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Was tue ich hier ...? Diese Frage stellt sich Tom Bender, als er mitten in der Nacht in das Haus seiner Nachbarn eindringt und versucht diesen zu helfen. Doch seine Zivilcourage wird nicht belohnt und er wird selbst zum Opfer, der skrupellosen Einbrecher. Als er Stunden später in einem Krankenhaus erwacht, kann er sich an das Verbrechen kaum noch erinnern. Nach und nach erfährt er alle Einzelheiten und beschließt gemeinsam mit seiner Frau Mia und zwei Freunden den heimtückischen Mord an seinen Nachbarn aufzuklären. Doch schnell stellt sich heraus, dass deren Ermordung mehr Fragen als Antworten aufwerfen und die Polizei noch immer in völliger Dunkelheit tappt. Als sich dann noch der Bruder des getöteten Einbrechers einschaltet und auf Rache sinnt, überschlagen sich die Ereignisse. Ein mörderischer Wettlauf beginnt, in dessen Verlauf Tom Bender und seine Familie zwischen die Fronten geraten und zum Mittelpunkt in einem tödlichen Spiel aus Lügen, Intrigen und Hass werden …
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Michael Bardon
Mörderische Nachbarn
Tom Benders erster Fall ...
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Wer mir einen Helden zeigt, dem zeige ich eine Tragödie.
F. Scott Fitzgerald (1896-1940)
amerikanischer Schriftsteller
Lektorat: Nina Thoma
Korrektorat: Michael Lohmann
Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.
Es war eine klare, warme Sommernacht. Das fahle Mondlicht leuchtete das Schlafzimmer in Silber- und Grautönen aus. Ein leichter Windhauch wehte durch das offene Fenster herein, ließ den Vorhang sanft hin- und hergleiten und streifte mit kühler Hand über meine Schulter. Schlaftrunken rieb ich mir über die Augen. Ich gähnte herzhaft, setzte mich im Bett auf und überlegte, was mich aufgeweckt haben könnte. Waren das eben laute Stimmen?
Quatsch, dachte ich, wer sollte hier schon mitten in der Nacht lauthals herumkrakeelen?
Wahrscheinlich war unser Kater July auf seinem nächtlichen Streifzug mit einer anderen Katze aneinandergeraten. Die Schreie kämpfender Katzen hörten sich ja oft wie das Weinen eines Kindes an. Mit angehaltenem Atem lauschte ich in die Stille der Nacht. Doch alles schien ruhig. Nicht der kleinste Laut drang von draußen herein.
»Seltsam«, murmelte ich und drehte mich zu meiner Frau herum. Mia lag halb aufgedeckt neben mir und schlief friedlich und völlig entspannt. Im Mondlicht schimmerte ihr blondes Haar samtig und ihre braune Haut hatte einen seidenen Glanz. Ich blickte hinüber zum Wecker. Auf der blau leuchtenden Digitalanzeige stand 3.17 Uhr.
Mitten in der Nacht, noch viel Zeit bis zum Aufstehen. Hätte ich gewusst, dass sich unser Leben in den nächsten Sekunden völlig verändern würde, dann hätte ich diesen Augenblick des Glücks und der Zufriedenheit richtig genossen. Ich schaute noch einmal kurz zum Fenster, schloss meine Augen und versuchte, wieder einzuschlafen. Als ich gerade dabei war, in die Welt der Träume herüberzugleiten, rissen mich laute Stimmen zurück in die Wirklichkeit. Dann folgte, fünf Sekunden später, ein klirrendes Geräusch. Neben mir zuckte Mia zusammen und setzte sich im Bett auf.
»Was ist los?«, fragte sie und rieb sich verschlafen die Augen. Keine Ahnung, wollte ich sagen, doch ein lauter Schrei und ein Schuss schnitten mir das Wort ab. Erschrocken blickten wir uns an. Mia runzelte die Stirn und flüsterte: »Wer schießt denn hier nachts in der Gegend herum? Hat sich angehört, als wäre es drüben bei Tim und Maria, oder?«
»Dasselbe habe ich auch gerade gedacht«, rief ich irgendwie alarmiert und sprang aus dem Bett. Mit raschen Schritten ging ich zum Fenster und spähte zu unseren Nachbarn hinüber. Im schwachen Licht der Mondsichel sah ich eine schemenhafte Gestalt auf der Terrasse stehen. Mein Freund und Nachbar Tim Schmidtke konnte es nicht sein. Die Person war sicherlich ein bis eineinhalb Köpfe größer als er. Ein Hund bellte angriffslustig und mehrere Rollläden ruckelten geräuschvoll nach oben.
»Ruf die Polizei an, Schatz!«, stieß ich aufgeregt hervor und zog mir aus dem begehbaren Kleiderschrank eine kurze Sporthose. Ich blickte mich um. Wo um alles in der Welt hatte ich gestern Abend nur meine blöden Schuhe hingeworfen?
»Was hast du vor, Tom? Du wirst jetzt aber nicht da rausgehen, das ist viel zu gefährlich! Irgendein Verrückter ballert da draußen rum … was kannst du schon gegen den ausrichten?«, rief meine Frau und zeigte dabei aus dem Fenster. Ich schüttelte den Kopf. Jetzt war wirklich keine Zeit für endlose Diskussionen, ich musste meinen Freunden helfen!
»Ruf endlich die Polizei an!«, sagte ich gefährlich leise und rannte ohne meine Schuhe los. Ich hatte das Schlafzimmer bereits verlassen, als ich Mia rufen hörte: »Pass auf dich auf, Schatz!«, und dann noch: »Hallo … hallo Polizei, kommen Sie bitte schnell. Hier schießt jemand bei unseren Nachbarn herum. Unsere Adresse ist …«
Ich flitzte die hölzerne Treppe hinunter und schnappte mir im Vorbeirennen den Baseballschläger, den mein Sohn Phil wieder einmal aus Faulheit stehen gelassen hatte. Wo waren nur diese verdammten Laufschuhe?
»Scheiß drauf, keine Zeit!«, knurrte ich und nahm den nächsten Treppenabsatz ins Erdgeschoss. Unsere Haustür ist grundsätzlich nie abgeschlossen. Natürlich kann man sie nicht einfach von außen öffnen, aber wir schließen sie eben nicht ab. Wir leben in einem ruhigen kleinen Städtchen. Und Einbrecher gibt es sowieso nur im Fernsehen oder woanders, behauptet meine Frau jedenfalls immer.
Bisher hat sie ja auch recht gehabt, dachte ich, riss die Haustür auf und rannte hinaus. Doch schon eine Sekunde später jagte mir ein Gedanke durch den Kopf, und ich fragte mich: Was mache ich hier? Ein Baseballschläger gegen eine Schusswaffe? Ist das wirklich dein Ernst?
Natürlich, wenn man Rambo oder Bruce Willis heißt, ist das eine recht akzeptable Waffe. Aber in meinem Fall? Ich war ein ganz gewöhnlicher Lehrer und unterrichtete Sport, Geschichte und Deutsch. Gut, ich hatte einen trainierten Körper und fühlte mich fit und stark. Aber reichte das wirklich aus?
Zweifel und Angst schlichen sich in mein Bewusstsein, und mein Herz begann wie wild zu schlagen.
»Mach dir erst einmal ein Bild von der Lage und verschaffe dir einen Überblick«, brummte ich leise vor mich hin.
Gehetzt blickte ich mich um und versuchte, etwas zu erkennen. Bis zum Grundstück meines Nachbarn Tim Schmidtke waren es noch gute fünfundzwanzig Meter. Rechts von mir stand unsere Rattan-Sitzgruppe zwischen weiß- und lilafarbenen Sträuchern. Weiter vorne kamen die Doppelgarage und dann noch ein gutes Stück Rasen. Der Zaun zum Nachbargrundstück war mit weiteren Grünpflanzen zugestellt. Sie versperrten mir die sowieso schon geringe Sicht in der Nacht, und ich konnte nicht erkennen, was dahinter vor sich ging.
Verdammte Pflanzen!, dachte ich und hatte die Worte meiner Tochter Julia im Ohr.
»Ihr seid Pflanzen-Messies!«, schimpfte sie regelmäßig, wenn sie abends die vielen Blumen, Sträucher und Palmen gießen musste.
Ein weiterer Schuss durchschnitt die Ruhe wie ein Peitschenhieb und ließ mich heftig zusammenzucken. Sofort setzte das Gekläffe der Hunde wieder ein – ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich vergaß jegliche Vorsicht, rannte los und setzte mit einem Sprung, über den gut neunzig Zentimeter hohen Holzgartenzaun. Meine Gedanken rasten mit meinem Atem um die Wette. Wie sollte ich bloß in das Haus meiner Freunde gelangen? Alle Rollläden, die ich sehen konnte, waren heruntergelassen und, wie ich wusste, von innen gesichert.
Tim und Maria hatten ein extrem starkes Bedürfnis nach Sicherheit - sie verbarrikadierten ihr Haus abends regelrecht. Ein grotesker Gedanke schlich durch meinen Kopf; ich fragte mich, ob ihnen das heute Nacht zum Verhängnis werden würde? Ich dachte an die vier Kellerfenster, zwei vor und zwei hinter dem Haus. Aber auch die waren aus dreifachem Verbundglas und natürlich absolut einbruchsicher.
»Mein Haus ist so sicher wie eine Burg im Mittelalter«, hatte Tim immer mit Stolz behauptet.
Wo zum Teufel blieb nur die Polizei? Hektisch schaute ich auf meine Armbanduhr. Der grünleuchtende Zeiger sprang gerade auf 3.21 Uhr, während ein dritter Schuss durch die Nacht hallte.
Mein Herz schaltete in den Hochgeschwindigkeitsmodus und pumpte Adrenalin bis in die kleinste Faser meines Körpers. Noch eine Ecke und ich hatte das verdammte Haus meiner Freunde komplett umrundet. Nichts. Nirgendwo ein eingeschlagenes Fenster und die Haustür stand natürlich auch nicht offen. Meine Verzweiflung wuchs mit jedem Schritt, den ich zurücklegte. Als ich zum zweiten Mal um das Haus herumspurten wollte, trat ich im feuchten Gras auf etwas Kaltes und stolperte, wild mit den Armen rudernd, nach vorne. Ein heftiger Schmerz jagte durch meinen linken Fuß, und ich sah den Boden wie in Zeitlupe auf mich zukommen. Aus einem Reflex heraus ließ ich den Baseballschläger fallen und fing den Sturz mit den Händen ab.
»Verfluchter Mist!«, stöhnte ich, rollte mich auf den Rücken und hielt mir den schmerzenden Fuß. Ratlos blickte ich mich um und sah im silbernen Mondlicht einen Gitterrost im Gras liegen.
»Das Ding gehört doch auf einen Kellerlichtschacht«, keuchte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich brauchte ein paar Sekunden, bevor mein Gehirn alle Fakten richtig sortiert hatte. Naja, es war mitten in der Nacht, ich fühlte mich ein wenig gestresst und hatte, das muss ich zugeben, auch ein klein wenig Angst. Vielleicht konnte ein erfahrener Polizist in solch einer Situation logisch denken, mir jedenfalls fiel es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Der offene Schacht, auf den der Rost gehörte, war knapp einen Meter von mir entfernt. Langsam ging ich in die Hocke und versuchte etwas in dem schwarzen Loch zu erkennen. Nichts zu sehen. Alles dunkel, alles still! Ich starrte in den schwarzen Schacht und überlegte fieberhaft, was ich nun tun sollte. Nachdenklich wischte ich meine taunassen Hände an der Sporthose ab und suchte im Gras nach dem Baseballschläger. Hektisch, viel zu schnell, überflog ich die nähere Umgebung.
»Der musste doch hier irgendwo liegen? Soweit kann das blöde Ding doch nicht geflogen sein?«, murmelte ich leise vor mich hin.
Ich begann schon an mir zu zweifeln, als ich endlich etwas Weißes mit einem rotgelben Schriftzug im feuchten Gras liegen sah. Ich atmete einmal tief durch, griff mir den Schläger und kletterte vorsichtig in den Kellerlichtschacht. Das Fenster mit der dreifachen Verbundglasscheibe, das laut Tim absolut schlagfest und einbruchsicher war, stand weit offen.
Super Qualität!, dachte ich und zwängte mich stöhnend durch den kleinen Fensterrahmen. Bleierne Dunkelheit umhüllte mich und nahm mich für einen kurzen Moment gefangen. Ich stand einfach nur da, lauschte und versuchte die Schmerzen in meinem pochenden Fuß zu ignorieren. Sekunden verrannen, ehe sich meine Augen an das schummrige Licht im Keller gewöhnt hatten. Ich kniff meine Lider zusammen und konnte links von mir eine offenstehende Tür ausmachen. Langsam schlich ich auf sie zu und sucht dabei mit den Händen voraus nach möglichen Hindernissen. Von oben drangen Kampfgeräusche, ein leises Stöhnen und das verzweifelte Weinen eines Kindes zu mir herunter. In meiner Fantasie spielten sich über mir die schrecklichsten Dinge ab. Doch die Realität konnte noch viel schlimmer und grauenvoller sein als unsere Fantasie. Das wurde mir ein paar Augenblicke später in aller Deutlichkeit bewusst.
Mit dem Rücken an der rauen Betonwand der Kellertreppe entlang schlich ich in das Erdgeschoss. Vorsichtig blickte ich durch einen kleinen Flur direkt in die große Wohnküche. Vereinzelte kleine Deckenstrahler erzeugten ein diffuses Halbdunkel und warfen seltsam aussehend Schatten an die Wände und auf den Boden. Für einen kleinen Augenblick herrschte gespenstige Stille, dann hörte ich wieder das verzweifelte Aufschluchzen eines Kindes. Mein Herz schlug bis zum Hals, und ich hatte Mühe, meine aufkommende Panik zu kontrollieren. Ich riskierte einen zweiten Blick und sah etwa vier Meter von mir entfernt die elfjährige Tochter meines Freundes auf dem Küchenboden liegen. Eine erschreckend große Blutlache breitete sich von ihrem Kopf ausgehend immer weiter aus. Ihre leeren, toten Augen blickten anklagend in meine Richtung. Ich war fassungslos, zutiefst schockiert! Wer konnte einem Kind nur so etwas antun? Was für ein Monster befand sich in diesem Haus? Oder gab es vielleicht sogar mehr als eines?
In meiner Jugend hatte ich ein paar Jahre Karate trainiert und natürlich auch die eine oder andere Schlägerei hinter mich gebracht. Ich war bestimmt kein Hasenfuß, aber das hier war mit nichts zu vergleichen, was ich bis jetzt erlebt hatte. Das hier war ein Albtraum, ein viel zu realer Horrorfilm. Und ich war mittendrin und fühlte mich total überfordert. Langsam begann sich in mir ein Gedanke in den Vordergrund zu drängen, und ich sah ihn wie eine Neonreklame vor meinen geistigen Augen aufleuchten.
Du musst aufhören zu denken und endlich handeln!
Ich hob den Baseballschläger auf Schulterhöhe und trat zwei Schritte in die Küche hinein. Meine Muskeln zitterten unkontrolliert, ein dünner Schweißfilm bedeckte meinen Körper. Ein süßlicher und zugleich bitterer Geruch lag in der Luft. Es roch nach Blut, Urin und Tod. In diesem Moment gab ich mir ein Versprechen. Wer immer das getan hatte: Diesen Mörder würde ich nicht entkommen lassen. Die Angst wich von mir, Hass nahm mich in Besitz. Mein Denken wurde zur Einbahnstraße und ging nur noch in eine Richtung. Rache, Vergeltung, gerechte Strafe. Keine Festnahme, keine Verhandlung vor Gericht. Es wird hier enden. Und es wird böse.
Mit energischen Schritten durchquerte ich die Küche und gelangte in das angrenzende Wohnzimmer. Mein Blick kreiste einmal durch den Raum. Links die Couch mit diesen hässlich geblümten Kissen. Mittig ein Tisch, davor zwei umgekippte Stühle. Rechts die massive Schrankwand aus irgendeinem exotischen Holz und in der Ecke schräg gegenüber eine kleine Gestalt. Sie kauerte weinend vor einer großen Palme, gleich neben dem 42-Zoll-Flachbildfernseher.
Mein Gott, das ist Leon, dachte ich erleichtert. Er saß zusammengekauert wie ein Hundewelpe auf dem Boden, weinte leise und zitterte am ganzen Körper. Oh Gott, was sollte ich jetzt tun? Sollte ich zuerst Leon in Sicherheit bringen oder weiter nach der Bestie im Haus suchen? Ich überlegte fieberhaft und mir war vollkommen klar, dass ich keine Zeit zu verschenken hatte. Im Bruchteil einer Sekunde versuchte ich, die richtige Entscheidung zu fällen. Doch noch bevor ich mich festlegen konnte, hörte ich ein gedämpftes Rufen.
»Dad, Dad!« Mein Sohn musste irgendwo vor dem Haus stehen und aus Leibeskräften schreien. Das war die Lösung, nach der ich so fieberhaft gesucht hatte! Behutsam kniete ich mich nieder, schaute dem kleinen Leon in die Augen und versuchte ihn mit sanfter Stimme zu beruhigen.
»Hi Leon, ich bin’s, Tom«, sagte ich leise. »Erkennst du mich? Keine Angst, jetzt wird alles gut. Ich bin bei dir und pass auf dich auf. Das ist alles nur ein Spiel, nur ein Spiel.«
Leon hob zögerlich den Kopf und sah mich aus großen, rot verweinten Augen an.
»Komm, mein Kleiner, ich bring dich jetzt zu Phil nach draußen. Der wartet da auf dich«, flüsterte ich leise und streichelte ihm sanft über das Haar. Dann nahm ich ihn fest in meine Arme und schlich vorsichtig durch den Flur zur Haustür. Ich wusste, dass gleich links in Kopfhöhe ein Schlüsselbord an der Wand hing. Tim und ich hatten es im letzten Herbst gemeinsam dort angebracht. Er zeigte es jedem, mit den Worten: „Das hat meine Tochter Paula im Werken gemacht und dafür eine Eins bekommen“. Stolz, wie ein Vater nur sein konnte und mit einem leicht dümmlichen Grinsen, deutete er dann stets mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das hässliche Ding aus Ton. Mit Leon auf dem Arm tastete ich im Dunkeln die Haken an dem Schlüsselbord ab.
Von draußen schrie Phil immer wieder: »Dad, Dad«, und hämmerte nun auch noch gegen die Haustür.
Na, wenigstens klingelt er nicht, dachte ich grimmig. Das würde mir gerade noch fehlen in meiner Situation.
Endlich bekam ich einen Schlüsselbund zu fassen. Mit einem kleinen Glücksschrei riss ich ihn vom Haken und stellte mich ganz dicht vor die Glasscheiben der Haustür. Im einfallenden Mondlicht versuchte ich den passenden Schlüssel am Bund zu finden. Ich fingerte nach einem blauen Schlüssel, denn ich wusste, dass dieser an der Haustür passte. Mit zitternden Fingern bemühte ich mich, die vielen Schlüssel zu sortieren.
Rot, Garage. Grün, Gartentor. Gelb, keine Ahnung. Silber, weiß ich auch nicht! Das konnte doch nicht wahr sein, wo war nur dieser blaue Schlüssel?
Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich endlich die passende Farbe. Gerade als ich den Schlüssel in den Zylinder stecken wollte, hörte ich hinter mir ein lautes Krachen. Erschrocken wirbelte ich herum und blickte gehetzt in den dunklen Flur. Doch kein Angreifer stürzte aus der Dunkelheit auf mich zu. Nein, das hässliche, gebastelte Schlüsselbrett war heruntergefallen und in viele Teile zerbrochen. Nervös lauschte ich auf die Geräusche im Haus. War der Mörder der kleinen Paula durch den Krach auf mich aufmerksam geworden? Unschlüssig stand ich da und wartete wertvolle Sekunden auf eine Reaktion.
Mein Blick zuckte hektisch umher. Ich musste endlich diese verdammte Tür aufschließen, bevor Phil mit seinem Geschrei den Einbrecher doch noch auf mich aufmerksam machte. Den Haustürschlüssel in dem Schließzylinder versenkt, drehte ich ihn rechts herum. Einmal, zweimal, dreimal.
»Scheiße, wann geht diese Tür denn endlich auf?«, fluchte ich ungeniert und spürte, wie mir der Schweiß aus allen Poren lief. Endlich hörte ich das Klicken, zog mit aller Kraft an der Klinke und blickte in das angstverzerrte Gesicht meines Fünfzehnjährigen. Sein Gesicht war kalkweiß und seine braunen Augen unnatürlich weit aufgerissen.
»Was … was ist denn los?«, wollte er mit zitternder Stimme von mir wissen.
»Ich bin dir gefolgt und hab dich in den Keller …«
Mit einer Handbewegung schnitt ich ihm das Wort ab. »Schnapp dir Leon und renn so schnell du kannst nach Hause«, flüsterte ich ihm zu. »Verrammelt alles, bleibt um Himmels willen von den Fenstern weg und kommt erst aus dem Haus, wenn die Polizei da ist.«
Polizei, genau … Wo blieben diese verdammten Polizisten?
Nervös blickte ich auf meine Armbanduhr. 3.27 Uhr. Ungefähr zehn Minuten, seit Mia den Notruf abgesetzt hatte. In der Ferne hörte ich ganz schwach das Heulen einer Polizeisirene.
»Gott sei Dank. Hörst du das auch? Sie sind gleich da«, sagte ich und gab meinen Sohn einen Klaps auf den Rücken.
»Lauf Phil! Bring dich und den Zwerg in Sicherheit!« Mit einem letzten verzweifelten Blick drehte sich mein Sohn herum und lief mit Leon auf dem Arm endlich los. Gebannt schaute ich ihnen hinterher, bis sie durch unser Hoftor in der Dunkelheit verschwunden waren. Zitternd vor Anspannung stand ich noch für einen Moment in der offenen Tür und versuchte meine flatternden Nerven unter Kontrolle zu bekommen. Die Polizeisirenen hallten durch die Nacht, ein Hund bellte und vereinzelte Lichter brannten in den Fenstern der umliegenden Häuser. Doch ich wusste, dass es noch Minuten dauern würde, bis Hilfe eintraf. Am Horizont zuckte ein Blitz und der aufkommende Wind ließ mich frösteln.
Ich warf noch einen letzten Blick zu unserem Haus hinüber. Es war hell erleuchtet und strahlte Geborgenheit und Sicherheit aus. Was, um alles in der Welt, hielt mich davon ab, mich in diese Sicherheit zu flüchten? War es nicht meine Pflicht, zuerst an das Wohl meiner eigenen Familie zu denken?
»Ausreden, nichts als Ausreden«, knurrte ich vor mich hin. Meine Familie war in Sicherheit und jetzt und hier musste ich helfen! Entschlossen drehte ich mich um und schlich in das Haus zurück. Ich wusste, dass es im Erdgeschoss noch ein kleines Badezimmer und einen Haushaltsraum gab. Mein Gefühl sagte mir jedoch, dass ich in diesen Räumen nicht nachzuschauen brauchte. Also schlich ich auf die Treppe zu, die in die obere Etage führte. Gerade als ich das runde Eichenholzgeländer berührte, fielen zwei weitere Schüsse. Sie hallten unbeschreiblich laut durch das Haus und mein Herzschlag drohte für Sekunden auszusetzen. Mit Ohrenpfeifen und zitternden Beinmuskeln kämpfte ich mich Stufe für Stufe nach oben. Unbewusst zählte ich jede Treppenstufe mit, die ich geschafft hatte.
Drei – vier – fünf – sechs …
Mein Atem ging stoßweise und mein Schweiß brannte mir wie Feuer in den Augen. Im Treppenhaus und dem angrenzenden Flur gab es kleine eingebaute Nachtlichter, die ihr schwaches blaues Licht, gespenstig im Raum verteilten. Der Einbrecher stand gute drei Meter vor mir im Flur. Ich sah von ihm nur einen breiten Rücken, Jeanshose und braune Springerstiefel. Sein Kopf wurde von einer dunklen Kapuzenjacke verhüllt und war für mich nur schemenhaft zu erkennen. Er stand breitbeinig da, hatte den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt und starrte auf den Boden vor seinen Füßen. Mein Blick zuckte hinab. Ein flauschiger Läufer in modischen Türkistönen zog meine Aufmerksamkeit magisch an. Darauf lag ein Mann, der mit seinen grotesk verrenkten Gliedern irgendwie seltsam und verloren aussah: Filzpantoffeln, dunkelblaue Jogginghose, weiße Sportsocken, T-Shirt.
Mein Gott, das ist Tim, dachte ich und ein Schauer lief meinen Rücken herunter. Lautlos schlich ich mich von hinten an die Gestalt heran. Ohne Zweifel ein Mann. Knapp zwei Meter groß und von athletischem Körperbau. In seinen großen, behaarten Händen hielt er eine Pistole. Mit tödlicher Sicherheit erkannte ich, dass er im Begriff war, sich zu mir umzudrehen. Für einen Wimpernschlag zögerte ich noch, dann schlug ich mit dem Baseballschläger zu.
Das knirschende, laute Knacken sich verschiebender Halswirbel war überdeutlich in der Stille des Flures zu höre. Ich atmete einmal tief durch, ignorierte ein zweites Mal meine Hemmschwelle und holte erneut zu einem Schlag aus.
Der athletisch gebaute Mann schwankte heftig. Dann öffneten sich seine Finger und die Pistole polterte zu Boden. Ich hielt inne und sah zu, wie seine Knie einknickten und er, wie in Zeitlupe, zu Boden sank. Sein linker Arm zuckte noch für ein paar Sekunden unkontrolliert, dann lag er plötzlich ganz still vor mir. Mit einem lauten Seufzer ließ ich die Luft, die ich unbewusst angehalten hatte, entweichen. Langsam nahm ich den Baseballschläger herunter. Meine Unterarmmuskeln zitterten heftig – ich hatte einfach nicht mehr die Kraft, den Schläger über meinem Kopf zu halten.
Ein lauter Schrei irgendwo hinter mir ließ mich heftig zusammenzucken. Verzweifelt wirbelte ich herum und erkannte im gleichen Augenblick, dass ich nicht schnell genug sein würde. Für den Bruchteil einer Sekunde blickte ich in ein vertrautes Gesicht, dann traf mich ein harter Schlag mitten im Gesicht. Ein greller Blitz explodierte vor meinen Augen, und ich hörte mich selbst laut aufschreien. Meine Beine knickten ein, und ich stürzte in einen tiefen, endlosen Schacht …
Kommissar Bach trat wortlos einen Schritt zur Seite und ließ die Sanitäter mit dem Verletzten passieren. Neugierig schaute er sich auf der nächtlichen Straße um und versuchte, sich ein erstes Bild von der Umgebung zu machen. Überall standen Schaulustige in kleinen Gruppen zusammen. Sie unterhielten sich angeregt miteinander oder schüttelten betroffen ihre Köpfe.
Eine Menge Augenzeugen, dachte er und fuhr sich mit der Zunge über seine fleischigen Lippen. Vielleicht hatten sie ja schon bald ein paar brauchbare Zeugenaussagen vorliegen. Obwohl …, nichts war so widersprüchlich wie die Aussagen verschiedener Zeugen. War der Täter für den einen blond, dann beschrieb ihn der Nächste garantiert als dunkelhaarig. Seufzend drehte er sich um und beobachtete, wie der verletzte Mann auf einer Trage in den Rettungswagen geschoben wurde. Er sah, dass der Notarzt auf eine hübsche junge Frau einredete und beruhigend seine Hand auf ihre Schulter legte.
Die hübsche Blonde mit den tollen Kurven war bestimmt die Frau des verletzten Mannes. Ersten Informationen zufolge ein Nachbar, der seinen Freunden helfen wollte und die Gefahr dabei gnadenlos unterschätzt hatte.
Sicher, dachte er, Zivilcourage ist eine feine Sache, sofern man seine Grenzen kennt.
Dieser Mann hatte sie wohl nicht gekannt und lag jetzt selbst schwer verletzt in einem Krankenwagen. Mit einem letzten Blick auf die blonde Frau drehte er sich wieder zum Haus herum, zog sich die Wegwerf-Schuhschoner über seine ledernen Halbschuhe und betrat den Tatort. Bereits im lang gestreckten Flur empfing ihn der typische Geruch des Todes. Es war ein ekelhafter, süßlicher Duft, der einen noch tagelang verfolgte.
Keine Frage: Er liebte seinen Beruf, aber das hier verabscheute er zutiefst. Doch die Besichtigung eines Tatorts war elementar und ein wichtiger Eckpfeiler seiner Arbeit. Den ersten Eindruck konnten auch keine noch so guten Fotos ersetzen. Das wusste er aus unzähligen Fällen, die er in all den Jahren bei der Kripo Obernburg bearbeitet hatte.
»Bringt nichts, alter Junge. Du musst da rein und dir ein eigenes Bild vom Verbrechen machen«, flüsterte er sich aufmunternd zu, bevor er mit vorsichtigen Schritten den lang gestreckten Flur betrat.
*
Was sollte das, warum ließ man mich nicht einfach weiterhin schlafen? Eine Stimme redete pausenlos auf mich ein. Musste dieser Mensch nicht irgendwann einmal Luft zum Atmen holen?
Ich beschloss, die Stimme einfach zu ignorieren! Sollte sie ruhig weiter plappern. Ich würde weiterschlafen. Müde, ich war einfach nur müde und fühlte mich total kaputt. Hatte ich gestern Abend ein paar Drinks zu viel genommen? Nein, kaum vorstellbar! Das war mir das letzte Mal vor über zwölf Jahren im Urlaub passiert. Nach dem tröstlichen Zuspruch meiner Frau: »Weck die Kinder nicht auf beim Kotzen und stirb bitte leise«, hatte ich mir geschworen, mich nie wieder einem Vollrausch hinzugeben.
Ignorieren, einfach ignorieren und weiterschlafen. Es klappte nicht, ich bekam diese penetrante Stimme einfach nicht aus meinem Kopf.
Na gut, dachte ich, der kann was erleben, und versuchte meine Augenlider zu öffnen. Bleischwer. Oder waren sie zugeklebt? Okay, ich hatte ja noch eine Stimme!
»Hau ab, du Vollpfosten«, rief ich genervt. Doch ich hörte nur ein klägliches Krächzen. Und warum tat mein Kopf so unglaublich weh? Was war heute Nacht nur passiert?
Heute Nacht …
Mein Erinnerungsvermögen setzte bruchstückhaft ein und vertrieb die Müdigkeit mit langsamem Wellengang aus meinen Gliedern! Ich öffnete meine Augen und sah etwas undeutlich, das hübsche Gesicht meiner Frau.
»Schön, dass du wieder bei uns bist, mein Dicker«, hörte ich sie sagen; mein Blick fing an, sich langsam zu klären.
Wasser, ich brauchte ganz dringend etwas zu trinken! Meine Zunge fühlte sich total geschwollen an und wollte mir einfach nicht gehorchen.
»Wasser, ich brauche Wasser«, stammelte ich.
Meine Frau lächelte mich an und klappte das Buch zu, in dem sie gelesen hatte. Dann griff sie nach einer Flasche und schob mir einen Strohhalm zwischen meine Lippen.
»Schön langsam trinken«, sagte Mia und streichelte mir dabei sanft über das Gesicht. Mein Blick schweifte durch den Raum. Die Wände waren eierschalenweiß gestrichen, über der Tür hing ein Kreuz. An der rechten Wand war ein kleiner Fernseher montiert; darunter befanden sich zwei Stühle und ein Tisch. Ich lag in einem Metallbett und saugte noch immer an meinem Strohhalm.
»Der Arzt kommt bestimmt gleich zu dir«, meinte Mia. »Ich habe die Klingel gedrückt, als du aufgewacht bist.«
Arzt? So langsam begriff ich, wo ich mich befand. Du liegst im Krankenhaus, dachte ich. Aber warum, wieso? Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war …?
Genau, dieser große Kerl, dem ich mit meinem Baseballschläger kräftig eins übergezogen hatte.
»Der ist umgefallen wie ein nasser Sack«, krächzte ich mit heiserer Stimme und registrierte, dass mir meine Zunge langsam wieder gehorchte.
»Was?« Mia legte ihre Stirn in Falten und schaute mich verständnislos an.
»Na, der Kerl, den ich niedergeschlagen habe. Der ist umgefallen wie ein nasser Sack.«
Mia musterte mich unverwandt. Sie öffnete ihren Mund, so als wollte sie etwas sagen. Schüttelte dann fast unmerklich ihren Kopf und schaute mich mit einem durchdringenden Blick an.
»Warum bin ich im Krankenhaus, was ist passiert?«, fragte ich und versuchte, mich im Bett aufzusetzen. Sofort begann sich der Raum um mich herum zu drehen. Meine Rippen brannten fürchterlich, und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich nur mit einem Auge etwas sehen konnte.
»Bleib bitte ruhig liegen, mein Schatz«, sagte Mia und drückte mich mit sanfter Gewalt auf das weiße Kopfkissen meines Bettes zurück.
Die Tür des Krankenzimmers flog schwungvoll auf und ließ mich vor Schreck heftig zusammenfahren. Sofort fingen meine Rippen wieder an, höllisch zu schmerzen. Ein Stöhnen entrann meiner Kehle, und ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach. Eine weiß gekleidete Person betrat den Raum. Im einfallenden Gegenlicht konnte ich nur ihren massigen Umriss erkennen. Sie trat noch ein paar Schritte auf mich zu und blieb vor meinem Bett stehen.
»Na, da ist ja wieder einer unter den Lebenden.«
Ich lauschte dem Klang der Stimme nach und fragte mich, ob mich diese penetrante Stimme vorhin geweckt hatte?
Meine Frau saß noch immer bei mir am Bett. Mit ihrem Oberkörper verdeckte sie mir die Sicht auf meinen neuen Besucher.
Diese Stimme … Ich war mir sicher, dass ich sie kannte.
Mia drehte sich etwas zur Seite, und ich erhielt freie Sicht auf die Person, die vor mir stand. Dr. Bernd Metzger, ehemaliger Schulkamerad und leitender Oberarzt der Chirurgie im örtlichen Krankenhaus. Grinsend entblößte er seine gebleichten Zähne und nickte Mia wohlwollend zu. Was, um Himmelswillen, wollte der denn von mir? War ich etwa operiert worden? Entsetzt schaute ich meine Frau an.
»Bin ich operiert worden, hatte ich einen Unfall?«
»So könnte man es natürlich auch nennen«, antwortete Bernd Metzger für meine Frau.
Ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse und blickte Mia hilfesuchend an. »Sagt mir doch endlich, was heute Nacht passiert ist«, bat ich mit flehender Stimme.
»Was ist denn das Letzte, an das du dich erinnern kannst?«, wollte Bernd nun von mir wissen.
Ich dachte angestrengt nach: Was war heute Nacht alles passiert? Bei meinen Freunden wurde eingebrochen, waren nicht sogar Schüsse gefallen? Und so ein großer Kerl im Hausflur? Verdammt, was war nur mit meinem Kopf los?
»Das Letzte, was ich noch weiß ist, dass ich einem Mann mit dem Baseballschläger eins übergezogen habe«, sagte ich.
»Ah ja …«, meinte Bernd und nickte dazu wissend mit dem Kopf. »Also … du hast einen Schlag abbekommen, der dich im Gesicht und am Kopf getroffen hat«, sagte er. »Dein Jochbein und deine Nase waren gebrochen, das haben wir aber bereits operativ korrigiert«, erklärte er mir mit einem Augenzwinkern.
Mein Blick huschte zu Bernds Fingern, die mit kräftigen Gesten seine Worte unterstrichen.
»Das sieht zwar momentan schlimm aus, so geschwollen wie das alles ist, aber in ein paar Wochen …«, sagte er und machte eine wegwerfende Handbewegung.
Mein Blick folgte noch immer seinen wild gestikulierenden Händen. Seine Finger waren klein, dick und voller borstiger, schwarz schimmernder Haare. Diese Finger sollten mich operiert habe?
Oh Gott, dachte ich, ich bin am Arsch, für immer hässlich und entstellt.
»Außerdem hast du noch eine Gehirnerschütterung und zwei gebrochene Rippen«, fügte er lächelnd hinzu.
»Das wird wieder, mein Schatz. In ein paar Wochen bist du wieder der Alte, mach dir keine Sorgen«, sagte jetzt auch Mia und gab mir einen sanften Kuss auf den Mund.
Ich war sprachlos und versuchte erst einmal, die soeben erhaltenen Informationen zu verarbeiten.
»Du musst noch für vier bis fünf Tage zur Beobachtung hier bleiben, anschließend kannst du dich zu Hause weiter erholen«, ergriff Bernd nun wieder das Wort. Dann: »Mensch Tom, du hast wirklich viel Glück gehabt, das hätte für dich auch ganz anders ausgehen können. Zivilcourage ist das eine, aber sich in eine solche Gefahr zu begeben …«, meinte er kopfschüttelnd.
Na ja, für das Wörtchen Glück hatte wohl jeder seine eigene Definition, dachte ich. Glückspilze liegen bestimmt nicht im Krankenhaus, haben ein Gesicht, als hätten sie mit Klitschko geboxt.
Puzzleteile … Ja, das war die richtige Umschreibung für meine Situation. Ich hatte nur Fragmente einer Erinnerung in meinem Kopf. Ein Bild hier, eine Szene da. Seltsam, dachte ich, von dem Zeitpunkt im Keller bis zu dem Kampf mit dem Einbrecher weiß ich fast nichts mehr. Aber warum? Wieso? Was war nur passiert? Was war mit Tim und seiner Familie?
»Was ist eigentlich mit Tim und Maria«, wollte ich von meiner Frau wissen. »Haben sie alles gut überstanden, geht es den Kindern auch gut? Die haben bestimmt alle einen Riesenschreck bekommen, als die Einbrecher im Haus waren.« Ich sah meine Frau an und spürte, wie sie leicht zu zittern begann. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie ergriff wortlos meine Hand.
Ein verlegenes Räuspern erinnerte mich daran, dass Bernd noch immer vor meinem Bett stand.
»Da draußen im Gang warten zwei Polizeibeamte, die unbedingt mit dir sprechen wollen«, sagte er und zeigte mit dem Daumen nach hinten auf die Tür. »Wenn du möchtest, sage ich denen, dass du noch ein bis zwei Tage absolute Ruhe benötigst.«
Ich überlegte kurz, ob ich noch Lust hatte, mich mit den Polizisten zu unterhalten. All die Fragen, die sie stellen würden – und die wenigen Antworten, die ich geben konnte. Sicher war es besser, mich noch eine Nacht auszuruhen. Morgen würde mein Gehirn bestimmt wieder in alter Zuverlässigkeit arbeiten und Antworten liefern.
»Ich spreche morgen mit der Polizei. Mein Kopf fühlt sich total leer an. Ich wüsste gar nicht, was ich denen erzählen sollte«, sagte ich kraftlos.
Bernd drehte sich auf dem Absatz herum und hob seine Hand zum Gruß: »Dein Wunsch ist mir Befehl«, hörte ich ihn sagen, dann war er auch schon durch die Tür verschwunden. Ich schaute meine Frau an, sie hatte noch immer Tränen in den Augen. Ich lächelte ihr aufmunternd zu, was mit meinem verunstalteten Gesicht jedoch gründlich misslang.
»Geh nach Hause, mein Engel, du siehst müde aus! Grüß die beiden Äffchen von mir und sage ihnen bitte, dass ich sie lieb habe!«
»Ich wollte eigentlich noch ein bisschen bei dir bleiben, mein Schatz«, widersprach Mia und setzte ihren schönsten Schmollmund auf.
Langsam hob ich meine rechte Hand und fasste mir leise stöhnend an den Kopf. »Oh je, mein Kopf scheint jeden Augenblick zu platzen«, jammerte ich und verzog theatralisch mein Gesicht.
»Soll ich eine Krankenschwester holen, damit sie dir etwas gegen deine Schmerzen geben kann?«, fragte Mia und schaute mich voller Mitleid an.
»Nein, nein, ich bin nur müde und möchte einfach noch ein bisschen schlafen!«, log ich und schloss dabei meine Augen. Mia blieb noch für einen kurzen Moment bei mir auf dem Bett sitzen und streichelte zärtlich meinen Arm. Ich tat so, als wäre ich bereits eingeschlafen. Leise stand meine Frau auf und gab mir noch einen sanften Kuss auf die Stirn.
»Ich liebe dich«, hauchte sie und verließ beinahe lautlos das Krankenzimmer. Ich war alleine und hatte endlich genügend Zeit zum Nachdenken.
*
Kommissar Bach schaute seine junge Kollegin an, schüttelte den Kopf.
»Das war wirklich das Schlimmste, was ich bisher gesehen habe«, sagte er. »Der Einbruch muss total aus dem Ruder gelaufen sein. So viel Gewalt, so viel Brutalität. Ich kann das noch immer nicht begreifen. Wir sind hier ja nicht in einer Großstadt oder so, nicht wahr?«
»Ich denke nicht, dass das einen Unterschied macht. Großstadt oder Kleinstadt. Verbrecher planen ihre Tat und ziehen sie dann durch«, sagte Britta Jungmann mit leiser Stimme. Sie war seit zwei Jahren bei der Kripo Obernburg und arbeitete gerne mit dem älteren erfahrenen Kommissar zusammen. Zugegeben, am Anfang war es etwas schwierig, aber jetzt lief es richtig gut zwischen ihnen.
Der alte Haudegen feierte nächstes Jahr seinen sechzigsten Geburtstag. Doch die meisten schätzten ihn auf Anfang fünfzig und ließen sich von seiner hünenhaften Statur täuschen.
»Also, ich weiß nicht«, meinte der, »so etwas ist mir jedenfalls noch nicht untergekommen. Mein Gott, wie lange will uns dieser Arzt denn noch warten lassen? Meint der, wir hätten nichts anderes zu tun, als hier im Gang blöde herumzustehen?«
»Geduld, mein lieber Reinhold, Geduld!« Sie zeigte mit ihrem Finger auf die Tür, vor der sie standen, »da drinnen liegt ein schwer verletzter Mann …«
»Mit dem wir unbedingt reden müssen«, unterbrach er sie mit ungehaltener Stimme.
Die Tür wurde aufgestoßen und eine weiß gekleidete Person schoss in den Flur. Kleine, kompakte Statur, runder Kopf mit schwarzen Haaren und ein leicht hochmütiger Gesichtsausdruck rundeten das Bild ab.
Kommissar Bach stieß sich von der Wand ab. »Und, wie sieht’s aus, Herr Doktor, können wir endlich mit ihm reden?«
»Nein, leider noch nicht! Der Patient ist nicht vernehmungsfähig und bedarf noch der absoluten Ruhe.«
»Das ist mir egal«, grunzte der Kommissar und versuchte sich an dem Arzt vorbeizuschieben.
Der Doktor machte jedoch einen schnellen Schritt zurück und lehnte sich mit verschränkten Armen demonstrativ gegen die geschlossene Zimmertür. »Sie kommen heute hier nicht rein. Der Patient wurde operiert und befindet sich gerade in der Aufwachphase. Außerdem hat er eine Gehirnerschütterung, Rippenbrüche und, so wie es aussieht, auch eine kleine Amnesie.«
»Will heißen?«, knurrte der Kommissar.
»Herr Bender hat zurzeit kaum Erinnerungen an die vergangene Nacht. Ich denke zwar, dass das nur für kurze Zeit so sein wird, doch genau kann man das natürlich nie sagen«, meinte der Arzt mit altklugem Gesichtsausdruck.
»Wir müssen aber dringend mit ihm sprechen. Glauben Sie mir, es ist von äußerster Wichtigkeit! Meine Kollegin«, er zeigte mit seinem dicken Zeigefinger auf Britta Jungmann, »und ich ermitteln in einem Mordfall.«
Dr. Metzger sah zu ihm auf, öffnete seinen Mund und entblößte dabei seine schneeweißen Zähne. Ein Lächeln huschte über sein rundes Fußballgesicht und er fragte mit provozierend sanfter Stimme: »Was haben Sie an heute nicht und noch nicht vernehmungsfähig nicht verstanden, Herr Kommissar?«
Britta Jungmann zog ihren älteren Kollegen, der bedrohlich nah an den Arzt herangetreten war, am Ärmel seines Sakkos. Für einen Augenblick schaute sie dem Arzt in die Augen. Dann drehte sie sich um und sagte: »Komm Reinhold, da ist nichts zu machen. Wir warten einfach die Nacht ab und kommen morgen früh wieder vorbei.«
»Na gut, aber morgen früh stehen wir wieder auf der Matte. Und dann wollen wir mit Herrn Bender reden«, sagte er drohend, »dann gibt es keine faulen Ausreden mehr, mein lieber Doktor Metzger.«
*
Unser Gehirn verfügt über eine Vielzahl von Schutzfunktionen, die uns bei einer seelischen oder körperlichen Überbelastung vor Schaden bewahren sollen. Einer dieser Schutzfunktionen heißt ›Vergessen‹. War das Erlebte zum Beispiel zu grausam, dann versteckte das Gehirn die Erinnerung erst einmal an einem sicheren Ort. Wie bei einem Puzzlespiel passen Erinnerungen und Gedanken perfekt zueinander. Entfernt man jetzt ein paar Teile, bekommt man kein vollständiges Bild mehr zusammen. Ich musste diese verschwundenen Puzzleteile finden und neu zusammenfügen.
Aber wie machte man so etwas?
Meine Mutter liebte Puzzlespiele, und als Kind hatte ich ihr stundenlang dabei geholfen, ein Bild zusammenzusetzen. Wir drehten jedes Puzzleteil um und sortierten es nach Form und Farbe. Wurde ich irgendwann zu ungeduldig, lächelte meine Mutter mich an. »Mach eine Pause und geh mit deinen Freunden Ball spielen!«
Und sie hatte recht damit, denn nach ein wenig Ablenkung klappte das Sortieren und Zusammensetzen der Puzzleteilchen wieder viel besser. Mit jedem Fragment, das wir einfügten, trugen wir zum Entstehen eines Bildes bei. Am Ende war es dann fertig und erstrahlte in all seiner Schönheit und Vielfalt. Ich beschloss, alle bekannten Fakten noch einmal im Geiste durchzugehen. Mittlerweile war mir klar geworden, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Meine Frau Mia verhielt sich seltsam, und Bernd hatte mir auch keine meiner Fragen beantwortet. Dann waren da noch diese Schüsse. Wie viele es waren, das wusste ich nicht mehr genau. Ich überlegte und zählte in Gedanken mit.
Drei bis vier Schüsse dürften es gewesen sein, dachte ich. Aber aus welchem Grund sollte ein Einbrecher so viele Schüsse abgeben?
»Normalerweise versucht ein Einbrecher doch, so leise wie möglich zu sein! Außerdem würde er doch auf dem schnellsten Wege verschwinden, wenn er auf frischer Tat ertappt wird«, murmelte ich.
Naja, dachte ich mir, du bist Lehrer und kein Kriminologe! Mein Fachwissen über Verbrechen bezog ich aus Büchern und Kriminalfilmen.
Keine wirklich soliden Quellen, sagte ich mir und grübelte noch eine Weile nach. Doch so sehr ich auch nachdachte, es fehlten mir einfach zu viele Puzzleteile. Irgendwann beschloss ich dann, den Rat meiner Mutter zu befolgen: »Lenk dich ab und denk an etwas anderes!« Denn das hatte sie mit den Worten »Geh Ball spielen!« gemeint.
Mein Blick wanderte durch das Zimmer, und ich entdeckte auf dem Nachttisch eine Fernbedienung. Ich schaltete das Radio ein; leise Musik vertrieb die Stille aus meinem Krankenzimmer. Mit geschlossenen Augen lauschte ich ›An Tagen wie diesen‹ von den Toten Hosen.
Ja, dachte ich, an Tagen wie diesen müsste man die Zeit einfach zurückdrehen können. Meine Gedanken schweiften wieder ab. Ich glitt zurück in meine Kindheit. Wenn ich früher ein Problem hatte oder nicht mehr weiter wusste, ging ich zu meinem Vater. Geduldig und aufmerksam hörte er mir zu und konnte stets mit einem guten Rat oder einer Lösung für mein Problem aufwarten. In seinem Wortschatz gab es das Wort ›Problem‹ überhaupt nicht, er nannte es immer eine ›neue Herausforderung‹.
Wann hatte ich aufgehört, meine kleinen und großen Probleme mit meinem Vater zu besprechen? Heute nahm Mia die Stelle meines Vaters ein. Egal, was auch war, ich konnte ihr alles erzählen. Sie hatte immer Zeit für mich und stand bedingungslos zu mir. In ihrer Gradlinigkeit unterschied sie sich komplett von meiner etwas chaotischen Denkweise.
Mia brachte alle Probleme auf den Punkt, krempelte die Ärmel hoch und gab erst wieder Ruhe, wenn sie beseitigt waren. Nicht umsonst arbeitete Sie als Event Managerin. Mia liebte Herausforderungen. Mit ihrer Klugheit und Spontaneität räumte sie fast jedes Hindernis aus dem Weg. Wir sprachen viel miteinander, auch sie erzählte mir ihre großen und kleinen Sorgen.
Es ist schön, einen Menschen zu haben, dem man bedingungslos vertrauen kann und der einem Sicherheit und Geborgenheit gibt, dachte ich. Umso mehr irritierte mich Mias Verhalten. Sie war jeder meiner Fragen ausgewichen oder hatte sie einfach ignoriert. Was war nur geschehen, was verheimlichte sie mir?
Fragen über Fragen – und wieder keine Antworten! Mein Kopf tat höllisch weh und bei jedem Atemzug schmerzten meine Rippen. Ich musste endlich aufhören, nach Antworten zu suchen und mich irgendwie entspannen. Ich dachte an meine Kinder, ein Lächeln umspielte sofort meine Lippen.
Langsam glitt ich in einen Dämmerschlaf hinüber; ich hörte im Radio die Stimme des Nachrichtensprechers von FFH: Noch immer sind die Umstände, die zum Familiendrama mit fünf Toten geführt haben, völlig ungeklärt. Ein Polizeisprecher ließ verlauten, dass es sich bei den Toten um vier Mitglieder einer Familie und einen der Täter handelt. Eine weitere Person wurde in das örtliche Krankenhaus in Erlenbach eingeliefert und in der Nacht noch notoperiert. Über diese Person hat die Polizei ›Hit Radio FFH‹ gegenüber keine Angaben machen wollen. Unsere Reporter sind für Sie weiter vor Ort und werden sie auf dem Laufenden halten. Für morgen früh um acht Uhr hat die Polizei eine Pressekonferenz angekündigt, die wir live übertragen. Und nun das Wetter …
Mit einem lauten Seufzer stieß ich die Luft aus meinen Lungen. Mein Herzschlag schien für einen Moment auszusetzen, und ich musste mich zwingen, weiterzuatmen. In meinem Kopf fügten sich ein paar Puzzleteile zusammen, und ich blickte wieder in die toten Augen von Paula, Tims elfjähriger Tochter.
Paul Kapinzki gähnte herzhaft und fuhr sich mit den Fingern durch die verstrubbelten Haare. Was für eine Nacht! Sex, Alkohol und ´ne kleine Schlägerei.
Herz, was willst du mehr!, dachte er und beschloss, erst einmal einen Kaffee zu trinken. Die zwei Stunden Schlaf hatten ihm gutgetan, und er überlegte, was er noch alles erledigen musste. Für heute lag eigentlich nichts Wichtiges an. Die Geschäfte seines Bosses schienen momentan etwas ruhiger zu laufen. Er zuckte mit den Schultern und lächelte. Darüber brauchte er sich zum Glück keine Gedanken zu machen. Er bekam sein Geld, ob er viel zu tun hatte oder, so wie heute, keine Arbeit in Sicht war.
Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Verdutzt schaute er den Apparat an und versuchte die angezeigte Rufnummer zu erkennen. Wer rief denn morgens um 5.18 Uhr bei ihm zuhause an? Nicht sein Boss, soviel war klar! Aber wer konnte das sonst sein? Diese Nummer hatten nur eine Handvoll Menschen – und das war auch gut so. Genervt hob er den Hörer ab und meldete sich: »Ja?«
»Paul, ich bin’s.«
»Woher hast du meine Nummer?«
»Na, von deinem Bruder natürlich!«
»Oh, klar, was willst du? Klaus ist nicht da, und ich weiß auch nicht, wo er sich gerade herumtreibt. Hab ihn seit zwei Tagen nicht mehr gesehen.«
»Deshalb ruf ich ja an«, meinte die Stimme am anderen Ende des Telefons aufgeregt.
»Ja und? Er ist nicht da. Kapierst du das endlich?«, sagte Paul Kapinzki ungehalten. Das hier ging ihm gewaltig auf die Nerven. Er wollte endlich einen Schluck Kaffee trinken und aufs Klo musste er auch ganz dringend. Was wollte dieser Armleuchter von ihm? Wie kam der eigentlich dazu, bei ihm anzurufen?
»Hör zu, ich bin nicht der Sekretär von meinem Bruder. Wenn du ihm etwas erzählen willst, dann ruf ihn gefälligst auf seinem Handy an!«, raunzte er in das Telefon. Eine kurze Pause entstand, in der nur ein leises, statisches Rauschen zu hören war. Dann: »Klaus ist tot …«
»Was?«
»Klaus ist tot. Irgend so ein hinterlistiger Sack hat ihn gestern Nacht von hinten erschlagen.«
Paul Kapinzki klammerte sich an seinen hölzernen Tisch und bemerkte, wie bei ihm der Schweiß ausbrach. Er spürte, dass ihn seine zitternden Beine nicht mehr lange tragen konnten. Und er spürte, wie grenzenlose Verzweiflung in ihm aufstieg und sein Herz mit eiserner Hand zu zerquetschen drohte.
»Das … das … das kann doch nicht sein«, hauchte er fassungslos.
»Leider doch. Ich dachte, dass es dich interessiert, wer für den Tod deines Bruders verantwortlich ist.«
»Sag mir sofort, wer es war«, flüsterte er tonlos.
»Hmm, das Ganze ist in Obernburg passiert. Klaus hat da einen kleinen Einbruch durchgezogen. Ein Nachbar hat einen auf Rambo gemacht und deinen Bruder mit einem Baseballschläger erschlagen.«
»Woher weißt du das alles?«
»Ich war dabei. Bin leider ein paar Sekunden zu spät dazu gekommen. Konnte für deinen Bruder nichts mehr tun. Aber diesen Typ habe ich noch erwischt und ihm eine verpasst.«
»Ist er wenigstens auch tot?«
»Leider nein. Der hatte einen dickeren Schädel, als ich gedacht habe. Ehrlich Mann, ich hab ihn voll erwischt; er hat trotzdem überlebt.«
»Wo finde ich diesen Scheißkerl?«, fragte Paul Kapinzki mit Grabesstimme. Er würde diesen hinterlistigen, feigen Penner töten. Seinen lieben Bruder hinterrücks erschlagen, das war unglaublich!
»Er liegt im Krankenhaus. Sein Name ist Thomas Bender. Von Beruf ist er Lehrer oder so was? Tut mir echt leid, dein Bruder war ein Pfundskerl.«
»Welches Krankenhaus?«
»Ich habe was von Erlenbach gehört. Sicher bin ich mir aber nicht.«
»Wo liegt dieses beschissene Erlenbach?«
»Kreis Miltenberg, ist leicht zu finden. Ich kann dir …«
Grußlos trennte Paul Kapinzki die Verbindung und warf den Hörer achtlos auf den Boden. Sein über alles geliebter Bruder war tot. Erschlagen von einem Lehrer. Erschlagen bei einem nächtlichen Einbruchsversuch.
Du kleiner Idiot!, dachte er und rieb sich die Tränen aus den Augen. Da bin ich einmal nicht dabei, und du lässt dich gleich umbringen.
Teufel noch mal! Was sollte er jetzt bloß tun? Ein Gefühl nach Rache brodelte in ihm, stieg immer weiter auf und verdrängte die Logik aus seinen Gedanken. Seine Fäuste schossen nach vorne und zertrümmerten die Glasscheibe der Wohnzimmertür.
»Du bist tot, Mann, du bist tot! Ich werde dich töten, töten … töten!«, schrie er mit sich überschlagender Stimme. Dann vergrub er das Gesicht in seinen blutenden Händen.
*
Die aufgehende Morgensonne vertrieb die Dunkelheit der letzten Stunden. Die längste Nacht meines Lebens lag hinter mir – und ein schlimmer Tag vor mir! Heute würden die beiden Polizeibeamten wieder bei mir vorstellig werden; ich wollte unbedingt mit ihnen reden. Es war mir egal, dass ich keine Antworten auf ihre Fragen liefern konnte.
Doch vielleicht würde die Polizei mir einige Fragen beantworten. Ich konnte wirklich jede Hilfe gebrauchen bei der Suche nach den verschwundenen Puzzleteilchen. Wie spät mochte es sein? Wann würden sie kommen? Ich schätzte die Uhrzeit auf halb sechs und dachte an meine Kinder, die jetzt sicherlich auch schon wach waren. Wahrscheinlich war gerade der gnadenlose Kampf um das Badezimmer in vollem Gange. Er hatte bereits den Status eines Familienrituals erreicht, und ich genoss dieses Schauspiel allmorgendlich bei einer Tasse Kaffee. Mit ein bisschen gutem Willen könnten meine beiden Kinder sicherlich eine Lösung für dieses täglich auftretende Problem – „wer darf zuerst ins Bad?“ – finden. Doch die Pubertät verhinderte das erfolgreich! Julia und Phil waren dreizehn und fünfzehn Jahre alt. Sie lebten ihre Pubertät in vollen Zügen aus. Es gab kein Thema, über das sie nicht miteinander streiten konnten oder wollten. Manchmal begingen Mia oder ich einen Fehler und versuchten, die beiden Streithähne voneinander zu trennen. Dann schlug ihre geballte Wut sofort auf uns über. Sie verbündeten sich im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Eltern!
Kinder, man liebte sie einfach so, wie sie gerade waren, und man sah sie als das größte Geschenk auf Erden an. Manchmal.
Ich fragte mich gerade, ob die Polizisten vor oder nach der Pressekonferenz bei mir erscheinen würden, als meine Zimmertür aufging. Eine füllige, junge Krankenschwester betrat den Raum und lächelte mir zu.
»Guten Morgen, Herr Bender. Wie geht es uns denn heute?«, fragte sie mit einer unangenehm lauten Stimme.
Uns? Meinte sie jetzt mich oder wirklich uns beide?, fragte ich mich.
Als Deutschlehrer stellten sich mir die Nackenhaare auf, wenn ich solche grammatischen Entgleisungen hörte! Ich las das Namensschild, das oberhalb ihrer großen Brust angenäht war. Schwester Gaby stand in kleinen blauen Druckbuchstaben auf ihrem Schild.
»Ich hoffe, dass es Ihnen besser geht als mir«, gab ich zur Antwort und erntete ein süffisantes Lächeln.
»Möchten Sie heute Morgen etwas essen?«, fragte sie mich. Ihre Stimme hatte einen harten Unterton bekommen.
»Eine Kleinigkeit vielleicht«, antwortete ich brav und mit versöhnlichem Tonfall.
»Vielleicht?« Sie sah mit einem spöttischen Lächeln auf mich herunter. »Kaffee oder Tee?«
»Kaffee, bitte«, sagte ich. Wortlos drehte sie sich um und verschwand aus meinem Zimmer.
»Inge, der Klugscheißer in Zimmer 310 will Kaffee zum Frühstück«, hörte ich sie rufen, bevor die Zimmertür geräuschvoll ins Schloss fiel.
Wow, dachte ich, da habe ich mir eine Freundin für die Ewigkeit geschaffen!
