Der innere Bund und die Außenwelt - Klaus-Jürgen Grün - E-Book

Der innere Bund und die Außenwelt E-Book

Klaus-Jürgen Grün

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Beschreibung

Die erste systemtheoretische Analyse der Freimaurerei bricht mit klassischen Sichtweisen. Klaus-Jürgen Grün revolutioniert das Verständnis der Freimaurerei durch den präzisen Einsatz der Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Die Rituale und Symbolik des Freimaurer-Tempels werden als selbstreferentielles System entschlüsselt, das durch operationale Geschlossenheit eine eigene soziale Wirklichkeit erzeugt. Das Werk ergründet, wie freimaurerische Kommunikation durch Rituale inszeniert wird und weshalb diese symbolische Konstruktion zur Herstellung einer gemeinsam geteilten Welt führt. Der Autor zeigt scharfsinnig, wie die Freimaurerei in ihrer Selbstauslegung und autopoietischen Dynamik traditionelle philosophische Denkmodelle überwindet. Im Spannungsfeld zwischen ritueller Gemeinschaft und gesellschaftlicher Umwelt deckt er die Kontingenz auf, die das freimaurerische System prägt. Für Philosophieinteressierte und Kenner soziologischer Theorien, die über bloße historische Betrachtungen hinausgehen wollen. Ein intellektuell forderndes Werk, das die Freimaurerei als Gesamtkunstwerk der Selbstreferenz lesbar macht.

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DER INNERE BUND UND DIE AUSSENWELT

EINE SYSTEMTHEORETISCHE PHILOSOPHIE DER FREIMAUREREI

KLAUS-JÜRGEN GRÜN

INHALT

Widmung

Editorische Notiz

Vorwort

1. Einleitung

Es könnte anders sein

Fiktion der Fakten

2. Grundlagen der Systemtheorie

Was ist Selbstreferenz?

Selbsterfüllung

Phantomschmerzen

Verlorene Zuständigkeiten

Geschlossene Systeme

Systemvergessenheit

Trampelpfade der Erkenntnis

Beobachten heißt Verändern

Blinde Systeme

Selbstreferentielle Arbeit

Triviales und Systemtheoretisches

Dreistufiges

Lebendiges

Asymmetrisches und Gleichheitliches

Grenzen im System

Operationen im System

Binäre Codes

Falsches eliminieren

Unbeobachtbares

Glaskrugargumentieren

Labyrinth aus Symbolen

Entzauberter Humanismus

„Re-entry“

3. Freimaurerei als soziales System

Freimaurerische Selbstreferenz

Andere Kommunikation

Kommunikation im Ritual

Ritual-Theater

Alles ist Theater

Operationale Schließung

Natürliche Geschlossenheit

Gedeckter Tempel

4. Historie systemisch inszeniert

Wozu Narrative?

Narrative der Freiheit

Frühbürgerliches Narrativ

Regulation und Selbstregulation

Ausdifferenzierungen

Selbstbeobachtung

Himmel irdisch beobachtet

Mythos

Verschwörungsmythos oder Freimaurerei

Funktionale Differenzierung

5. Die freimaurerische Systemlogik

Kontingenz

Kontingenz der Freimaurerei

Selbstauslegung der Freimaurerei

Freie Männer

Das Uneigentliche beobachten

Hiram spielen

Konstruktion des Tempels der Humanität

Unvorhergesehene Bedeutungen

Autopoiesis der Autonomie

Eine Art Koagulation

Lichteinbringung

Gottlose Tempelarbeit

6. Systemische Philosophie und die Krise der Vernunft

Das unredliche Wahrheitsversprechen

Das Paradox der Aufklärung

Diesseits und jenseits der Paradoxie

Zur Tradition des Rückschaufehlers

Kontingenzformeln

Geheimnis ist McGuffin

Alteuropäische Vernunftansprüche

Abwehr der Kritik

Literaturverzeichnis

Internet-Quellenangaben

Über den Autor

ISBN 978-3-96285-190-3 (EPUB)

ISBN 978-3-96285-088-3 (Print)

1. Auflage 2025

Copyright © 2025 by Salier Verlag

Ein Imprint der SalierGroup GmbH Eisfeld

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Bastian Salier

Titelbild: Wassily Kandinsky, „Innerer Bund“, Öl auf Leinwand, 1929,

Albertina Wien, Sammlung Batliner, Inv.-Nr. GE55DL

Satz & Layout: InDesign im Verlag

Herstellung: SalierGroup GmbH

Eichberg 21, D-98673 Eisfeld

[email protected]

Printed in Germany

www.salierverlag.de

Die Zukunft hat längst begonnen.

Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.

— Anonymer Tweet

EDITORISCHE NOTIZ ZUM TITELBILD VON WASSILI KANDINSKY (1866–1944), „INNERER BUND“, 1929, ÖL AUF LEINWAND:

Wassily Kandinskys Werk „Innerer Bund“ von 1929 betrachtet sich wie ein unsichtbarer Bauplan des Bundes von Form und Farbe. Das spitze Dreieck habe etwas Gelbes, meinte er einmal über das Spiel der Formen und Farben. Wie eine visuelle Chiffre für den unsichtbaren Zusammenschluss von Menschen auf dem Weg vom Dunkeln ans Licht verstehen wir die Linien, die sich kreuzen und im Echo geheimer Symbole sich bündeln. Maß, Ordnung und moralische Ausrichtung schließen sich ästhetisch ineinander. Nehmen wir es als eine malerische Allegorie des freimaurerischen Ideals – einem Bund, der nicht im Außen, sondern im Inneren geschlossen wird!

VORWORT

Wer mit der Mode geht, muss sich auf sehr schnelle Veränderungen einstellen. Wer nicht mit der Mode geht, muss nicht altmodisch sein. Aber in beiden Fällen gilt, dass wir uns für die Erwartung inszenieren, die andere haben. Wir stellen in dieser Studie das Beobachtbare und den beobachtbaren Beobachter in den Vordergrund. Denn Menschen inszenieren sich auch sehr oft hinsichtlich der Erwartung, die ein Gott oder ein anderes Nicht-Beobachtbares an ihnen beobachten könnte. In solchen Inszenierungen spannen sie eine andere Welt auf. Über diese berichten andere Bücher ausführlicher.

Uns interessiert der Übergang vom abstrakt gedachten Diesseits zum konkreten. Konkret wird unsere Welt durch Beobachtung. Mode ist nur deswegen, weil Menschen sich beobachtet wissen. Aber nicht allein Mode ist deswegen, sondern auch Kunst, Theater und zahlreiche andere Kulturphänomene. Auch Freimaurerei gehört dazu.

Freimaurerei symbolisiert als solche den Umstand, dass Ereignisse sind, weil Handelnde sich beobachtet wissen. Philosophie dagegen konzentriert sich auf die Art und Weise, wie Menschen von sich und der Welt denken. Freimaurerische Praxis vollzieht durch die Tat die Behauptung, dass allem Denken ein Beobachten vorgeschaltet ist, und sei es auch nur die Selbstbeobachtung. In der Philosophie der Aufklärung haben Autoritäten wie John Locke und Immanuel Kant zwar zur Kenntnis genommen, dass nichts im Verstand sei, was nicht zuvor in den Sinnen war. Doch anschließend haben sie sich verloren in der Beschreibung einer gedachten Sinnenwelt.

Dass parallel zur Entfaltung der Aufklärung, die sich selbst auf rational formulierte Vorstellungen von Vernunft universalisierte, eine Ritualgemeinschaft entstand, in der Beobachten und Handeln eine gemeinsam geteilte Welt erschaffen, weist dem philosophischen Denken eine andere Rolle zu, als es das philosophische Denken selbst tut. Mit dem Vorrang des Beobachtens und Handelns veränderte sich die Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ Der Mensch ist nicht mehr vollständig eingeordnet in die Hierarchien der Religionen und Stände. Das Entstehen der Freimaurerei folgt der philosophischen Unterbestimmtheit des Menschen. Der Mensch ist nicht nur die Versinnbildlichung abstrakter Denkmuster und Werte. Vielmehr vollziehen Rituale, Symbole und Metaphern der Loge Operationen der Selbstreferenz, denen zufolge die Paradoxie, dass jeder stets Beobachter und Beobachtetes zugleich ist, zum Begleitumstand lebender Bewegung wird.

Das Buch handelt von dieser Selbstreferenz, in der das alteuropäische Muster kausaler Abfolgen und Vorstellungen eines linearen Fortschritts ebenso wie die Muster unveränderlicher Ordnung ihre Anschlussfähigkeit auflösen. Es handelt sich bei Selbstreferenz um Beobachtungen, die lebenden und sozialen Systemen abgeschaut sind. Das Buch zeigt, wie Freimaurerei als die rituelle Inszenierung von Selbstreferenz verstanden werden kann. Dadurch wird sie zu dem Gesamtkunstwerk, in dem wesentliche Operationen der Systemtheorie zur Geltung kommen.

Der Alltagsverstand ist wenig geübt, in selbstreferentiellen Mustern zu denken. Es entgeht ihm dabei oft, dass seine Begeisterung für Problemlösungen oftmals das Problem verstärkt, statt eine Lösung zu verwirklichen. Man kann die Intention haben, das Gute zu tun, und dabei großen Schaden anrichten, den man nicht intendierte. Dass soziale Systeme Probleme selbst erzeugen und regulieren, gehört zu den wichtigsten Themen der von Niklas Luhmann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten soziologischen Systemtheorie. In ihr erfolgt die Erklärung, wie sich stratifikatorische Differenzierung umstellt in funktionale Differenzierung. Beispielhaft lässt sich dies beobachten an der Umstellung der Ständegesellschaft in republikanisch strukturierte Demokratien. Denn der Fortschritt der Entwicklung der Produktivkräfte, wie Marx es ausdrücken würde, zieht automatisch eine Veränderung der sozialen Strukturen nach sich. In Luhmanns Systemtheorie tritt dieser Sachverhalt ebenfalls auf. In einer stratifikatorischen Ordnung, wie er es nennt, stehen Zuständigkeiten in einer hierarchischen Beziehung zueinander, sie sind stratifikatorisch differenziert. Handlungen und Operationen der einzelnen Ebenen dienen in erster Linie dazu, die hierarchische Ordnung und ihre Zuständigkeit einzuhalten. „Gegessen wird um 12 Uhr 30 und nicht, wenn man Hunger hat.“ Sobald solche Funktionen funktionslos werden, stellt sich das System auf funktionalere Unterscheidung um.

Wir wenden in diesem Buch Überlegungen der Systemtheorie auf Freimaurerei an und nutzen dabei Freimaurerei, um Systemtheorie anschaulich zu machen. Selbstreferenz, Systemtheorie und Freimaurerei gehen aus von Beobachtern, deren soziale Umgebung sich strukturiert durch die Gewissheit, beobachtet zu werden. Die Inszenierung einer sozialen Gemeinschaft dient dem Zweck der Selbstversicherung, dass andere beobachten, wie man selbst beobachtet und beobachtet werden will. Dadurch verlieren intellektuelle Operationen in den Kategorien „Wahrheit“ oder „Objektivität“ ihren Sinn. Statt unbeobachtbare Voraussetzungen – wie beispielsweise „Wahrheit“, „Objektivität“, „Gerechtigkeit“ – an den Anfang zu stellen, beginnt Freimaurerei mit Operationen der Beobachtung, dem Insich-Schauen, dem Umsich-Schauen und dem Voraus-Schauen. Das hat sie ebenfalls mit der Systemtheorie gemeinsam. Der Mangel an systemischem Denken äußert sich auch dadurch, dass selbstreferentielle Muster abschreckend auf den alteuropäischen Verstand wirken. Falsche Logik, beispielsweise die Petitio Principii, bleibt daher oft unentdeckt.

Freimaurerei erweist sich als ein Gesamtkunstwerk, in dem Selbstreferenz rituell vollzogen und sichtbar gemacht wird. Ziel der rituellen Arbeit ist die Herstellung einer gemeinsam geteilten Welt im Symbol des Tempels der Humanität. Systemtheorie erklärt das Sozialverhalten und dessen Veränderungen aus der Notwendigkeit der Herstellung einer gemeinsam geteilten Welt. In ihr ist stets berücksichtigt, dass jeder Beobachter eine andere Perspektive einnimmt und keine der Perspektiven eine absolute ist. Sofern aber keine Beobachtung absolut sein kann, sind Vorstellungen der gemeinsam geteilten Welt mit dem Horizont vergleichbar, den man niemals erreicht, während man ihn doch ständig im Auge behält bei der Fahrt auf offenem Meer.

Ich danke den vielen Freunden und Freundinnen, Brüdern und Schwestern, die mir als Gesprächspartner, Seminarteilnehmer oder Referenten den eigenen Horizont verändert haben. Ich denke dabei vor allem an Linda, André, Henning, Allard, Barbara, Alexandra, Andrea, Andreas, Fabian, Rainer, Erland, Heinrich, Sebastian, Irina, Gunter, Hendrik, Gudrun, Florian, Philipp, Markus, Manfred, Frank, Erwin, Werner, Ute, Erich, Mathilde, Wolfgang, Thomas, Lutz, Rüdiger, Dieter, Colin, Marcus, Leo, Lea, Karin, Bastian, Maximilian, Hermann, Hans-Hermann, Christoph, Ewald, Stefan, Jannis, David, Peter, Michael, Alexander, Lutz, Lorry, Hans, Karl-Ontjes, Ralph, Marc. Besonderer Dank gilt dem Verleger Bastian Salier für Korrekturen und wichtige Anregungen.

1. EINLEITUNG

ES KÖNNTE ANDERS SEIN

In dieser kleinen Philosophie der Freimaurerei verlassen wir die seit Jahrhunderten für selbstverständlich gehaltenen theologischen und philosophischen Perspektiven auf das Thema Freimaurerei. Aufgeklärte Religionswissenschaftler ordnen Freimaurerei in die Theologie ein, aufgeklärte Philosophen führen in ihr die Linie der Aufklärung fort und Moralphilosophen seit der Epoche der Aufklärung erklären Freimaurerei zum ethischen Bund, der sich in das Mosaik der Vernunftethiken einreihen soll. Und weil es dabei immer um Positionen der Aufklärung geht, bietet sich den meisten Studien die Freimaurerei als ein Grundstoff der Aufklärung selbst an.

Während jede einzelne Perspektive berechtigt ist, vernachlässigt die Tradition der Freimaurer-Philosophien die Eigendynamik der Freimaurerei. Doch gerade dieser Aspekt, die Selbstreferenz, die Autopoiesis der Freimaurerei, sticht durch den Vollzug der Rituale und die Inszenierung ihrer Symbolik besonders hervor. Das Buch bildet dies ab, indem es Strukturen der Philosophie, der Soziologie und der Freimaurerei miteinander vernetzt. Die Vernetzung folgt an den Anschlussstellen nach autopoietischen Mustern. Wo Freimaurerei beispielsweise auf liturgische Elemente reagiert, verwandelt sie diese in etwas anderes. Sie macht neue Unterschiede. Dieses Andere trägt zum Verständnis dessen bei, was wir unter Freimaurerei verstehen können.

Was Freimaurerei sein könnte, erweist sich auch durch die Abgrenzung zur Religion. Freimaurerei sei keine Religion, heißt es vielerorts. Oft bleibt diese Behauptung abstrakt, und das wirft Fragen auf. Woran erkennen wir beispielsweise, dass Freimaurerei keine Religion ist? Die Antwort ergibt sich aus den zahlreichen Vergleichen mit liturgischen und religiösen Elementen. Vielleicht erinnert die Verwendung des Wortes „Tempel“ auch manchen Priester nach dem Studium des vorliegenden Buches daran, dass auch die Heimstätte seines Gottes kaum mehr sein mag als ein profanes Gemäuer. Und wenn das Zauberwort der Aufklärung, die „Vernunft“, im Tempel der Freimaurer auftritt, dann ist sie zur profanen Tüchtigkeit für den Aufbau einer sozial funktionsfähigen Gesellschaft mutiert. Dann ist sie nicht länger das heilige Wort der Aufklärer.

Zur Erklärung solcher Vernetzungen eignet sich vorzüglich die Systemtheorie. So liest sich das Buch weitgehend wie eine Erklärung der Systemtheorie Niklas Luhmanns durch Freimaurerei, und die Erklärung der Freimaurerei durch eben diese Systemtheorie. Theoriezwänge der Philosophie, der Theologie, aber auch solche aus der Freimaurerforschung lösen sich in unserer Vernetzung der Disziplinen oftmals auf und beleuchten sich wechselseitig. Dadurch erweist sich dieses Buch auch als eine Einübung in die Philosophie des Konstruktivismus. Er erscheint als die Rückseite derselben Münze, die die Freimaurerei mit ihrer Symbolik der handwerklichen Arbeit repräsentiert. Durch Arbeit verändern wir nicht nur die Welt. Arbeit produziert Welt und den Menschen nach eigenen Regeln. Mit der Arbeit der Freimaurer erarbeiten sie zugleich die gemeinsam geteilte Welt, von der sie denken können, dass sie Humanität symbolisch vergegenwärtige.

FIKTION DER FAKTEN

Fiktionen sind die neuen Fakten. Das löst Irritationen aus, ist aber kein Grund zur Aufregung. Der Alltagsverstand schließt jedoch auf den Verfall der Wahrheit und der Sitten, seit alternative Fakten die Herrschaft übernommen haben. Alles könnte nämlich auch anders sein. Und das gilt auch für die Wahrheit. Die enttäuschte Liebe zur Wahrheit verunsichert Bürger und überlässt notorischen Lügnern die Initiative.

Es könnte aber auch sein, dass die Welt heute nur ihr eigenstes Gesicht zeigt und dass die Wahrheit über die Fakten endgültig illusionär geworden ist. Wo der Alltagsverstand aber feststellt, dass die Welt den Respekt vor Wahrheit und Fakten verloren hat, sucht er nach dem Weg zurück zur unberührten Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Allerdings war diese unverrückbare Grenze selbst bloß eine Illusion.

Nicht eine Rückschau scheint geboten, sondern die Einsicht in das Faktum der Fiktion. Was der Alltagsverstand Faktum nennt, ist leider nicht – wie es die lateinische Herkunft des Partizips factum (ein „Gemachtes“) nahelegt – das Resultat von Arbeit. Sondern er versteht darunter eine Tatsache, die von sich aus feststeht und nicht vom Beobachter gemacht werden musste. Doch darin irrt der Alltagsverstand. Denn eine Kenntnis der Fakten, wie sie unabhängig vom Standpunkt eines Beobachters existieren könnten, ist Beobachtern nicht möglich. Zwar herrscht im Alltagsverstand auch der Wunsch vor, man könnte Fakten von einem Standpunkt Gottes aus beobachten. Aber das wäre der vom (menschlichen) Beobachter unabhängige Standpunkt – und allein deswegen äußerst inhuman. Diese Perspektive Gottes bleibt der Wunsch vieler Menschen, der seinerseits nichts anderes als Fiktion sein kann.

Ähnlich dem Alltagsverstand hat auch das alteuropäische akademische Denken seine Schwierigkeiten, mit der Kategorie des Machens, des Tuns, der Praxis zu operieren. Auch das alteuropäische akademische Denken studiert Denkinhalte und findet darin fertige Produkte vor, die es selbst hineingelegt hatte.⁠1 Für den Produzenten dieser Produkte interessiert es sich selten. Wenn jemand wie nicht zuletzt Karl Marx daran erinnert, hinter dem Produkt den Produzenten nicht zu vergessen, dann trifft ihn der Schlag derjenigen, die an ihren Machwerken festhalten, als seien sie Naturprodukte. „Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.“⁠2 Mag die Angst vor der Marxschen Paradoxie – die klassenlose Gesellschaft, die von der Klasse des Proletariats beherrscht werden sollte – berechtigt sein, so entledigt sich der Alltagsverstand unter dem Deckmantel der Abwehr des Sozialismus zugleich der Forderung, sich als den Produzenten derjenigen Welt zu verstehen, die er mehr und mehr als eine entfremdete wahrnimmt.

Wenn dem Alltagsverstand einmal dämmert, dass er selbst die von ihm erkannte Welt gemacht hat, dann im großen Stil nur, wenn er andere Menschen dafür mit verachtungswürdiger Schuld aufladen kann. Wohlgemerkt: Es geht um das Erkannte, nicht um alles, was es sonst noch gibt.

Die postfaktische Gesellschaft ist nicht verwerflich, weil sie den Glauben an die Objektivität entzaubert hat. Vielmehr gibt sie Anlass zur Dankbarkeit, dass sie uns die Paradoxie der vermeintlich objektiven Fakten vor Augen führt. Auch das Objektive gilt nur für subjektive Beobachter. Und selbst der Beweis einer objektiven Tatsache ist inzwischen nur so viel wert, wie auch andere ihn für gültig halten.

In diesem Buch nehmen wir die Paradoxien ernst, in die das alteuropäische Denken geraten ist. Statt eine Stoppregel vor den Paradoxien zu beachten, wählen wir die Paradoxie zum Ausgangspunkt, von dem aus verständlich wird, warum die Unterscheidungen wahr/falsch sowie gut/böse – und mit ihnen zahlreiche weitere binäre Unterscheidungen, die wir zumeist unberücksichtigt lassen – notwendig in Paradoxien führen. Wir stellen in diesem Zusammenhang Freimaurerei als eine Einübung in den Umgang mit Paradoxien und selbstreferentiellen Strukturen vor. Mit einem systemtheoretisch geschulten Blick können wir sichtbar machen, wie Freimaurer durch ihre Fundierung durch Rituale, Symbole und Metaphern eine Erwartung künftiger Humanität erzeugen, die nicht vor den Paradoxien des Wahren und Guten kapitulieren muss. Statt auf Fakten, Wahrheiten, objektives Wissen, alternativlose Ethik und Moral aufzubauen, stützt sich mit unserer Perspektive Freimaurerei auf die Symbolkraft der Arbeit. Schließlich tritt weder in den akademischen Lehren noch im Alltagsverstand etwas auf, das nicht als Ressource oder Produkt von menschlicher Arbeit inszeniert werden könnte.

Im Übrigen operieren die meisten Verfechter der alteuropäischen Denkmuster im Modus der Angstkommunikation. Sie verbreiten Angst vor den Deterministen, die nicht an den freien Willen glauben; Angst vor den Verteidigern einer offenen Gesellschaft, weil diese Relativisten, Postmoderne oder Neoliberale seien. Statt der Angstkommunikation zu vertrauen, stellen wir uns den Paradoxien der alteuropäischen Philosophie. Dabei heben wir die Muster hervor, die sowohl Verschwörungstheorien als auch eine Philosophie der Ewigkeit kennzeichnen, die sich als Heilmittel gegen eine offene Gesellschaft⁠3 aufdrängen.

1Vgl. hierzu die endlosen Geschichten über den freien Willen. Dagegen beispielsweise: „In der traditionellen Philosophie ist der freie Wille der Glaube, das menschliche Verhalten sei Ausdruck einer persönlichen Entscheidung, die nicht von physikalischen Kräften, dem Schicksal oder Gott bestimmt wird. Sie selbst sagen, was läuft. Sie selbst sind der Chef, ein Ich mit einer zentralen Entscheidungsinstanz, frei von anderen einwirkenden Kräften. Und Sie tun selbst, was Sie tun. … Der freie Wille ist also eine Illusion und wir müssen unsere Vorstellung von persönlicher Verantwortung und Verantwortlichkeit für unsere Handlungen ändern. Anders ausgedrückt: Die Vorstellung eines freien Willens ist bedeutungslos.“ (Michael Gazzaniga, Die Ich-Illusion. Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen, aus dem Amerikanischen von Dagmar Mallett, Hanser Verlag, München 2012, S. 126 und 150.)

2Karl Marx, Das Kapital, Band I, in: MEW 23, Dietz Verlag, Berlin 1985, S. 649. – Leider haben Menschen ihre Lust am Widerstreit auf den weniger interessanten Feldern der Marxschen Theorie ausgefochten. Dabei hätte ihnen schon eine Beschäftigung mit dem „Fetischcharakter der Ware“ eine leistungsfähige Erklärung für die Fiktion der Fakten bescheren können. Dort beschreibt er den „gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Charaktere der Arbeit.“ (Ebd., S. 27.) Wir Menschen unterwerfen uns den Produkten unserer Arbeit, als seien es physische Gegenstände. In der Freimaurerei wird dieser Schein der Gegenständlichkeit aufgelöst in Symbolen, Metaphern und szenischen Darstellungen. Es gibt keinen Grund, den ABAW („Allmächtiger Baumeister aller Welten“) als ein gegenständliches Wesen zu verstehen.

3Unter einer offenen Gesellschaft verstehen wir diejenige Gesellschaft, in der nicht Oligarchen – und sei es auch nur ein einziger – die Bevölkerung als ihr Privateigentum betrachten, und in der keiner dem anderen vorschreiben kann, was der alleinige Weg zum erfüllten Leben sein dürfe. Deswegen herrscht in einer offenen Gesellschaft eine Vielfalt von Meinungen, Interessen und Erwartungen vor – auch wenn das vielen nicht gefällt. Politik ist dazu da, einen Interessenausgleich zu ermöglichen, in dem gemäß einem Subsidiaritätsprinzip nicht Unmöglichkeitsforderungen wie abstrakter Gerechtigkeit oder ebenso abstrakter Gleichheit nachgegeben wird. In einer offenen Gesellschaft werden Wahlmöglichkeiten nicht unnötig verkleinert, sondern eher vermehrt. Die offene Gesellschaft bietet sich nicht durch moralische Normativität an, sondern sie entsteht aus der Beobachtung, dass Offenheit die Intelligenz eines Systems bestmöglich ausnutzt und so zum dauerhaften Wohl einer Gesellschaft leichter beiträgt als die Kontrolle aller Systeme und Subsysteme durch eine Obrigkeit, die die Gültigkeit von Geboten durch Machtsprüche festlegt und Widerstände dagegen bekämpft.

2. GRUNDLAGEN DER SYSTEMTHEORIE

WAS IST SELBSTREFERENZ?

Zu Beginn des Herbstes wollen die Indianer im Reservat von ihrem neuen Häuptling wissen, ob sie einen strengen Winter bekommen werden. Da der Häuptling nach moderner Art erzogen und nie in die Geheimnisse der Altvorderen eingeweiht wurde, hat er keinen blassen Schimmer, wie er vorhersagen soll, ob ein strenger oder milder Winter naht. Um ganz sicherzugehen, rät er seinen Stammesmitgliedern, Holz zu sammeln und sich auf einen kalten Winter vorzubereiten.

Ein paar Tage später kommt ihm der Gedanke, sicherheitshalber den Nationalen Wetterdienst anzurufen und zu fragen, ob sie einen strengen Winter erwarten. Ja, meint der Meteorologe, der kommende Winter dürfte recht kalt werden. Daraufhin befiehlt der Häuptling seinen Leuten, noch mehr Holz zu sammeln.

Ein paar Wochen später ruft er wieder beim Nationalen Wetterdienst an. „Und, sieht es immer noch nach einem kalten Winter aus?“, fragt er.

„Das tut es“, erwiderte der Meteorologe. „Und zwar nach einem sehr kalten Winter.“ Besorgt rät der Häuptling seinem Stamm, auch noch das letzte Zweiglein zu sammeln, das sie auftreiben können.

Ein paar Wochen ziehen ins Land, und wieder ruft der Häuptling beim Wetterdienst an. Wie sich der kommende Winter denn jetzt machen würde, will er wissen, worauf der Meteorologe antwortet: „Laut unserer Prognose steht uns einer der härtesten Winter aller Zeiten ins Haus.“

„Wirklich?“, ruft der Häuptling aus. „Warum seid ihr da so sicher?“

„Na ja“, antwortet der Meteorologe, „die Indianer sammeln Holz wie die Verrückten.“⁠1

Wer verstanden hat, warum er über diesen Witz lachen kann – oder auch, warum er nicht lachen kann –, hat auch verstanden, was Freimaurerei ist: Ein selbstreferentielles System. Freimaurerei repräsentiert nichts anderes als sich selbst. Und das, womit Freimaurer sich beschäftigen, ist auch nichts anderes als Freimaurerei.

Das Denken in selbstreferentiellen Mustern erachtet der alteuropäisch geschulte Verstand als eine Zumutung. Die Zumutung der Selbstreferenz zeigt sich auch daran, dass sich der Humor ihr bemächtigen kann. Humor lebt meistens von der Paradoxie einer Geschichte, und Paradoxien entstehen durch Selbstreferenz. „Glaubst du an Gott?“ – „Nein, ich glaube nicht an ihn, aber man hat mir versichert, es gibt ihn auch, wenn man nicht daran glaubt.“ Und Sigmund Freud gab die paradoxe Empfehlung: „Wenn man sich für einen Skeptiker hält, tut man gut daran, gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln.“⁠2 Es gibt auch das berühmte Kinderbuch Pu der Bär. Auf der Jagd mit dem Schwein bemerkt Pu der Bär Pfotenabdrücke im Boden, wo er im Kreis gelaufen ist. Als sich die Spuren mit jeder Runde vermehren, ist er sehr beunruhigt.⁠3 In Paradoxien erleben wir, wie ein Zustand einen anderen erzeugt, der wiederum den ersten hervorbringt. Paradoxien sind selbstreferentiell. Das gilt insbesondere für Angst. Wer sich im Zustand der Angst befindet, erlebt, wie Angst Angst erzeugt. Angstkommunikation ist deswegen besonders anschlussfähig. Eine auf Angst konditionierte Gesellschaft kann leicht immer wieder erneut in Angst versetzt werden. Selbstreferentielle Systeme entziehen sich hin und wieder auf unvorhersehbare Weise der Kontrolle von außen.

SELBSTERFÜLLUNG

Nichts Ungewöhnliches ist es, wenn ein Ehepaar beschließt, in einem ungemütlich kalten Winter für ein paar Tage gemeinsam in den Süden zu fliegen. Im Grunde ist es langweilig, von durchschnittlichen Erlebnissen wie diesem zu berichten. So unbedeutend wie gewöhnlich beginnt daher auch die Katastrophe, die ein Ehemann ausgelöst hat, weil seine Frau beruflich erst einen Tag später in den Urlaub nachkommen konnte. Also reist der Mann zunächst allein und schreibt seiner Frau gleich nach der Ankunft im Hotel auf seinem Laptop eine E-Mail. Allerdings passiert ihm unbemerkt – und hier beginnt wieder, was wir „kontingent“ nennen – bei einem Buchstaben ein Tippfehler. Daher landet die E-Mail nicht bei seiner Frau, sondern bei einer Witwe, deren Mann gerade gestorben ist. Sie ist dabei, die Einladungen für die Trauerfeier für ihren verstorbenen Gatten zu organisieren, als sie noch einmal ihre E-Mails checkt. Als der Sohn der Witwe ins Wohnzimmer seiner Mutter kommt, liegt die Frau ohnmächtig auf dem Teppich. Auf dem Schreibtisch vor ihr steht der geöffnete Laptop. Verwundert liest der Sohn die letzte E-Mail. Dort steht:

An meine zurückgebliebene Frau,

von deinem vorausgereisten Gatten.

Betreff: Bin angekommen.

Meine Liebste,

bin soeben gut angekommen. Habe mich hier bereits gut eingelebt und sehe, dass alles für deine Ankunft morgen gut vorbereitet ist. Ich wünsche dir eine gute Reise und erwarte dich.

In Liebe,

dein Mann.

P. S. Es ist extrem heiß hier unten.⁠4

In den zahlreichen Variationen dieser Geschichte bleibt es unausgesprochen, dass die ohnmächtige Witwe nie wieder aufgewacht ist. Ihre Deutung einer Beschreibung hat sich in Realität verwandelt. Niemand hat diese Entwicklung geplant. Sie ist kontingent. Freilich wissen wir nicht, ob auch sie zu ihrem Mann an einem Ort der Erholung angekommen ist. Und wenn Sie bei dieser Erzählung geschmunzelt haben, dann doch nur deswegen, weil sich in Ihrem Unbewussten die Ahnung gebildet hat, dass es unwichtig ist, ob eine Deutung richtig oder falsch ist. In jedem Fall wird sie eine Realität zur Konsequenz haben. Soziologen ist diese Eigenheit sehr vertraut.

Die Geschichten, die wir uns erzählen oder auch nur ausdenken, bestimmen unser Leben. Mit den in Geschichten erzählten Konfabulationen – das moderne Wort für Geschichten heißt „Narrative“ – erbauen wir uns Halt in der Orientierungslosigkeit zufällig zustande gekommener Konstellationen. Immer häufiger aber dienen die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, zur gesteigerten Haltlosigkeit. Geschichten schaffen Identitätsbewusstsein, sie können uns vereinen und ebenso auch entzweien.

Dass das Erzählen von Geschichten inzwischen zu einem zerstörerischen Instrument psychologischer Kriegsführung werden konnte, hat auch mit dem zu tun, was nach einem viel zu wenig bekannten Soziologen das „Thomas-Theorem“ genannt wird. In Echtzeit sind wir heute alle Zeuge, wie manipulativer Unsinn in Erzählungen sehr reale Folgen hat. „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real“⁠5, formulierte der amerikanische Soziologe William I. Thomas in seiner Studie The Child in America. Er hatte dieses Forschungsergebnis gemeinsam mit seiner Frau Dorothy Swaine Thomas 1928 veröffentlicht.

Thomas erläutert sein Theorem mit einer fiktiven Geschichte: „Wir schreiben das Jahr 1932. Die Last National Bank ist ein florierendes Unternehmen. Ein großer Teil ihrer Ressourcen ist flüssig, auch ohne ständigen Zufluss. Cartwright Millingville hat allen Grund, stolz auf das Bankunternehmen zu sein, dem er präsidiert. Bis zum Schwarzen Mittwoch. Als er seine Bank betritt, bemerkt er, dass das Geschäft ungewöhnlich lebhaft ist. Das immerhin ist seltsam, werden doch die Männer vom A.M.O.K.-Stahlwerk und der K.O.M.A.-Matratzenfabrik gewöhnlich erst am Sonnabend ausgezahlt. Und doch stehen da zwei Dutzend ganz offensichtlich aus den Fabriken kommende Männer vor dem Kassenschalter Schlange. Auf dem Weg in sein Büro denkt er noch einigermaßen mitfühlend: ‚Hoffentlich sind sie nicht mitten in der Woche rausgesetzt worden. Eigentlich müssten sie um diese Zeit bei der Arbeit sein.‘“⁠6

Jeder Bank-Run beruht auf dieser Selbstreferenz. Denn wenn Menschen beobachten, dass andere zur Bank rennen, um ihr Geld abzuheben, dann fürchten sie einen Bank-Run. Indem sie nun selbst schnell zur Bank rennen, um ihr Geld abzuheben, ist das Resultat ihrer Handlung identisch mit der Ursache: Bank-Run.

Viel häufiger ereignet sich ein solcher „Bank-Run“ übrigens beim Klopapier, wie wir seit den ersten Wochen der Pandemie wissen: Wenn Sie denken, dass Klopapier knapp wird, dann wird sich Ihr Verhalten derart ändern, dass Klopapier knapp wird. Selbstreferenz überfordert das alteuropäische Denken. Dieses liebt es gar nicht, wenn es ein gerade hart erarbeitetes Produkt seines Denkens zugleich als dessen Ursache auffassen soll. An dieser Stelle steigt der Alltagsverstand normalerweise aus. Wie sollte er sich bewusst machen, dass seine Angst vor der Gefahr am Ende die Ursache der Gefahr sein könnte?

Schlimmstes Beispiel für das Thomas-Theorem könnte allerdings das Gerücht über die Juden sein, wie es seit Generationen als Protokolle der Weisen von Zion insbesondere die Propaganda von Populisten und Nationalisten als Tatsachenbericht fasziniert.⁠7 „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film.“ Was in Alfred Hitchcocks Thriller die Spannung steigert, verwandelt sich mit dem Gerücht über die Juden in blutige Realität. Und wenn wir auf das Verhältnis von Hexerei und Hexenverfolgung schauen, dann wird kaum jemand zögern, der Diagnose Samira el Ouassils zuzustimmen: „Die Hexerei ist eine Erfindung, um eine Gruppe Menschen zu Antagonisten zu machen. Die Auswirkungen dieser Erfindung sind jedoch echt und brutal.“⁠8 Die Einbildungen und Narrative ziehen reale Grausamkeiten nach sich. Es kann kaum genug geübt werden, selbstreferentielle Strukturen wahrzunehmen. Die gesteigerte Bedeutung selbstreferentieller Systeme wirft ein vollkommen neues Licht auf die Tradition des europäischen Humanismus, der auch eine der Wurzeln der Freimaurerei bereithält.

Es fällt uns leichter, die heiteren Inszenierungen der Selbstreferenz in Erinnerung zu rufen als die unmittelbar vor unseren Augen sich abspielenden rückgekoppelten Ereignisse. Die großen Empörungen, in endlosen Schleifen in die Medien gespült nach einer Messerattacke im Bahnhof, auf dem Spielplatz und überall, produzieren Nachahmer, über die dann mit noch größerer Empörung Tag für Tag berichtet wird. Die Empörung über die „Messermänner“ – wie sie ja gerne von den Sozialnationalisten genannt werden – produziert neue Attacken. Und überhaupt: Wo wären die Propaganda-Schreihälse, wenn es keine „Messermänner“ und „Kopftuchmädchen und andere Taugenichtse“⁠9 gäbe?

Nicht nur im Stress und in der Angst entgeht es dem Menschen, dass er die empörenden Zustände selbst hergestellt hat. Und nicht selten ist es die Empörung, die den Missstand vervielfacht. Wir können uns leicht vorstellen, wie sich die Empörung über die „Lügenpresse“ auswirkt, wenn diejenigen, die der Presse vorwerfen, nicht objektiv zu berichten, unkontrolliert kontrollieren, was „objektive“ Berichterstattung sei. Ein oberflächlicher Blick auf den Umgang mit der anderen Meinung in Diktaturen rund um Europa und weit darüber hinaus gibt einen ersten Eindruck, wie die Angst vor der Lügenpresse die Lügenpresse mit Treibstoff versorgt.

Wenn wir mit weniger Stress und Angst leben wollen, ist es hilfreich, sich systemisches Denken anzueignen und sich mit Konstruktivismus, Autopoiesis und Paradoxien zu befassen. All dies erklärt sich durch das Muster der Selbstreferenz. Diese wiederum erklärt uns das philosophische Streben nach Erkenntnis, doch auch Systemtheorie und Freimaurerei. Was aber die gelehrte und ungelehrte Meinung über Konstruktivismus, Autopoiesis und Paradoxien ausbreitet, dient weniger dem Trainieren unseres Denkapparates zur Orientierung in der unübersichtlich gewordenen Welt.

PHANTOMSCHMERZEN

Befassen wir uns zunächst mit den Phantomschmerzen, die es verursacht, wenn uns die Referenz auf Objektivität, auf die sinnliche „Wirklichkeit“, auf die Realität, amputiert wird. Der Schmerz ist real, aber der Gegenstand, der ihn inszeniert haben soll, ist nicht da. Vielleicht gab es ihn niemals. Denn welcher Verlust wäre es, wenn es den Teufel niemals gab?

Es wird berichtet, dass der berühmte Admiral Lord Nelson Phantomschmerzen hatte. Ihm war 1797 bei einem erfolglosen Angriff auf Santa Cruz de Tenerife sein rechter Arm angeschossen worden und musste amputiert werden. Der tapfere Krieger verspürte seither heftige Schmerzen im rechten Arm, der doch gar nicht mehr da war. Die ökonomisch am wenigsten aufwändige Erklärung für solche Wahrnehmungen lautet, dass der Arm doch da sein müsse – zwar nicht körperlich, denn das konnte nur ein Wahnsinniger annehmen, so doch wenigstens geistig. Diese Erklärung fügt sich wunderbar in die Trost spendende Struktur eines einfachen Glaubens. Den Phantomschmerz hielt Lord Nelson fortan für den „unmittelbaren Beweis für die Existenz der Seele“⁠10. Was im Kleinen gelte, müsse auch für das Große gelten. Denke man sich also nicht nur den rechten Arm, sondern den ganzen Menschen körperlich weg, dann bleibt der Schmerz noch übrig. Der Träger dieses Schmerzes, wenn es der Körper nicht mehr sein könne, müsse dann zweifellos die Seele sein. Das ist der Beweis dafür, dass Geistiges unbeschadet existieren könne, nachdem die sterbliche Hülle verwest ist. Wir werden uns später mit diesem Fehlschluss, der Petitio Principii, ausführlicher befassen.

Wer durch die philosophische Schule des Materialismus gegangen ist, legt weniger Wert auf die Annahme der Existenz einer Seele. Materialisten – kaum anders als Systemtheoretiker – sind solche, die sich damit zufriedengeben, dass die Welt aus einer einheitlichen Substanz aufgebaut ist. Da ist es nicht nötig, zur angenommenen Existenz der Einheitlichkeit auch noch eine zweite Annahme zu machen, nämlich die der Existenz einer Seele. Denn dass die Seele nicht Repräsentant der Einheit der Materie sein soll, erkennen wir an der Hoffnung des Seelenglaubens, dass die Seele etwas sei, was sich wesentlich von der übrigen Materie oder Substanz unterscheide. Freilich, es handelt sich nur um eine Annahme. Aber der Materialist verzichtet eben auf überflüssige Annahmen.

Allerdings nimmt auch der Seelengläubige irgendwie wahr, dass er eine überflüssige Annahme macht. „Wozu die Brücke breiter als der Fluss?“, fragt schon Don Pedro in Shakespeares Viel Lärm um nichts.⁠11Und eben deswegen benötigt der Seelengläubige eine besondere Strategie. Sie muss das Überflüssige als ein Notwendiges inszenieren.

Freimaurerei löste am Übergang vom Ancien Régime zur modernen Gesellschaft diese Phantomschmerzen aus. Sie stellte sich auf die Seite der säkularen Beobachter der aufkeimenden Naturwissenschaften, denen die Annahme okkulter Qualitäten mehr und mehr überflüssig erschien.

Es überfordert auch heute die Menschen in der postfaktischen Gesellschaft, wenn sie die beiden Realitätssphären Fakt und Fiktion auseinanderhalten sollen. In den Fiktionen werden Fakten zum Phantomschmerz. Auch Zauberworte wie Wahrheit, Vernunft und Objektivität taten für Jahrhunderte gute Dienste beim Unterscheiden. Heute liegen sie auf dem Sperrmüll. Kein Mensch mit bösartigen und falschen Absichten versäumte es jemals zu erklären, dass er „die Wahrheit“ sage, und keine noch so verrückte Perspektive hält sich nicht auch manchmal für den Standpunkt der objektiven Vernunft. Das Versprechen der Objektivität taugt ohnehin zu kaum mehr als zur Ankündigung einer Wunderheilung.

Zauberworte gehören zum Instrumentarium der Verführer, die die Orientierungslosigkeit der Bevölkerung auszubeuten verstehen. Und die Orientierungslosen machen es ihnen besonders leicht. Was einstmals Verschwörungstheoretiker den Freimaurern vorwarfen, trifft die Verächter heute selbst. Sie lieben Lügen, Verschwörungstheorien und Heilsgeschichten, weil die Ereignisse darin vorhersehbar erscheinen. Das Geschäft der Zauberer baut darauf auf, Inszenierungen für Fakten verkaufen zu können. Aber das funktioniert nur so lange, wie Menschen leichtfertig Erzählungen als Tatsachenberichte hinnehmen. Der Anspruch, Menschen zur Wahrheit zu führen, ist endgültig gescheitert. Vielleicht ist es besser, sich daran zu gewöhnen, dass wir es bei den Äußerungen des menschlichen Verstandes stets mit Inszenierungen und Konstruktionen zu tun haben. Genau dort also, wo die Angstkommunikation ein Stoppschild vor dem Relativismus errichtet hat, könnte die Zeitenwende ihren Anfang nehmen.

Appelle an die Wahrhaftigkeit des Erzählers helfen wenig, wenn Fakt und Fiktion sich wechselseitig ineinander verwandeln können. Bewährt war es noch bis vor Kurzem, jemanden für verrückt zu erklären, wenn er Fiktionen für Fakten ausgab.

Wenn wir uns einlassen auf die Inszenierungen freimaurerischer Rituale, dann fühlen wir bald, dass jene Phantomschmerzen eben nur Phantomschmerzen sind. Sie gaukeln uns ein Organ vor, das der Träger des Schmerzes sei. Was wir aber symbolisch und metaphorisch verstehen, bedarf keines analogen Trägers des symbolisch und metaphorisch Verstandenen. Wenn das Kleeblatt das Glück symbolisiert, tut es dies auch dann, wenn es kein reales Glück gibt; und wenn die weiße Taube den Frieden symbolisiert, tut sie dies auch, wenn es Frieden gar nicht gibt.

Die Phantomschmerzen treten mindestens seit der von Immanuel Kant (1724–1804) erfundenen Transzendentalphilosophie immer wieder auf und bewirken nicht selten große Feindseligkeiten. Transzendentalphilosophie stellte die Philosophie um von der Frage, was die Erkenntnis einer Wahrheit sei, auf die Frage, was eigentlich die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis seien. Die Ressentiments, die selbst noch im frühen 20. Jahrhundert Albert Einstein (1879–1955) wegen seiner Relativitätstheorie entgegenschlugen, speisen sich aus derselben Quelle alteuropäischer Denkform, die schon den Prinzipien des Pantheismus sowie der Aufklärung und damit auch der Freimaurerei Schaden zufügen wollten. Albert Einstein – er wurde kurioserweise ebenfalls wie die Freimaurer als Komplize einer vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung angefeindet – reihte sich wie zahlreiche andere Naturwissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Kette der kantianischen Konstruktivisten ein, wenn er rückblickend schreibt: „Das ‚Sein‘ ist immer etwas von uns gedanklich Konstruiertes, also von uns (im logischen Sinne) frei Gesetztes. Die Berechtigung solcher Setzungen liegt nicht in ihrer Ableitbarkeit aus dem Sinnlich-Gegebenen. Eine derartige Ableitbarkeit (im Sinne einer logischen Deduzierbarkeit) gibt es nie und nirgends, auch nicht in der Domäne des vorwissenschaftlichen Denkens. Die Berechtigung der Setzung, die für uns das ‚Reale‘ repräsentieren, liegt allein in deren vollkommenerer oder unvollkommenerer Eignung, das Sinnlich-Gegebene intelligibel zu machen. … Das ‚Reale‘ in der Physik ist nach dem Gesagten als eine Art Programm aufzufassen, an welchem festzuhalten wir a priori allerdings nicht genötigt sind. … Ich bin nicht in Kantscher Tradition aufgewachsen, sondern habe das Wertvolle, was neben heute offenbaren Irrtümern in seiner Lehre steckt, erst spät begriffen. Es steckt in dem Satze: ‚Das Wirkliche ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben (nach Art eines Rätsels).‘“⁠12 Und was in dieser Hinsicht für die Erkenntnistheorie von Naturwissenschaftlern gilt, ist für die Beschreibung sozialer Systeme umso wichtiger. Geisteswissenschaftler legen allerdings größten Wert auf ihre Unvergleichbarkeit mit Naturwissenschaften, weil sie den Forderungen der Exaktheit noch weniger entsprechen könnten als die Naturwissenschaften.⁠13

Während die zunehmende Komplexität des Wissens auch ein komplexes Denken erfordert, stemmen sich nicht nur Geisteswissenschaftler dieser Eigendynamik mit rhetorischen Waffen entgegen. Sie wollen es einfach haben; so wie früher.

Nicht nur an die rückwärtsgewandte MAGA-Bewegung der US-Amerikaner denken wir hier. Selbst Nobelpreisträger der Physik verfallen der Propaganda für das „Normale“. Andererseits stört systemisches Denken die feste Ordnung, die das Bewusstsein in der Außenwelt vorzufinden meinte.⁠14 Wer genauer hinschaut und dabei unerwartete Beobachtungen macht, produziert Probleme. Das reaktionäre Denken kann dabei schnell überfordert werden. Als Musterbeispiel für diese Überforderung greifen wir hier ein Ereignis auf, das den antisemitischen Hass auf Intellektuelle charakterisiert. Antisemitischer Hass trifft einmal Intellektuelle, ein andermal Freimaurer, aber stets im Bündnis mit dem Judentum, dem im christlichen und muslimischen Zeitalter die Hauptrolle bösartiger Gerüchte zugeteilt wird. Ihre Sucht nach objektiven Wahrheiten erlaubt es vielen Menschen nicht, solche Gerüchte als Gerüchte anzuerkennen.

VERLORENE ZUSTÄNDIGKEITEN

Da gab es den deutschen Experimentalphysiker Philipp Eduard Anton von Lenard (1862–1947) – für seine Arbeiten zur Verwendung von Kathodenstrahlen erhielt er 1905 den Nobelpreis. Er führte die Unverständlichkeit der Relativitätstheorie Einsteins auf überproportionale Präsenz jüdischer Forscher an deutschen Universitäten zurück. Diese Erklärung war anschlussfähig an den hochgepuschten Antisemitismus seiner Epoche und erlaubte selbst unter Gelehrten nur verhaltenen Widerspruch. Lenard gründete kurzerhand in den 1930er-Jahren eine Bewegung „Deutsche Physik“, um die Physik von jüdischen Einflüssen freizuhalten.⁠15 Ihm und den vielen gelehrten Anhängern seiner deutschen Physik erschien es als ein wissenschaftlich verbindliches Faktum, was er 1940 empfahl: „Wie unecht als Naturforscher müssen doch diejenigen Physiker sein, die heute noch eine ‚Theorie‘ mit so vertrottelten Spässen über Raum und Zeit für wichtig halten! Vertrottelt sage ich, weil doch in der Hauptsache die jüdische Unfähigkeit mit Raum und Zeit und überhaupt mit der Natur nach arischer Art zu denken, zugrundeliegt. Ebenso wie bei den ‚Kubisten‘ usw. die Unfähigkeit, anständig zu malen, zugrundeliegt, zusammen auch hier mit der Frechheit, die Unfähigkeit sich Anderen aufdrängen zu wollen – und mit weitgehendem Gelingen davon (wer das später nicht glaubhaft findet, sehe z. B. die Tafel, ‚Expressionismus‘ in Meyers Lexikon, 7. Auflage 1926). Was aber beim Einen Unfähigkeit ist, sind beim Anderen zur Vertrottelung, zur Verkümmerung mehr oder weniger vorhandener Fähigkeiten.“⁠16

Lenards Abwehr der Relativitätstheorie, die er mit dem Bekenntnis zum Rassismus und zum Gerücht über die Juden begründet, bildet nicht nur ein Musterbeispiel dafür, wie ein Gehirn seine eigene „Vertrottelung“ und „Verkümmerung“ zuerst der Außenwelt zuschreibt. Lenards Geisteszustand liefert auch das Muster für die Auswirkungen der Umstellung von stratifikatorischer Differenzierung in funktionale Differenzierung, wovon später ausführlicher die Rede sein wird. Erstere begründet Wissen aus der Perspektive einer „Herrenrasse“, letztere begründet Zunahme und Komplexität des Wissens aus einer sich stets im Wandel befindlichen Funktionalität des Lebendigen. Erstere kann betrachtet werden als ein Wettbewerbshindernis, letztere bedient sich des Musters der Selbstreferenz, nach dem sich im Wettbewerb das Anschlussfähigere behauptet und sich das weniger Anschlussfähige marginalisiert.

Ressentiments gegen neu aufgekommene Formen des Wissens kennen wir auch aus Achsenzeiten, in denen sich Zeitenwenden andeuten. Wir denken an die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, also an die Epoche der Herrschaft Friedrichs II. Damals war das Lehrsystem der Scholastik schon einmal in die Krise gekommen, weil die jungen Studenten und Magister der ebenfalls noch jungen Pariser Universität große Sympathie für frisch bekannt gewordene naturwissenschaftliche Schriften des Aristoteles zeigten. Diese Schriften bedeuteten allerdings eine massive Beschneidung der Allmacht Gottes. In solchen Fällen wird gewöhnlich nicht das Wissen des alten Glaubenssystems korrigiert, sondern das widersprechende Wissen verboten.⁠17 So ereilte schon 1276 Siger von Brabant (1240–1281/4) das Lehrverbot und die Magister der artes liberales das Verbot, „in privaten Zirkeln zu lehren“⁠18. Mit den Jahrhunderten wurde die Liste der Verbote immer länger. Nicht allein der Index der verbotenen Bücher der katholischen Kirche bezeugt, dass etwas nicht stimmte in der damals vorherrschenden Form des Wissens. Viele Autokraten orientieren sich noch heute an den engen Grenzen des „Tausendjährigen Reichs“. Zensuren, Mal- und Schreibverbote, Beschneidung der Mittel für freie Forschung an Universitäten zeugen davon, wie sehr andere Perspektiven reale Gefahren für „Wahrheit“ und „Objektivität“ sind.

Die Muster der Abwehr des Denkens in selbstreferentiellen Systemen durch altständische Gewohnheiten sind stets die gleichen. Noch vor wenigen Jahren erneuerte der Weihbischof Athanasius Schneider die Erzählung der Weltverschwörung mit einem Appell an die Rechtgläubigen: „Die Herrschaft der Freimaurerreligion in Politik und Gesellschaft erreichte in unseren Tagen einen Höhepunkt, indem sie in der ganzen Gesellschaft eine Ideologie der Lebensvernichtung durch Abtreibung und Euthanasie verbreitet und den Begriff und die Wirklichkeit der Familie durch die staatlich angeordnete Gehirnwäsche der Genderideologie zerstört.“⁠19

In solchen wütenden Auslassungen erfahren wir wenig über die Freimaurerei, aber sehr viel über die Wütenden. Auffällig sind die Parallelen zur generellen Propaganda gegen die offene Gesellschaft. Eine auf Angstkommunikation trainierte Bevölkerung lässt sich gerne von Erlösern und Heilsversprechern Schuldige ausdeuten, die wegmüssten, damit alles wieder gut werde. Während es der Weihbischof in der Tradition der Verschwörungstheorien, auf die wir später zurückkommen werden, bei den Freimaurern belässt, ist inzwischen kaum mehr jemand sicher vor Hetz-Propaganda. Die Angst vor dem Verlust ihrer sexuellen Identität bewog im Frühjahr 2025 die Republikanerin und Trump-Anhängerin Mary Bentley sogar, einen Gesetzentwurf im US-Bundesstaat Arkansas einzubringen. Das Gesetz sollte Kurzhaarfrisuren bei Frauen unter Strafe stellen.⁠20 Der Trump-Anhängerin war ihre weibliche Identität verloren gegangen, die sie mit Machtgebärde wiederherzustellen versuchte.

Derzeit prägen die Muster des russischen Narrativs die weltpolitische Propaganda gegen die liberale Offenheit. Wieder ist es die Angst vor dem Verlust eines streng hierarchisch errichteten Regimes durch Kontakte zu einer Gesellschaft, die es erlaubt, dass manches und manche auch anders sein können. Die Hierarchie in einem Zarenreich wird inszeniert, als spiegele sie eine natürliche oder göttliche Ordnung wider, die der Mensch nicht verändern dürfe. Auch der russische Ideologe Alexander Dugin, der jüngst im Schweizerischen Rundfunk bekannte: „Wir betrachten Trump als den amerikanischen Putin“⁠21, fürchtet in erster Linie eine Pandemie des liberalen Denkens und hofft auf Immunisierung durch gezielte Falschaussagen: „Denn die Menschheit ist letzten Endes auch eine kollektive Identität, was bedeutet, dass sie überwunden, abgeschafft und zerstört werden muss“, so der Vorwurf gegen die westliche Welt. „Das ist genau das, was das Prinzip des Nominalismus fordert: Eine ‚Person‘ ist nur ein Name, ein leerer Windstoß, eine willkürliche und daher immer strittige Klassifizierung. Es gibt nur das Individuum – menschlich oder nicht, männlich oder weiblich, religiös oder atheistisch, das hängt alles von seiner Wahl ab. Folglich besteht der letzte Schritt für die Liberalen, die schon seit Jahrhunderten ihrem Ziel entgegenstreben, darin, die Menschen zu ersetzen – wenn auch nur teilweise – durch

Cyborgs, Netzwerke der künstlichen Intelligenz und Produkte der Gentechnologie. Nachdem das Geschlecht optional wurde, folgt, dass auch das Menschsein nur noch optional ist.“⁠22 Wir belassen es allerdings gerne beim Nominalismus, trotz aller Einschüchterungsversuche, die immer schon zur Tradition alteuropäischer Scholastik gehörten.⁠23

Nominalistische Definitionen unterscheiden sich von Wissen, weil sie bloß Etiketten sind, die Dinge und Ereignisse benennen. Wer sich im Nominalismus übt, läuft weniger Gefahr, Worte mit Sachverhalten zu verwechseln. Sprache in freimaurerischen Ritualen hat eine rein nominalistische Funktion. Ein „Souveräner Meister“ muss sich nicht einbilden, dass er jenseits der freimaurerischen Symbolik souverän und Meister sei. Nominalismus bezeichnet die Vermutung, dass es ursprünglich keine reale Verbindung zwischen Wörtern und Sachen gibt. Die Inszenierung einer freimaurerischen Tempelarbeit arbeitet mit Metaphern und Symbolen und schafft dadurch Distanz zur Wirklichkeit. In der Tempelarbeit gilt alles nur im übertragenen Sinn, niemals im expliziten. Das geschlossene System erzeugt seine eigene Wirklichkeit.

GESCHLOSSENE SYSTEME

Mit Anspruch auf ungemütliche Allgemeingültigkeit behaupte ich, alle Menschen haben eine Hirnschale aus Knochen. Freilich könnte mir jemand vorwerfen, dass ich meine Behauptung nicht beweisen könne. Damit hat er recht. Ich entgegne in ähnlichen Fällen mit dem Zugeständnis: „Dann sind wir ja einer Meinung.“ Meistens irritiert das den Anderen, denn er wollte ja nicht einer Meinung mit mir sein. Er wollte ja nur, dass ich meine Behauptung fallen lasse, und er weiterhin ungestört glauben kann, dass seine Meinung ohne Beweis alternativlos gültig werde. Allerdings hat meine Behauptung mit den Knochen Konsequenzen. Und manch einer ahnt wohl, was er wünschte, zurückweisen zu können.

Mit der Hirnschale wird nämlich das Gehirn zu einem geschlossenen System. Das wäre die Konsequenz einer systemischen Beschreibung. (Dass wir das geschlossene System „Gehirn“ mit einer „Schädeldecke“ abrunden, soll uns hier bereits eine Ähnlichkeit zum „gedeckten Tempel“ der Freimaurer nahelegen.) Vielleicht hatte sogar Michelangelo dieses Gehirn als das Haus Gottes, als einen organischen Tempel, im Sinn, als er im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle in Rom die Menschwerdung Adams durch die Berührung mit dem Finger Gottes malte.⁠24 Erkenntnisse, wie sie Philosophen seit Tausenden von Jahren begrüßen, finden im Gehirn statt. Man hat noch nicht herausgefunden, ob es Erkenntnisse außerhalb des Gehirns geben könnte. Deswegen rückt Niklas Luhmann (1927–1998) das Erkennen in das Feld des Konstruktivismus: „Erkennen können nur geschlossene Systeme.“⁠25

Ein geschlossenes System wie unser Gehirn produziert Erkennen. Das ist sogar anschlussfähig an die obskure Empfehlung der Inschrift des delphischen Apollo-Tempels: „Erkenne dich selbst!“

„Erkenne dich selbst!“, ist leicht dahergesagt. Auch Freimaurer sind verliebt in diese Formel. Aber was sollen wir tun, um in dieser Disziplin tüchtig zu werden? Wie kann ich messen, ob ich mit meinen Übungen dem Ziel einen Schritt nähergekommen bin? Gibt es ein Curriculum, das ich abarbeiten könnte, wenn ich mit dem Einfachsten beginne und mich von Tag zu Tag steigere?

Keine der Fragen beantwortete das alteuropäische Denken. Doch es verbreitete jenen Auftrag als höchst wichtig. Der Auftrag deutet auf eine unendliche Geschichte. Er läuft ins Leere, wenn man nicht schon ein entscheidendes Vorverständnis mitbringt. Ich muss nämlich wissen, was Erkenntnis sei.

Der Auftrag des „Erkenne dich selbst“ bedeutet etwas Ähnliches wie die Vorstellung des Barons von Münchhausen, der sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ziehen wollte. Diese physikalische Unmöglichkeit liegt allerdings einer Erkenntnis sowie dem Verständnis von Systemtheorie und Freimaurerei zugrunde. Das Leben selbst macht nichts anderes, als zu leben. Den Sinn des Lebens in etwas anderem suchen als im Leben, gehört zu einem anderen Spiel als dem des Lebens.

Vielleicht ist Erkenntnis kaum mehr als die Auskunft Wittgensteins, was „verstehen“ bedeute: „Die Erklärung verstanden haben, heißt, einen Begriff des Erklärten im Geiste besitzen, und d. i. ein Muster oder Bild.“⁠26 Diese bescheidene Auskunft wenden wir auch auf Erkenntnis an. Freimaurerei erklärt sich selbst, indem sie Erklärungen als Bilder, Symbole, Rituale, Metaphern bereithält. Das „Erkenne dich selbst“ versteht sich nun leichter als ein „Konstruiere dich selbst!“

Philosophen, Theologen und Wissenschaftler teilen uns allerdings unbescheidener seit einer Ewigkeit ihre Erkenntnisse mit. Sie erscheinen fast immer wie eine Antwort auf Fragen nach dem Muster: „Was ist ein Spiel?“ Jemand könnte antworten: „Ein Spiel ist, wenn man bunte Karten knallend auf den Tisch schmeißt und dabei ausruft: ‚Mau-Mau‘.“ Sofort wird jemand einschränken: „Du denkst wohl an ein Kartenspiel. – Aber was ist ein Spiel?“

Mit alteuropäischer Erkenntnistheorie kann man erkennen, was ein Schwarzes Loch sei; man kann erkennen, dass der Morgenstern der Abendstern ist; dass Ethik gut sei; man kann auch erkennen, dass Männer Schweine sind und Frauen nicht Autofahren können. Aber das können alles auch Ausreden sein, um sich vor dem Erkennen des Erkennens zu drücken.

Wer von Erkenntnissen spricht, bringt das Vorverständnis mit, was Erkenntnis sei. Er erklärt sich Erkenntnis aus den Bildern, die er in seiner Vorstellung hat und die er in Zusammenhang bringt mit früheren Beobachtungen. Aber dieses Vorverständnis erscheint in den vielen Erkenntnissen nicht höchstpersönlich, sondern inkognito. Das Vorverständnis liegt in der Latenz. Dieses Inkognito ist das Geheimnis des in der Schädeldecke eingeschlossenen Systems, das wir Gehirn nennen und das selbstständig oder autonom entscheidet, was Erkenntnis sei. Es konstruiert Erkenntnis und die Erkenntnis der Erkenntnis.

Wie denkt man das Denken? Wie erkennt man Erkenntnis? – und zwar ohne sie bereits zu benützen, bevor man die Antwort weiß. Im alteuropäischen Denken, das sich der Selbstreferenz und den autopoietischen Operationen weitestgehend verweigerte, dürften diese Fragen unbeantwortbar sein. Allerdings hat man sie stets so behandelt, als sei die Antwort selbstverständlich jedem bekannt.

In operationaler Geschlossenheit hat das Gehirn nach eigenen Regeln entschieden, was Erkenntnis sei. Die Regeln selbst beobachtet niemand, denn jeder Versuch, sie zu beobachten, verändert die Regel bereits. Das bereitet nicht nur Hirnforschern Probleme, die die Regeln des Gehirns beobachten wollen. Sie können dabei bestenfalls herausfinden, wie die Regeln eines Hirnforschers sich verändern, wenn er die Regeln eines Gehirns beobachten will. Daraus schließen Gralshüter alteuropäischen Denkens vollmundig, um der Selbstreferenz zu entkommen, Folgendes: „In Wahrheit denkt der Mensch zwar ‚mit‘ seinem Zentralorgan, dem Gehirn, aber nicht denkt oder agiert das Gehirn statt des Menschen.“⁠27 Wir werden uns später noch einmal mit dieser Strategie befassen, nach der deutliche Aussagen abgewehrt werden durch undeutliche Behauptungen. Denn auch Otfried Höffe, der Autor des Zitats, verrät uns nicht, wie sich das Subjekt Mensch des Objekts Gehirn bedient. Aber den umgekehrten Vorgang schließt er kategorisch aus.

Sicher ist allerdings, dass es ohne Erkenntnis keine Erkenntnis gibt, so wie es ohne das Denken kein Denken gibt, ohne Sprache kein Sprechen und ohne Systeme keine Umwelt. Das Denken findet im geschlossenen System unter der Schädeldecke statt. Und selbst die Behauptung Höffes legt nur um das Gehirn ein neues geschlossenes System – nämlich das System „Mensch“.

SYSTEMVERGESSENHEIT

Den Schritt in die Selbstreferenz, in die Autopoiesis, in den Konstruktivismus verweigern Gelehrte wie Otfried Höffe. Sie konstruieren aufwändig, manchmal sogar faszinierend, wie Erkenntnisse von außen irgendwie in den Schädel hineingelangen. Sei es durch Telepathie oder sonstwie. Immanuel Kant war noch so redlich, dass er es beim Namen nannte: Manches ist schon a priori, also ohne Erfahrung, von Anfang an im Verstand oder in der Vernunft. Doch irgendwann vor unvordenklichen Zeiten muss etwas von der Außenseite zur Innenseite übertragen worden sein. Und was genau dabei übertragen wurde, bleibt im Dunkeln. Diese Dunkelheit hatte Wittgenstein „pneumatisches Denken“ genannt.⁠28 Vielleicht ist es hilfreich gegen die Phantomschmerzen, wenn sich alte Ordnungen in Luft aufzulösen drohen.

Unter den Selbstreferenzvermeidungsstrategien finden sich hin und wieder mitreißende Theorien. Eine davon hat auch Martin Heidegger (1898–1976) ausgemalt. Er fragte nach dem Sein des Seins, das nicht verwechselt werden dürfe mit dem Sein des Seienden. Das Sein des Seins soll nicht selbst ein Seiendes sein, meinte er. Man müsse eine „ontologische Differenz“ in Rechnung stellen. Der Unterschied, den Heidegger in Rechnung stellt, erinnert an den Autofahrer, der anhält und einen Passanten fragt, ob dies der richtige Weg sei, und der auf die Bemerkung des Passanten, dass das doch darauf ankomme, wohin er fahren wolle, antwortet: „Nein, ich wollte wissen, ob dies der richtige Weg überhaupt ist, nicht der zu einem bestimmten Ziel.“⁠29 Dahinter steckt auch die pneumatische Erwartung, dass es etwas Eigentliches gäbe. Vielleicht den „eigentlich“ richtigen Weg oder die „eigentliche“ Freimaurerei. Wir werden sehen, dass Erkenntnis damit zu tun hat, dass alles irgendwie eher uneigentlich ist.⁠30 Schließlich existiert Wissenschaft auch nur deswegen, weil uns alles nur uneigentlich begegnet, als vermittelt über die Sinne oder die Theorien. Wenn ich einen Menschen anschaue, habe ich ja auch nicht den „eigentlichen“ Menschen vor mir, sondern nur das Bild einer Person. Es mag der Wunsch aufkommen, man habe es mit dem Archetypus eines Menschen zu tun. Doch bleibt es ein Wunsch, bei dem man die Konstruktionen des eigenen Gehirns mit einem objektiven Gegenstand verwechselte.

Das Leben ist auch nicht selbst ein Lebendes, das man im Handumdrehen um die Ecke bringen könnte. Ob es das Leben gibt, das noch einmal etwas anderes wäre als das, was Lebewesen sind, ist sehr unwahrscheinlich.

Aber pneumatisches Denken verführt zum Glauben, wer biologische Wesen studiert, denke zu wenig an die Beschreibung des Lebens an sich. Er könnte deswegen auf die vermeintlich falsche Idee kommen, dass das Leben nichts anderes als Chemie und Physik sei. Wer beim Studium der Lebewesen darüber hinaus sogar in den Mustern der Evolution denke, der vergesse dabei das Leben selbst.

Das Leben scheint Würde zu haben, die Evolution nicht. Solcherlei Vorwürfe hört man immer wieder, und nicht nur von den Gegnern des Schwangerschaftsabbruchs. Leben – vor allem das ungeborene – habe Würde, und zwar überhaupt.

In ähnlicher Weise dachte sich Heidegger die „Seinsvergessenheit“ beim Studium des Seienden. Man habe in der alten Metaphysik bloß nach dem Sein der Dinge gefragt, also etwa danach, was das Sein der Materie oder der Seele sei. Aber das Sein der Materie und das von allen anderen Dingen habe „mit dem Sein … nichts“ zu tun. Es liege dann am Sein selbst, diesen Nihilismus, diese Beschäftigung mit dem „Nichts“ zu beenden.⁠31 Der Mensch habe nicht die Macht, sich gegen die Seinsgeschicke zu erheben. Denn für Heidegger ereignen sich die Dinge nicht einfach so, etwa kontingent, sondern auf die Art, wie sich das Sein dem Menschen zuschickt. Er schaltet vor das Geschehen eine schicksalskräftige Willkür.

Anders als in einer evolutionären oder konstruktivistischen Denkweise wie der Systemtheorie interessierte sich der Phänomenologe Heidegger für etwas, das „hinter“ den Phänomenen diese in die Wirklichkeit dränge. „Alles Wirken aber beruht im Sein und geht auf das Seiende aus. Das Denken dagegen läßt sich vom Sein in den Anspruch nehmen, um die Wahrheit des Seins zu sagen“⁠32, entgegnet er den Menschen, die sich mit der beobachtbaren und sinnlich erfahrbaren Welt zufriedengeben.

Heidegger erlebte sich in einer Zeit des „Nihilismus“, weil sich das Sein zurückgezogen habe und das Nichts, das Nihil, übrig geblieben sei. Auch diese Vorstellung, dass eine Art Leere – etwa ein leerer Container? – zurückbleibe, wenn alles, was ist, weggenommen werde.

Auch Newton dachte sich dieses Absolute. Es war der absolute Raum, geformt nach der dreidimensionalen Geometrie des Euklid, der leer zurückbleibe, wenn man alle Dinge aus dem Raum wegnehme. Albert Einstein erklärte seine Relativitätstheorie manchmal mit dem Hinweis, dass Raum und Zeit auch verschwänden, wenn man die Dinge aus dem Raum herausnähme.⁠33 Für Heidegger bleibt dann wohl „das Sein“ übrig.

Im berüchtigten Interview mit der Zeitschrift Der Spiegel aus dem Jahr 1976 steigerte der Philosoph der Angst und Sorge seine Ursachenforschung zur Prophezeiung: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“⁠34 Man kann Heidegger nur bewundern für sein inneres Auge, mit dem er das Sein und das Nihil sehen konnte. Auch bei Lewis Carroll begegnen wir dieser Bewunderung: „Ich sehe niemand auf der Straße,“ sagte Alice. „Ich wünschte nur, ich hätte solche Augen,“ bemerkte der König mürrisch. „Niemand sehen zu können! Und noch dazu auf diese Entfernung! Das ist ja ganz so wie ich reale Leute bei diesem Licht sehen kann!“⁠35

Es ist kein Grund zur Sorge und zur Traurigkeit, wenn die meisten Menschen das Sein und das Nichts gar nicht sehen können. Es könnte nämlich auch sein, dass selbst Heidegger auf die wunderbaren Konfabulationen seines eigenen Denkens und seiner eigenen Sprache hereingefallen ist.

Es interessierte ihn auch wenig, dass schon Fritz Mauthner (1849–1923) eine systematische Kritik der Sprache vorgelegt hatte. „Die meisten Menschen leiden an dieser geistigen Schwäche“, schreibt er zu Beginn des 20. Jahrhunderts, „zu glauben, weil ein Wort da sei, müsse es auch das Wort für Etwas sein, weil ein Wort da sei, müsse dem Worte etwas Wirkliches entsprechen.“⁠36 Das hatte Wittgenstein inspiriert, vor solchem „pneumatischen“ Gebrauch der Sprache zu warnen. Man dürfe Bedeutung von Wörtern und Sätzen nicht wie eine Seele behandeln. Der Sinn eines Satzes sei „nicht pneumatisch, sondern das, was auf die Frage nach der Erklärung des Sinnes zur Antwort kommt“.⁠37

So erklärt sich die starke Metapher Das verlorene Wort, wodurch sich der Abschied von Worten, die ein Sein seien, symbolisiert.⁠38

Wer sich von Heidegger gerne verführen lässt, liebt es auch, um das geschlossene System innerhalb der Hirnschale ein viel größeres System zu legen. Das ist kein Fehler, führt aber auch nur scheinbar aus dem System heraus, indem ein Größeres über dem Kleineren auftritt – über dem Menschen, über der Familie, der Kirche, dem deutschen Reich usw. Philosophen konstruieren so auch das System des Seins, manche nennen es Gott, ein System, oder wie Aristoteles, den unbewegten Beweger. Doch auch das Größere ist ebenso geschlossen wie seine Subsysteme. Und selbst die „wahre“ Religion, falls es sie gäbe, bestätigte nur die These: „Erkennen können nur geschlossene Systeme.“ Wer sich Gott unendlich denkt, denkt ihn als ein geschlossenes System, das alles einschließt und außerhalb dessen nichts mehr ist.

TRAMPELPFADE DER ERKENNTNIS

Es braucht jedoch keinesfalls die Annahme einer alles umfassenden Wahrheit, um sich in einem geschlossenen System wiederzufinden. Halten wir uns an die kleinen Systeme und das Beobachtbare. Nicht nur Religionen können wir beschreiben als das geschlossene System innerhalb des Schädels. Denn die „Hauptleistung des Bewußtseins (von Menschen wie von höher entwickelten Tieren) besteht darin, die Resultate der neurophysiologischen Arbeitsvorgänge des Gehirns als ‚Außenwelt‘ erscheinen zu lassen und dem bewußt lebenden Organismus daher eine Orientierung an der Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz zu ermöglichen.“⁠39

Gott habe die Welt und die Menschen geschaffen, den Christen unter den Gottesgläubigen obliegt es, dies bloß zu erkennen. Gott ist dabei der Macher, Menschen sind die Erkennenden desselben.

Mit der Annahme, dass nur geschlossene Systeme erkennen können, werden Erkenntnisse allerdings zu im jeweiligen Gehirn selbst produzierten Mustern. Das Gehirn bezieht alles auf sich selbst. Vor allem die Neuronen der Großhirnrinde, also dort, wo die Erlebnisse von „Erkenntnis“ produziert werden, empfangen ihre Impulse fast ausschließlich von der Großhirnrinde.

Bei den Neuronen im Sehzentrum dagegen, also im hinteren Teil des Gehirns, landen auch Signale, die die Augen gesendet haben. Das macht einen Unterschied zur Selbstreferenz der Großhirnrinde.

Wenn ich eine Erkenntnis habe, dann hat das Gehirn anschlussfähige Muster produziert. Heute sagt man dazu, es haben sich Neuronen vernetzt, und zwar derart, dass die Vernetzung für weitere Anschlüsse erhalten bleibt. Wie ein Trampelpfad bleiben auch neuronale Netze in ihrer Struktur erhalten, wenn sie oft benutzt werden. Nicht selten wachsen sich Trampelpfade zu breiten Verkehrswegen aus. Aber nicht jeder Weg, der nach Rom führt, wächst sich zu einer Hauptstraße aus, sondern nur diejenigen, die ökonomisch anschlussfähig sind. Damit sind bereits alle Behauptungen ausgeschlossen, mit denen Gelehrte und Ungelehrte Konstruktivismus und Systemtheorie abwehren wollen. Denn nicht „anything goes“, oder alles Mögliche, sondern nur das Anschlussfähige bleibt länger stabil. Auch wächst sich nicht jeder beliebige Weg zu einer Ameisenstraße aus. Sie entsteht ganz ohne Landkarte, einzig aufgrund der Erfahrung, die Ameisen auf diesem Weg gemacht haben.

Ähnlich der Ameisenstraße bleiben diejenigen im Gehirn erzeugten Bilder von der Außenwelt eine Weile stabil, die oft genug aufgerufen werden. Auch Tagesform beeinflusst die Bilder – meistens unvorhersagbar und kontingent. An einem Tag ist das Glas halb voll, an einem anderen halb leer. Dieser Unterschied zu „anything goes“ oder zum Zufall lautet: „Kontingenz“. Statt von der würdevollen, großen Geste der