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Zwei Tote nach einem Sprengstoffattentat. Eine Mauer aus Schweigen. Eine Spur, die ins Zentrum der Geheimdienste führt. In Europa soll es einen organisierten Menschenhandel mit Frauen aus Krisengebieten geben. Mark Feller, Agent des Bundesnachrichtendienstes, wird zum Leiter einer kleinen Sonderkommission ernannt und nimmt mit seinem neuen Team die Ermittlungen auf. Die Mitglieder der ›Soko Menschhandel‹ stoßen schon nach wenigen Tagen an ihre Grenzen. Die Spur führt zu einem Netzwerk, das in die Spitzen der Gesellschaft reicht, bis in die Politik. Nervenkitzel für Fans spannender Thriller
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Michael Bardon
Mark Feller
Flashback
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Mit der Erfahrung unzähliger Flugstunden steuerte der Pilot die unbemannte Drohne über die Dächer von Sachsenhausen.
Noch achtzig Meter bis zum Showdown. Er nahm etwas Schub heraus und navigierte das Fluggerät zwischen zwei hohen Gebäuden hindurch. Die Schatten zwischen den Häuserzeilen wurden länger – an seinem Ziel, der schmalen Gasse, herrschte bereits nächtliche Dunkelheit.
Mit einer Bildschirm-Berührung wechselte der Pilot in den Nachtsichtmodus. Das Kamerabild flackerte kurz, dann wurden die Aufnahmen in grobkörnigen Grüntönen dargestellt.
Der Pilot nickte und schnalzte mit der Zunge, als er erkannte, dass am Ende der Gasse zwei Gestalten standen, die sich – das sah er an ihren Gesten – miteinander unterhielten. Perfekt! Zeitpunkt und Position stimmten ebenso wie die Information, dass es sich bei den beiden Zielpersonen, um einen Mann und eine Frau handelte.
»Ziel gefunden«, sagte er leise, während er die Drohne vorsichtig in den Sinkflug brachte.
Der neue Restlichtverstärker ist wirklich jeden Cent wert, dachte er und zoomte das Bild noch etwas näher heran.
Die Frau, sie trug ein leichtes Sommerkleid und war … ja, das kam hin, knapp eins siebzig groß. Der Kerl daneben maß ungefähr eins achtzig. Er trug ein Shirt, eine Schildkappe und eine Hose, die über seinen Knien endete. Auch das stimmte mit den Informationen überein, die er vor wenigen Minuten erhalten hatte.
Mach jetzt bloß keinen Fehler!
Das kleinste Missgeschick konnte die gesamte Mission gefährden.
Sein Blick glitt zum Höhenmesser, der ihm anzeigte, dass die Drohne die Viermeter-Marke bereits unterschritten hatte – sie schwebte jetzt beinahe lautlos über den Köpfen der Zielpersonen.
Der Pilot genoss diesen Augenblick. Er liebte das Wissen, der Handlanger des Todes zu sein; er fühlte sich berauscht, beglückt, beseelt, sah aber dennoch alles ganz nüchtern und seltsam klar. Als sähe er nur eine Doku in einem dieser smarten Pay-TV-Sender.
»Zeit zum Lebewohl sagen«, flüsterte er und ließ die Drohne um zwei weitere Meter nach unten sacken. Dann drückte er auf einen roten Knopf, der am rechten Rand seines Tablets in das Bild eingebettet war. Ein greller Blitz zuckte über den Monitor, dann wurde es schwarz und zeigte nur noch die Bedienelemente der integrierten Fernsteuerung an.
»Auftrag ausgeführt«, sagte er und unterbrach danach sofort die Verbindung zu dem Mann, der am anderen Ende der Leitung auf seine Vollzugsmeldung gewartet hatte. Sein Blick zuckte zum Innenspiegel, dann in die beiden Außenspiegel. Nichts Verdächtiges zu sehen. Er hatte nichts anderes erwartet.
Er warf das Tablet auf den Beifahrersitz, startete den Motor und fädelte seinen BMW in den fließenden Verkehr ein. Wenige Augenblicke später schwamm er im Strom der Blechlawine durch die Frankfurter City.
Tag 1
Ich saß auf einer Parkbank und starrte auf das Grab der Frau, die ich einmal über alles geliebt hatte.
Die Bank, alt, marode und verwittert, war in den vergangenen Wochen zu einer Art zweitem Zuhause für mich geworden; sie stand im Schatten einer Ulme, deren ausladendes Blattwerk bis an Julias Grab reichte.
Mir gingen die milden Sommernächte durch den Kopf, an denen Julia, nachdem wir uns geliebt hatten, in mein altes Armeeshirt geschlüpft war und sich mit mir auf die steinerne Bank im Garten gesetzt hatte. Hand in Hand, zwei Menschen, die sich stundenlang in die Augen schauen konnten, ohne des anderen überdrüssig zu werden.
Glauben Sie an die Liebe? Ich meine jetzt nicht nur die banale Liebe. Nein! Was ich meine, ist die wahre, große Liebe.
Glauben Sie daran? Ich jedenfalls glaube an die wahre, große Liebe, denn ich habe sie gefunden. Oder besser, sie hat mich gefunden.
Julia stand eines Tages vor mir, lächelte mich mit ihrem tanzenden Sommersprossenlächeln an und eroberte mein Herz sprichwörtlich im Sturm.
Großer Gott, es kommt mir vor, als wäre es vor einer Ewigkeit geschehen. Dabei hatte ich Julia gerade einmal sieben Monate gekannt, bevor sie ermordet wurde.
Himmel, waren wir naiv! Wir dachten, das gesamte Leben läge noch vor uns. Wir dachten wirklich – na ja, das mag jetzt ein klein wenig verschroben für Sie klingen – aber wir dachten damals wirklich, zusammen wären wir unsterblich.
Was für ein Kitsch! Ich weiß.
Wie sagt man so schön: Denn erstens kommt es anders, als man zweitens meistens denkt! Ich meine damit, dass das Schicksal sich gegen uns oder besser: Gegen unsere Liebe und eine gemeinsame Zukunft entschieden hat – in Gestalt eines Sprengstoffattentats.
Wir, Julia und ich, tappten blindlings in eine Falle, als wir an einem lauen Sommerabend einen Informanten treffen wollten. Die Explosion war gewaltig, Julia und der Informant hatten keine Chance.
Während ich in den darauffolgenden Wochen im künstlichen Koma lag, wurde sie still und leise zu Grabe getragen. Es muss eine einsame Beerdigung gewesen sein, denn aus ihrer Familie war wohl niemand da, der um sie getrauert hat.
Gott, wie sehr ich Julia vermisse! Wie sehr mir ihr Lachen, ihre Stimme und ihre Gesellschaft fehlen. Sie hat an mich geglaubt und darauf vertraut, dass ihr in meinem Beisein nichts Schlimmes widerfahren kann.
Ein tödlicher Irrtum.
Heute weiß ich: Du kannst noch so gut sein, irgendwann unterläuft dir doch der eine finale Fehler. Die Konsequenzen meines Versagens sind nicht rückgängig zu machen. Julia und der Informant sind tot und gegen mich wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet: wegen Insubordination und nicht autorisierter Ermittlung. Als ob das noch von Bedeutung für mich wäre!
Eine Bewegung, links vor mir, ließ mich aus den Gedanken schrecken. Ich blickte auf und sah einen hochgewachsenen Mann, der mit weit ausgreifenden Schritten über den Hauptweg eilte. Ich sah noch mehr. Ich sah sechs Männer, die sich zu drei Zweierteams strategisch gut über den Friedhof verteilten. In ihren schwarzen Anzügen und den mattschwarzen Sonnenbrillen wirkten sie, als wären sie dem Film ›Men in Black‹ entstiege – der Gedanke daran entlockte mir ein freudloses Grinsen.
Ich wusste es allerdings besser. Vor mir standen gut ausgebildete Männer. Kampferprobte Soldaten, die aus dem Kommando Spezialkräfte, kurz KSK, rekrutiert worden waren. So wie ich: Ein ehemaliger Elitesoldat der Division ›Schnelle Kräfte‹, der nun seinen Dienst beim Bundesnachrichtendienstversah, oder besser: bis zu seiner Freistellung versehen hatte.
Hätte, wäre, wenn …
Es ist müßig, über Entscheidungen im Nachhinein zu philosophieren. Das wusste ich. Und dennoch fragte ich mich immerzu, wieso ich meinem Vorgesetzten Major Starke erst eine Stunde vor dem Treffen per SMS Bericht erstattet hatte.
Ein dummer Fehler, wie ich im Nachgang einräumen musste. Mit ein wenig mehr Vorlauf hätte er mir zwei Mann zur Verstärkung schicken können.
Mein Blick zuckte zurück und heftete sich an die hagere Gestalt des hochgewachsenen Mannes, der sich nach wie vor zielsicher auf mich zubewegte. Sein schmaler, fast asketisch wirkender Kopf, wurde von einem dunklen Bartschatten eingerahmt, was dem länglichen Gesicht aber irgendwie eine markante Note verlieh.
Ich kannte diesen Mann, hatte ihm schon einige Male am runden Tisch gegenübergesessen, so nannten wir das Besprechungszimmer im Berliner Kanzleramt. Staatssekretär Dr. Hans-Peter Briegel war das Verbindungsglied zwischen dem BND und den für uns zuständigen Ministern der Bundesregierung. Ein mächtiger Mann, der sich der Tragweite seines Einflusses sehr bewusst war.
Sein Wort hatte Gewicht, und es war ein offenes Geheimnis, dass die Bundeskanzlerin ihm bedingungsloses – manche nannten es auch leutseliges – Vertrauen entgegenbrachte.
Staatssekretär Dr. Briegel. Ihm standen meine Vorgesetzten Rede und Antwort. Er erteilte die Einsatzbefehle und koordinierte die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Strafverfolgungsbehörden und den legendären drei: dem Bundesamt für Verfassungsschutz, dem Bundesnachrichtendienst und dem Amt für den militärischen Abschirmdienst, kurz und knapp: BfV, BND und MAD.
Zeit, wieder ins Leben zurückzukehren, dachte ich, während ich mich mit einem stummen Gruß von Julia für heute verabschiedete.
»Herr Feller, haben Sie einen Moment für mich?«
Ich schaute auf, löste meinen Blick von Julias schieferfarbenen Grabstein, dessen Inschrift ich bereits Tausende Male gelesen hatte. ›Ich wünsche dir, dass du dein Ziel nicht aus den Augen verlierst‹.
»Ein schöner Wahlspruch.« Briegel deutete mit seinem kahlen Schädel ein knappes Nicken an. »Haben Sie den ausgesucht?«
»Nein! Jemand anders hat das Grab arrangiert. Ich halte es nur sauber und zünde hin und wieder eine Kerze an.«
Mein Blick strich erneut über den Friedhof. Briegels Männer standen mit dem Rücken zu uns; sie schienen von unserem Gespräch keinerlei Notiz zu nehmen.
»Verstehe, die Familie.« Der Staatssekretär setzte sich, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, neben mich auf die marode Bank.
Bestimmt nicht!, dachte ich, sagte jedoch nichts.
»Ein schöner Platz, um den ewigen Frieden zu finden. Wenn es mich mal erwischt, würde ich mir auch so ein friedvolles Örtchen wünschen«, sagte Briegel mit gedämpfter Stimme.
Ich beschloss, dieser Plauderei ein Ende zu bereiten, und fragte knapp, »Was wollen Sie?«
Friedvolle Stille … Na ja, ich meine jetzt nicht wirklich die Art von friedvoller Stille, die Sie sich gerade ausmalen. Dazu war hier einfach zu viel los. Von der nahen Schnellstraße brandete der Verkehrslärm zu uns herüber, ein paar Gräber weiter harkte eine ältere Dame die Erde auf einem Grab durch und keine zwanzig Schritte von unserer Bank entfernt füllte ein Friedhofsgärtner die hässlich grünen Gießkannen an einer quietschenden, ebenfalls grünen Handschwengelpumpe auf.
Dennoch herrschte, zumindest neben mir, schlagartig Stille, als der Staatssekretär geräuschvoll die Luft einzog und im nächsten Moment seine Lippen aufeinanderpresste.
»Reden wir nicht um den heißen Brei herum. Was treibt Sie vom fernen Berlin hier zu mir nach Frankfurt?«
Ich ließ Briegel jetzt nicht mehr aus den Augen. Meine Neugier war geweckt, ich wollte wissen, was den Staatssekretär veranlasst hatte, seine heiligen Hallen zu verlassen.
Er musterte mich abschätzend. Das Blau seiner Iris strahlte so intensiv, dass ich unwillkürlich an eingefärbte Kontaktlinsen dachte.
»Wir müssen reden«, sagte er, während sein Blick abermals zu Julias Grab schweifte. »Über sie und … über Sie.«
»Ich habe meine Aussage bereits vor dem Untersuchungs- ausschuss gemacht«, sagte ich, konnte jedoch den bitteren Unterton in meiner Stimme nicht ganz verleugnen.
»Ich weiß, ich war dabei.«
»Na, dann ist doch alles gesagt.«
»Nein, ist es nicht!« Briegel schüttelte sein kahles Haupt. »Wissen Sie, die Sache beschäftigt mich noch immer. Ich habe Erkundigungen über Sie eingezogen, Feller. Klammert man das Unglück einmal aus … na ja, dann ist Ihre Dienstakte wirklich beeindruckend. Ihre Vorgesetzten bei der Bundeswehr halten große Stücke auf Sie und beim BND hätte man Sie lieber heute wie morgen wieder zurück.«
Briegels dünne Lippen verzogen sich nun zu einem angedeuteten Lächeln; nach einer kurzen Pause sprach er weiter. »Ihnen eilt der Ruf voraus, ein erstklassiger Ermittler zu sein, der, und jetzt berufe ich mich auf Ihren Brigadegeneral, manchmal eben auf nicht alltägliche Vorgehensweisen zurückgreift. Er findet das im Übrigen völlig legitim, solange Sie gewisse Grenzen nicht überschreiten, sagt er.«
Ich starrte mein Gegenüber an, während in meinem Kopf ein Dutzend Warnlampen aufflammten – meine innere Stimme fragte, was die Bauchpinselei sollte.
Abermals fixierten mich die blauen Augen des Staatssekretärs. »Sind Sie der Sache weiter nachgegangen, Feller?«
Ich schüttelte den Kopf, eine unbewusste Reaktion. Natürlich hatte ich versucht, weiter an der Sache dranzubleiben. Das war ich Julia schuldig. Dem Informanten, der bei dem Sprengstoffattentat ja ebenfalls ums Leben gekommen war, natürlich auch. Doch die Spur war erkaltet und außer dem Gerücht, es gäbe einen europaweiten Menschenhandel mit Asylsuchenden hielt ich nichts Greifbares in den Händen.
Meine Gedanken schweiften ab. Ich sah mich jetzt selbst über den belebten Platz mit den vielen kleinen Cafés in Sachsenhausen laufen, Julia keine zwanzig Schritte vor mir. Sie steuerte geradewegs auf eine schmale Gasse zu, in der sich neben einer kleinen Sisha-Bar hauptsächlich türkische und arabische Läden befanden.
Mein Blick zuckte unruhig hin und her, während ich gleichzeitig versuchte, Julia im Gedränge nicht aus den Augen zu verlieren. Ich war etwas zurückgefallen, nicht viel, vielleicht acht, neun Schritte. Meter um Meter schob ich mich durch die Menge. An den umliegenden Tischen wurde geplappert und gelacht – es roch nach Essen, Kaffee, Apfelwein und Bier. Wortfetzen wehten zu mir herüber – ich versuchte, sie zu ignorieren und mich ganz auf Julia zu konzentrieren.
Näher … näher, verdammt du bist noch immer zu weit weg, dachte ich, während Julia vor mir in die schmale Gasse einbog …
»Wissen Sie, Feller, es fällt mir wirklich schwer, Ihnen das zu glauben«, knurrte Briegel. Sein Lächeln war verflogen, um seine Mundwinkel hatten sich tiefe Furchen gebildet.
»Tja, das ist jetzt wirklich nicht mein Problem«, erwiderte ich ungerührt, während ich aufstand und meine steif gewordenen Knie vorsichtig durchdrückte.
Der Herbst neigte sich dem Ende entgegen, ein kühler Luftzug strich über mein Gesicht – mich fröstelte, ich zog die Schultern hoch und schlug den Kragen meiner Lederjacke nach oben.
»Wie gut kannten Sie Frau Fischer?« Briegels Stimme hatte ihre Klangfarbe geändert. Sie klang jetzt schärfer, ungeduldiger, eine Spur fordernder als zuvor.
Ich hielt in der Bewegung inne und starte auf den Staatssekretär, der nach wie vor götzengleich auf der Parkbank saß. »So gut wie ich sie kennen musste, um sie zu lieben.« Meine Stimme war belegt.
»Hat sie Sie auch geliebt?«
Die Frage kam so unerwartet, dass es mir glatt die Sprache verschlug. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein …? Natürlich hatte Julia mich geliebt. Das stand außer Frage. Völlig außer Frage!
»Was wollen Sie?«, quetschte ich hervor.
»Wissen Sie, Feller, Frau Fischers Tod hat viele Fragen aufgeworfen, von denen nach wie vor eine ganze Menge unbeantwortet sind.«
»Fragen? Was für Fragen? Ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Ich spürte, dass ich innerlich in Lauer-Stellung ging.
Briegels Augen wanderten zwischen Julias Grab und meinen hin und her. »Na ja, es ist so, dass wir bis heute nicht abschließend klären konnten, wer die beiden Toten in der Gasse wirklich waren«, sagte er, den Blick nun nachdenklich auf Julias Grabstein gerichtet.
»Was soll das heißen? Wollen Sie damit etwa andeuten, das … dass Frau Fischer noch leben könnte?«, fragte ich.
Bilder tanzten vor meinen Augen: Julia, ein arabisch aussehender Mann, ein dunkler Schatten in der Luft und dann ein greller, alles auffressender Blitz …
Soll ich Ihnen etwas sagen: Es klingt verrückt, ich weiß. Aber bei Briegels Worten schöpfte etwas in mir neuen Mut oder nennen wir es: Hoffnung.
Meine Gedanken schweiften abermals ab, ich sah mich wieder über den belebten Marktplatz in Frankfurt-Sachsenhausen laufen. Julia bog gerade in die schmale Gasse ein, an deren Ende sie den Tippgeber treffen wollte. Wir kannten den Mann nicht, doch die vagen Andeutungen, die er Julia am Telefon preisgegeben hatte, klangen vielversprechend und alarmierend.
Ich beschleunigte meinen Schritt und wich einer Gruppe Asiaten aus, die vor einem kleinen Brunnen für ein Ich-war-in-Frankfurt-Foto posierten. Adrenalin schoss durch meine Adern; mein Puls raste, meine Atemfrequenz jagte nach oben, wurde schnell und flach.
Knapp zehn Sekunden nach Julia erreichte auch ich die schmale Gasse. Ich hielt inne, presste mich gegen die Hauswand und spähte erst einmal vorsichtig um die Ecke …
»Außerdem …« Briegels Stimme riss mich aus meinem Erinnerungs-Film. »… fragen wir uns natürlich, wie Frau Fischer als freie Journalistin an solch brisante Informationen gelangen konnte.« Sein Blick suchte meinen, auch in seinem lag ein Lauern. »Ich meine damit, und verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch, Feller, dass Frau Fischer nicht gerade eine Top-Journalistin bei einer der führenden Tageszeitungen war. Oder liegen uns da falsche Informationen vor?«
Ich schüttelte stumm den Kopf.
»Das dachte ich mir. Sehen Sie, was ich meine? Da drängt sich die Frage doch ganz von alleine auf, warum gerade ihr diese hochbrisante Story zugespielt werden sollte.«
Ich schürzte die Lippen, ließ Briegels Worte für einen kurzen Moment auf mich wirken.
»Das haben wir uns damals auch gefragt«, nickte ich, »aber wir gingen davon aus, dass der Informant Kenntnis von meiner Tätigkeit für den Bundesnachrichtendienst hatte. Alles andere hätte wenig Sinn ergeben, zumindest nach meinem Dafürhalten.«
»Okay!« Briegels Gesicht wirkte jetzt völlig ausdruckslos wie das eines Pokerspielers. Er benetzte seine Lippen, bevor er weitersprach. »Wir haben die Fotos von Ihrem Smartphone ausgewertet, die Sie vor der Explosion noch geschossen haben. Frau Fischers Informant war allem Anschein nach ein langjähriger V-Mann des Verfassungsschutzes. Ein gewisser Hasan Alkbari. Ein Deutsch-Syrer, dessen Eltern vor dreiundzwanzig Jahren immigriert sind. Haben Sie das gewusst?«
»Nein!« Ich zuckte mit den Schultern, während ich versuchte, die Bilder der explodierenden Drohne aus meinem Kopf zu verbannen. Ich hatte das verdammte Ding im letzten Moment entdeckt. Sie schwebte keine zwei Meter über Julias Kopf, ein dunkles, flaches, kleines Etwas, das am nächtlichen Himmel beinahe unsichtbar war.
In meinem Erinnerungsfilm sah ich, wie ich losstürmte. Ich hörte, wie ich mir die Lunge aus dem Leib schrie, und ich sah, wie ich hektisch gestikulierte beim Versuch, die beiden vor der schwebenden Gefahr zu warnen.
Für zwei, drei Wimpernschläge schien die Welt den Atem anzuhalten, so wie ich, dann zerriss ein greller Blitz die schmale Seitengasse und ich wurde durch die Luft geschleudert.
Was danach geschah, weiß ich nur aus den Erzählungen meiner Kollegen und der Durchsicht des Polizeiberichtes. Glauben Sie mir, die Tatortfotos … Gott, sie verfolgen mich noch immer und rauben mir nachts den Schlaf.
Briegels Haltung straffte sich, während er mit leicht zur Seite geneigtem Kopf zu mir aufschaute.
»Auf meine Veranlassung hin«, sagte er, »wurde vor knapp drei Wochen die ›Soko Menschhandel‹ gegründet. Ich will, dass Sie sich dort einbringen, Feller. Alle Vorwürfe gegen Sie wurden ausgeräumt und aus Ihrer Dienstakte eliminiert.«
Seine kalten Augen musterten mich, während sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl. »Ihr Ruhestand ist hiermit offiziell beendet. Meine Gratulation. Seit heute sind Sie der neue Leiter dieser fünfköpfigen Sonderkommission.«
Mit einem leichten Fingerwisch über den Bildschirm versuchte der Pilot, das Set-up der Digitalkamera zu korrigieren. Äußerlich wirkte er ruhig und gelassen, eben wie ein Mann mittleren Alters, der mit seinem Smartphone aus purer Langeweile ein wenig herumspielte.
Doch innerlich sah es ganz anders aus – die Anspannung drohte ihn aufzufressen. Er zwang sich zu einem Lächeln, während er weiterhin das verpixelte Bild auf seinem Smartphone anstarrte.
Verdammt, so wurde das nichts. Irgendetwas stimmte mit der blöden Kamera nicht. Dabei hatte er sie erst heute Morgen gründlich gecheckt, als er die Drohne für den Einsatz vorbereitet hatte.
Ein weiteres Mal wischte sein rechter Mittelfinger über den fünf Zoll großen Bildschirm. Nicht dass er noch mit einer Veränderung rechnete, aber die Hoffnung starb ja bekanntermaßen zuletzt.
Moment! Jetzt tat sich was. Der Bildschirm flackerte, wurde schwarz, bevor er erneut zu flackern anfing.
Die hochauflösende Digicam an der Unterseite der Drohne schaltete endlich in den Auto-Modus und das Bild auf seinem Smartphone wurde binnen eines Wimpernschlags kristallklar.
Ein wenig verwundert, aber dennoch erleichtert, nahm der Pilot noch ein paar kleinere Veränderungen vor, bis er mit dem Ergebnis ganz offenkundig zufrieden war.
Normalerweise bevorzugte er einen dieser Tablets, wenn er eine Drohne steuerte. Das war einfach komfortabler; man konnte die eingeblendeten Daten auf dem Tablet auch wesentlich besser ablesen.
Dennoch hatte er sich heute für eine andere Möglichkeit entschieden. Er saß in einem belebten Café, da war das Smartphone die unauffälligere Alternative, keine Frage!
Das Lächeln umspielte noch immer seine Mundwinkel, als er von dem kleinen Bildschirm aufblickte und versuchte, die gut aussehende Bedienung – sie hätte seine Tochter sein können – auf sich aufmerksam zu machen.
Er brauchte noch einen Kaffee, und zwar dringend. Der Koffeinschub würde seine Nerven beruhigen und ihm dabei helfen, seine Gedanken auf die bevorstehende Aufgabe zu fokussieren.
Sein Blick checkte den der Bedienung, während er gleichzeitig die anwesenden Personen der Reihe nach scannte: eine reine Vorsichtsmaßnahme, die ihm jedoch seit vielen Jahren in Fleisch und Blut übergegangen war.
Wer nicht auf der Hut war, nicht überall und zu jedem Zeitpunkt mit dem Unmöglichen rechnete, der wurde in seinem Job nicht sehr alt.
Fressen und gefressen werden. Eben war man noch der Jäger und eine Sekunde später fand man sich in der Rolle des Gejagten wieder. Er hatte das selbst schon erlebt – vor vielen Jahren, als er noch ein blutiger Anfänger war.
Sein Blick schweifte weiter. Das trendige Café war gut besucht. Überall saßen Menschen, die sich miteinander unterhielten oder – so wie er – auf ihr Smartphone starrten.
Für einen kurzen Augenblick verharrte sein Zeigefinger über dem Bildschirm, dann tippte er auf einen blauen Knopf, um die Steuerung der Drohne in das Kamerabild zu integrieren. Alles bestens, jetzt konnte es losgehen.
Aus dem Augenwinkel nahm er die junge Bedienung wahr, die sich irgendwie anmutig zwischen den Tischreihen auf ihn zubewegte. Er signalisierte ihr, dass er noch einen Kaffee wünsche, sie nickte nur kurz und steuerte gleich darauf einen anderen Tisch an.
Stressiger Job, dachte er, während sich seine Finger um das Aluminiumgehäuse seines Telefons schmiegten und er beide Daumen auf die Steuereinheit legte. Vorsichtig bewegte er die kleinen Joysticks, die auf seinem Bildschirm als silberne Symbole dargestellt wurden. Erst den linken, dann den rechten. Alles klar!
Langsam hob die Drohne vom Boden ab. Das Bild auf seinem Smartphone veränderte sich, blieb jedoch auch weiterhin gestochen scharf.
Gut so! So konnte es weitergehen.
Sein linker Daumen tarierte die Flugbalance aus, während sein rechter Daumen für den Vortrieb der wendigen Drohne sorgte. Er studierte die eingeblendeten Daten – sie wurden klein, zu klein dargestellt.
Geistige Notiz, dachte er. Das musst du vor der nächsten Mission unbedingt ändern.
Meter um Meter stieg das todbringende Fluggerät in den Himmel. Als es die Fünfzigmetermarke passiert hatte, wagte der Pilot die ersten kleineren Flugmanöver.
Alles in Ordnung! Die Drohne reagierte auf alle Befehle, die er von seinem Platz im Café zu ihr nach oben sandte.
Am oberen Bildschirmrand seines Smartphones wurde ihm das Eintreffen einer Nachricht signalisiert. Der Text war kurz gehalten und bestand eigentlich nur aus wenigen Buchstaben, die ihm jedoch ein freudiges Grunzen entlockten. ›Freigabe‹
Und ab geht die Post!
Er korrigierte den Kurs und steuerte die Drohne ihrem Ziel entgegen.
*
Ich stand da und lauschte dem Nachhall von Briegels Worten. ›Meine Gratulation, Feller. Seit heute sind Sie der neue Leiter dieser fünfköpfigen Sonderkommission‹.
Meine Gedanken überschlugen sich, während mein Verstand versuchte, die Worte des Staatssekretärs zu verarbeiten.
»Ich sehe, Sie sind ein klein wenig überrascht«, sagte Briegel, dessen Mundwinkel sich amüsiert bewegten. »Ich habe das mit Ihren Vorgesetzten bereits alles besprochen, jedoch darum gebeten, Ihnen im Vorfeld nichts davon zu erzählen. Wissen Sie, ich wollte Ihnen die Nachricht selbst überbringen und mir ein eigenes Bild von Ihrem Zustand machen.«
»Von meinem Zustand?«
»Ja, von Ihrem geistigen und körperlichen Zustand«, nickte Briegel. »Sie wirken fit und ausgeruht. Das ist gut. Sie hätten aber genauso gut auch ein Wrack sein können, das vor lauter Selbstmitleid für diesen Posten ungeeignet gewesen wäre.«
»Sie hätten sich den Weg sparen können, wenn Sie die psychologische Beurteilung, von Doktor Pleinfeld gelesen hätten.«
»Das habe ich, Feller, das habe ich. Es ist nur so, dass ich mir lieber mein eigenes Bild von den Dingen mache. In diesem Punkt ticken wir beide wohl ganz ähnlich, denke ich.«
Ich nickte, sagte jedoch nichts.
Meine Gedanken – sie waren noch immer unsortiert.
Eine weitere Windbö fegte über mich hinweg. Die Ulme, unter der ich stand, wiegte sich gemächlich im Wind; ich hörte das Rauschen der Blätter, blickte auf, und sah, dass der Baum sein verfärbtes Laub auf Julias Grab fallen ließ.
Alles ist endlich auf dieser Welt, nichts ist für die Ewigkeit geschaffen, dachte ich, während ich unbewusst meine Schultern straffte.
Briegels Angebot war ein Geschenk des Himmels. Um Julias Mörder zu fassen, brauchte ich wieder freien Zugang zu den Datenbanken des Bundesnachrichtendienstes. Und ein wenig Unterstützung seitens der Kollegen konnte schließlich auch nichts schaden, sagte ich mir.
»Was sagen Sie, haben wir einen Deal?«
Briegels Frage riss mich aus meinen Überlegungen.
»Deal«, sagte ich, den Blick noch immer unverwandt auf Julias herbstbelaubtes Grab gerichtet.
»Gut! Ich hatte gehofft, dass Sie zustimmen, sicher war ich mir allerdings nicht«, sagte der Staatssekretär in meinem Rücken. Er hüstelte kurz, bevor er weitersprach. »Also das mit der Anhörung … und Ihrer anschließenden Freistellung …«
»Was ist damit?«
Briegel hüstelte erneut; er wirkte ein klein wenig verlegen. »Ich muss wohl nicht erst betonen, dass das damals nicht auf meinem Mist gewachsen ist. Ehrlich, Feller, ich war von Anfang an dagegen, aber na ja, Sie wissen ja selbst, wie so was läuft.«
»Geschenkt«, sagte ich und drehte mich zu ihm um. Für einen winzigen Moment glaubte ich, eine flüchtige Bewegung auf Höhe der Baumkronen auszumachen. Doch als ich genauer hinsah, blickte ich nur in den wolkenverhangenen Himmel und zu ein paar Blättern, die der Wind mit sich forttrug.
»Dann wäre das also auch geklärt«, nickte Briegel, nun wieder ganz taffer Staatsmann. Er wirkte erleichtert, geradezu beschwingt. Seine Stimme klang für mich fast eine Spur zu fröhlich, als er mir eröffnete, dass wir noch über ein paar Kleinigkeiten bezüglich des Teams sprechen müssten.
Ich wollte gerade nachfragen, was er meinte, als ich erneut einen Schatten aus dem Augenwinkel sah.
Mein Atem stockte, meine Kopfhaut kribbelte, mein Unterbewusstsein signalisierte ›Gefahr‹.
Ich hob die Hand und bedeutete Briegel, der gerade etwas zu mir sagen wollte, er solle den Mund halten. Dann deutete ich in den Himmel und gab ihm zu verstehen, dass ich da oben irgendetwas gesehen hatte.
Ein Knirschen war zu hören. Ich wusste, woher es stammte. Briegels Schuhsohlen scharrten über den kiesbedeckten Boden, während seine Augen wie meine den Himmel absuchten. Ich sah ihn kurz an. Sein linkes Lid zuckte – er wirkte angespannt, nervös und beunruhigt.
»Gehen Sie rüber zu Ihren Leuten. Die sollen Sie umgehend von hier fortbringen«, sagte ich, den Blick nun wieder auf die Baumwipfel gerichtet.
Der Staatssekretär reagierte nicht. Sein Gesicht verlor fast augenblicklich an Farbe; er war ein Schreibtischtäter und schien mit der Situation völlig überfordert zu sein.
Ich stieß einen lang gezogenen Pfiff aus, spreizte meinen Zeige- und Mittelfinger zu einem V und deutete damit in den Himmel. Die Personenschützer reagierten sofort. Zwei von ihnen stürmten auf Briegel zu, während die anderen vier ihre Waffen zogen und den Rückzug deckten.
Eine Sorge weniger, dachte ich, und starrte erneut zu der Stelle, an der ich vor wenigen Sekunden den Schemen gesehen hatte. Ich kniff die Lider zusammen und wechselte vorsichtig die Stellung. Irgendwie, ich wusste selbst nicht warum, fühlte ich mich in die schmale Gasse nach Sachsenhausen zurückversetzt.
»Da …«
Briegels Ausruf ließ mich kurz zusammenfahren. Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Arm, der anklagend in die Luft zielte. Meine Vorahnung wurde zur bitteren Gewissheit – am Himmel über uns schwebte eine Drohne.
Briegels Leibwächter waren bereits bis auf wenige Meter heran. Sie reagierten sofort und nahmen die Drohne, noch während sie liefen, unter Beschuss.
Ich riss meine Glock nun ebenfalls aus dem Holster und sah die Drohne ein riskantes Ausweichmanöver fliegen. Nur einen Wimpernschlag später, verschwand sie zwischen zwei Bäumen.
Wer auch immer dieses Ding steuerte – er war gut. Richtig gut!
»Los … los … schafft ihn endlich weg! Ich kümmere mich um das Ding«, rief ich Briegels Leibwächtern zu, während ich gleichzeitig den Himmel absuchte. Nichts zu sehen, außer den sich im Wind wiegenden Baumwipfeln.
Zeit zum Handeln, dachte ich. Es war immer besser zu agieren als zu reagieren! Ich hetzte los, rannte auf die Stelle zu, an der ich die Drohne aus den Augen verloren hatte. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass der Friedhofsgärtner über eine freie Rasenfläche flitzte; er hatte eine geduckte Haltung eingenommen. Es kümmerte mich nicht.
Weitere Schüsse fielen – aus den Waffen der Leibwächter, die Briegels Rückzug deckten.
Jetzt gab es für die Menschen auf dem Friedhof kein Halten mehr. Wer konnte, rannte um sein Leben.
Ich hetzte weiter, übersprang ein Grab und tauchte zwischen zwei Büschen hindurch. Dornenranken zerrten an meiner Lederjacke, ein dürrer Zweig peitschte mir ins Gesicht. Es schmerzte. Ich riss mich los, wich einem Baum aus und hatte endlich wieder freie Sicht.
Jetzt sah ich die Drohne. Sie jagte im Tiefflug auf Briegel und dessen Leibwächter zu. Ich zögerte keine Sekunde, riss die Glock hoch und drückte ab. Die Distanz betrug fast fünfzig Meter, eigentlich zu weit für eine kurzläufige Handfeuerwaffe.
Ich feuerte trotzdem – ich hoffte insgeheim auf einen Kunstschuss. Auch Briegels Männer schossen jetzt aus allen Rohren, während sie den Staatssekretär gleichzeitig Richtung Ausgang drängten.
Die Drohne flog nun eine weite Kurve, um dem Kugelhagel aufs Neue zu entgehen. Sie griff sofort wieder aus westlicher Richtung an und schnitt den Flüchtenden den Weg ab.
Ich dachte an Sachsenhausen, dachte an die schmale Gasse, und ich dachte an die Explosion, die Julia das Leben geraubt hatte.
Gott, war ich wütend! Ich wollte nur noch eines: das verhasste Ding vom Himmel holen.
Meter um Meter rannte ich der Drohne entgegen. Mein Blick klebte an ihr, sie war grau, verschmolz immer wieder mit der tristen Farbe des Himmels.
Weiter … weiter … Zeit zu verschwenden war keine Option. Ich sprang über drei weitere Gräber, trampelte ein paar Zierrosen nieder und riss mit dem Fuß eine Grableuchte um. Mein Atem flog mit meinen Füßen um die Wette, während ich aus vollem Lauf auf die Drohne schoss.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sich Briegels Männer aufgeteilt hatten. Während drei von ihnen den Staatssekretär auf einen kleinen Buchenhain zuschoben, nahmen die anderen drei die Drohne nun gezielt unter Beschuss. Ich schob ein neues Magazin in meine Glock und fragte mich, weshalb der Pilot die Drohne noch nicht zur Explosion gebracht hatte, als sie erneut in den Tiefflug überging und das Feuer erwiderte.
Mir stockte der Atem, während ich mit ansah, wie die Leuchtspurmunition – das Ding verfeuerte wirklich großkalibrige Leuchtspurmunition! – auf die drei Leibwächter niederprasselte.
»Deckung … verdammt geht in Deckung!«, rief ich und brachte meine Glock erneut in Anschlag. Ich atmete drei, vier Mal langsam aus und versuchte, meinen fliegenden Puls ein klein wenig zu beruhigen.
Die Drohne flog jetzt unglaublich schnell; sie näherte sich den drei Leibwächtern aus südlicher Richtung. Ich stand östlich, was bedeutete, dass sich unsere Wege gleich kreuzen würden.
Ich ließ sie jetzt nicht mehr aus den Augen, schätzte ihre Entfernung, Höhe und Geschwindigkeit ein. Zwei, vielleicht auch drei Sekunden, mehr Zeit blieb mir nicht. Ein letztes Mal atmete ich tief aus, dann nahm ich eine Haltung wie auf dem Schießstand ein.
»Komm nur … komm nur, ja komm schon …«, stieß ich hervor.
Als die Drohne sich bis auf vierzig Meter genähert hatte, feuerte ich. Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich abgedrückt habe, aber einer meiner Kugeln muss die Drohne voll erwischt haben.
Sie begann zu trudeln, kippte unvermittelt zur Seite, und prallte mit voller Wucht gegen einen Baum.
Eine Nanosekunde später brach die Hölle los. Ein dumpfes Grollen ließ den Boden unter meinen Füßen erbeben. Splitter sausten umher, Erde und Geröll flog durch die Luft. Ich warf mich herum, war jedoch nicht schnell genug. Die Druckwelle traf mich mit mörderischer Wucht, riss mich von den Füßen, wirbelte mich durch die Luft.
Ich war benommen und orientierungslos. Staub hüllte mich ein; er raubte mir die Sicht und den Atem.
Einen Augenblick später schlug ich hart auf dem Boden auf und um mich herum, wurde alles schwarz.
Mit einem stillen Fluch auf den Lippen schob der Pilot das Smartphone in die rechte Innentasche seines grauen Sakkos. Sein Blick schweifte durch das Café, während er sich erneut zu einem freundlichen Lächeln zwang.
Nur nichts anmerken lassen, dachte er. Bleib schön cool, alles ist easy. Am besten bestellst du dir jetzt ein Stück Schwarzwälder Torte und trinkst dazu noch einen Kaffee. Nein, besser einen Espresso, du brauch jetzt was Starkes …
Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und ließ die vergangenen Minuten noch einmal Revue passieren.
Teufel aber auch! Dass der Auftrag schwierig werden würde, war klar, aber mit so einem Fiasko habe ich nun wirklich nicht gerechnet.
Er hob die Hand und signalisierte der hübschen Bedienung, dass er noch einen Wunsch hatte. Dann holte er ein zweites Telefon hervor, tippte eine kurze Nachricht und legte das Smartphone gut sichtbar, jedoch mit dem Bildschirm nach unten, vor sich auf den Tisch.
Seine Gedanken kreisten um das missglückte Attentat und um die Konsequenzen, die sein Versagen mit sich führen würden.
Zum einen war da die zerstörte Drohne: Sie würde keine verwertbaren Spuren hinterlassen. Dafür hatte er gesorgt. Die Sprengkraft war so bemessen, dass die Drohne nach der Zündung buchstäblich pulverisiert wurde. Und die Leuchtspurmunition von Kaliber 12,7 ließ sich auch nicht bis zu ihm zurückverfolgen. Die Geschosse aus ehemaligen NATO-Beständen waren clean – sie wurden nirgendwo vermisst, dafür hatte sein Auftraggeber gesorgt.
Er atmete einmal tief durch: Von dieser Seite gab es demnach keine Probleme. Das war die Habenseite!
Auf der Sollseite stand der Staatssekretär. Der aufgeblasene Wichtigtuer hatte den Anschlag überlebt, was seinem Auftraggeber überhaupt nicht schmecken dürfte. Da musste er noch einmal ran, das konnte er so nicht auf sich sitzen lassen.
Herrje, was für ein gebrauchter Tag …
Sein Blick scannte erneut die Anwesenden. Das Café war gut besucht – er hatte Mühe, den Überblick zu behalten. Ständig ging die gläserne Tür auf und spuckte neue Gäste herein. Es war ein Kommen und Gehen, das Café glich einem Bienenstock.
Das Ding ist eine Goldgrube, dachte der Pilot, während er einem attraktiven Jüngling ins Visier nahm. Der Kerl war schwul, so wie er, das sah er auf den ersten Blick.
Für einen kurzen Moment gab er sich seinen Fantasien hin, malte sich aus, wie viel Spaß sie beide miteinander haben würden. Himmel, alleine der Gedanken daran ließ seine Lenden pochen.
Der Pilot lächelte verschmitzt, als er sah, dass der junge Kerl – er mochte Anfang zwanzig sein – ihn ebenfalls interessiert musterte.
Von seinem Streifzug durch das Viertel wusste er, dass es eine Querstraße weiter ein kleines Hotel gab. Nichts Besonderes, nein, eher gutbürgerlich, bieder, langweilig, aber für ein paar nette Stunden zu zweit gewiss mehr als ausreichend.
Seine innere Stimme meldete sich zu Wort. Sie bestand darauf, seinen ursprünglichen Plan beizubehalten. Sie forderte ihn auf, an seinen Auftrag zu denken und nicht an sein schwanzgesteuertes Vergnügen.
Das Vibrieren seines Smartphones riss ihn aus seinem Zwiespalt. Er blickte auf und schrak zusammen, als die hübsche Bedienung auf der anderen Seite des Tisches stand. Sie musterte ihn aus schmalen Augen – sie wirkte gehetzt, müde, der Stress stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Zahlen, bitte«, sagte der Pilot. Er rang sich ein Lächeln ab, zog seine Geldbörse aus der Hosentasche und fischte einen Zwanziger heraus. Seine Entscheidung war gefallen; es wurde Zeit, von hier zu verschwinden …
*
Das Erste, was ich wieder bewusst wahrnahm, war das Heulen der Sirenen. Ich lag bäuchlings auf dem Boden, war reichlich benommen und versuchte, meine Erinnerungen zu sortieren.
Das Sirenengeheul rückte näher, ich hörte Stimmen – sie klangen heiser, aufgeregt, sprudelten wild durcheinander.
Für zwei, drei Atemzüge verharrte ich in meiner liegenden Position, dann begann ich ganz vorsichtig, erst die Arme, dann den Kopf und schließlich die Beine zu bewegen.
Okay! Alles schien an seinem angestammten Platz zu sein. Das war gut! Ich hob den Kopf, öffnete die Augen und musste mich übergeben.
»Ja … gut so, Kumpel. Spuck alles aus, was keine Miete zahlt«, schnarrte eine Stimme über mir. Hände tasteten mich ab, es geschah schnell und professionell.
»Bist du okay? Is jedenfalls noch alles dran an dir, wie’s aussieht.«
Witzbold! Ich hob den Kopf noch etwas weiter an. Ich blickte – ich gebe zu, mein Blick war noch verschwommen – in das aufmunternde Gesicht eines Mannes. Der Kerl grinste.
»Er ist okay«, donnerte Grinsebackes Stimme nun über mir. Er reckte seinen Daumen in die Höhe, während ich mich, nach Luft ringend, auf den Rücken wälzte. Gott war mir übel!
»Kannst du aufstehen oder willst du auf die Sanis warten?«
»Aufstehen.«
»Dann komm!« Er streckte mir seine Linke entgegen, da er in der rechten Hand eine Pistole hielt. Eine mattschwarze Glock 17 mit verlängertem Magazin, wie ich unschwer erkennen konnte. Sie war eine Spezialanfertigung, so wie meine eigene Waffe.
Apropos Waffe. Ich schaute mich um. Wo zum Teufel war meine Pistole? Ich hatte sie doch in den Händen gehalten, als das Inferno über mich hereingebrochen war.
»Falls du deine Knarre suchst, Kumpel, die liegt da vorne«, sagte der Grinser, während er mir mit einem »Und los geht’s!«, auf die Füße half.
Ich stand. Noch ein wenig wacklig, aber ich stand. Während ich mich mit den Händen auf den Oberschenkeln abstützte, ließ ich meinen Blick über den Friedhof wandern.
Ich sah Briegel oder besser seinen Schemen. Er schlüpfte gerade durch das schmiedeeiserne Tor auf die Straße hinaus, umringt von vier Leibwächtern, die ihn nach allen Seiten abschirmten. Mein Blick glitt weiter, flog über die einst so gepflegte Rasenfläche, die jetzt einem umgepflügten Acker glich. In der Mitte des Rasens ragten zwei Baumstümpfe in den Himmel, die dazugehörigen Bäume, ich glaube, es waren Erlen, hatten gut ein Dutzend Gräber unter sich begraben. Überall lagen Trümmerteile herum. Ich sah die Überreste einer Bank, sie waren schwarz, sahen verbrannt aus. Mein Blick wanderte weiter zu einer Hecke. Sie wirkte ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen – ich sah vereinzelte Flammennester, die munter vor sich hin züngelten.
Großer Gott! Die Sprengkraft der Bombe muss wirklich enorm gewesen sein.
»Klasse Schuss, hast einen gut bei mir«, schnarrte Briegels fünfter Leibwächter nun neben mir.
Ich nickte kurz, sagte jedoch nichts. Mein Blick fing den sechsten Personenschützer ein. Er kniete neben einer jungen Frau, die mit verrenkten Gliedmaßen auf dem Boden lag. Das sah nicht gut aus. Verdammt!
»Was für eine Scheiße, was? Hier sieht’s aus, als wäre eine Horde Taliban über uns hergefallen. Ehrlich, Mann, als ich so was das letzte Mal gesehen habe, war das in einem Wüstendorf bei Kundus.«
Ich nickte erneut, sagte jedoch noch immer nichts. Mein letztes Mal war gerade zweieinhalb Monate her. Und es war nicht in Afghanistan, sondern in einer schmalen Seitengasse, mitten in Frankfurt-Sachsenhausen.
Mein Blick wanderte zu Julias Grab, das gut hundert Meter von uns entfernt lag. Gott, wie gerne wüsste ich sie jetzt an meiner Seite …
»Ich bin Peter. Peter Schuller.«
Eine Hand schob sich in mein Blickfeld. Ich ergriff sie – Schullers Händedruck war fest, ich spürte die Schwielen von unzähligen Trainingsstunden mit Hanteln auf der Innenseite seiner Handfläche.
»Mark Feller«, sagte ich. Meine Stimme klang rau, sie war mir selbst fremd. »Was ist mit Briegel?«
»Ist mit ’nem Kratzer am Arm davongekommen. Wir hatten wirklich mehr Glück als Verstand«, knurrte Schuller. Sein Blick heftete sich an meinen, er hatte grüne Augen.
»Meine Güte, Mark, wer rechnet denn schon mit ’ner Kampfdrohne, wenn er auf den Friedhof geht? Das ist doch total irre. Ehrlich jetzt.«
»Wer hat gewusst, dass Briegel hierher kommt?«
»Keine Ahnung, kann ich dir nicht sagen. Es hieß nur, dass wir einen gewissen Mark Feller aufsuchen und danach weiter zu einer Besprechung ins Polizeipräsidium Frankfurt, Direktion Mitte, fahren. Mehr weiß ich nicht.«
Ich nickte erneut, das Sprechen fiel mir schwer. Wasser … ich brauchte unbedingt einen Schluck Wasser.
Schuller wollte zu sprechen ansetzen, schloss aber sofort wieder den Mund. Er wirkte mit einem Mal abgelenkt, sein Blick schien ins Nichts zu gehen.
»Alles klar …«, sagte er unvermittelt, »… Franco und ich bleiben hier und warten auf die Jungs vom BKA.«
Schullers Blick wanderte zu seinem Kollegen, der nach wie vor neben der Frau ausharrte. Dann nickte er – jetzt sah ich das Headset in seinem linken Ohr. »Wir kommen dann nach, sobald hier alles geklärt ist«, sagte er.
»Ja, ich sag’s ihm.« Sein Blick wanderte wieder zu mir. »Okay, mach ich. Geht in Ordnung. Ja, schick mir die Adresse einfach aufs Smartphone. Alles klar, wir sehen uns dann später. Bis dann …«
Ich richtete mich vorsichtig auf. Meine rechte Kniescheibe schmerzte, mein Nacken und der rechte Ellbogen taten ebenfalls höllisch weh.
»Du sollst in die Gutleutstraße 112 kommen. Briegel wartet dort auf dich. Dein neues Team wohl auch.«
»Aha …«
»Hast du ein Auto? Wenn nicht, sollst du unseres nehmen.«
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte einen Wagen. Julias indigoblauen Mini Cooper S. Wir hatten ihn nach dem Kauf auf mich zugelassen, wegen der Prozente, und ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, Julias Traumauto wieder zu verkaufen.
Sagen Sie jetzt nichts, ich weiß selbst, dass das sentimentaler Quatsch war.
»Nein danke!«, sagte ich und fügte dann noch hinzu: »Mein Wagen steht direkt um die Ecke.«
»Na gut. Deine Pistole muss allerdings hierbleiben, lässt Briegel dir ausrichten. Du weißt schon, wegen der ballistischen Untersuchung und so … Ich soll dich zum Auto begleiten und dir meine Ersatzwaffe aushändigen. Briegel meint, sicher ist sicher.«
Ein neuerliches Grinsen huschte über Schullers Gesicht – es wirkte sympathisch, irgendwie spitzbübisch. »Die Drohne scheint ihn echt beeindruckt zu haben. Der ist total paranoid, sagt mein Kollege. Er starrt wohl nur noch in den Himmel und wittert hinter jeder Ecke eine Gefahr.«
»Wenn man dem Tod ins Auge blickt, verändert sich die Sichtweise«, sagte ich. »Das geht an uns doch auch nicht spurlos vorbei, obwohl wir für das Kämpfen jahrelang trainiert wurden.«
»Das stimmt! Die Erfahrung hat wohl jeder von uns schon gemacht«, sagte der Leibwächter. »Weißt du, nach meinem ersten Kampfeinsatz, Scheiße … ich hätte am liebsten alles hingeschmissen. Ich wollte nur noch weg, wollte mich am liebsten in ein Erdloch verkriechen. Das war echt übel.«
Ich nickte. Auch mir war es nicht viel anders ergangen.
Schnee von gestern …
Mit diesen Erinnerungen wollte ich mich erst gar nicht belasten. Ich musste nach vorne schauen und endlich in die Puschen kommen.
Alles, was jetzt zählte, war Julias Mörder zu finden.
Ich war zurück im Spiel und es wurde Zeit, dass ich mich endlich an die Arbeit machte.
Ich stand vor dem Waschbecken und starrte auf mein Spiegelbild, das nur noch entfernt Ähnlichkeit mit dem zeigte, wie ich mal ausgesehen hatte.
Was soll’s?, dachte ich, während ich mein verschrammtes Gesicht betrachtete und säuerlich grinste. Mein schwarzes Haar wirkte jetzt gräulich, es war dreckig und zerzaust. Ich sah aus, als wäre ich erst vor wenigen Sekunden aus dem Bett gestiegen.
Ich drehte den Hahn auf, spritzte mir kühles Wasser ins Gesicht, wusch mir Hals, Nacken, Unterarme und Hände.
Meine Finger … sie zitterten. Mein gesamter Körper fühlte sich kraftlos und zerschlagen an.
Ich kannte das, ich hatte diesen Zustand totaler Erschöpfung schon mehr als einmal durchlebt. Sobald der Adrenalinrausch nachließ und man zu Ruhe kam, schmerzt plötzlich jeder Knochen, jeder Muskel, jede verdammte Sehne. Mein Körper schien im Zeitraffer zu altern. Mit einem Schlag war ich nicht mehr achtunddreißig, sondern fühlte mich wie ein Sechzigjähriger, der nach einer durchzechten Nacht am Ende seiner Kräfte war.
Ich drehte den Wasserhahn zu, trocknete die Hände ab und fuhr mir mit den Fingern durchs Haar. Dann warf ich noch einen letzten Blick in den Spiegel, zupfte mein Shirt zurecht und knipste ein Lächeln an. Es gelang mir nur mäßig.
»Showdown …«, murmelte ich, zog die Tür auf und betrat den Korridor, der sich im Erdgeschoss des Polizeipräsidiums Direktion Mitte befand.
Der junge Polizist, der mich zur Toilette begleitet hatte, lehnte lässig an der Wand. Er musterte mich unverhohlen; in seinem Blick las ich Neugierde und jugendlichen Übermut.
»Und, geht’s Ihnen jetzt besser?«, schnarrte er und setzte ein schiefes Grinsen auf. Sein Blick flog unstet umher, seine Lässigkeit war nur gespielt, ich konnte seine Unsicherheit förmlich riechen.
»Viel besser, danke.« Ich fing seinen Blick ein. »Zeigen Sie mir jetzt bitte, wo das Meeting stattfindet.«
»Klar, kein Problem. Is oben im Zweiten. Im kleinen Besprechungszimmer.«
»Dann los. Sie gehen vor.«
»Häh …?«
Ich kramte in meinen Erinnerungen und versuchte mich an den Namen des jungen Polizisten zu erinnern. No Chance!
»Okay, Sie könnten mir jetzt zeigen, wo sich das Besprechungszimmer befindet, damit ich nicht das gesamte zweite Stockwerk nach Dr. Briegel absuchen muss«, sagte ich und nickte dem Frischling aufmunternd zu. Ich versuchte, mir meine Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Meine Gedanken kreisten um das bevorstehende Treffen. Ich konnte es kaum noch erwarten, die Suche nach Julias Mörder endlich wiederaufzunehmen.
»Ach so, ja klar. Kommen Sie, ich bring Sie hin. Dafür bin ich ja schließlich da.«
Er stieß sich mit dem Rücken an der Wand ab und flitzte vor mir durch den langen Korridor – ich hatte Mühe, seiner forschen Gangart zu folgen.
Als wir drei Minuten später, er hatte natürlich die Treppen und nicht den Fahrstuhl genommen, vor einer geschlossenen Tür Halt machten, standen mir Schweißperlen auf der Stirn. Ich schaute meinen Begleiter an, er nickte stumm und deutete mit dem Zeigefinger auf die Tür.
Nicht die hellste Leuchte im Saal, aber Kondition hat er, dachte ich, während ich dem jungen Polizisten dankbar zunickte.
Jetzt wird’s ernst, schoss es mir durch den Kopf. Wenn du durch diese Tür trittst, gibt es kein Zurück mehr …
Ich dachte an Julia und an ihr kühles Grab, und ich dachte an den Wahlspruch, der ihren Grabstein zierte. ›Ich wünsche dir, dass du dein Ziel nicht aus den Augen verlierst‹.
Das würde ich nicht! Mein Ziel war klar umrissen, ich wollte Julias Mörder und deren Hintermänner zur Strecke bringen.
Ich starrte die Tür an und lauschte auf das Stimmengemurmel, das aus dem Raum drang. Ich hörte ein Hüsteln, dann wieder eine Stimme, sie gehörte eindeutig zu einem Mann. Ich war mir nicht ganz sicher, glaubte aber, sie Briegel zuordnen zu können. Für zwei, drei Wimpernschläge schwebte meine Hand noch zögernd über dem Griff, dann gab ich mir einen Ruck, drückte die Klinke herunter und stieß die Tür zum Konferenzzimmer auf.
*
Jakos Blick schweifte durch die weitläufige Lagerhalle. Mit bürgerlichen Namen hieß er Jakob Winter, doch bis auf seine Eltern, dem Familienrichter und den Postboten, der ihm hin und wieder ein Einschreiben überbrachte – verdammte Ex-Weiber!, verdammte Unterhaltforderungen! – hatte ihn schon seit vielen Jahren niemand mehr mit seinem richtigen Namen angesprochen.
Warum auch? Jako, war viel kürzer. Jako war viel cooler. Jako passte einfach besser zu einem Kerl wie ihm.
Sein Blick schweifte weiter, glitt die Reihen an Verschlägen entlang, die seine Leute in der ehemaligen Produktionshalle einer insolventen Möbelfabrik errichtet hatten.
Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausgestellt hatte. Die erste Lieferung würde zwei Tage früher als geplant bei ihnen eintreffen.
Is in Ordnung, dachte Jako. Je eher die Sache anläuft, desto früher wächst die Kohle rüber. War teuer genug, die ganze Scheiße hier.
Aus dem kleinen Handfunkgerät an seinem Hosengürtel krächzte die Stimme seines Stellvertreters. Sie klang aufgeregt, Tonis Nerven schienen vor Nervosität zu vibrieren. »Der Lkw hat gerade das Südtor passiert«, verkündete er, »in fünf Minuten sind sie da.«
Noch fünf Minuten. Jako schaute unbewusst auf seine Uhr, eine klotzige Rolex, mit der man überall, wirklich überall Eindruck schinden konnte.
Noch fünf Minuten, dachte er erneut, dann fängt meine Investition an, Früchte zu tragen.
»All right«, schnarrte eine zweite Stimme, Annas Stimme, aus dem Funkgerät. »Sie sollen zweimal hupen, wenn sie vor der Halle stehen, dann schieben wir das Tor auf.«
»Okay, ich geb’s weiter. Ist bei euch alles klar?«
»Klar ist alles klar. Könnte nicht besser sein«, drang Annas Stimme aus dem Funkgerät an Jakos Hüfte.
Ihre Stimme entlockte Jako ein Schmunzeln, als er sich vorstellte, wie sie bei ihren letzten Worten genervt die Augen rollte.
Anna hasste unnötige Fragen fast ebenso, wie sie Wichtigtuer hasste. Toni hatte wirklich keinen leichten Stand bei ihr.
Nicht mein Problem, dachte Jako, während er sich eine Pall Mall zwischen die Lippen schob und den ersten Zug, der war immer der beste, genussvoll inhalierte.
Toni war eben Toni. Den änderte niemand mehr.
Bis vor einem viertel Jahr hatten er und Toni noch mit gestohlenen Autos gehandelt. Edelkarossen und Sportwagen, was anderes war für sie nie infrage gekommen. Doch der Markt lief schleppend – Zoll, Polizei, und die verdammten Versicherungsdetektive hatten kräftig aufgerüstet, machten ihnen das Leben schwer und versauten ihnen so ein lukratives Geschäft nach dem anderen.
Jako hatte seine Fühler ausgestreckt, seine Kontakte genutzt und eine neue vielversprechende Einnahmequelle an Land gezogen.
Zugegeben, die Sparte war ihm noch ein wenig fremd, Toni auch, aber seine neuen Geschäftspartner hatten ihnen Anna beratend zur Seite gestellt.
»Nur für den Anfang«, hatten sie gesagt. Nur so lange, bis er und Toni alles unter Kontrolle hatten.
Jakos Blick suchte Anna. Er schürzte die Lippen. Eine tolle Frau. Gegen die sah jeder Sportwagen fad und altbacken aus.
Erneut ging sein Blick zur Uhr. Nur noch zwei Minuten, dann würden die ersten Immigrantinnen, alle jung, bei ihnen eintreffen. Zwischenlager nannten seine neuen Partner das. Von hier aus wurden die Frauen dann an Bordelle und andere Etablissements verkauft. Heilige Scheiße, er mochte sich gar nicht vorstellen, was für Gewinne die mit den Kameltreiber-Fotzen einfuhren.
Das Dröhnen einer Lkw-Fanfare riss ihn aus seinem Gedankenspiel. Jakos Blick flog zum Rolltor, während er genüsslich an seiner Zigarette zog.
Die ersten achtzig waren also da. Morgen würden noch einmal so viele kommen und übermorgen, übermorgen würden dann noch einmal fast zweihundert Frauen, hier eintreffen. Teufel, er konnte das Geld schon riechen, jeder dieser Schlampen brachte ihm einen Tausender ein.
»So habt ihr euch eure Zukunft bestimmt nicht vorgestellt, ihr morgenländischen Närrinnen.« Jako beobachtete gespannt, wie Anna mit zwei seiner Männer das große Rolltor aufschob. Sekunden später rollte der Lastwagen in die Halle. Jakos Herzschlag beschleunigte sich, während er mit ansah, wie die Ladeklappe des Lkw geöffnet wurde und die ersten Frauen – Hammer, sahen die klasse aus! – ängstlich um sich schauend von der Ladefläche kletterten.
»Willkommen im Paradies«, knurrte Jako und lachte leise. Dann schnippte er die halbgerauchte Kippe achtlos zu Boden, holte sein Smartphone hervor und tippte eine Nachricht ein …
*
»Da sind Sie ja …«
Briegels Stuhlbeine schabten über das abgewetzte Holzparkett, als er seinen Stuhl nach hinten schob und sich feierlich erhob. Er eilte auf mich zu, schüttelte mir die Hand, ließ mich dabei wissen, welch ausgebuffter Teufelskerl ich seiner Meinung nach sei.
Ich ließ die Lobhudelei über mich ergehen, ertrug das viel zu lange Händeschütteln und musterte verstohlen die anwesenden Personen.
Zog man den Staatssekretär und mich einmal ab, befanden sich noch sieben weitere Personen im Raum. Zwei davon gehörten zu Briegels Leibgarde, was bedeutete, dass noch fünf übrig blieben, die für mich von Interesse waren.
»So, ich darf Ihnen nun Ihren neuen Teamleiter vorstellen«, sagte Briegel, seine Haltung straffte sich merklich. »Dies ist Oberleutnant Mark Feller.« Seine Rechte klopfte auf meiner Schulter herum, als wären wir beste Kumpels. Auch das ertrug ich stillschweigend.
»Nach seiner aktiven Zeit bei der Bundeswehr, er diente bei den KSK-Truppen, wechselte Oberleutnant Feller zum Bundesnachrichtendienst, wo er seit gut zwei Jahren als Ermittler, Schwerpunkt Terrorismus und länderübergreifende Kriminalität, seinem Land treue Dienste erweist.«
Seinem Land treue Dienste erweist …
Ich konnte es kaum glauben, der Staatssekretär zog hier wirklich die Patriotennummer durch. Unglaublich!
Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Natürlich bin ich Patriot. Und natürlich liebe ich mein Land. Sehr sogar! Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen rieb ich mich an Briegels Worten. Oder anders ausgedrückt: Briegel ging mir in diesem Moment gehörig gegen den Strich.
»Oberleutnant Feller hat darüber hinaus …«
»Danke Doktor Briegel.« Ich unterbrach den Staatssekretär und trat einen Schritt vor. »Ich denke, das reicht. Ich bin mir sicher …«, mein Blick glitt über die anwesenden Personen, »… dass jeder hier im Raum eine grobe Ahnung von meinem Werdegang hat.«
Einhelliges Nicken, hier und da ein verstecktes Schmunzeln.
»Nun, na gut, ääh … wenn Sie meinen. Ich wollte ja nur …« Der Staatssekretär sprach seinen Satz nicht zu Ende, stattdessen glotzte er mich irritiert an.
Ich ignorierte seinen Blick. Mein Interesse galt meinem neuen Team, das in einem Halbkreis vor mir am ovalen Tisch saß. Fünf Augenpaare starrten mir entgegen; ich konnte Neugierde lesen. Zwei Frauen, beide so um die dreißig, und drei Männer, deren Alter ich von Mitte zwanzig bis Ende vierzig, schätzte.
Interessante Mischung, dachte ich, während ich einen nach dem anderen musterte. Ich war gespannt, aus welchen Spezialisten sich die ›Soko Menschhandel‹ zusammensetzte.
Nüchtern betrachtet hängt der Erfolg einer Sonderkommission nämlich vom richtigen Mischungsverhältnis ab. Hat man zu viele Theoretiker im Team, also Analysten, Profiler und Cybercops, steht sich das Team irgendwann selbst im Weg. Die Ermittler kommen mit der Arbeit nicht mehr nach, was bedeutet, dass wichtige Spuren oder verdächtige Personen nicht zeitnah abgearbeitet werden können. Hat man hingegen zu viele Ermittler im Team, na ja, Sie ahnen sicher, auf was ich hinauswill. Logisch oder?
Das richtige Mischungsverhältnis macht also den Unterschied, entscheidet darüber, ob eine Soko erfolgreich arbeitet oder zum Scheitern verurteilt ist.
Scheitern war eine Option, die für mich nicht infrage kam. Ich würde Julias Mörder finden und mit den Hintermännern abrechnen. Außerdem stand da noch immer die Frage im Raum, ob es in Europa wirklich einen florierenden Handel mit Asylanten gab.
Julias Informant zufolge: Ja. Er hatte so etwas angedeutet, als er in der Zeitungsredaktion anrief und um ein konspiratives Treffen bat. Stunden später waren er und Julia tot – für mich ein klares Indiz dafür, dass an seiner Geschichte etwas dran sein musste.
»Auch einen Kaffee?«
Ich schreckte aus meinen Überlegungen hoch, brauchte jedoch zwei, drei Sekunden um in die Realität zurückzufinden. Mein Blick irrte umher und blieb schließlich bei einer Frau hängen, die rechts außen am Tisch saß. Sie sah mich an, ihre Augen, sanfte braunen Augen schienen mich zu fragen – und sie erinnerten mich an Julias.
»Möchten Sie auch einen Kaffee, Herr Feller?«, fragte sie erneut. Ihre Stimme, auch sie war sanft, obwohl sie nun mit ein wenig mehr Nachdruck sprach.
Auch das erinnerte mich an Julia; mir wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie sehr ich sie vermisste. Hörte das denn niemals auf?
Ich räusperte mich, es geschah aus Verlegenheit. Ich hatte das dumme Gefühl, dass man mir meine Verunsicherung an der Nasenspitze ansah.
»Gerne«, sagte ich daher schnell und rang mir ein Lächeln ab. »Ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige.« Meine Stimme klang noch immer heiser und seltsam fremd. Ich spürte ein Kratzen im Hals. Es fühlte sich an, als hätte ich eine Kehlkopfentzündung. »Und wenn Sie noch einen Schluck Wasser für mich hätten«, krächzte ich weiter, »wäre das ganz toll. Ich habe vorhin wohl ein bisschen viel Staub geschluckt. Das Sprechen fällt mir noch immer schwer.«
»Natürlich. Ein Wasser.« Sie lächelte. In ihrem fein gezeichneten Gesicht, das von einer blonden Kurzhaarfrisur eingerahmt wurde, tanzten keine Sommersprossen. Sie streckte mir ihre Rechte entgegen: »Pia Kirchhofer. Ich bin die Analystin.«
Während wir uns noch herzlich die Hände schüttelten, erhoben sich nun auch die anderen am Tisch. Ich schüttelte weitere Hände und gewann einen ersten Eindruck von meinen neuen Kollegen. Meine Bilanz fiel durch die Bank positiv aus. Ich war überrascht, Briegel hatte allem Anschein nach ein erstklassiges Team zusammengestellt.
Nur das Mischungsverhältnis stimmte noch nicht so ganz. Doch das würde ich mit dem Staatssekretär in einem Vieraugengespräch klären.
»Ich soll was? Das ist jetzt nicht dein Ernst, Mark. Mit so was habe ich doch gar keine Erfahrung.«
»Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben«, unkte ich und grinste mein Gegenüber herausfordernd an. »Außerdem hast du Erfahrung mit so etwas. Denk doch mal an Afghanistan, da hast du doch auch in Sachen Terrorismus und Widerstandskampf ermittelt.«
»Du vergleichst gerade den Osterhasen mit dem Weihnachtsmann, Kumpel. Das in Afghanistan waren militärisch geplante Operationen. Wir haben die Scheißer aus ihren Löchern gescheucht und solange Jagd auf sie gemacht, bis wir sie hatten. Das hat nix, rein gar nix mit Ermittlungsarbeit zu tun.«
»Sagt wer?« Ich grinste erneut.
»Das sage ich.«
»Aha …« Ich tat so, als müsste ich kurz über das Gehörte nachdenken. Dann schüttelte ich ein paar Mal den Kopf und presste die Lippen aufeinander.
»Ich komme aus der Nummer nicht raus, wie?«
»Nein!«
»Verdammt! Du und Briegel, ihr beide habt bereits über meinem Kopf hinweg entschieden. Stimmt doch, oder?«
Ich nickte und verkniff mir erneut eine Antwort.
»Klasse, vielen Dank auch.«
Ich schürzte die Lippen – so schwierig hatte ich mir die Unterredung mit Peter Schuller nicht vorgestellt. Doch ich wollte ihn unbedingt in meinem Team. Warum, wusste ich selbst nicht so genau, ich verließ mich da ganz auf meine Intuition oder nennen Sie es von mir aus auch: auf mein Bauchgefühl.
»Denk doch mal an die Vorteile, Peter«, sagte ich. »Eine Versetzung zum Bundesnachrichtendienst eröffnet dir ganz neue berufliche Perspektiven. Außerdem musst du deinen Kopf nicht mehr ständig für Briegel hinhalten. Das alleine müsste doch schon genügend Motivation für dich sein.«
»Was bist du? Ein Wanderprediger? Die Nummer zieht bei mir nicht.«
»Autsch …« Ich verzog das Gesicht, als hätte ich einen Tiefschlag kassiert – er quittierte es mit einem hämischen Grinsen. Dennoch, ich spürte, wie Schullers Widerstand erlahmte. Es war nur noch eine Frage von Zeit, bis er einknicken würde.
»Scheiße Mann, ihr könnt doch so was nicht einfach über meinen Kopf hinweg bestimmen«, maulte der Leibwächter erneut. Er legte seinen Kopf schief und schaute mich herausfordernd an. »Vielleicht habe ich ja eine Freundin oder familiäre Verpflichtungen und kann gar nicht weg aus Berlin.«
»Hast du?«
»Nein!«
Ich grinste, Schuller grinste zurück. »Na dann ist doch alles klar«, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. »Willkommen im Team, die Soko Menschhandel erwartet dich schon sehnsüchtig.«
»Jaja, ich kann es kaum erwarten, mich zum Affen zu machen.« Schuller rollte unbehaglich mit den Schultern. »Was bin ich denn jetzt? Geheimagent oder Bulle?«
»Streng genommen bist du ein Agent. Der BND gehört laut den Statuten zu den Geheimdiensten. Meine Gratulation, Peter, du bist ab heute ein Mitarbeiter der legendären Drei«, sagte ich mit feierlicher Mine, konnte mir ein Grinsen jedoch nicht ganz verkneifen.
»Toll, ich kann es kaum noch erwarten. Wann geht’s los?«
»Am besten gleich. Ich mache dich noch kurz mit dem Team bekannt und zeige dir, wo sich unsere neuen Büroräume befinden. Im Anschluss daran kannst du dann nach Berlin fahren und deine Angelegenheiten regeln. Du hast zwei Tage, mehr Zeit kann ich dir leider nicht zugestehen. Kriegst du das hin?«
»Würde es was ändern, wenn ich Nein sage?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Peter, ich brauche dich hier. Das Team arbeitet seit knapp zweieinhalb Wochen an dem Fall. Es sind eine Menge Daten aufgelaufen, die abgearbeitet werden müssen. Du weißt selbst, wie schwierig es wird, wenn man erst mal ins Hintertreffen gerät.«
Schuller nickte, sagte jedoch nichts. Ich sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, wie er versuchte, sich auf die neue Situation einzustellen. Er hielt meinen Blick stand.
»Sag mir eins, Mark, was ist dein Antrieb? Sinnst du auf Rache oder nach Gerechtigkeit?«
Ich schürzte die Lippen. Peters Frage hatte mich überrascht; er hatte mich kalt erwischt. Seine grünen Augen taxierten die meinen, ich fühlte mich ertappt; ich kam mir vor, als säße ich vor einem Tribunal.
Abzuwiegeln war zwecklos, Lügen auch. Wir lagen auf derselben Wellenlänge, Peter würde die kleinste Unaufrichtigkeit sofort durchschauen.
»Beides …« Ich presste das Wort hervor, als müsste ich die Buchstaben durch ein Sieb quetschen.
Schullers Augen fixierten mich. Er suchte nach einer Wahrheit, die ich selbst nicht kannte.
»Okay, Mark, damit kann ich leben. Vorerst jedenfalls.« Peters Blick verlor an Härte, blieb aber dennoch wachsam.
»Weißt du, mein Opa hat immer gesagt, dass man die Vergangenheit hinter sich zurücklassen muss, bevor man einen Neuanfang wagen kann. Ich kenne deine Vorgeschichte, Mark, denk einfach mal über die Worte meines Opas nach.«
Ich nickte, jedes Wort von mir wäre eines zu viel gewesen.
Rache … ging es mir wirklich nur um Rache? Ich glaubte nicht. Sicher, ich wollte Julias Mörder zur Strecke bringen. Ich wollte Genugtuung und die Hintermänner bestrafen, die Julias Tod billigend in Kauf genommen hatten. Jede Faser meines Körpers pochte auf Gerechtigkeit, ich verlangte nach dem Zoll für das, was ich erlitten hatte.
Verständlich oder? Ich denke, so hätte jeder empfunden, der in meiner Lage gewesen wäre. Dennoch gingen mir Peters mahnende Worte nicht mehr aus dem Kopf. In ihnen steckte mehr Wahrheit, als ich auf den ersten Blick wahrhaben wollte.
Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. Mein rechtes Knie schmerzte. Mein Ellbogen und der Nacken fühlten sich aber wieder ganz okay an.
Ich war müde und sehnte mich nach ein paar Stunden Schlaf. Doch daran war im Moment nicht zu denken. Es wurde höchste Zeit, dass ich mir einen Überblick über das verschaffte, was meine neuen Kollegen in den vergangenen zweieinhalb Wochen an Fakten zusammengetragen hatten.
*
