Der Hölle so nah - Michael Bardon - E-Book

Der Hölle so nah E-Book

Michael Bardon

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Beschreibung

Wer am Ende steht, steht eigentlich am Anfang. Hätte Tobias Schlierenbeck doch besser diesen Wahlspruch beherzigt, bevor er sich zu wirklich schrecklichen Taten verleiten ließ. Doch wenn Dein bester Freund Dein gesamtes Leben manipuliert, Deine Frau Dich betrügt und einen Killer auf Dich hetzt – dann ist es schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn wo Gefühle im Spiel sind, wo Hass auf Liebe, Verzweiflung auf Hoffnung, Wut auf Leidenschaft trifft, bleibt kein Platz fürs Rationale. Und so nehmen Dinge ihren Lauf, die noch ein paar Tage zuvor unvorstellbar waren …

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Michael Bardon

Der Hölle so nah

der gehörnte Mann

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Hölle so nah

Prolog

Wut, Verzweiflung und andere Gefühle

Der vermeintliche Tod

Die Traumfrau

Der Anfang vom Ende

Ein grandioser Plan

Mord, Gefühle und eine Verabredung

Einkaufsbummel und Geständnis

Pasta, Wein und Kerzenschein

Alles ändert sich

Pflicht, Kür und ein kleiner Mord

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Parkhaus mit bösen Buben

Zwei im Eiscafé

Wettlauf mit dem Tod

Im Dschungel der Gewalt

Ganz neue Möglichkeiten

Rachedurst und Mordgedanken

Ab durch die Hölle

Katzenjammer

Lügen, Betrügen und Männergespräche

Wer anderen eine Grube gräbt

Herrengedeck und Druckbetankung

Unerwartete Hilfe

Auf Spurensuche

Gute Vorsätze

Das Millionen-Ding

Höllentrip

Verraten – verkauft – gejagt

Chaos, Zerstörung, Verzweiflung

Der Seidenschal

Epilog

Impressum neobooks

Der Hölle so nah

Lektorat: Michael Lohmann,

www.worttaten.de, [email protected]

Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

Prolog

Der Hölle so nah

Meine Geschichte beginnt zu einem Zeitpunkt, an dem andere für gewöhnlich enden.

Sie erzählt von einem Kopfschuss. Von einem Projektil, das sich seinen Weg durch mein Gehirn gebahnt – und dort irreparable Schäden hinterlassen hat.

Doch am besten schildere ich Ihnen alles von Anfang an. Aber wo nur soll ich beginnen? Wann wird meine Geschichte, mein persönlicher Albtraum, überhaupt interessant für Sie?

Entschuldigen Sie bitte! Ich habe mich Ihnen ja noch überhaupt nicht vorgestellt. Wo bleiben nur meine Manieren? Mein Name ist Tobias Schlierenbeck. Ich wurde vor 42 Jahren in Frankfurt am Main gezeugt, zehn Monate später geboren und lebe dort noch immer mein beschauliches Leben.

Von Beruf bin ich Rechtsanwalt, Schwerpunkt Gesellschaftsrecht. Meine zahlreichen Klienten bilden die Elite unseres Landes. Industriemagnaten, Manager, Vorstandsvorsitzende, Spekulanten und Firmeneigner gaben sich in meinem Büro die Klinke in die Hand. Sie kamen zu mir, weil sie ein anderes Unternehmen in ihren Konzern integrieren wollten, aber auch, weil sie eine Fusion mit einer anderen Gesellschaft oder deren Liquidierung anstrebten.

Ich war wirklich gut in dem, was ich tat. Und meine herausragende Eigenschaft war eindeutig mein nicht vorhandenes Gewissen. Mich plagten keine Schuldgefühle, und auf eine soziale Ader hat der liebe Gott bei meiner Entstehung zum Glück auch verzichtet.

Jeder ist sich selbst der Nächste! Jeder sollte seines eigenen Glückes Schmied sein!

Was kümmern mich irgendwelche namenlose Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz durch mein Zutun verlieren? Was kümmert mich die alleinerziehende Büroangestellte, die ihre Rechnungen, nach einer Kündigung aus wirtschaftlichen Erwägungen, nicht mehr begleichen kann? Ich musste meinen Porsche schließlich auch bezahlen; das Penthouse in der City haben mir die Makler auch nicht geschenkt.

Dieses ganze Gerede von Hartz IV, von Chancengleichheit und besserer Bildung geht mir, gelinde gesagt, am Allerwertesten vorbei. Wer vom Tellerrand des Lebens fällt, landet eben auf dem Kompost, wird recycelt, verschwindet in einer Statistik.

Doch ich schweife ab! Eigentlich wollte ich Ihnen ja die Geschichte vom Projektil in meinem Kopf erzählen, von meiner Frau und davon, wie es zu dem Unglück kam.

Charly, meine Frau, und ich waren zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren glücklich verheiratet. Wir genossen unsere kinderlose Ehe, unsere Zweisamkeit, unsere Unabhängigkeit, unseren wilden, exzessiven Sex in vollen Zügen.

Sie mögen jetzt verständnislos die Nase rümpfen. Doch für meine Frau und für mich waren Kinder nie ein Thema.Wer braucht schon – entschuldigen Sie bitte diesen Vergleich! – eine schreiende Trompete, wenn er der sanften Musik einer Harfe zu lauschen vermag.

Ich wollte meine Charly mit niemandem teilen, und meine geliebte Charly, wollte das - so glaubte ich jedenfalls - auch nicht.

Aber ich greife gerade voraus, und das wollte ich nicht.

Doch manchmal fällt mir das Denken ein klein wenig schwer, und ich habe Mühe, meine zerrissenen Gedanken in der richtigen Reihenfolge zu sortieren. Sie schwirren durch meinen Kopf wie lustige, kleine Wellensittiche. Schlagen wild mit den Flügeln, flattern aufgeregt umher und treiben mich so an den Rand des Wahnsinns.

Das kommt - so denke ich zumeist - von dieser verteufelten Kugel in meinem Gehirn. Ja, sie steckt noch immer in mir! Sie ist ein Teil von mir geworden, so wie die Nacht vor meinen Augen ein Teil von mir geworden ist.

Sie haben schon richtig verstanden. Ich bin blind und befinde mich in einem nicht enden wollenden Albtraum.

Mein Körper ist so steif wie ein Stück Metall, und mein Gehör funktioniert leider auch nicht mehr so gut wie früher. Doch dafür hat mich das Schicksal mit widerlichen, nervtötenden Tönen gesegnet, die in der Lautstärke einer aufheulenden Motorsäge permanent in meinem Kopf herumkrakeelen.

Ach, herrje, jetzt ist es schon wieder passiert, ich greife voraus und verderbe so die ganze Geschichte.

Kommen wir also zurück zu dem Ausgangspunkt meiner kleinen Erzählung. Kommen wir zurück zu dem Projektil, das noch immer in meinem Kopf steckt …

Wut, Verzweiflung und andere Gefühle

Ich stand mitten im Raum, hörte, wie unsere Wohnungstür unter den brutalen Fußtritten  erbebte. Ich hörte das Rufen der Polizeibeamten, die mich aufforderten, den aus französischer Eiche gefertigten Penthouse-Eingang zu öffnen. Und ich hörte das klägliche Gewinsel dieses staatlich anerkannten Versagers, der es gewagt hatte, meine Frau zu verführen.

Ich hatte ihn kastriert! Hatte ihm seine hühnereigroßen Hoden mit dem Zimmermannshammer zerquetscht.

Nie wieder würde dieser Blindgänger einer vergebenen Frau Flausen in den Kopf setzten oder einen seiner perfiden Pläne schmieden.

Der Kastrierte war einmal mein bester Freund. Dank ihm hatte ich mich zum moralischen Wächter aller aufgeschwungen. War zum Robin Hood der Betrogenen geworden.

Ein letztes Mal ließ ich meinen Blick über die Fotografien an der mit Seidentapete bespannten Wohnzimmerwand gleiten. Nahm ein letztes Mal die Noblesse, die Anmut und die Sinnlichkeit meiner Charly in mich auf.

Im Eingangsbereich, hinter mir, zersplitterte das teure Holz der massiven Wohnungstür. Schreie gellten durch den Raum, stürmten in einer höllischen Intensität auf mich ein. Die Achterbahn meines Lebens holte noch einmal ordentlich Schwung. Nahm ein letztes Mal Fahrt auf, bevor ich mich von ihr hinunter in den Tod stürzen würde.

Wut, Hass, Enttäuschung, Unglaube, Verzweiflung!

Eine Flut aus gegensätzlichen Empfindungen stürzte über mich herein, begrub mich unter sich, versuchte mich zu ersticken. Meine Hand zitterte leicht, als ich den Lauf der kleinen Halbautomatik, Winni-Opas Halbautomatik, gegen meine Schläfe presste. Das Spiel des Lebens war zu Ende. Das Rad der Zeit stand für immer still.

Wer Winni-Opa ist, wollen Sie wissen? Warten Sie es ab! Er spielt eine Rolle in dieser Geschichte.

Ich war stets volles Risiko gegangen. Hatte tagtäglich Schlachten geschlagen und war als Sieger daraus hervorgegangen.

Doch dieses Spiel hier, das Spiel meines Herzens, hatte ich verloren. Die einzige Schlacht, das einzige Gefecht, das mir je etwas bedeutet hatte, war zu einem Fiasko, zu einer Farce ausgeartet.

»Charly, warum …? Warum hast du uns das angetan?«, hauchte ich beinahe tonlos.

Ich hob den weißen seidenen Schal, den ich fest umklammert hielt. Ein letztes Mal noch wollte ich den Duft, das liebliche Parfum meiner toten Frau in der Nase spüren.

Dann holte ich noch einmal tief Luft, starrte das Bild meiner Frau an und …

»Waffe fallen lassen! Lassen Sie sofort die Waffe fallen!«

Irritiert blinzelte ich mit den Augenlidern. Versuchte das Gehörte geistig aufzuarbeiten.

»Sie sollen die verdammte Waffe fallen lassen! Letzte Warnung … nehmen Sie endlich die Pistole herunter!«, schrie eine hysterische Männerstimme in meinem Rücken.

Verwunderung, Erstaunen, Erheiterung!

Ja, ich gebe es offen zu. Bei den Worten des offenkundig überforderten Polizeibeamten musste ich kurz lächeln. Mit was wollte der Holzkopf mich denn bedrohen? Mit seiner Dienstwaffe? Mit dem Tode?

Ein zweiter Polizist schob sich vorsichtig in mein Sichtfeld. Auf seiner Stirn glänzten unzählige Schweißtropfen, die, als kleines Rinnsal über seine rechte Schläfe laufend, unter dem Hemdkragen verschwanden. Seine mattschwarze Pistole deutete anklagend in meine Richtung, während seine Zunge dümmlich zwischen den feisten Lippen hervorlugte.

Der Kerl sah aus wie ein waschechter Vollidiot und untermauerte durch sein affenartiges Aussehen eindrucksvoll die Evolutionstheorie.

»Ja, Mann, dein Spiel ist aus«, grunzte er, während seine zusammengewachsenen Augenbrauen hektisch vor sich hin zuckten.

Seine Worte hallten wie ein Donnerschlag in meinem Kopf. Sie erzeugten ein hohles Echo, das durch meinen gesamten Körper zu wandern schien.

Dein Spiel ist aus … Dein Spiel ist aus … Dein Spiel ist aus …

Ob ich wollte oder nicht: Ich musste diesem in einer Polizeiuniform steckenden Primaten Recht geben. Mein Spiel war aus! Meine Lebensuhr rückte gelassen und unaufhaltsam der Stunde null entgegen.

High Noon … wie in dem gleichnamigen Western mit Gary Cooper und Grace Kelly.

Ich hatte schon viel über den Tod gelesen. Hatte mich in den einsamsten Momenten meines Lebens intensiv mit ihm befasst. Würde ich auch ein gleißendes Licht erblicken, das mich mit seiner Wärme, mit seiner Herrlichkeit in eine neue, bessere Daseinsform geleitete?

Würden meine Erinnerungen, die Bilder meines gesamten Lebens, in Sekundenschnelle als eine Art Kinofilm vor meinem geistigen Auge ablaufen?

Würde es sehr weh tun, wenn die Kugel durch meine Schädeldecke drang und mein Gehirn in Fetzen riss?

Ach ja. So viele Fragen, so wenige Antworten.

»Allerletzte Warnung! Nehmen Sie endlich die Waffe herunter. Glauben Sie mir, Sie haben keine Chance zu entkommen«, donnerte nun wieder die Stimme in meinem Rücken.

Doch, ich hatte eine Chance. Der Typ hinter mir war wohl genauso doof wie Mister Affengesicht, der seitlich versetzt vor mir stand und noch immer mit seiner Waffe auf mich zielte.

Ruhe, Frieden, keine Zweifel …

Mein Blick wanderte zurück zu der Fotografie meiner einst so geliebten Frau. Würde sie an der Himmelspforte auf mich warten? Mich wie früher zärtlich in die Arme schließen, mir verzeihen? Oder besser noch: verstehen, welche Beweggründe mich zu dieser Tat geradezu getrieben hatten?

Eine weitere Frage eroberte mein Bewusstsein, ließ mich kurz innehalten, raubte mir den Atem.

Konnte ich ihr überhaupt verzeihen?

Ihr egoistisches, widernatürliches Verhalten entschuldigen? Konnte ich wirklich vergessen, was sie mir angetan hatte? War ich wirklich bereit, ihr meine Absolution zu erteilen? Ihr von Neuem mein Vertrauen zu schenken? Mit ihr Hand in Hand durch den Garten Eden zu schlendern?

Wut! Unbändige, alles auffressende Wut!

»Niemals! Ich werde dir niemals verzeihen«, schrie ich aus Leibeskräften und sah, wie Affenschädel vor mir heftig zusammenzuckte.

Oh nein! Ich würde Winni-Opas Pistole gut festhalten. Würde sie mit auf die Reise durch das himmlische Licht nehmen. Und dann, wenn Charly an der Pforte zur Unendlichkeit mit einem Lächeln auf mich wartete, würde ich sie bis in die Hölle jagen.

»Ich komme, du hinterhältige Schlampe! Wir sind noch lange nicht miteinander fertig«, knurrte ich wutentbrannt durch die Zähne.

Dann atmete ich ein letztes Mal tief ein, presste die Mündung der kleinen Pistole noch etwas fester gegen die Schläfe und drückte den Abzug bis zum Anschlag durch …

Der vermeintliche Tod

Gleißendes Licht. Leuchtend, unerträglich, intensiv, bösartig. Ich kniff meine Augenlider zusammen, versuchte, mich vor der Aura der himmlischen Illumination zu schützen. Meine körperlose Seele schrie gepeinigt auf, während mein Verstand nach einem schattigen Plätzchen Ausschau hielt.

So also fühlt sich das ewige Leben an, dachte ich und verfluchte mich im Stillen dafür, dass ich keine Sonnenbrille bei meinem Suizid getragen hatte.

Keine Schmerzen, keine Arme, Beine, Hände, Füße. Keinen Bauch, keinen Rücken, keine Brust, keinen Hermann, keine Eier. Und natürlich auch keine Pistole.

»Scheiße, Wolfi … Ich glaube der Kerl lebt noch!«

»Quatsch. Der Spinner hat ´ne Kugel im Kopf. Hat aus seinem kranken Hirn rote Grütze gemacht. Hast es doch selbst gesehen, Dieter.«

»Trotzdem, Wolfi! Schau dir mal sein linkes Augenlid an, es zuckt.«

»Echt jetzt? Ohne Scheiß?«

»Ja, wenn ich es dir doch sage. Da, jetzt hat er geblinzelt.«

»Ist ja echt gruselig. Pass auf, der Kerl hat immer noch seine Waffe in den Fingern. Nimm sie ihm besser ab.«

Welche Finger?, dachte ich entsetzt. Ich hatte doch überhaupt keine Finger mehr.

»Tote haben keine Finger, du Blödmannsgehilfe!«, schrie ich aus Leibeskräften.

Was sollte der ganze Mist? Wer zum Teufel war dieser Wolfi, der sich über mich mit einem Typen namens Dieter unterhielt?

Keine Reaktion auf meinen Aufschrei. Die beiden Kerle ignorierten mich einfach. Taten so, als hätten sie mich überhaupt nicht gehört.

»Oh Mann, Dieter. Da hinten liegen ´ne Frau und ein Mann. Beide nackt. Großer Gott, die Frau ist tot. Der Mann lebt allerdings noch. Du meine Güte, was für ne Sauerei! Den hat jemand kastriert. Himmel, sieht das übel aus.«

»War bestimmt das kranke Schwein hier,« sagte die Stimme über mir.

»Richtig!«, sagte ich.

»Was machen wir denn jetzt?«

Eine böse Vorahnung schlich sich, als schattenhafte Gestalt verkleidet, in mein Bewusstsein.

»Wir warten auf die Sanis. Die Zentrale hat die Jungs ja bereits angefordert. Vielleicht kannst du dem armen Kerl ja irgendwie helfen. Ich passe in der Zwischenzeit auf den Spinner hier auf. Einen Mann zu kastrieren, der ist doch nicht ganz dicht. Scheiße, jetzt zuckt er am ganzen Körper. Sieht aus wie bei einem Zombie.«

»Zombie? Krankes Schwein? Nur zu, beleidigen Sie mich ruhig weiter! Ich bin Rechtsanwalt. Ein verdammt guter Rechtsanwalt! Ich werde mir jedes Wort merken und Sie wegen Beleidigung meiner Person verklagen. Tun Sie sich keinen Zwang an! Die Liste wird immer länger, was im Umkehrschluss bedeutet, dass das Schmerzensgeld immer höher ausfällt«, knurrte ich in einem belehrenden Tonfall.

»Herrje, was ist denn hier passiert? Das sieht ja aus wie in einem Schlachthof.«

Weitere Stimmen prasselten auf mich ein. Wollten wissen, was sich in meinen vier Wänden zugetragen hatte. Das gleißende Licht vor meinen Augen verlor langsam an Intensität. Ich konnte konturenlose Gestalten erkennen, die in hektischer Betriebsamkeit an mir vorbeihuschten.

Doch ich war zu müde, fühlte mich schlapp und kämpfte gegen das Gefühl, in einen hundertjährigen Schlaf verfallen zu müssen. Außerdem ignorierten mich ja doch alle. Ich konnte sagen, was ich wollte, die Menschen um mich herum reagierten überhaupt nicht auf meine Worte.

So hatte ich mir den Tod nun wirklich nicht vorgestellt! Vielleicht befinde ich mich ja noch in einem Übergangsstadium? Eine Art Zwischenreich der Toten, dachte ich irritiert.

So verhielt es sich augenscheinlich. Ich stand oder besser: lag an der Haltestelle zur Himmelspforte? Doch wenn das so war, wenn ich wirklich noch auf der Erde verweilen musste – abwartend, körperlos, mich niemanden mitteilen könnend –, war das eine bodenlose Frechheit. Wann würde endlich der Bus kommen und mich sanft schaukelnd zu Gottes Palast befördern? Hatten die da oben vielleicht übersehen, dass ich gestorben war? Was für ein Mumpitz lief denn hier nur ab?

Wie zur Bestätigung hörte ich aus weiter Ferne eine einfühlsame Männerstimme.

»Seine Vitalwerte sind eigentlich ganz ordentlich. Ich sehe eine Eintrittswunde – drehen Sie mal seinen Kopf ein wenig – aber keine Austrittswunde. Das Projektil scheint noch in seinem Kopf zu stecken. Ist das die Waffe, mit der er sich in den Kopf geschossen hat?«

Keine Austrittswunde? Projektil scheint noch im Kopf zu stecken? Ordentliche Vitalwerte?

Was ich Ihnen nun sage, sollten Sie sich gut merken! Benutzen Sie für einen Suizid nie, ich betone: nie eine Schusswaffe mit kleinem Kaliber. Achten Sie darauf, dass Ihre Pistole mindestens ein Projektil von Kaliber neun Millimeter abfeuert. Und benutzen Sie um Himmelswillen keine Vollmantel-Geschosse. Vollmantel-Geschosse sind ganz schlecht. Stellen Sie sicher, dass Ihre Waffe mit Hohlspitz-Geschossen geladen ist. Diese pilzen – dies ist ein Fachbegriff – nämlich schön auf und reißen Ihnen ein faustgroßes Loch in Ihr Gehirn. Ach ja, noch eins: Drücken Sie die Waffe nie gegen die Schläfe! Setzen Sie sie stattdessen lieber auf die Nasenwurzel! Wenn Sie dann abdrücken, jagt die Kugel direkt und ohne Umwege durch Ihr zentrales Stammhirn. Der Erfolg ist garantiert, Ihr Tod eine logische Konsequenz.

Heute weiß ich diese Dinge. Doch damals, in meinem Wohnzimmer, verfügte ich leider noch nicht über dieses Wissen. Ich habe mich wie ein Amateur verhalten. Habe einen Kardinalsfehler nach dem anderen begangen und muss nun mit allen Konsequenzen dieses Amateurtums leben.

Nun gut. Ich merke schon, Ihre Ungeduld wächst. Ich erzähle und erzähle, schweife vom eigentlichen Thema ab, verliere mich wieder einmal in Belanglosigkeiten.

Ein Dozent an der Uni hat einmal einen schönen Wahlspruch geprägt. Ich habe ihn wie ein Schwamm in mich gesaugt. Habe ihn zum Leitspruch meines Lebens gemacht.

„Wer am Ende steht, steht eigentlich am Anfang.“

Was sagen Ihnen diese Worte?

Auf meine momentane Lebenssituation bezogen, bedeuteten sie, dass ich vor einem Neuanfang stand. Ich lag auf dem sündhaft teuren Edelholzparkett meiner Penthouse-Wohnung und hatte eine Kugel in meinem Kopf stecken. Ich konnte mich weder wie ein Mensch artikulieren, noch gelang es mir, mich zu bewegen. Dass ich nur noch verschwommen Konturen wahrnehmen konnte, hatte ich Ihnen – glaube ich jedenfalls – bereits erzählt.

Mein Kopf schien in Watte gepackt. Einzig meine Ohren – vernachlässigte man einmal die schrillen Pfeiftöne – erfüllten noch ihren Zweck. Meine Sinne waren auf ein Mindestmaß reduziert, mein Körper diente nur noch als kraftlose Hülle, als ein Schneckenhaus für meinen angeschlagenen Verstand.

In diesem Zustand zwischen dem Nichts und dem Irgendetwas trat ich meine Reise in die Frankfurter Uni-Klinik an. In den Augen der Polizisten ein widerwärtiger Freak, der seine schöne Frau ermordet und einen Mann fast zu Tode gequält hatte.

Was der Notarzt über mich dachte, kann ich Ihnen nicht sagen. Doch ich muss gestehen, er war sehr nett zu mir, spendete mir Trost, sprach mir sogar Mut zu.

Sicher hatte auch er schon einmal die leidvolle Erfahrung eines Betrogenen durchlebt. Sicher verfügte dieser gebildete Mann über den nötigen Intellekt und brachte ein gewisses Verständnis für meine schwierige Situation auf.

Schließlich war ich ja kein Unmensch. Ich hatte meine Frau nicht aus einer abartigen, gestörten Veranlagung heraus ermordet. Das Gegenteil war der Fall. Ich hatte es nur gut gemeint und sie von ihrer schweren Last, ihrer unerhörten Schuld befreit.

Was Sie noch nicht wissen: Ich bin eine tragende Säule dieser Stadt. Stehe mit der Bürgermeisterin auf Du und Du. Spiele mit den Richtern regelmäßig eine Partie Golf oder fahre mit dem Oberstaatsanwalt zu einer gemütlichen Weinprobe aufs Land.

Diese Menschen würden mich bestimmt verstehen. Sie würden ihre Lippen schürzen, verständnisvoll mit dem Kopf nicken und Charly – für das, was sie mir angetan hatte – aufs Strengste verurteilen. Ich hätte beinahe mein Gesicht verloren. Wäre zum Gespött, zum Hauptgesprächsthema hinter vorgehaltener Hand geworden. In den Elite-Kreisen, in denen ich mich bewege, lästert man nicht öffentlich. Man macht es heimlich, im Verborgenen, fernab von Gut und Böse.

Und das nach allem, was ich für diese Frau getan hatte! Ich hatte sie aus der gutbürgerlichen Schicht geholt und in den gehobenen Kreisen dieser wunderschönen Weltmetropole eingeführt.

Meine Gedanken schweiften ab. Entfernten sich zu einem Punkt in meinem Leben, an dem meine Arbeit für mich noch oberste Priorität genossen hatte. Ich noch nicht der süßen Versuchung meiner einzigartigen, wunderschönen Charly anheimgefallen war.

Gott, wie sehr sie mir schon jetzt fehlte! Wie sehr ich den süßen Duft ihrer zarten Haut vermisste. Wie sehr ich ihre sanft geschwungenen Lippen, ihre gletscherblauen Augen herbeisehnte.

Das Schicksal ist ein bösartiges Monster. Es füttert dich mit den lieblichen Verlockungen des Lebens. Zeigt dir das Paradies auf Erden, lässt dich die Einmaligkeit der Liebe spüren. Und dann, wenn dir die Sonne wie ein Flutlicht aus dem Arsch scheint, türmen sich am Horizont wahre Wolkengebirge auf, bringen Sturm und Hagel mit sich, stürzen dich in ein alles beherrschendes Unglück.

Ich sehe schon, jetzt wollen Sie auch den Rest der Geschichte hören.

Ich durchschaue Sie. Sie wollen sich an meinem Pech berauschen, sich an meinem Unglück ergötzen. Nur zu! Lassen Sie keine Gemeinheit aus. Lachen Sie über meine Naivität, amüsieren Sie sich über meine Torheit!

Doch um Ihnen den Spaß ein ganz klein wenig zu verleiden, möchte ich Folgendes dazu anmerken: Überlegen Sie mal! Denken Sie für ein paar Sekunden darüber nach! Was könnten Sie mir schon antun, das das Schicksal mir noch nicht angetan hat?

Oder täusche ich mich etwa, und Sie empfinden so etwas wie Mitgefühl für mich, für meine prekäre Situation? Egal! Mich interessieren Ihre Beweggründe eigentlich nicht. Lachen Sie mich ruhig aus, beschimpfen Sie mich, bedauern Sie mich ein wenig! Das ist Ihre Sache, Ihr ganz privates Vergnügen.

Für mich zählt nur die Tatsache, dass Sie mir zuhören, mich aus dem tristen Alltag meines Daseins erlösen. Ich freue mich einfach darüber, dass Sie für ein paar Stunden mein Wegbegleiter sein wollen.

Wir springen jetzt gemeinsam drei Jahre in der Zeit zurück. Wir springen zurück zu dem Zeitpunkt, an dem ich meine Charly zum ersten Mal gesehen habe.

Machen Sie sich bereit! Unsere gemeinsame Reise beginnt, sobald Sie die nächste Seite aufschlagen …

Die Traumfrau

In der rauchgeschwängerten Luft der Frankfurter Szenen-Kneipe überlagerten sich unzählige Gerüche. Sie konkurrierten miteinander, verbündeten sich untereinander und erschufen so ein buntes Potpourri von fremdartiger Würze.

Der liebliche Hauch eines Frauenparfüms fusionierte mit dem herben Duft eines männlichen Aftershaves. Das süßliche Aroma der getrockneten Marihuana-Pflanze kämpfte verzweifelt gegen den ordinären Dunst der Tabakstaude. Und, als Krönung, reihten sich die Botenstoffe unzähliger alkoholischer Getränke in diesen Geruchscocktail auch noch ein.

Ich hasste diesen degoutanten Mief. Ich verabscheute ihn zutiefst. Doch das Leben ist bekanntlich kein Ponyhof und manche Dinge kann man sich einfach nicht aussuchen.

Die Notwendigkeit von Sehen-und-gesehen-Werden, beispielsweise.

Wer gesellschaftlich eine Rolle spielen wollte, kam einfach nicht um einen Besuch in den angesagten Szene-Lokalen herum. Außerdem tummelten sich im Dunstkreis der sogenannten In-Kneipen immer viele junge und vor allem attraktive Frauen.

Das gab für mich den Ausschlag, meinen Körper dieser krankmachenden Atmosphäre auszusetzen. Über den ungeheuren Lärmpegel, die krankheitserregenden Keime und zurückgelassenen Bakterien möchte ich an dieser Stelle lieber erst gar nicht nachdenken.

Ich lebte nach dem Motto, dass nur in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohnen kann. Sport, genügend Schlaf sowie eine biologisch einwandfreie, ausgewogene Ernährung waren in meinen Augen die Eckpfeiler für ein gesundes Leben. Natürlich gönnte ich mir hin und wieder auch einen Schluck Alkohol. In Maßen genossen, kann ein 100-Punkte-Wein wie der 2009er Château Pontet Canet oder ein dreißig Jahre alter Glenfiddich-Whisky auch ein Jungbrunnen für Geist und Seele sein.

Ich saß also an meinem Tisch, nippte an einem köstlichen dreißig Jahre alten Whisky und hielt Ausschau nach einer hübschen und willigen Gespielin.

»Oh, Mann, schau dir mal die Brünette da vorne an!«

Ich schaute in die angegebene Richtung, runzelte die Stirn und fragte ratlos: »Welche meinst du?«

»Die, die rechts neben dem blonden Hungerhaken steht. Siehst du die?«

Ich blickte zuerst zu meinem Freund Winni, dann nahm ich die Frau in Augenschein.

»Ja, nicht schlecht. Aber auch nichts Besonderes.«

»Nicht schlecht«, äffte mich Winni mit nasal verstellter Stimme nach.

»Ja, nicht schlecht. Eine von vielen. Schau dich doch um! So eine findest du hier drinnen ein gutes Dutzend Mal.«

»Hast du heute schon in den Spiegel geschaut? Nur so am Rande: Du siehst noch immer so scheiße aus wie gestern, vorgestern oder vorvorgestern.«

Ich hasste das!

Dr. Winfred Alois Burgmann, mein einziger Freund und engster Vertrauter, ließ mich mal wieder wissen, dass ich beileibe kein schöner Mann war. Dank diverser kahler Stellen auf meinem Haupt hatte ich mich dazu entschlossen, meine Haare gänzlich abzurasieren.

Ich trug eine Brille – Kontaktlinsenunverträglichkeit –, und mit meinen 1,74 Metern war ich blöderweise auch kein Hüne. Wenn man es aus allen zur Verfügung stehenden Blickwinkeln betrachtete, konnte man mich am besten mit einer grauen Maus vergleichen. Ich ging in der großen Masse einfach unter. Wer mich sah, vergaß mich wenige Augenblicke später wieder, tilgte mich als unbedeutend aus seinem Kurzzeitgedächtnis.

Winni hingegen war ein Adonis. Er war das Ebenbild eines griechischen Gottes. Ein kleines Lächeln seinerseits trieb beinahe jede Frau an den Rand einer Ekstase. Er war der Zauberer der Verführung, der Magier des One-Night-Stands, der Meister der Wollust. Und darüber hinaus seit über zwanzig Jahren mein bester, weil einziger Freund. Wir hatten gemeinsam studiert, das eine oder andere Abenteuer erlebt und waren nun Partner in unserer eigenen Kanzlei.

Ich hatte das goldene Gehirn, er das hübsche Gesicht. Mir gehörten 65 Prozent, ihm die restlichen 35. Ich arbeitete die Verträge aus, entwarf die Schlachtpläne, schuf die Voraussetzungen für eine Firmenübernahme. Er repräsentierte unsere Kanzlei medienwirksam und zog die Menschen dank seines guten Aussehens sowie seiner Redegewandtheit auf unsere Seite.

»Trotzdem! Die ist mir zu fad. Das ist gemeine, langweilige Hausmannskost. Ich will aber eine Delikatesse. Sie soll was ganz Besonderes sein, so wie ich«, sagte ich und wusste im selben Moment, dass ich Winni gerade eine Steilvorlage für Spott und Hohn gegeben hatte.

»Du meinst bestimmt so eine wie die da«, sagte er und verzog seine Kussmund-Lippen zu einem wissenden Lächeln.

Mein Blick folgte seinem muskulösen Unterarm, den er lässig in Richtung der Eingangstür streckte. Mein Herzschlag setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus. Dann galoppierte es wieder los, pumpte Adrenalin, Endorphine und Glückshormone durch meine Venen.

Jaja, ich weiß genau, was Sie jetzt denken! Zu meiner Ehrenrettung möchte ich jedoch erwähnen, dass ich noch nie, ich betone: noch nie mit meinem Hermann gedacht habe. Ich bin ein knallharter Realist. Denke mit mathematischer Präzision und verfügte über die Gabe, meine Gefühle jederzeit und an jedem Ort vollständig auszublenden.

Doch dem Zauber dieses Augenblickes konnte ich mich einfach nicht entziehen. Ich erlag ihm wie eine Motte, die mit weit ausgebreiteten Flügeln dem tödlichen Tausend-Watt-Strahler entgegenflog.

Wie soll ich Ihnen nur beschreiben, welch einzigartiges Bild meine Sehnerven in mein Gehirn projizierten? Wie nur kann ich Ihnen – mit meinem ungeübten, poesiebefreiten Wortschatz – die sinnliche, atemberaubende Ausstrahlung meiner Charly veranschaulichen?

Was ich dort in der Tür sah, verschlug mir einfach den Atem, trieb meinen Puls in schwindelerregende Höhe, verjagte jegliche Logik aus meinen umhertollenden Gedanken.

Doch das – so glaube ich jedenfalls – habe ich bereits vor ein paar Sekunden in ähnlicher Form schon einmal erwähnt, oder?

Egal! Ich saß also in diesem bequemen, aus Büffelleder gefertigten Clubsessel und starrte voller Faszination auf die Kehrseite einer Frau. Ihr blondes Haar war seitlich kurz geschoren, während das restliche, gut 15 Zentimeter lange Deckhaar nach allen Seiten wild abstand. Sie trug ein weißes, fast rückenfreies Neckholder-Top, das einen Hauch über dem Ansatz ihrer schwarzen Designer-Jeans endete. Eine kleine Gucci-Handtasche baumelte lässig von ihrer sonnengebräunten Schulter und ihre Füße steckten in bequem aussehenden Leinenschuhen mit einer flachen Sohle.

Nichts Besonderes, mögen Sie jetzt denken. Eine Frau in Jeans, mit Leinenschuhen, Gucci-Handtasche und rückenfreiem Top. So was findest du im Sommer an jeder Straßenecke.

‹Weit gefehlt›, kann ich da nur sagen! Es war das Gesamtbild ihrer Erscheinung, das mich unwiderruflich in ihren Bann zog. Ihre sonnengebräunte Haut, ihre stolze, aufrechte Haltung, ihr schlanker Hals, ihre wohlgeformten Hüften und der schönste Popo, den Sie sich vorstellen können.

Diese Frau war, obwohl ich sie noch nicht von vorn gesehen hatte, das perfekte Ebenbild meiner Träume. Ich wusste intuitiv, dass mich, wenn sie sich umwandte, ein schönes Gesicht, knackige Brüsten und ein flacher Bauch erfreuen würden.

»Winni … Winni!«

»Ja, Kumpel?«

»Das, das, das … ist meine Traumfrau«, stammelte ich entgeistert und fühlte ein wildes Pochen in meinen Lenden.

»Häh? Du hast die Alte ja noch nicht einmal von vorn gesehen. Vielleicht ist sie so hässlich wie die Nacht. Oder hat ´ne fette Warze im Gesicht, schlechte Zähne oder Hängetitten.«

»Hat sie nicht!«

»Woher willst du das wissen? Bist du jetzt auch unter die Hellseher gegangen?«

»Quatsch, Winni. Ich weiß es einfach. Schau sie dir doch an. Hast du schon einmal so eine hübsche Frau gesehen? Ich meine, schau dir doch nur einmal ihre Haut an. So braun, so zart, so einmalig sanft.«

»Und das siehst du alles auf zehn Metern Entfernung. Mann, Tobias, wann hattest du denn deinen letzten Fick? Ist schon ´ne Weile her, oder?«

»Du weißt genau, dass ich die letzten Wochen wie ein Verrückter geschuftet habe. Meinst du, die Arbeit im Büro erledigt sich von allein? Auf dich kann ich ja nicht zählen!«

»He, du hast deinen Job und ich meinen. Komm mir also nicht so! Sex ist keine Sache der Zeit. Du kannst es überall und zur jederzeit treiben. Siehst du die Blonde da drüben? Mit der habe ich es gestern hier im Klo getrieben.«

»Echt jetzt?«

»Wenn ich’s dir sage! Die hat so laut gestöhnt, dass die Typen an der Bar einen Ständer bekommen haben.«

»Herrje, Winni, das ist ja ekelhaft! Denkst du vielleicht auch hin und wieder an den guten Ruf unserer Kanzlei?«

»Na, du bist gut. Ich leihe mir nur für ´ne halbe Stunde die Frau eines anderen Mannes aus. Du hingegen nimmst ihm die Firma, schaufelst sein Grab und ziehst ihm noch das Geld für seine Beerdigung aus der Tasche. Jetzt erzähl mir noch einmal was von Moral und Anstand.«

»Das ist doch nicht miteinander vergleichbar.«

»Ist es wohl.«

»Nein! Du vergleichst Äpfel mit Birnen. Das eine ist mein Job. Unsere Kunden bezahlen dafür viel Geld. Geld, von dem du auch ganz gut leben kannst. Da ist moralisch nichts Verwerfliches dabei.«

»Nichts Verwerfliches? Mann, wir klauen Tausenden von kleinen Arbeitern den Job. Mich belastet das schon. Darum lenke ich mich mit Sex ab. Solltest du auch mal probieren!«

»Mich interessieren diese Untermenschen aber nicht. In unserem«, ich krümmte beide Zeigefinger, »Sozialstaat verhungert niemand. Wer am Ende der Nahrungskette steht, muss eben fressen, was er vorgesetzt bekommt.«

»Manchmal bist du ein richtiges Arschloch. Weißt du das?«

Ich zuckte gelangweilt mit den Schultern. Winnis soziale Ader ging mir gewaltig auf die Nerven. Ich stammte aus einer Arbeiterfamilie. Vater Maurer, Mutter Putzfrau. Mir brauchte niemand etwas zu erzählen. Ich hatte mich nach oben gekämpft. Hatte während des Studiums wie ein Wilder geschuftet und einen Nebenjob nach dem anderen gehabt.

Winni hingegen wurde von seinem Opa ausgehalten. Der alte Tattergreis hatte ein Vermögen mit Immobilien und Grundstückspekulationen verdient, liebte seinen Enkel abgöttisch und gewährte ihm ein großzügiges monatliches Salär.

»Hilf mir bitte! Hol sie an unseren Tisch! Ich muss sie unbedingt kennenlernen«, sagte ich und konnte die Augen nicht von ihr lassen.

»Hast du ´nen Knall. Schau dir den Typen an, bei dem sie steht. Der macht aus mir Hackfleisch«, protestierte Winni, schüttelte energisch den Kopf und presste die Lippen trotzig aufeinander.

»Na, und? Wir sind Rechtsanwälte. Wenn er dir wehtut, verklagen wir ihn.«

»Toll.«

»Es ist wirklich wichtig für mich. Bitte, Winni … geh zu ihr, lass deinen Charme spielen! Lad sie auf ein Gläschen Champus ein!«

Seufzend stemmte sich mein Freund aus dem Büffelleder-Clubsessel, warf einen prüfenden Blick in die spiegelnde Glasplatte des Tisches und schnaufte verächtlich: »Dafür schuldest du mir was.«

»Klar!«

»Das wird nicht billig. Und wenn mich der Typ anrührt …«

»… dann verklag ich ihn. Ich mach ihn fertig, nehme ihm alles, was er hat, und sorge dafür, dass er ins Gefängnis wandert«, versprach ich vollmundig.

In diesem Augenblick geschah es. Meine Charly – damals wusste ich natürlich noch nicht ihren Namen – drehte sich herum, blickte sich suchend um, lächelte kurz und kam in unsere Richtung gelaufen.

Eine Frau am Nachbartisch hob grüßend ihre Hand, winkte meiner Angebeteten mit fuchtelten Finger hektisch zu.

»Setz dich!«

»Was?«

»Du sollst dich wieder hinsetzten.«

Winni, der noch immer fasziniert in sein eigenes Spiegelbild starrte, glotzte mich verständnislos an, ließ sich dann aber bereitwillig in seinen Sessel zurückplumpsen.

Mein Blick haftete an der engelsgleichen Erscheinung, die mit wogenden Hüften auf unseren Nachbartisch zusteuerte. Ihr fein geschnittenes Gesicht, das vollkommen symmetrisch war, verzog sich zu einem atemberaubenden Lächeln.

Keine hässliche Warze! Keine schiefen Zähne! Keine Hängetitten!

Sie war … perfekt! Eine absolute Schönheit, die es nicht nötig hatte, sich über Gebühr aufzubrezeln oder zu schminken. An ihr wirkte einfach alles echt, entspannt und natürlich.

Kennen Sie das? Haben Sie so etwas schon einmal erlebt? Ich rede hier von Liebe auf den ersten Blick. Von der Gewissheit, den Menschen getroffen zu haben, dem man sein Herz für alle Zeit schenken möchte.

Nein, ich meine nicht einfach nur Liebe. Ich spreche hier von der Liebe schlechthin. Von dem Gefühl, in einen Rausch zu verfallen und nie wieder nüchtern werden zu wollen.

So empfand ich in diesem Moment. Ich, Tobias Schlierenbeck, Anwalt und Menschenhasser, war bis über beide Ohren in diese mir unbekannte Frau verliebt. Ich hörte die himmlischen Posaunen eine Fanfare blasen, stellte mir vor, mit dieser Frau, diesem engelsgleichen Geschöpf, wie im Film Titanic ganz vorne an der Reling zu stehen und die atemlose Freiheit, die Macht der Liebe zu spüren.

»Wow, das ist ja echt ´ne Zehn-Punkte-Frau«, keuchte Winni neben mir ergriffen.

Mein Blick wanderte hektisch zwischen ihm und dieser Traumfrau hin und her.

»Wenn du sie anmachst, kastrier ich dich. Ich schwör dir, bei allem was mir heilig ist, das würdest du für den Rest deines Lebens bereuen«, ereiferte ich mich.

»Du würdest mir wegen der da die Freundschaft kündigen?«, fragte Winni ungläubig und verzog sein Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse.

Mein Blick schmiegte sich noch immer an ihre sanften Rundungen. Ich spürte mein wildes, rasendes Herz, spürte das Verlangen nach Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit in mir aufsteigen.

»Ja, Winni! Die kriegst du nicht. Wenn du sie anlangst, waren wir die längste Zeit Freunde. Sie ist ein Juwel, ein Diamant, ein Smaragd. Sie ist alles, wovon ich je zu träumen gewagt habe. Wenn dir unsere Freundschaft etwas wert ist, wirst du die Finger von ihr lassen.«

Winni grinste anzüglich, schaute noch einmal zu meiner Charly hinüber und sagte dann mit aalglatter Stimme: »Klar! Kein Problem. Sie gehört dir. So hübsch ist sie nun auch wieder nicht.«

Dass ich damals auf die zweitgrößte Lüge meines Lebens hereingefallen war, wusste ich natürlich noch nicht. Doch heute, drei Jahre später, kommen mir diese Sätze wie Hohn vor.

Warum?, fragen Sie sich jetzt. Habe ich was verpasst?

Keine Angst, ich werde es Ihnen schon noch erklären. Sie müssen mir nur weiter zuhören.

Der Anfang vom Ende

Ja, so war das damals. An diesem Abend sah ich meine Charly zum allerersten Mal.

Liebe auf den ersten Blick.

Wenn ich heute darüber nachdenke, war es der Anfang von meinem Ende. Es war der Anfang einer nicht enden wollenden Lüge. Der Anfang eines perfiden Plans, geschmiedet von zwei kranken, zu allem entschlossenen Hirnen.

Aber das – so bilde ich mir jedenfalls ein – konnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht erahnen.

Wir, Winni und meine Wenigkeit, saßen also am Nachbartisch und lauschten, Winni gelangweilt, ich voller Faszination, der leise geführten Unterhaltung unserer Tischnachbarinnen. Wer diese zweite, recht unscheinbar wirkende Frau war, habe ich leider nie herausgefunden. Es hat mich damals nicht interessiert. Sie war in meinen Augen ein unbedeutendes Subjekt, mit dem man seine Zeit nicht vergeuden sollte. Mir ist immer noch nicht klar, welche Rolle sie in diesem Spiel innehatte. Ich bin ihr nie wieder begegnet.

Doch ich greife voraus. Das ist an diesem Zeitpunkt noch nicht von Belang.

Haben Sie Hunger? Sie sitzen ja schon eine Zeitlang an meinem Bett. In der obersten Schublade müsste eine Packung mit Keksen liegen. Meine Mutter hat sie mir bei ihrem letzten Besuch mitgebracht und dort verstaut.

»Hallo Schatz, ich habe dir deine Lieblingskekse mitgebracht. Du weißt schon. Die Soft Cakes, die mit der Orangenfüllung.«

Fast hätte sie es mit diesen wenigen hirnlos dahingeworfenen Sätze geschafft. Mein Geist brüllte auf und versuchte, aus dem Mantel meines Schlafkomas auszubrechen. Ich war beseelt von dem Wunsch, aus dem Bett herauszuspringen, meine Mutter an ihrem dürren, faltigen Hals zu packen und ihr die Luft aus den Lungen zu pressen.

Haben Sie schon einmal so einen Mist gehört?

Ich liege im Wachkoma. Abgeschoben in ein Pflegeheim. Werde künstlich ernährt und alle zwei Tage von einem Pfleger gewaschen. Und meine Mutter bringt mir eine Packung dieser leckeren Soft Cakes mit.

Herrje, wie dumm kann ein Mensch denn eigentlich sein?

Wo waren wir?

Genau!

Ich lauschte voller Faszination der liebreizenden Stimme meiner neu auflodernden Liebe. Sie saß – mir ihr Halbprofil zuwendend – keinen Meter von mir entfernt. Ich hätte nur meine Hand ausstrecken müssen, um ihre samtweiche, schokobraune, faltenlose Haut zu berühren.

Ich roch den süßlichen Duft ihres betörenden Parfüms und schaute voller kindlicher Entzückung auf ihre spielerisch gestikulierenden Hände.

Alleine der Gedanke, was diese zarten Finger mit meinem Körper alles anstellen könnten, trieb mir den Lustschweiß auf die Stirn. Ließ mein Glied schmerzhaft anschwellen und beraubte mich meines Verstandes.

»Entschuldigen Sie bitte. Wir haben Ihr Gespräch eher zufällig mitangehört«, hörte ich Winni sagen und schreckte aus meinen Tagträumen auf.

Er stand an unserem Nachbartisch und streckte – ganz seriöser Geschäftsmann – meiner Angebeteten seine rechte Hand entgegen.

»Wir«, er zeigte auf mich, »sind Rechtsanwälte. Vielleicht können wir Ihnen bei Ihrem …«, er legte gekonnt eine kurze Redepause ein und tat so, als suche er nach den passenden Worten, »… unangenehmen Problem behilflich sein.«

Seine sehnige Hand schwebte noch immer, zu einem ersten Händeschütteln bereit, in der Luft. Doch Charly ergriff sie nicht. Sie stützte sich auf die Armlehnen ihres Sessels – ich bewunderte das Spiel ihrer Rückenmuskulatur – und schaute zuerst in meine Richtung.

Ein flüchtiges, nur angedeutetes Lächeln, küsste für einen winzigen Moment ihre sinnlich geschwungenen Lippen, während mich ihre eisblauen Augen interessiert musterten.