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Tom Benders zweiter Fall … Der Fuchs geht um. In dem Städtchen Obernburg herrscht helle Aufregung. Ein Serienkiller treibt sein Unwesen und die Polizei scheint dagegen machtlos zu sein. Tom Bender beschließt auf eigene Faust, Ermittlungen anzustellen; er will den Fuchs zur Strecke bringen. Was als mörderisches Spiel beginnt, entwickelt sich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn wer den Fuchs fangen will, muss weit über seine Grenzen hinausgehen … Leserstimme: Ein absolut empfehlenswerter Thriller, der mit zahlreichen interessanten und spannenden Wendungen aufwarten kann. ,
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Michael Bardon
Mörderische Spiele
Tom Benders zweiter Fall ...
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Mörderische Spiele
Zitat
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Mörderische Spiele
Du kannst mich in Gefangenschaft halten und mir meine Freiheit nehmen.
Du kannst mich über Wochen quälen und mir meine Würde rauben.
Doch sei dir stets über eines im Klaren: Meinen Wunsch, dich zu töten wirst, du nie auslöschen können.
Michael Bardon, September 2013
Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.
»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Morgen. In den nächsten Minuten werden Sie die Grundregeln über das Spiel erfahren. Auch wenn das Bedienen der GPS-Geräte eigentlich kinderleicht ist, sollten Sie dennoch gut aufpassen«, sagte der kleingewachsene Mann mit dem wettergegerbten Gesicht.
Ich machte einen Schritt nach vorne und versetzte meinem Sohn einen leichten Klaps auf die Schulter.
»Pass gefälligst auf und pack dein Telefon endlich weg«, raunzte ich ihm leise zu.
»Ja hab’s gleich. Muss nur noch Lisa schnell eine Nachricht schreiben«, flüsterte er zurück.
Genervt schloss ich die Augen und versuchte, mich wieder auf die Stimme des kleinen Mannes zu konzentrieren.
»Spessart Fun Tours veranstaltet seit gut zwei Jahren, an vier Tagen in der Woche, eine Geocaching-Wanderung. Sie haben also gut daran getan, dieses Einführungsseminar bei uns zu buchen. Einen kompetenteren Reiseveranstalter werden sie im ganzen Spessart-Odenwaldkreis nicht finden.«
Gelangweilt schaute ich mich um. Wir standen vor einer Blockhütte, die etwas lieblos auf alt getrimmt worden war. Wir, das war eine vierzehn Mann starke Truppe, bunt zusammengewürfelt.
Neben mir stand meine Frau Mia; sie hatte unserer dreizehnjährigen Tochter Julia einen Arm um die Schultern gelegt. Rechts von mir tippte mein Sohn Phil noch immer auf seinem Smartphone herum. Vor ihm stand eine vierköpfige Gruppe aus Männern mittleren Alters. Sie hatten sich Armeekleidung angezogen und trugen riesige Militärtornister auf ihren Rücken spazieren. Seitlich versetzt stand eine Familie die – wie wir – zwei Kinder hatte. Doch waren die noch wesentlich jünger und zappelten voller Ungeduld in der Gegend herum. Zwei hübsche Frauen, so Ende zwanzig, vervollständigten unsere kleine Gruppe. Sie trugen bequeme Wanderschuhe, Jogginghosen und rote Kapuzenjacken.
Mein Blick huschte zurück zu dem kleinen, verhutzelten Männlein. Der zeigte gerade auf einen aus groben Brettern gezimmerten Tisch und sagte: »Ihre GPS-Geräte liegen dort für Sie bereit. Zusätzlich bekommen Sie auch noch eine grüne Klemm-Mappe sowie einen Bleistift ausgehändigt. Beides, ich meine natürlich die Klemmmappe und den Bleistift«, betonte er lächelnd, »sind ein Werbegeschenk von uns, das Sie im Anschluss an das Spiel mit nach Hause nehmen dürfen.«
Er sprach weiter. »Doch kommen wir zurück zum eigentlichen Thema. Sie können Geocaching natürlich auf viele unterschiedliche Arten spielen. Man kann es zum Beispiel bei einem Waldlauf auf Zeit spielen. Bei einem gemütlichen Spaziergang mit dem Hund, und für die Lauffaulen gibt es auch ein Auto-Geocaching in der Stadt. Manche spielen es beim Tauchen unter Wasser oder auf einer schwierigen Bergwanderung. Ihrer Fantasie sind hierbei wirklich keine Grenzen gesetzt. Sie können Ihre persönlichen Vorlieben voll ausleben! Wir von Spessart Fun Tours bevorzugen jedoch eine andere Variante. Bei uns spielen Sie es in Form einer Schnitzeljagd und Sie müssen auf einer gemütlichen Wanderung durch den Wald, das eine oder andere Rätsel lösen, um an die Koordinaten für die Verstecke zu gelangen.«
Er machte eine kurze Pause und blickte sich beifallheischend um. Ich unterdrückte ein Gähnen und fragte mich, wann es endlich losgehen würde.
»Die Verstecke, die Sie aufspüren müssen, sind in der Regel mit einem weißen Kreuz markiert. Wenn Sie das Versteck gefunden haben, entnehmen Sie bitte eine Dose daraus. Manchmal ist es aber auch ein wetterfester Sack oder irgendetwas in der Art. Öffnen Sie dann bitte das wetterfeste Behältnis und entnehmen sie ihm das kleine Notizbuch und den versteckten Schatz. Das Notizbuch ist ein sogenanntes Logbuch. Hier tragen Sie bitte das Datum von heute ein und, wenn Sie wollen, ihren Namen. Dann entnehmen Sie den Schatz und tauschen ihn gegen einen von Ihnen mitgebrachten Gegenstand aus. Anschließend verstauen Sie das Notizbuch in dem Behältnis und verschließen es wieder gut.«
»Woher kommen denn eigentlich diese Logbücher und die kleinen Schätze?, fragte nun eine der beiden Frauen.
»Na, das ist so. Es gibt immer wieder Leute, die verstecken diese Dinge und veröffentlichen das Versteck anschließend in Form von Koordinaten im Internet. Die werden dann natürlich von anderen Geocachern gelesen, die dann wiederum auf die Suche nach den Verstecken gehen, sich im Logbuch eintragen und den Inhalt der Dosen austauschen. So entsteht eine Art Schneeballsystem, da es über die ganze Welt verteilt Millionen von Verstecken gibt.«
Phil schob endlich sein Smartphone in die Hosentasche und schaute mich aus großen Augen an.
»Hab ich was verpasst?«, wollte er leise wissen.
Oh, wie ich diese Drecksdinger hasse, dachte ich und schüttelte unwillig meinen Kopf.
»Unsere komplette Schnitzeljagd wird circa fünf Stunden dauern. Sie werden sehen, dass Sie beim Wandern noch nie so viel Spaß hatten wie heute«, fuhr unser Reiseführer fort. »Mit Spessart Fun Tours bekommt eine Wanderung durch den Wald einen ganz neuen Anstrich und ich könnte wetten, dass Sie in der Zukunft noch oft in die Natur hinausgehen und eine Runde Geocaching spielen. Treten Sie jetzt bitte vor und holen Sie sich ein GPS-Gerät sowie ihre Klemm-Mappe und den dazugehörigen Bleistift.«
Ich trat an den Tisch und schnappte mir eines dieser handlichen Geräte. Es war bereits eingeschaltet und auf der abgebildeten Landkarte konnte ich unseren Standort als rot aufleuchtenden Punkt erkennen.
»Seid ihr bereit, Familie?«, fragte Mia unternehmungslustig und sichtlich gut gelaunt.
»Bereit!«, sagte ich und warf mir meinen alten Camel-Rucksack über die Schulter.
»Na, dann los. Auf was wartet ihr dann noch?«, meinte meine Frau lachend und lief unserem Geocaching-Scout leichtfüßig hinterher.
Schon eine Sekunde nach dem Aufwachen spürte sie das pochende Brennen in ihren verkrampften Muskeln. Mit einem leisen Stöhnen rollte sie sich ein wenig zur Seite und versuchte, ihre Schmerzen und die auflodernde Panik zu unterdrücken. Für einen kurzen Moment hielt sie die Luft an, bemüht, ihre umhertanzenden Gedanken einzufangen. Doch ein leises Klirren störte sie beharrlich und wirbelte ihre Wünsche, Ängste und Träume wild durcheinander.
Hilflos schnappte sie nach Luft und versuchte, in der undurchdringlichen Dunkelheit etwas zu erkennen.
Doch alles um sie herum blieb unsichtbar. Benommen schloss sie die Augen und lauschte minutenlang der beruhigenden Monotonie ihres eigenen Atems. Sie konnte das Pochen ihres Herzens spüren und zählte im Unterbewusstsein die Anzahl seiner Schläge mit.
Ihr Atem ging jetzt regelmäßiger, ihre Gedanken wehten nicht mehr wie Schneeflocken durch ihren Kopf. Nun konnte sie auch das seltsame, klirrende Geräusch zuordnen. Es stammte von ihren Handschellen, die sich bei jedem Atemzug am Metallgestell ihres Bettes rieben.
Mit der Macht eines Hagelschauers brachen die Erinnerungen über sie herein und riefen ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation ins Bewusstsein. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ein Stöhnen brach aus ihrer Kehle und ein Kälteschauer schüttelte ihren Körper.
Sie fror erbärmlich und wünschte sich nichts sehnlicher, als noch einmal die mollige Wärme der Sonne auf ihrer nackten Haut zu spüren. Doch das Schicksal stemmte sich gegen ihren Wunsch und hatte für sie bereits eine andere Zukunft geplant.
Gibt es vielleicht doch so etwas wie einen Gott, dachte sie verzweifelt. Hatte er sich diese Strafe für ihre Taten ausgedacht? Ich bin in der Hölle gelandet, schoss es ihr durch den Kopf, und liege hier auf diesem Bett. Gefangen in einem Keller. Angekettet wie ein Stück Vieh. Einem verrückten Spinner auf Gedeih und Verderb hilflos ausgeliefert.
Ist er da?
Abermals lauschte sie angestrengt in die Dunkelheit hinein. Oder war er schon wieder unterwegs und auf der Suche nach seinem nächsten Opfer? Wann hatte er ihr seinen wahnwitzigen Plan erzählt? Vorgestern, gestern oder heute?
Sie wusste es nicht mehr genau, denn die Zeit hatte schon lange ihre Bedeutung verloren. In ihrer neuen Zeitrechnung gab es keinen Morgen, keinen Abend, kein Früh und kein Spät.
Hatte der Tag nicht einst 24 Stunden gehabt?
Auch daran konnte sie sich nicht mehr so genau erinnern. Es spielte in ihrer Situation einfach keine Rolle mehr. Für sie begann der Tag, wenn die Energiesparlampe an der modrigen Kellerdecke aufflammte – er endete, wenn sie wieder erlosch.
Eine Energiesparlampe, dachte sie und runzelte dabei verächtlich ihre Stirn.
Da schlich dieser Typ Tag für Tag durch die Gegend, suchte nach der perfekten Frau, die er entführen konnte, und dachte so nebenbei noch an seinen Stromverbrauch.
Der Typ war doch echt krank!
Ein erneuter Schauer schüttelte ihren geschundenen Körper. Sie dachte mit Grauen an das arme Ding, das ihr Schicksal die letzten Wochen geteilt hatte.
Mit der Zeit waren sie so etwas wie Freundinnen geworden. Hatten einander vertraut und sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte gebeichtet. Sie waren füreinander da gewesen, hatten sich mit Worten getröstet und immer wieder Mut zugesprochen.
Und plötzlich war alles anders. Sie hatte niemanden mehr, mit dem sie reden konnte. Vor ein paar Tagen war dieser Verrückte in den Keller spaziert und hatte ihrer Freundin Wattebällchen in die Nase gestopft.
Danach hatte er ihren nackten Körper liebevoll gestreichelt, geküsst und mit einem chinesischen Mandelöl eingerieben.
Der ganze Keller hatte nach gebrannten Mandeln gerochen und sie war sich so vorgekommen, als stünde sie auf einem Jahrmarkt. Ihr war fast schlecht geworden von diesem penetranten Geruch. Sie hatte minutenlang gegen einen Brechreiz ankämpfen müssen.
Als der schöne, schlanke Körper der jungen Frau im fahlen Schein der Energiesparlampe wie ein polierter Marmorstein glänzte, hatte der Verrückte ihr einen bunten Seidenschal in den Mund gestopft.
Wie war noch gleich ihr Name gewesen?
Mein Gott, dachte sie entsetzt, ich habe tatsächlich schon deinen Namen vergessen. Tina? Tanja? Ach, spielt das überhaupt noch eine Rolle?
Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Todeskampf ihrer Leidensgenossin aufleuchten. Er hatte sich über Minuten hingezogen. Sie hatte gefesselt auf dem Bett gelegen und nur laut schreiend zuschauen können.
Dieser wildzuckende Leib, der sich im Todeskampf windenden Frau. Ihre vor Panik weit aufgerissenen Augen und die Gänsehaut, die den gesamten Körper wie eine zweite Haut überzogen hatte. Es waren Erinnerungen, die sich in ihr Gehirn eingebrannt hatten. Die sie nicht mehr losließen und sie immerzu verfolgten.
Nach Minuten des Zuckens, Strampelns und Aufbäumens hatte ihre Freundin den ungleichen Kampf schließlich verloren.
Jetzt fiel ihr auch wieder ihr Name ein. Nicht Tina! Nicht Tanja! Nein, Tamara hatte er gelautet. Ein schöner Name, dachte sie, der zu einer schönen jungen Frau perfekt gepasst hatte. Doch jetzt war sie tot – ihr Name nur noch Makulatur.
Tote brauchten keinen Namen! Brauchten keine Fesseln! Brauchen keine Angst mehr zu haben vor diesem Psychopathen! Doch sie hatte noch einen Namen, hatte noch Fesseln und hatte noch immer furchtbare Angst.
Wann würde er sie töten? Wann war er ihrer überdrüssig?
Erneut kämpfte sie gegen ihre Verzweiflung an; Tränen schimmerten in ihren Augen. Sie liefen an ihren Wangen hinunter, überflutete ihre Seele und ließen sie zurück in einem tiefen See aus Hoffnungslosigkeit.
Ich schaute genervt an die Hallendecke, holte tief Luft und schob mir die Trillerpfeife zwischen die Lippen. Der schrille auf- und abschwingende Ton übertönte das übliche Gebrüll meiner Schüler mühelos.
Unschuldig aussehende Gesichter wandten sich mir zu, und ich genoss für einen kurzen Augenblick die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Klasse.
»Ok, Leute, ab heute übernehme ich wieder den Sportunterricht, und das bedeutet für euch, dass das Rumgammeln hiermit ein Ende hat«, sagte ich mit einem erwartungsfrohen Lächeln im Gesicht.
»Ist Ihr Bein denn wieder vollkommen in Ordnung, Herr Bender? Können Sie wirklich schon wieder Sport unterrichten?«, wollte Nils mit vorwitziger Stimme von mir wissen.
»Mach dir um meine Gesundheit mal keine Sorgen! Überleg dir lieber, wie du die zwanzig Runden Aufwärmtraining überstehen willst. Los jetzt Leute! Unsere Zeit ist begrenzt, und ich will euch heute zur Abwechslung mal so richtig schwitzen sehen.«
Allgemeines Gemaule setzte ein, und ich hörte solche Sätze wie „so ein verdammter Schleifer“ oder „sind wir Spitzensportler oder was?“.
Erneut trällerte ich in meine Pfeife und sagte mit ruhiger Stimme in die einsetzende Unruhe meiner Schüler: »Na gut, dieses Jahr könnt ihr euch von mir aus aussuchen, welche Art Sportunterricht wir abhalten. Ich stelle euch zwei Themen zur Auswahl. Ihr habt fünf Minuten Zeit, um euch gemeinsam zu entscheiden.«
»Und Sie akzeptieren dann unsere Entscheidung?«, fragte mich Klaas argwöhnisch.
»Klar doch, versprochen!«, sagte ich und blickte in die gespannten Gesichter meiner Schüler.
Der Sportunterricht in den oberen Jahrgangsstufen stellte mich als Lehrer vor fast unlösbare Probleme. Einige meiner Schüler aus der 10. Klasse liebten Sport, doch die meisten verabscheuten körperliche Ertüchtigungen. Sie bewegten stattdessen lieber ihre Finger beim Tippen auf ihrem Smartphone.
Ich musste ja zugeben, dass meine Schüler in dieser noch nicht olympischen Disziplin wahre Hochleistungssportler waren und eine Schnelligkeit an den Tag legten, die für mich unerreichbar schien.
Doch reichten in meinen Augen gummiartig austrainierte Finger nicht aus, um den Sportunterricht bei mir zu überstehen. Pech für die, die Sport hassten, Glück für die wenigen, die Sport liebten!
Ich schaute noch immer in die gespannten Gesichter meiner Schüler und konnte mir ein Grinsen kaum noch verkneifen. »Zwei Möglichkeiten«, sagte ich und hob meine rechte Hand in die Höhe. »Wir ziehen dieses Jahr ein richtig hartes Programm durch, Fußball, Handball, Leichtathletik, Badminton und so. Oder wir machen Waldorf-Sport.«
Ratlose Gesichter, wohin ich auch blickte. »Was ist Waldorf-Sport?«, fragte Nils nun mit unsicherer Stimme.
»Waldorf-Sport wird euch gefallen, zumindest denen von euch, die Sport verabscheuen.«
»Und was ist das nun für eine Sportart? So was wie Kampfsport oder so?«
»Nein, nicht ganz so spektakulär«, erwiderte ich und konnte mir ein Grinsen nun doch nicht mehr verkneifen.
»Oh, Herr Bender, nun sagen Sie schon, um was es bei Waldorf-Sport geht«, sagte nun Patrick und stemmte herausfordernd seine Hände in die Hüften.
»Na gut, bei dieser Sportart kommt es in erster Linie auf eure Koordination an.«
»Häh …?«
»Koordination ist das harmonische Zusammenwirken von Sinnesorganen und dem peripheren sowie dem zentralen Nervensystem«, erklärte ich meinen Schülern geduldig.
Jetzt schauten mich knapp zwei Dutzend verlegen dreinblickende Gesichter an.
»Ihr wisst nicht, wovon ich rede, oder?« Betretenes Schweigen und ratlose Gesichter quittierten meine Frage.
»Also, es geht um Folgendes. Bei meinem sogenannten Waldorf-Sport lernt ihr Buchstaben zu tanzen. Das ist eine tolle Sache. Am Ende des Schuljahres könnt ihr dann allen Schülern an dieser Schule euren Namen vortanzen. Wir gehen dafür in die …«. Aula …, wollte ich noch sagen, doch meine gesamte Schulklasse hatte sich wortlos umgewandt und fing bereits an, durch die Sporthalle zu joggen.
»Soll ich das als eure Antwort werten?«, rief ich ihnen hinterher.
»Wie viel Runden sagten Sie noch einmal, Herr Bender?«
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und ich sagte mit väterlichem Tonfall: »Zwanzig …! Ich sagte zwanzig Runden zum Aufwärmen, mein lieber Nils.«
Dann setzte ich mich selbst in Bewegung und joggte meinen Schülern hinterher.
*
Sie lag noch immer regungslos auf ihrem Bett. Gefesselt an Händen und Füssen, gefangen in einem Alptraum. Die Einsamkeit fraß ein Loch in ihre Seele und drohte, sie in einen Abgrund aus Angst und Wahnsinn zu stürzen.
Mein Gott, wie ich dich vermisse!, dachte sie. Mir fehlt deine Stimme, deine Nähe, mir fehlt das beruhigende Gefühl, wenn du neben mir schläfst und leise atmest.
»Tamara, wo bist du? Komm zurück zu mir, hilf mir!«, hauchte sie leise in die Dunkelheit, die sie umgab.
Ein heftiger Weinkrampf schüttelte ihren Körper und die Tränen verwischten ihre akkurat aufgetragene Wimperntusche. Sie rannen als kleiner, schwarzer Bach ihr makellos schönes Gesicht herunter und zerstörte so Karls akribische Arbeit. Er konnte Stunden damit zubringen, ihren Körper zu waschen, einzucremen und zu schminken, bis alles perfekt an ihr war.
Karl würde bestimmt böse werden, wenn er ihr verheultes Gesicht sah. Er würde sie bestrafen, würde ihr Schmerzen zufügen und sie dann wieder wie eine Puppe waschen und schminken.
Sollte er doch! Schmerzen bereiteten ihr keine Angst mehr. Dass er sich an ihr verging, daran hatte sie sich schon beinahe gewöhnt. Nein, ihre Angst hieß Einsamkeit. Sie hatte grenzenlose Panik vor den Stunden des Wartens. Vor den Stunden der absoluten Stille und Dunkelheit um sie herum.
Dann kamen die Geister aus ihrer Vergangenheit, huschten als körperlose Wesen vor ihrem Bett herum und quälten sie mit gemeinen, endlosen Fragen.
„Wieso hast du das gemacht, Mami? Wir haben dich geliebt, und du hast uns so wehgetan! Warum nur, Maria? Warum … warum … warum …?“
»Lasst mich endlich in Ruhe!«, schrie sie mit sich überschlagener Stimme. Speichel spritzte auf ihre nackte Haut: »Verschwindet aus meinem Kopf! Geht dahin zurück, woher ihr gekommen seid! Ich hasse euch, ich hasse euch, ich hasse euch.«
Wann kam dieser psychopathische Karl endlich und erlöste sie von ihren Qualen? Sobald er das Licht in ihrem Verlies einschaltete, gaben die Geister der Dunkelheit auf und verschwanden wieder aus ihrem Kopf. Dann hatte sie für ein paar Stunden Ruhe vor ihnen und konnte ihre Gedanken neu sortieren.
Aber irgendwann, da war sie sicher, würde Karl nachlässig werden. Er würde einen Fehler begehen, für einen Moment unachtsam sein. Dann würde sie ihre Chance nutzen und alles auf eine Karte setzen.
Am Ende kann nur einer von uns beiden überleben, das weißt du – ich weiß es auch. Solange mein Herz noch schlägt, wird dein Tod mein höchstes Ziel sein, dachte sie voller Hass. Dann warf sie ihren Kopf wild hin und her. Ein gemeines Lächeln umspielte dabei ihre Lippen und formte aus ihrem ebenmäßigen Gesicht eine schrecklich verzerrte Fratze.
*
Der Pausengong spielte seinen melodischen Vierfachton. Schlagartig setzte der Tumult in meinem Klassenzimmer ein. Achtlos stopften die Schüler Hefte, Bücher und diverse Schreibutensilien in ihre Rucksäcke. Dann schnappten sie sich ihre Jacken und waren auch schon verschwunden.
»Ich wünsche euch auch noch einen schönen Tag«, rief ich der Meute hinterher. Dann verstaute ich die eigenen Arbeitsunterlagen in meinem nicht mehr ganz zeitgemäßen Camel-Rucksack und ging aus dem Klassenzimmer.
Sechs Stunden Unterricht lagen hinter mir, doch ich fühlte mich noch immer ausgeruht, entspannt und steckte voller Tatendrang.
Mit meinen 38 Jahren gehörte ich nicht mehr zu den ganz jungen Lehrern an unserer Schule. Doch ich stand noch mitten im Leben und genoss meine tägliche Dosis pubertierender Jugendlicher.
Besser noch: Ich hatte selbst zwei von dieser Sorte unter meinem Dach wohnen. Mein Sohn Phil war 15 Jahre, eine wahre Sportskanone und hatte das gute Aussehen und das blonde Haar meiner Frau Mia geerbt. Meine Tochter hieß Julia, war 13 Jahre alt, hatte meine Haarfarbe, dunkelbraun, und entwickelte sich langsam zu einer hübschen Frau.
Gemeinsam versuchten sie, uns das Leben zur Hölle zu machen und lebten ihre Pubertät in vollen Zügen aus. Doch so sehr sie sich auch bemühten, gegen die Hölle, durch die wir vor gut zwei Monaten gegangen waren, kamen sie einfach nicht an.
Unsere Nachbarn waren eines Nachts überfallen und brutal ermordet worden. Vergeblich hatte ich noch versucht, ihnen zu helfen, doch ich wurde selbst schwer verletzt und wachte nach einer Operation im Krankenhaus wieder auf. Von da an nahm das Schicksal seinen Lauf. Wir durchlebten mörderische Wochen, in denen unser Leben mehr als einmal in Gefahr war.
So nach und nach gelang uns das, was der Polizei nicht gelingen wollte: Wir konnten die Täter überführen. Ein unglaubliches Abenteuer lag hinter uns – und es hatte seine unauslöschlichen Spuren hinterlassen.
Vieles in unserem Leben hatte sich verändert, wir hatten gelernt, dass das Leben viel zu schnell seine Farben wechseln konnte.
Heute führst du noch ein unbeschwertes, sorgenfreies Leben und in der nächsten Sekunde verändert sich alles. Aus den Guten werden die Bösen. Aus Fremden werden die besten Freunde, aus Weiß wird ein hässliches Grau.
Nichts ist so veränderlich wie das Leben, nichts ist so endgültig wie der Tod!
Ich schlenderte durch das Treppenhaus, ging im Erdgeschoss durch die geräumigen Flure und wollte gerade die Tür zum Lehrerzimmer öffnen, als eine Stimme meinen Namen rief: »Herr Bender, äh …äh …, warten Sie doch bitte einmal einen kleinen Moment.«
Neugierig drehte ich mich herum und sah in das leicht verschwitzte Gesicht meines Schulleiters.
»Herr Wolf …, was kann ich für Sie tun?«
»Äh …, Herr Bender, ich wollte einmal äh … etwas mit Ihnen besprechen. Ist nur so eine äh …äh … Idee von mir, und ich wollte Sie äh … um Ihre Meinung äh … dazu bitten.«
»Schießen Sie los!«
»Ja also äh …äh …, kennen Sie das Spiel äh … Geocaching?«
»Hab es erst vor zwei Wochen mit meiner Familie gespielt«, sagte ich vorsichtig.
»Ich habe es äh … letztes Wochenende kennengelernt und äh … bin begeistert davon. Soviel Spaß äh … äh … hatte ich im Wald seit meiner Kindheit äh … nicht mehr. Man braucht dazu äh … zwar so ein neumodisches äh … Gerät, aber die äh … könnten wir uns ja ausleihen, nicht wahr?«
»Was Sie meinen, nennt sich Smartphone, und so ein Ding hat heutzutage fast jeder in der Tasche stecken!«
»Besitzen äh … Sie auch so ein Gerät?«, wollte mein Schulleiter nun von mir wissen.
»Ja, warum fragen Sie?«
»Ich dachte mir äh …äh …, dass wir den Wandertag am äh … Donnerstag ausfallen lassen und stattdessen äh … mit den Schülern im Wald dieses Geocaching spielen«, sagte er und strahlte mich dabei aus glänzenden Augen an.
Ich überlegte kurz, was ich über diesen neuen Volkssport wusste? Bei Geocaching verstecken wildfremde Menschen einen Gegenstand. Dies konnte eine kleine Figur aus einem Überraschungs-Ei sein oder auch ein Zettel mit einer Nachricht. Der Fantasie waren hierbei keine Grenzen gesetzt – das Ganze war richtig spannend.
Meistens markierten die Spieler ihr Versteck mit einem weißen Kreuz und meldeten dann die Koordinaten mit Hilfe eines kleinen Programms, einer App, dem Veranstalter. So hatte sich eine moderne Form der altbekannten Schnitzeljagd entwickelt. Es gab Millionen von Verstecken, die sich über die ganze Welt verteilten. Ein schönes Spiel, das man bei einem Spaziergang in der freien Natur spielen konnte, wenn man ein Smartphone mit GPS-Funktion besaß.
»Super Idee, Chef! Das wird den Kids bestimmt besser gefallen als nur von A nach B zu laufen«, meinte ich anerkennend.«
»Dachte ich mir äh … äh … auch, dachte äh … ich mir auch!«
»Dann wollen wir mal den lieben Kollegen von Ihrer Idee erzählen. Ich bin sicher, dass einige vor Begeisterung von ihren Stühlen fallen«, sagte ich und öffnete, voller Vorfreude, die Tür zum Lehrerzimmer.
Er saß regungslos unter einem Baum und beobachtete aufmerksam seine Umgebung. Der Regen fiel in dünnen Fäden vom Himmel und erzeugte ein nervöses Trommeln auf dem Dach aus Blättern, das ihn umgab. Noch hatte niemand die Frauenleiche gefunden, die er so sorgsam in Szene gesetzt hatte. Das Wetter war wohl momentan einfach zu schlecht für ausgedehnte Waldspaziergänge.
Ein verächtlicher Zug legte sich um seinen Mund. Mit einem gut vernehmlichen Laut zog er die Nase hoch und spuckte vor sich auf den Boden.
Menschen von seinem Schlag gab es nur noch wenige. Ihm machten Wind und Wetter nichts aus. Er trotzte den Naturgewalten. Es war ihm egal, ob es kalt oder heiß, trocken oder nass war. Während seiner Zeit in der Fremdenlegion hatte er ganz andere Dinge erlebt. Wer so etwas überstanden hatte, machte sich um das Wetter gewiss keine Sorgen mehr.
Er blickte auf seine Uhr, die seit Jahren sein treuester Begleiter war. Zugegeben, ganz billig war sie nicht gewesen, aber ihren hohen Preis arbeitete sie Tag für Tag unermüdlich bei ihm ab. Sie regelte seinen Tagesablauf und wachte zuverlässig über seinen Zeitplan.
Wenn nur alles im Leben so reibungslos funktionieren würde, dachte er und beschloss, noch eine Stunde unter seinem Baum auszuharren. Seine Gedanken reisten in die Zukunft. Reisten zu einem fernen Ziel. Reisten zu einem Neuanfang in seinem Leben.
Wann würde diese verdammte Frauenleiche endlich gefunden werden? Und wie würden die Menschen auf sie reagieren? Würden Schaulustige in seinen Wald, auf seine persönliche Spielwiese kommen? Wie würden die Medien reagieren, wie die Polizei?
Das waren wirklich viele spannende Fragen, fand er und konnte seine Ungeduld nur mühsam zügeln. Ein weiterer Gedanke fraß sich durch seinen Kopf, verdrängte seine vielen Fragen und setzte sich an die Spitze von allem, was ihm wichtig erschien.
Er brauchte dringend einen Namen! Nicht irgendeinen. Nein! Einen, an den sich die Menschheit noch in hundert Jahren erinnern würde, der sich in ihren Köpfen für immer einnistete. Einen Namen, der die Menschen in Ehrfurcht erschauern ließ. Kurz und prägnant musste er sein. Am besten ein Wesen aus dem Tierreich. Das kannten die Leute und würden es bestimmt nicht vergessen.
Wie wäre es mit einem Wolf, dachte er sich?
»Nein, ein Wolf ist zwar stark, aber auch dumm«, murmelte er vor sich hin.
Ein Bär vielleicht?
»Nein, der ist zwar grausam, aber zu plump und einfältig!«
Ein Fuchs?
»Ja, das könnte passen«, sagte er und überlegte laut weiter: »Ein Fuchs ist schlau, stark und gerissen. Er späht seine Beute stundenlang aus, bevor er dann mit erbarmungsloser Härte zuschlägt.«
Fuchs, oder vielleicht besser: der Fuchs, dachte er sich. Das wäre der richtige Spitzname für mich. Die Menschen brauchten so etwas. Sie gaben einem Massenmörder gerne einen Namen und sprachen diesen dann mit ehrfürchtiger Stimme aus.
Er dachte an das alte London und an Jack the Ripper. Dachte an John Wayne Garcy, der immer in einer Clownsmaske gemordet hatte. Und er dachte an Ted Bundy, der 28 junge Frauen erdrosselt, vergewaltigt und zerstückelt hatte.
Eines Tages, da war er sich sicher, würde sein Name in einem Atemzug mit den ganz großen unter den Serienmördern genannt werden. Dann würden die Leute vom Fuchs erzählen und dass er einfach zu schlau gewesen war und man ihn nie seiner Taten hat überführen können. Sie würden einen Lehrfilm über ihn drehen und Tausende von Polizeischülern würden seine Identität zu enträtseln versuchen.
Ja, er würde sich ab sofort der Fuchs nennen.
Kein wirklich ausgefallener Name, dachte er. Doch er war wenigstens prägnant und einfach. Fast jeder würde mit dem Namen die Attribute eines Fuchses assoziieren. Verschlagenheit, List und Schlauheit.
Das sind doch Eigenschaften, mit denen ein Frauenmörder gut leben kann, dachte er und lächelte amüsiert.
Sein Blick zuckte erneut nach unten auf seine Uhr. Quälend langsam schlich der Sekundenzeiger über das Ziffernblatt – die Zeit schien sich nicht von der Stelle zu bewegen. Noch 53 Minuten, wenn er sich an seinen Zeitplan hielt. Das waren 3180 Sekunden, in denen er wie eine Spinne auf sein nächstes Opfer lauern konnte. Sein Netz hatte er ja bereits ausgeworfen, jetzt musste er nur noch geduldig warten.
*
Gut gelaunt parkte ich meinen VW-Käfer vor unserer Garage und rannte durch den Regen zur Küchenveranda. Die Terrassentür war nur angelehnt. Meine Frau stand mit dem Rücken zu mir gewandt am Herd.
»Tom, für dich gilt das Gleiche wie für deine Kinder«, sagte sie, ohne sich zu mir umzudrehen.
Ich hielt für einen kurzen Moment inne und bewunderte den schlanken Körper meiner Frau. Ihr blondes Haar trug sie wie meistens offen, es fiel in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern. Selbst nach 16 Ehe-Jahren war ich noch immer von ihr fasziniert und konnte mir beim besten Willen keine andere Frau an meiner Seite vorstellen.
»Und was soll das sein?«, fragte ich stirnrunzelnd.
»Zieh deine Schuhe gefälligst aus, oder willst du den Küchenboden freiwillig putzen?«
Freiwillig? Ich? Bestimmt nicht!
»Klar, kein Problem mein Schatz. Ist sowieso viel bequemer ohne«, sagte ich und schlüpfte schnell aus meinen Dockers.
»Stell sie aber bitte vor die Tür. Am besten auf das Schuhregal, du weißt schon, dieses da, das wir im letzten Herbst extra dort aufgestellt haben.«
»Warum bist du heute so pingelig?«, wollte ich wissen, hob aber sicherheitshalber meine Schuhe hoch und stellte sie vor die Tür.
Ich kannte meine Frau, kannte ihre Launen, kannte ihren Sinn für Gerechtigkeit und Ordnung. Irgendetwas musste passiert sein? Irgendetwas stimmte hier nicht!
»Nun rück schon raus mit der Sprache! Was haben die Kinder wieder angestellt?«, fragte ich, als ich meine Frau zärtlich von hinten in die Arme schloss.
Für einen kurzen Moment legte Mia ihren Kopf an meine Brust, dann befreite sie sich aus meiner Umarmung und wandte mir ihr hübsches Gesicht zu. Ein kleines Veilchen zierte ihr linkes Auge und unter der Augenbraue sah ich eine deutliche Schwellung.
Erschrocken zog ich die Luft durch meine Zähne und stammelte: »Wer …, was …, woher kommt dieses Veilchen?«
Mia schaute mich für einen kurzen Moment mit ihren eisblauen Augen an, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und sie sagte mit gefährlich leiser Stimme: »Ein kleines Rätsel gefällig, mein Schatz? Es ist blau, hat signalrote Streifen, ist ziemlich groß, stinkt und liegt auf der Kellertreppe herum? Was könnte das deiner Meinung nach sein?«
Die Erkenntnis traf mich mit der Wucht einer Abrissbirne!
Am Sonntag hatte ich meine neuen Laufschuhe auf der Treppe zum Keller ausgezogen. Eigentlich wollte ich sie ja mit Zeitungspapier ausstopfen und zum Trocknen in den Heizungsraum stellen. Aber über einen guten Vorsatz war ich nicht hinausgekommen. So hatte ich die Schuhe aus Faulheit oder Vergesslichkeit einfach auf dem Treppenabsatz stehen lassen.
»Na, hast du eine Idee? Oder soll ich dir noch weitere Tipps geben, mein Dicker?«
»Oh Gott, mein Schatz, das tut mir leid. Ich hatte diese blöden Sportschuhe total vergessen. Ehrlich, das passiert mir nie wieder, das verspreche ich dir«, sagte ich mit heiserer Stimme.
Wenn ich mir vorstellte, was alles hätte passieren können, dann wurde mir im Nachhinein noch ganz schlecht.
Die Tür flog auf. Unsere Kinder stürmten in die Küche. Achtlos warfen sie ihre nassen Rucksäcke auf den Boden und stapften auf feuchten Schuhsohlen zum Herd.
»Hallo Mum, hallo Dad, was gibt’s zu essen?«, fragte Phil und spähte dabei in die dampfenden Töpfe hinein.
»Du hast ja ein Veilchen«, rief Julia erschrocken und musterte ihre Mutter aufmerksam.
»Ja, euer Vater hat mich geschlagen«, behauptete Mia mit ernstem Gesicht, doch in ihrer Stimme schwang schon wieder ein Lachen mit.
»Nie im Leben, der doch nicht!«, sagte Phil und machte dazu eine lässig aussehende Handbewegung.
»Was soll das heißen, der doch nicht? Meinst du etwa, dass ich dazu nicht in der Lage wäre?«, fragte ich entrüstet.
»Ich glaube gar nichts. Ich weiß es! Wenn du Mum geschlagen hättest, würdest du schon lange in der Mülltonne liegen und vor dich hingammeln. Oder glaubst du etwa, dass du so etwas überleben würdest?«
»Wahrscheinlich hast du recht. Die Chance, so etwas zu überstehen, dürfte ziemlich gering sein«, nickte ich, »deine Mutter hat einfach nicht aufgepasst und ist über ein paar Schuhe gestolpert. Lasst euch das für die Zukunft bitte eine Lehre sein und stellt eure Treter gefälligst dorthin, wo sie hingehören. Wir haben da draußen im Flur«, ich deutete mit meinem Daumen über meine Schulter, »einen wunderbaren Garderobenschrank, der sich über jeden einzelnen eurer Schuhe freut. Die nächsten, die in der Gegend herumliegen, landen im Müll. Alles klar?«
»Na, da werden sich deine neuen Sportschuhe aber freuen, wenn sie demnächst Gesellschaft bekommen. Die habe ich nämlich vorhin in der Mülltonne entsorgt. Ich staune immer wieder, wie einig wir uns beim Thema Bestrafen sind, mein Schatz«, meinte Mia, schürzte ihre Lippen und nickte dazu anerkennend mit dem Kopf.
*
Was war denn heute nur los? Warum kam er nicht? Hatte er sie etwa vergessen? Oder war er bei dem Versuch, eine Frau zu entführen, verhaftet worden? Doch was würde dann aus ihr? Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser verblendete Psychopath seinen Unterschlupf preisgeben würde.
Wenn sie ihn wirklich geschnappt haben, bin ich schon so gut wie tot, dachte sie und ein Gefühl der Hilflosigkeit schnürte ihr die Kehle zu. Andererseits wollte sie auf keinen Fall von der Polizei gerettet werden. Lieber würde sie hier in ihrem einsamen Verlies sterben!
Wenn Karl mich nicht in dieser schrecklichen Nacht aus der Garage verschleppt hätte, dann säße ich jetzt in irgendeinem Gefängnis und würde auf meine Verhandlung warten, schoss es ihr durch den Kopf.
»Da bin ich hier schon besser dran. Hier habe ich eine reelle Chance, irgendwann zu entkommen. Im Gefängnis würde ich für den Rest meines Lebens sitzen und wie ein Zombie vor mich hinvegetieren!«, murmelte sie gedankenverloren.
Warum kam der blöde Sack nicht? Warum kümmerte er sich nicht um sie?
Eine Flut von Gefühlen tobte in ihren Eingeweiden und Tausend Würmer schienen durch ihre Gedärme zu kriechen. Keine Frage, sie hasste diesen verrückten Spinner und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihn zu erwürgen. Auf der anderen Seite vermisste sie ihn, wenn er nicht bei ihr war. Was war nur los mit ihr? Was lief in ihrem Kopf denn falsch?
Dieser Karl hielt sie gefangen wie ein exotisches, wildes Tier. Er fügte ihr Schmerzen zu, hatte eine Frau vor ihren Augen getötet und erniedrigte sie pausenlos.
Und trotzdem empfand sie so etwas wie Zuneigung für ihn! Er nannte sie liebevoll seine Nummer 1. Noch nie hatte ein Mann ihren Körper mit so viel Hingabe bewundert. Karl konnte der zärtlichste Mann sein, den sie kannte. Doch seine zarte Sanftheit konnte jederzeit in brutale Gewalt umschlagen.
Das war das Problem an ihm. Man konnte seine Launen nicht vorhersagen, er ließ sich auch nicht manipulieren. Er verhielt sich wie ein ungezügeltes Tier. In der einen Sekunde sanft wie ein Lamm und in der nächsten tödlich wie ein Skorpion.
Sie schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Doch er hatte den Körper eines jungen Mannes. Seine Muskeln waren hart, stark und austrainiert. Seine Hände waren die eines Arbeiters, rau und schwielig. Sein Körper war mit unzähligen kleinen Narben überzogen und seltsam vorstehende Froschaugen beherrschten sein wimpernloses Gesicht.
»Wann kommst du endlich, du blöder Arsch?«, schrie sie unvermittelt laut auf.
Die Geister der Dunkelheit redeten seit Stunden auf sie ein, bestürmten sie mit Fragen und zogen sie Sekunde für Sekunde auf einen Abgrund aus Verzweiflung und Wahnsinn zu.
Ein rotglühender Punkt leuchtete in der Schwärze des Nichts, gewann an Intensität und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Irritiert hielt sie die Luft an und lauschte in die Stille der Dunkelheit.
Hatte sie eben etwas gehört?
»Bist du das, Karl?«, fragte sie mit unsicherer Stimme.
Nichts! Kein Laut drang an ihre Ohren, nur die Stimmen in ihrem Kopf redeten unaufhörlich auf sie ein. Der feine Geruch von Tabak zog in ihre Nase, umhüllte ihre Sinne und kroch in ihr Bewusstsein.
Er ist da, dachte sie und konnte seine Anwesenheit mit einem Male spüren.
»Wo warst du so lange? Ich habe auf dich gewartet«, flüsterte sie erleichtert.
»Ich hatte viel zu erledigen, Nummer 1, viel zu erledigen.«
Müde schloss sie die Augen und fing an sich zu entspannen. Die Geister der Dunkelheit zogen sich zurück. Die Stimmen ihrer Vergangenheit wurden leiser und leiser, bis sie schließlich ganz verstummten.
»Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.«
»Amen«, seufzte ich, spitzte die Lippen und blies geräuschvoll die Luft aus meinem Mund.
»Gehet hin in Frieden und achtet bitte gut auf die Geschöpfe des Waldes. Auch sie sind Gottes Kinder und verdienen es, in Frieden leben zu können. Der Herr ist unser Hirte und möge uns sicher und wohlbehalten wieder nach Hause führen.«
»Schöne äh … Predigt«, sagte mein Schulleiter und lächelte versonnen.
»Und so kurzweilig«, flüsterte ich leise zurück.
Leider konnte ich einen sarkastischen Unterton in meiner Stimme nicht ganz verbergen, was meinem Schulleiter aber nicht weiter auffiel.
Es war Donnerstag, Wandertag oder besser gesagt: Geocaching-Tag. Mein Schulleiter und ich hatten uns gegen die Bedenken zahlreicher Kollegen hinweggesetzt und unseren Geocaching-Tag ins Leben gerufen.
Allerdings hatten wir uns überzeugen lassen und die Jahrgangsstufen fünf bis sieben von der Veranstaltung ausgenommen. Um genügend Aufsichtspersonen zusammenzubekommen, hatten wir auf unseren Hausmeister, einige Mütter aus dem Elternbeirat und den Religionslehrer, Pfarrer Milch, zurückgreifen müssen.
Der Pfarrer hatte spontan zugestimmt und die Möglichkeit ergriffen, einen kleinen, knapp eine Stunde dauernden Gottesdienst abzuhalten. Getreu nach dem Motto Des einen Leid ist des anderen Freud hatten wir unsere Wanderschaft in den Wald unterbrochen und einen Abstecher zu Pfarrer Milchs Kirche unternommen.
»Alle mal äh … herhören«, rief unser Schulleiter und erklomm dabei die Treppenstufen zum Altar. Von seiner nun etwas erhöhten Position war er für jeden gut sichtbar.
»Wir machen es äh …äh … jetzt so wie besprochen. Teilt euch bitte in eure äh … Klassenverbände auf und lauft gemeinsam äh … äh … zu eurem Ausgangspunkt. Wir treffen uns äh … alle wieder um 16 Uhr hier in äh … der Kirche, wo Pfarrer äh … Milch den Tag dann mit einer kleinen Danksagung beendet.«
Allgemeines Gemurmel setzte ein, doch unser Schulleiter fuhr unbeirrt mit seiner Rede fort: »Ich wünsche euch äh … äh … eine erfolgreiche äh … Schnitzeljagd und dass mir äh … ja keine Klagen über euer Benehmen im Wald zu Ohren kommen«, fügte er hinzu.
Ich stand bei meiner Klasse und schaute fragend in die Runde.
»Wie oft?«
»Zwölf Mal!«
»Wer war am nächsten dran?«
»Domi mit Dreizehn.«
»Alles klar, Dominik, dann bist du also heute unser Anführer. Glückwunsch, mein Lieber!«, sagte ich und klopfte dem Jungen kameradschaftlich auf die Schulter.
Unser Schulleiter hatte einen kleinen Sprachfehler. Er dachte viel schneller als er sprechen konnte und musste dann seine Sätze mit einem äh … auffüllen. Eine kleine Marotte, die wir aber alle an ihm liebten. Und die stets bei einer seiner Reden Anlass für eine kleine Wette abgab.
In unserem Fall hatte Dominik mit der geschätzten Anzahl der Äh-Pausen am nächsten gelegen; sein Preis war die Rolle des Anführers unserer knapp 30 Mann starken Truppe.
»Ok, ihr Loser, los geht’s!«, blaffte er, warf sich seinen Rucksack über die Schultern und schnippte gekonnt seine Haare aus der Stirn.
»Männer!«, stöhnte Nina neben mir und schnitt eine Grimasse. Nina war die Tochter meines guten Freundes Jack Baur. Er war Inhaber einer internationalen Sicherheitsagentur und hatte Mia und mir vor gut zwei Monaten das Leben gerettet.
»Na komm, Nina, wir gehen besser vorne mit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Domi den Weg ohne Probleme findet.«
Nina schaute mich für einen kleinen Moment aus ihren rehbraunen Augen an. Dann legten sich kleine Lachfältchen um ihren Mund und sie sagte: »Da dürftest du gar nicht so falsch liegen. Domi ist ein kleiner Pechvogel. Lieb, aber völlig unstrukturiert und orientierungslos. Der verläuft sich in einem Parkhaus und findet erst wieder hinaus, wenn es abgerissen wird.«
Kopfschüttelnd schaute ich meiner Klasse hinterher. Ein bunter Haufen voller liebenswerter Chaoten, die darauf warteten, die Welt zu erobern. Und an ihrer Spitze lief ein schlaksiger Junge, der – laut Nina – nicht links von rechts unterscheiden konnte.
»Na, da haben wir den Bock ja zum Gärtner gemacht«, stöhnte ich leise und folgte Nina mit schnellen Schritten.
*
Noch bevor er sie sehen konnte, hörte er das leise Knacken von brechenden Ästen. Sie stapften durch seinen Wald wie eine Rotte Wildschweine auf der Flucht.
Angewidert schloss er seine Augen. Was bildeten sich diese Menschen eigentlich ein? Sie befanden sich in seinem Wald, auf seinem Spielfeld. Hier wurde nach seinen Regeln gespielt, hier musste man sich an seine Regeln halten. Aber er würde sie schon lehren, sich in seinem Wald zu benehmen.
»Nichts ist umsonst, meine kleinen Ferkel, selbst der Tod verlangt nach einem Entgelt«, stieß er verächtlich durch die Zähne.
Der Fuchs verlagerte sein Gewicht und versuchte, die starr gewordenen Muskeln in seinen Beinen etwas zu entlasten. Sein Versteck war gut gewählt. Mit seiner sorgfältig zusammengestellten Tarnkleidung war er für untrainierte Augen so gut wie unsichtbar.
Heute würde seine Nummer 1 vielleicht eine neue Gefährtin bekommen. Doch es kam natürlich noch darauf an, wie hübsch die kleinen Schweinchen aussahen und wie gut sie gewachsen waren! Hässliche Frauen hatte er schon genug im Leben gesehen. In seiner Sammlung fanden nur die schönsten Exemplare einen Platz.
Wer seine ungeteilte Aufmerksamkeit erhaschen wollte, musste schon etwas ganz Besonderes sein. So wie seine Nummer 1. Sie war von schlichter Eleganz, hatte eine atemberaubende Figur, sanfte zarte Haut und war dennoch gefährlich wie eine Raubkatze.
Der Fuchs lächelte versonnen und vergaß für einen kurzen Augenblick alles um sich herum. Doch das Hecheln eines Hundes spülte ihn zurück in die Wirklichkeit und riss ihn unsanft aus seinen Träumen. Mit einer mechanischen Bewegung griff er an seinen Gürtel, löste sein Messer aus der Scheide und zog es geräuschlos heraus. Die fremden Stimmen kamen langsam näher. Er konnte deutlich zwischen zwei Frauen unterscheiden.
*
»Gismo, Gismo, komm zu Frauchen!«
»Na, nun lass ihm doch seinen Spaß. Kommt schließlich nicht allzu oft vor, dass er durch den Wald streunern kann.«
»Ja, hast schon recht, aber wer weiß, was für Viehzeug sich hier so alles herumtreibt.«
»Ach, Petra, du immer mit deiner Schwarzmalerei. Was soll hier im Wald schon sein? Hier gibt es Bäume, Sträucher und irgendwo ein markiertes Versteck.«
»Weiß auch nicht, aber ich habe ein ganz blödes Gefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht! Gismo, bei Fuß!«
»Ach, so ein Quatsch. Mit deinem blöden Gefühl versaust du uns noch den ganzen Tag. Ich habe mich so auf das Geocachen gefreut. Bist du nicht auch gespannt, was wir in dem Versteck Schönes finden?«
»Schon. Aber irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl. Mir kommt es so vor, als ob uns jemand beobachtet.«
»Mensch, Petra, leidest du jetzt unter Verfolgungswahn? Wer soll uns denn hier beobachten? Schau lieber mal auf die Koordinaten, ich glaube nämlich, dass wir etwas vom Weg abgekommen sind.«
»Nö, das passt schon! Wo steckt denn nur dieser Hund? Gismo, komm zu Frauchen, na komm!«
*
Der Fuchs stand lächelnd in seinem Versteck und spürte, wie ein Gefühl der Vorfreude ganz langsam in ihm aufstieg. Der Jäger in ihm war erwacht, das wilde Tier, das in seiner Seele hauste, wollte endlich zuschlagen. Sein Pulsschlag beschleunigte sich, sein Atem ging stoßweise. In seinen Lenden spürte er ein wildes Pulsieren, sein Mund war mit einem Schlag so trocken wie eine Salzwüste.
Das heisere Knurren eines Hundes drang an sein Ohr, Sekunden später brach ein zotteliger Mischling durch das Dickicht, in dem er stand. Zähnefletschend machte der Fuchs einen Schritt zur Seite. Seine Hand, die das große Jagdmesser hielt, vollzog eine schnelle, halbkreisförmige Bewegung. Seine zweite Hand schoss mit einer schlangenhaften Schnelligkeit nach vorne und krallte sich fest in das zottelige Fell des Tieres.
Mit einem leisen Zischen zerteilte die Klinge seines Messers die Luft und drang tief in den Brustkorb des Mischlingsrüden ein. Ein Gefühl der Erregung pulsierte in seinen Adern. Er spürte das unkontrollierte Zucken des Hundes, als er genüsslich die Klinge in der klaffenden Wunde des Tieres herumdrehte. Warmes Blut floss ihm über den Handrücken, spritzte auf seine Kleidung und tropfte auf den Waldboden. Ein letzter Schauer schüttelte den geschundenen Körper des kleinen Hundes, ein gequältes Jaulen stieg tief in seiner Kehle auf. Dann konnten seine Beine das Gewicht des Körpers nicht mehr tragen und knickten schlagartig ein.
Achtlos zog er das Messer aus dem Kadaver und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder den Frauen zu. Sie würden seine nächsten Opfer werden, der Fuchs hatte die Jagdsaison eröffnet.
Benommen schlug sie die Augen auf. Die kleine Stehlampe neben dem Metallgestell, das ihr als Bett diente, streute noch immer ihr sanftes Licht und warf gespenstige Schatten an die Wand. Sogar die Musik hatte er angelassen. Leise, aber dennoch gut verständlich.
Vorsichtig untersuchte sie ihren geschundenen Körper. Ihre linke Hand streichelte sanft über den Bauch und sie spürte die kleinen Bisswunden, rund um ihren Bauchnabel. Mechanisch glitten ihre Hände weiter und verharrten für einen Moment auf dem kleinen Dreieck ihrer Schambehaarung. Zwischen ihren brennenden Beinen spürte sie eine klebrige Mischung aus Blut und Sperma. Angeekelt schloss sie die Augen und versuchte ihre Schmerzen zu ignorieren.
Doch trotz ihrer Verletzungen und der Erniedrigungen, die sie heute hatte ertragen müssen, hatte sich ihr Leben entschieden verbessert. Sie war nicht mehr an das Bett gefesselt und konnte sich in einem Umkreis von zwei Metern um ihre Schlafstätte herum bewegen.Natürlich trug sie noch diese verdammten Handschellen!Doch Karl hatte diese vom Bettgestell gelöst und mit einer massiv aussehenden Stahlkette an der Wand verbunden.
Dann hatte er ihr die kleine Chemie-Toilette in Reichweite gestellt und Toilettenpapier, Hygieneartikel, eine Schüssel und einen zehn Liter Wasserkanister danebengestellt.Zum Abschluss hatte er noch etwas Obst, Brot und gut zwei Dutzend Wasserflaschen auf die andere Seite des Bettes platziert.
In den nächsten Tagen würde er wenig Zeit haben und könne wahrscheinlich nicht bei ihr vorbeischauen. Sie müsse sich das Essen eben einteilen und sich die Zeit mit Radio hören vertreiben, hatte er gesagt und dazu so seltsam wissend gelächelt.
Sie solle gut aufpassen, vielleicht würde im Radio ja etwas über einen Fuchs zu hören sein. Während sie noch über seine Worte nachgedacht hatte und überlegte, was es mit diesem Fuchs wohl auf sich hatte, war er wie ein Tier über sie hergefallen.
Nur langsam konnte sie das Grauen abstreifen und wieder klar zu Denken anfangen. Zu schlimm war das Erlebte, zu lebendig die Erinnerung an die vergangenen Stunden.
Doch jetzt war er endlich gegangen, hatte das kleine Licht und die Musik angelassen und würde die nächsten Tage auch nicht mehr wiederkommen. Das und ihre neu gewonnene Bewegungsfreiheit machten diesen Tag zu etwas ganz besonderem.
Es kam ihr so vor, als hätte der Himmel ihr ein kleines Geschenk gesandt und sie sah endlich einen winzigen Silberstreifen namens Hoffnung am Horizont aufleuchten…
*
»Links, wir müssen links herum«, rief ich Dominik zu.
»Auf meinem Plan sieht das aber anders aus. Da müssen wir eindeutig nach rechts!«
»Vielleicht solltest du Maulwurf deinen Plan einfach um 180 Grad drehen«, meinte Mario genervt und blickte dabei Hilfe suchend zu mir herüber.
»Quatsch!«
»Mensch Domi, rechts geht´s doch aus dem Wald wieder raus. Wir wollen aber in den Wald, oder?«
»Aber auf meiner Karte …«
