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Ein Mord, ein Geständnis und ein Anwalt, der zweifelt. Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen. Die Indizien sind schwerwiegend, sie selbst gibt die Tat zu. War es kaltblütiger Mord oder Notwehr? Avvocato Guerrieri weiß: Die Strategie der Verteidigung ist entscheidend, Vorsatz bedeutet lebenslänglich. Während der Prozess seinem Höhepunkt entgegenstrebt, verliert Guerrieri den Glauben an die Gerechtigkeit. Bei Streifzügen durch die nächtlichen Gassen von Bari befragt er sich selbst. Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin? Wie erlange ich Gewissheit über mich und über die Taten anderer? Ist Schuld relativ? Beharrlich versucht er zu den menschlichen Abgründen und zum Kern seines Ich vorzudringen, auf der Suche nach Wahrheit und Glück. Eine Geschichte, die wir in unsicheren Zeiten dringend benötigen.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2026
DER AUTOR
GIANRICO CAROFIGLIO, geboren 1961 in Bari, arbeitete als Richter, Senator und Anti-Mafia-Staatsanwalt und beschäftigte sich schon früh intensiv mit Verhörtechniken und Aussagepsychologie. Ihn faszinieren die Tiefen der menschlichen Seele, die Ursachen einer Straftat, die Kluft zwischen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, der Gebrauch und Missbrauch von Sprache. Nebenbei besitzt er den schwarzen Gürtel 6. Dan in Karate und kritisiert die westliche Kultur des Narzissmus. Seine Bücher, inzwischen millionenfach verkauft, sind in 28 Sprachen übersetzt. Bei Folio sind erschienen: Carlotto/Carofiglio/De Cataldo: Kokain (2013); Trügerische Gewissheit (2016), Drei Uhr morgens (2019/2023) und Groll (2023).
DIE ÜBERSETZERIN
VERENA VON KOSKULL lebt und arbeitet in Berlin als Literaturübersetzerin, u. a. für die Wochenzeitung Die Zeit. Sie übersetzte Edoardo Albinati, Roberto Andò, Carlo Levi, Antonio Scurati u. v. a. Deutsch-Italienischer Übersetzerpreis 2020.
Gianrico Carofiglio
Gianrico Carofiglio
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Erster Teil
1.
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20.
21.
Zweiter Teil
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23.
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Anmerkungen
Vor Jahren las ich die Autobiografie eines berühmten amerikanischen Anwalts.
Das Buch war so lala, streckenweise sogar langweilig, doch eine darin geschilderte Anekdote ist mir in Erinnerung geblieben.
Gleich nach seinem Harvard-Abschluss wird der Autor von einer berühmten Anwaltskanzlei eingestellt. Nachdem er monatelang ausschließlich Akten für andere vorbereitet, kommt endlich der große Tag: sein erster Prozess, den er zusammen mit dem Inhaber der Kanzlei führen soll, samt Zeugenbefragung und Verhandlung vor einer Geschworenenbank.
Sein Chef bestellt ihn eine halbe Stunde vor der Zeit zum Gerichtsgebäude. Wahrscheinlich, so vermutet der Autor, um sich ein letztes Mal über strategische Fragen und Herausforderungen abzustimmen. Doch als sie sich treffen, fordert der ihn lediglich auf, ihm zu folgen. Sie durchqueren verwaiste Flure, die sich mit den schon bald beginnenden Verhandlungen in wuselige Bienenstöcke verwandeln werden, und betreten den Gerichtssaal. Der Raum sieht aus, wie wir ihn aus etlichen Filmen kennen: neoklassizistische Architektur, würdevoll und erhaben, als wollte sie die Feierlichkeit der darin vollzogenen Rituale bekräftigen.
Der alte Anwalt fordert den jungen auf, sich umzublicken und klarzumachen, wo er sich befindet und was in Kürze an diesem Ort stattfinden wird. Nach ein paar Minuten fragt er ihn, was er empfindet.
„Hochachtung“, antwortet der junge.
„Gut. Versuch dir dieses Gefühl einzuprägen. Solltest du eines Tages einen Gerichtssaal betreten, ohne den leisesten Funken davon zu verspüren, ist es an der Zeit, aufzuhören.“
Der Protagonist der Geschichte behauptete, diese Hochachtung habe ihn niemals verlassen, und so habe er seinen Anwaltsberuf voller Begeisterung bis ins hohe Alter ausgeübt.
Das ist eine schöne, romantische und sehr amerikanische Geschichte. Vielleicht ist sie sogar wahr. Mein Berufseinstand war ungleich weniger romantisch. Keine stillen und bewegenden neoklassizistischen Gerichtssäle. Meine erste Verhandlung fand in einem überfüllten Provinzamtsgericht statt: Haufen von Ordnern und Aktenbündeln, die sich vor dem Richter stapelten, Stimmengewirr, Menschenmuff, Klaustrophobie. Von wegen Heiligkeit der Justiz. Doch kann ich ebenfalls bezeugen, dass leere Gerichtssäle in manchen zeitenthobenen Momenten des Wartens auch ohne Marmor und Stuck die Macht besitzen, Unruhe, Befremden und Vorahnungen auszulösen.
Die Berufsrichter und Schöffen waren einer nach dem anderen durch die Tür des Beratungszimmers verschwunden. Der Staatsanwalt war hastig verschwunden; die Beamten der Gefängnispolizei mit meiner Mandantin waren verschwunden, ebenso die Zuhörer, Journalisten und Carabinieri. Als Letzter war der Gerichtsschreiber Dottor D’Eusebio gegangen, nachdem er mir gesagt hatte, er würde mich anrufen, sobald das Gericht zur Urteilsverkündung bereit sei. Vermutlich habe ich diese Szene so oft erlebt, dass sich die Erinnerungen überlagern, und doch scheint es eine stillschweigende Liturgie, eine ungeschriebene Prozessordnung, eine Art Choreografie zu geben, nach der sich der Saal des Schwurgerichts leert, sobald die Richter sich ins Beratungszimmer zurückziehen.
Ich hatte meine Aktenunterlagen und die Stichpunkte fürs Plädoyer in die Tasche zurückgesteckt, die Robe in den Rucksack gepackt und hätte eigentlich gehen sollen. Stattdessen blieb ich. Das tat ich sonst nicht. Ehrlich gesagt, hatte ich das noch nie getan. Alle verschwinden, und normalerweise will man ebenfalls verschwinden und diesen Ort verlassen, der auf einmal … anders ist. Nicht nur, weil er erst voller Menschen und dann verwaist ist. Nicht nur, weil die eben noch besetzten Stühle jetzt leer sind. Er ist einfach anders, die ganze Sinneswahrnehmung des Ortes verändert sich. Sicher, kein Wunder: Sobald niemand mehr da ist, nimmt man die Stille des Raumes und die gedämpften Geräusche von draußen wahr.
Weniger selbstverständlich ist, dass man, sobald der Saal verwaist, Gerüche wahrnimmt, die es bis dahin nicht gab. Zum Beispiel den Geruch von abgenutztem Holz und Staub. Er hängt schwer in der Luft, und du fragst dich, warum du ihn eben noch nicht gerochen hast, jetzt aber schon. Ich setzte mich auf den Platz des Staatsanwalts, schnupperte ein paar Minuten lang die Luft und blickte mich um.
Auf einmal zeigen die Wände, die man während der Verhandlung nicht beachtet hat und die, falls doch, allenfalls weiß oder schmuddelig grau erscheinen, ein Gespinst aus Spuren, ein stummes, unentzifferbares Alphabet. Ebenso die in Jahrzehnten von Verhandlungen abgenutzten Bänke. In der zweiten Reihe hatte jemand wer weiß wann mit einem Taschenmesser Justiz ist scheiße hineingeritzt. Ich fragte mich, warum es niemandem aufgefallen war und niemand dafür gesorgt hatte, den Tisch schleifen und den subversiven Satz beseitigen zu lassen. Doch im vollen Saal sind gewisse Zeichen tatsächlich unsichtbar. Als würde die Gegenwart von Richterschaft, Anwälten, Gefängnispolizisten, Carabinieri, Gerichtsschreibern und Publikum den wahren Genius Loci vertreiben.
Ich stand auf, wanderte durch den Saal, setzte mich auf den Platz eines Schöffen und dann, nach kurzem Zögern, auf den der Vorsitzenden. Um zu sehen, wie es sich anfühlt. Es fühlte sich nach nichts Besonderem an. Also betrat ich den Käfig – was für ein grässliches Wort für einen Ort, in dem man Menschen einsperrt, viel schlimmer als Zelle oder Gefängnis –, setzte mich auf eine der Bänke für die inhaftierten Angeklagten und blickte durch die Fenster in der gegenüberliegenden Wand nach draußen. Durch die Gitterstäbe betrachtete ich das Draußen und dachte daran, wie alles angefangen hatte.
Nach mehreren Stunden am Gericht, zwischen vertagten Anhörungen und eingereichten Unterlagen, war ich in die Kanzlei zurückgekehrt. Hätte ich sagen sollen, mit wem ich ein paar Worte gewechselt hatte und in welcher Reihenfolge ich in den diversen Geschäftsstellen und Sekretariaten gewesen war, hätte ich also über meinen Vormittag Bericht erstatten sollen, wäre ich, kaum zehn Minuten danach, nicht mehr dazu in der Lage gewesen. Ich wusste, dass ich im Gerichtsgebäude gewesen war und sämtliche in meinem Terminkalender vermerkten Aufgaben erledigt hatte, aber mehr auch nicht.
Ich habe schon immer unter Zerstreutheit gelitten, schon als Kind. Damals sprach zum Glück noch niemand von Aufmerksamkeitsdefizitstörung, und so bekam mein Vater bei den Elterngesprächen mit den Lehrerinnen und Lehrern lediglich zu hören, ich hätte den Kopf in den Wolken. Eine damals sehr geläufige Redewendung, die heute niemand mehr benutzt. Doch trotz meiner chronischen Zerstreutheit war das, was seit einer Weile mit mir passierte, anders und irgendwie alarmierend. Ich bewegte mich durch die Welt – Beruf und spärliches Privatleben – wie in einen Nebel gehüllt. Oder wie unter einer sanften Wahrnehmungsnarkose. Ich war von Schatten umgeben, konnte mich (ohne besagten Terminkalender) nicht erinnern, was ich zu tun hatte, wusste nicht mehr, was ich getan, mit wem ich gesprochen (geschweige denn, was ich gesagt oder was man mir gesagt) oder wen ich getroffen hatte. Ich vermied es, der Sache auf den Grund zu gehen, denn die bisherigen Erkenntnisse waren erschreckend genug: Wenn ich versuchte, auf ein paar echte Erinnerungen zu stoßen, musste ich Monate, wenn nicht gar Jahre zurückgehen.
Das Handy klingelte und der Name meines Buchhändlerfreundes Ottavio erschien auf dem Display. Das war überraschend und ungewöhnlich. Soweit ich mich erinnerte, hatte mich Ottavio im Laufe der Jahre nie tagsüber und nur selten abends angerufen. Er hat eine sehr spezielle Buchhandlung – die Osteria del Caffellatte –, wie es wohl nicht viele auf der Welt gibt, allein schon, weil sie um zweiundzwanzig Uhr öffnet und um sechs Uhr morgens schließt.
Die Erfindung dieser Buchhandlung war Ottavios ureigene Art, mit seiner Schlaflosigkeit fertigzuwerden. Ein paar seltene Male hatte er mich, stets nach einer vorausgeschickten Textnachricht, gleich zur Ladenöffnung um kurz nach zweiundzwanzig Uhr angerufen, um mich wissen zu lassen, dass ein von mir bestelltes Buch eingetroffen sei: Ich hänge an echten Buchhandlungen und meide Onlineplattformen, hat etwas mit Weltanschauung zu tun. Ziemlich retro und nicht sonderlich originell, ich weiß.
Ich ließ es drei- oder viermal klingeln. Überlegte, dass er vielleicht versehentlich anrief. Dann ging ich ran.
„Ottavio?“
„Ciao, Guido, ich hoffe, ich störe nicht, aber es ist ein Notfall.“
„Was ist passiert?“
„Ich weiß, die Bitte klingt ein bisschen schräg, aber könntest du in der Osteria vorbeikommen?“
„Jetzt?“
„Ja, wenn es geht.“
„Ist die Buchhandlung denn geöffnet?“
„Nein, aber ich bin da.“
Er klang nervös, was ungewöhnlich war. Von unseren nächtlichen Begegnungen in der Buchhandlung abgesehen, trafen wir uns nie, und ich konnte mich nicht erinnern, ihm tagsüber je über den Weg gelaufen zu sein. Auf mich wirkte Ottavio wie ein tiefenentspannter Typ, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Und das war keine Frage von Selbstbeherrschung: So war er nun mal. Gelassen. Deshalb fand ich seinen nervösen Ton leicht beunruhigend.
„Kannst du mir schon sagen, worum es geht?“
„Wenn du nichts dagegen hast, würde ich lieber persönlich mit dir sprechen.“
Ihm ist irgendwas Blödes passiert, dachte ich. Oder jemandem, mit dem er befreundet ist. In dem Moment ging mir auf, dass ich nicht einmal wusste, ob er eine Freundin hatte; ich hatte keine Ahnung, wie das Privatleben eines Menschen aussah, der nachts arbeitete und tagsüber schlief. Vielleicht hatten irgendwelche Kleingangster Geld von ihm gefordert, damit sie seinen Laden in Ruhe ließen. Das ist bei nachts geöffneten Geschäften nicht ungewöhnlich, doch die Erpressung eines Buchhändlers kam mir besonders abscheulich vor. Vielleicht wollte er mich um Rat fragen, wie er sich verhalten sollte.
Oder vielleicht war das nur meine Einbildung und es ging um etwas ganz anderes, und Mutmaßungen anzustellen war wie immer sinnlos.
„Gib mir eine halbe Stunde, und ich bin bei dir.“
„Danke, Guido.“
Ottavio erwartete mich vor der Osteria. Er stand vor dem halb geöffneten Rollladen und rauchte eine Zigarette. Noch etwas Ungewöhnliches: Normalerweise gönnte er sich die einzige Zigarette des Tages um sechs Uhr morgens, kurz nachdem er die Buchhandlung abgeschlossen hatte und kurz bevor er nach Hause ging. Früher war er ein echter Kettenraucher gewesen (wie ich übrigens auch), ehe ihm klar geworden war, dass er so nicht weitermachen konnte. Doch die Vorstellung, komplett aufzuhören, stürzte ihn in tiefste Traurigkeit. Und so hatte er geschafft, was so gut wie niemand schafft: fast aufzuhören. Eine Zigarette am Tag zu genießen erlaubte es ihm, die Trauer um das Ende dieses Lebens, dieses Lebensabschnitts, in dem er die meisten vergnüglichen Dinge – darunter das Rauchen – unternommen hatte, nicht wahrzunehmen oder zumindest ohne allzu große Traumata hinter sich zu lassen.
Er hielt sich eisern an diese Regel. Wenn er also von ihr abwich, musste etwas Ernstes vorgefallen sein. Als ich auf ihn zuging, überkam mich der völlig widersinnige Impuls, ihn um eine Zigarette zu bitten. Wenn er rauchte, durfte ich das auch, sagte ich mir, während ich die Straße überquerte, und konnte mein Verlangen gerade noch rechtzeitig unterdrücken.
„Ciao, Guido. Danke, dass du gekommen bist“, sagte er und warf den Stummel in den Aschenbecher, der vor dem Eingang der Buchhandlung stand.
„Was ist passiert?“
Er zog die Nase hoch, obwohl es gar nicht nötig war.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll …“
„Bist du in irgendwelchen Ärger geraten?“
„Ich nicht. Aber es ist richtig übel.“
„Wer dann?“
„Eine Freundin von mir hat Mist gebaut, na ja, also Mist ist gar kein Ausdruck.“
„Schieß los, ich höre.“
„Elvira, so heißt sie, ich kenne sie schon ewig. Ich stand auch mal auf sie, aber am Ende ist zwischen uns nie richtig was gelaufen, weil sie mir als Frau und ich ihr als Freund gefiel. Ist lange her. Jetzt sind wir nur Freunde.“
Ich überlegte, dass diese Elvira einen Verkehrsunfall gehabt hatte und jemand gestorben sei.
„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, jedenfalls: Elvira hat einen Mann getötet“, schloss Ottavio.
Ein kleiner, dummer Schauder der Genugtuung ob meiner großartigen Intuition durchzuckte mich. Ich hatte ins Schwarze getroffen: Elvira hatte jemanden überfahren, und es war übel ausgegangen.
„Ein Verkehrsunfall“, erwiderte ich in feststellendem Ton.
„Nein.“
„Nein? Und was ist dann passiert?“ In meiner Stimme schwang ein ungeduldiger Unterton mit.
„Etwas so Unfassbares … Ich bekomme es nicht über die Lippen.“
Verdutzt sah ich ihn an. Was meinte er mit unfassbar?
„Sie hat einen Typ getötet.“
„Getötet?“
„Den Ex ihrer Schwester, die sich vor ein paar Wochen das Leben genommen hat. Sie ist zu ihm, die beiden hatten einen Streit, der aus dem Ruder gelaufen ist, und sie … hat ihn umgebracht.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und am Ende fiel mir nur eine Anwaltsfrage ein.
„Wurde sie verhaftet?“
„Nein. Sie ist hier in der Buchhandlung“, sagte Ottavio und deutete mit dem Kopf zum halb geöffneten Rollladen. „Sie hat mich um Hilfe gebeten, sie steht unter Schock, und das Einzige, was mir einfiel, war, dich anzurufen.“
Ich war kurz davor, ihm noch mehr Fragen zu stellen, doch dann ging mir auf, dass das sinnlos war. Die Person, die mir Antworten zu dem Vorfall geben konnte, war nur wenige Meter von uns entfernt.
„Na gut, gehen wir“, sagte ich.
Ottavio ließ mir den Vortritt und zog den Rollladen herunter.
Die Frau saß hinter dem kleinen Bartresen. Der Laden war ganz ungewohnt, wie es vertraute Orte manchmal sind, die man aus irgendeinem Grund unter anderen Umständen, zu anderen Zeiten oder einfach (einfach?) mit anderen Augen sieht. In dem Moment wirkte alles fremd.
Die Frau stand auf, Ottavio stellte uns unbeholfen vor. Ich sei Avvocato Guido Guerrieri, sie Elvira Castell. Sie musste um die vierzig sein. Mittelgroß, Jeans und Pullover, keine besonderen Kennzeichen, abgesehen vielleicht von einem markanten Kiefer, der ihrem Gesicht etwas Maskulines und Aggressives verlieh. Auf mich wirkte sie nicht wie unter Schock.
Wir setzten uns in den kleinen Salon. Ottavio fragte, ob wir einen Kaffee wollten, sie sagte, Nein, danke; ich wollte das Gleiche antworten und entschied mich dann um. Ich weiß nicht, warum: Ich hatte gar keine Lust auf einen Kaffee.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
Sie holte tief Luft, wie um sich Mut zu machen, zog ihr Telefon aus der Tasche, tippte darauf herum und hielt es mir hin.
Es war die Seite einer lokalen Onlinezeitung.
Ein gewisser Giovanni Petacci sei in seiner Wohnung ermordet worden, man habe auf ihn geschossen. Die mobile, die mobile Einheit der Kriminalpolizei, ermittle in dem Fall, zurzeit liege das Motiv für die Tat noch im Dunkeln. Petacci, dessen Lebensgefährtin sich vor Kurzem das Leben genommen habe, scheine keinerlei Verbindungen zur organisierten Kriminalität zu haben. Da es in der Wohnung keine Einbruchsspuren gebe, gingen die Ermittler davon aus, dass der Täter mit dem Opfer bekannt sei.
Die Nachricht war sehr knapp, schließlich war die Tat erst vor wenigen Stunden passiert. Während ich im Nebel meiner Zerstreutheit durch die Flure des Gerichtsgebäudes gelaufen und das Leben ringsum seinen gewohnten Gang gegangen war, hatte die Frau, die mir jetzt gegenübersaß, ein anderes menschliches Wesen umgebracht.
Ehe ich anfing, bat ich Ottavio, während Elvira Castells Schilderungen außer Hörweite zu gehen. Diese Übervorsicht mochte etwas von einem amerikanischen Film haben, doch ich konnte mich auf mein Anwaltsgeheimnis berufen, er nicht. Hätte die Polizei oder der Staatsanwalt ihn jemals als mit dem Sachverhalt vertraute Person vernommen, hätte er die Wahrheit sagen müssen. Je weniger er also wusste, desto besser.
Ottavio sagte, er würde nach nebenan gehen und die neu eingetroffenen Bücher einsortieren.
Ich wandte mich wieder Elvira zu.
„Wollen Sie mir von der Sache erzählen?“
Sie räusperte sich, als würde sie sich auf eine Vorlesung oder eine Rede vorbereiten, und begann zu sprechen. Der dramatische oder vielmehr tragische Inhalt ihrer Geschichte wollte nicht zu dem fast teilnahmslosen Tonfall passen, in dem sie ihn vortrug.
Petacci war der Lebensgefährte ihrer Zwillingsschwester Elena gewesen, die sich, wie die Website berichtete, das Leben genommen hatte und außerdem die Besitzerin der Wohnung gewesen war, in der das Paar gelebt hatte. Da es weder ein Testament noch Kinder gab und die beiden nicht verheiratet gewesen waren, war Elvira die einzige Erbin. Seit Tagen forderte sie den Mann telefonisch und per Textnachrichten auf, die Wohnung umgehend zu räumen, doch er wollte davon nichts wissen. Er antwortete, er brauche Zeit, um etwas Neues zu finden, Elena habe des Öfteren die Absicht geäußert, ihn als Miteigentümer eintragen zu lassen, und überhaupt erachte er es als sein Recht, mindestens so lange zu bleiben wie nötig.
„Weil ich telefonisch nicht weiterkam, beschloss ich, hinzufahren und direkt mit ihm zu reden.“
„Ich vermute, Sie hatten sich verabredet.“
„Ja, ich hatte ihm angekündigt, dass ich bei ihm vorbeikommen würde, um die Sache ein für alle Male zu klären.“
„Fahren Sie fort.“
„Ich kam um elf und sagte ihm noch einmal sehr unmissverständlich, dass er verschwinden müsse. Wenn wir uns schriftlich auf ein festes Auszugsdatum einigten, würde ich ihm noch ein paar Wochen gewähren. Sowieso müsse er mir erlauben, die Habseligkeiten meiner Schwester zu begutachten und mitzunehmen.
„Warum hatten Sie es so eilig, ihn loszuwerden?“
„Ich fand es Elenas Andenken gegenüber verletzend, dass er nach dem, was passiert war, dort wohnen blieb.“
„Können Sie das näher erklären?“
Mit einer Bewegung, in der Frust, Wut und noch etwas anderes lag, das ich nicht zu benennen vermochte, schüttelte sie den Kopf. Jedenfalls war es eine authentischere Regung als das anfängliche Räuspern. Sie antwortete nicht sofort.
„Ich halte ihn für den Tod meiner Schwester verantwortlich. Zwar hat sie sich umgebracht, doch der Grund dafür war, dass er ihr das Leben fast von Anfang an zur Hölle gemacht hat.“
Plötzlich war das Jaulen eines Martinshorns zu hören, und sie verstummte. Vielleicht dachten wir beide dasselbe: Die Polizei war auf dem Weg, um sie mitzunehmen. Doch so, wie sich die Sirene genähert hatte, entfernte sie sich wieder.
„Darüber reden wir später. Jetzt ist es wichtig, dass Sie mir ganz genau erzählen, was passiert ist. In dem Artikel ist von einem Schuss die Rede. Trifft die Information zu?“
„Die Information trifft zu.“
„Und das waren Sie.“
„Ja, aber um mich zu verteidigen. Er ging auf mich los, ich zog die Pistole und sagte, er solle zurückbleiben, doch er kam auf mich zu, sagte etwas zu mir … vielleicht, was er mir antun würde … Ich weiß nicht mal, wie es passiert ist, doch ich habe einen Schuss abgefeuert.“
‚Einen Schuss abgefeuert‘. Drückt man sich so aus, wenn man gerade jemanden getötet hat? Ich weiß es nicht, meine Erfahrung ist nicht sonderlich groß. Zwar habe ich so einige Menschen verteidigt, die des Mordes beschuldigt waren, doch vor diesem Nachmittag hatte ich nur ein einziges Mal mit dem Angeklagten (dem Mörder nämlich) ‚unmittelbar nach der Tat‘ gesprochen, wie es im Fachjargon so schön heißt.
Nach so einem Ereignis gehen in den Köpfen der Menschen die seltsamsten Dinge vor, und es ist schwer, darüber zu urteilen. Doch ‚einen Schuss abfeuern‘ ist eine Formulierung, die eher nach dem sterilen und leicht absurden Stil von Polizeiberichten oder Gerichtsakten klingt, und nicht nach der prompten und unmittelbaren Schilderung eines Menschen, der jemanden umgebracht hat.
„Woher hatten Sie die Pistole?“
„Sie gehörte unserem Vater, ich habe sie geerbt, sie ist legal registriert.“
„Besitzen Sie einen Waffenschein?“
Sie schüttelte den Kopf. Also hatte sie die Pistole unerlaubt und aller Wahrscheinlichkeit nach mit Blick auf das Treffen bei sich gehabt; das war ein verdammt ernstes Problem, das geradewegs zur Anklage wegen vorsätzlichen Mordes führte, also zu lebenslänglich.
„Haben Sie sie noch bei sich?“
„Nein, ich habe sie in einen Müllcontainer geworfen.“
„Können Sie mir das Modell nennen?“
„Eine kleine halbautomatische Waffe, Kaliber 6,35.“
Die ganze Geschichte und auch ihre Art, sie zu schildern, verhießen nichts Gutes: ein prima Verfahren für die Anklage, ein Albtraum für die Verteidigung.
„Hat jemand Sie gesehen, als Sie ankamen oder fortgingen?“
„Als ich ankam, bin ich einem Mann begegnet, der das Haus verließ. Als ich wegging, niemandem.“
„Was haben Sie getan, nachdem Sie die Pistole losgeworden sind?“
„Ich bin ziellos durch die Stadt gelaufen, ich weiß nicht, wie lange. Bis Dharma mich angerufen hat, die Mauritierin, die bei mir arbeitet, um mir zu sagen, die Polizei sei wegen mir da gewesen und habe die Wohnung durchsucht. Dann fiel mir ein, dass Ottavio mir von Ihnen erzählt hat, und dass Sie gut seien. Jedenfalls habe ich ihn angerufen, und er sagte, ich solle hierher zu ihm kommen. Ich glaube, das ist alles.“
Ich fürchte, das ist nicht alles, dachte ich, formte die Worte in meinem Kopf und malte mir die alles andere als schönen Dinge aus, die passieren würden. Man musste zur Polizei gehen, und zwar so schnell wie möglich; und vor allem musste Elvira Castell sich mit dem Gedanken anfreunden, diese Nacht und noch viele weitere im Gefängnis zu verbringen.
„Ich habe es noch nicht gesagt, aber natürlich will ich Sie als meinen Anwalt des Vertrauens benennen“, fügte sie hinzu.
Ich nickte. Da war wieder dieser nüchterne, sterile, emotionslose Ton. Er passte nicht. Oder er passte allzu gut, was fast immer dasselbe ist.
„Was machen wir jetzt?“
„Sie werden gesucht. Das Beste oder vielmehr Einzige ist, sich der Polizei zu stellen.“
Sie überlegte ein paar Sekunden.
„Könnte das nicht einem Schuldeingeständnis gleichkommen?“
Wieder dieser Ton.
„Schauen Sie, es gibt zwei Möglichkeiten. Die Polizei hat etwas, das Sie belastet, was sehr wahrscheinlich ist, da sie schon bei Ihnen war; sich zu stellen erlaubt uns, zu behaupten, dass keine Fluchtgefahr besteht, was die Voraussetzung für eine vorläufige Festnahme durch die Polizei oder den Staatsanwalt ist. Und es erlaubt uns zu erfahren, was sie gegen Sie in der Hand haben. Was nützlich ist, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Sollten Sie noch heute Abend als Verdächtige vernommen werden, was wahrscheinlich ist, müssen Sie sich auf Ihr Recht berufen, die Aussage zu verweigern. Darauf würde ich bestehen. Später haben wir noch genug Zeit, unsere Version darzulegen. Aber nicht heute.“
„Sie sagten, es gebe zwei Möglichkeiten.“
„Ja. Die Alternative ist, dass die Polizei nichts Belastendes gegen Sie in der Hand hat und Sie als Auskunftsperson vernehmen will. Auch in diesem Fall ist das Beste, sich zu stellen. Allerdings halte ich die zweite Hypothese für unwahrscheinlich. Man hat Sie zu einer Uhrzeit, die … nun ja, mit dem Ereignis übereinstimmt, zum Wohnsitz des Opfers kommen sehen. Sie besitzen eine Schusswaffe, nach der die Beamten bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung bestimmt gesucht haben, und … Wie auch immer, diese Eventualität habe ich nur der Vollständigkeit halber in Betracht gezogen. Ich glaube, die Polizei verdächtigt Sie und will Sie befragen. Wir sollten also nicht warten, bis sie Sie findet.“
„In Ordnung“, antwortete Elvira Castell. „Was passiert auf dem Präsidium?“
„Man könnte Sie sofort vernehmen oder auf den zuständigen Staatsanwalt warten, was höchstwahrscheinlich der diensthabende stellvertretende Staatsanwalt ist.“
„Werden Sie mich denn begleiten?“
„Sicher. Und ich werde bei der Vernehmung dabei sein.“
„Bei der ich mich auf mein Schweigerecht berufe.“
„Ja, erklären Sie Ihre Absicht nicht sofort: Zunächst warten wir ab, welche belastenden Beweise gegen Sie vorgebracht werden, erst dann machen Sie davon Gebrauch.“
„Und ich muss mich dafür nicht rechtfertigen?“
„Nein, es ist Ihr Recht als Beschuldigte. Sie müssen gar nichts erklären.“
Ehe ich die Buchhandlung verließ, musste ich zwei Dinge erledigen.
Als Erstes schickte ich dem Doktor eine Nachricht.
Guten Abend, ich schreibe Ihnen wegen unseres Termins heute Nachmittag um 17:30 Uhr. Beruflich ist etwas Dringendes dazwischengekommen und ich werde es bestimmt nicht pünktlich schaffen. Wir müssten den Termin verschieben, aber ich würde die Sitzung diese Woche nur ungern ausfallen lassen. Könnten Sie mich wohl in den nächsten Tagen oder vielleicht heute am späten Abend noch einschieben?
Wie immer, wenn er gerade keinen Patienten hatte, antwortete er sofort. Das war – neben anderen, wesentlicheren Gründen – ein Grund, weshalb der Mann mir gefiel. Obwohl, eigentlich ist das ein wesentlicher Grund. Ich mag Leute, die sofort antworten, wenn sie können. Vielleicht, weil mich Leute nerven, die nicht sofort antworten, obwohl sie es könnten und nichts sie daran hindert; es ist eine kleine, miese Form der Machtausübung. Genauso irritieren mich Leute, die systematisch zu spät kommen; Paragrafenhengste, Staatsanwälte oder Fachidioten, die einen trotz Termin im Vorzimmer warten lassen; Leute, die einem nicht zuhören; Leute, die täglich kleine Gehässigkeiten gegen Menschen abfeuern, mit denen sie zusammenarbeiten und die sie eigentlich schätzen sollten.
Guten Abend. Wir könnten uns heute am späteren Abend sehen. Meine letzte Sitzung endet um 20:30 Uhr. Falls Sie es bis dahin schaffen, erwarte ich Sie.
Ich bedankte mich, antwortete, das passe mir sehr gut, und sollte doch noch etwas dazwischenkommen (was ich nicht hoffte), würde ich ihm Bescheid geben, um ihn nicht warten zu lassen.
Dann rief ich Inspektor Lanave an, Silberrücken der mobile, Mordkommission, und Eleve meines Freundes Carmelo Tancredi, Ex-Polizist und Privatermittler. Ich kannte Lanave seit mindestens zwanzig Jahren. Er war in Bari Vecchia aufgewachsen, wusste sich im kriminellen Filz der Stadt zu bewegen und war der Typ Bulle, der aus seinen Informanten alles rauskriegt. Außerdem spielte er sauber; keiner meiner Mandanten hatte sich je beklagt, auf dem Präsidium von ihm geschlagen worden zu sein.
„Avvocato Guerrieri, was verschafft mir die Ehre?“
„Guten Abend, Ispettore. Alles gut bei Ihnen, hoffe ich. Als ich Sie anrief, kam mir ein Zweifel. Sagen Sie mir nicht, dass Sie schon in Rente sind.“
„Nächstes Jahr. Ich zähle die Tage. Dann ende ich womöglich in den Grünanlagen auf der Parkbank und spiele Tressette, aber noch kann ich es gar nicht erwarten. Vierzig Jahre Polizei ist allemal genug. Wollen Sie nicht aufhören? Soweit ich mich erinnere, sind wir Altersgenossen, auch wenn der Anwaltsberuf natürlich was anderes ist.“
Diese Anspielung aufs gleiche Alter von einem, der kurz davor war, in Rente zu gehen, löste einen ebenso unsinnigen wie bohrenden Unwillen in mir aus. Ich musste an etwas denken, das ein unwesentlich älterer Kollege kürzlich zu mir gesagt hatte, als er sechzig geworden war. „Weißt du, was mich am meisten gefuchst hat, Guido? Festzustellen … nur festzustellen, wohlgemerkt, niemand hat mir irgendetwas angeboten …, dass ich ermäßigte Zugfahrkarten kaufen und in meinem Supermarkt jeden Mittwoch zehn Prozent Rabatt kriegen kann.“
„Aber, nein“, fuhr Lanave fort, „um ehrlich zu sein, ist nicht alles gut. Heute Morgen hatten wir einen Mord, und Sie wissen ja, wie es ist, bei uns brennt die Hütte. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ich weiß, dass Sie Signora Castell suchen.“
„Wissen Sie, wo sie ist?“ Der scherzhafte Beiklang war aus seiner Stimme verschwunden.
„Ja, sie hat mich gerade als ihren Anwalt des Vertrauens benannt.“
„Es wäre besser, wenn Sie sie schnellstmöglich ins Präsidium begleiteten.“
„Genau das hatte ich vor, aber darf man wissen, aus welchem Grund Sie sie suchen?“
„Avvocato Guerrieri, hören Sie doch auf. Wir wissen doch beide genau, weshalb wir sie suchen. Und die Signora weiß es am allerbesten.“
Er hatte mir geantwortet, viel mehr gab es nicht zu sagen.
„In Ordnung, wir machen uns gleich auf den Weg und sind in einer halben Stunde auf dem Präsidium. Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir uns am Torhaus träfen? Dann gehen wir zusammen ohne großes Aufsehen hinein?“
„Ich erwarte Sie in einer halben Stunde am Eingang an der Via Murat.“
Wir kamen pünktlich, und Inspektor Lanave erwartete uns.
„Haben Sie die Pistole bei sich?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Wo ist sie?“
Auf dem Weg von der Osteria del Caffellatte zum Präsidium hatte ich die Castell noch einmal gefragt, wie und wo sie sich der Waffe entledigt hatte. Sie erinnerte sich nicht genau, glaubte aber, sie ein paar Blocks von dem Wohnhaus entfernt, in dem sich die Tat zugetragen hatte, in einen Müllcontainer geworfen zu haben.
„Gehen wir rein, ich sage es Ihnen später.“
Äußerst diskret führte Lanave uns in die Abteilung der mobile. Hier und da erspähte ich ein paar Verbrechensreporter, doch niemand achtete auf uns. Wir betraten ein kleines, abgeschiedenes Büro, und Lanave fragte uns noch einmal, wo die Pistole sei.
„Lassen Sie uns eine Minute unter vier Augen auf dem Flur reden. Sie warten hier, Signora Castell“, antwortete ich. Wir gingen hinaus, und ich setzte ihn in Kenntnis, dass sich die Waffe in einem Müllcontainer im Umkreis einiger Blocks rund um den Tatort befinden könnte.
„Können Sie es nicht genauer sagen?“
„Ich fürchte, nicht.“
„Dann fragen wir sie.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die geschlossene Tür, hinter der meine Mandantin auf uns wartete.
„Tut mir leid, doch ihr müsst euch mit der Information begnügen, die ich euch gegeben habe. Auch weil die Signora nichts weiter hinzuzufügen hat, ihre Erinnerungen sind konfus. Das sind höchstens ein Dutzend Container, sollte die Waffe noch dort sein, werdet ihr sie finden.“
„Warum können wir das nicht von ihr hören?“
Ich zog die Schultern hoch und deutete ein Lächeln an, das so viel heißen sollte wie: Ich weiß, dass euch das nervt und es euch lieber wäre, wenn sie es euch sagte oder euch sogar zur Sicherstellung der Pistole begleitete, um im Beschlagnahmeprotokoll schreiben zu können, dass ihr die Waffe auf Hinweis der Verdächtigen gefunden habt. Doch leider bin ich Anwalt und verdiene mit diesem Kram mein Geld. Lanave seufzte, und es klang wie der Seufzer eines Menschen, der denkt, „zum Glück bin ich bald in Rente“. Dann sagte er, er würde den Leiter der mobile holen gehen. Ich kehrte ins Zimmer zu Elvira zurück. Jetzt war ihr eine gewisse Nervosität und Unruhe anzumerken, auch wenn der Auslöser schwer zu benennen war. Es mochte daran liegen, dass ihr nach der Phase emotionaler Betäubung das Ausmaß ihrer Tat bewusst wurde; oder an der Beklemmung und Furcht, die Polizeidienststellen nicht nur bei Schuldigen auslösen.
„Normalerweise dürfen Gespräche zwischen Anwalt und Mandant nicht abgehört werden. Doch man weiß nie. Deshalb reden wir, solange wir hier sind, nur das unbedingt Notwendige, und sagen nichts, von dem wir nicht wollen, dass andere es hören.“
Sie blickte mich mit großen Augen an und schien etwas erwidern zu wollen, tat es aber nicht.
Rund zehn Minuten später kehrte Lanave zurück; der Leiter der mobile wollte mit mir sprechen, und wir gingen in sein Büro. Ich kannte ihn nicht, er war erst seit wenigen Monaten dort, und sowieso ging ich bei der Polizei nicht ständig ein und aus, doch er schaffte es, mir vom Fleck weg zutiefst unsympathisch zu sein. Er war klein, gedrungen und muskulös, um die fünfundvierzig, unnatürlich braun gebrannt.
„Danke, dass Sie die Castell zu uns gebracht haben, Avvocato“, sagte er kalt. „Jetzt können Sie gehen, wir werden Sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten.“
Es war klar, worauf er aus war. Ich sollte Leine ziehen, damit sie die Verdächtige in die Mangel nehmen und dazu bringen konnten, alles zuzugeben, weil das angeblich das Beste für sie wäre. Erst danach würden sie mich für eine lächerliche Pseudovernehmung anrufen, in der die Castell ihre Aussagen bestätigen würde, damit sie vor Gericht verwendet werden konnten. Fall erledigt.
Das kommt vor. Bei schuldigen Angeklagten ebenso wie bei unschuldigen, und mitunter sind sich die Gründe ganz ähnlich. Sicher, der Schuldige spürt die Last seiner Tat und will sich womöglich davon befreien. Doch manchmal gestehen auch Nichtschuldige, damit der unerträgliche Vernehmungsdruck ein Ende hat. Ich meine nicht unbedingt physische Gewalt: Die gibt es zwar auch, doch für falsche Geständnisse ist sie nicht unbedingt notwendig. In einem Polizeibüro von Frauen und Männern vernommen zu werden, die überzeugt sind, dass man für die Tat verantwortlich ist, kann auch dann unerträglich sein, wenn einem kein Haar gekrümmt wird, es sei denn, man ist Berufsverbrecher und hat sich ein dickes Fell zugelegt, oder man ist Psychopath und deshalb per se gefühlsunfähig. Viel häufiger als gedacht bezichtigen sich unschuldige, dem Druck womöglich nicht gewachsene Menschen schwerer Verbrechen, die sie nicht begangen haben. Dazu existieren haufenweise Anekdoten. In einer Zeitschrift habe ich gelesen, von 1976 bis heute hat es in den Vereinigten Staaten Aberdutzende Fälle geständiger Täter gegeben, die später durch einen DNA-Test entlastet wurden. Selbst rein psychologischen Druck auf Verdächtige oder widerständige Zeugen auszuüben ist also nicht nur illegal, sondern führt auch zu unzuverlässigen Aussagen und gefährdet somit die Wahrheitsfindung.
Vor vielen Jahren sagte mir Carmelo Tancredi (der Typ Polizist, den man sich für seinen Fall wünscht, wenn man unschuldig ist, und an den man nicht geraten möchte, wenn man schuldig ist) einen Satz, den ich nicht mehr vergessen habe: „Ich traue keinem Geständnis, bei dem ich nicht selbst dabei gewesen bin. Und wenn ich dabei gewesen bin und nicht genau weiß, was vorher passiert ist, traue ich ihm auch nicht.“
Na schön, ich bin abgeschweift. Ich antwortete dem Leiter des Mordkommissariats, sprach ganz langsam und klang ebenfalls nicht besonders freundlich.
„Ich wünsche zu erfahren, ob meine Mandantin verdächtigt wird oder nur eine mit den Tatumständen vertraute Person ist. Im ersten Fall möchte ich klarstellen, dass ihr in meiner Abwesenheit keine Frage gestellt werden darf, die über die Feststellung der Personalien hinausgeht.“
„Ich bin nicht hier, um Ihre Neugier zu befriedigen. Und ich rate Ihnen, einen anderen Ton anzuschlagen.“
„Ich hingegen rate Ihnen, den zuständigen Staatsanwalt anzurufen, um seine Meinung zu hören. Fürs Erste will ich Ihnen meine darlegen und hoffe, dass ich mich klar ausdrücke. Entweder haben Sie nichts gegen meine Mandantin in der Hand und dürfen sie höchstens als mit den Tatumständen vertraute Person verhören, in dem Fall muss man sie danach unverzüglich gehen lassen. Oder Sie haben einen belastenden Beweis gegen sie, und dann darf es keine weitere Anhörung in Abwesenheit ihres Anwalts geben; andernfalls könnte alles, was sie sagt, nicht verwendet werden. Ganz abgesehen von dem nicht unerheblichen Aspekt, dass wir es mit einer Gesetzwidrigkeit zu tun hätten.“
„Wir müssen Ihnen keine Rechenschaft darüber ablegen, wie wir unseren Job machen.“
„Aber dem Gesetz und den Verfahrensregeln schon, fürchte ich. Wir Anwälte haben die Aufgabe, darüber zu wachen, auch wenn Ihnen das manchmal bestimmt nicht schmeckt.“
„Jetzt begleiten wir Sie hinaus, dann prüfen wir das weitere Vorgehen.“
„Wäre ich ein Freund oder Kollege von Ihnen, oder ein Staatsanwalt, würde ich Ihnen raten, keine Entscheidungen zu treffen, die Sie später bereuen könnten. Aber wenn Sie mich rausschmeißen, muss ich mich vorher mit meiner Mandantin besprechen. Ehe irgendwer sonst mit ihr spricht.“
Er war stinksauer. Er hatte sich eindeutig zu weit aus dem Fenster gelehnt und Dinge gesagt, die er nicht halten konnte, das wurde ihm jetzt bewusst. Am liebsten hätte er es mir heimgezahlt, doch er wusste nicht, wie. Genauso wenig wusste er, wie weit er es treiben durfte, ohne einen nicht wiedergutzumachenden Fehler zu begehen.
„Ihr habt den Anwalt gehört“, sagte er mit einer unwilligen Geste zu Lanave und dem anderen Polizisten, den ich nicht kannte. Ich hatte ihn vor seinen Untergebenen bloßgestellt. Das würde er bestimmt nicht vergessen.
Keine halbe Stunde nach meiner wenig freundlichen Unterhaltung mit dem Chef der Kriminalpolizei traf Staatsanwalt Consoli ein. Ich hasse Etikettierungen, doch aufstrebender Jungstaatsanwalt traf es wohl am besten.
Er war seit mehreren Jahren in Bari, in einem bedeutenden Prozess war ich ihm allerdings noch nie begegnet und hatte keine Ahnung, ob er fähig war oder nicht, aber die Kollegen beschrieben ihn als äußerst ambitioniert. Die wenigen Male, die ich ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, war er mir mittelmäßig, aber sympathisch erschienen. Tatsächlich sind beide Eigenschaften häufig ein Indikator für eine erfolgreiche Karriere. Er war noch keine vierzig, und während wir uns begrüßten, dachte ich, dass er zu Beginn meiner Anwaltslaufbahn noch zur Grundschule gegangen war.
Er nahm mich zur Seite.
„Ich habe erfahren, dass Sie eine recht lebhafte Diskussion mit dem Einheitsleiter hatten.“
Ich schüttelte den Kopf, doch ehe ich antworten konnte, redete er schon weiter.
„Na schön, aber jetzt widmen wir uns der Vernehmung Ihrer Mandantin und sehen zu, dass wir diese hässliche Geschichte aufklären und den Schaden begrenzen.“
Er machte auf Kumpel, damit ich ihm bloß keine Schwierigkeiten bereitete.
„Natürlich kennen Sie die Situation.“
„Ich nehme an, Sie wollen sie bezüglich des Todes des ehemaligen Lebensgefährten der Schwester befragen. Wir haben davon im Netz gelesen.“
Er glotzte mich mit einer Miene an, als wollte er sagen: Du willst mich wohl verarschen. Ich erwiderte den Blick mit einer Miene, die sagte: Ich fürchte, ja. Aber im Grunde willst du doch das Gleiche. Nichts für ungut, so läuft es nun mal.
Für die Vernehmung gingen wir in einen Raum am hintersten Ende des Kommissariats. Bevor wir eintraten, raunte ich der Castell zu, sie solle an das denken, was ich ihr in der Osteria del Caffellatte gesagt hatte.
Anwesend waren sie, ich, der Staatsanwalt sowie zwei Inspektoren, eine Frau und ein Mann.
Nach der Feststellung der Personalien und den einleitenden Formalitäten führte der Staatsanwalt die Rechtsbelehrung durch. „Signora Castell, ich setze Sie darüber in Kenntnis, dass Ihre Aussagen gegen Sie verwendet werden können, vorbehaltlich der Bestimmungen des Paragrafen 66 der italienischen Strafprozessordnung; dass Sie das Recht haben, die Aussage zu verweigern, ohne dass dies einen Einfluss auf den Fortgang des Verfahrens hat; dass Sie im Falle von Aussagen zulasten anderer als Zeugin fungieren, vorbehaltlich der Unvereinbarkeiten gemäß Paragraf 197 und der Garantien gemäß Paragraf 197a. Schließlich setze ich Sie in Kenntnis, dass Sie unter Verdacht stehen, die in den Paragrafen 575 und 577 des Strafgesetzbuches definierte Tat begangen und den Tod von Giovanni Petacci vorsätzlich herbeigeführt zu haben, indem Sie auf ihn schossen; eine durch Vorsatz erschwerte Tat. Begangen am 12. April 2019 in Bari. Möchten Sie darauf antworten?“
Die Castell wollte etwas sagen, doch ich hielt sie mit einer Handbewegung zurück.
„Zuerst würden wir gern wissen, worauf sich die Anschuldigung stützt. Wie gesetzlich vorgesehen, möchten wir die etwaigen Schuldbeweise anfechten lassen.“
Consoli begriff, dass die Nettigkeitstaktik nicht so toll funktioniert hatte. Also wurde er weniger nett.
„Aufgrund des Ermittlungsgeheimnisses ist das zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.“
„Verzeihen Sie meine Pingeligkeit, Dottor Consoli, doch in Paragraf 65 der Strafprozessordnung … ich zitiere aus dem Gedächtnis und deshalb vielleicht nicht ganz wortgetreu … heißt es: Die Justizbehörde legt der beschuldigten Person klar und deutlich die ihr zur Last gelegte Tat dar, klärt sie über die gegen sie bestehenden Beweismittel auf und teilt ihr, sofern dies die Ermittlungen nicht gefährdet, auch deren Quellen mit.“
Es folgte eine kurze, angespannte Stille, und fast kam mir der Verdacht, er könnte mit dieser Grundregel des Gesetzbuches nicht vertraut sein. Mitunter kommt das vor.
„Sofern ermittlungstechnische Geheimhaltung erforderlich ist, können Sie die Beweisquellen verschweigen, doch die Nennung nämlicher Beweismittel können Sie nicht verweigern. Das ist eine Grundvoraussetzung des Verteidigungsrechts. Wie soll ich mich verteidigen, wenn ich nicht weiß, auf welcher Grundlage ich beschuldigt werde?“
„Es gibt unmittelbar nach der Tat aufgenommene Zeugenaussagen. Außerdem besitzt die Signora eine Schusswaffe, deren Typ und Kaliber mit dem tödlichen Schuss auf Petacci übereinstimmen. Das sind die Beweismittel.“
„Bei allem Respekt: Von der Waffe abgesehen, heißt das nicht viel. Zu sagen, es gebe Zeugenaussagen, ohne den Inhalt dieser Zeugenaussagen auch nur ansatzweise wiederzugeben, ist so, als würde man sagen, es gebe Beweismittel, ohne diese näher zu benennen. Das ist eine Paraphrase des Gesetzes, wenn Sie mir den Ausdruck nachsehen.“
Das tat er ganz offensichtlich nicht, und womöglich nicht ganz zu Unrecht. Ich übertrieb, ohne recht zu wissen, weshalb. Es machte mir Spaß, ihn nervös zu machen (genau wie den Chef der mobile), und sein Gegenüber oder seinen Gegner grundlos nervös zu machen ist nie eine gute Idee. Früher oder später finden sie eine Möglichkeit, es einem heimzuzahlen.
Consoli holte theatralisch Luft, um Gereiztheit und einen Anflug von Drohung auszudrücken.
„Ich wiederhole: Es gibt Zeugenaussagen zum Tatzeitpunkt und zu den Momenten unmittelbar davor und danach; die Verdächtige besitzt eine Schusswaffe, deren Typ und Kaliber mit dem Schuss übereinstimmen, der zum Tod des Opfers führte. Das sind die derzeit vorliegenden Beweismittel, und wenn Sie sie nicht für ausreichend halten, kann ich Ihnen nicht helfen. Ich meine, es ist im Interesse der Verdächtigen, sich an diesem Punkt des Verfahrens zu erklären. Wenn sie es nicht tut, auch gut.“ Bei diesen letzten Worten war der drohende Unterton nicht mehr zu überhören. Consoli spielte auf das an, was bald passieren würde, nämlich die vorläufige Festnahme meiner Mandantin. „Signora, möchten Sie antworten?“
Die Castell redete, ehe ich etwas erwidern konnte. Sie sagte, sie wolle zumindest in dieser Phase von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen.
Das Protokoll wurde geschlossen. Der Staatsanwalt teilte mir mit, ich könne gehen, meine Anwesenheit sei nicht mehr vonnöten.
„Werden Sie Maßnahmen ergreifen?“, fragte ich.
