Die Probanden - Michael Bardon - E-Book

Die Probanden E-Book

Michael Bardon

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Beschreibung

Was wird aus dem Winterurlaub, wenn der Reiseveranstalter gar kein Reiseveranstalter ist, sondern eine dubiose Stiftung, die ahnungslose Menschen für psychologische Studien missbraucht? Steffen tappt mit seinen Freunden blindlings in diese Falle und wird zum Spielball skrupelloser Wissenschaftler ...

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Michael Bardon

Die Probanden

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

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Epilog

Leseprobe

Impressum neobooks

Vorwort

Wahnsinn …

Was ist eigentlich der Wahnsinn? Was bedeutet dieses Wort? Und viel wichtiger noch: Was sagt es über einen Menschen oder seinen geistigen Zustand überhaupt aus?

Wahnsinn. Acht Buchstaben beschreiben einen Status, in dem wir einen Menschen für verrückt erklären, eben für aus der realen Welt gerückt, für unzurechnungsfähig, für eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Doch ist das auch so? Ist der Wahnsinn wirklich so widersinnig, wie uns der Volksmund glauben machen will?

Sigmund Freud hat einmal erklärt, dass ein Mensch, der den Sinn oder den Wert des Lebens anzweifelt, bereits wahnhaft erkrankt sei.

Vermutete er richtig oder lag er mit dieser Annahme völlig falsch? Seit über hundert Jahren erforschen Psychologen, Neurologen und Psychiater nun unser Gehirn. Sie studieren unsere Denkweise, unser Verhalten und unsere Emotionen. Doch die Chemie des Lebens ist zu vielfältig, zu komplex, um sie – wie es der Computer tut – mit Nullen und Einsen darzustellen. Jeder Mensch tickt ein wenig anders. Jeder Mensch ist sein eigenes, selbstbestimmendes Ich. Oder nicht wirklich selbst bestimmt?

Wir folgen Urinstinkten, erlernten Verhaltensmustern und individuellen Bedürfnissen. Wir schmieden Pläne, haben Wünsche, manchmal auch Ängste. Liebe, Glück, Trauer oder Hass – jeder von uns hat seine eigene Art, mit Schicksalsschlägen oder seligen Momenten umzugehen.

Wahnsinn …

Was für ein bedeutungsschweres Wort!

Wann also greift der Wahnsinn nach uns? Was ist nötig, was muss passieren, damit sich ein Mensch von der gesellschaftlich anerkannten Norm verabschiedet und sich – vielleicht für immer – in den Wahnsinn flüchtet …?

-1-

Als sich an diesem Mittwochmorgen die graue Metalltür zu seiner Zelle öffnet, sitzt Steffen auf einem Stuhl am Fenster. Sein Blick schweift an den Gitterstäben vorbei ins Freie – sein Interesse gilt zwei Amseln, die aufgeregt im Schnee herumpicken.

Steffens Augen sind müde, sein Geist ist umnebelt. Er weiß, dass die starken Medikamente ihn betäuben. Er weiß, dass das Therapeutikum seine malträtierten Synapsen verklebt. In der Spiegelung des bruchsicheren Fensterglases erkennt er, wie der kräftige Pfleger namens Hans-Werner beinahe lautlos den Raum betritt. Ein in Weiß gekittelter Arzt schlüpft nur wenige Sekunden später hinter ihm ins Zimmer und verharrt in der Mitte der Zelle.

Draußen vor dem Fenster setzt sanfter Schneefall ein. Die kleinen Flocken tanzen aufgeregt in der Luft; sie laden ihn ein, sein neues Lieblingslied zu singen. Während sein Oberkörper im Takt der unhörbaren Musik hin- und herwippt, summt Steffen im Geiste die erste Strophe von ›Leise rieselt der Schnee‹.

Die Musik beruhigt seine Nerven. Die Musik hilft ihm, die ausweglos erscheinende Situation besser zu ertragen. Er ist gefangen in einer Nervenheilanstalt. Gefangen in einem Albtraum. Gefangen in einem Tablettenrausch, der seine Sinne vernebelt. »Das muss so sein«, sagen seine Ärzte. Schließlich diene es seiner Beruhigung. Er solle doch irgendwann sein inneres Gleichgewicht wiederfinden.

Was für eine gequirlte Scheiße!

Einmal pro Woche bekommt er Besuch. Von seinen Eltern. Sein gerichtlich bestellter Vormund schaut hingegen nur einmal im Monat bei ihm vorbei. Was für ein Glück! Er kann diesen schmierigen ›Ich verstehe Sie ja, aber …‹-Sozialarbeiter nämlich nicht leiden.

Weihnachtlich glänzet der Wald: Freue dich, Christkind kommt bald.

»Herr Schaller …, hallo Herr Schaller …«

Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt sich, umzudrehen, denkt Steffen, während er unverwandt aus dem Fenster starrt. Nein, besser nicht! Gott, er hat sich schon so oft umgedreht. Er hat die Geschichte, seine und Kirstens Geschichte, vom Winterurlaub in den Bergen schon so oft erzählt. Doch statt ihm zu glauben, haben ihm die Ärzte Pillen verschrieben. Ein buntes Sammelsurium, das er über den Tag verteilt verabreicht bekommt. Bis auf den Abend. Da serviert ihm ein Pfleger – meistens dieser unfreundliche Hans-Werner, der jetzt an der Wand lehnt – einen Medikamentencocktail, der zum Kotzen schmeckt. Hin und wieder erscheint aber auch eine junge Pflegerin, Tanja, um ihm den Cocktail zu verabreichen. Sie ist freundlich, hört ihm zu und hat immer ein nettes Wort für ihn übrig.

In den Herzen ist’s warm, still schweigt Kummer und Harm, Sorge des Lebens verhallt: Freue dich, Christkind kommt bald.

»Herr Schaller, wenn Sie nicht mit mir reden, kann ich Ihnen auch nicht helfen. Verstehen Sie, was ich sage? Können Sie mich hören?«

Steffens Blick ist auch weiterhin unverwandt aus dem Fenster gerichtet. Gerade hat sich eine dritte Amsel zu den beiden anderen gesellt. Das Spiel der Vögel ist für ihn viel interessanter als das, was der Arzt da zum Besten gibt.

Bald ist heilige Nacht; Chor der Engel erwacht; horch’ nur, wie lieblich es schallt: Freue dich, Christkind kommt bald.

Ein dumpfes Pochen reißt ihn aus seiner Lethargie. Hans-Werner erwacht ebenfalls zum Leben und öffnet die Tür. Im Spiegelbild der Fensterscheibe wirken seine Bewegungen fahrig, sein weißer Bart ist nur als Schemen zu erahnen. Zwei weitere Personen betreten den Raum. Steffen schaut nicht weiter hin, eine vierte Amsel, eine richtig dicke, hat sich gerade zu den anderen drei gesellt.

»Herr Schaller, ich muss Ihnen gestehen, dass ich mit meinem Latein am Ende bin. Ich bekomme einfach keinen Zugang zu Ihnen, so kann ich Ihnen beim besten Willen nicht helfen«, sagt der Oberarzt, der – Steffen erinnert sich nicht so genau – Müller, Meier oder so ähnlich heißt. »Aber Sie haben großes Glück«, redet der Arzt munter weiter, während seine ausgestreckte Rechte bedeutungsschwer auf die Neuankömmlinge weist. »Dies hier sind Dr. Burkmann und Frau Dr. Lange. Sie leiten in unserer Klinik die Forschungsabteilung und haben sich bereit erklärt, Sie in ihr Programm aufzunehmen.«

Eine kurze Pause entsteht, in der Dr. Meiermüller oder so ähnlich verlegen auf seinen Fußballen wippt. Steffen kann es im spiegelndem Fensterglas sehen.

»Dr. Burkmann und Dr. Lange haben eine neue Form der Therapierung entwickelt und erzielen unglaubliche Erfolge damit. Wenn Ihnen jemand helfen kann, dann sind es diese beiden …« Steffen hört ein Räuspern, dann spricht der Arzt weiter. »Ich habe mich für Sie starkgemacht, oh ja, und bin überglücklich, dass sich meine Kollegen nun Ihrer annehmen«, sagt der Oberarzt nun. Sein Spiegelbild grinst Steffen durch die Scheibe hinweg an. Steffen sieht noch mehr; er sieht den Arzt und die Ärztin, die sich von nun an um ihn und seine Verwirrtheit, seinen angeblichen Wahnsinn kümmern wollen. Sie nicken ihm zu, lächeln, wirken freundlich und an ihm interessiert. Doch ihre Augen blicken dabei so kalt wie der Schnee, der hinter dem spiegelndem Fensterglas sanft auf den Boden rieselt.

-2-

Zwei Monate zuvor …

»Ist für die Neuankömmlinge alles vorbereitet?«

»Ja! Alle Spuren der letzten Gruppe wurden beseitigt. Alles ist so, wie es sein soll.«

»Gut. Sehr gut! Hat sich die Lange noch einmal bei Ihnen gemeldet oder bleibt es beim vereinbarten Zeitplan?«

»Sie hat mich heute Morgen kurz angerufen und gesagt, dass alles wie besprochen abläuft.«

»Dann ist ja alles klar. Bin echt schon auf die Neuen gespannt. Laut der Lange, soll diese Gruppe nämlich außergewöhnlich belastbar sein.«

»Ja so was in der Art hat sie mir gegenüber auch angedeutet. Wir sollen das volle Programm durchziehen und die Parameter am oberen Level halten. Und zwar permanent. Das wird ein richtiger Horrortrip, die werden kaum Zeit haben, um einmal ordentlich durchzuschnaufen. Das wird echt hart, bin gespannt, wie die sich schlagen.«

»Wir werden es erleben, falls uns das verdammte Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht. Für heute Mittag ist nämlich Schnee gemeldet. Verdammt viel Schnee, falls man dem österreichischen Wetterdienst Glauben schenken kann. Ich hoffe, sie verspäten sich nicht und schaffen es noch bis zu uns herauf. Sonst müssen wir uns etwas einfallen lassen und sie womöglich noch unten im Tal abholen.«

»Ich sage Josef Bescheid. Der soll die Pass-Straße im Auge behalten und gegebenenfalls ein wenig von der weißen Pracht mit der Raupe beiseite räumen. Es wäre nicht gut, wenn unsere Urlaubsgäste unten im Dorf gesehen werden. Je weniger die da unten von uns wissen, umso besser ist es.«

»Sie haben recht. Anonymität ist der beste Schutz, für uns. Veranlassen Sie alles Notwendige und sorgen Sie dafür, dass unsere Gäste wohlbehalten hier ankommen. Schließlich wollen wir ihnen ja noch einen zünftigen Hüttenabend bieten, bevor wir sie langsam aber sicher in den Wahnsinn treiben …«

-3-

Die kleine Pass-Straße schlängelt sich dicht am Felsmassiv entlang. Erste Schneeflocken tanzen in der Luft, aufgeregt, verspielt, dem Wind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Steffen schaltet einen Gang zurück und lässt die Kupplung seines blauen Land Rover Evoque TD4 sanft kommen. Kurz scheint es, als übertrügen die Reifen die Kraft des Dieselmotors nicht auf die Straße, dann finden sie wieder sicheren Halt und schieben den modernen Geländewagen den steilen Anstieg hinauf.

»Himmel, das war knapp! Mir ist fast das Herz stehen geblieben. Ich dachte schon, wir rutschen auf den Abhang zu«, schnauft seine Frau Kirsten, während sie sich mit beiden Händen an ihren Sitz klammert.

»Entspann dich, Schatz. Wir haben Allradantrieb. Der wird mit so was spielend fertig. Bin schon gespannt, wie sich das Auto im tiefen Schnee fährt. Der Reifenhändler meinte jedenfalls, wir könnten mit unserem Landi direkt auf der Skipiste herumfahren«, antwortet Steffen, während er das Gaspedal gefühlvoll etwas weiter durchtritt.

»Ralf hält mit seinem Subaru aber auch gut mit. Hätte nie gedacht, dass es die alte Kiste überhaupt den Berg hinauf schafft.«

Steffens Blick wandert zum Innenspiegel. Sein Freund und Arbeitskollege Simon Kramer kauert auf der Rücksitzbank und späht angestrengt durch die abgedunkelte Heckscheibe hinaus. Hinter ihnen kämpft sich der metallicgrüne Subaru von Ralf und Luisa mit knapp fünfzig Metern Abstand über die verschneite Straße.

»Ralfs Subaru ist auch ein Allradler. Der schafft das ebenso spielend wie wir. Entspannt euch, Leute! Nur weil wir einmal ein bisschen gerutscht sind, müsst ihr euch nicht gleich ins Hemd machen«, lacht Steffen aufgekratzt.

»Hey, ich bin entspannt. Ist ja schließlich deine Karre, die zu Schrott geht«, grient Simon und blickt belustigt zum Innenspiegel hinauf. Für einen kurzen Moment treffen sich ihre Blicke, dann muss sich Steffen wieder auf die schmale Pass-Straße konzentrieren.

»Sagt mal, wie ist diese Jenny denn so?«, fragt Simon, während er sich neugierig nach vorne beugt. »Ich meine, ihr kennt sie doch schon länger, oder? Plaudert doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen!«

»Warum bist du denn nicht gleich bei Ralf und Luisa im Auto mitgefahren? Da hättest du alle Zeit der Welt gehabt, Jenny besser kennenzulernen«, grinst Steffen. Erneut wandert sein Blick zum Innenspiegel, dann zu seiner Frau.

»Sie ist eine gute Freundin von Ralf und Luisa«, sagt Kirsten, während sie weiterhin sorgenvoll auf die verschneite Straße starrt. »Soviel ich weiß, hat sie sich vor ’nem guten halben Jahr von ihrem langjährigen Freund getrennt. Danach ist sie wohl nach Frankfurt gezogen.«

»Stimmt! Wir haben sie selbst erst vor knapp drei Monaten kennengelernt«, pflichtet Steffen ihr bei. »Scheint aber ’ne ganz Nette zu sein. Gut aussehen tut sie jedenfalls.«

»Aha! Seit wann stehst du denn auf Blondinen? Das ist ja ganz was Neues …«

»Ich stehe nicht auf Blondinen, Schatz. Ich sage nur, dass sie gut aussieht. Das ist ein himmelweiter Unterschied«, verteidigt sich Steffen sofort.

»Blödmannsgehilfe …«

»Selber Blödmannsgehilfin!«

»Könnt ihr zwei Kindsköpfe mal beim Thema bleiben? Was wisst ihr denn noch über diese Jenny?«

»Sie hat mal erzählt, dass sie Hunde mag. Außerdem geht sie gerne tanzen. Am liebsten lateinamerikanisch. Ach ja, Kino, lange Spaziergänge und gutes Essen mag sie auch.«

»Wie? Mehr wisst ihr nicht? Ich dachte, ihr würdet sie besser kennen?«, sagt Simon. Enttäuschung schwingt in seiner Stimme mit. »Was macht sie denn beruflich?«

Steffen furcht grübelnd seine Stirn und fährt sich mit der Hand durch das dichte, braune Haar. »So genau wissen wir das gar nicht«, sagt er nachdenklich und blickt dabei zu Kirsten.

Kirsten zuckt zur Antwort nur mit den Schultern, schüttelte ihr langes, lockiges Haar; sie schaut zuerst ihn, dann Simon an. »Keine Ahnung, was sie macht. Ist das denn wichtig, für dich?«

»Ja … nein … ach, ich weiß auch nicht«, druckst Simon herum. »Der Beruf sagt halt einiges über einen Menschen aus.«

»Gott, bist du spießig …«

»Luisa und Ralf haben einmal erwähnt, sie sei Therapeutin und arbeite mit stark traumatisierten Menschen. Genau weiß ich es aber nicht. Frag sie doch am besten selbst, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt«, meint Steffen. Er schaut erneut in den Innenspiegel und zwinkert verschwörerisch mit dem rechten Auge.

»Also ist sie ’ne Psychologin oder was?«

»Keine Ahnung«, brummt Steffen geistesabwesend. Er ist abgelenkt. Das Wetter hat sich in den letzten Minuten dramatisch verschlechtert. Dicke Schneeflocken tanzen durch die Luft. Sie erobern die schmale Straße, die Autoscheiben und den felsigen Untergrund. »Ist das auch der richtige Weg? Bist du dir sicher, dass wir uns nicht verfahren haben?«, fragt Kirsten und blickt sorgenvoll aus dem Seitenfenster.

»Laut unserem Navi sind wir goldrichtig. In sechshundert Metern müsste eine Abzweigung kommen. Da geht’s dann rauf zum Hölzle-Hof.«

»Noch weiter rauf?«, fragt Kirsten entsetzt. »Also ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber mir ist bei dem vielen Schnee echt mulmig zumute. Ich komme mir vor, als wären wir nicht mehr auf der Erde, sondern würden auf einem fremden Planeten herumirren. Wie verschroben muss eigentlich jemand sein, um hier oben das ganze Jahr über zu leben? Schnee, Schnee, nix als Schnee …«

»Ist Ralf eigentlich noch hinter uns?«, fragt Steffen, ohne auf die Bedenken seiner Frau weiter einzugehen. »Ich kann ihn im Rückspiegel nicht mehr sehen. Gott, der Schnee wird ja immer dichter. Was für ein Sauwetter.«

»Warte, ich schau«, brummt Simon und späht erneut aus der Heckscheibe.

»Hoffentlich hat er sich nicht irgendwo festgefahren. Das würde jetzt gerade noch fehlen«, schnauft Steffen besorgt.

»Nee, ich kann ihn auch nicht … warte, jetzt sehe ich ihn. Ist ein gutes Stück zurückgefallen, kämpft sich aber tapfer weiter nach oben mit seiner Karre«, berichtet Simon im Stile eines Moderators aus dem Fond ihres Wagens.

»Steffen, ich hab echt Schiss. Wollen wir nicht lieber umdrehen? Kannst du bei dem Sauwetter überhaupt noch sehen, wo die Straße entlang führt?«

»Ja, gerade noch so. Ich verstehe das nicht. Ich habe doch gestern noch mit dem Hölzle telefoniert, und er hat mir versichert, dass für heute Mittag keine nennenswerten Schneefälle gemeldet sind«, beschwert sich Steffen, während er sich verstohlen die schweißnassen Hände an seiner Jeans abwischt. »Wenigstens weißt du jetzt, wie sich dein neues Auto im Schnee verhält«, flachst Simon lachend. »So viel kristallines Wasser fällt in Frankfurt das gesamte Jahr über nicht. Ist das fett! Echt große Klasse.«

»Letztes Jahr haben sie den Flughafen doch auch zwei Tage wegen starken Schneefalls geschlossen. Kannst du dich daran noch erinnern, Simon?«

»Klar, ist doch während meiner Schicht passiert. War aber Kinderkacke gegen das Wetter hier. So’n Schneefall bei uns in Frankfurt und die Oberbürgermeisterin würde den Notstand ausrufen.«

»Mach langsam, Steffen. Ich glaube, da vorne ist was.«

Aus dem dichten Weiß blinkt ihnen ein orangefarbenes Licht entgegen. Erschrocken tritt Steffen auf die Bremse und weiß im selben Moment, dass er einen Fehler begangen hat. Jetzt zeig, was du kannst. Du hast alles im Griff …, denkt er, während er versucht, den ausbrechenden Rover wieder unter Kontrolle zu bringen.

Das Antiblockiersystem pulsiert unangenehm unter seiner dicken Schuhsohle. Schlitternd kommt das Fahrzeug zum Stehen. Etwas schrammt mit einem für Steffen bösen Geräusch über den Lack der Beifahrerseite. Einen Sekundenbruchteil später rutscht der Rover ein paar Meter quer die Straße hinunter. Ein blechernes Krachen geistert durch den Innenraum, gefolgt vom Splittern von Glas. »Himmel, mein Herz«, stöhnt Kirsten mit aschfahlem Gesicht.

»Nein … verdammt, das darf doch nicht wahr sein!«, flucht Steffen und stößt die Tür auf.

Eisige Luft strömt in den Innenraum, der sogleich die ersten Schneeflocken folgen. Groß, pappig, nass. Eine kleine Armee von Invasoren, die ihren Rover nun auch von innen in Beschlag nehmen wollen.

»Herrje, was für ne Schei… Schlamassel«, schimpft Steffen, während er sich aus dem Wagen schwingt. Durch das dichte Schneegestöber dringt das tiefe Brummen eines untertourigen Motors. Ein dünnes Scheinwerferpaar zittert durch die weiße, fast schon steril wirkende Landschaft. Bremsen quietschen, eine Tür wird geöffnet und wieder mit einem dumpfen Ploppen geschlossen.

Steffen hört dies alles mehr, als dass er es sieht. Seine Augen tränen von der Kälte und durch das dichte Schneetreiben erscheint ihm alles irreal, fast so, als hätte ihn jemand in eine Schneekugel gesperrt.

»Hey, alles klar bei euch? Was issen passiert?« Ralfs Stimme, aus dem Nichts der weißen Invasion.

»Wir sind blöderweise ins Rutschen gekommen«, ruft Steffen ihm zu, während er vorsichtig die ersten Schritte im Schnee wagt. Knöcheltief, weich und nachgiebig. Lose aufeinandergeschichtete Eiskristalle. Kalt, gefühllos und abweisend. Wie die Umgebung, die im dichten Schneetreiben nur als verschwommene Kontur zu erahnen ist.

»Schatz, kannst du die Tür bitte schließen. Es ist saukalt, der ganze Schnee weht ins Auto.« Die Stimme seiner Frau. Ängstlich, vorwurfsvoll, anklagend.

»Warte, ich steige mit aus. Wie klappt man denn den verdammten Sitz nach vorne?« Simons Stimme. Ernst, besorgt, kein unterschwelliges Lachen klingt mehr in ihr nach.

Steffen gibt keine Antwort. Er stapfte durch den Schnee, ignoriert die Kälte, wünscht sich nichts sehnlicher, als zuhause in seinem behaglichen Wohnzimmer zu sitzen.

Weihnachten in den Bergen … na, der Urlaub fängt ja richtig gut an. Vielen Dank auch, denkt er frustriert.

»Schatz, die Tür! Dein ganzer Sitz ist schon nass …«

Eine Hand auf seiner Schulter. »Alles klar bei dir? Ach herrje! Scheiße, ist das ärgerlich …«

Steffen sieht auf und blickt in Ralfs besorgtes Gesicht. Sein blondes Haar ist über und über mit Schnee bedeckt. Selbst an Ralfs sorgsam gestutztem Kinnbart und der rahmenlosen Brille hat sich das weiße Zeug bereits festgesetzt.

»Ist jemand verletzt? Seid ihr okay? Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, was passiert ist. Wenn Jenny nicht plötzlich Halt geschrien hätte, wär ich dir vielleicht sogar noch hintendrauf gefahren. Was für ein Wetter … Das ist doch nicht normal.«

»Ach! Verdammt, Mann. Ich habe gebremst, weil da vorne irgendetwas Gelbes geblinkt hat«, berichtet Steffen und weist mit seiner Hand ins Schneegestöber hinaus. »Wir sind ins Rutschen gekommen und ein paar Sekunden später hat’s dann auch schon gescheppert. Scheiße …«

Während Steffen noch in gebückter Haltung neben seinem Auto steht und den Schaden des Rovers mit den Fingern abtastet, hört er, wie Ralf erschrocken die Luft durch die Zähne zieht. »Himmel, Steffen, da kommt jemand …«

Steffen blickt verdutzt auf und folgt mit den Augen dem ausgesteckten, von der Kälte schon rötlich verfärbten Zeigefinger seines Freundes. Eine Gestalt, schemenhaft, massig, bedrohlich aussehend, kämpft sich durch den Schneesturm. Steffens Atem stockt. Vergessen ist der Blechschaden. Vergessen ist der Ärger über seinen dummen Fahrfehler.

»Jesses, was ist das? Ein Bär?«, zischt er mit zusammengekniffenen Augen. Der Wind hat an Intensität zugelegt; er treibt die großen Schneeflocken fast waagrecht vor sich her. Seine Ohren schmerzen. Sie schmerzen immer, sobald sie mit Kälte in Berührung kommen. Da hilft nur eine Mütze. Am besten aus dicker Wolle, engmaschig gestrickt. Doch die liegt natürlich vorne im Auto. Gleich rechts, neben dem Fach in der Mittelkonsole.

»Steffen, Steffen, da kommt ein Mann. Kommst du bitte mal nach vorne.« Kirstens Stimme, unterlegt mit einem leichten Anflug von Panik.

Die Gestalt – es ist wirklich ein Mann – nähert sich mit unverminderter Wucht, stapft durch den Schnee, als gäbe es ihn überhaupt nicht. Er hebt seine rechte Hand, die in einem dicken Fäustling steckt, und schiebt sich die Schirmmütze aus der Stirn.

»Guadn Dog, i bin da Hölzle-Baua. Seids ihr de Urlaubsgäst aus da Stod?«

Verdutzt blicken Steffen und Ralf erst sich, dann den Fremden an. Dann lachen sie befreit auf und treten aus dem Windschatten des Rovers auf den Mann zu.

Kluge Augen mustern sie, während über den bartumsäumten Mund des Mannes ein wissendes Lächeln huscht.

»Ja. Ich bin Steffen Schaller. Wir haben gestern miteinander telefoniert. Das hier ist«, er zeigt nach links, »Ralf Stegler.«

»Hobt ihr oan Unfoi kabd?«

»Bitte?«

»Obs ihr oan Unfoi kabd hobt?«

»Ah … einen Unfall! Ja, wir sind mit dem Auto gegen die Felskante gerutscht. Ist aber nicht weiter schlimm. Wie weit ist es denn noch bis zu Ihnen auf den Hof? Der Schnee ist ja Wahnsinn. So etwas habe ich noch nie erlebt«, gesteht Steffen, während er sich mit einer fahrigen Geste die Schneeflocken aus den Haaren wischt.

»Is ned mehr weid«, sagt der Mann. »Da voane kommt a Biegung. Dann geht es nach fönfzig Metern rechts den Berg auffi. I hob mid am Schneeraupe de Straße fär eich freigräumt. Auf gäds, de Zeit drängt. Da Schnä wird imma dichta. Scheiß Weda, verdammts …«

Ohne ein weiteres Wort dreht der Mann sich um und stapft davon. Unschlüssig schauen sich die beiden Freunde an.

»Hast du mit dem gestern telefoniert?«

»Wenn, dann hat er am Telefon jedenfalls ganz anders geklungen«, sagt Steffen. »Was soll’s? Viele Alternativen haben wir nicht, oder? Wenn du mich fragst, sollten wir dem Mann einfach vertrauen. Wenn wir noch lange hier herumstehen, werden wir bestimmt eingeschneit. Ich habe zwar kaum etwas von dem verstanden, was er gesagt hat, aber gleich da vorne müsste es laut meinem Navi zum Hölzle-Hof abgehen.«

»Ich mache freiwillig zehn Kreuze und bete fünf Vaterunser, wenn wir den Hof erreichen. Luisa und Jenny schieben schon die ganze Zeit über Panik und würden am liebsten wieder umkehren.«

»So’n Quatsch. Wir ziehen das hier jetzt durch. Wenn wir erst einmal in unserer Hütte sind und die Sonne wieder scheint, werden sich die Mädels schon wieder einkriegen«, sagt Steffen und lacht gekünstelt.

»Genau. Wir wollten doch Weihnachten im Schnee verbringen. Jetzt haben wir Schnee und es ist den Damen auch wieder nicht recht. Scheiße, ist mir kalt. Lass uns endlich weiterfahren, Alter. Wenn ich mir das Chaos hier so anschaue, kann es doch eigentlich nur noch besser werden, oder?«

»Denk ich auch«, stimmt Steffen nach einem kurzen Augenblick des Zögerns zu. »Was haben wir noch zu verlieren? Schlimmer geht’s wohl nimmer …«

-4-

Während die Welt um sie herum im Schneegestöber zu ersticken droht, genießen die sechs Neuankömmlinge die mollige Wärme des frisch geschürten Kamins. In der alten, gemütlichen Gaststube des Hölzle-Hofs riecht es nach geräuchertem Speck, verbrannten Kiefernadeln und den aromatischen Zutaten eines guten Jagertees. Die Einrichtung ist rustikal gehalten, was die gemütliche Atmosphäre aber noch verstärkt.

Steffen sitzt mit halb geschlossenen Augenlidern gegen den Kachelofen gelehnt; er genießt die wohltuende Wärme, während er fasziniert aus dem Fenster blickt. Der ohnehin schon dichte Schneefall hat sich zu einem wahren Inferno gesteigert, das alles zu verschlingen scheint, was sich ihm in den Weg stellt. Er hört das Jaulen des Windes, hört, wie sich das alte Bauernhaus knarzend gegen den Sturm stemmt. Entfesselte Naturgewalten, wild und feindselig, die er so noch nie erleben durfte.

Seine Gedanken schweifen ab. Er denkt an den kleinen Unfall und an die Angst, die er für einen kurzen Moment im Schneegestöber verspürt hat: als der Mann auftauchte und auf sie zugelaufen kam. Wie kindisch, denkt er und schallt sich selbst einen Narren. Ein bisschen Schnee, ein bisschen Kälte und du machst dir bei der ersten Gelegenheit fast in die Hosen. Gott, ist das armselig …

Egal! Schwamm drüber. Jetzt hatten sie es ja geschafft. Sie waren der Kälte und dem Sturm entkommen und genossen die Wärme und die Sicherheit des alten Bauernhauses. Ihre beiden Autos parkten in der Scheune und für die Nacht würden sie in den oberen Stockwerken Quartier beziehen.

Aus dem hinteren Teil der Gaststube hört er das laute Johlen seiner Freunde. Sie spielen Karten. Räuber-Rommé. Eine abgewandelte Form des normalen Rommés. Es geht hoch her am Tisch. Die fünf Freunde lachen, schimpfen und necken sich gegenseitig. Steffens Blick wandert durch die Gaststube und saugt sich für einen kurzen Augenblick an seiner Frau fest. Süß sieht sie aus, mit ihren schulterlangen braunen Locken, der kessen Nase und den haselnussbraunen Augen, die so sanft und verständnisvoll in die Welt blicken. Sein Blick wandert weiter, bleibt bei der blonden Jenny hängen. Kurzhaarfrisur. Stahlblaue Augen. Eine schwarze Brille beherrscht das ovale Gesicht mit den vollen Lippen. Eigentlich findet er Brillen bei Frauen ja nicht sexy. Doch Jenny wirkt gerade wegen ihrer Brille sehr charismatisch. Das schwarze Gestell verleiht Jenny, die eigentlich Jennifer heißt, das gewisse Etwas. Gerade die Brille machte sie – von ihrer perfekten Figur einmal abgesehen – für die balzende Spezies höchst attraktiv. Das kann noch sehr unterhaltsam werden, wenn Simon seine Charme-Offensive auf Jenny startet, denkt Steffen, während er sich wohlig gegen den Kachelofen drängt. Sein Blick schweift weiter und heftet sich an Luisa.

Luisa ist Friseurmeisterin und wechselt ihr Aussehen wie andere Frauen ihre Garderobe. Vor ein paar Wochen noch hatte sie ihre Haare in einem satten Blauton gefärbt. Den lösten schwarze Extensions ab, eine neue Art der Haarverlängerung. Und jetzt hat sie lockige blutrote Haare, die zu einem Seitenscheitel fallen. Auch das steht ihr gut, findet Steffen.

Die Tür der kleinen Gaststube wird geöffnet und Vroni – ein seltsamer Name! –, betritt den Raum. Sie ist die Tochter des Hölzle-Bauers und hat ihnen versprochen, sich um ihr leibliches Wohl zu kümmern. Mit ihren kräftigen Händen trägt sie ein Tablett, auf dem dampfende Teller mit Schweinsbraten und Semmelknödeln stehen. »Habt’s Hunger?«, fragt sie lachend, während sie das Serviertablett mitten auf dem Tisch stellt. »I hob euch ’nen leck’ren Schweinsbraten g’mocht. Macht’s mal en Pausen vom Kartenspül un stärkt’s euch erstma. Auffi geht’s …«, sagt sie, während sie die ersten drei Teller auf dem Tisch verteilt.

Schlagartig erwacht Steffens Hungergefühl zum Leben. Frischer Schweinsbraten, mit leckerer Soße, Blaukraut und Semmelknödeln. Dafür würde er sich glatt noch einmal die verschneite Pass-Straße hinaufquälen. Vergessen sind die Strapazen. Vergessen sind der Ärger und die Angst. Vor ihnen liegen noch dreizehn wunderbare Urlaubstage, von denen er jeden einzelnen – in vollen Zügen – genießen will.

-5-

»Ist ein bunter Haufen, den uns die Lange da herangeschafft hat. Bin gespannt, ob sie unsere Erwartungen auch erfüllen.«

»Ich mache mir da keinerlei Illusionen. Auf den ersten Blick sehen sie fast alle ganz brauchbar aus, aber sobald es ernst wird, trennt sich die Spreu vom Weizen, ziemlich schnell. Das wird bei diesen Probanden wohl auch nicht anders sein.«

»Ja, leider. Mit Ausfällen muss man halt immer rechnen. Die wenigsten können der psychischen Belastung lange standhalten.«

»Wie sollten sie auch. Sie erleben hier eine Grenzerfahrung, die mit dem normalen Leben nur sehr wenig gemein hat. Manchmal frage ich mich wirklich, ob unsere Arbeit überhaupt noch sinnig ist.«

»Ernsthaft jetzt?«

»Ja! Hat sich Ihnen diese Frage denn noch nie aufgedrängt?«

»Wenn ich ehrlich bin … Nein! Noch nie.«