Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 - Schefer, Leopold - kostenlos E-Book

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 E-Book

Schefer, Leopold

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The Project Gutenberg EBook of Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold ScheferThis eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and withalmost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away orre-use it under the terms of the Project Gutenberg License includedwith this eBook or online at www.gutenberg.orgTitle: Der Hirtenknabe Nikolas       Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212Author: Leopold ScheferRelease Date: July 4, 2012 [EBook #40138]Language: German*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS ***Produced by Jens Sadowski

Der Hirtenknabe Nikolas.

Motto:

Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,

Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit

Und jedes höchsten Opfers ist er fähig,

Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.

Denn wiederum gewährt die Phantasie

Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,

Wer in der Phantasie lebt, lebt im Himmel;

Was aus der Phantasie fällt, das ist todt;

Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz —

Am Tage ward er — eine hohle Weide,

Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle

Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf

Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.

Der Hirtenknabe Nikolas,oderder deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212.

Nach den Chroniken erzähltvonLeopold Schefer.

Leipzig:F. A. Brockhaus.

1857.

Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger.

Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins „zu Thal“. Das waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in spanischem Mantel und Barret — unverkennbar ein Jude — nur Doctor, wie er sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm selber lächelnd genannt: „Herr Großhändler“, ob er gleich ein Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der, seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen, weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer ersehnten Rache aufblitzten.

Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu hören, immer über dem Winde reiten — bei Nordwind voraus, bei Mittagswind hinterher.

Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach; aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann verdrossen zurück zu den beiden Gefährten.

War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue.

O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht . . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut wie dem Kaiser,1) der unser schönes Mailand verbrannt und „von der Erde weggetilgt“ —. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube!

Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; — ich will es vor den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine ich.

Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen, und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft — wie ein begrabener Riese, nur droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben, verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes Land, eine verfluchte Fremde, in die wir hinaus gestoßen sind in immer längere Verbannung — aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der Himmel droben, und wir sind dennoch gleichsam noch Menschen mit Augen und Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben, solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt — und gewiß noch drei Tage länger, wenn nicht viere!

So schloß er fast lachend — aber wischte sich die Thränen aus den großen schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt.

Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde — das Zeichen für alle Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen — eine leisschleichende bunte Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und die Schildkröte weinte — sie sang — sie klagte — sie betete mit tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott — und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme umfaßlich.

Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die Krankheit ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben, harte?

Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen Menschheit Nutzen und Heil ereifert — aber vorsichtig nur langsam unter den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten, wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben, sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und schnatternden Enten. Diese „Jungen“ aber hatten Führer, fast lauter Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.

Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört:

Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!

Und nebenbei all’ all’ alles Glück,

Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. „Alle sind wie Einer und Einer wie Alle“, sah er. Er beschenkte einige von ihnen nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen — mußte sie endlich ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs auf einen Hügel zu, der „der todte Jud’“ oder „der Judentod“ beim Volke heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann, worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen — wenn wir auch andern Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab’ ich gelesen, daß die Athener Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten Spaßvogel gehört: „Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden“; — worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den Spaßvogel für den lustigen Tag mit lachendem Muthe reichlich belohnten. Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein, denn sonst hätten wir’s ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann ich sagen: wie vieles Verwirrende haben wir nicht! Wie Vieles sind wir los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder zu erobern. — Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen frische Pfähle ein — Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten! Der Herr erbarm’ sich!

Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er 18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie Flammen empor in den Himmel und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende Farben überwältigten ihn, daß er weinte. — Und der junge Rittersmann, ja selbst der Arzt — ein Fremder in jeder Heimat — war doch gerührt. Auch ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll schweren Ernst der Welt.

Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg, mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen, — und dort nur das Schloß der edeln Hompesche — dort brennen schon die vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos — dort das ist das Schloß der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen — der Delius, auf Klettenberg — ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß, die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, „der Zug“, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf „Ich“, die sie nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich, Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt gar Ichen-Dorf.

Sie sprengten auf den Hügel.

Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten „Funken“, ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich? Das ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der alte Bertram — und Sie, sind Sie nicht Herr Sinzenich?

Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das Wort um ihn herum: „Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht Herr Sinzenich?“ . . . und selbst der Doctor lachte.

Da sah ihn der Funke scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude? und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her mit dem Schwert!

Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm auch noch die Scheide sammt der Kette.

So ist’s recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin der Raimund, und frug ihn: Bertram, alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat hier draußen misliche Geschäfte — auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon offenbaren! Kommt nur erst heim!

Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?

In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold — ich floh aus Spanien, vor . . .

Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.

Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo er wohnen würde.

Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen — Alles zu vielen Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: „der Inhaber habe gelobt: ins Gelobte Land zu pilgern“; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.

Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die Stadt in vier disparate — damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in dessen Halle schon eine Lampe brannte.

Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht daran.

Zweites Capitel. Die Frau Rath.

Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen Hauswart und rief vor Freuden den Namen „Hagebald“, alter Hagebald! Er eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige Tochter des steinreichen Wollenwebers, die liebe Irmentrud, als Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling, schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon eine Katharer-Brut, oder ein junger Petrobrusianer, die in der Stadt schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich ging natürlich ohne Frau und Kinder, und kehre unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne Frau und Kinder wieder.

Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: „Wer da weint, ist kein Feind“, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath, entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen — aber jetzt wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen, um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre Strafe Erwartende.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen „Raimund“ aus.

Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust drückte.

Nach langer Zeit sprach er erst: Mein Bruder lebt, hörte ich draußen soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen — die zeige mir doch! Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter Frederune getaufte — sie muß schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die Irmengard, wol auch schon 13! Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute Aldewin, oder „alter Wein“ — wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.

Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O daß wir — nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?

Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest zu uns kommen und triffst auf den Tag ein — und auch deine angezeigten drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen — in jedem ein kleines Tönnchen Gold — sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber freuen!

Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr! — Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder langer Zeit noch ein Brief an einen Todten kommt, der nicht mehr zu bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch Hülfe bringen soll!

Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath, indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern legte und liegen ließ.

Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen — aus Furcht zu bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste ist für ein treues Herz; — und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt, die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre — ohne den Verrath und den Misbrauch, ein wüthendes Kreuzheer in der Heimat wüthen zu lassen!

O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt?

Sie hat geheißen „Beziers“. — Beziers! sprach er, stellte sich stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er sich in ihn versetzen, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn herausfühlen, was er will und was er kann; er muß aus des Feindes Augen sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und gerecht sein gegen den Feind, der sich selber nur der beste, zärtlichste Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem Morgenlande, in die Stadt, die sonst — wie man das abscheulich kleinlich und albern nennt — „der Welt“ gebot, die aber erbärmlich und abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf- und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an einen Schein des Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu legen.

Da sieht nun der redlichste Dülpner ein, es braucht noch gar kein kluger Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus — oder den größten Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel — ein Dorn im Auge sind, ein Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu — ohne nur zu hauchen — in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß — so mußte er es auch uns sein, um nicht etwa schon uns — sonst ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz Oberitalien — die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für höllisch und ganz abscheulich halten — für Menschen zu erklären. Und ohne Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte neue Märtyrer macht in neuer Welt; und nur der Geistertod, die Geisterunwissenheit und Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder geschehen wird: „Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.“ Und wo befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit, die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben — und an denen ich selbst getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist — denn der brennende Rock ist der wärmste — sodaß er zuletzt nur mit einem Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet — oder aus dem Lande flieht, was ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die Sarazenen aus Morgen und die Mauren aus Abend zu fürchten hat, so hat er die Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den nahen Feinden für einen Kreuzzug erklärt — und Er mit Recht! Cardinäle haben diese mordbrennenden Kreuzträger geführt — darauf hat der Simon von Montfort die Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge springen lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten, und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil — wie der Legat Allen zum Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: „Gott wird schon die Seinen kennen!“ Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele und unserer kleinen Kinder.

Armer Mann! stöhnte die Frau Rath.

Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch! Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten.

Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein Mann unser Geschick erzählen. Stumm