sprünge weiter. Für diese Nacht, diesen Ritt hätte Eric weit mehr gegeben als ein Stückchen Fleisch. Es machte ihm nichts aus, daß das Blut unaufhörlich aus seiner Fingerkuppe rann. Seine Augen brannten, ob vom Gegenwind oder von Tränen wußte er nicht, und es kümmerte ihn auch nicht: Lionheart rannte – mit einem Gewicht auf dem Rücken.
Es gab danach viele Nächte im Galopp auf der verwaisten Rennbahn, dann auch Runden bei Tag, zuerst allein, dann mit anderen Pferden, und schließlich bekam er einen anderen Reiter. Lionheart mochte diesen Jockey von Anfang an nicht, aber er wehrte sich nicht. Eric wünschte, daß er diesen Reiter trug, und sein Vertrauen in Eric war ohne Grenzen. Heute nun hatte der Hengst den letzten Schritt getan, und Erics Auftrag war erfüllt. Mit seinem überraschenden Sieg hatte Lionheart an seine Erfolge vor dem Unfall angeknüpft. Er hatte sein Löwenherz zurückgewonnen. Und er hatte Eric verloren.
Als Eric ihn durch einen leisen Zuruf und ein Zurücknehmen des Gewichtes verlangsamte und schließlich anhielt, spürte Lionheart auf einmal, daß etwas anders war als sonst. Und als Eric von seinem Rücken glitt und die Hand unter seine Mähne schob, drängte er sich gegen ihn und versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen, indem er den Hals vorstreckte und ihn heftig gegen Erics Brust drückte. Da waren die Hände auf seinem Gesicht, die weiche Stimme, aber sie beruhigten ihn nicht.
»Okay, Junge.« Die Stimme klang gepreßt, wie er sie nie zuvor gehört hatte. »Du weißt es natürlich schon ... irgendwie, nicht wahr? Du bist jetzt stark genug, es ohne Hilfe zu schaffen. Du bist durch das Fegefeuer gegangen und hast es überwunden.«
Lionheart drehte Eric beide Ohren zu, so daß sie ganz schräg geneigt waren, und schnoberte gegen Erics Gesicht. »Also wirklich, Lion, du mußt mir schon zuhören, weißt du ... ach nicht! Nicht am Ohr kitzeln!« Er zerraufte Lionhearts lange Stirnlocke und sagte dunkel, damit der Hengst seine Spielerei ließ: »Du hast es geschafft, und du bist an dieser Herausforderung gewachsen. Nichts, niemand kann dir im Weg stehen.« Eric bemerkte nicht die Gestalt hinter ihnen, er hatte Williams völlig vergessen.
Er brachte Lionheart zu seiner geräumigen Box und führte ihn hinein. Seine Hände strichen über das seidige Fell, das er auf einmal nicht mehr sehen konnte. Es war nur ein kastanienfarbener Schimmer.
»Du bist ganz trocken«, murmelte er rauh, »hast dich nicht mal angestrengt bei unseren Runden.« Er preßte sein Gesicht gegen den Pferdeleib. Der Hengst wandte den Kopf und drückte sein Maul zwischen seine Schulterblätter.
»Ist gut, Junge. Ich werd' dich nicht belügen. Du wirst Rennen laufen und großartige Fohlen zeugen. Du wirst das tun, was dir schon immer bestimmt war, und mit noch größerem Mut. Vergiß nicht, was ich dir über das Fegefeuer gesagt habe. Du gehörst zu denen, die verstehen können. Vergiß nicht, die durch das Fegefeuer gehen, sind unbesiegbar. Nichts kann sie ängstigen, nichts kann sie aufhalten.«
Er nahm den zutraulichen Pferdekopf zwischen seine Handflächen und preßte einen Kuß zwischen die empfindsamen Nüstern. »Leb wohl, mein Freund«, murmelte er und bemühte sich, seine Stimme nicht anders klingen zu lassen als bei jedem Abschied. Er verriegelte die Box und schloß die Stalltür. Mr. Williams war zu ihm getreten, und nach einer Weile, in der sie schweigend durch den Dunst gegangen waren, sagte er leise: »Er wird Sie fürchterlich vermissen.«
»Nein, Sir, sicher nicht. Pferde wissen nichts von Abschied«, erwiderte Eric und starrte in die Nacht.
Ein dunkler Ruf drang zu ihnen. Eric drehte sich zum Stall um. Der bronzene Ruf erklang von neuem.
Eric folgte unbeirrbar einer Maxime: »Tu, wovor du dich am meisten fürchtest. Wende die Energie der Angst ins Positive, und du wirst daran wachsen.«
Damit hatte Eric Lionheart wieder zum Champion gemacht und vor ihm viele andere Pferde geheilt.
Er war zuversichtlich, mit dieser Maxime auch Sir Lancelot wieder auf den ihm bestimmten Weg führen zu können: »Ich bin ja da, mein Sohn.« Die Hufe sanken tief in den schweren, feuchten Boden. Gute Arbeit, dachte Eric, Peter bekam das Wässern der Reitbahn immer besser in den Griff. Es war wichtig, daß der Boden gut durchfeuchtet war; das wirkte besänftigend auf das Temperament eines nervösen Pferdes.
Das Pferd zeigte seine Unruhe, als sie sich der gefürchteten Stelle näherten.
»In die Ecke, mein Sohn, ja gut so ...« Ein leichter Schenkeldruck, ein weiches Aufnehmen der Zügel, und der goldbraune Hengst schnaubte und streckte den Hals. Doch er versuchte nicht, aus dem Zügel zu kommen; er blieb konzentriert, war jetzt aber gelöster, nachdem er die gefürchtete Ecke mit Hilfe der sanften Stimme überwunden hatte; und mit dieser sicher durchlaufenen Ecke war seine Angst vor allen anderen Dingen, die ihm bedrohlich erschienen, ein wenig mehr geschwunden. Er fühlte die anerkennende Hand seines Reiters auf dem Nacken, und der Trab wurde leichter, raumgreifender. »Siehst du, jetzt wird's.« Er verstand die Worte nicht, aber er hörte den sanften Klang, die Aufrichtigkeit – das war keiner, der ihn beschwatzte. Der Mann, der auf ihm saß, der ihm Arbeit abverlangte, der Mann, der ihn dazu veranlaßte, Dinge zu tun, vor denen er sich fürchtete – dieser Mann war derselbe, der ihm Hafer und Heu brachte, der seine Box sauberhielt und abends leichtes, frisches Stroh darin aufschüttete. Dieser Mann sprach zu ihm mit einer warmen, freundlichen Stimme und streichelte ihn. Und manchmal lehnte sich der Mann auch gegen ihn, ganz zutraulich, wissend, daß er seine Kraft niemals gegen ihn einsetzen würde.
»Ecken machen gar nichts. Sie sind eben da. – So – ja, schön. Und ganz hinein. Schön.« Die Stimme beflügelte die Schritte des Hengstes, die goldfarbenen Beine hoben und streckten sich beinah unbeschwert, der Rhythmus des Trabes wurde weicher, aber nicht schneller. Und wieder war da die geliebte Hand, die Liebkosung auf seinem Nacken.
Ein Jahrhundertpferd für den Dressursport – so hatte die Fachpresse Sir Lancelot noch vor wenigen Monaten genannt.
Während eines Turniers, gerade als er aus leicht anmutender Piaffe in das schmale Eck der Dressurbahn einbog, war ein Rottweiler unvermutet auf ihn zugeschnellt und hatte beim Anprall einen Schmerz in seinen Schultermuskel gerissen, so daß Sir Lancelot seine Reiterin aus dem Sattel warf. Fetzen von Erinnerungsbildern waberten noch immer in ihm, Laute und Gerüche: das Schreien, der Geruch von Blut.
Es gab kein Entkommen für ihn aus diesem Viereck, das die Menschen ersonnen hatten, er ertrank in diesem Meer von Gesichtern, wurde überflutet von Rufen und Schreien, von hektischen Bewegungen um ihn. Der Instinkt des Hengstes hatte ihm trotz seiner Angst befohlen, seine Reiterin zu verteidigen. Er hatte sich über ihr aufgebäumt, um den Hund anzugreifen. Doch im Niederkommen vermochten seine Augen Hund und Mensch nicht mehr zu unterscheiden.
Darauf gab es das übliche Geschrei in der Presse – »Pferd tötet Reiterin!« – und Sir Lancelot wurde als bösartig abgestempelt: Zum Teufel mit seinem hervorragenden Stammbaum, zum Teufel mit seinen hervorragenden Leistungen. Vergessen der Glanz, vergessen das Staunen der Fachkundigen über das Vermögen des gerade Neunjährigen. Sir Lancelots Schicksal schien besiegelt – Notschlachtung aus triftigem Grund, nur mehr verwertbar als Hundefutter.
Simon Turner, Sir Simon, Lord of the Mount of Kingsley, zufälliger Zeuge des unheilvollen Auftritts, erwarb das Pferd zum Spottpreis und brachte es zu Eric. Simon Turner hatte eine Nase für schwierige, aber hochgezüchtete und wertvolle Pferde, die er günstig erwerben konnte, und er hatte in Eric den Spezialisten, der seit seiner Kinderzeit seine unvergleichliche Einfühlungsgabe und ebenso seine Reitkunst kultiviert und ausgearbeitet hatte und aus »Ausschuß« wieder Hochleistungspferde machen konnte. Eric beherrschte jede Disziplin. Er hatte den Dressursport in den Fingerspitzen, er warf sein Herz über jedes Hindernis, das ein verängstigtes Pferd nicht springen wollte, er war ein wagemutiger Militaryreiter und ein hervorragender Polospieler. Sein Leben war den Sportpferden gewidmet. Der einstige Waisenjunge, der sich von klein auf unwiderstehlich von Pferden angezogen fühlte und alles, was mit dem Pferdesport zusammenhängt, gelernt hatte, war einen weiten Weg gekommen. Jetzt war er M.R.C.V.S., ein qualifizierter Tierarzt, auf traumatisierte Pferde spezialisiert.
»Und noch einmal die Ecke, ja, so, schön unverkrampft, streck nur deinen schönen Hals, hier hast du den Zügel – schön machst du das, schön.« – Er sprach leise. Der Hengst blies in den Sand der Reitbahn, seine Tritte blieben weich, sein Hals streckte sich in der Entspannung – schwarze Schatten flüchteten in diesen Augenblicken aus seiner Erinnerung.
»Wunderbar, so ist es gut, nicht wahr, gut? Gut, auch für dich?«
Der goldfarbene Hengst zog das Kinn näher an die Brust, sein Nacken wölbte sich, seine Beine traten sicher und geschmeidig unter seinen gesammelten Leib, ganz wie einst, als ein anderes warmes, verstehendes Wesen auf ihm gesessen und zu ihm gesprochen hatte. Er wußte, alles war wieder richtig. Alles war richtig, denn er war im Einklang mit seinem Reiter.
Und dann kam da etwas Schattenhaftes heran – er war nicht ängstlich, aber aufmerksam, etwas in ihm lauschte dem Geräusch entgegen. Doch dann – ein plötzliches Kreischen über dem Kies der Auffahrt, ein quakendes Geräusch. »Nur die Hupe, mein Freund«, murmelte die sanfte Stimme über ihm, und die ruhige Hand suchte seine plötzliche Furcht wegzustreicheln, und beinah schon war er wieder beruhigt, doch da schallte eine laute Stimme aus dem heruntergelassenen Fenster des Wagens zu ihm herüber, er legte die Ohren an, sein Körper wurde flach, und er schoß voran in Panik.
Da war kein Ruck am Kopf, kein Reißen im Maul, um ihn aufzuhalten, wie er es kürzlich kennengelernt hatte, als schlechtriechende Männer ihn endlos auf Viehtransporter hinauf- und wieder hinabgezwungen hatten. Da war nur die sanfte Stimme, die zu ihm sprach. Er begann, wieder auf sie zu hören. Und als er auf sie hörte, fühlte er leise Gewichtsverlagerungen, die ihn zu einer bestimmten Richtung überredeten, fühlte Hände auf seinem gewölbten Hals, die die Zügel nicht führten, nur über sein Fell fuhren und ihn zur Ruhe brachten.
Schweißnaß kam er in der Mitte der Reitbahn zum Stehen und kaute heftig auf dem Gebiß der Trense. Schaum zeigte sich unterhalb der Zügel, am Sattelgurt. Sir Lancelot zitterte.
Erics Gesicht war hochrot, seine kurzen schwarzen Haare sträubten sich angriffslustig, er ballte die in Handschuhen aus weichem Leder steckenden Hände und drückte die Zügel zusammen: Was zum Teufel war denn in Turner gefahren, daß er in einem solchen Tempo auf einen Pferdehof donnerte und brüllte – und noch dazu Unverständliches –, wenn einer mit einem Pferd draußen arbeitete.
Eric nahm die Zügel auf, nur für alle Fälle, stützte nachlässig die Faust auf den Sattel und neigte sein Gewicht leicht nach vorn, sah den Ankömmlingen entgegen, die jetzt aus dem Wagen stiegen und auf ihn zukamen: Turners hohe, magere, aufrechte Gestalt – typischer Militär – und ein schlankes Bürschchen in Reithosen, glänzend gewienerten, hohen Reitstiefeln und einem dicken blauen Pullover, unter dessen V-Ausschnitt ein hellblaues Hemd hervorsah. Die Stiefel sahen nicht aus, als hätten sie schon viel Kontakt mit dem beißenden Schweiß eines hart arbeitenden Pferdes gehabt.
Er machte sich nicht die Mühe, ihnen entgegenzureiten. Bißchen Schmutz würde diesen schicken Stiefeln nicht schaden. Flüchtig glitt sein Blick über seine eigenen Stiefel, mit den hell gescheuerten Innenflächen, dem müden Schimmer, den altes und vielgebrauchtes Leder hat. Diese Stiefel waren zehn Jahre alt. Er trug sie, seit seine Füße nicht mehr gewachsen waren, und das bedeutete seit seinem 16. Lebensjahr.
Das Pferd unter ihm rührte sich, und er ließ den Blick über dessen erhobenen Kopf schweifen, zwischen den aufmerksam gespitzten Ohren hindurch – zum ersten Mal an diesem Tag hatte er Muße, seine Umgebung zu betrachten, ohne daß seine Gedanken um etwas anderes kreisten als um das, was er tat. Allein heute hatte er sechs von Turners Pferden durchgearbeitet, die Schwierigkeiten psychischer Art hatten; es war ein zufriedenstellender Tag gewesen, und ein anstrengender; denn auf jedes Pferd galt es sich neu einzustellen und es entsprechend zu behandeln. Lance hatte er sich als letzten gelassen. Lance war der Schwierigste von allen; aber er war auch ein Künstler, ein geborener Tänzer; es war die reine Freude, ihn zu reiten.
Er sah, daß die Sonne sich neigte und ein leichter Dunst aus dem Boden zu steigen begann. Malvenfarben hing die kaum merkbare Feuchtigkeit da in der Ferne, zu den Hügeln hin, über niederen Büschen und hohem satten Gras, und ein leichter Windhauch spielte mit den höchsten Spitzen der Gräser und zupfte an den kleinsten Blättern der Büsche. Eric fühlte den Wind und merkte in diesem Augenblick, wie verschwitzt und heiß sein Körper war. Die Dusche heute abend würde eine Wohltat sein.
Die Ankömmlinge waren herangekommen, ein bißchen außer Atem vom Stapfen über den schweren Boden.
»Macht sich gut, hab ich von weitem schon gesehen«, sagte Turner, nahm seine flache Kappe mit dem langen Schirm ab und wischte sich diskret die Stirn am Ärmel seiner leichten Tweedjacke. »Irgendwelche Schwierigkeiten gehabt mit ihm heut'?«
Eric blies die Luft aus, es klang wie das leise Schnaufen eines Pferdes, das sich langweilt.
»Nicht, bis Sie angedonnert sind«, sagte er grimmig. Turner war ein ehemaliger Militaryreiter. Mindestens zwei Dutzend Sportpokale hatte er gewonnen, die er bescheiden hinter der Bar in seinem Herrenzimmer versteckte, so daß man sie erst zu sehen kriegte, wenn einem ein Gläschen angeboten wurde. Turner hatte einen Adelstitel und ein gewaltiges Vermögen geerbt und sein Herz und seine schier unbeschränkten Mittel dem Pferdesport verschrieben. Und dieser Turner brauste nun auf seinen Hof und benahm sich wie einer, der von Pferden nicht die leiseste Ahnung hat.
Turner räusperte sich. Offenbar war er hin und her gerissen zwischen dem Ärger über die unverhohlene Kritik seines Angestellten und tiefer Zerknirschtheit. Erics Blick verharrte auf den fliederfarbenen Feuchtigkeitsschatten hinter den nahen Hügeln, und seine Hand strich leicht über den Nacken des Pferdes.
Turner und Eric kannten einander seit Erics frühen Schultagen; damals hatte er angefangen, mit Turners Pferden zu arbeiten. Diese Arbeit hatte ihm sein Studium finanziert, und etliche von Turners hochgespannten Vollblütern hatte er zu sanfteren Zeitgenossen gemacht. Sie schuldeten einander nichts.
»Verdammt!« stieß Turner plötzlich hervor, »tut mir leid, ich war so ... na ja, sozusagen, ich war ein bißchen aufgeregt.«
Sein Begleiter sagte: »Vielleicht sollten Sie uns vorstellen, Sir Simon. Dann würden wir vielleicht eher zu der Angelegenheit kommen, um die es geht.«
Eric war erstaunt. Das war die weiche, warme und doch bestimmte Stimme einer Frau! Was er für einen jungen Mann gehalten hatte, entpuppte sich als eine Frau mittleren Alters, die ihr Haar unter ihrer Sportkappe verbarg und die Linien auf der Stirn, um Mund und Augen hatte. Das Knabenhafte ihrer Figur hatte ihn getäuscht.
Sofort saß er ab, zog seine Handschuhe aus und streckte ihr die Rechte entgegen: »Verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit, Madam, ich hielt Sie ... nun, hm, mein Name ist Eric. Eric Gustavson.«
»Gustavson«, murmelte sie, ergriff seine Hand, drückte sie leicht und lächelte ihn an. Ihm fiel auf, wie schön ihre Augen in dem feinen, dichten Netz der Krähenfüße waren, »ich bin Emily Fargus.«
Eric unterdrückte einen Pfiff: Fargus! Die Familie Fargus war bekannt für ihre Pferdezucht.
»Gustavson«, sagte Emily Fargus. »Das ist wohl ein schwedischer Name?«
»Meine Familie stammt aus Norwegen, Madam.« So hatte man es ihm erzählt. Er hatte seine Eltern nie kennengelernt.
»Norwegen? Ist es schön da?«
Eric errötete. »Ich weiß nicht, Madam. Ich war nie dort. Ich bin hier geboren.«
»So? Da haben wir ja eine Gemeinsamkeit, da wir beide es nicht kennen. Norwegen bedeutet für mich Mitternachtssonne, die Wikinger und kühles Wetter – und Ibsen. Kennen Sie Ibsen?«
»Ja, Madam, ein wenig. ›Nora‹ habe ich gelesen.«
»Und?«
»Ich – ich fand es beklemmend, Madam. Ich legte es weg, und dann nahm ich es noch einmal vor. Und ich ...« Er wurde verlegen, wandte sich dem Hengst zu und verkürzte den Steigbügel, den er nachher nur wieder in das Loch stecken würde, das zu seinen langen Beinen paßte. Er wollte jetzt nicht über Bücher sprechen. Und schon gar nicht über die Bücher, die er las, wenn er beschlossen hatte, daß die Arbeit für den Tag nun erledigt war, und er eines dieser altmodischen Bücher vorkramte. Das ging niemanden etwas an.
Lance war verkrampft, wie immer, wenn Fremde in der Nähe waren, und stärker noch als Eric spürte das Pferd, daß diese beiden eine Spannung mitgebracht hatten. Als er den Steigbügelriemen regulierte, sah Eric, daß der Hengst in seiner Haut kleiner zu werden schien – genau wie ein Pferd, das im nächsten Augenblick gezielt, mit der Absicht zu verletzen, ausschlagen wird.
»Zum Teufel!« polterte Turner plötzlich los, so ganz gegen seine sonstige Art, »was stehen wir hier rum und reden über Bücher! Es geht doch um was ganz anderes!«
Die laute Stimme war zuviel für Sir Lancelot: Ausschlagen konnte er nicht, denn Eric, den er auf keinen Fall verletzen wollte, war zu nahe. Doch er stieg hoch mit einem wilden Schnauben, starren Augen und weiten, blutroten Nüstern, und im Aufbäumen warf er sich herum, um zu fliehen. Der Schrecken ergriff wieder von ihm Besitz. Menschengesichter, wahrgenommen als helle Flecken, laute Stimmen, drängende Stimmen – er war wieder auf dem Turnierplatz inmitten der aufgebrachten Menge.
Eric hielt den Zügel in der Hand und reagierte beinahe noch schneller als das Pferd. Als es stieg, hielt er den Zügel fest, der ihm die Rechte zerschnitt, und als die Vorderhufe sich nach dem Aufbäumen tief in den schweren Boden gruben, zog er sich blitzschnell in den Sattel, beruhigte das Tier mit seiner Stimme und seinen Händen und brachte es endlich, schweißgebadet, vor Turner und Mrs. Fargus zum Stehen. Eine Pferdelänge waren sie voneinander entfernt, und näher würde er Lance nicht an sie heranbringen können. Lance würde noch sehr viel Zeit brauchen, bevor er sich lärmenden Fremden auch nur auf Armlänge nähern konnte. Eric schüttelte seine aufgerissene Hand und richtete dann, ohne hinzusehen, den Bügelriemen. Wütend starrte er auf den Boden. Turner hatte mit seiner Ungeduld, irgendeine wichtige Nachricht vorzubringen, tief in sein eigenes Fleisch geschnitten. Schließlich lag es in seinem Interesse, den Hengst bald wieder obenauf zu haben, so daß jeder ihn reiten konnte.
Womöglich hatte Turner die Rekonvaleszenz des Pferdes um Wochen zurückgeworfen. In Eric kochte die Wut. Ein paar Tage noch – dann hätte er behutsam begonnen, den Hengst, der seine Verkrampfung zunehmend verlor, Geräuschen auszusetzen, ab und an nur ein lauter, zweifellos störender Ton, doch das Vertrauen des Pferdes zu ihm war gewachsen, er hätte seine Unruhe beschwichtigen können – und schließlich hätte er ihn behutsam dahin gebracht, alles Neue mit Interesse, nicht mit Angst, zu betrachten – hätte ihn letztlich dazu gebracht, sein Trauma zu überwinden und eine Menschenmenge nur mehr als ein Meer von bedeutungslosen Gesichtern anzusehen, und die Vielstimmigkeit dieser Menge nicht mehr zu beachten als das an- und abschwellende Wispern eines Baches.
Da sagte Turner: »Komm näher, Eric, wir wollen was mit dir bereden.«
Eric schüttelte erneut seine aufgerissene Hand. »Geht nicht.«
»Wieso nicht??!«
»Bin froh, daß ich Lance so weit gebracht habe ... nachdem Sie –« Er machte eine vielsagende Pause und lutschte an seiner Hand.
Turner sagte ohne Atem: »Nachdem ich was?«
»Nachdem Sie ihn so verstört haben. Ich hab's Ihnen erklärt. Ich hab Ihnen mehr als einmal gesagt, wo Lances Schwierigkeiten liegen.«
Sir Simon schnaufte. »Dann steig gefälligst ab und komm zu uns.«
»Nein. Nein – Sir.«
»Verflucht, warum nicht?!«
»Ich kann das Pferd jetzt nicht allein lassen. Sie haben es völlig verängstigt.«
»Aber du mußt mit uns kommen! Es ist wichtig!«
»Ich muß mich um Sir Lancelot kümmern. Das ist Ihr Auftrag. Dafür bezahlen Sie mich.«
Turner schnaufte wütend, sagte etwas zu Emily Fargus – Eric konnte nur verstehen »manchmal verflucht eigensinnig« – und kam dann auf ihn zugestapft. Lance warf den Kopf hoch und trat einen halben Schritt zurück, und Eric nahm die Zügel etwas kürzer und verstärkte seinen Schenkeldruck, um das Rückwärtstreten zu forcieren. »Bleiben Sie lieber stehen«, sagte er und tat, als versuche er, den Hengst anzuhalten, »Sie bringen ihn bloß wieder in Panik.«
Turner blieb wie angenagelt stehen. »Verflucht, dann steig gefälligst ab.«
»Wär verdammt unklug. Ihnen muß ich doch nicht sagen, was Inkonsequenz bei der Ausbildung eines Pferdes anrichtet, sogar schon bei einem normalen Pferd! Wenn ich ihn heute abend nicht durcharbeite wie geplant, kann ich womöglich von vorne anfangen. Das wissen Sie.«
»Steig ab, verflucht! Mrs. Fargus und ich haben was mit dir zu besprechen! Steig ab, sag ich.«
Eric lehnte sich unmerklich zurück. Lance schnellte auf die Hinterbeine, seine Vorderhufe schlugen wirbelnd durch die Luft. Turner wich ein paar Schritte zurück.
»Hören Sie auf, so zu schreien, um Gottes Willen! Sie machen mir ja das Pferd völlig verrückt! – Ruhig, ruhig, Lance, nur ruhig.« Er fuhr durch die helle Mähne, beugte sich über den aufgewölbten Hals und flüsterte in die ihm zuzuckenden Ohren: »Nur ein Spiel, Lance, keine Angst. Wir werden ihm schon Manieren beibringen.«
Leise, allerdings nicht weniger wütend, sagte Turner: »Komm da jetzt runter, steig in den Wagen und fahr mit uns mit. Da ist was verflucht Wichtiges!«
Eric ließ Lance tänzeln. Die schmalen Hufe rissen die Erde auf, und die schweren feuchten Sandkörner sprühten in alle Richtungen. »Kann nicht«, keuchte er. »Sie sehen ja, wie unruhig er ist. Wenn er heute abend seine Lektion nicht kriegt, muß ich wirklich wieder bei Null anfangen. Überlegen Sie doch bloß, Sir Simon, dann wären all die Wochen umsonst – und all das Geld, das Sie mir bezahlt haben, um Lance wieder in Ordnung zu bringen.«
Emily Fargus war Turner gefolgt und stand jetzt neben ihm. Ihre tiefblauen, lebhaften Augen ruhten aufmerksam auf dem goldenen Hengst. Sie sagte: »Der junge Mann hat recht. Wir sollten die Lektion heute abend nicht abbrechen. Was wir mit Eric – mit Mr. Gustavson – zu besprechen haben, hat auch bis morgen Zeit.«
»Aber wo sie doch gerade zurückgekommen ist – ich dachte, Eric sollte sie so bald wie möglich –«
»Sir Simon«, Emily Fargus sah ihm direkt in die Augen, »Sir Simon, ich denke, dieser junge Mann hier hat recht. Er muß mit dem Hengst heute abend arbeiten, besonders, nachdem diese Störung eingetreten ist, durch uns.« Sie hob den Kopf, blickte zu Eric auf: »Wenn wir nur am Zaun stehen, denken Sie, daß Sie dann mit ihm arbeiten können?«
»Ich denke schon, Madam.«
»Gut. Dann wollen wir uns zurückziehen und Ihnen zuschauen. Es interessiert mich, wie Sie mit ... nun ja, gestörten Pferden arbeiten.«
Eric haßte Prüfungen, er hatte Erfahrung damit: »Und die Dosis für ein Schwein? Für ein Schaf? Für ein Rind? Und für eine Katze?« – »Sagen Sie mir doch einmal, was Sie tun würden, wenn ein Rind nach wilden Zuckungen still und starr, aber noch lebend auf der Weide liegt. Welche Diagnose würden Sie stellen, und wie würden Sie das Tier behandeln?«
Eric schüttelte die Erinnerungen ab. Die Ängste, die er vor und während einer Prüfung ausgestanden hatte, hatten aber auch ihr Gutes gehabt: sie hatten seine Sensibilität für die Ängste anderer erhöht – nur was man selbst erfahren und erlebt hat, kann man in anderen vollständig nachvollziehen, und diese Fähigkeit ist besonders hilfreich, wenn sich die anderen nicht durch Worte ausdrücken können, sondern nur durch ihr Verhalten, wie die Tiere.
Er beobachtete, wie Emily Fargus und Sir Simon Seite an Seite über den schweren Sand gingen, schließlich den Bohlenzaun erreichten, der die Reitbahn umgrenzte, und die Unterarme auf die oberste Stange stützten. Er lehnte sich leicht im Sattel vor. »Das war haarig, aber wir machen das schon. Die beiden werden eine hübsche Vorstellung kriegen. Vergiß sie ganz einfach. Ich bin ja da.« Ein leichter Schenkeldruck, und der Hengst setzte sich in Bewegung. Zuerst ritt Eric ihn in einem kleinen Kreis, in sicherer Entfernung von den Zuschauern, aber allmählich weitete er den Durchmesser des Kreises aus, sprach auf den Hengst ein und beruhigte ihn, bis er die Gestalten jenseits der Reitbahn kaum mehr beachtete, und dann ließ er ihn zunächst, versuchshalber, eine Volte traben, die gut gelang, wechselte darauf von Mitteltrab in gestreckten Trab, und das Pferd war geschmeidig und konzentriert unter ihm. Er nahm die Zügel auf und legte die Schenkel fester an das Pferd, und aus leicht scheinendem fließenden Trab vollzog sich mühelos die Wandlung zu den kurzen, hohen, anmutigen Bewegungen einer Piaffe, in der das Pferd unter sich tritt, gesammelt, ganz auf den Wunsch des Reiters eingestellt.
»Schön.« Eric brauchte nicht nach den beiden Gestalten da am Zaun zu blicken, um ihrer Anerkennung, ja ihrer Bewunderung sicher zu sein. »Und jetzt werden wir noch ein kleines Extra dazugeben«, murmelte er, lenkte Lance in die Mitte der Reitbahn, verlagerte sein Gewicht, es schien, als spiele er mit den Zügeln, und der Hengst hob sich scheinbar schwerelos in eine vollendete Levade und verharrte in dieser gesammelten Position sekundenlang unter seinem Reiter, bis dieser die Zügel freigab, gleichzeitig die Schenkel fester nahm – und aus der graziösen Levade wurde eine kriegerisch anmutende Kapriole.
Eric hörte ein leises Luftschnappen vom Zaun her. Die Kapriole gilt als die schwierigste Übung der Hohen Schule. Formvollendet springen sie nur speziell für den Dressursport gezüchtete Pferde, die über lange Jahre sorgfältig geschult worden sind. Etwa im zwanzigsten Lebensjahr ist ein Lipizzaner, der Inbegriff der Hohen Schule, in der Lage, diese Übung zu vollbringen. Sir Lancelot war erst neun Jahre alt, er war ein hochgezüchtetes Englisches Vollblut, und er stellte alle anderen in den Schatten. Er war ein Naturtalent, wie es vielleicht einmal in hundert Jahren geboren wird.
»Wunderbar, mein Sohn, wunderbar hast du das gemacht – wunderbar, und das vor Fremden! Vielleicht gar nicht schlecht, daß sie da sind, da gewöhnst du dich gleich wieder ein bißchen an Zuschauer – na, haben dir diese beiden da drüben was getan? – Haben sie nicht. Du hattest keine Angst vor ihnen, mußtest du ja auch wirklich nicht. Und so wie die da – so sind eigentlich alle, die zusehen. Das wirst du lernen – wieder lernen –, wenn du vor großem Publikum arbeitest.«
Der Hengst schnaubte. Sein Fell war jetzt trocken. In der Konzentration auf die Arbeit hatte er seine Angst vergessen. Er war entspannt: sein Reiter war zufrieden mit ihm; er wußte, er hatte seine Sache gut gemacht. »Jetzt«, sagte die Stimme über ihm, »jetzt noch ein kleiner Galopp, um dich zu lockern, dann Trockenreiten – und Box. Also los!« Die Stimme war auffordernd, die Zügel wurden nachgegeben – er nahm das Gebiß fester, legte sich in den Zügel mit seinem sich streckenden Hals, fiel auf den auffordernden Schenkeldruck seines Reiters in einen zunächst zögernden, dann mehr und mehr raumgreifenden Galopp entlang der weiten Reitbahn. Eric klopfte anerkennend seinen Hals. »Wunderbar, wunderbar. Wollen wir jetzt langsam Feierabend machen? Feierabend.«
Der Hengst fiel auf das vertraute Wort hin in leichten Trab und kam dann durch einen leichten Zug am Zügel zum Stehen. »Schön. Sehr fein. Und nun noch ein paar Runden im Schritt.«
Zuerst waren die Tritte schnell, kurz, bereit, doch dann, als keine andere Reaktion erfolgte als das weiche Nachgeben der Zügel, als keine Schenkeleinwirkung mehr ihn vorwärtstrieb, da senkte er den Kopf, kaute auf dem Gebiß, schnoberte in den Sand, zog lässig am Zügel, und sein Körper wurde lang und entspannt, die Schritte wurden nachlässig wie die eines weidenden Pferdes. Eric zog schließlich die Zügel an, und der Hengst stand unter ihm wie eine Salzsäule.
Aus der Entfernung konnte Eric gerade noch hören, was da drüben am Zaun gesprochen wurde.
»Wunderbar«, sagte Emily Fargus' weiche Stimme, an Turner gewandt. »Sie sagten doch, dieses Pferd sei völlig verstört gewesen, als Sie es gekauft haben. Und jetzt – jetzt! Es ist wieder ein perfektes Dressurpferd!«
»Solange Eric auf ihm sitzt. Er gewinnt schnell das Vertrauen verstörter Pferde, ich weiß nicht, wie er's macht, er scheint sie irgendwie zu verstehen und weiß dann, wie er sie behandeln muß. – Aber es kostet noch mal soviel Zeit, die er braucht, sie unter ihm reitbar zu machen, um sie dazu zu bringen, auch unter einem anderen gut zu gehen.«
»Es ist einen Versuch wert«, sagte Emily Fargus entschlossen. »Gott!« Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Augen wanderten verloren über den schweren Boden, hoben sich schließlich von den trockenen, schmalen Fesseln Sir Lancelots bis zu der glatten Stirn und dem dunklen Stoppelhaar seines Reiters. »Sie wissen es ja, Sir Simon – es geht mir nicht mal um Reitbarkeit. Aber so wie's jetzt ist – die Stute läßt sich nicht einmal mehr anfassen.«
»Ja, ja, ich weiß, ein Jammer – und dazu die beste aus Ihrer Zucht.«
»Immer war sie so zutraulich, aber seit sie zurück ist, hat sie vor allem Angst. Keiner kann sich ihr mehr nähern.«
»Eric könnte es, denke ich. Das sagte ich Ihnen ja schon am Anfang.«
»Ja, jetzt, wo ich ihn beobachtet habe – denke ich das auch. Aber ... aber wird er denn den ganzen Weg bis nach Schottland auf sich nehmen, bloß um meine Stute wenigstens anzusehen?«
»Das müssen Sie ihn selbst fragen, Madam. Aber ich denke, er wird es tun. Pferde liebt er über alles. Ich sagte ja schon, er kann manchmal furchtbar eigensinnig sein – aber immer nur aus gutem Grund.« Er schwieg einen Augenblick und zog sich den Schirm seiner Mütze tiefer in die Stirn. »So wie vorhin, um mir meinen Fehler vor Augen zu führen. Er hat ja auch ganz recht. Ich hätte mich nicht so aufführen dürfen.«
Emily Fargus überspielte sein Schuldbekenntnis mit einem Lächeln und sagte: »Ich mag diesen jungen Mann. Er gefällt mir. Ich glaube, der gibt nicht so leicht auf.«
»Aufgeben?! – Da könnten Sie genausogut versuchen, den Teufel zu taufen! Eric – Eric, der gibt nicht auf! Wenn der sich mal festgebissen hat, arbeitet er immer weiter. Noch jedes Pferd, und sei es noch so verstört, hat er wieder hingekriegt.«
»Ja, dann ... wir sollten ihm den Fall morgen vortragen.«
Es gab noch mehr Gemurmel, so leise jetzt, daß Eric es nicht verstehen konnte. Dann sah er, wie die beiden sich abwandten, flüchtig winkte Turner mit eingezogenem Kopf, wahrscheinlich beutelte ihn die Beschämung jetzt erst richtig. Aber Emily Fargus blieb nach ein paar Schritten stehen, drehte sich um und beschattete mit einer Hand die Augen, und hob die andere mit einer vagen, anrührenden Geste, die Verzagtheit verriet und doch nicht ganz hoffnungslos wirkte. »Auf Wiedersehen, also morgen, E.., Mr. Gustavson.«
Am liebsten hätte er ihr gesagt, sie könne ihn ruhig bei seinem Vornamen anreden, aber irgendwie war die Situation nicht danach.
»Ja, Madam.«
Er sah ihnen nach, sie kletterten in den Kombi, der Motor brummte, und bald war der Wagen fort.
In einem scharf geschnittenen Halbrund stand der Mond am Himmel. Er sandte sein Licht durch die Fenster des Hausflurs aus buntem Glas, als Eric endlich die Tür zu seiner Wohnung aufschloß. Die hölzernen Dielen, die unter jeder kleinen Belastung zu ächzen pflegten, wisperten nur schwach unter seinem leichten Schritt – schon vor vielen Jahren hatte er sich diesen geschmeidigen Gang angewöhnt, der Pferde wegen, mit denen er arbeitete.
Eric ging in die geräumige Küche. Ohne Licht zu machen, tastete seine Hand nach der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug, die auf dem großen Kiefernholztisch an ihrer gewohnten Stelle lagen. Er nestelte eine Zigarette hervor und zündete sie an. Tief zog er den Rauch ein, verfolgte dessen Weg im Geiste bis in die unterste Region seiner Lungen, und hatte gar kein schlechtes Gewissen dabei. Mitunter war eine Zigarette eben notwendig.
Wie heute. Müde wie er war, konnte er doch nicht abschalten. Er rauchte zu Ende und hielt, am offenen Küchenfenster stehend, stumm Zwiesprache mit dem Mond, dem Leitstern seit seiner Kinderzeit. Als die Glut den Filter der Zigarette erreichte, tat er die Kippe in den Aschenbecher, schloß das Fenster, streifte seine Kleidung ab, warf sie in den Weidenkorb in dem winzigen Zusatzraum, der ihm als Waschküche diente, und ging ins Bad. Die Schiebetür der Duschkabine schloß fest, sein Vormieter hatte ganze Arbeit geleistet. Das Wasser schoß über ihn, warm und entspannend, prickelte auf seiner Kopfhaut, spülte den Schaum weg, der Dreck und Schweiß gelöst hatte.
Die Unruhe aber, die konnte nichts wegspülen: Emily Fargus wollte, daß er sich um eine ihrer Stuten kümmerte. Er war aufgeregt wie vor einem ersten Rendezvous.
»Es macht Ihnen wirklich nichts aus, Mr. Gustavson? Es ist eine ziemlich weite Fahrt.«
Eine ganze Stunde lang hatten sie miteinander gesprochen, und Mrs. Fargus war noch immer nervös. Eric war ganz ruhig. Der Pferdeanhänger mit Lance war angekoppelt; seine Bedingung war erfüllt worden.
Ruhig sagte er: »Ich wollte Schottland schon immer mal kennenlernen, Madam.«
»Ja.« Sie glitt hinter das Lenkrad, steckte den Sicherheitsgurt ein und sagte: »Ja, das freut mich. Es ... es ist schön. Wunderschön. Ich hoffe, Sie werden es mögen.«
»Na ja«, meinte Turner vom Rücksitz aus, »allerhand Schafe und Hügel und so weiter.«
»Und die machairs – die fangen doch jetzt an zu blühen, Mrs. Fargus?«
»Die machairs – o ja! An einem frühen Morgen, oder auch mitten in einer Vollmondnacht –« Sie brach ab, als habe sie schon zuviel gesagt.
»Machairs«, verlangte Turner ungeduldig von hinten – er war immer ungeduldig, wenn er nicht tätig sein konnte –, »was, zum Teufel, ist machairs?!
»Das sind die Wiesen auf den Ausläufern der Felsen, die in den Atlantik ragen. Ein wahres Blumenmeer breitet sich da im Sommer aus. Sie werden es sehen«, erwiderte Emily Fargus leise. »Sie werden es sehen und kaum für wahr halten, so schön ist es.«
Voller Neugier nahm Eric die ihnen entgegensausende Landschaft auf. Jemand hatte ihm erzählt, Schottland sei so kahl und stumpf wie ein nasser Felsen – aber da waren in ihrem Blätterschmuck glänzende Bäume, üppig wuchernde Blumen, satte Wiesen, da waren lebhafte Bäche, sprudelnde Flüsse, überschäumende Wasserfälle. Eric verrenkte sich mitunter beinah den Hals, um den Eindruck eines Anblicks ein wenig länger in sich aufnehmen zu können. Es gab wenig Verkehr, und alles in allem war dies eine freundliche, stille Idylle. Und natürlich gab es neben zahlreichen Kaninchen tatsächlich eine Unmenge Schafe, und sie trugen zu dieser Idylle bei. Wie Wattebäusche sah man sie auf den schattigen grünen Weiden, wie nicht ernst zu nehmende Wächter versperrten sie manchmal die Straße.
Im Rahmen des Studiums hatte er viel über sie gelernt, aber dieses Wissen schlummerte in ihm, da er es nie brauchte. Pferde waren die Liebe seines Lebens, und was für ein unverschämtes Glück war es, daß die Arbeit mit ihnen ihm seinen Lebensunterhalt sicherte. Spezialisiert wie er auf Pferde war, auf ihre typischen Krankheiten und Anfälligkeiten, und auf ihre Psychosen und Neurosen, hoffte er, daß die Arbeit mit ihnen genügend Geld einbringen würde, um einmal seinen großen Traum zu ermöglichen – ein eigenes Gestüt zu haben, auf dem er epochemachende Vollblutpferde züchten würde. Er wollte Land, er wollte Siege, und vor allem wollte er eigene hochblütige Pferde, die er nicht hergeben mußte, wenn sie wieder zu dem geworden waren, was von ihnen erhofft werden durfte. Er wollte das, seit er ein kleiner Junge war. Als Kind hatte er darum gebetet. Früh war ihm klargeworden, daß es dazu mehr brauchte als Träume und Können und Gebete, mehr, viel mehr. Dazu brauchte es Kapital, das groß genug war, um in schwierigen Zeiten ein Polster zu bieten, und darum lebte er so spartanisch wie möglich und legte jeden Penny auf die Seite und schlug niemals einen Auftrag aus, selbst wenn es bedeutete, zwanzig Stunden täglich zu arbeiten.
Aber mehr noch als Ehrgeiz und Sparsamkeit brauchte es zur Erfüllung dieses Traums den geeigneten Boden, die geeigneten Pferde, um eine Zucht zu begründen – wie die, über die die Familie Fargus herrschte. Bald würde er diese Herde sehen und sich sein eigenes Bild davon machen können. Bei diesem Gedanken schlug sein Herz schneller.
»Wir sind bald da«, sagte Emily Fargus, und seine geschärften Sinne nahmen die leise Spannung in ihrer Stimme überdeutlich wahr. Augenblicklich setzte er sich auf. Von hinten kam ein leises Schnarchen. Turner war in der Sommerhitze eingenickt.
»Sehen Sie, Mr. Gustavson? Da vorn, hinter dem Waldgürtel, da liegen die Weiden unseres Anwesens.«
»Sunrise – ich habe mich schon oft gefragt, ob der Name Ihres Gestüts wohl mit Sham, dem Urvater des Englischen Vollblutes zu tun hat, aber ich habe es nie herausfinden können.«
»Gewiß.« Sie nickte eifrig. Heute trug sie ihr Haar offen. Es war eine weiche, wellige, beinah schulterlange Masse von der Farbe eines Rehfells im Sommer, durchzogen mit einigen Silberfäden. »Sie wissen, daß Sham das arabische Wort für Sonne ist? Vor vielen Jahren gelangte die Familie Fargus in den Besitz einer erbarmungswürdig aussehenden Stute. Sie war schon recht alt, es war eigentlich nichts mehr von ihr zu erwarten. Sie hatte einen Kohlewagen gezogen, war auf der abschüssigen Straße gestrauchelt und gestürzt, niemand konnte sie mehr auf die Beine bringen –«
»So ähnlich ging es auch mit Sham in seinen schlechtesten Zeiten, wenn ich mich recht der Geschichte entsinne.«
Sie hatten den Buchenwald erreicht, dunstig grün wurde das Licht unter dem dichten Laubwerk. Eric hatte das Fenster geöffnet, lauschte dem Gesang der Vögel und fühlte, daß auch Emily Fargus darauf lauschte. Er fürchtete, sie werde vergessen, was sie hatte sagen wollen, fürchtete, daß sie ganz und gar eingenommen würde von der Freude, nach Hause zu kommen.
»Also dieser Stute ging es ähnlich wie Sham in seinen schlechtesten Zeiten. Und dann?«
Seine Stimme war so fordernd, daß Emily Fargus antworten mußte: »Der Mann, von dem ich spreche, kaufte sie für eine Handvoll Pennies und brachte sie auf seinen Hof, damit sie in Frieden sterben könnte. Aber sie starb nicht. Sie erholte sich, und eines Nachts brach ein junger Vollbluthengst in ihre Weide ein und deckte sie, sie wurde tragend und brachte ein prachtvolles Fohlen zur Welt. Es wurde der Begründer der Fargus-Zucht.«
»Aber ...« Eric war tief verwirrt. Er brauchte einige Zeit, um seine Gedanken zu sortieren. »Aber – ich nehme an, Sie wollen sagen, diese Stute sei ein Nachkomme Shams gewesen – aber woher nahm Ihr ... Ihr Vor-Ur-oder-was-auch-immer-Ahn die Gewißheit, diese Stute sei edelsten Geblüts?!
»Sie hatte Papiere.« Emily Fargus schaltete, denn jetzt fiel die Straße steil ab. Sie hatten die Anhöhe des Buchenwaldes hinter sich und fuhren tief hinein in ein dunkles Tal.
»Papiere!«
»Ja. Als Hugh Fargus sie aus Mitleid erwarb, gab ihm der Besitzer einen Bogen gerollten Papiers mit dazu. Er sagte, er habe das Papier bekommen, wie alle Besitzer vor ihm, und es hatte ihm als Notizpapier gedient, er hatte Zahlen in Kohle darauf gekritzelt – er hat nicht gewußt, was für eine Kostbarkeit sich in seinem Besitz befand. Wahrscheinlich konnte er kaum lesen. Dieses Papier besagte, daß die Stute aus der Linie Man o' Wars stammte, und damit läßt sich ihr Blut bis auf den Begründer des britischen Vollblutes, bis auf den Godolphin Arabian, auf Sham, zurückführen.«
»Aber Shams Papiere, sein Stammbaum, ging verloren auf seiner Odyssee!«
»Shams Papiere, ja, die wohl. Darum durfte er seinerzeit nicht in New Market zum Rennen antreten, und wie Sie sicher auch wissen, wurde darum seinem Nachkommen Man o' War die Aufnahme in das British Stud Book verweigert. Seine Anhänger wünschten daher nichts sehnlicher, als daß Man o' War in New Market ein Rennen laufen würde; es hätte diesen Makel in ihren Augen erträglicher gemacht. Doch Man o' War wurde von seinem Besitzer aus dem Rennsport genommen, kurz bevor er sein viertes Lebensjahr erreichte; er lief nie in New Market –«
»Ich erinnere mich«, sagte Eric eifrig, »es war nach seinem einundzwanzigsten Rennen, in dem er Sir Barton, den großen Sprinter aus Kanada, um sieben Längen geschlagen hatte. Sein Besitzer wußte, daß Man o' War als Vierjähriger ein Handicap würde tragen müssen, höher als je ein Pferd vor ihm. In den Rennen vor dem gegen Sir Barton hatte er ja schon 130 Pfund tragen müssen, während die anderen Pferde höchstens 114 Pfund hatten. Und sein Besitzer fürchtete –« Erics Stimme versandete, plötzlich war die Erinnerung an Lionheart zu nah.
Emily Fargus vollendete leise seinen Satz, »daß Man o' Wars Beine sich unter dieser Last beugen und sein großes Kämpferherz darüber brechen könnte. – Und auch wir haben es immer so gehalten, Mr. Gustavson, stets steht das Wohl unserer Pferde, der Erben Man o' Wars, an erster Stelle.«
Eric dachte an das Gespräch am Morgen zurück. Er nickte und schwieg.
Dann war das Tor zu Sunrise da, und als Emily Fargus stoppte und Anstalten machte auszusteigen, schlüpfte Eric hinaus und öffnete das weite Tor. Die Beifahrertür wurde von innen aufgestoßen. »Kommen Sie, Mr. Gustavson, es ist noch ein gutes Stück bis zu den Ställen!«
»Ja, Madam.«
Die Auffahrt war gewunden und führte durch einen dichten Buchenwald. Hie und da stand eine Birke, deren dichtes Haupt sich mit ihren kleineren und helleren Blättern lebhaft von den Buchen abhob. Farne, dicht und üppig, säumten den Wegrand, und der Waldboden war übersät von diesen kleinen weißen und herrlich duftenden Blumen, deren Namen er immer wieder vergaß. Sie schienen den Wald mit Licht zu erfüllen.
»Ist das Meer weit weg?« fragte er, da ihn das anhaltende Schweigen plötzlich bedrückte.
»Nein, Mr. Gustavson. Ein Teil unseres Geländes reicht direkt an den Atlantik heran. Sie können auf unserem Land die machairs in Augenschein nehmen.«
»Was für eine lange Auffahrt! Aber der Wald ist sehr schön.«
»Es freut mich, daß er Ihnen gefällt, Mr. Gustavson.«
»Sagen Sie doch Eric, Madam, bitte.«
»Vielen Dank – Eric, sehr gern. Wollen Sie mich dann nicht auch bei meinem Vornamen nennen?«
»Oh, Mrs. Fargus, ich weiß wirklich nicht –«
Turners sonores Schnarchen aus dem Fond riß ihn aus der eigentümlichen Atmosphäre. Er sah Emily Fargus von der Seite an: »Sehr gern, Emily. Ist ja auch viel einfacher so.«
»Nicht wahr.« Kurz tauchte ihr Blick in seinen, dann wandte sie das Gesicht wieder nach vorn. Plötzlich lag das Anwesen vor ihnen. Im Hintergrund funkelte der Atlantik. Die Wirkung war überwältigend, so daß Eric ein paar Sekunden brauchte, um zu begreifen, daß Emily den Wagen angehalten hatte und sie auf der Kuppe eines Hügels hielten. Er hatte nicht bemerkt, daß sie zuletzt bergauf gefahren waren – er saß und schaute: Unter ihnen breitete sich ein weites, von hohen, grünen Hügeln eingeschlossenes Tal mit saftigen Wiesen aus. Es gab einen großzügig geschnittenen Abreiteplatz und einige große Koppeln, aber von deren Begrenzungen abgesehen keine Zäune. Die Wiesen erstreckten sich bis zu den hochragenden Felsausläufern, deren Abgründe steil ins Meer stießen.
Das Herrenhaus lag auf der grünen Weite wie eine Perle auf grünem Samt, eine solide Schönheit mit hohen Bogenfenstern, fein geformten Erkern, weitläufigen Terrassen und einer breiten Freitreppe. Die unmittelbar angrenzenden Stallungen befanden sich etwa in der Mitte des waldlosen Landes, das sich weit unter ihnen dehnte; sie waren ähnlich großzügig in ihren Ausmaßen, aber sehr viel schlichter. Eric wandte seinen Blick von den Gebäuden. Hie und da erhoben sich Felsformationen jäh aufsteigend aus dem glänzenden Grün der Weiden, einige Trampelpfade durchschnitten das hochstehende Gras; neben der breiten, nunmehr geraden Auffahrt nahmen sie sich aus wie dünne Adern. Und während die Auffahrt vor dem Haus in einen weiten Platz mündete – weit genug, um bequem mit einem Pferdetransporter zu rangieren –, führten diese schmalen Pfade alle zum Meer, das aus dieser Entfernung still zu sein schien, eine glatte, funkelnde Fläche, die unter dem freundlichen Sonnenschein das Blau des Himmels spiegelte. Eric liebte das Meer, seine Geräusche, seinen Geruch. Aber er kannte nur die Nordsee, die blasser und nicht so unberechenbar war wie der Atlantik. Die Schönheit des frischen Grüns und des leuchtenden, tiefen Blaus nahm ihn für einige Augenblicke völlig gefangen.
Lance stampfte im Pferdeanhänger, wie Pferde es tun, wenn es nicht weitergeht. Der Wagen vibrierte unter seinen Bewegungen.
»Lance ist ungeduldig.«
Emily legte den Gang ein. »Gefällt es Ihnen ein bißchen, Eric?«
»Gibt es jemanden, dem es nicht gefällt?!«
»Ich weiß nicht. Ich kann nur sagen, ich liebe es.«
Langsam rollte der Wagen den steilen Abhang hinunter, gestoßen von dem schweren Anhänger. Eric hatte selbst mehrfach einen Wagen mit Anhänger über schwierige Strecken gesteuert, er wußte, daß Emily sich konzentrieren mußte, und schwieg. Doch als sie sich auf ebener Fläche befanden, und als einmal mehr Turners Grunzen zu ihnen drang, sagte er: »Es ist so viel schöner, als ich es erwartet habe, es – bitte, lachen Sie nicht, Emily, es ist, als ob man in eine andere Welt kommt, so friedlich, so harmonisch, so –«
»Sie ist alles andere als das«, unterbrach sie ihn beinah heftig.
Er schwieg.
»Wir sollten das Pferd gleich ausladen, es wird durstig und müde sein.« Emily parkte den Wagen unmittelbar vor den Ställen. Eric stieg aus, sein Blick überflog die Gebäude. Solide. Hohe Stalltüren aus guten, harten Bohlen, ein Mann konnte auf seinem Pferd hinausreiten; wahrscheinlich müßte er den Kopf nur ein bißchen einziehen.
Er löste die Verriegelung der Verladetür, ließ die schwere Rampe langsam zu Boden und sagte: »Keine Sorge, nur ruhig, alter Junge, ich bring dich jetzt raus aus deinem Schwitzkasten.« Er legte seine Hand auf Lances Kruppe. Unter der dünnen Haut des Vollbluts war keine übermäßige Spannung. Seine Schritte klangen hohl auf den Planken des Transporters, als er zu Lances Kopf ging und seinen Hals umarmte. »Fein hast du dich benommen, Junge, ganz fein. Ich hatte Angst, du würdest schreien und schlagen, so wie früher, aber brav warst du, ganz brav.« Lance versuchte, ihn seinerseits zu umarmen, wie er es von der Reitbahn gewöhnt war, aber der Führstrick war zu kurz. Er schnaubte und scharrte ärgerlich.
»Komm, Junge, ich mach dich los.«
Eric fingerte den Strick frei, dann ein kleiner Druck gegen die muskulöse Brust des Pferdes, und Lance trippelte vorsichtig rückwärts über die Rampe des Anhängers, und als er auf ebenem Boden stand, streckte er den Kopf nach Eric aus. Eric tat den letzten Schritt, stand jetzt dicht vor dem Pferd, und der schmale Kopf Sir Lancelots schob sich über seine Schulter und zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft an sich. Eric legte die Arme um den mächtigen Hals und schloß die Augen. Viele Pferde hatte er geliebt. Aber Lance – Lance gehörte zu den Auserwählten ebenso wie Lionheart; und das hatte nichts mit seiner Befähigung zu herausragenden Leistungen zu tun.
»Wie stolz müssen Sie sein, Eric«, hörte er plötzlich Emilys Stimme, »daß Sie dieses Pferd, verstört wie es war, so weit gebracht haben.«
Sir Lancelots Ohren zuckten unruhig. Ihre Stimme war für ihn zu laut gewesen.
Eric sagte sehr leise: »Stolz – nein, Madam, – oh, hm, Emily. Dankbarkeit, verstehen Sie? Dankbar bin ich, daß Lance mir traut.«
»Er liebt Sie. Ist das nicht mehr als Vertrauen?«
»Ich – verzeihen Sie, Emily, aber ich würde ihn jetzt gern in seine Box bringen.«
Sie verharrte sekundenlang, blickte auf ihn und das Pferd, das unmittelbar hinter ihm stand und dessen Kinn auf seiner Schulter ruhte. Mit einer weiten Gebärde wies sie dann auf die Stallungen: »Sie können ihn überall einstellen. Unsere Pferde sind alle auf der Weide.
Eric spürte ihren Unmut, aber er schüttelte das Unbehagen darüber ab. Er löste die Schnapphalterung des Führstrick, und Sir Lancelot folgte ihm. Sein Kopf war immer unmittelbar hinter seiner Schulter.
Gesäuberte Boxen überall, den ganzen ersten Stallgang entlang. Es war gleich, wo er Lance unterbrachte. Es war schön hier und weiträumig und sehr gepflegt.
Aber es war auch einsam und gespenstisch, als habe dieser Stall für lange Zeit schon kein Leben mehr beherbergt.
»Könnte er nicht auf die Weide?« fragte er Emily. Es war ein unbehaglicher Gedanke, Lance hier ganz allein zu lassen. »Zu den anderen?«
»Unmöglich, Eric! Dann würde er sich mit Excalibur auseinandersetzen müssen!«
»Oh, Sie haben einen Hengst auf Ihrem Gestüt?«
»Excalibur. Er ist unser Beschäler. Er ist einer der Nachfahren der Stute, von der ich Ihnen erzählt habe.«
»Verstehe. Lance bleibt also hinter Schloß und Riegel.« Der Schock ließ nach und mit ihm seine Höflichkeit.
»Ich hätte Ihnen das eher sagen sollen, Eric, es tut mir leid. Sehen Sie – ich hoffte, Sie würden mit mir hierherkommen, aber ich rechnete nicht mit einem weiteren Hengst.«
Er sah ihre Misere und sagte ruhig: »Wie sollten Sie? Wie sollten Sie wissen, daß ich auf Lance bestehen würde?«
»Ich – ich hätte es mir wohl denken müssen.«
Er betrachtete sie schweigend. Seine Rechte tastete nach Lances Nase.
Eilig fuhr sie fort: »Wir werden eine Lösung für Sir Lancelot finden. Vielleicht könnten wir ihn auf eine der Rinderkoppeln bringen. Denken Sie, er könnte sich mit den Kühen arrangieren?«
»Ihre Pferde laufen frei, soweit ich das beurteilen kann?«
»Über das ganze Gelände«, bestätigte sie.
»Aber die Rinder sind eingezäunt?«
»Ja, Sie können die Koppeln von hier aus nicht sehen, sie sind hinter den Hügeln.«
»Glauben Sie denn, daß ein Zaun, ein einziger Zaun, der sicher nicht hoch ist, da er ja nur für Rinder aufgestellt wurde, ein Hindernis ist für einen freilaufenden Hengst, der einen Rivalen auf seinem Revier wittert?!
Sie schwieg und senkte den Kopf.
»Emily!« Eric war nahe daran, die Fassung zu verlieren. »Lance hätte niemals hierherkommen dürfen!«
»Sie ... Sie wären nicht ohne ihn zu uns gekommen, das haben Sie mehr als deutlich gemacht, und da ... da habe ich nichts von Excalibur gesagt. Es – ich entschuldige mich, Eric, aber ich brauche Sie so notwendig, ich brauche Ihre Kunst so sehr – ich hätte alles getan, damit Sie hierherkommen. Diese Stute –«
»Vergessen wir mal die Stute für einen Augenblick«, sagte er bestimmt. »Haben Sie denn wirklich nicht über die Komplikationen nachgedacht?«
»D... doch, gewiß ..., aber wenn wir die Hengste weit genug auseinanderhalten, was soll dann schon geschehen?«
»Aber Sie sagten gerade, Excalibur läuft frei! Und selbst wenn es Zäune gäbe – ein Hengst mit einer Herde wird immer den Rivalen wittern und ihn schließlich finden und versuchen, ihn zu vernichten. Emily, ich verstehe Sie nicht, wie konnten Sie zulassen, daß Lance mitgenommen wird? Das wird entweder seinen Tod bedeuten oder den Excaliburs.«
Er hakte den Strick wieder in die Öse an Lances Halfter ein. »Komm, Lance.«
»Wohin wollen Sie?« Ihre Stimme klang schrill.
»Zurück, was denken Sie? Glauben Sie vielleicht, ich würde das Leben dieses Pferdes oder das eines anderen Pferdes aufs Spiel setzen?! Sie haben mich gelinkt, Madam, und ich frage mich, was Sie sich dabei gedacht haben.«
»Eric, bitte, bleiben Sie! Wenn Sie wüßten, was hier geschieht!«
»Es interessiert mich nicht im mindesten. Ich sehe nur, daß Ihnen mein Pferd nichts gilt, daß Sie sein Leben bereitwillig aufs Spiel setzen, nur um mich hierher zu bekommen. Tut mir leid, aber so läuft das nicht. Darf ich mir Ihren Wagen borgen? Ich bringe ihn sofort zurück, wenn ich Lance sicher habe, wo er hingehört. Tut mir leid.«
Lance prustete, als Eric ihn die Planke hinaufführte, die er gerade hinuntergestiegen war.
»Du wunderst dich, ich weiß, mein Junge. Vergiß es, nimm's einfach, wie's kommt. Ich sage bloß: Frauen! – Du verstehst?«
»Eric!« Emily Fargus war plötzlich neben ihm, als er das Seil sorgfältig festzurrte und sich vergewisserte, daß Lance sich nicht verletzen konnte. »Eric, es muß doch nicht so sein, wie Sie sagen – es gibt andere Hengste in dieser Gegend, und Excalibur ist noch nie ausgebrochen, um sie zu stellen!«
»Andere Hengste in dieser Gegend, Madam, sind wohl nicht zu vergleichen mit einem Hengst auf dem Territorium Excaliburs.« Er sprach ruhig, für ihn war die Sache abgeschlossen. Entfernt drang das anhaltende Schnarchen Turners zu ihm.
Emily Fargus hatte es auch gehört: »Mr. Turner war natürlich von vornherein im Bilde, ich bat ihn, nichts zu sagen.«
»Turner war im Bilde? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr!« Schließlich ging es um sein Pferd, schließlich war Lance für ihn eine Investition in die Zukunft; wie konnte er Lance aufs Spiel setzen?!«
»Eric, Eric, bitte, versuchen Sie doch zu verstehen –«
»Ich kann nicht verstehen, daß –«, er atmete tief, »daß Sir Simon damit einverstanden ist, daß irgendeines seiner Pferde einer solchen Gefahr ausgeliefert werden soll, und schon gar nicht ein Pferd wie Sir Lancelot!«
»Nein, oh nein, Sie mißverstehen das, Eric! Wenn wir Sir Lancelot im Stall halten, und meinetwegen tagsüber bei den Kühen – wissen Sie, es gibt Wächter für unsere Kühe, genauso wie es einen Hirten für unsere Schafe gibt; der würde Excalibur schon verscheuchen, wenn er versuchen sollte, Sir Lancelot anzugreifen. Und in der Nacht wäre er ja im Stall, der fest verriegelt werden kann.« Hoffnungsvoll sah sie ihn an.
»Eric – bitte! Sir Lancelot wird in Sicherheit sein, und Solitaire ... vielleicht können Sie ihr helfen.«
Eric ließ den Strick los. »Solitaire? Ist das ihr Name?«
Bislang hatten sie nur über »die Stute« gesprochen, über ihr rätselhaftes Verschwinden, ihr ebenso rätselhaftes Wiederauftauchen und über die erschreckende Veränderung ihres Wesens. Nicht ein einziges Mal war ihr Name genannt worden.
»Sie ist einzigartig, darum gaben wir ihr diesen Namen.«
»Einzigartig? Was bedeutet das, Madam?«
»Morgen werden Sie sie sehen, wenn wir die Herde gefunden und Excalibur dazu gebracht haben, die Stuten zu uns zu bringen. Bitte! Bitte, Eric, bleiben Sie!«
»Lance darf nichts geschehen.«
»Es wird ihm nichts geschehen.«
»Also gut ... ich bin bereit, es zu versuchen.« Schwer fielen ihm diese Worte, und das Aufleuchten ihres Gesichts ärgerte ihn. »Ich bleibe nur, weil mich diese Stute wirklich interessiert. Aus keinem anderen Grund!« Er hatte noch immer das Bedürfnis, alle Höflichkeit und Zurückhaltung fahren zu lassen. Er hätte sie packen und schütteln mögen.
»Oh – ich danke Ihnen, Eric, wenn Sie wüßten – Sie sind unsere letzte Hoffnung!«
»Wir werden sehen«, sagte er kurz und führte Lance wieder zurück zum Stall.
Auf dem Stallgang blieb er stehen und löste das Halfterseil: »Keine Vorschriften außerhalb der Arbeit – das war unsere Vereinbarung, mein Junge, also geh, such dir den Platz, wo du bleiben willst.« Er schob Lance mit der Schulter voran, und der Hengst setzte sich in Bewegung. Vor der dritten Box zur Linken blieb er stehen. Er streckte den Kopf über die geschlossene Tür, witterte intensiv und scharrte.
»Nummer drei.« Eric öffnete die Tür. »Nummer drei, bitte sehr.« Der Hengst tat einen Schritt, und seine Fesseln versanken tief in duftendem Stroh. Sir Lancelot drehte sich um und schob die Nase in den leeren Futtertrog.
»Es ist noch keine Futterzeit, Junge.«
Das Pferd erkundete darauf die automatische Tränke und trank. »Aber natürlich gibt es Futter für ihn! Er hat ja schließlich eine lange Fahrt hinter sich!«
Emily trug eilig einen Eimer mit Hafer und Melasse herbei, und einen zweiten mit zerkleinerten Möhren, unter die Leinsamen gemischt war. Ihr zarter Körper schwankte unter dem Gewicht.
»Geben Sie nur, ich mach das schon.« Er nahm ihr die Eimer ab, trat in die Box und schüttete das Futter in den Trog. Lance machte sich darüber her. Eric war zufrieden: ebenso fütterte er die ihm anvertrauten Pferde auch.
Waffenstillstand, dachte er. Aber er würde nicht vergessen, daß Emily Fargus und Sir Simon ihn getäuscht hatten.
Am Abend holte er das Pferd aus dem Stall, legte ihm eine Trense an, zog sich auf den bloßen Rücken und ritt hinaus. Beim Klang der beschlagenen Hufe auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes erhob sich ein grauweißer Schäferhund aus einer Ecke, kam zu ihnen, umkreiste sie mehrmals in vorsichtigem Abstand, lief schließlich voraus, und blieb dann stehen. »Du siehst aus wie ein Wolf«, sagte Eric. Der Hund wedelte und kam etwas näher. »Könntest du uns vielleicht einen Weg zeigen? Ich möchte an einen Ort, an dem uns niemand anstarren kann, weißt du.«
